Wesentliche Aspekte der Gesprächsforschung


Seminararbeit, 2005

16 Seiten, Note: 1.7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die Kategorie des Gesprächs

3. Gesprächsanalyse

4. Gesprächstypologisierung

5. Das Gespräch als Diskurstradition

6. Schlusswort

7. Bibliographie

1. Einleitung

In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit wesentlichen Aspekten der Gesprächsforschung. Dabei werde ich sowohl auf theoretische Grundlagen als auch auf einige zentrale Betätigungsfelder näher eingehen. Zunächst scheint es mir wichtig zu klären, was aus sprachwissenschaftlicher Sicht unter einem Gespräch zu verstehen ist und welche Vorgehensweisen sowie bisherigen Erkenntnisse der linguistischen Gesprächsanalyse existieren. Des weiteren möchte ich verschiedene Ansätze einer Gesprächstypologisierung aufzeigen, denn solche Bemühungen haben einerseits zum Ziel, die Möglichkeiten einer Systematisierung und Kategorisierung des Gegenstands- bereichs der Gesprächsforschung zu ergründen, andererseits verdeutlichen sie aber auch grundlegende Probleme, die sich bei der wissenschaftlichen Untersuchung von Gesprächen ergeben.

Nicht umsonst hatte Ferdinand de Saussure die langue, das Sprachsystem, und nicht die parole, die Sprachanwendung, zum bevorzugten Gegenstand einer strukturalistischen, d.h. systematischen Sprachwissenschaft erklärt. Dazu sei jedoch bemerkt, dass erst die Entwicklung und Nutzung geeigneter Speichermedien (z.B. Tonbänder, Videos, CDs usw.) eine ernsthafte Beschäftigung mit der gesprochenen Sprache - und damit den Gesprächen - ermöglichte, wodurch sich eine Vielzahl an neuen Perspektiven für die sprachwissenschaftliche Forschung ergeben hat.

Den Abschluss meiner Arbeit bilden Aussagen zum Gespräch als Diskurstradition. Damit möchte ich vor allem die aufgrund des Vorliegens ausschließlich schriftlicher Quellen aus vergangener Zeit leider nur noch schwer fassbare historische Dimension der Herausbildung und diachronen Entwicklung von Gesprächsformen in meine Betrach- tungen einbeziehen.

2. Die Kategorie des Gesprächs

Ferdinand de Saussure nahm in seinem Cours de lingüistique général (1916) eine grundlegende Unterscheidung zwischen langage (Sprechfähigkeit des Menschen), langue (Sprache als System von Zeichen) und parole (Sprachanwendung, Sprechtätig- keit) vor, wobei er der langue zunächst eine gewisse Vorrangstellung innerhalb der Sprachwissenschaft einräumte. Im Laufe des 20. Jh. rückten jedoch auch die beiden anderen Bereiche immer mehr ins Zentrum des Interesses, zumal eine Vielzahl technischer Neuerungen die Möglichkeiten zur eingehenden Erforschung des Sprech- und Verstehensvorgangs sowie zur Aufzeichnung von gesprochener Sprache revolutionierte.

Die gesprochene Sprache spielt für die Gesprächsforschung eine zentrale Rolle. Als frei formulierte, natürliche, spontan produzierte Sprache in der mündlichen Kommunikation zeichnet sie sich durch einfachen Satzbau, kurze Sätze, Ellipsen, Satzabbrüche, Abtönungspartikel etc. aus (vgl. Lewandowski 1994, Band 1: 360 ff.). Koch/Oesterreicher (1985) heben außerdem noch die stärkere Expressivität sowie die (zeitliche) Unmittelbarkeit und die Prozesshaftigkeit der gesprochenen Kommunikation hervor. Für sie bedeutet Kommunikation zugleich immer auch Kooperation:

[In] der gesprochenen Sprache [sind] Produktion und Rezeption direkt miteinander verzahnt:

Produzent und Rezipient handeln miteinander Fortgang und auch Inhalt der Kommunikation aus; der Rezipient zeigt begleitende sprachliche und nichtsprachliche Reaktionen und kann jederzeit eingreifen, rückfragen.

