Dia-Gnosis des poetischen Subjekts im Opus von Georg Trakl


Diplomarbeit, 2008

91 Seiten, Note: 1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Prolog

I. Psychobiographische Annäherung
1. Die familiale Bildungsgeschichte
1.1. Destruktionswunsch und Verfolgungsangst
1.1.2. Melanie Kleins entwicklungspsychologische Konzeption
1.1.3. Die Fixierung des Fusionswunsches
1.1.4. Der Mythos von der glücklichen Kindheit Trakls
1.2. Die missglückte Lösung des Ödipuskomplexes
1.2.1. Die Desintegration der Triade
1.2.2. Das frühe Schicksal der Triebe und die verzerrte Dynamik des Ödipuskomplexes
1.2.3. Trakls Beziehung zu seiner Schwester Grete
1.3. Schizophrenie und Familie
2. Der abortive Ausgang der Adoleszenzkrise
2.1. Adoleszenz und Gesellschaft
2.1.1. Generationskrise im Expressionismus
2.1.2. Spaltung der Vater-Imago und Trakls Entscheidung für den Dichterberuf
2.1.3. Realselbst und Idealselbst: der Berufsrollenkonflikt
2.2. Trakls Kampf gegen die Dämonen des Blutes
2.2.1. Das Versagen der Triebneutralisierung
2.2.2. Inzestwunsch und Vernichtungsangst
2.2.3. Das Gedicht als Sühne

II. Überführungen
1. Über Phantasie als elementare Domäne poetischer Semiose
2. Die Modellierung der Finsternis
3. Die hintergründig wirksame, vordergründig negierte Perichorese von Realität und Realem des Begehrens
A. Über sekundäre Bearbeitung
B. Die Metamorphose des Signifikanten
4. Vorlauf zur Symptomatik eines enantiotropischen Symbolmodus
5. Stimmen jenseits des Urteils
6. Fortführung des Treidelpfades zu einer Psychologie der Phantasie
6.1. Das Unbewusste, als Grundmatrix der Alalie und als semiotisches System
6.2. Kreativität im Horizont des Modells von Lawrence Kubie

III. Einstellungen
1. Poetische Episteme
1.1. Eine subsidiäre Formel
1.2. Einstellungsgewinde I
1.3. Dialektische Zurichtung von empfindungs- mit gewissheits- verankertem Sprechen und umgekehrt
2. Die Wahrheit des Subjekts
2.1. Zum figuralen Sprechmodus
2.2. Einstellungsgewinde II - psychotropische Andeutungen
2.3. Einstellungsgewinde III - Die Alchemie
3. Dia-Gnosis des poetischen Subjekts
3.1. Poeta propheticus
3.2. Schluss

Bibliographie

Abstract

Prolog:

Für das Getane, für das die vorliegende Textur Rechenschaft ablegt, gibt es keine Entschuldigung. Und weil etwas vorfallen muss, das sich nicht verschließen kann, wird - trotz aller emphatischen Bekundung, dass o.a. Satz seines Zeichens, weder einen um Wohlwollen heischenden Bescheidenheitstopos abgeben will, noch barer Appell eines überbordenden Skrupels ist - ein Spielraum funktioneller Interpretation eröffnet, der eine (unterschwellige) Taxierung wider alle Versicherungen von daher zulassen muss. Aber notwendig ist es, ein paar Zeilen innerhalb des Gesamts dieser Sammlung dafür zu verwenden, über mich zu sprechen, weil ich keine wie auch immer gedachte neutrale Spur, kein selbstloser Sprecher bin und gleich durch welches Manöver (der formalen Selbstausschaltung in der Textur) sein kann und somit durch Verstand, Willen, Perspektivierung, Irrationalitäten und Intentionalitäten, usf. mitwirke, ein imaginär Reines, Objektives deformiere, durchwuchere und überlagere.

