Die Darstellung des Königs als Krieger- die Schlachten von Hastings (1066) und Azincourt (1415)


Bachelorarbeit, 2011

35 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hastings, Azincourt und die Darstellung der Herrscher

2. Eine historische Einleitung
2.1 Der Herrscher imMittelalter - Ausbildung und Lebensführung
2.2 Wilhelm derEroberer
2.3 Heinrich V
2.4Kriegführung imMittelalter
2.5 Hastings undAzincourt

3. Die Darstellung von Krieg, Gewalt und Ritterlichkeit im Mittelalter

4. Die Quellen und der zeitliche Unterschied

5. Die Darstellung der Herrscher in den Quellen
5.1 Wilhelm der Eroberer im „Carmen de Hastingae Proelio“ des Guy, Bischof vonAmiens
5.2 Wühlern der Eroberer in der ,, Gesta Guilhelmi“ des Wilhelm vonPoitiers
5.3 Heinrich V. in der ,,GestaHenrici Quinti“
5.4HeinrichV. im„AgincourtCarol“
5.5 Hastings 1066 und Wilhelm der Eroberer auf dem Teppich 'von Bayeux
5.6 Azincourt 1415 und Heinrich V. in Bildern

6. Die Darstellung der Herrscher im Krieg- Gemeinsamkeiten und Unterschiede
6.1 Gemeinsamkeiten
6.2 Unterschiede

7. Der mittelalterliche Herrscher im Krieg - wie sah das Idealbild aus?

8. Literaturverzeichnis

1. Hastings, Azincourt und die Darstellung der Herrscher

Die Rolle des Herrschers in den kriegerischen Auseinandersetzungen des Mittel­alters - ein Thema, welches ein großes Spektrum an verschiedenen Themen und Betrachtungsweisen umfasst. Über keine Person im mittelalterlichen Reich ist so viel aufgeschrieben worden wie über den Herrscher. Dies gilt in besonderem Maße für seine Taten, insbesondere die während des Krieges. Ich möchte mich in dieser Arbeit damit beschäftigen, wie ein politisch und militärisch erfolgreicher mittelalterlicher Herrscher dargestellt wird und was ihn in dieser Darstellung aus­macht. Wie verhält er sich vor der Schlacht? Warum kämpft er? Wie handelt er während des Kampfes und was zeichnet ihn danach aus? Da das Mittelalter reich an militärischen Konflikten und berühmten Schlachten ist halte ich es für sinnvoll, mich auf zwei der bekanntesten und folgenreichsten zu konzentrieren: Hastings im Jahre 1066 und Azincourt 1415. Beide Kämpfe sind wichtige Kapitel der eng­lischen Geschichte. Mit dem Sieg in der Schlacht von Hastings begann für den Normannen Wilhelm den Eroberer seine Laufbahn als englischer König. Mit dem Sieg bei Azincourt festigte Heinrich V. seine noch unsichere Krone und erlangte nach dem Sieg viele Besitzungen zurück, die seinen Vorgängern verloren gingen.1 Passend zur Bedeutung dieser Geschehnisse gibt es recht detaillierte Aufzeich­nungen darüber. Da zwischen beiden Schlachten eine Zeitspanne von 349 Jahren liegt, ist auch der zeitliche Aspekt für die Darstellung des Herrschers von Bedeu­tung. Für diese Arbeit habe ich mich auf mehrere Quellen konzentriert: Das „Car­men de Hastingae Proelio“ des Guy, Bischof von Amiens; die „Gesta Guilhelmi“ des Wilhelm von Poitiers; die „Gesta Henrici Quinti“ von einem der königlichen Kanzleimitarbeiter und das „Agincourt Carol“, ein zur Feier der Rückkehr des siegreichen Heinrichs V. nach London geschriebenes Lied. Darüber hinaus halte ich es für sinnvoll, einen Blick auf die Bildquellen zu werfen. Für die Schlacht von Hastings bietet sich hier vor allem der berühmte Teppich von Bayeux an. Aber auch die Schlacht bei Azincourt wurde schon kurz nach 1415 auf Bildern verewigt. Darüber hinaus gibt es verschiedene bildliche Darstellungen Heinrichs V.. Abschließend soll dann ein Vergleich der verschiedenen Darstellungen erfol­gen, um Gemeinsamkeiten und Unterschieden aufzuzeigen. Vor der Quellenunter­suchung werde ich eine kleine historische Einleitung zu den beiden Schlachten verfassen. Zudem werde ich einen kurzen Überblick über die Ausbildung der Herrscher und die Kriegführung im Mittelalter geben. Diese soll dazu dienen, einen kurzen Überblick über die Voraussetzungen, Abläufe und Folgen der beiden Schlachten zu geben. Zusätzlich werde ich auf die Darstellung im Mittelalter im Hinblick auf Gewalt und die Werte der ritterlichen Lebenswelt eingehen. Dieser Überblick wird meiner Meinung nach hilfreich sein, bezüglich dem Quellenver­ständnis und deren Interpretation. Viele der in den Quellen verwendeten Beschrei­bungen mögen vielleicht für das zeitgenössische Publikum leicht verständlich ge­wesen sein, der moderne Leser benötigt aber mit Sicherheit ein wenig Vorwissen. Bevor ich mit dem nächsten Kapitel fortfahre, noch eine kurze Bemerkung zum Titel dieser Arbeit. Diesem nach zu urteilen soll es um die Darstellung des Königs gehen. Wilhelm der Eroberer war zwar zum Zeitpunkt der Schlacht bei Hastings lediglich Herzog, allerdings wurden die hier verwendeten Quellen für ihn als Kö­nig geschrieben.