(Koch/Oesterreicher: 19/20)

Die menschliche Sprache allgemein lässt sich als ein System sprachlicher Zeichen definieren, die eine Bedeutung haben und zu zusammenhängenden Äußerungen ver- knüpft werden, mit deren Hilfe ein Sprecher in der Lage ist, Gedanken, die er seinen Mitmenschen mitteilen möchte, kreativ zum Ausdruck zu bringen. Die menschliche Rede ist nun speziell als Sprachhandlung zu verstehen, als kommunikative Tätigkeit von Sprechern. Die Mittel des Sprachsystems kommen dabei u. a. zur Informations- vermittlung, aber auch zur Konstituierung zwischenmenschlicher Beziehungen zur Anwendung. Das Gespräch stellt in diesem Zusammenhang die grundlegende Form sprachlich-kommunikativer Handlungen dar:

Dem Gespräch [kommt] ein besonderer Platz zu, da Gespräche die originäre Form sprachlicher Tätigkeit darstellen und somit allen übrigen Formen sprachlicher Interaktion entwicklungsge- schichtlich weit vorausgehen. Insofern scheint es gerechtfertigt davon auszugehen, im Gespräch eine Form sprachlicher Tätigkeit des Menschen zu sehen, die für alle übrigen Formen sprachli- cher Tätigkeit eine modellierende und orientierende Funktion ausgeübt hat und weiter ausübt.

(Heinemann/Viehweger 1991: 176)

Die verbale Kommunikation ist für die soziale Interaktion von großer Bedeutung. Die gegenseitige emotionale Zuwendung äußert sich insbesondere im Miteinander-Reden:

Die Anrede des einen ist [nach Wilhelm von Humboldt] auf die Erwiderung des anderen hin angelegt, nur im Gespräch erfahren wir etwas voneinander.

(Henne/Rehbock 2001: 6)

Henne/Rehbock betonen in diesem Zusammenhang die Verwendung des kollektivie- renden Präfixes GE- im Wort Gespräch.1 Mindestens zwei Kommunikationspartner wechseln sich im Gespräch in der Redeführung ab, wobei sie jeweils aktiv die Rolle des Sprechers oder die des Hörers übernehmen. Der Sprecherwechsel bietet ihnen die Möglichkeit sowohl der Themenanregung als auch der Themenannahme und damit der Festlegung gemeinsamer Gesprächsthemen.

3. Gesprächsanalyse

Die Analyse natürlicher Gespräche aus dem Bereich der gesprochenen Sprache unter kommunikativ-pragmatischen Aspekten dient der Erarbeitung allgemeiner Aussagen über die Gesprächsorganisation und die Interpretation der relevanten Gesprächshand- lungen durch die Gesprächsteilnehmer. Dabei sind auch die Sprechakttheorie, die Soziolinguistik und die Hermeneutik von Bedeutung (vgl. Lewandowski 1994, Band 1: 357 ff.). Zur wissenschaftlichen Untersuchung wird meist eine Gruppe von Versuchs- personen dazu veranlasst, unter kontrollierten Bedingungen ein Gespräch zu führen, wobei diese sich möglichst unbeeinflusst äußern sollen. Die Analyse soll helfen, die im Zusammenhang mit dem Spracherwerb erlernten, meist unbewussten Regeln und Automatismen zur Organisation des Gesprächsverlaufs sowie die sprachlichen Verhal- tensweisen aufzudecken, die es den Gesprächsteilnehmern ermöglichen, Themen zur Sprache zu bringen, zu entwickeln, wieder zu wechseln und auch zu einem gemein- samen Ende zu führen (vgl. Linke/Nussbaumer/ Portmann 2004: 294 ff.). Für die lingu- istische Analyse hat es sich als sinnvoll erwiesen, Transkripttexte der zu analysie- renden Gespräche unter Verwendung eines geeigneten Notationssystems anzufertigen, wobei auch nonverbale Kommunikation, Pausen und Parallelsprechphasen gekennzeichnet werden können.