Die Schuldgabe ergibt sich dabei kaum aus der Willkür eingesetzter Methoden, ob dies der Form nach auch mitspielen mag, sondern aus propositionalen Komplexen, die zu kalkulieren, manipulieren und suggerieren suchen, wo es nur durch eine wirkliche, eine sprechende oder singende Stimme darbringbar wäre, was es ist. Wir werden also Trakls Lyrik nur dort zum Klingen bringen, wo es uns verlangt, etwas zu tun, für das es keinen Algorithmus gibt. Was nicht die Funktion der vozierten Textverkettung sein kann. Das aber ist die ganze Sache: an der Destruktion fundamentaler Selbstverständlichkeiten mitzuarbeiten. Denn es sind gerade phylogenetisch verankerte, aber kulturgemäß perpetuierte Adaptions- und Assimilationsprozesse, die uns letzten Endes der Gefahr ausliefern, im Selbstverständlichen einen faktisch degenerierten Bezug einzunehmen, und an inzestuösen Koppelungen zu partizipieren, die aus jenem weitgreifenden Modus einer Verdrängung sich revitalisierender, umwandelnder emotional und kognitiv markierter Objektbezüge erwachsen.

Immer muss etwas vorfallen. Und wenn man sich auch einbilden kann, die erfolgte Zusammenstellung eines Gedichts durch ein Registrieren seiner Erscheinungsweisen, seiner syntaktischen Konfiguration, seines Metrums, seines Reimschemas, kurzum: seiner Strukturen zur Gewissheit enthüllt zu haben, so ist dies mitnichten die in vorfallend- anschauendem Triptychon vertretene Ansicht. Vielmehr ist jenes nämlich ein Erledigen, eine Einpassung in einen - im besten Fall dadurch irgendwie auch verwandelten (wie die Anziehungskraft, die ein einzelner menschlicher Körper auf die Erde ausübt) - hermeneutischen Horizont. Die gleich wie vorgestellte Homöostase durch Auslegung existiert nicht, bloß ein gewaltiges, gewaltsames Verlangen, durch Erklärung sich über ein Unbekanntes zu erheben, es sich anzueignen, sich zur Herrschaft über das Vorgegebene zu machen. Damit kommt etwas zur Sprache, dem man stets preisgegeben ist, denn welche Funktion sollte eine Auslegung, eine Beschreibung oder ein (V)erklärungsversuch haben, wenn nicht diejenige, eine Art strukturelles Gerüst um das untersuchte Phänomen herumzubauen und in es hinein, das dazu dient, das Phänomen besser zu verstehen. Dem ist nicht zu entgehen. Nur: Verstehen bedeutet nicht(-) verstellen! Und eben das ist das Problem, weil man stets etwas einspielt, das Tendenzen exponiert, Aspekte, Kräfte und Strukturen, die, indem sie sich am Untersuchungsobjekt messen, indem sie sich darauf einstellen, zwangsläufig eine Ver- und Entstellung bewirken. Das sollte auffällig bleiben und in Verbindung mit einem Forschungshabitus lebendig.

Dies Lebendige, das beharrliche Fragen danach ist eines der Zentren, um welches die Gebilde der Arbeit kreisen. Geladen um die Vorstellung der Innervation durch das Eine im Anderen, sprich: die superponierende1 Verschränkung der auslegenden Spur mit der ausgelegten, die ihrerseits eine auslegende ist.

Dieser letzte Teil entscheidet weite Teile der Untersuchung: Es ist der Versuch und die Versuchung einer Art produktionsästhetischen oder psychosemiotischen Ventilation, nicht beim quasi-feststehenden Graphem und dessen Deskription zu verharren, sondern sich in die Finsternis jenes psychischen Leibes des Autors zu verfügen und dort nach sprachverdrillten, sprachverspillernden Motiven und Ursprüngen zu forschen. Und in Interferenz mit dem geflügelten Rimbaud-Wort - „La vraie vie est absente.“2 - die changierende Aura der Bedeutung im Impetus des realen Daseins Georg Trakls zu „sono- graphieren“, so sehr dies auch notwendig auf - teils elementare - Konjekturen angewiesen bleibt, da uns dieses Dasein bloß noch vermittelt durch Bilder und Zeichen gegeben ist.