2. Eine historische Einleitung

Bevor ich mich der Analyse der Quellen widme, werde ich in diesem Kapitel einen kurzen Überblick über die Geschichte der beiden Schlachten geben. Aber auch die Ausbildung der Herrscher und die in den jeweiligen Jahrhunderten zur Verfügung stehenden Waffentechniken und Strategien sollen kurz umrissen wer­den. Wenn wir wissen, wie 1066 und 1415 Krieg geführt und gekämpft wurde und welche Voraussetzungen beide Herrscher mitbrachten, wird dies meiner Mei­nung nach einen positiven Effekt auf das Verständnis der Quellen haben.

2.1 Der Herrscher im Mittelalter - Ausbildung und Lebensführung

Zur Ausbildung junger Adliger gibt es eine Reihe von Erkenntnissen. Allerdings sollte beachtet werden, dass es sich hierbei wahrscheinlich um Idealvorstellungen handelt. Da nach aktuellem Forschungsstand eine ganze Reihe von Aufzeichnun­gen existieren, werden allerdings mit Sicherheit auch Wilhelm und Heinrich zu­mindest in den Grundzügen dieser Vorstellungen unterrichtet worden sein.

Zunächst einmal galt das Prinzip, die jungen Adligen sowohl in militärischen wie auch in geistigen Fähigkeiten zu schulen. Dies beinhaltete in der Regel auch das Studium kirchlicher Texte und dementsprechend die Gewöhnung an christliche Normen. Darüber hinaus wurden die Werte des Adels vermittelt: Loyalität, Ka­meradschaft, Tapferkeit, Eloquenz, Großzügigkeit, Fähigkeit zum Kampf mit Waffen. Als Beispiel für die Anwendung dieser Werte dienten vor allem die „chanson de gestes“ und romantische Texte. Aber auch die Fähigkeiten, die da­mals von einem Ritter erwartet wurden, musste der zukünftige Herrscher erlernen: Reiten, Schwimmen, Bogenschießen, Boxen, Falknerei, Schach und das Schrei­ben von poetischen Texten. Hatte der Thronfolger diese Fähigkeiten verinnerlicht, erhielt er nach den in den Prinzenspiegeln 2 festgelegten Regeln Unterricht in den Dingen, die für einen mittelalterlichen Herrscher wichtig waren. Für Heinrich V. wurde beispielsweise der ,,,The Regiment of Princes“ verfasst. Dabei sind be- stimmte Maxime deutlich, die für die Regentschaft beachtet werden sollten: Ver­sprechen sollten gehalten, das Gesetz befolgt werden; zudem sollte der Herrscher zu Mitleid, Gnade und Geduld fähig sein.3

Neben der geistigen Bildung war das körperliche Training sehr wichtig. Durch körperliche Übungen und die Ausbildung mit verschiedenen Waffen und Schlachtrössern sollte der zukünftige Herrscher auf die weniger friedlichen Zeiten seiner Regentschaft vorbereitet werden.4

2.2 Wilhelm der Eroberer

Besonders den normannischen Herrschern war es wichtig, den Menschen in der Gegenwart und auch in der Zukunft in einem bestimmten Bild erhalten zu blei­ben. Die Maxime für einen guten König richteten sich bei ihnen nach dem alten Testament: Sie sollten vor allem mächtig und gerecht auftreten. Interessant ist, dass Wilhelm zur Zeit der Schlacht von Hastings mit Schlachten an sich wenig Erfahrung gehabt haben soll. Er hatte zwar den Ruf eines erfahrenen Komman­deurs, der rührte aber wohl eher von seinen Führungsqualitäten, Organisationsta­lent, Fähigkeit zur Unterbrechung von Nachschublieferungen für die feindlichen Armeen und dem Einschüchtem von Gegnern her.5 Eine große Schlacht, wie die bei Hastings, war wohl eine neue Erfahrung für Wilhelm. Eine große und viel­leicht schlachtentscheidende Leistung war aber mit Sicherheit, dass er ein so gut zusammen funktionierendes Heer aufstellen und über den Ärmelkanal bringen konnte.6

