Das Grauen vor dem zweiten Ich – Selbstfindungsprozesse gespaltener Persönlichkeiten bei Hoffmann, Meyrink und Kubin


Magisterarbeit, 2011
105 Seiten, Note: 2,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorwort

2. Der Doppelgänger - eine Begriffserklärung

3. Die Schauerromane
3.1 E.T.A. Hoffmann: „Die Elixiere des Teufels“
3.2 Gustav Meyrink: „Der Golem“
3.3 Alfred Kubin: „Die andere Seite“

4. Die Fremdbestimmung
4.1 Der Faden des Lebens
4.2 Die unsichtbare Intelligenz
4.3 Im Bann

5. Das Doppelgängerphänomen
5.1 Im Zeichen des Kreuzes
5.2 Das Spiegelbild der Seele
5.3 „Der Demiurg ist ein Zwitter“

6. Die Todesthematik
6.1 Die Auferstehung im Kunstwerk
6.2 Zwischen Himmel und Erde
6.3 Das Reich des Todes

7. Das weibliche Geschlecht
7.1 Femme fragile vs. Femme fatale
7.2 Der Hermaphrodit
7.3 Die Medusenschönheit

8. Der Individuationsprozess
8.1 Der Duft der Rose
8.2 Die „Seelenschwängerung“
8.3 „Die eine glänzende Sonne“

9. Strukturelle Merkmale
9.1 Das Parergon
9.2 Glatt wie ein Stück Fett
9.3 Der Alptraum

10. Abschließender Vergleich

11. Schlusswort

12. Literaturverzeichnis

1. Vorwort

„Sie sind also wie die verschiedenen, aber voneinander nicht zu trennenden Seiten einer Münze, die Pole eines Magneten oder Puls und Intervall einer Schwingung. Letzten Endes ist es nie so, daß das eine über das andere den Sieg davonträgt, denn sie sind eher wie zwei Liebende, die sich balgen, als wie Feinde, die miteinander kämpfen.“[1] (Alan Watts über die Beziehung zwischen Ying und Yang)

Gegensätzlich und dennoch eins - mit dieser Thematik befassen sich auch die Autoren, denen ich mich in meiner folgenden Arbeit zuwenden möchte. In ihrem Innersten ge­spalten, befinden sich die Protagonisten auf der Suche nach ihrer wahren Identität. Zahl­reiche Doppelgängerfiguren verkörpern die unterschiedlichen Teile ihrer Selbst.

E.T.A. Hoffmann, der Meister des Unheimlichen, liefert mit seinem Roman „Die Eli­xiere des Teufels“ bereits in der Romantik ein Paradebeispiel des Doppelgängermotivs. In diesem verworrenen Werk, das den Leser in ein düsteres Milieu entführt, erzählt Hoff­mann die Geschichte eines „gefallenen Engels“[2], der, von seinem Doppelgänger verfolgt, auf dem Weg hinaus in die Welt seine wahre Bestimmung zu finden erhofft. Ein Jahr­hundert später greift Gustav Meyrink in seinem Roman „Der Golem“ diese Problematik erneut auf. Die Verworrenheit von Realität und Traum, in welcher der Erzähler im Prager Ghetto seinem unheimlichen Doppelgänger begegnet, zieht den Leser unwillkürlich in seinen Bann. Meyrink traf mit der Thematik seines Bestsellers den Nerv seiner Zeit. Das bürgerlich-liberale Individuum befand sich in einem gesellschaftlichen Zwiespalt. Um die Ausführung der Geschäfte nicht zu gefährden, ließ der Bürger unter Bismarck und in der Wilhelminischen Ära von seinen politischen Idealen ab. Der Mensch identifizierte sich so mit der herrschenden Klasse, gegen die er sich gleichzeitig widersetzte. Dieser Konflikt wurde in der Literatur des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts in den Doppel­gängerfiguren aufgegriffen, die als „feindliche[] Gegenspieler des Ichs“ dargestellt wur­den.[3]

Alfred Kubin, als Illustrator sehr bekannt, war fasziniert von der unheimlichen Atmo­sphäre der Schauerromane seiner Vorgänger, in der ominöse Doppelgänger ihr Unwesen treiben. So schuf er kurze Zeit später, dem Vorbild Meyrinks folgend, in seinem Debüt­werk „Die andere Seite“ eine Welt voller Rätsel und Unheimlichkeiten, die der Düsterheit des Prager Ghettos in keiner Weise nachsteht. Einige der Abbildungen des Romans waren ursprünglich für den „Golem“ vorgesehen, welchen Kubin illustrierte. Da Meyrink jedoch aufgrund einer inneren Schreibblockade bei der Niederschrift seines Romans ins Stocken geriet, verwendete Kubin die Zeichnungen schließlich für seinen eigenen Roman und ließ sich von ihnen für seine Traumstadt inspirieren.[4] Auch Werke des Meisters Hoffmann, den Kubin als „genialen Lieblingsdichter“[5] verehrte, illustrierte der Österreicher.

Der Aspekt der Fremdbestimmung eröffnet nach einer kurzen Einführung der drei Werke die folgende Arbeit, da unsichtbare Mächte einen großen Einfluss auf die Entwicklung der Protagonisten ausüben und ihnen ihren selbstbestimmten Lebensweg vereiteln. Der Fokus der Analyse liegt jedoch auf der Konstitution der Doppelgänger und ihrem Einfluss auf den Individuationsprozess der Protagonisten. Verkörpern sie eine bösartige, verdräng­te Seite der menschlichen Psyche oder sind ihre Absichten positiv zu werten? In welcher Form erscheint der dubiose Doppelgänger - ist er real sichtbar oder nur als Ausdruck eines unheimlichen Gefühls oder einer kurzen Vision zu deuten? Interessant ist auch die Untersuchung der Reaktion der Protagonisten bei einem Doppelgängerauftritt. Stellen Grauen und Angst die vorherrschenden Gefühle dar oder treten sie ihren Spiegelbildern vertrauensvoll entgegen? Die Funktion der Doppelgänger soll ebenfalls im Blickpunkt der Arbeit stehen. So wird zu klären sein, ob diese als Begleiter der Protagonisten auf ihrem Lebensweg fungieren oder vielmehr den Selbstfindungsprozess bewusst verhindern, mit dem Ziel, die Identität ihrer Spiegelbilder zu zerstören.

Ein wichtiges Ziel des Individuationsprozesses stellt die Erlangung einer höheren Be­wusstseinsebene dar. In vielen Fällen ist das Erreichen dieses Zieles den Protagonisten erst nach dem Tod möglich. Die Todesthematik wird demnach ein Aspekt meiner Unter­suchung sein. Neben den Doppelgängerfiguren stören noch andere Faktoren das erfolg­reiche Erlangen der höheren Bewusstseinsebene. Sündhafte Gefühle, wie auch das Gefühl des Wahnsinns, oft durch das weibliche Geschlecht ausgelöst, stellen eine weitere Gefahr dar. Inwieweit die Frauen der Romane die Selbstfindungsprozesse der Protagonisten ne­gativ und positiv beeinflussen, möchte ich in dem Kapitel „Das weibliche Geschlecht“ beleuchten. Eng verbunden mit dem Wunsch nach einer höheren Existenz, ist das Motiv der Androgynie. Die Struktur der Romane macht es jedoch nicht einfach zu beurteilen, ob die Vereinigung von Männlichem und Weiblichem im Symbol des Hermaphroditen als real zu bewerten ist. Der Sprung zwischen Traum und Wirklichkeit, Rahmen- und Binnenerzählung, durchbrochen von Retrospektiven und Einschüben, verwirrt. Allen drei Autoren gelingt es so, die Wirklichkeit zu verschleiern, die Identitäten von Rahmen- und Binnenerzähler zu vermischen. Ich werde daher den Versuch unternehmen, diese verwir­rende Erzählstruktur für ein besseres Verständnis aufzulösen.