Erklärtes Ziel ist es, zum Grunde zu gehen3, im Verweichen den Kosmos eines chaosmotischen4 Subjekts zu bannen. So ergibt sich für die Arbeit eine Sinnvollendung nur dann, wenn man zunächst ihrer Lineatur folgt, ihrer zeitlichen, räumlichen Ausdehnung, um im davon abstehenden Akt einer exstatischen Interruption das Ganze als eine präsente Apparatur zu schauen unternimmt.

Dia-Gnosis5 des poetischen Subjekts im Opus von Georg Trakl

... und es warf die Erde einen kindlichen Leichnam aus, ein mondenes Gebilde, das langsam aus meinem Schatten trat ...

Georg Trakl, Offenbarung und Untergang

Denn alles Dämonische ist ein Mittleres zwischen Gott und Mensch Platon, Symposion

Trakl weißt(!) seit der Abreise von Innsbruck am 26/VIII abwechselnd katatone wie Erregungszustände auf. Am Tag der Schlacht bei Grodek (13/X) wollte er unbedingt in die Front und mußte durch 6 Mann entwaffnet werden. [...] Seit Jahren schon leidet er zeitweise an schweren psychischen Depressionen mit Angstzuständen, dann fängt er an stark zu trinken, um sich von dieser Angst zu befreien. Seit seiner Kindheit schon hat er zeitweise Gesichtshallucinationen, es kommt ihm vor wie wenn hinter seinem Rücken ein Mann mit gezogenem Messer steht. Von 12 - 24 Jahren hat er keine solche Erscheinungen gehabt, jetzt seit drei Jahren leidet er wieder an diesen Gesichtstäuschungen außerdem hört er sehr oft Glockenläuten. Seinen Vater hat er nicht für eigenen gehalten, sondern er hat vermutet, daßer von einem Kardinal abstammt und das(!) er in Zukunft ein großer Herr wird.

Krankenblatt Georg Trakls, Krakauer Spital, 19146

I. Psychobiographische Annäherung

an Georg Trakl unter permanentem Rückgriff auf die Abhandlung Gunther Kleefelds „Das Gedicht als Sühne. Georg Trakls Dichtung und Krankheit. Eine psychoanalytische Studie“

1. Die familiale Bildungsgeschichte:

Die psychoanalytischen Zugänge prononcieren - inzwischen zum trivialen Klischee abgeschmackt - die Signifikanz der frühkindlichen Entwicklung für basale psychische Funktionen des erwachsenen Individuums. Was signifikant ist für eine Enthüllung des charismatisch7 8 Essentiellen, das die existentiellen Apparationen der Person Georg Trakls in und durch seine dichterischen Manifestationen konditioniert, ihr vorausgeht, ihr mitspielt, sie treibt oder zieht, wirkt und bewirkt wird, soll Gegenstand dieses Abschnittes werden, mit jener hier bloß formal gestellten Einschränkung, allein und ausnahmslos jenes einzuspielen, was, wenn auch keine durchgängige kausale Determinierung sich zeigt - aufgrund der Wesenslage des Gegenstandes sich nicht zeigen kann, wie noch hinlänglich evident werden wird -, doch im Mindesten ein regelhaft miteinander Kombiniertes, eine paradigmatische „Dependenz auf Distanz“ indiziert.

Gunther Kleefeld gibt an, dass die emotionale Frigidität Georg Trakls Mutter Maria, die daraus resultierende Störung der symbiotischen Beziehung respektive die verfehlte Synthese von Mutter und Kind das eigentliche Problem von Georgs frühkindlicher Entwicklung darstelle. Die komplexen Interaktionsprozesse der Mutter-Kind-Dyade, deren strikte Fokussierung sein anfängliches Beobachtungsfeld ausmachen, seien stark beeinträchtigt gewesen. Maria Trakl habe ein Leben für sich, jenseits der Familie geführt; ihr zentraler Lebensinhalt seien ihre Antiquitäten gewesen. Sie habe sich nicht mit der Rolle der Mutter zu identifizieren vermocht, ihren Kindern sei sie in kühl-abweisender Haltung vor Augen getreten.