2.3 Heinrich V.

Bei diesem Herrscher ist bemerkenswert, dass er schon früh militärische und di­plomatische Erfahrungen machen konnte. Er nahm erfolgreich an den Feldzügen seines Vaters gegen die Waliser teil und war am Hof Vorsitzender des königli­chen Rates, wo er sich häufig mit seinem Vater auseinandersetzen musste.

Nachdem er diesem auf dem Thron nachgefolgt war, hatte er ein finanziell weit­gehend stabiles Reich unter sich. Zudem schaffe er es, trotz der Zweifel der Rechtmäßigkeit des Anspruchs seiner Familie auf die Krone das Vertrauen seiner Untertanen zu gewinnen. Seine Reaktion auf den gegen ihn geschmiedeten Mord­komplott wirkt ebenfalls sehr routiniert, trotz Heinrichs zu diesem Zeitpunkt noch kurzen Regentschaft. Die Verantwortlichen wurden hingerichtet. Die schnelle Entscheidung für einen Feldzug in Frankreich passt zu seiner berechnenden und mutigen Persönlichkeit. Ein Erfolg würde ihm das Vertrauen der Untertanen si­chern, Kritiker verstummen lassen und das zerrüttete England mehr zusam­menschweißen. Tatsächlich schaffte er es, seine Ziele mit und nach dem Sieg bei Azincourt zu erreichen.7

2.4 Kriegführung im Mittelalter

Die Kommandeure im Mittelalter wurden meistens der Abstammung nach ausge­wählt. Dies machte insofern Sinn, als dass die Adligen in den Angelegenheiten der Kriegsführung ausführlich geschult worden waren.8 Wie in den Quellen später zu sehen sein wird, können wir definitiv davon ausgehen, dass sich die Komman­deure darüber im Klaren waren, wie sie ihre Armee aufstellen und anleiten muss­ten, um erfolgreich zu sein.

Für die Zeit der normannischen Invasion Englands gibt es ein relativ klares Bild von der Armee. In der Regel waren die Fußsoldaten deutlich in der Überzahl, meist im Verhältnis 5:1. Die Infanterie hatte eine sehr starke Position inne. An­griffe der Reiterei, sofern sie nicht von Infanterie und Bogen- oder Armbrust­schützen unterstützt wurden, schlugen meistens fehl. Der Befehl Wilhelms an sei­ne Ritter, die feindlichen Stellungen nicht frontal anzugreifen, ist ein deutliches Indiz für die Stärke der Infanterie. Es war allerdings entscheidend, dass innerhalb der Truppen eine starke Disziplin herrschte. Undisziplinierte Soldaten würden die Formation nicht halten und sich damit verwundbar machen.9 Auch innerhalb der Kavallerie war dies wichtig. Die richtige Koordination war entscheidend, um im gleichen Moment geschlossen auf den Feind zu treffen.10 Allerdings mangelte es der Infanterie an Beweglichkeit, besonders in Formation. Daher wehrten sie lieber einen Angriff aufihre Position ab, als selbst anzugreifen.11

Viele dieser Grundsätze galten auch noch im Hundertjährigen Krieg. Die Infante­rie gewann im Laufe des Konflikts sogar noch mehr an Bedeutung.12 Die engli­sche Armee, die bei Azincourt gegen ein französisches Ritterheer kämpfte, be­stand ausschließlich aus zu Fuß kämpfenden Soldaten. Besonders der englische Langbogen wurde im Masseneinsatz effektiv, genauso wie die Waffen für die In­fanterie: Speer, Hellebarde, Axt, Streithammer und Pike. Diese waren gleichzei­tig sehr günstig zu produzieren und sehr effektiv gegen Reiter und ihre schweren Rüstungen. Der Einsatz der meist adligen Men-at-Arms an der Seite der einfachen Soldaten schuf zudem eine ganz neue Art der Verbindung zwischen Adel und ein­fachem Mann, was die Moral gestärkt haben dürfte. Außerdem stärkten die erfah­renen Nahkämpfer entscheidend die englischen Schlachtreihen. Die Franzosen da­gegen beharrten auf ihren direkten Angriffen mit schwer gepanzerten Reitern. Diese mussten sich aufgrund der immer effektiveren Fernwaffen mit stärkeren Rüstungen ausrüsten, was ihre Beweglichkeit erheblich einschränkte.13 Die Ausrüstung hatte einen großen Anteil am erfolgreichen Verlauf der Feldzüge von Wilhelm und Heinrich. Daher möchte ich an dieser Stelle einen kurzen Blick darauf werfen.