Die Forschungsgrundlage zu der behandelten Thematik ist recht breit. Besonders das Doppelgängermotiv wurde bereits vielfach diskutiert und veranschaulicht. Als Grundlage wird mir hierbei unter anderem die sehr ausführliche Darstellung des Doppelgänger­phänomens von Gerald Bär mit dem Titel „Das Motiv des Doppelgängers als Spaltungs­phantasie in der Literatur und im deutschen Stummfilm“ dienen. Die Abhandlung über das „Unheimliche“ von Sigmund Freud ist in diesem Zusammenhang ebenfalls von Nut­zen. Besonders die Doppelgängerproblematik in E.T.A. Hoffmanns „Die Elixiere des Teufels“ ist vielfach untersucht worden. Natalie Rebers „Studie zum Motiv des Doppel­gängers bei Dostojewskij und E.T.A. Hoffmann“ wird mir ebenso als Anregung dienen wie die Dissertation von Ludger Schäfer von 1976, der sich intensiv mit dem Individua­tionsprozess in Hoffmanns Werk beschäftigt. Publikationen von Gerhard Weinholz und Johannes Harnischfeger sind weitere Grundlagen. Inge Stegmann und Jens Szczepanski bieten hilfreiche Stützen zu der Untersuchung des Traum- und Rahmenmotivs. Verschie­dene Biographien der von mir behandelten Autoren werde ich ebenfalls hinzuziehen, da Parallelen zu ihren Figuren offensichtlich sind. Frans Smit und Manfred Lube liefern bio­graphische Informationen über Gustav Meyrink. Eine übersichtliche Untersuchung des Entwicklungswegs Pernaths liefert Sigrid Mayer, wobei sie sehr differenziert das Golem­motiv behandelt. Ich möchte aufgrund der Intention meiner Arbeit darauf verzichten. Vielmehr möchte ich Unschlüssigkeiten sowie bisher nicht behandelte Lücken im Le­bensweg Athanasius Pernaths aufklären. Einen engen Bezug zu den Weisheiten des Tarots stellen in diesem Zusammenhang Bella Jansen und Heidemarie Oehm her. Peter Cersowsky zieht in seiner Untersuchung „Phantastische Literatur im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts“ ansatzweise einen Vergleich zwischen den ähnlich gestalteten Romanen „Der Golem“ und „Die andere Seite“. Ich möchte diesen vertiefen und zusätzlich einen Bezug zu Hoffmann herstellen. Denn ungeachtet der zeitlichen Spanne, die diese Werke umfasst - zwischen den „Elixieren“ und der „Anderen Seite“ liegt ein ganzes Jahrhundert - zeigen sich zahlreiche Parallelen, die in der Forschung bislang nicht behandelt wurden. Die Forschungsliteratur zu Alfred Kubins „Die andere Seite“ ist nicht sehr umfangreich. Neben Anneliese Hewigs Interpretationsstudie von 1967 beschäftigt sich Claudia Ger­hards mit dem Aspekt der Apokalypse in Kubins Roman. Die Forschung betrachtet das Werk Kubins überwiegend aus der psychoanalytischen und kunsthistorischen Perspektive und untersucht den Zusammenhang zwischen dem zeichnerischen Schaffen und dem literarischen Werk Kubins. Jürgen Berners sowie Peter Cersowsky analysieren hingegen die Einflüsse der schwarzen Romantik und des Traumkonzeptes. Dem Einfluss des Dop­pelgängers auf die Selbstfindung des Protagonisten wird jedoch sehr wenig Beachtung geschenkt. Lediglich Andreas Geyer legt in seiner Publikation „Träumer auf Lebenszeit. Alfred Kubin als Literat“ eine sehr detaillierte Interpretation des gesamten Romans dar, die als Grundlage meiner Arbeit dienen wird. Zahlreiche kurze Hinweise und Deutungs­ansätze anderer Autoren werden in meine Analyse ebenfalls mit einfließen.

Um die Übersicht und die Vergleichsmöglichkeit zu gewähren, werden die drei Romane im Folgenden in verschiedene Aspekte unterteilt und aufgeführt. Ich beginne dabei stets mit den „Elixieren“. Die Bearbeitung des „Golem“ und der „Anderen Seite“ folgen. In ei­nem abschließenden Vergleich werden Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Schauer­romane nochmals aufgeführt und ausgewertet.

2. Der Doppelgänger - eine Begriffserklärung

„Der Mensch ist nie allein - das Selbstbewusstsein macht, daß immer 2 Ichs in einer Stube sind“.[6] Dieses Zitat Jean Pauls verdeutlicht die Vorstellung der Menschen von ei­nem doppelten Bewusstsein, welche der Erscheinung eines Doppelgängers zugrunde liegt. Jean Paul war es auch, der das Phänomen des Doppelgängers in seinem Roman „Sieben­käs“ erstmals definierte: „So heißen Leute, die sich selber sehen.“[7] Das Motiv wurde in der Literaturgeschichte immer wieder aufgegriffen und in unterschiedlichster Weise be­handelt. Die Definitionen des Begriffs sind daher beinahe unüberschaubar. Im Folgenden wird, nach einer Übersicht dieser verschiedenen Definitionen, die Funktion der Doppel­gänger sowie ihre Entwicklung im Laufe der Literaturgeschichte behandelt und vorge­stellt.

Ein erster Ansatzpunkt eines Vergleiches liefert die kontroverse Diskussion über die phy­sische Ähnlichkeit der Doppelgängerfiguren. Für Otto Rank ist eine Ähnlichkeit des Dop­pelgängers in Bezug auf den Namen, die Stimme und die Kleidung zu seinem Original maßgebend. Er unterscheidet zwei Formen von Doppelgängern: Eine „selbständige und sichtbar gewordene Abspaltung des Ichs“, welche sich in einem Schatten oder einem Spiegelbild wiederfindet sowie „jene eigentlichen Doppelgängerfiguren, die einander als reale und leibhaftige Personen von ungewöhnlich äußerer Ähnlichkeit gegenüberstehen und die Wege kreuzen“.[8] Aglaja Hildenbrock betont dagegen die „psychische Bereitschaft sich in einem Gegenüber wiederzuerkennen“.[9] Eine physische Ähnlichkeit ist dabei nicht vonnöten. Einigkeit herrscht jedoch über das Wesen des Doppelgängers. Das Abbild eines Menschen, das sich im Traum oder in einem Porträt darstellt, wird im Volksglauben als ein „lebendiger Teil der Person“[10] identifiziert. Als belebte Puppe kann das Doppelgän­germotiv mit dem Motiv des künstlichen Menschen gleichgesetzt werden.

Die Ursache einer Spaltung des Ichs sah man im Christentum in der „Idee der zwei See­len“ begründet. Der „Versuch des niederen Ich [...] gegen das höhere zu rebellieren, es zu überwältigen“[11], wie Emil Lucka es 1904 in seiner Abhandlung „Verdoppelungen des Ich“ betonte, verkörpert den Kampf des sinnlichen bösen und des sittlichen guten Ichs. Ein Identitätsverlust war häufig die Folge. Die Verantwortlichkeit für diese Krise in der Persönlichkeitsstruktur wurde in früherer Zeit gerne auf eine außenstehende Figur, wie dem Teufel, projiziert. Dies änderte sich jedoch im Verlauf der Zeit. Der Doppelgänger verlagerte sich nach innen.[12]

Den Bezug zu dem Unterbewusstsein, der im weiteren Verlauf der Literaturgeschichte aufrecht erhalten wurde, stellten bereits Sigmund Freud und Carl Gustav Jung auf. Letz­terer definiert die Seele als eine „Personifikation der unbewußten Inhalte“ und erläutert die Entstehung eines Doppelgängers folgendermaßen: „Wo ein selbständiger Seelenteil projiziert wird, entsteht eine unsichtbare Person.“[13] Das im Doppelgänger personifizierte „Es“[14] und das „Über-Ich“, welches dem Menschen ins Gewissen zu reden versucht, stehen sich dabei gegenüber. Der Doppelgänger als Verkörperung des „Es“, der triebhaf­ten, negativen Seite im Menschen, stellt dabei die meist verbreiteteste Variante in der Literaturgeschichte dar. Verborgene Wünsche werden im Körper des Doppelgängers aus­gelebt. Diese negative Konnotation des Doppelgängers entwickelte sich jedoch erst im Laufe der Zeit. Begegneten die Menschen ihren Doppelgängern, die als Behüter und Be­schützer galten, in früherer Zeit mit Vertrauen, so umfing die Doppelgänger später die Aura des Unheimlichen. In ihrer Erscheinung als „Schattengeister“[15] verwiesen sie auf den baldigen Tod des Menschen. Dieser Aberglaube war in Deutschland weit verbreitet. So prophezeite in Norddeutschland beispielsweise die Erscheinung des Schattens ohne Kopf am Sylvesterabend den Tod des Menschen im folgenden Jahr. In Bayern ist dagegen derjenige dem Tode nahe, der am Weihnachtsabend seinen Schatten doppelt sieht.[16] Die komische Verwendung des Doppelgängermotivs, die in Verbindung mit dem Motiv der Verkleidung und der Verwechslung nur in der Romantik ihren Einsatz fand, wurde zu­nehmend von der unheimlichen Ausprägung des Motivs verdrängt. Der Begriff des Un­heimlichen wurde von Sigmund Freud in seinem Aufsatz „Das Unheimliche“ intensiv beleuchtet. Eng mit dem „Heimlichen“ verbunden, liegt die entscheidende Quelle des unheimlichen Gefühls in dem „Moment der Wiederholung“.[17] Ereignisse der Vergangen­heit, die sich in dem mehrmaligen Auftauchen von Doppelgängern wiederholen und sich in ihnen verselbstständigen, lösen ein Gefühl des Unbehagens und Grauens aus. Ebenso stellt die Verwischung der Grenze zwischen Wirklichkeit und Phantasie, die von den Doppelgängern oft überschritten wird, einen Auslöser der unheimlichen Atmosphäre dar. Die Funktion der Doppelgänger ist jedoch nicht ausschließlich negativ zu bewerten, fun­gieren diese oftmals auch als Begleiter des Menschen bei seinem Selbstfindungsprozess. Durch die Vermittlung wichtiger Selbsterkenntnisse ist der Protagonist in der Lage sich von den verdrängten Gefühlen, die sich in seinem Spiegelbild manifestieren, zu befrei­en.[18] Die Ausbildung eines Doppelgängers beruht nach Wilhelmine Krauss dabei jedoch nicht, wie bereits erwähnt, auf dem Konflikt der sittlichen gegenüber der sündigen Seite des Menschen, sondern ist in einem „subjektiv übersteigerte[n] Idealismus“ anzusiedeln:

Das Wesen dieses subjektiven Idealismus besteht darin, daß das Ich sich über seine end­liche Beschränkung hinaus zur Unendlichkeit erweitern will [...] stößt der unendliche Wille des Ichs gegen die eigene Beschränkung und Begrenzung, so fühlt das Ich sich selbst ge­spalten in einen unendlichen und endlichen, in einen idealen und einen wirklichen Pol.[19]

Die Vorstellung einer Spaltung existiert bereits seit Beginn der Menschheit. Im Schöp­fungsmythos wird die Trennung der Einheit, in diesem Fall von männlichen und weib­lichen Anteilen, erstmals verdeutlicht.[20] Besonderes Interesse erfuhr das Phänomen im achtzehnten Jahrhundert. Karl Philipp Moritz’ „Magazin zur Erfahrungsseelenkunde“ so­wie Johann Caspar Lavaters „Geheimes Tagebuch: Von einem Beobachter seiner Selbst“ belegen das große Interesse am Phänomen des Doppelgängers.[21] Seit der Aufklärung, in der die Selbstentfremdung eine höhere Verbindung ermöglichte, wird der Begriff des Doppelgängers nicht mehr nur als ein individueller Ausdruck einer persönlichen Ich- Problematik behandelt, sondern als ein Symptom einer gesellschaftlichen Entwicklung betrachtet.[22] In der Literatur des neunzehnten Jahrhunderts, insbesondere in der Roman­tik, trat das Motiv schließlich vermehrt auf. Das Gefühl - die herrschende Instanz in dieser Epoche - führte zum Subjektivismus: „Das Ich wird absolutes Subjekt. Sinnliche Erfahrung ist bedeutungslos, da das Ich keine außerhalb seiner selbst liegenden Dinge mehr anerkennt. Alle scheinbaren Objekte sind in Wirklichkeit vom Ich gesetzt, sind sei­ne Teile und Vorstellungsprodukte. Damit teilt sich das Ich in einen betrachtenden und einen betrachteten Teil.“[23] Die Doppelgängerproblematik war im mittleren und späteren neunzehnten Jahrhundert immer noch ein vielfach behandeltes Thema. Als rein ima­ginäre Doppelgänger, an Medien wie Spiegel oder Schatten gebunden oder als personale Doppelgänger traten sie in den unterschiedlichsten Formen auf.

Im Expressionismus nahmen Doppelgänger eine allegorische Bedeutung ein und wurden zunehmend psychologisch gedeutet.[24] Die Wahrnehmung eines Doppelgängers gilt in neuerer Zeit als krankhaft. Die im Wachzustand auftretenden Visionen werden als Zei­chen einer Schizophrenie oder einer Halluzination ärztlich behandelt. Die Menschen, die eine solche Paranoia ausbilden, werden zudem oft als Opfer von gesellschaftlichen Fehl­entwicklungen angesehen.[25] Die Möglichkeit der Ausbildung einer narzisstischen Persön­lichkeitsstruktur stellt bei einer derartigen Gegenüberstellung mit dem eigenen Selbst heutzutage eine ernstzunehmende Gefahr dar.

Im Folgenden möchte ich untersuchen, in welcher Form das Doppelgängermotiv, das vor­wiegend im deutschsprachigen, englischen und russischen Raum untersucht worden ist, in den mir vorliegenden Schauerromanen verwendet wird.

3. Die Schauerromane

3.1 E.T.A. Hoffmann: „Die Elixiere des Teufels“

Bereits bei der Vollendung seines Märchens „Der goldene Topf“ schmiedete E.T.A. Hoffmann Pläne für seinen Schauerroman „Die Elixiere des Teufels“. Dieser sollte schau­riger und unheimlicher werden als alles, was Hoffmann zuvor verfasst hatte. In einem Brief vom 24.3.1814 an seinen Verleger Carl Friedrich Kunz schilderte er erstmals die In­tention seines Romans:

Es ist darin auf nichts geringeres abgesehen, als in dem krausen, wunderbaren Leben eines Mannes, über den schon bei seiner Geburt die himmlischen und dämonischen Mächte wal­teten, jene geheimnisvollen Verknüpfungen des menschlichen Geistes mit all' den höhern Prinzipien, die in der ganzen Natur verborgen und nur dann und wann hervorblitzen, wel­chen Blitz wir dann Zufall nennen, recht klar und deutlich zu zeigen.[26]

Hoffmann war allerdings besonders von dem ersten Teil seines, als persönliches „Lebens­elixier“ betitelten Romans, nicht überzeugt und wünschte fast „jenes phantastische Buch [...] nicht in die Welt geschickt zu haben“.[27] Die Verlage teilten diese Sichtweise und tra­ten dem Werk sehr verhalten entgegen. Hoffmann, der sich zu jener Zeit in einer finan­ziellen Krise befand, war jedoch bereit Kompromisse einzugehen, sodass der erste Teil der „Elixiere“ 1815 veröffentlicht wurde. Im Gegensatz zu dem ersten Teil, den Hoff­mann innerhalb von sieben Wochen schrieb, benötigte er für die Fertigstellung des zwei­ten Teils erheblich länger. Erst ein Jahr später wurde auch dieser Teil der Lebensaben­teuer des Mönches Medardus veröffentlicht. Bei dem Besuch eines Klosters in Bamberg, in dem Hoffmann intensive Gespräche mit einem Pater namens Cyrillus führte und die Gruft des Klosters interessiert besichtigte, setzte er sich intensiv mit dem Klosterleben auseinander und schöpfte erste Inspirationen für seinen Roman.[28] Einen weiteren großen Einfluss auf sein Werk übte der Roman „The Monk“ von Matthew Lewis aus - ein sehr bekanntes Werk der Gattung des Schauerromans -, das ebenfalls die Verführung eines Geistlichen durch den Satan behandelt.[29] Schauerromane waren jedoch als Trivialliteratur verpönt, der „romantische Wahnsinn“ wurde als „krankhaft“ eingestuft.[30] Die Reaktionen auf den Roman waren daher nur sehr dürftig. Die negative Einschätzung des Romans änderte sich auch in den folgenden Jahren nicht. 1931 erschien Hoffmann sogar auf einer Pariser Tabelle von verbotenen Autoren.[31] Weitaus positiver bewerteten Charles Baude­laire, Friedrich Hebbel und Sigmund Freud den Roman und priesen Hoffmann als einen „genialen Dichter der Spaltung und des Unheimlichen“.[32] Obwohl das Buch im Ausland, besonders in Großbritannien, schon früh Anerkennung fand, wusste man den Roman in Deutschland erst im zwanzigsten Jahrhundert als ein „Werk, das die Tradition des Schau­erromans zum psychologischen Roman weiterführt“, zu würdigen.[33] In diesem berichtet der Mönch Medardus reumütig in Form einer Retrospektive von sei­nen vergangenen Erlebnissen. Um die Todsünde der Familie zu büßen und seine aufstei­genden Gelüste zu unterdrücken, entscheidet sich der junge Franz den Weg des Geist­lichen einzuschlagen. Doch sein Vorhaben misslingt. Ein wundersamer Trank, die „Eli­xiere des Teufels“, raubt ihm sein Rednertalent und verändert sein gesamtes Wesen. Schwankend zwischen wilden Trieb- und Mordgelüsten und dem Wunsch nach einer geistigen Verbindung verfolgen verschiedene Doppelgänger Medardus auf Schritt und Tritt. Der junge Mönch schlüpft im Lauf der Erzählung in verschiedene Rollen. Die Ver­leugnung seiner wahren Identität stürzt ihn jedoch zunehmend in eine schwere Iden­titätskrise, aus der er nur mühsam wieder zu sich selbst findet.

3.2 Gustav Meyrink: „Der Golem“

Gustav Meyrink, der sehr früh sein Interesse am Okkultismus und der Telepathie bezeug­te und bereits als Kind von Visionen heimgesucht wurde, begann 1907 die Arbeit an sei­nem ersten Roman „Der Golem“.[34] In diesem schauerlichen Werk spiegelt sich seine Vor­liebe für die jüdische Mystik und Magie wider. Das Prager Ghetto stellt den Schauplatz des Geschehens dar.[35] Die intensive Beschäftigung Meyrinks mit der esoterischen The­matik und seine antimilitaristische Einstellung wurden kritisch begutachtet. Dennoch wurde sein Roman, der eng mit der Symbolik des Tarots arbeitet, in der Zeitschrift „Die weißen Blätter“ veröffentlicht. 1915 erschien das Werk, welches Gustav Meyrink den großen Durchbruch sicherte und bis heute als „Meisterwerk“ gefeiert wird, in Buch- form.[36] Hermann Hesse war einer seiner glühenden Bewunderer. Doch es gab auch viele, die scharfe Kritik an seinem Roman, wie auch seiner Person, äußerten. Albert Zimmer­mann beschreibt die Stimmung des „Golem“ als „schmutzig-schmierig, wüst und ekel­haft“. Er überträgt diese Adjektive auch auf dessen Autor, denn dieses sei seine bevor­zugte Stimmung, er liebe das „Faulige“.[37] Wie komplex und durchdacht der Roman des Österreichers jedoch aufgebaut ist und wie er den Leser auf unheimliche und fesselnde Art in die Suche des Erzählers nach sich selbst mit einbezieht, möchte ich in meiner Ar­beit untersuchen.