Laut Kleefeld hat dies folgende Konsequenzen:

1.1 Destruktionswunsch und Verfolgungsangst:

Aus dem Erleben der mütterlichen Betreuungspraxis entwickelt das Kind die ersten Objektvorstellungen, anfangs einfach adversativer Anlage in Form von Partialobjekten: eine gute, befriedigende Brust und eine böse, versagende. Noch innerhalb dieser ersten, der oralen psychosexuellen Entwicklungsphase kompliziert sich das Bezogensein des Kindes auf seine Mutter durch Projektionen seiner Liebesregungen auf die gute, befriedigende Brust, deren imaginärer Repräsentanz, und der destruktiven Impulse auf ihr negatives Pendant, i.e. die introjektive „Einverleibung“, die gemäß der oralfokussierten psychosexuellen Prinzipiierung geschieht, in eine gute und eine böse Brust im Innern (vgl. 1.1.2). Dies führt zu dem Erleben, die versagende und so negative Brust sei aggressiv, verfolgend. Einzig durch einen intakten Wechsel zwischen Phasen der Stillung und der Versagung ist eine adäquate Frustrationstoleranz aufzubauen, gleichwie ein Ur-Vertrauen darauf, dass die Befriedigung durch die mütterliche Brust schließlich doch nicht ausbleiben wird. Beides sind essentielle Faktoren für das Erwachsen des Potentials zum Durcharbeiten zu „selbst- und objektkonstanten“, reell sekundärprozesshaften psychischen Organisationsformen.

Wovon diese theoretische Modellierung freilich ganz absieht, ist eine lebensräumliche9 Verortung jener Dyade, oder dass, obschon die Mutter zur Peristase des Kindes gezählt wird, diese anfangs im Raster der Perzeption des Kindes ein integrales Wesen jener spezifischen entwicklungspsychologischen Variante des unus mundus lebt, ehe sich die Silhouetten der Wirklichkeit wie die Figur vom Grund, Objekte im Raum, das Selbst vom Andern abzuheben beginnen, -- dies Selbst die spiegelbildliche Differenz zu sich selbst dagegen als Egosubstanz imaginiert10 (wie Uroboros11 sich dabei selbst verfolgend). Überdies stellt das Dasein der Mutter kein hermetisches Fürsich dar, sondern ist seinerseits interessiert, bereits während der Schwangerschaft:

Bei ihnen [Säugetieren, Anm. ZJ] sind Abgrenzung und sozialer Einfluss insofern von vornherein ineinander verschränkt, als das werdende Lebewesen in der intrauterinen Reifezeit sich zwar auch in einem geschützten Raum befindet, dorthin aber nicht nur starke Außenreize durchdringen können, sondern die Schutzhülle selbst als Organ der Mutter bzw. des Muttertieres Teil eines unablässig mit der Umwelt interagierenden Organismus ist. Vermittelt über diesen mütterlichen Organismus nimmt das werdende Lebewesen an den sozialen Verhältnissen teil. Natürlich läuft diese Teilnahme vor allem über die vegetativen Reaktionen der Mutter und greift damit tief und nachhaltig in die basalen Reaktionsweisen des Kindes ein.12

Weder ist nun das sich zusehends konfigurierende Triebprofil noch die diesem komplementär zugeordnete Umwelt genuin vorgegeben, sondern sie entwickeln sich in der Einigung auf Interaktionsformen, sind also Konsequenz eines Sozialisationsprozesses.

1.1.2. Im Anschluss daran etabliert Kleefeld das Analyse-Schema Melanie Kleins13 der paranoisch-schizoiden Position im Fortschritt der infantilen Entwicklung, jene Prädikation „schizoid“ erkürend aufgrund der besagten Spaltung in eine gute, befriedigende Brust einerseits, andererseits in ein böse, versagende, an die sich gleichlaufend libidinöse Wünsche einerseits, andrerseits destruktive Regungen haften. „Paranoid“ zumal per Projektionsmechanismen jene Triebregungen dem diese Regungen katalysierenden Objekt zugeschrieben werden, woraus eben folgt, dass das Kind die versagende Brust (welche als eine konzeptionelle Pro-Form für ein in diesem Entwicklungsstadium keineswegs klar definiertes Interaktionsobjekt fungiert) als bösartig und lauernd, als nachstellend erlebt.