Zur Zeit Wilhelms, also dem 11. Jahrhundert n. Chr., schützten sich die Soldaten vorwiegend durch Kettenhemden. Das sogenannte Haubert blieb bis ins 14. Jahr­hundert als hauptsächliche Panzerung üblich. Mit der Zeit wurde es notwendig, sich vor den immer wirksameren Waffen besser zu schützen. Daher wurde über dem Kettenhemd immer öfter ein Plattenpanzer getragen, dessen gewölbte Ober­fläche Pfeile, Bolzen und Schläge abwehren konnte. Schilde dienten zu allen Zei­ten als zusätzlicher Schutz.14

Bei den Waffen finden wir bei einem Vergleich von Hastings und Azincourt viele Ähnlichkeiten. Schwerter, Lanzen, Äxte, Armbrüste, Bögen wurden in beiden Schlachten verwendet.15 Bei Azincourt spielte aber besonders der englische Lang­bogen eine wichtige Rolle. Diese großen Kriegsbögen verschossen mit Gänsefe­dern befiederte Pfeile und hatten Stärken von 100 Pfund und mehr.16 Zum Ver­gleich: heute benutzte historische Bögen sind im Schnitt 30-50 Pfund stark. Die Schützen mussten daher von Kindesbeinen an das Bogenschießen trainieren, wo­bei der Bogen dem Wachstum angepasst wurde.17 Der Langbogenschütze konnte im Schnitt 10-12 Pfeile pro Minute abfeuem, welche eine effektive Reichweite von 150 Metern besaßen. Allerdings hatte auch der englische Langbogenschütze Nachteile. Er war im Nahkampf meist schwächer als die speziell dafür trainierten Ritter, zudem war er in der Schlacht nicht beritten. Um die maximale Durch­schlagskraft zu erreichen, musste der Pfeil in einem Winkel von 90° auftreffen. Dies war aber nur aufEntfernungen von unter 100 Meter möglich. Darüber hinaus waren große Mengen an Schützen und Pfeilen erforderlich, um wirklich effektiv zu sein.18 Dennoch spielten sie in beiden hier behandelten Schlachten entscheiden­de Rollen, da die Herrscher es verstanden, sie richtig zu positionieren und einzu­setzen.

2.5 Hastings und Azincourt

Der Schlacht von Hastings ging eine relativ lange Vorlaufphase voraus. Dies liegt daran, dass sich Wilhelm vor der Invasion Englands rechtlich absichem wollte. Der wichtigste Schritt in diese Richtung war mit Sicherheit die Anerkennung sei­ner Ansprüche durch den Papst Alexander II. Aber auch die voraussichtliche Nichteinmischung durch den noch minderjährigen französischen König und durch den deutschen Kaiser Heinrich IV. war von entscheidender Bedeutung. Wilhelms Begründung für seinen Anspruch war, dass ihn der englische König Eduard zu seinem Nachfolger erklärt hatte.

