Straßenumbenennungen in Leipzig zur Zeit der SBZ und DDR

Erinnerungen an Opfer des NS-Regimes oder Symbole einer neuer Ideologie?


Seminararbeit, 2011
14 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Auswirkung und Bedeutung von Straßenumbenennungen
2.1. Bedeutung Straßennamen in der SBZ und DDR
2.2. Statistische Darstellung aller Straßenumbenennungen in Leipzig von 1945-1989

3. Veränderungen der Straßennamen in Leipzig im historischen Kontext
3.1. Straßenumbenennungen in der SBZ
3.2. Straßenumbenennungen in der DDR

4. Fazit

5. Anhang

6. Literaturverzeichnis

7. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Ein erster Blick auf Leipziger Straßennamen lässt nicht viel erkennen. Vereinzelt gibt es Viertel, wie zum Beispiel im Stadtteil Marienbrunn, wo sämtliche Wege nach Märchen benannt sind oder im Stadtteil Grünau, bei dem Planeten und andere Himmelskörper für die Straßennamen verwendet wurden. Doch viel mehr stechen die großen und langen Straßen hervor, die nicht all zu selten nach einer Person benannt wurden. Gemeint sind damit unter anderem die Georg-Schuhmann-Straße, die Arthur-Hoffmann-Straße, Hermann-Liebmann Straße und viele mehr. Doch wer waren diese Personen überhaupt und warum hat man eine Straße nach ihnen benannt ? Das sind alles Fragen, die hier in dieser Arbeit teilweise beantwortet werden sollen. Leipziger Straßennamen haben oftmals mehrere Umbenennungen in kürzester Zeit erlebt, sodass ihre Bedeutungen aus eher aus „stetigen Aktualisierungen des Geschichtsbildes“ als auch traditionellen Begriffen stammen1. In dieser Arbeit sollen die Straßenumbenennungen in der Zeit von 1945, also dem Beginn der SBZ, bis 1989 genauer betrachtet werden. Leipzig wurde wie viele andere Städte in den östlichen Gebieten von Deutschland, gleich von 2 sehr unterschiedlichen Ideologien geprägt. Zum einen von der des NS-Regimes, von 1933- 1945 und zum anderen gleich darauffolgend von der sowjetischen Ideologie. In wie fern hat sich das ebenfalls auf das Straßenbild ausgewirkt. Wurden zu der besagten Zeit nur Straßen umbenannt um die Vergangenheit so schnell wie möglich aus dem Gedächtnis der Leipziger zu löschen oder war es vielleicht auch ein Mittel um neue Ideologien und ein neues Geschichtsbewusstsein zu schaffen? Dazu ist es notwendig zu hinterfragen, welche Bedeutung Straßenumbenennungen in der SBZ/DDR allgemein hatten. Leipzig war nicht die einzige Stadt, in denen eine enorme Menge an Straßen umbenannt wurden. Jedoch soll eine Statistik auch zeigen welchen enormen Veränderungen es im Leipziger Stadtbild gab und vor allem welche Personen oder Bezeichnungen vorwiegend gewählt wurden.

2. Auswirkungen und Bedeutungen von Straßenumbenennungen

2.1. Bedeutung von Straßennamen in der DDR und SBZ

Straßennamen sind ein komplexes Phänomen !“1, so leitet Rainer Lübbren seine Monographie zu Persönlichkeiten im Spiegel von Straßennamen ein. Dem kann man wohl zustimmen, wenn man bedenkt, wie lange eine Straße bereits existiert bzw. wie oft jene ihren Namen möglicherweise schon gewechselt hat. Grundsätzlich gelten Straßen als Orientierungsmittel. Es wäre wohl kaum möglich sich in einer größeren Stadt zurecht zu finden, wenn man sich zum Beispiel nur an Gebäuden orientieren könnte. Eher als zweitrangiges Merkmal kommt dann die Bedeutung eines Namens hinzu. Vor dem 19. Jahrhundert waren es vor allem wegweisende Bezeichnungen, damit man wusste in welche Richtung, jene Straße verläuft. Erst viel Später kamen Personenbezeichnungen hinzu. Doch wie wurden Straßennamen in der SBZ/DDR ausgewählt und welche Rolle spielte dabei die neue Ideologie? Straßennamen haben im Verlauf der 20. Jahrhunderts immer mehr einen Bezug „zum Stand der Kultur und der lokalhistorischen Eigenschaften2. Sprich sie widerspiegeln aktuelle Begebenheiten zu einer bestimmten Zeit. Während der NS-Zeit wurde ein ungeschriebenes Gesetz außer Kraft gestellt, dass man nur Straßen nach bereits verstorben Personen benennen darf, um sie posthum zu ehren3. Da man aber die Personen im NS-Regime bereits zu Lebzeiten ehren wollte, hatte man Straßen einfach nach ihnen benannt. Demnach hatte fast jede große Stadt in Deutschland eine Adolf-Hitler-Straße bzw. Straßennamen anderer Führungspersonen des NS-Regimes. Dass diese im Zuge der Entnazifizierung sofort umbenannt werden mussten, steht außer Frage, doch bereits hier ist man unterschiedlich vorgegangen. Beide Seiten haben über Ehrungen von Widerstandskämpfern nach gedacht, jedoch scheinen die Maßnahmen und Auswirkungen in der SBZ/DDR deutlich drastischer4. Nicht nur dass die Anzahl an Straßenbenennungen von kommunistischen Widerstandskämpfern höher war als die im Vergleich zum christlichen oder militärischen (siehe hierzu 2.2), sondern auch die Ausführung dieser Umbenennungen war wesentlich anders. Das Ziel war „ein kollektives Ged ä chtnis1 zu erreichen. Man wollte die Menschen auch darüber informieren, warum man welche Person ehrt um ein neuen Bewusstsein zu schaffen.