Funktion des positiven Partialobjektes ist es, jenen daraus eruptierenden Ängsten entgegenzuwirken.

Die Störung der Austauschprozesse zwischen Mutter und Kind, die wir bei Trakl anzunehmen gute Gründe haben, beeinträchtigt nun eben diese Entwicklung und setzt das Kind in starkem Maße den frühesten Ängsten aus. Die defiziente Beziehung zum guten Objekt vergrößert den Einfluss der destruktiven Mutter-Repräsentanz, verwandelt dem Kind die Außenwelt in eine Stätte der Gefahr, die Objekte in Feinde.14

Ist die prozedurale Entwicklungs-Konstellation - solcherart hochgradig wie traklfalls - depraviert, wird das Kind auch beim nächsten Schritt, dem Durcharbeiten der Ängste und Ambivalenzkonflikte in der depressiven Position scheitern, „in der es eine Beziehung zur Mutter als integriertem (‚gutem’ und zugleich ’bösem’) Objekt aufbauen muß.“15 Dies nun ist im theoretischen System Melanie Kleins und darin ausgehend vom perseveratorischen Trieb- und Gedächtnisbild16, das sich in der Psychoanalyse seit Freud festgefügt hat, unerlässlicher Wirkgrund für die Disposition zu Schizophrenie, zumal das Kind eine eminente Fixierung an die paranoid-schizoide Position erfährt und später, so es diese überhaupt verlassen hat, ebenso eminent zu Regressionen auf jenes Niveau ge-trieben wird.

1.1.3. Diese Fixierung des Fusionswunsches

ist im dynamischen Register der psychoanalytischen Auslegung der Psychokausalität Folge anhaltender, dominierender Frustrationen und Privationen17. Fixierungen assimilieren mit beißender Gewalt den diesen frustrierenden Phasen vorausgehenden Zustandskomplex, Fixierungen, welche strukturelle Bedingung für regressive Phantasien von Verschmelzung zwischen Selbst und Liebesobjekt sind und mithin die “Herstellung“ (Edith Jacobson) fester Grenzen zwischen Selbst- und Objektrepräsentanz behindern.18

Es sind fusionistische, ozeanische Gefühle, Gefühle der Ungeschiedenheit einer athematischen, präreflexiven All-Einheit als Ausläufer eines mangelfreien Erlebens, Gefühle, die noch in den Merkmalszusammenhang des primären Narzissmus gehören, von dem ausgehend sich gemäß der Duplizität von libidinöser Objektbesetzung und narzisstischer Objektbeziehung die Primärheinheit von Ich und Nicht-Ich spaltet in die Komplementärrepräsentanzen eines narzisstischen Subjekts (Größenselbst) und eines narzisstischen Objekts (idealisierte Elternimago).

Die libidinöse Besetzung eines Objekts entspricht inhaltlich einer lustvollen Szene mit Spannungszuständen, ihrer Entlastung und den begleitenden körperlichen Gefühlen der Lust, die narzisstische Besetzung eines Objekts führt zu einer Szene völlig anderen Inhalts mit einem begleitenden ozeanischen Gefühl.19

Eingeschaltet sei hier die erkannte Affinität - entlang der Differenzierung in libidinöse und narzisstische Kontamination des Objekts - zwischen dem dionysischen Rauschschauder, einer bis hin zur Bewusstlosigkeit durchbrechenden Entgrenzung des Ichs durch Manöver der Vergiftung, aber auch der Phantasietätigkeit, zwischen jenem primärnarzisstisch hervorgerufenen ozeanischen Gefühl und den Restitutionsstrategien bei Georg Trakl.