Bei der anschließenden Mobilmachung des Heeres machten sich nicht nur die normannischen Truppen bereit, auch aus Flandern, der Bretagne und anderen Fürstentümern nahe der Normandie wurden Soldaten angeworben. Alles in allem geht die Wissenschaft von einem Heer aus 7.000 Mann aus. Nach der Landung in Pevensey ließ er befestigte Stellungen errichten und verpflegte seine Armee durch Plünderungszüge in die nähere Umgebung. Harold Godwinsson eilte sehr schnell von Stamford Bridge nach Süden, wobei er seine Bogenschützen zurück ließ. In der Forschung wird vermutet, dass er Wilhelm durch seine schnelle Reaktion überraschen wollte. Dies gelang ihm aber nicht. Dennoch kann davon ausgegan­gen werden, dass er den Normannen zu einer Entscheidungsschlacht zwang. Wil­helm war eher bekannt dafür, dass er eine Schlacht nur im Falle einer relativ ho­hen Wahrscheinlichkeit auf den Sieg riskierte. Über den genauen Schlachtverlauf sind sich die Wissenschaftler nicht in allen Punkten einig. Es scheint aber klar zu sein, dass der Kampf einen Tag dauerte. Der Tod Harolds ist zwar nicht eindeutig zeitlich einzuordnen, es ist aber davon auszugehen, dass er am Abend erfolgte. Ansonsten wäre es nicht denkbar gewesen, dass das englische Heer lange weiter­gekämpft hätte. Ob die Flucht der Bretonen und Flamen auf Seiten der Norman­nen nun vorgetäuscht war oder nicht, lässt sich ebenfalls nicht eindeutig sagen. Auf jeden Fall wird weithin vermutet, dass es sich beim Sieg der Normannen um eine knappe Angelegenheit handelte.19 Was der Herzog genau in der Schlacht tat, lässt sich heute nicht mehr unabhängig von den Quellen sagen. Es wird allgemein angenommen, dass diese Frage nicht klar beantwortet werden kann.20 Die Schlacht von Azincourt ist eine der wohl bekanntesten und meist untersuch­ten Schlachten des Mittelalters. Das Vorgehen des jungen englischen Königs Heinrich V. wird als Fortsetzung der Politik seines Vaters angesehen. Nachdem seine Bestrebungen auf eine Heirat mit der Tochter des französischen Königs Karl VI. nicht zum gewünschten Ergebnis geführt hatten, bereitete er sich auf eine mi­litärische Lösung vor.21 Die Mobilisierung der Armee fand nach einem anderen System statt als zur Zeit Wilhelm des Eroberers. Während seine Vasallen ihm nach dem Lehnsrecht 40 Tage Kriegsdienst leisten mussten, konnte Heinrich V. auf das sogenannte Indenture-System zurückgreifen. In diesem System wurden die Soldaten nach Vertrag auf eine bestimmte Zeitdauer für eine vorher vereinbar­te Summe Sold angeworben. In den Verträgen war genau festgelegt, was von den Männern an Disziplin erwartet wurde, was sie an Beute behalten durften und wie lange ihre Dienstzeit war. Die meisten dienten unter dem Kommando eines Be­fehlshabers, der sich dann mit seinen Leuten in den Dienst der Krone stellte. Einen großen Teil machten aber nach wie vor die Adligen mit ihren angeworbe­nen Truppen aus.22 Dieser Aspekt wird noch wichtig werden, wenn wir uns im nächsten Kapitel die Gründe für die Disziplin in der Armee Heinrichs ansehen. Das Verhältnis von Bogenschützen zu den schwerbewaffneten „Men-at-Arms“ wird auf3:l geschätzt.23

Die Armee, die Heinrich V. letztlich aufstellte, hatte nach den erhaltenen Auf­zeichnungen über die Musterung eine Größe von 11.248 Mann.24 Nachdem er nach der Einnahme der Hafenstadt Harfleur eine Zeit lang versucht hatte, durch geschicktes Manövrieren das französische Heer zu umgehen und sich schließlich bei Azincourt zum Kampf stellte, hatte erwahrscheinlich noch 9.275 einsatzberei­te Soldaten zur Verfügung, davon 7.632 Langbogenschützen und 1.593 Men-at- Arms. Die Zahl der Franzosen wird auf rund 12.000 geschätzt.25 Diese Zahlen sind besonders interessant, wenn es im nächsten Kapitel um die Beurteilung der in den Quellen genannten Größe der beiden Heere geht. Interessant ist außerdem, dass der französische König nicht anwesend war.26

Heinrich hatte wohl keine andere Wahl, als sich zur Schlacht zu stellen. Er und seine Armee waren in 12 Tagen über 200 Meilen weit marschiert und hatten den Franzosen nicht ausweichen können.27 Hätte die englische Armee versucht, sich vom Schlachtfeld zu entfernen, wäre dies den französischen Spähern sofort aufge­fallen. Zunächst schlugen aber beide Armeen ein Lager auf und warteten auf den nächsten Tag. Die in den Quellen erwähnten Berichte über die grausamen Wetten der Franzosen zweifelt die Autorin Anne Curry an, da sie nicht davon ausgeht, dass die Engländer Spione im feindlichen Lager hatten. Allerdings geht sie davon aus, dass Heinrich für die Nacht absolute Ruhe befahl, um Überraschungsangriffe rechtzeitig zu bemerken.28