Hier bekamen Straßennamen eine völlig neue Bedeutung. Die Umbenennungen konnte plötzlich zur sozialistischen Öffentlichkeitsarbeit gezählt werden, denn ihr Ziel war es ebenfalls die Bürger aufzuklären und zu informieren, jedoch auch unter dem Aspekt, dass mein ein kommunistisches System errichten aufbauen wollte, für das politische Treue und Befürwortung ein wichtiger Punkt war2. Dies konnte in Form von Informationstafeln unter den Straßenschildern oder auch über Berichte in Zeitungen geschehen. Medien waren in der SBZ/DDR oft eng mit dem System verknüpft3. (siehe hierzu auch die Ausführungen unter 3.1 und 3.2)Es wurde selten nur irgendeine Straße an irgendeinem Tag umbenannt. Viel mehr waren es richtige Umbenennungswellen zu bestimmten Anlässen. Man wählte bewusst eine enorme Anzahl von Personen, die das Geschichts- und Politikbewusstsein der SBZ/DDR unterstützten. Vor allem in der DDR wählte die SED Personen aus, die als „Helden nach ihrem Geschichtsverst ä ndnis4 bezeichnet werden können. Da dieses Bewusstsein sozialistisch bzw. teilweise kommunistisch geprägt war, erklärt sich warum bei der Ehrung von Widerstandskämpfern vor allem jene aus dem kommunistischem Spektrum bevorzugt wurden. Jedoch wird dieses auch kritisch gesehen. Lübbren erschließt diese Auswahl aus der Tatsache, dass man in den Systemen der SBZ/DDR der Widerstand aus bürgerlichen Kreisen als „quantit é negligeable“, als eine nicht zu beachtende Größe, betrachtet wurde5. In den nachfolgenden Punkten wird sich dies bestätigen.

2.2. Statistische Darstellung aller Straßenumbenennungen in Leipzig von 1945-1989

In der Zeit vom 1.8.1945 bis 31.12.1989 wurden in Leipzig insgesamt 521 Straßen umbenannt6. Dazu kämen noch einige Straßen, bei denen die Rechtschreibung angepasst bzw. einige Straßen zusammengeführt wurden. Hierbei spricht man jedoch nicht von einer Straßenumbenennung, wie sie im eigentlichen Sinne gemeint ist. Zu diesen 521 Straßen zählen all diejenigen die entweder umbenannt bzw. neu benannt wurden. Mit der Fertigstellung neuer Wohngebiete zum Beispiel Ende der 80er Jahre in Paunsdorf brauchte man neue Straßennamen. Da man vorher allerdings Straßen mit Buchstaben benannte, spricht man auch hier von einer Straßenumbenennung. Ein Beispiel zur Verdeutlichung wäre: Straße N3 / Straße H4 in Paunsdorf wird zur Ahornstraße1. Im Anhang ( siehe Abbildung 1) befindet sich eine Statistik die diese Umbenennung in verschiedenen Phasen aufteilt. Diese Phasen sind dabei unterschiedlich lang. Sie können nur einen Tag, wie der 1.8.1945 , aber auch über mehrere Jahre wie 19.11.1962- 26.05.19652 gehen. Die Zeitspanne ist dabei bewusst gewählt. Es gab bereits im Mai 1945 einige Straßenumbenennungen. Diese wurden allerdings von den amerikanischen Besatzungsmächten mitgestaltet und es handelte sich hierbei vielmehr um eine Rückbenennung der Straßen. Man wählte wieder die Namen die sie vor 1933 trugen. So wurde aus der zum Beispiel aus der Adolf Hitler Straße wieder die Südstraße und aus der Hindenburgstraße die Weststraße. Da es in dieser Arbeit speziell um die Straßenumbenennungen in der SBZ/DDR gehen soll, werden diese Umbenennungen in der Statistik nicht berücksichtigt. Ebenso ist das Ende der Statistik mit 1989 bewusst gewählt, da es danach erst nach der Wiedervereinigungen Straßenumbenennungen in Leipzig gab. Wie in der Statistik beschrieben zählen die schwarzen Säulen die gesamte Anzahl der Straßenumbenennungen in jeder Zeit. Die jeweils danebenstehende kleine Säule umfasst alle Namen von kommunistischen Widerstandskämpfern. Unter 2.1 wurde bereits geklärt, dass in der SBZ und DDR eine große Aufmerksamkeit den kommunistischen Widerstandskämpfern galt. Lübbren erwähnt Leipzig als besonderes Beispiel für Ehrungen Widerstandskämpfern. Er spricht von „ü ber 90 Stra ß en, die nach Nazi-Opfern benannt wurden3. Dabei wird keine Abstufung zwischen den politischen Richtungen der einzelnen Widerstandskämpfer gemacht. Laut der hier vorliegenden Statistik sind es schon allein 104 Straßen die nach kommunistischen Widerstandskämpfern benannt wurde. Personen wie Stauffenberg oder die Geschwister Scholl zählen zu dieser Säule nicht dazu. Sicherlich darf man dabei nicht die Umbenennungen nach 1990 vergessen, dennoch liegt die Zahl der Straßen die nach sämtlichen Widerstandskämpfern benannt wurden, wesentlich höher als 90.