Schon während der Schulzeit war Trakl nie ohne irgendwelche Süßigkeiten anzutreffen; ein Freund erinnert sich, dass Trakl sich einmal zu erschießen drohte, als der Zuckerbäcker ihm keinen Kredit mehr geben wollte. Früh entwickelte der Dichter sich zum Kettenraucher; Suchttendenzen manifestieren sich in häufigem exzessivem Alkoholgenuß und schließlich im Griff zu(!) Droge. Spoerri berichtet, daß Trakl ‚bereits mit fünfzehn Jahren seine Zigaretten in Opiumlösung tauchte und sich mit Chloroform selbst zu narkotisieren liebte’, daß er zu diesem Zweck ständig eine kleine Narkoseflasche bei sich trug.20

Die Fixierung an jene primärnarzisstische Organisationslage bei Trakl würde, so Kleefeld, zudem die distinkte Prädispositionsfigur einer Rauschmittelsucht pilotieren, weil die erlebten Intoxikationseffekte, dies Erfüllen archaischer oraler Verlangen, die, wie Otto Fenichel in seiner Neurosenlehre schreibt, zugleich sexuelles, wie Sicherheits-Verlangen und das Bedürfnis nach Aufrechterhaltung des Selbstgefühl in einem sei. Dies bedeute hier kurzum: dass diese Fixierung als Art Tendenzbanner superarbitriert, von dem Appeal innerhalb des Selbst wirke, um in toxischer Bahnung einen Zustand erreichen zu können, Energie, worin ein komplementärer Aufbau in der Trieb-Organisation der Psychophysis das Maß bestimmt: Je geringer die Objektlibido, desto größer die libidinöse Selbstbesetzung, die Ich-Libido und umgekehrt. In anderer Perspektive ebenso teilbar in libidinöse Objektbesetzung und narzisstische Objektbeziehung (Charakteristik: Während die libidinöse Objektbesetzung vom Lustprinzip impetuiert ist, zielt die narzisstische Objektbesetzung auf ein homöostatisches Wohlbefinden). der analog der primärnarzisstischen Aufgehobenheit, die Funktion hat, die verfehlte Synthese der dyadischen Interaktion Mutter-Kind zu kompensieren. Noch deklariert Kleefeld dies als bloß über Indizien ableitbar, um doch fix jenen banalen Allgemeinplatz (der Dipsomane sei Säufer, wie der Raucher rauche, aufgrund eines eklatanten frühkindlichen oralen Mangels) einzuhebeln, der auch durch eine explikatorische Akzentverschiebung21 kaum an Plausibilität zulegt, weil ein Defizit emotional sättigender Interaktionen in der ersten Lebensphase und im dyadischen System zwar durchaus einen Faktor darstellt, unterdes das psychische Geschehen keine Reihe von einander fatal und direkt umstoßenden Dominosteinen ist und ab ovo auch die mögliche Einflussnahme durch andere Personen entwicklungsrelevant vorgeht, d.h. viel weniger hermetisch ist, als es die Theorie vorgibt.

1.1.4. Der Mythos der glücklichen Kindheit Trakls:

Trakl habe einmal einen scheuenden Rappen, auch einen Eisenbahnzug in ihrer Bewegung zu stoppen versucht, habe an sich selbst eine auffällige Bewegungsabneigung gezeigt, sei von Wasser magisch angezogen worden, so sehr, dass er sich mit fünf Jahren beinahe ertränkt habe, so Karl Röck22. Neben dieser somnambulen Angezogenheit durch Wasser und den neophoben Charakterzügen sei das Verhalten Trakls gekennzeichnet gewesen von mimosenhafter Sensitivität, aussplitternd in Berührungskoller auf der einen Seite und von fehlender Fähigkeit zu Empathie, von rücksichtsloser Härte gegenüber anderen. Dies notiert Kleefeld und subordiniert die grundlegende Prägung der Persönlichkeit Georg Trakls der Dynamik jener bereits wiederholt aufgetretenen Deformation der Mutter-Kind- Interaktionsdyade.