Der Autor Michael K. Jones geht daher davon aus, dass die prahlerischen Reden der Franzosen durchaus bis zu den Engländern drangen.29 Die Armee stellte sich früh am nächsten Morgen in Schlachtformation auf. Wie aufgrund der am Vortag erfolgten Sichtung der großen Zahl an gegnerischen Soldaten zu vermuten war, bedurfte sie der aufmuntemden Worte des Königs. Dieser hatte nicht die Möglich­keit, die Zahl der Feinde zu verschweigen.30 Stattdessen musste er versuchen, die vorhandene Angst der Männer in Wut zu verwandeln. An dieser Stelle wären ihm die hochtrabenden Reden der Franzosen sicherlich sehr nützlich gewesen. Beson­ders die Betonung der Abwertung der einfachen Schützen durch die adligen Ritter des Feindes wäre gut geeignet gewesen, diese in Verärgerung zu versetzen. Dar­über hinaus war der Hinweis auf die Rechtmäßigkeit und damit Gottgefälligkeit von Heinrichs Absichten in Frankreich, unterstützt durch das Vorführen der Rega­lien eine gut Möglichkeit zur Motivation gewesen. Nicht zuletzt das Kämpfen des Königs zu Fuß, in der Mitte der Formation, wird den einfachen Soldaten beein­druckt haben.31 Diese Vorbereitung auf die Schlacht findet sich ebenfalls im Werk von Anne Curry. Zudem beschreibt sie, wie der König vor dem Kampf drei Mes­sen hielt, um Gottes Unterstützung zu erlangen. Als er sich in die Formation stell­te, trug er außerdem eine auf einen Helm montierte Krone. Durch diese war er je­derzeit zu identifizieren, was seine Männer sicher zusätzlich motivierte.32 Das Heinrich sich wirklich in der Mitte der Formation befand, wird auch von John Keegan bestätigt. Er befehligte dort den Block der Fußsoldaten.33 In der Schlacht selbst soll Heinrich V. immer von seinen Getreuen umgeben ge­wesen sein. Da es nach den gescheiterten Kavallerieangriffen auf die Flanken aus Bogenschützen aber sehr bald zu einem Kampf Mann gegen Mann kam, wird auch der König darin verwickelt gewesen sein. Selbst die Langbogenschützen griffen zu diesem Zeitpunkt in den Nahkampf ein. Die berühmte Tötung der Ge­fangenen, eigentlich unter Adligen untypisch, wird gemeinhin auf einen Überra­schungsangriff der Franzosen auf den Tross zurück geführt, dem diese sich sonst angeschlossen hätten.34

3. Die Darstellung von Krieg, Gewalt und den Werten des Ritter­tums im Mittelalter

Nachdem wir im letzten Kapitel gesehen haben, wie die wissenschaftlichen Er­kenntnisse zu den Schlachten von Hastings und Azincourt aussehen, möchte ich in diesem Kapitel heraussteilen, wie im Mittelalter überhaupt dargestellt wurde. Besonders die Gründe für Darstellungen von edlen Rittern im Krieg und die dort immer wieder beschriebene Gewalt sollte für diese Arbeit wichtig sein.

Wie im Kapitel über die Ausbildung der Herrscher zu sehen ist, spielten Werte wie Gnade und Mitleid und besonders christliche Normen eine große Rolle in der ritterlichen Lebenswelt. In den kommenden Kapiteln wird aber deutlich werden, dass in der Darstellung der Schlachten ein hohes Maß an Gewalt existiert. Dieser Gegensatz zwischen christlicher Gewaltfreiheit auf der einen und exzessiver Ge­walt während des Kampfes auf der anderen Seite ist aus der heutigen Sicht auf den ersten Blick nicht in Übereinstimmung zu bringen. Aus der damaligen Sicht war der ritterliche Krieger aber in erster Linie Soldat, zu dessen Aufgabe in erster Linie der Kampf gehörte. Und dieser lief nicht ohne Gewalt ab. Es gilt aber zu be­achten, dass in der Gewaltdarstellung regelmäßig übertrieben wurde.35 Aber auch wenn die Darstellung übertrieben ist, so ist die Anwendung von Gewalt alles an­dere als tabuisiert. Als schlecht galt sie nur, wenn sie gegen schwächere Personen angewandt wurde. Geradezu befürwortet wird sie als Reaktion auf von anderen ausgeübte Gewalt. In diesem Fall wird derjenige, der im Recht ist, auch dann als erfolgreich dargestellt, wenn der Gegner eigentlich stärker war als dieser. Das be­sonders grausame Töten des Feindes galt in der mittelalterlichen Darstellung als Bestätigung dafür, dass man das Recht auf seiner Seite hatte.36 Karl-Heinz Göttert bringt all dies auf den Punkt: „Hinter all dem steht die archaische Vorstellung vom Recht des Stärkeren, aber auch von der Offenbarung der Rechtlichkeit im Sieg.“37

4. Die Quellen und der zeitliche Unterschied

Bevor ich mich der genauen Darstellung der Herrscher in den Quellen widme, werde ich hier kurz darauf eingehen, um was für Quellen es sich hier handelt, wer die Autoren waren und was ihre ursprüngliche Intention gewesen sein könnte. Wie bei vielen Quellen ist dieser Schritt besonders wichtig, um den Inhalt bewer­ten zu können. Darüber hinaus muss der zeitliche Unterschied berücksichtigt wer­den. Immerhin liegen zwischen den Schlachten 349 Jahre. Diese werden sich viel­leicht auch in der Darstellung bemerkbar machen.

