Der Generationenkonflikt des Expressionismus in "Das Urteil"

Eine Textanalyse


Hausarbeit, 2010

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Das Verhältnis vom „Schreckbild“ des Vaters zum „alten Kind“ Georg

3.1 Der Generationenkonflikt als literarisches Motiv im Expressionismus
3.2 Vater und Sohn bei Hasenclever, Werfel und Benn.

4. Zusammenfassung

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In „Das Urteil“ von Franz Kafka, welches 1913[1] erschien, bedient sich der Autor vieler Themen, die später dem Expressionismus sein faulendes, stets dem Weltuntergang zugewandtes Gesicht geben sollten. Neben der Präsentation freudscher Betrachtungen, der Suche nach einem neuen Menschenbild und dem Aufgreifen urbaner Nöte, ist es jedoch der Konflikt der Generationen, welcher in diesem Werk den größten Raum einnimmt.

Die Revolte einer Dichtergeneration gegen scheinbar autoritäre oder überholte Zwänge einer Gesellschaft ist neben den Epochen des Sturm und Drang, des Jugendstils oder der Wandervogelbewegung auch ein Thema expressionistischer Dichter: Außer Kafka nehmen sich auch Walter Hasenclever („Der Sohn“), Franz Werfel („Vater und Sohn“) und Gottfried Benn („Ein Trupp hergelaufener Söhne schrie…“) des literarisch äußerst ergiebigen Themas an.

Selbstverständlich ist die Versuchung groß, bei Franz Kafka die Textanalyse des „Urteils“ auf biographische Forschungsergebnisse zu stützen, jedoch ist dieses Feld ausführlich genug bestellt worden. Vielmehr sollen in der Analyse des Verhältnisses Georg Bendemanns zu dessen Vater Anhaltspunkte für einen Konflikt der aufbegehrenden Generation der Söhne im frühen 20. Jahrhundert gegen die scheinbar reaktionären Vorstellungen ihrer Väter gesucht werden. Bei den Literaten des Expressionismus zeichnet sich jener Konflikt schwerlich durch überhitzte Kraftakte, sondern eher durch fleißiges Rebellieren in Fachblättern aus. Ebenso mündet das Aufbegehren des Protagonisten Georg Bendemann in das Ausweichen in geschäftliche Erfolge, die Beziehung zu einer jungen Frau und letztlich in den Freitod.

Es bleibt nun zu untersuchen, mit welchen Mitteln und anhand welcher Beispiele dieser Konflikt zwischen Bendemann und seinem Vater ausgefochten wird. Und die zentrale Frage hierbei ist, wie sich das Ringen der Generationen in ihrem Verhalten wiederspiegelt und inwiefern er ein Konflikt der expressionistischen Epoche ist.

Um hier zu einem angemessenen Ergebnis zu gelangen, soll die Erzählung „Das Urteil“ unter ausschließlicher Konzentration auf das Verhältnis von Vater und Sohn analysiert werden. Anschließend wird das Motiv des Generationenkonfliktes erläutert. Um zu begründen, dass der im „Urteil“ analysierte Konflikt diesem Motiv entspricht, wird er am Ende, in Teilen und keineswegs ausführlich, mit den oben genannten Werken der expressionistischen Autoren Hasenclever, Werfel und Benn verglichen. Einschlägige Forschungsperspektiven oder interessante Interpretationsansätze von Literaturwissenschaftlern werden hierbei nicht gesondert betrachtet, sondern im Analyseteil besprochen.