Doch was bedeutet die Zahl 104 im Vergleich zu 521 Straßen? Es bedeutet, dass im Durchschnitt jede fünfte Straße in der SBZ/DDR nach einem kommunistischen Widerstandskämpfer benannt wurde. Dabei ist zu beachten das vor allem in der SBZ bzw. in den frühen Jahren der DDR diese Umbenennungen stattfanden. Zum Ende hin nimmt der Anteil kommunistischer Widerstandskämpfer rapide ab. Unter 3.2. wird sich zeigen, dass dabei die Straßennamen im Laufe der Zeit immer mehr an Bedeutung verlieren. Wichtig ist es an dieser Stelle festzuhalten, dass in der SBZ/DDR scheinbar ein Heldenkult der kommunistischen Widerstandskämpfer betrieben wurde. In wie fern diese Umbenennungen und auch das Einwirken von Medien mitwirkte wird in den folgenden Abschnitten geklärt.

[...]


1 Riemer, Susanne: Erinnerungsfragmente an die Befreiungskämpfe in Leipzig und Umgebung, Norderstedt 2008, S. 51-52

1 Lübbren, Rainer: Swinegel Uhland: Persönlichkeiten im Spiegel von Straßennamen, Heiloo 2001

2 Sänger, Johanna: Heldenkult und Heimatliebe, Straßen- und Ehrennahmen im offiziellen Gedächtnis der DDR,Berlin, 2006, S.14

3 Siehe hierzu Stadtarchiv Leipzig, Kap.24 Nr.1 Bd. 39 Bl.7 → Stadtabgeordneter Ott nimmt Bezug auf Vorschläge zur Umbenennung und erklärt, „dass nach Lebenden allgemein keine Stra ß e benannt wird

4 Lübbren, Rainer; Heiloo 2001, S.90

1 Sänger, Johanna; Berlin 2006, S.29

2 Weinreich, Cornelia: Kommunale Öffentlichkeitsarbeit in der SBZ/DDR von 1945 bis 1989, Inhaltsanalytische Fallstudie am Beispiel Leipzigs, Norderstedt 2004, S. 13f.

3 Weinreich, Cornelia: Norderstedt 2004 S. 66

4 Sänger, Johanna; Berlin 2006 S. 31

5 Lübbren, Rainer, Heiloo 2001, S.89

6 Diese Anzahl resultiert aus einer Recherche mittels der Straßennamen-Datei des Stadtarchives Leipzig, dem Lexikon der Leipziger Straßennamen, sowie den im Quellenverzeichnis angegegebenen Quellen. Diese Zahl ist ein Richtwert, da bei der Recherche auch Straßennamen aufgetaucht sind, bei denen ein genaues Datum nicht bestimmt werden konnte.

1 Stadtarchiv Leipzig, StVuR (2) Nr. 2067

2 Bei diesem Datum wurden drei Straßenumbenennungswellen mittlerer Größen zusammengefasst

3 Lübbren, Rainer: Heiloo 2001, S.90

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Straßenumbenennungen in Leipzig zur Zeit der SBZ und DDR
Untertitel
Erinnerungen an Opfer des NS-Regimes oder Symbole einer neuer Ideologie?
Hochschule
Universität Leipzig  (Histroisches Seminar)
Veranstaltung
Widerstand gegen die nationalsozialistische Diktatur
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
14
Katalognummer
V178019
ISBN (eBook)
9783656001102
ISBN (Buch)
9783656000679
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kommunistischer Widerstand, Leipzig, Straßennamen, SBZ, DDR
Arbeit zitieren
Carolin Teubert (Autor), 2011, Straßenumbenennungen in Leipzig zur Zeit der SBZ und DDR, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178019

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