Der Roman erzählt die Geschichte eines anonymen Erzählers, der, in den Schlaf ver­sunken, in der Identität des vierzigjährigen Gemmenschneiders Anthanasius Pernath das Leben im Prager Ghetto im Jahre 1885 kennenlernt. Von Visionen und mystischen Ereig­nissen heimgesucht, begegnet er dem rätselhaften „Golem“, der seit Jahren im Ghetto die Menschen in Angst und Schrecken versetzt. Auf der Suche nach seinem wahren Selbst, das Pernath infolge eines Traumas verloren hatte, wird er in Intrigen und Liebesver- strickungen verwickelt, bis er im Gefängnis jegliche Hoffnung verliert. Wieder befreit, sucht er seine damaligen Freunde vergeblich. Er stürzt ab - und erwacht, um festzu­stellen, dass er keine Stunde geschlafen hat. Auf der Suche nach dem „wahren“ Pernath macht er erstaunliche Entdeckungen.

3.3 Alfred Kubin: „Die andere Seite“

Alfred Kubin, der als Illustrator und Mitglied der Künstlergruppe „Die blauen Reiter“ be­kannt war, erregte mit seinem ersten und einzigen Roman „Die andere Seite“ (die erste Auflage erschien 1909) großes Aufsehen. Die Skepsis war groß. Kubin war als Zeichner zu bekannt, „als daß sein Roman „Die andere Seite“ in die Literaturgeschichte Eingang gefunden hätte“[38], wie Hellmuth Petriconi betont. In lediglich zwölf Wochen verfasste der Autor den Roman, noch sehr traumatisiert von dem Tod seines Vaters, der kurz zuvor verstarb.[39] Dieses Ereignis hatte Kubin in eine schwere künstlerische Schaffenskrise gestürzt. Schnell jedoch spürte er den inneren Drang etwas zu tun und begann einen aben­teuerlichen Roman zu verfassen.[40]

Voll Eile und Sehnsucht kam ich zu Hause an. Als ich dann eine Zeichnung anfangen wollte, ging es absolut nicht. Ich war nicht im Stande zusammenhängende, sinnvolle Striche zu zeichnen. Es war, wie wenn ein vierjähriges Kind zum erstenmal die Natur abkonterfeien sollte. Diesem neuen Phänomen stand ich erschrocken gegenüber, denn, ich muß es wiederholen, ich war innerlich ganz und gar mit Arbeitsdrang erfüllt. Um nur etwas zu tun und mich zu entlasten, fing ich nun an, selbst eine abenteuerliche Geschichte aus­zudenken und niederzuschreiben. Und nun strömten mir die Ideen in Überfülle zu, peitsch­ten mich Tag und Nacht zur Arbeit, so daß bereits in zwölf Wochen mein phantastischer Roman »Die andere Seite« geschrieben war. In den nächsten vier Wochen versah ich ihn mit Bildern.[41]

Der phantastische Roman erzählt die Erlebnisse eines namenslosen Zeichners, der auf die Einladung seines Jugendfreundes Claus Patera hin, gemeinsam mit seiner Frau, in dessen selbst erschaffenes Traumreich irgendwo in Zentralasien zieht.[42] Die neue Heimat ent­puppt sich allerdings schnell als ein in der Vergangenheit verfangener Überwachungs­staat, der der Macht des Herrschers Patera unterworfen ist. Das sorgenfreie Leben der Traumbewohner, die nur in „Stimmungen“[43] leben, nimmt dagegen mit dem Einzug des Amerikaners Herkules Bell in das Reich ein abruptes Ende. Seltsame und unheimliche Dinge geschehen. Der Neuling entpuppt sich als Doppelwesen und gleichzeitiger Wider­sacher Pateras, der schließlich unter apokalyptischen Zuständen mit seinem Reich unter­geht.

4. Die Fremdbestimmung

4.1 Der Faden des Lebens

Kaltblütiger Mörder oder Opfer einer höheren Macht? Diesen Zwiespalt thematisiert Hoffmann in seinem Roman „Die Elixiere des Teufels“. Franz ist ein unbekümmertes, fröhliches Kind, doch tief in seinem Innersten verborgen lauern die Erbsünden seiner Vorfahren, die Entsühnung fordern. Franz ist auserwählt, die Sünden seiner Vorfahren aufzuheben und das eigene sündhafte Geschlecht auszurotten. Sein eigener Wille bleibt dabei jedoch auf der Strecke. Als „willenloses Werkzeug“ einer fremden Macht (E 157) fühlt er sich wie eine Marionette, dessen Fäden eine unbekannte Instanz nach Belieben zieht. Von inneren Stimmen zu seinen verbrecherischen Taten gedrängt, ist er im Inneren entzweit. Denn, obwohl er sich als Mönch Medardus als der Vollstrecker einer göttlichen Macht, als ein „besonders Erkorner des Himmels“ (E 39), wähnt, beschleichen ihn immer wieder Zweifel, ob er nicht vielmehr in die Opferrolle hineingedrängt wird. Medardus ist der Beeinflussung von bösen wie auch guten Mächten hilflos ausgesetzt, wie bereits im Vorwort herausgestellt wird:

[...] als könne das, was wir insgemein Traum und Einbildung nennen, wohl die symbolische Erkenntnis des geheimen Fadens sein, der sich durch unser Leben zieht, es festknüpfend in allen seinen Bedingungen, als sei der aber für verloren zu achten, der mit jener Erkenntnis die Kraft gewonnen glaubt, jenen Faden gewaltsam zu zerreißen, und es aufzunehmen, mit der dunklen Macht, die über uns gebietet.[44]

Der junge Mönch versucht vergeblich diesen Faden zu zerreißen. Dass er für diese Sünde nicht bestraft wird, ist der himmlischen Macht Gottes zu verdanken. Diese steht dem bö­sen, teuflischen Prinzip entgegen. Seine Bemühungen den Weg der Geistlichkeit einzu­schlagen, um seinem sündhaften Begehren zu entfliehen, sind nicht von Erfolg gekrönt. Medardus kann seine sexuellen Triebe nicht kontrollieren. Der Teufel missbraucht diese Gefühle des Menschen um Macht über ihn zu gewinnen.[45] Auch den verlockenden Düf­ten des magischen „Elixiers des Teufels“ kann er nicht widerstehen. Sein Bestreben, den „böse[n] Anfechtungen] des Teufels“ (E 28) durch asketische Übungen zu entkommen, misslingt. Der Mönch wird von einer „feindlichen Macht“ (E 36) verleitet, das verbotene Getränk zu kosten, welches ihn in einen hochmütigen und unberechenbaren Täter ver­wandelt. Doch nicht alle Menschen sind den Anfechtungen des Teufels in gleichem Maße ausgeliefert. Der Graf, welcher ihn zu dem Genuss des verbotenen Tranks verleitet, spürt die Wirkung des Bösen nicht. Der Glaube und die Offenheit, das Böse in sich eindringen zu lassen, stellen demnach die eigentliche Gefahr dar.[46] Mit dem bösen Prinzip infiziert, nimmt das Schicksal seinen Lauf. Medardus verliert die Macht über seine Reden. „Blind­lings das nachsprechend“, was ihm eine „fremde Stimme im Innern“ zuflüstert (E 64), be­trachtet er sein Leben als schicksalhafte Fügung (E 62). Diese „innere Passivität“ ist ver­heerend, da er der Gefahr erliegt, in ein „Spannungsfeld zwischen realer und idealer Welt“ zu geraten.[47] Seine konträren Gefühle von Trieb und Gewissen, Verstand und Ge­fühl führen ihn in den Wahnsinn.