Das Triebprofil, das sich bei dem Kind im Austausch mit der kalt-abweisenden Mutter herausbildet, ist einerseits gekennzeichnet durch eine Prävalenz aggressiver Regungen, die begleitet werden durch entsprechend starke Verfolgungsängste; andererseits hält das von der Mutter enttäuschte Kind fest am primärnarzisstischen Verschmelzungswunsch, entwickelt also keine stabilen Ich-Grenzen. Es verfügt nur über eine geringe Frustrationstoleranz, reagiert auf narzisstische Kränkungen mit Wutausbrüchen.23

1.2. Die missglückte Lösung des Ödipuskomplexes

1.2.1. Die Desintegration der Triade: Das Familien-Milieu, in dem sich Georg Trakls

Persönlichkeit formiert, hauptsächlich bezeichnet durch die (divers bezeugte) emotionale Indifferenz seiner Mutter ihm und den Geschwistern gegenüber sowie einer in der Optik emotiv interaktionellem Getriebes defiziente Allianz zwischen den Eltern und der weitgehenden Abgezogenheit des Vaters zugunsten seiner Geschäftsgebaren, dies Milieu offenbare markante Beziehungsstörungen24:

Es ist jedoch nicht damit getan, die schismatische Ehe der Eltern als eine ‚schmerzliche Erfahrung’ des Jungen zu bezeichnen und diese als biographisches Faktum abzubuchen: der Riß in der Elternkoalition definiert ein pathogenes Sozialisationsfeld, wird zu einem wichtigen Moment der verzerrten seelischen Bildungsgeschichte Georg Trakls.25

Georg ist drei Jahre alt, als die Gouvernante Marie Boring 1890 zur Erziehung der traklschen Kinder angestellt wird, eine, wie Otto Basil sie in seiner Trakl-Monographie deutlich prädiziert, strenggläubige, fast fanatische Katholikin26, deren Missionseifer sowohl zu Differenzen zwischen ihr und den Auftraggebern geführt hätten, als auch Dynamo für den kuriosen Sachverhalt gewesen sei, dass die Traklkinder untereinander französisch gesprochen hätten, hingegen mit den Eltern und Dienstboten deutsch.

Der wechselseitigen Entfremdung zwischen Vater und Mutter entspricht die Distanz zwischen Eltern und dem Kind, das zudem durch wechselnde Erziehungspersonen mit rigiden Triebverzichtsforderungen konfrontiert wird. Die Anlehnungsbedürfnisse des Knaben bleiben in dieser Situation unerfüllt.27

1.2.2. Das frühe Schicksal der Triebe und die verzerrte Dynamik des Ödipuskomplexes:

In der ödipalen psychosexuellen Entwicklungsphase markiert vor allem der Übergang von dyadischer Mutualität zur Triangulierung zwischen dem ödipalen Subjekt, dem begehrten Objekt und dem subjekt-gleichgeschlechtlichen Rivalen neben einer numerischen, eine elementare strukturelle Differenz. Dies insofern, als dem im Durchgang durch das ödipale Konfliktgeschehen befindlichen Kind ein präpotenter Anderer antagoniert, welcher sein inzestuöses Begehren in den Untergrund des Unbewussten treiben wird, indem sich aus dieser Dynamik die Inzestschranke errichtet.

Gunther Kleefeld interpoliert, ökonomisch dem Kausalnexus psychoanalytischer Texturen folgend, dass Georg Trakl infolge der deformierten Verhältnisse der präödipalen Phase kaum in die Dynamik des Ödipuskonfliktes eingestiegen sei, da der primärnarzisstische Fusionswunsch derart drängend gewesen sei, dass es weniger um eine sexuelle Eroberung der ödipalen Mutterrepräsentanz, als vornehmlich um die Fusion mit der archaischen Imago der Mutter gegangen sei.28

Dieses vom Wirken narzisstischer Disposition geartete Begehren wirkt sich nun auch auf das Verhältnis zum Vater entscheidend aus: Der sogenannte Untergang des Ödipuskomplexes findet nicht statt, kann nicht stattfinden, weil im Ringen um das inzestuöse Liebesobjekt der Vater minder denn als Rivale erscheint, sohin Rivalitätskämpfen alle Walstatthaftigkeit entzogen wird und sich aufgrund dessen keine stabile Identifizierung mit dem - gemessen an einem positiven Ablauf der Prozedur - siegreichen Vater generieren kann.