2. Das Verhältnis vom „Schreckbild“ des Vaters zum „alten Kind“ Georg

Der Grund für den Konflikt Georg Bendemanns und dessen Vaters ist im „Urteil“ auf den ersten Blick schwer greifbar: Der Vater Georgs ist erbost über das Verheimlichen einer vermeintlichen Freundschaft seines Sohnes, über dessen Täuschungen und seine Verlobung. Das „Urteil“ am Ende des Dialoges zwischen Vater und Sohn mutet grotesk an, da im Vorhinein weder eine logische Beweisführung zu einem notwendigen Prozess noch eine Verteidigung Georgs gegen des Vaters nebulöse Anschuldigungen erfolgt. Betrachtet man die Beziehung des Protagonisten zu seinem Vater allerdings näher, kommt man zum Schluss, dass sich Georg durch die Übernahme des familieneigenen Geschäftes und seiner Verlobung der väterlichen Obhut zu entziehen versucht, und Georgs Beziehungen zum Freund und vor allem zum Fräulein Brandenfeld mehr diesem Zweck dienen, als dass sie für ihn eine Herzensangelegenheit darstellen.

Anfangs sticht der starke Gegensatz der Kulissen von Vater und Sohn ins Auge: Die Eingangsbeschreibung der Erzählung schmückt Georgs Person fast mit idyllischer Behaglichkeit aus, wenn vom „Sonntagvormittag im schönsten Frühjahr“ (S.42, Z.1) und einem Ausblick auf „Fluß, die Brücke und die Anhöhen… mit ihrem schwachen Grün“ (S.42, Z.10-14) die Rede ist. Währenddessen ist das Zimmer des Vaters „unerträglich dunkel“ (S.47, Z.17), das Fenster mit Blick auf eine „hohe Mauer jenseits des schmalen Hofes“ (S.47, Z.5-6) geschlossen (S.47, Z.19), und auf einem Tisch stehen noch die Reste des Frühstücks (S.47, Z.10-11). Der Sonntag als Symbol für eine verdiente Ruhepause, der Fluss als Allegorie für die Erneuerung und Grün als Farbe der Hoffnung bahnen Georgs Porträt des aufstrebenden dynamischen Geschäftsmannes an, während der Vater in der Düsternis seines Zimmers eingesperrt zu sein scheint. Letzteres ist durch das Bild des geschlossenen Fensters und das Symbol der Mauer für Ausweglosigkeit hervorgehoben. Hier trauert der Vater der Vergangenheit nach: Eine Ecke beim Fenster ist „mit verschiedenen Andenken der seligen Mutter ausgeschmückt“. Der Tod seiner Frau mag den alten Bendemann „viel mehr niedergeschlagen“(S.48, Z.30-31) haben als Georg, der allerdings auch „Trauer über ein solches Ereignis“ empfindet (S.44, Z.7-8). Während Georg als tüchtig beschrieben wird, ist der Vater alt und schwach: Er hat „irgendeine Augenschwäche“ (S.47, Z.9-10), einen „zahnlosen Mund“(S.48, Z.16) und „struppiges weißes Haar“ (S.49, Z.22).Auch Georgs beruflicher Erfolg grenzt ihn vom Vater ab. Das Geschäft „hatte“ sich durch „glückliche Zufälle… ganz unerwartet entwickelt“ (S.44, Z.16-19), der Umsatz ist beträchtlich gestiegen, das Personal konnte verdoppelt werden (S.44, Z.18-21) und „ein weiterer Fortschritt stand zweifellos bevor“ (S. 51, Z. 22-23).Die Verwendung des Passivs und des Adjektivs „unerwartet“ unterstreicht, gleich dem in „spielerischer Langsamkeit“ verschlossenen Brief (S.42, Z.11), die Leichtigkeit in Georgs Wesen und erweckt den Eindruck, das Glück flöge ihm so zu. Gekrönt wird es nur noch durch die Verlobung zu „Fräulein Frieda Brandenfeld“ (S.45, Z.12).

Der Vater arbeitet auch noch im Geschäft, ist also agil, hat aber seine frühere Position an Georg abgeben müssen. Zu „Lebzeiten der Mutter“ (S.44, Z.) konnte er noch „seine Ansichten“(S.44, Z.12) gelten lassen, nun wird er als zurückhaltend beschrieben (S.44, Z.15). Er sucht seine Zerstreuung im Zeitunglesen (S.47, Z.8), während Georg „mit Freunden beisammen“ ist oder seine „Braut“ besucht (S.46, Z.36; S.47, Z.1).