Hoffmann beschäftigte sich intensiv mit den Auswirkungen der Fremdbestimmung auf Körper und Seele. Verschiedene wissenschaftliche Schriften zu den „Nachtseiten“[48] des Geistes und zur „romantischen Medizin“[49] liegen den Charakterentwürfen seiner Protago­nisten zugrunde. Der Autor kannte das Gefühl der inneren Zerrüttung aus eigener Erfah­rung. Die Angst dem Wahnsinn zu verfallen, notierte er mehrfach in seinem Tagebuch, wie auch am ersten Juni 1811: „Gespannt bis zu Ideen des Wahnsinns die mir oft kom­men [!] Warum denke ich schlafend und wachend so oft an den Wahnsinn?“[50] Die Macht des Unterbewussten stellt dabei die Quelle des Wahnsinns dar. Dieser versetzt die Seele des Menschen in innere „Spannungen“.[51]

Doch lässt sich die innere Zerrüttung des Mönches und das unheimliche Spiel zwischen ihm und seinem Doppelgänger wirklich als Schicksalsfügung interpretieren? Oder sind die Ereignisse, wie der Sturz des Grafen in den Abgrund, vielmehr als Zufall anzusehen? In der Epoche der Romantik räumte man dem Schicksalsbegriff einen hohen Stellenwert ein. Die Fügung des Schicksals wurde als „Gabe Gottes“ interpretiert, während das Ver­trauen auf eigene Kräfte den Verdacht des Bösen im Menschen suggerierte.[52] Die Be­griffe des Zufalls und des Schicksals lassen sich jedoch miteinander vereinen. Denn die magischen Kräfte des Schicksals können als „Vertreter einer geistigen Macht“ interpre­tiert werden, die in das Leben eingreifen und ihre Wirkung auf den Zufall entfalten, „wie es bisher die geistige Kraft eines Menschen auf die Materie hat“.[53] Dem magischen Zufall steht ein innerer Kampf von Gut und Böse entgegen. Dieser manifestiert sich allerdings nur auf der subjektiven Empfindungsebene des Protagonisten und spiegelt die unsichtbare Macht wider. Medardus empfindet seine Lebensgeschichte als vorbestimmtes Schicksal und äußert im Verlauf des Farospieles, dass es „höchst gefährlich und verderblich“ sei, den Kampf mit dem Schicksal aufzunehmen (E 152). Das Schicksal muss akzeptiert wer­den.

Inwiefern der Mensch trotz dieses vorgegebenen Schicksals frei in seinen Handlungs­weisen ist, wurde in der Forschung unterschiedlich beurteilt. Während die Einen die Frei­heit des Handelns als beschränkt oder unterbunden betrachten[54], gibt es auch gegenteilige Stimmen. Diese sehen die Freiheit des Protagonisten nicht gefährdet. Solange er den Idea­len der göttlichen Natur folgt, ist ein eigenständig bestimmter Entwicklungsweg mög­lich.[55] Der Protagonist ist frei dem Schicksal zu entkommen, indem er die Situation er­kennt und seine Handlungsweise ändert. Ich teile diese Sichtweise. Medardus, der durch die Hoffnungen seiner Mutter und des Pilgers in die Geistlichkeit gedrängt wird, ist dennoch selbst für seine nachfolgenden Taten verantwortlich. Die Besessenheit und der Wahnsinn erschweren die Durchhaltefähigkeit zum Guten, liefern ihn aber nicht zwangs­läufig an den Dämon aus. Medardus verliert die Kontrolle über sich nur partiell und behält die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Der Papst weist im Roman auf die Selbstbe­stimmtheit mit Hilfe einer Metapher hin (E 300):

Doch! sprach er [d.i. Papst]: der ewige Geist schuf einen Riesen, der jenes blinde Tier, das in uns wütet, zu bändigen und in Fesseln zu schlagen vermag. Bewußtsein heißt dieser Rie­se, aus dessen Kampf mit dem Tier sich die Spontaneität erzeugt. Des Riesen Sieg ist die Tugend, der Sieg des Tieres, die Sünde.

Es ist wesentlich einfacher für den jungen Mönch, die Verantwortlichkeit für sein Han­deln von sich zu weisen und auf die Elixiere oder den Einfluss des Satans abzuwälzen. Der Verlust der freien Entscheidungsfähigkeit ist indes eine nicht von der Hand zu wie­sende Gefahr, wie bei dem Farospiel verdeutlicht wird. Die Tatsache, dass der Fürst den Verlust des Geldes ersetzt hätte, hebt die Freiheit des Spiels auf. Willensstärke und der Glaube an die eigenen Fähigkeiten sind daher notwendig, um den Einflüssen böser Mächte zu widerstehen.

4.2 Die unsichtbare Intelligenz

Auch die Menschen im „Golem“ werden von einer mysteriösen Macht beherrscht. Im Prager Ghetto begegnet der Erzähler dem sagenumwobenen Golem. Alle dreiunddreißig Jahre erscheint diese unheimliche Gestalt und versetzt die Menschen in Angst und Schre­cken.[56] Als „Geschöpf der Gedankenwelt und Atmosphäre des Ghettos“[57] besitzt er eine enorme Macht über das Seelenleben der Menschen. Die innere Verbundenheit mit dem düsteren Ghetto betont das „golemhafte“ dieses Geschöpfes und verwandelt den geheim­nisvollen Fremden in ein unheimliches und schreckliches Gespenst.[58] Es symbolisiert die tiefsten Seelenschichten der Ghettobewohner, in die er ungefragt eindringt und ein Gefühl der Besessenheit hervorruft (G 52). Diesem darf jedoch nicht zu viel Bedeutung beige­messen werden, denn erst durch sie erhält er die Möglichkeit, eine körperliche Gestalt an­zunehmen. Es besteht demnach ein gegenseitiges Abhängigkeitsverhältnis.[59]

Und wie jener Golem zu einem Lehmbild in derselben Sekunde erstarrte, in der die ge­heime Silbe des Lebens aus seinem Munde genommen ward, so müßten auch [...] alle diese Menschen entseelt in einem Augenblick zusammenfallen, löschte man irgendeinen win­zigen Begriff, ein nebensächliches Streben [...] in ihrem Hirn aus. (G 33)

Verschiedene Vorzeichen kündigen das „Hereinbrechen jenes Phantoms“ (G 52) ins Reich an:

Der abblätternde Bewurf einer alten Mauer nimmt eine Gestalt an, die einem schreitenden Menschen gleicht; und in Eisblumen am Fenster bilden sich Züge starrer Gesichter. Der Sand vom Dache scheint anders zu fallen als sonst und drängt dem argwöhnischen Beob­achter den Verdacht auf, eine unsichtbare Intelligenz, die sich lichtscheu verborgen hält, werfe ihn herab und übe sich in heimlichen Versuchen, allerlei seltsame Umrisse hervorzu­bringen.

Schleicht sich der Golem in die Seele eines Menschen, schwinden diesem die Sinne. Eine unsagbare Müdigkeit erfasst den Geist (G 55) und der Leib wird von einem qualvollen Starrkrampf befallen. Der Mensch hat keinerlei Einfluss mehr auf seinen Körper. Der Er­zähler empfindet dieses Eindringen in seine Persönlichkeit als grauenvoll und angstein- flößend:

Und als ich antwortete, da fühlte ich, daß sich meine Zunge wie aus einem Krampfe löste, von dem ich vorher nichts gespürt hatte. Ich war förmlich überrascht, daß ich mich bewe­gen konnte, und deutlich kam mir zum Bewußtsein, daß ich mich - wenn auch nur den Bruchteil eines Herzschlags lang - in einer Art Starrkrampf befunden haben mußte. (G 51)

Er ist nicht in der Lage, sich gegen den ungewollten Eingriff zu wehren. Eine Kälte über­zieht seinen Leib und ein entsetzliches Gefühl, „als verblute er langsam“, kriecht seinen Körper hinauf (G 75). Der Golem hat von ihm Besitz genommen. Seine Wesens- und Ge­sichtszüge, die er in seine „Opfer“ hineinprojiziert, verleihen seiner Anwesenheit Aus­druck. So befindet sich Pernath abrupt in dem Schoße seines Freundes Zwakh, der als Marionettenspieler gerade den Kopf einer neuen Puppe anfertigt. Erschrocken starrt ihm das Gesicht des Golem am Ende der Schnitzerei entgegen (G 55 ff.). Die Besessenheit der betroffenen Menschen gipfelt in dem Mord des Freimaurers Karl Zottmann. Mehrere Selbstmorde geschehen ebenfalls. Auch der Lustmörder Laponder wird von einer höheren Gewalt zu seiner grausamen Tat gedrängt: „Wenn ich auch bei vollkommen klarem Be­wußtsein handelte, so hatte ich dennoch keine Wahl: irgend etwas, dessen Vorhandensein in mir ich nie geahnt hatte, wachte auf und war stärker als ich.“ (G 248 f.)