Für die Schlacht von Hastings habe ich zunächst das „Carmen de Hastingae Pro- elio“ verwendet. Hierbei handelt es sich um ein Gedicht, welches von Guy, dem Bischof von Amiens verfasst wurde. Sein Entstehungszeitpunkt wird vor dem Jahr 1068 vermutet. Somit wurde es sehr zeitnah zu der Schlacht von Hastings 1066 geschrieben. Die Familie des Autors war im Zuge des Aufstiegs Wilhelm des Eroberers ebenfalls aufgestiegen.38 Da der Autor dem Herzog eine Menge zu verdanken hat und Normanne ist, ist zu erwarten, dass er ihn in einem sehr günsti­gen Licht darstellen wollte.

Neben dem „Carmen“ ist die „Gesta Guilhelmi“ sehr aufschlussreich. Dieser Text wurde von Wilhelm von Poitiers verfasst. Dieser war ebenfalls ein Normanne aus recht gutem Hause. Bevor er sich der Kirche zu wandte, war er, wie so gut wie alle Adligen, in den Künsten der Ritter ausgebildet worden. Er war aufgrund sei­nes Studiums sehr gut mit den antiken Autoren und ihren Texten vertraut und ar­beitete in der Kanzlei Wilhelm des Eroberers.

In der Quelle selber wird beschrieben, wie es Wilhelm gelang, die englische Kro­ne zu erlangen und liefert auch die Rechtfertigung dafür.39 Bei der Auswertung sollte immer im Hinterkopf behalten werden, dass der Autor eine besondere Nähe zum Herzog hatte und definitiv für ihn schreibt. Allerdings war Wilhelm von Poi­tiers im Kriegshandwerk ausgebildet. Daher sind seine Beschreibungen der Kampfhandlungen selber sicherlich recht authentisch.

Für Heinrich V. bei Azincourt ist die „Gesta Henrici Quinti“ eine sehr interessan­te Quelle. Deren Entstehung wird auf einen Zeitpunkt vor 1417 datiert. Der Autor ist nicht namentlich bekannt. Es ist aber davon auszugehen, dass es sich um einen Geistlichen handelte, der in der königlichen Kanzlei tätig war. Es wird zudem da­von ausgegangen, dass er auf dem Feldzug nach Frankreich 1415 dabei war.40 Der Zweck der Quelle war wohl vor allem, Heinrich V. als christlichen Herrscher dar­zustellen, der sich für die Gerechtigkeit einsetzte und dabei stets von Gott unter­stützt wurde. Es wird deutlich, dass seine Politik gerechtfertigt werden soll. Der König selbst wird als ehrenhaft und besonnen beschrieben.41 Wie schon bei den Quellen über Wilhelm den Eroberer ist also zu beachten, dass der Autor definitiv für Heinrich schreibt.

Auch das „Agincourt Carol“ ist interessant für diese Untersuchung. Für diese Ar­beit habe ich nur die vierte Strophe verwendet, da diese sich konkret mit der Schlacht bei Azincourt befasst. Zu beachten ist, dass der König hier sehr stark idealisiert wird. Immerhin war dieses Lied dazu gedacht, bei seinem feierlichen Einzug in London vorgetragen zu werden.

Neben den schriftlichen Quellen habe ich mir auch Bildquellen angeschaut. Zum einen ist der Teppich von Bayeux für dieses Thema interessant. Der Teppich ent­stand relativ zeitnah nach der Schlacht von Hastings. Seine Entstehungszeit wird auf einen Zeitpunkt zwischen 1077 und 1082 datiert. Hergestellt wurde er auf An­ordnung von Bischof Odo, einem Bruder von Wilhelm dem Eroberer. Man ver­mutet heute, dass der Teppich den Anglo-Normannen eine gemeinsame Vergan­genheit und Gegenwart schaffen sollte. Daher ist er auch nicht dazu geeignet, ein genaues Bild der Geschehnisse zu zeichnen.42 Zudem muss bedacht werden, dass der 70 Meter lange Teppich die Rechtmäßigkeit des normannischen Unterneh­mens unterstützen sollte.43 Die dargestellten Inhalte sind also mit Vorsicht zu be­trachten. Gerade aus diesem Grund ist der Teppich von Bayeux aber hervorragend dazu geeignet, ihn mit den anderen Quellen zu vergleichen.

