Die Reise nach Brundisium

Horaz sat. 1,5


Hausarbeit, 2005

16 Seiten, Note: 2.3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Horaz und die satirische Dichtung

3. Die Satire 1, 5

4. Zusammenfassung

5. Bibliographie

1. Einleitung

In dieser Arbeit beschäftige ich mich mit sat. 1, 5, dem so genannten Iter Brundisinum (‘Reise nach Brundisium’), einer Satire aus dem ersten Buch der Sermones des römischen Dichters Quintus Horatius Flaccus. Dabei möchte ich zu Beginn darauf eingehen, inwiefern der Dichter sich selbst und sein Werk in die Tradition der römischen Satire stellt. Im Haupt- teil meiner Arbeit versuche ich, die literarische Leistung des Horaz in angemessener Form zu würdigen, indem ich das Iter Brundisinum in den Gesamtkontext des Werkes einordne und in einer möglichst umfassenden interpretatorischen Darstellung den Gedankengang des Horaz offenlege und deute. Dabei scheint es mir wichtig, auch auf seine dichterischen Intentionen sowie letztlich die Wirkung der Satire auf den Rezipienten1 zu sprechen zu kommen.

2. Horaz und die satirische Dichtung

Quintus Horatius Flaccus (65 - 8 v. Chr.) wurde als Sohn eines freigelassenen Sklaven in Venusia geboren. Sein Vater ermöglichte ihm eine sehr gute Ausbildung in Rom, sodass er 45

v. Chr. sogar ein Studium in Athen beginnen konnte. Wenig später, im Jahre 44 v. Chr., war Marcus Junius Brutus, einer der Mörder Caesars, nach Athen geflohen und rief die Jugend zum Freiheitskampf gegen Caesars Rächer auf. Er nahm Horaz in das Heer der Republik auf und setzte sich in Makedonien fest. Im Jahre 42 v. Chr. kämpfte Horaz als Militärtribun bei Philippi gegen die Truppen des Octavian und des Marcus Antonius, die die republikanische Armee besiegten. Brutus beging daraufhin Selbstmord, Horaz wurde jedoch begnadigt und konnte nach Rom zurückkehren, wo er schließlich als Schreiber der Regierung tätig war und nebenbei seine ersten Gedichte verfasste. Die Dichter Vergil und Varius waren von seinen Versen so begeistert, dass sie ihn um 38 v. Chr. in den literarischen Kreis ihres Gönners Gaius Maecenas, eines langjährigen Freundes des Octavian, einführten.

Die Sermones sind eine Frühwerk des Horaz. Sie bestehen aus zwei Büchern. Das erste wurde wahrscheinlich 35 und das zweite 30 v. Chr. veröffentlicht. In seinen Satiren geißelt der Dich- ter die zersetzende Kraft des Ehrgeizes, die Dummheit ausschweifender Lebensführung und auch die Gier nach Reichtum und gesellschaftlichem Ansehen. Jedoch geschieht dies im heiteren Plauderton und mit tolerantem Humor, weshalb er sein Werk ja auch sermones (‘Gespräche’) nennt. Horaz ist dabei den Menschen gegenüber wohlgesonnen und zeigt ihre Schwächen in heiterem Ernst (vgl. Schönberger 1991: 13). In sat. 1, 1 V. 24 spricht er das Anliegen seiner Satiren selbst aus:

ridentem dicere verum

„Horaz tritt auf als der Erneuerer der Lucilianischen Satura. Den Lucilius bezeichnet er als seinen größeren Vorgänger, und, wie er hübsch hinzufügt, als den weitaus reicheren Mann; dadurch wird der soziale Abstand deutlich betont, und Horazens satirische Dichtung wird los- gelöst von dem soziologisch bestimmten Gefilde, auf dem die Lucilianische Satire allein hatte wachsen können“ (Knoche 1960: 211).2 Lucilius hatte als Soldat 134/133 v. Chr. am Feldzug gegen Numantia in Spanien teilgenommen. Er war ein italischer Ritter und gehörte dem lite- rarischen Kreis des römischen Feldherrn Scipio Africanus des Jüngeren an. Auch Lucilius hatte ein Werk mit satirischen Dichtungen, das den Titel Sermones trug, geschrieben. Von den ursprünglich wohl 30 Büchern sind aber lediglich etwa 1300 Fragmente erhalten, die sich leider nur schwer zuordnen lassen. „Lucilius lebte [wie später auch Horaz] in einer Zeit politischen und gesellschaftlichen Umbruchs, und so widmete er seine Satire weitgehend der Gesellschaftskritik. Er war ein ungestümer Mann, der seine Meinung rückhaltlos aussprach und die verschiedenen Stände kritisch schilderte“ (Schönberger 1991: 11). Anders als Horaz konnte der sozial besser gestellte Dichter es sich leisten, in ungemein persönlicher Weise zu Gleichberechtigten zu sprechen und zwanglos heitere und bissige, freimütige und schmerz- hafte Rüge zu erteilen. (vgl. Knoche 1960: 208/209). Die Horazische Satire hingegen ist nicht mehr direkt gegen jemanden persönlich gerichtet, d.h. für eine unmittelbare Wirkung in den Alltag hinein konzipiert, und dadurch wird sie von ihm zu einer Kunstform erhoben.