Das Geschöpf, welches „nicht sterben kann“ (G 47), nimmt bei jedem Menschen unter­schiedliche Züge an. Erscheint er den Einen als gespenstisches Phantom, beschwört die Frau des Archivars Hillel, dass es nur ihre „eigene Seele habe sein können, die - aus dem Körper getreten - ihr einen Augenblick gegenübergestanden und mit den Zügen eines fremden Geschöpfes ins Gesicht gestarrt hätte.“ (G 53) Das „Gespenst“ als einen Teil seiner Selbst anzuerkennen, stellt den Schlüssel zur Erlösung dar. Nur so kann die angst­einflößende Projektion seiner Selbst überwunden und der freie Wille zurückerlangt werden.[60] Pernath ist mit der Situation jedoch überfordert: „Ich kam mir vor wie ein Gaul, der dressiert wird, das Reißen am Zügel spürt und nicht weiß, welches Kunstwerk er machen soll, den Willen seines Herrn nicht erfaßt.“ (G 102)

Ist wirklich der Golem die herrscherische Instanz, die über die Menschen Gewalt ausübt? Oder handelt es sich vielmehr um die innere Stimme seines Selbst, die Pernath den rich­tigen Weg zu weisen versucht; hin durch die „wilden Schluchten und Klüfte des Lebens“ empor in die „Firnenwelt eines unbetreten Landes“ (G 236)? Jeder empfindet die Anwe­senheit des mysteriösen Geschöpfes unterschiedlich. Pernath spürt, dass hinter dem un­heimlichen Golem mehr verborgen ist, als all die Menschen, die „von einem unsichtbaren magnetischen Strom belebt“ (G 42), willenlos durch ihr Dasein treiben, ahnen.

4.3 Im Bann

Ähnlich willenlos fristen die Träumer in Kubins Roman „Die andere Seite“ ihr monoto­nes Leben. Das gesamte Traumreich steht unter dem Bann des allgegenwärtigen Schöp­fers Patera, der seine Geschöpfe wie „Marionetten“ (AS 149) an seidenen Fäden lenkt.[61] Die Hauptstadt Perle gleicht einer großen Bühne, Theater sind demnach in dem Traum­reich nicht erwünscht und unnötig, betonen die Bewohner doch selbst: „Wir haben selbst Theater genug!“ (AS 98) So beobachtet der Erzähler eines Tages einige Burschen, die „Nebengeräusche“ erzeugen (AS 106).

Der Erzähler spürt die Macht seines alten Jugendfreundes am eigenen Leib. Bereits vor seiner Ankunft im Traumreich beeinflusst ihn diese. Eine Ablehnung der Einladung ist ausgeschlossen (AS 27). Zweifelhafter steht die Frau des Erzählers dem Vorhaben ihres Gatten gegenüber. Angsterfüllt stellt sie vor dem Tor des Traumreiches fest: „Nie mehr komme ich da heraus.“ (AS 47) Sie wird Recht behalten, denn wie alle anderen Men­schen, die Patera in sein Reich eingeladen hat, wird auch sie von der „kollektiven Beses- senheit“[62] ergriffen. Der Schöpfer verbirgt sich hinter allem, selbst die Zeugung eines Kindes scheint er beeinflussen zu können. Kindern, die im Traumreich geboren werden, fehlt wie ihm das Nagelglied am linken Daumen (AS 114). Im Verlauf der Handlung ent­deckt der Erzähler, der den Leser durch das Traumreich führt, besondere Rituale. Die gewaltige Anziehungskraft Pateras wird in dem sogenannten „großen Uhrbann“ (AS 79), der die Menschen täglich überfällt, besonders offenkundig. Auch der Erzähler kann sich diesem Zwang nicht entziehen und steht schließlich vor der Wand, an der ein Strahl Wasser herunterfließt, und spricht von einer inneren Stimme angetrieben die Worte: „Hier stehe ich vor Dir!“ (AS 81)[63]

Die als „Klaps“ (AS 103) beschriebene Gefühlsregung, welche die Bewohner befällt, wenn Patera einen epileptischer Anfall hat, demonstriert seine Verbundenheit mit ihnen und betont seine Macht: „Wird aber das innerliche Auflehnen gegen das Unabänderliche zu stark, dann kommt der Klaps“ (AS 104). Dem Bann des unnahbaren Herrschers sind neben den Menschen auch alle Tiere und Pflanzen unterworfen:

Das gesamte Traumland war einem Bann unterworfen [...] Der Meister steckte wirklich hinter allem und manifestierte sich häufiger, als es angenehm war, auf geheimnisvolle Weise. Der Gedanke, daß er der Lenker von fast fünfundsechzigtausend Träumern sei, war nicht von der Hand zu weisen [...] Wo die Grenzen seiner Macht lagen, konnte ich un­möglich absehen, denn ich bekam noch genug Beweise, daß er auch allem [!] tierischen und pflanzlichen Wesen seine Impulse mitteilte. Wir ahnten das auch sämtlich und nahmen es als ein besiegeltes Schicksal hin. (AS 148)

Der „Magnetiseur“ Patera versetzt die Traumbewohner in einen Trancezustand und steht in der Tradition des „Magnetiseur[s]“ E.T.A. Hoffmanns.[64] Den Höhepunkt der Besessen­heit bildet indes der Starrkrampf, den der Erzähler am eigenen Leib erfährt, als er Patera gegenübersteht: „Von der Zunge ausgehend, ergriff er den ganzen Körper. - Unten auf dem Platze wurden Menschen und Tiere einen Moment steif wie Holz.“ (AS 125) Die Verwandlungsfähigkeit des Herrschers ist gewaltig. Dem Erzähler gelingt es erst sehr spät bis zu ihm vorzudringen. Die Anwesenheit des Schöpfers ist allgegenwärtig, zeigt er sich doch immer wieder in verschiedenen Personen und überzieht mit seinem Duft das ge­samte Land (AS 76, 123).

Die Menschen leben unter ständiger Beobachtung des Herrschers, der alles selbst er­schaffen hat, jeden Bewohner und jeden Gegenstand sorgfältig auswählte. Bezeich­nenderweise erhalten vorwiegend verwirrte oder schwache Menschen eine Einladung in das Reich. Ständige Gäste der Sanatorien und Heilanstalten, „in sich abgeschlossene^ Typen“ (AS 59), waren ebenso begehrt wie Menschen mit einem ausgefallenen Äußeren. Nach dem „Gesichtspunkt des Abnormen oder einseitig Entwickelten“ (AS 60) werden sie ausgesucht. All diese Menschen zeichnen sich durch eine Besonderheit aus, die ihre ganz persönliche Identität prägt. Dies macht sie allerdings auch besonders beeinflussbar. Der Erzähler lässt sich ebenfalls dieser Gruppierung zuordnen. Er charakterisiert sich selbst als „schüchterner“, „schwächlicher Mensch“ (AS 13). Dies erklärt auch, weshalb die Traumbewohner glauben, sich schon einmal begegnet zu sein (AS 52). Sie sind alle nach ähnlichen Kriterien ausgewählt worden und der Beeinflussung Pateras hilflos aus­gesetzt.

Es verwundert jedoch sehr, dass immer wieder betont wird, wie glücklich und zufrieden die Bewohner ihr Leben trotz der seltsamen Umstände und der rätselhaften Geschehnisse führen. Sie leben ihren „Traum“, die restliche Welt gerät zunehmend in Vergessenheit. Der Erzähler beschreibt das Gefühl, welches jeden Bewohner erfasst, folgendermaßen:

Uns erschien das Traumreich unermeßlich und grandios, die übrige Welt kam gar nicht in Betracht, man vergaß sie. Kein Mensch, der sich hier eingelebt, wollte wieder hinaus, «da draußen», das war Schwindel, das gab’s gar nicht. (AS 145)

Obwohl die Umstände sehr merkwürdig sind und die Geldwirtschaft lediglich „symbo­lisch“ existiert (AS 65), fühlt der Erzähler, dass es eine „starke Hand‘ gibt, deren „ver­borgene Kraft“ hinter allem steht (AS 66). Er nennt diese Macht das „Schicksal“ (AS 66). Der innere Drang des Erzählers, das Rätsel um seinen alten Jugendfreund zu entschlüs­seln, wird immer größer. Von diesem Vorhaben wird ihm dessen ungeachtet tunlichst abgeraten. Die Bewohner folgen diesen Befehlen widerstandslos. Niemand denkt zu­nächst daran sich aufzulehnen. Selbst als Seuchen die Stadt überfluten und alle Dinge und Menschen der Verwahrlosung und dem Zerfall hilflos ausgesetzt sind, scheinen sich die Bewohner über den Ernst der Lage nicht im Klaren zu sein: „Sich aber in seinem Ver­gnügen stören zu lassen, fiel keinem Traummenschen ein“ (AS 192), betont der Erzähler nach der schlimmen Tierseuche, bei der etliche Menschen bereits ums Leben kamen.

Es ist grotesk und unwirklich, doch die Menschen führen ein einfaches Leben. Sorgenfrei genießen sie ihr Leben unter der Lenkung des Herren. Die anfängliche Euphorie des Er­zählers, der sich diesem Leben anpasst, verfliegt dahingegen sehr schnell: „Der Herr besaß unseren Willlen, trübte unsere Vernunft.“ (AS 149) Hin - und hergerissen zwischen Abscheu und Hoffnung, baut er immer wieder vergeblich auf die Hilfe Pateras (AS 135). Der Herrscher scheint nicht in der Lage zu sein, den drohenden Untergang aufzuhalten. Eine große Müdigkeit plagt seinen Geist. Im Schlaf ist seine Einflussnahme auf die Men­schen besonders einfach. Es überrascht daher nicht, dass eine Schlafseuche ausbricht, als Herkules Bell mit Hilfe seiner Proklamation auch die letzten Traumstädter zu überzeu­gen versucht (AS 185). Der Glaube an den Herren nimmt jedoch immer mehr ab. Das Reich versinkt nach und nach in Schutt und Asche.