Für Heinrich V. und die Schlacht bei Azincourt habe ich mir Bilder angeschaut, die sowohl den jungen Heinrich vor und während der Krönung zeigen. Eine der Abbildungen stammt aus dem „Regiment of Princes“, die andere ist ein Relief in der Westminster Abbey. Zudem habe ich ein Bild aus der Mitte des 15. Jahrhun­derts verwendet, welches sowohl Heinrich V. als auch die Schlacht selbst zeigt. Meine Einschätzung ist, dass für eine realistische Einschätzung der Schlachten bei Hastings und Azincourt die vorhandenen Quellen problemlos genutzt werden kann, wenn man sich den an bestimmten Stellen vorkommenden Übertreibungen und Idealisierungen bewusst ist und eine gründliche Quellenkritik vorgenommen wird. Was sie uns letzten Endes über das Bild des mittelalterlichen Herrschers im bewaffneten Konflikt sagen, dazu wird im Fazit mehr zu lesen sein.

[...]


1 Vgl. Krieger, Karl-Friedrich (2009). S. 178-179.

2 Speziell für den Herrscher angefertigte Texte, in denen die empfohlenen Inhalte ihrer Ausbildung auf geführt wurden. Vgl. Orme, Nicholas (1984).

3 Vgl. Orme, Nicholas (1984). S. 81-101.

4 Vgl. Ebd. S. 181-183.

5 Vgl. Green, Judith (2009). S. 41-51.

6 Vgl. Ebd.S.51.

7 Vgl. Krieger, Karl-Friedrich (2009). S. 173-177.

8 Vgl. Prestwich, Michael (1996). S. 159-164.

9 Vgl. Bachrach, Bernard S. (2005). S. 77-78.

10 Vgl. Prestwich, Michael (1996). S. 325.

11 Vgl. Rogers, Clifford J. (1999). S. 145-146.

12 Vgl. Allmand, Christopher (2005). S. 84.

13 Vgl. Ebd. S. 84-88.

14 Vgl. Schmidtchen, Volker (1990). S. 138-151.

15 Vgl. Schmidtchen, Volker (1990). S. 179-181.

16 Vgl. Hardy, Robert (1994). S. 168-172.

17 Vgl. Ebd. S. 179.

18 Vgl. Prietzel, Malte (2006). S. 157-160.

19 Vgl. Plassmann, Alheydis (2008). S. 160-169.

20 Vgl. Davis, R.H.C.; Chibnall, Marjorie (1998). xxxv.

21 Vgl. Curry, Anne (1993). S. 94-96.

22 Vgl. Curry, Anne (1994). S. 41-42.

23 Vgl. Ebd. S. 45.

24 Vgl. Curry, Anne (2010). S. 76.

25 Vgl. Ebd. S. 228-233.

26 Vgl. Ebd. S. 218.

27 Vgl. Keegan, John (1991). S. 92 ff.

28 Vgl. Curry, Anne (2010). S. 164-215.

29 Vgl. Jones, Michael K. (2005). S. 90-91.

30 Vgl. Ebd. S. 90.

31 Vgl. Ebd.S.90-93.

32 Vgl. Curry, Anne (2010). S. 236.

33 Vgl. Keegan, John(1991). S. 100.

34 Vgl. Curry, Anne (2010). S. 243-256.

35 Vgl. Göttert, Karl-Heinz (2011). S. 150-151.

36 Vgl. Ebd. S. 155-157.

37 cf. Ebd. S. 157.

38 Vgl. Morton, Catherine; Muntz, Hope (1972). xxx.

39 Vgl. Davis, R.H.C.; Chibnall, Marjorie (1998). xv-xx.

40 Vgl. Taylor, Frank; Roskeil, John S. (1975). xviii.

41 Vgl. Ebd. xxiii.

42 Vgl. Lewis, Suzanne (1999). S. 1-15.

43 Vgl. Hicks, Carola (2006). S. 3.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Die Darstellung des Königs als Krieger- die Schlachten von Hastings (1066) und Azincourt (1415)
Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
1.7
Autor
Jahr
2011
Seiten
35
Katalognummer
V178004
ISBN (eBook)
9783640998616
ISBN (Buch)
9783640998883
Dateigröße
608 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, königs, krieger-, schlachten, hastings, azincourt, 1066, 1415, Langbogenschützen, Ritterschlacht, König
Arbeit zitieren
Daniel Ossenkop (Autor), 2011, Die Darstellung des Königs als Krieger- die Schlachten von Hastings (1066) und Azincourt (1415), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178004

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