Der in der personalen Erzählsituation beschriebene Gegensatz zwischen Vater und Sohn kennzeichnet sie offensichtlich als Kontrahenten, allerdings ohne eine greifbare Spannung herzustellen. Das unterkühlte Verhältnis beider zeichnet sich vor allem in der Beschreibung ihrer gemeinsam verbrachten Freizeit aus (S.46, Z.28- S.47, Z.2). Man möchte meinen, dass Vater und Sohn aufgrund ihrer engen Geschäftsbeziehungen und nach dem Verlust der Mutter des anderen Nähe suchten. Jedoch „bestand… keine Nötigung“ das vor „Monaten“ zuletzt betretene Zimmer des Vaters aufzusuchen(S.46, Z.30-31), was wohl bedeuten mag, dass Georg es als lästige Pflicht empfindet, seinen Vater in dessen vertrauter Umgebung zu sehen. Das prädikativ verwendete Adjektiv „gleichzeitig“ ersetzte im Druck für „Arkadia“ „gemeinsam“ aus der handschriftlichen Fassung[2] des „Urteils“. Wenn Vater und Sohn ihr Mittagessen also eher „gleichzeitig“ statt gemeinsam zu sich nehmen, erweckt dieses Ritual eher den Eindruck einer monotonen Choreographie statt eines angenehmen Dinierens in gelöster Stimmung.

Im folgenden Abschnitt gleiten Georgs Aktivitätsbeschreibungen dann ins Rätselhafte: Erst sitzen Vater und Sohn „meistens,… jeder mit seiner Zeitung im gemeinsamen Wohnzimmer“(S.46, Z.36- S.47, Z.1), dann jedoch trifft er sich, „wie es am häufigsten geschah“ (S.46, Z.35-36) mit seinen Freunden oder Frieda. Der Wiederspruch zwischen beiden Aussagen ist kaum zu übersehen. Zur Analyse jener Passage sollte die Erzählperspektive des „Urteils“ bedacht sein, die sich, bis auf die Eingangsbeschreibung (S. 42, Z.1-14) der Landschaft und von Georg beim Schreiben des Briefes sowie seiner Flucht aus dem väterlichen Zimmer (S.54, Z.32), am Protagonisten orientiert, und deren Modus wegen der häufigen Übernahme dessen Blickwinkels als interne Fokalisierung beschrieben werden kann. Vorausgesetzt, der Erzähler berichtet hier unter der Berücksichtigung von Georgs Empfindungen, drängt sich dem Leser der Eindruck auf, der Erzähler bringe etwas durcheinander oder wolle Georgs Sicht der Dinge gerecht werden, nämlich ein artiger Sohn und ein Mann, der „im Jubel durch die Welt“ (S.52, Z.35) geht, zugleich zu sein. Die Verstärkung der Aussage über Georgs Besuche bei Freunden und der Verlobten durch den Superlativ „am häufigsten“ lässt sie eher glaubwürdig klingen. Georg scheut also die Nähe des Vaters und entzieht sich ihrer. Somit ist das Verhältnis von Vater und Sohn im ersten Teil der Erzählung durch Gegensätzlichkeit geprägt und lässt offene Beschreibungen ihres emotionalen Verhältnises völlig aus.

Aus dieser Distanz zum Vater tritt der Protagonist ihm zunächst mit Verwunderung und Unsicherheit gegenüber, wenn er dessen Zimmer betritt, um ihm mitzuteilen, seine Verlobung seinem in Russland lebenden Freund anzuzeigen. Die Bemerkungen Georgs „mein Vater ist noch immer ein Riese“ (S.47, Z.14-15) und „Im Geschäft ist er doch ganz anders“ (S.47, Z.32) zeigen beide seine Überraschung. Vor allem die Kollokation „noch immer“ verdeutlicht, dass der Vater entgegen Georgs Erwartung so mächtig auftrete. Die Unsicherheit, die ihn durch das Streitgespräch mit dem Vater begleiten soll, befällt Georg schon, wenn er „den Bewegungen des alten Mannes ganz verloren“ folgt (S.47, Z.26) und den Brief für den Freund unschlüssig „ein wenig aus der Tasche“ zieht und wieder zurückfallen lässt (S47, Z.28-29), also eine Handlung wohl ausführen möchte, jedoch den Mut dazu nicht aufbringen kann. Trotzdem besinnt er sich, dem Vater von seinem Entschluss zu berichten, es ihm zu „sagen“(S.47, Z.27). Auch wenn der Vater diesen Vorgang später als „beraten“ (S48, Z.19) versteht, hat Georg hier einen festen Entschluss gefasst, und will diesen dem Vater „eigentlich nur“ mitteilen (S.47, Z.25).