Mit dem Untergang des Reiches stürzt auch jeder einzelne Bewohner in die Tiefe und verschwindet in der unförmigen Masse, in der sich alles auflöst. Die Menschen verlieren die Fähigkeit der Sprache (AS 214) und fallen dem um sich greifenden Sittenverfall zum Opfer (AS 217 f.), da die Wahrung des guten Rufes keine Rolle mehr spielt. Der freie Wille des Menschen ist erloschen. Der Erzähler schildert diese besonderen Momente er­schüttert:

Aber den stärksten Eindruck machte mir der halbwache, etwas blöde Ausdruck dieser er­hitzten oder blassen Gesichter, der ahnen ließ, daß diese Armen nicht in freier Willensbe­stimmung handelten. Es waren Automaten, Maschinen, die, in Gang gesetzt, sich selbst überlassen worden waren - der Geist mußte woanders hausen! (AS 220)

Der einzige Bewohner, der sich dieser Selbstaufgabe mit aller Kraft widersetzt, ist der Amerikaner Herkules Bell. Seine Bemühungen, den Blick der Menschen für den Unter­gang ihrer Identität zu schärfen, sind allerdings vergeblich. Zu groß ist die Angst der Träumer vor der Rache des Herren (AS 166). Auch der Tod Pateras am Ende des Romans führt nicht zu der erwünschten Erlösung.

Die Menschen besitzen keine eigene Schöpferkraft mehr, eine individuelle Besessenheit bleibt an ihnen haften.[65] Selbstmord scheint die einzige Lösung zu sein. Inwieweit Patera die Machtinstanz repräsentiert oder ob eine noch höhere, verborgene Macht hinter diesem Phantom waltet, werde ich noch erläutern.

5. Das Doppelgängerphänomen

5.1 Im Zeichen des Kreuzes

Voller Entsetzen vernimmt Medardus die Stimme seines Doppelgängers, der ihn unauf­hörlich auf seinem Weg in die Freiheit verfolgt. Kontinuierlich fordert er ihn auf, mit ihm aufs Dach zu steigen und zu ringen. Sein grässliches Lachen lässt den Mönch erschau­dern. Doch nicht die Person löst das Gefühl des Grauens bei dem jungen Mönch aus, sondern die Erkenntnis, dass der Doppelgänger einen Teil seiner Selbst repräsentiert (E 128).[66] Die blutige Gestalt des in den Abgrund gestürzten Viktorins bleibt dabei nicht die einzige Doppelgängergestalt. Auch in dem seltsamen Maler, seinem Halbbruder Her- mogen und dem närrischen Friseur Belcampo zeigen sich Züge seiner Selbst. Das Ich des Mönches ist in unzählige Teile gespalten, eine Einheit der Persönlichkeit ist nicht mehr vorhanden:

[...] doch war mein Ich hundertfach zerteilt. Jeder Teil hatte im eignen Regen eignes Be­wußtsein des Lebens und umsonst gebot das Haupt den Gliedern, die wie untreue Vasallen sich nicht sammeln mochten unter seiner Herrschaft. Nun fingen die Gedanken der einzel­nen Teile an sich zu drehen, wie leuchtende Punkte, immer schnell und schneller, so daß sie einen Feuerkreis bildeten, der wurde kleiner, so wie die Schnelligkeit wuchs, daß er zuletzt nur eine stillstehende Feuerkugel schien. Aus der schossen rotglühende Strahlen und be­wegten sich im farbigen Flammenspiel. (E 254)

Ob Medardus damit als schizophren zu bezeichnen ist, lässt sich allerdings nicht eindeutig bestimmen. Der Begriff stammt aus dem Griechischen, in dem „schizo phren“ die Bedeu­tung „ich spalte die Seele“ trägt.[67] Medardus fühlt sich in seinem Wesen gespalten: „Ich bin das, was ich scheine, und scheine das nicht, was ich bin, mir selbst ein unerklärliches Rätsel, bin ich entzweit mit meinem Ich!“ (E 73) Dennoch sind viele der Doppelgänger­auftritte nicht als bloße Halluzinationen seitens Medardus zu deuten. Denn die Gestalten, die als sichtbare Personen erscheinen oder nur als innere, angsteinflößende Stimme ver­nommen werden, werden auch von außenstehenden Personen wahrgenommen. Dies un­terstützt die Glaubwürdigkeit des Mönches. Die gespenstischen Szenen, wie beispiels­weise der furchteinflößende Auftritt des wahnsinnigen Mönches im Forsthaus, entlarven sich so als Ereignisse der Realität, beziehungsweise des Übernatürlichen. Die unheim­liche Atmosphäre entsteht vor allem, da sich vertraute Umgebungen als Orte des Schre­ckens enthüllen. Den Höhepunkt des Grauens bildet die Kerkerszene, in welcher der nackte Doppelgänger aus dem Boden hervorsteigt und Medardus das Messer überreicht, das die Erbsünde repräsentiert (E 201 f.).

Medardus Seele ist gespalten. Gute und böse Teile, die er von sich gewiesen hat, erschei­nen ihm nun in Verkörperung der Doppelgänger. Das „individuelle Böse“, welches sich vor allem in dem Doppelgänger Viktorin verdeutlicht und Medardus in Versuchung führt, ist jedoch nicht nur negativ zu werten. Durch die Darstellung des Bösen wird das Gute gleichsam betont und tritt hervor.[68] Verdrängte Persönlichkeitsteile gelangen dabei tief aus dem Unterbewusstsein an die Oberfläche. Der Verlust des Bewusstseins bei der Er­scheinung eines Doppelgängers bekräftigt diese Verbindung.[69] Der Schock und die Furcht vor der Konfrontation mit dem eigenen Selbst überwältigen den jungen Mönch, obwohl die Doppelgänger ihm wohlgesonnen sind. Medardus zu schaden ist nicht ihre Absicht. Sie fungieren vielmehr als Beschützer, die ihn auf seinem Weg begleiten, bis er die Voll­ständigkeit seines Wesens zurückerlangt hat. Die Rötung des Blutes in dem mysteriösen Traum weist auf diese Funktion der Doppelgänger hin.[70] Hoffmann fiel es nicht schwer, sich in die Psyche seines Protagonisten hineinzuversetzen, denn auch er wurde von Doppelgängern seiner Selbst verfolgt. In einem Tagebucheintrag vom ersten Juni 1804 notierte er: „Ungeheure Gespanntheit des Abends ... Anwandlungen von Todesahnungen - Doppelgänger -“[71]

Eine ähnlich schaurige Wirkung verspürt Medardus in der Gegenwart des Grafen Vik­torin, der als offenkundigster Doppelgänger des Mönches anzusehen ist. Dieser nimmt verschiedene Realitätsgrade ein. Mimt er zum einen den wahnsinnigen Mönch, der Me­dardus als Gespenst im Forsthaus auflauert (E 128) und ihm seine Lebensgeschichte wie einen Spiegel vorhält (E 138), fordert er ein anderes Mal seinen Bruder Medardus als blutige Gestalt in einer Vision auf, mit ihm aufs Dach zu steigen. Wie Belcampo und Her- mogen existiert er als reale Person und lässt den Leser damit im Ungewissen über seine Existenz. Viktorin verkörpert vorwiegend die sexuellen Züge in Medardus Charakter. Er spiegelt die teuflische Seite in dem Charakter des Protagonisten wider. Seine frevelnden und sündigen Triebe, die der Mönch im Kloster mit Bußübungen zu züchtigen und ver­drängen suchte, kann er in der Gestalt Viktorins frei ausleben (E 136 f)[72] Doch nicht nur Medardus fürchtet sich vor seinem Doppelgänger. Das Phantom Viktorin ist ebenfalls in seiner Persönlichkeit gespalten und fühlt sich wie Medardus von einem fremden Ich ver­folgt (E 334). Verwirrt und willenlos bietet er für den jungen Mönch die Möglichkeit der Schuldübertragung. Dieser ist nicht bereit, die Verantwortung für seine Taten zu über­nehmen, und projiziert sie auf seinen Doppelgänger, der sich bereitwillig als Täter stellt. Viktorin verkörpert somit das verdrängte Unterbewusstsein, welches mit seinem Erschei­nen an die Oberfläche tritt.[73] Dennoch entwickelt sich eine Verbundenheit zwischen den beiden Brüdern (E 143). Ihre Wesensgleichheit wird in dem Kampf im Wald besonders offenkundig. Qualvoll spürt Medardus die Schmerzen des Gegners am eigenen Leib:

Dann lachte er stärker und mich nur traf jäher Schmerz; ich versuchte seine unter meinem Kinn festgeknoteten Hände loszuwinden, aber die Gurgel einzudrücken drohte mir des Un­getüms Gewalt. (E 252)

[...]


[1] Watts, Der Lauf des Wassers, S. 48.

[2] Freund, Deutsche Phantastik, S. 196.

[3] Vgl. Oehm, Gustav Meyrink, S. 192 f.