„Die römische Satire ist ein weitgehend eigenständiges Gebilde. Denn auf römischem Boden bildete sich die Satire als eigene literarische Gattung heraus, die den Griechen so nicht be- kannt war und die im modernen Europa große Popularität gewann“ (Schönberger 1991: 10). Darüber hinaus kommt z.B. Ulrich Knoche letztlich zu dem Schluss, dass sich diese litera- rische Gattung nicht mit gutem Gewissen erschöpfend bestimmen lässt, da ihre einzelnen Vertreter - wie etwa Ennius, Lucilius und Horaz - sie immer wieder vollkommen anders in ihrer eigenen Weise mit Inhalten füllen (vgl. Knoche 1960: 197).

3. Die Satire 1, 5

Gaius Maecenas (um 74 - 8 v. Chr.), Freund und Ratgeber des Augustus, war für diesen häu- fig in diplomatischer Mission unterwegs. Der Kaiser schickte ihn zusammen mit Lucius Coc- ceius Nerva und Fonteius Capito im Jahre 37 v. Chr. nach Athen zu Antonius, seinem Ver- bündeten gegen Sextus Pompeius. Um nach Griechenland hinüberfahren zu können, musste man sich zunächst in der süditalienischen Hafenstadt Brundisium, an der Adria, einschiffen. Brundisium war ein wichtiges Handelszentrum für den östlichen Mittelmeerraum; direkt von Rom führte hierher die verlängerte Via Appia, sie endete in der Stadt zwischen zwei Säulen. In sat. 1, 5 beschreibt Horaz nun auf amüsante Weise seine Erlebnisse dieses Iter Brundisi- num als zufälliger Begleiter seines Gönners und Freundes Maecenas. „The most obvious danger in writing a diary of this kind is that it may become a mere list of places visited. ‘We started from A, then we went to B, and finally reached C’“ (Rudd 1994: 57). Horaz jedoch vermeidet eine solche „Logbuch“-Darstellung gekonnt, denn er will den Rezipienten der Sati- re keinesfalls durch Gleichförmigkeit ermüden. In seiner Satire legt er sehr großen Wert auf die Beschreibung der Eindrücke, die er an den einzelnen Stationen der Reise sammelt, An- kunft und Abreise werden von ihm bisweilen sogar ganz übergangen oder gekonnt in wenigen Worten zusammengefasst, vgl. z.B. sat. 1, 5 V. 47:

hinc muli Capuae clitellas tempore ponunt.

Sehr oft lässt der Dichter die einzelnen thematischen Abschnitte der Satire fließend inein- ander übergehen, häufig beginnen sie noch im selben Vers. Dadurch reißt der Erzählfluss nie ab und die Eindrücke strömen kontinuierlich auf den Rezipienten ein, der dem Ganzen somit auch besser folgen kann. Horaz sieht seine eigenen Erlebnisse aus dem Blickwinkel des Beobachters, der über sich selbst lachen kann. Wichtig sind vor allem die „Nebensächlichkei- ten“ außerhalb der eigentlichen Reisebeschreibung, weshalb das Geschilderte oft auf den ersten Blick zunächst einmal ziemlich trivial erscheint (vgl. Hering 1979: 23; Knorr 2004: 131).