Das Zusammentreffen beider wird schon im Anfangsgespräch über die Licht-und Wärmeverhältnisse im Zimmer von Spannung begleitet: Auf Georgs Bemerkung, dass es „unerträglich dunkel“(S. 47, Z.17) im Raum sei, entgegnet der Vater: „Ja, dunkel ist es schon.“ (S. 47, Z.18).Die Abtönungspartikel „schon“ fordert unwillkürlich eine adversative Konjunktion und lässt offen, ob der Vater ein anderes, schwerwiegenderes Problem vorerst verschweigt. Georg weicht der Erörterung dieses Sachverhaltes allerdings aus („Das Fenster hast du auch geschlossen?“, S.47, Z.19). Die Betonung des Vaters auf „Ja. Deinem Freunde“ (S47, Z. 35), nachdem sein Sohn ihn an diesen erinnert, lässt diese Entgegnung ironisch erscheinen und drückt entweder Zweifel an der Fähigkeit Georgs aus, überhaupt Freundschaften oder ausdrücklich einen Freund in Petersburg zu haben. Anscheinend kommt Georg hierüber in Erklärungszwang und setzt hinzu, dass er seinem Freund, entgegen älterer Absichten, seine Verlobung mitteilt. Dabei wird Friedas Ratschlag, den Freund über diese Angelegenheit nicht im Unklaren zu lassen, hier als seiner ausgegeben: Georg lügt, wenn er seinen Ausführungen hinzufügt „ich sagte mir“ oder „sagte ich mir“ (S. 48, Z.3/ Z.12). Aus Unsicherheit gegen den Vater will er zeigen, eine Entscheidung ohne Einmischung Dritter treffen zu können. In den Augen des Vaters mag Georg launenhaft erscheinen („Und jetzt hast du es dir wieder anders überlegt?“ S.48, Z.8), er scheint das allerdings geduldig zu ertragen, wenn er Zeitung und Brille auf dem Fensterbord anordnet (S48, Z.9-10), und gar die Brille, symbolisch für kritisches Beobachten, „mit der Hand bedeckt[e]“, also Milde gegen Georgs Sprunghaftigkeit walten lässt. Dieser beantwortet des Vaters Frage mit dessen Wiederholung als Satz, lässt allerdings „anders“ aus („Ja, jetzt habe ich es mir wieder überlegt.“, S.48, Z.11). Zum Einen erweckt Georg den Eindruck, die Frage sei ihm lästig, und deshalb lediglich einer Wiederholung wert, zum Anderen nimmt er eine Korrektur vor, die sein Bild zurechtrücken soll- er habe diese Angelegenheit erneut sachlich betrachtet, nicht kopflos neu entschieden.

[...]


[1] In „Arkadia“ von Max Brod (Hrsg.), Leipzig

[2] Born 1996, S.101

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Generationenkonflikt des Expressionismus in "Das Urteil"
Untertitel
Eine Textanalyse
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Institut für Deutsche und Niederländische Philologie)
Veranstaltung
Einführung in die Textanalyse
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V178096
ISBN (eBook)
9783656000914
ISBN (Buch)
9783656000495
Dateigröße
512 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
generationenkonflikt, expressionismus, urteil, eine, textanalyse
Arbeit zitieren
Franz Kröber (Autor), 2010, Der Generationenkonflikt des Expressionismus in "Das Urteil", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178096

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