[4] Vlg. Hewig, Phantastische Wirklichkeit, S. 13.

[5] Alfred Kubin; zit. nach: Cersowsky, Phantastische Literatur im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, S. 74.

[6] Paul, Ideen-Gewimmel, S. 76.

[7] Paul, Siebenkäs, S. 31.

[8] Rank, Der Doppelgänger, S. 113 f.

[9] Hildenbrock, Das andere Ich, S. 272.

[10] Frenzel, Motive der Weltliteratur, S. 100.

[11] Emil Lucka: Verdoppelungen des Ich, in: Preußische Jahrbücher, Bd. 115, Berlin 1904, S. 60; zit. nach: Bartholomae, Die Doppelpersönlichkeit im Drama der Moderne, S. 15.

[12] Vgl. Bär, Das Motiv des Doppelgängers als Spaltungsphantasie, S. 290.

[13] Jung, Seelenprobleme der Gegenwart, S. 170.

[14] Bär, Das Motiv des Doppelgängers als Spaltungsphantasie, S. 51.

[15] Bartholomae, Die Doppelpersönlichkeit im Drama der Moderne, S. 7.

[16] Vgl. ebd., S. 9.

[17] Freud, Das Unheimliche, S. 260.

[18] Vgl. Hildenbrock, Das andere Ich, S. 174.

[19] Krauss, Das Doppelgängermotiv in der Romantik, S. 7 f.

[20] Vgl. Bär, Das Motiv des Doppelgängers als Spaltungsphantasie, S. 101.

[21] Karl Philipp Moritz: Gnöthi sautón oder Magazin zur Erfahrungsseelenkunde als ein Lesebuch für Gelehrte und Ungelehrte, Berlin 1783; Johann Caspar Lavater: Geheimes Tagebuch von einem Beob­achter seiner Selbst, Frankfurt/Leipzig 1771.

[22] Vgl. Bär, Das Motiv des Doppelgängers als Spaltungsphantasie, S. 440.

[23] Johann Gottlieb Fichte; zit. nach: Bartholomae, Die Doppelpersönlichkeit im Drama der Moderne, S. 9.

[24] Vgl. Frenzel, Motive der Weltliteratur, S. 110.

[25] Vgl. Bär, Das Motiv des Doppelgängers als Spaltungsphantasie, S. 32.

[26] Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, S. 550.

[27] E.T.A. Hoffmann; zit. nach: Köhn, Vieldeutige Welt, S. 44.

[28] Vgl. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, S. 554.

[29] Vgl. Nehring, E.T.A. Hoffmann, S. 336.

[30] Vgl. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, S. 570.

[31] Vgl. Magris, Die andere Vernunft, S. 53.

[32] Ebd., S. 54.

[33] Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, S. 575.

[34] Vgl. Binder, Gustav Meyrink, S. 430.

[35] Das Schreiben gestaltete sich jedoch schwierig. Zu verworren war die Handlung, sodass einige seiner Freunde, u.a. Fritz Eckstein, Meyrink unterstützten. Ursprünglich war „Der ewige Jude“ oder „Der Stein der Tiefe“ mit dem Untertitel „Der Guckkasten“ als Titel des Romans vorgesehen. Vgl. Binder, Gustav Meyrink, S. 457 f.

[36] Das Kapitel „Prag“ des „Golem“ entspricht der Urzelle des Romans. Es gleicht dem Kapitel aus „Der Trödler Wassertrum“, welches im „Pan“ am 16. September 1911 abgedruckt wurde. Vgl. Lube, Gustav Meyrink, S. 121.

[37] Vgl. Albert Zimmermann: Gustav Meyrink und seine Freunde. Ein Bild aus dem dritten Kriegsjahr, Ham­burg 1917, S. 5; zit. nach: Marzin, Okkultismus und Phantastik, S. 20.

[38] Petriconi, Das Reich des Untergangs, S. 96.

[39] Andres Geyer merkt allerdings an, dass Briefe und Vorstudien zu der „Anderen Seite“ existieren, die eine frühere Beschäftigung mit dem Roman nahe legen. Vgl. Geyer, Träumer auf Lebenszeit, S. 98.

[40] Ursprünglich war der Titel „Traumreich“ für das Werk vorgesehen.

[41] Kubin, Aus meinem Leben, S. 40 f.

[42] Hellmuth Petriconi führt als Quelle der Wegbeschreibung in das Traumreich den Bericht Marco Polos an. Vgl. Petriconi, Das Reich des Untergangs, S. 98 ff.

[43] Kubin, Die andere Seite, Seite 12. Im Folgenden werden Zitate unter Verwendung der Sigle „AS“ im Text nachgewiesen.

[44] Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, S. 12. Im Folgenden werden Zitate unter Verwendung der Sigle „E“ im Text nachgewiesen.

[45] Vgl. Steinwachs, Die Liebeskonzeption, S. 51.

[46] Vgl. Nehring, E.T.A. Hoffmann, S. 344.

[47] Vgl. Nipperdey, Wahnsinnsfiguren, S. 101.

[48] Unter diesem Begriff verstand man die Seiten des Menschen, die dem Verstand nicht zugänglich sind, wie die Fremdbestimmung durch unerklärliche Kräfte (Schicksal, Zufall), die Triebe, die Erscheinungen des animalischen Magnetismus wie Hypnose sowie Phänomene der menschlichen Psyche (Wahnsinn). Gotthilf Heinrich Schubert prägte den Begriff der „Nachtseite“. Vgl. Hoffmann, Die Elixiere des Teufels, S. 563.

[49] Ebd., S. 558.

[50] E.T.A. Hoffmann; zit. nach ebd., S. 564.

[51] Nipperdey, Wahnsinnsfiguren, S. 213.

[52] Vgl. Pabst, Schicksal, S. 15.

[53] Krauss, Das Doppelgängermotiv in der Romantik, S. 103.

[54] Vgl. Ralf Schenk, Regine Jebsen und Kurt Willimeczik in: Köhn, Vieldeutige Welt, S. 73.

[55] Vgl. Nipperdey, Wahnsinnsfiguren, S. 208. Bernhard von Arx, Karl Ochsner und Wolfgang Pfeiffer-Belli vertreten diese Meinung ebenfalls. Vgl. Köhn, Vieldeutige Welt, S. 73.

[56] Meyrink, Der Golem, S. 48. Im Folgenden werden Zitate unter Verwendung der Sigle „G“ im Text nach­gewiesen.

[57] Doms, Das Phänomen der kollektiven Besessenheit, S. 37.

[58] Vgl. Rosenfeld, Die Golemsage, S. 161.

[59] Vgl. Doms, Das Phänomen der kollektiven Besessenheit, S. 27 ff.

[60] Vgl. Smit, Auf der Suche nach dem Übersinnlichen, S. 122.

[61] Vgl. die Assoziation von Regisseur und Statisten bei Geyer, Träumer auf Lebenszeit, S. 117.

[62] Doms, Das Phänomen der kollektiven Besessenheit, S. 36 ff.

[63] Clemens Ruthner deutet dies als ein Pissoir, in welchem sich das Mysterium mit banalen Körperäu­ßerungen in einer grotesken Art und Weise verschränkt. Vgl. Ruthner, „Bacchanalien, Symposien, Orgien...“, S. 73.

[64] Vgl. Cersowsky, Phantastische Literatur im ersten Viertel des 20. Jahrhunderts, S. 72 ff.

[65] Vgl. Doms, Das Phänomen der kollektiven Besessenheit, S. 42.

[66] Vgl. Bär, Das Motiv des Doppelgängers, S. 40.

[67] Vgl. Lederer, Phantastik und Wahnsinn, S. 283.

[68] Vgl. Schäfer, Symbole des Individuationsprozesses, S. 180 f.

[69] Vgl. Kremer, Romantische Metamorphosen, S. 252.

[70] Vgl. Schäfer, Symbole des Individuationsprozesses, S. 167.

[71] E.T.A. Hoffmann; zit. nach: Krauss, Das Doppelgängermotiv in der Romantik, S. 111.

[72] Vgl. Bär, Das Motiv des Doppelgängers, S. 263.

[73] Vgl. Cramer, Bewusstseinsspaltung, S. 9.

Ende der Leseprobe aus 105 Seiten

Details

Titel
Das Grauen vor dem zweiten Ich – Selbstfindungsprozesse gespaltener Persönlichkeiten bei Hoffmann, Meyrink und Kubin
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Germanistik, Vergleichende Literatur- & Kulturwissenschaft)
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
105
Katalognummer
V178052
ISBN (eBook)
9783640999088
ISBN (Buch)
9783640998807
Dateigröße
960 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Doppelgänger, gespaltene Persönlichkeit, Der Golem, Die andere Seite, Die Elixiere des Teufels, Gustav Meyrink, Alfred Kubin, E.T.A. Hoffmann, Schauerroman
Arbeit zitieren
Corinna Groß (Autor), 2011, Das Grauen vor dem zweiten Ich – Selbstfindungsprozesse gespaltener Persönlichkeiten bei Hoffmann, Meyrink und Kubin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178052

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