Achtzig Jahre vor Horaz hatte Lucilius eine ähnliche Satire mit dem Titel Iter Siculum (‘Reise nach Sizilien’) verfasst. Darin beschreibt er eine von ihm unternommene Reise nach Süd- italien und Sizilien, auf der er seinen Landgütern einen Besuch abstattete. Ausgehend von Horazens Iter Brundisinum wurde in der Vergangenheit von vielen Altphilologen vorge- schlagen, die Lucilianischen Fragmente als Basis für den Horaz-Text anzunehmen und zwischen beiden Satiren einzelne Verbindungen zu ziehen. Da sich aber nicht einmal mit Sicherheit Aussagen darüber treffen lassen, welche der Fragmente wohl dem Iter Siculum zuzuordnen sind, lehnt z.B. Niall Rudd ein solches Vorgehen als „bad methodology“ entschieden ab (vgl. Rudd 1994: 55 ff.). Es ist zwar anzunehmen, dass Horaz diese Satire kannte, doch dem Dichter eine reine aemulatio unterstellen zu wollen, kann nicht das Ziel einer fundierten Betrachtung des Iter Brundisinum sein. „Wenn ein moderner Dichter teils aufregende, teils unterhaltsame Erlebnisse hat, ähnlich denen des Horaz auf seiner Reise nach Brundisium, und wenn er den Drang in sich verspürt, sie zum Gegenstand eines Gedichtes zu machen, dann hat er die Freiheit dazu, ohne erst nach einem Vorbild Ausschau halten zu müssen, an das er sich, wenigstens teilweise, anlehnen kann, oder nach einer festen literari- schen Form, in die er seine eigene Konzeption gießen könnte“ (Fraenkel 1963: 126). Anderer- seits wäre natürlich auch die Annahme unzutreffend, dass Horaz seine Satire in erster Linie deshalb verfasst hat, weil er von den lebendigen Eindrücken der Reise des Jahres 37 v. Chr. erfüllt war. Ohne diese Eindrücke hätte er die Satire wahrscheinlich nicht geschrieben, aber mit dem Iter Siculum des Lucilius war ihm auch der Beweis erbracht, dass sich dieses Genre durchaus für die Beschreibung einer solchen Reise eignet (vgl. ibid.: 128). „L’immagine [del primo viaggiatore satirico, Lucilio], che apre la sat. 1, 4 si imprime nella mente del lettore come di Orazio“ (Cucchiarelli 2001: 57).

Die beiden Dichter erzählen ihre ganz eigenen Geschichten, wobei Andrea Cucchiarelli ganz treffend bemerkt, dass Horaz durchaus gezielt ironisch auf die Unterschiede zwischen seinem Iter Brundisinum und dem Lucilianischen Iter Siculum hinweist. Seine Reise hat zunächst einmal ein anderes Ziel als die des Lucilius. Horaz besitzt im Unterschied zum reichen eques natürlich kein Pferd und er hat auch keine Landgüter, die er auf seinen Reisen besuchen könnte (vgl. ibid.: 62). Dennoch war der Dichter höchstwahrscheinlich nicht nur zu Fuß un- terwegs: „’Wir ergötzen uns’, says Fritzsche, ‘an der jugendlichen wahren Reiselust, welche sich durch das ganze ergiesst’. Here we catch a glimpse of Horace the happy wanderer, stri- ding over the mountains with knapsack and Lederhosen. Yet if Fritzsche had read the sections where the travellers are en route he would have found not a word to prove that the poet’s feet ever touched the ground“ (Rudd 1994: 60). Die Verse 5/6 sind wohl ein weiterer Beweis dafür, dass Horaz und sein Begleiter Heliodorus schon zu Beginn der Reise nicht zu Fuß, sondern vielleicht eher in einer Sänfte unterwegs waren:

[...]


1 In der heutigen Zeit werden die Satiren meist gelesen, d.h. in verstärktem Maße optisch rezipiert, wohingegen man für die antike Zeit davon ausgehen darf, dass die Gedichte einem gebildeten Publikum zumeist mündlich vorgetragen und somit eher akustisch rezipiert wurden. Gestik und Mimik spielten dabei natürlich eine wichtige Rolle, hatten aber letztlich nur verdeutlichende bzw. verstärkende Funktion. Daher bevorzuge ich den allgemeiner aufzufassenden Begriff des Rezipienten.

2 vgl. dazu sat. 2, 1 V. 74/75: quidquid sum ego, quamvis infra Lucili censum ingeniumque.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Reise nach Brundisium
Untertitel
Horaz sat. 1,5
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Klassische Philologie)
Note
2.3
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V178146
ISBN (eBook)
9783640999323
ISBN (Buch)
9783640999200
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Horaz, Latein, Satiren
Arbeit zitieren
Patrick Roesler (Autor), 2005, Die Reise nach Brundisium, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178146

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