Auf der Makroebene ist es möglich, Gespräche in Gesprächsphasen (Gesprächsteile) einzuteilen. Die einzelnen Gesprächsphasen Gesprächseröffnung, Gesprächsmitte und Gesprächsbeendigung lassen sich auf einer Subebene noch einmal in Gesprächsschritte untergliedern, die aus Sprech- und Hörverstehensakt bestehen und Gesprächssequenzen innerhalb der Gesprächsphasen bilden. Auf gleicher Ebene können auch Gliederungssignale des Sprechers sowie Hörersignale angesetzt werden.

Die Eröffnungnungsphase steht am Anfang eines jeden Gesprächs. Die Gesprächspartner nehmen Blickkontakt auf, tauschen Grußformeln aus und legen ein erstes Thema sowie den zeitlichen Rahmen des Gesprächs fest.

Fremde Gesprächspartner werden in dieser Einleitungsphase quasi in sozialer und emotionaler Hinsicht ‘beschnuppert’, man versucht herauszufinden, mit wem man es denn hier zu tun hat; eventuell muss in dieser Phase auch geklärt werden, ob die Interaktionspartner überhaupt zu einem Gespräch bereit sind. [...] Bei bekannten Gesprächspartnern dient die Eröffnungsphase v. a. dazu, sich gegenseitig über den status quo der Beziehung rückzuversichern, etwa durch Thematisierung des letzten Treffens bzw. des letzten Gesprächs etc.

(Linke/Nussbaumer/Portmann 2004: 318/319)

Der Hauptteil eines Gesprächs wird auch als Gesprächsmitte bezeichnet, d. h. als Zwischenphase innerhalb des Rahmens der Gesprächseröffnung und -beendigung.

[Die] Gesprächsmitte [kann] bei bestimmten Gesprächstypen durchaus mit der Eröffnungs- und Beendigungsphase verschmelzen bzw. lediglich noch als ‘Brücke’ zwischen diesen fungieren.

(Linke/Nussbaumer/Portmann 2004: 320)

Die Gesprächsteilnehmer wenden sich in dieser Phase dem eigentlichen Hauptthema sowie eventuell Subthemen zu, über die sie gemeinsam sprechen wollen. In dem Zusammenhang lassen sich die jeweiligen Möglichkeiten der Themeninitiierung, der Themenentwicklung sowie des Themenwechsels untersuchen. Dabei können einerseits Gespräche mit von vornherein festgelegtem Thema, sowie solche, bei denen die Wahl des Themas von den situativen Zufällen und Bedürfnissen der Kommunikationspartner bestimmt ist, unterschieden werden. Andererseits gibt es jedoch auch Fälle, in denen Personen nur miteinander sprechen, um über ein bestimmtes Thema zu reden - oder aber sie reden über bestimmte Themen, weil sie das Bedürfnis haben, sich zu unterhalten und einander besser kennen zu lernen.

[...]


1 ‘miteinander sprechen’; vgl. außerdem deutsch Ge-fecht (‘miteinander kämpfen’), Gebüsch (‘viele Büsche zusammen’), Ge-rede (‘viele reden zur gleichen Zeit’) und lateinisch com-prehendere (‘in seiner Gesamtheit erfassen, begreifen’), con-versari (‘miteinander verkehren, sich unterhalten’).

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Wesentliche Aspekte der Gesprächsforschung
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Romanistik)
Note
1.7
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V178144
ISBN (eBook)
9783640999347
ISBN (Buch)
9783640999224
Dateigröße
451 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gesprächsanalyse
Arbeit zitieren
Patrick Roesler (Autor), 2005, Wesentliche Aspekte der Gesprächsforschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178144

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