Eben diese Identifizierung, ihre Inhalte, ihre prozedurale Funktion in der Errichtung der Inzestschranke, die substantiell unbewusste Transformation der perzipierten Handlungsschemata des väterlichen Über-Ich in das psychische Gefüge des sich am Beginn der Konsolidierung haltbarer sozialer und privater Regulative befindlichen Individuums, hier Georg Trakl, quittiert unerlässliche Bedingungen für die erfolgreiche Gründung eines funktionalen Über-Ichs und eines flexibel orientierenden Ich-Ideals, d.h. einer haltbaren Selbstwertregulierung.

Oder anders: Je schleuderten die aus ozeanischen Gewalten hervorragenden Wogen, die infolge übermäßiger Frustrationen durch die Mutter auflodernden aggressiven Impulse auch als Transpositionsfigur gegen die väterlichen Imagines, jakulierend ein heulendes Zuviel von reziprok verbundenen Destruktionswünschen und Verfolgungsängsten, Kastrationsängsten und Fusionswünschen, Sehnsucht nach einem blauen Verschwinden anderswohin, nach der intrauterinen Geborgenheit:

Das Überich, das sich bei dem Jungen entwickelt, steht unter dem Einfluß der präödipalen Imagines; infolge der aggressiven Verzeichnung der ödipalen Szenerie nimmt es sadistisch strafenden Charakter an, begründet so eine paranoide Bereitschaft Trakls. Das Ichideal andererseits bleibt archaischen Omnipotenzansprüchen verhaftet; zugleich ist der Knabe ständig auf der Suche nach einem äußeren idealen Vater, der ihm den Halt geben könnte, den das defiziente Überich nicht bietet. Trakls Überich ist, nach der Formel Ziehes, „streng, aber unreif.“ Dieses nicht realitätsgerechte, schlecht integrierte Überich kann die ihm zukommende Funktion einer flexiblen Verhaltensorientierung nicht erfüllen; es mobilisiert Schuldgefühle und Bestrafungswünsche, ohne jedoch die libidinösen und aggressiven Regungen des Es in Schach halten zu können. Die Entwicklung der synthetisierenden Ich- Funktionen ist behindert, die schon in ihren Fundamenten labile psychische Organisation des Kindes wird im Durchgang durch die ödipale Phase nur unzureichend befestigt: damit ist die spätere Bewältigung der Adoleszenzkrise von vornherein in Frage gestellt, ein weiterer wichtiger Schritt hin auf den psychotischen Zusammenbruch getan.29

Symptomatisch für ein morbid installiertes Überich, welches gegenüber dem Selbst weder die Funktion als Produzent suffizienter narzisstischer Zufuhr übernehmen kann, noch die konstitutionelle Beschaffung eines intrapsychischen autonomen Ordnungsgenerators ist die Angewiesenheit auf den als äußere Idealfigur eingesetzten Anderen. Letztlich ist gerade diese Einsicht dazu angetan, Trakls Lebensvollzug in einer theologischen Poesis zu erklären: die Gottes-Imago ( Imago dei) ist die äußerste Konsequenz der denaturierten, deformierten Kommunikationsmodalitäten der nächsten Umwelt. Validität wird dies durch Belege der Perseveration erhalten. So lässt sich für die Wiederholung einer Art paternalen Anrufung, oder Anrufung eines Anderen als Vaterfigur in signifikanter Verkettung mit jener heterologischen Emblematik30 angeben:

1. Buschbeck berichtet, der Schüler Trakl sei seinem Religionslehrer, dem Pfarrer Aumüller überaus anhänglich gewesen.
2. 1905/06 hatte der Dichter eine devot oder submiss anstellige Beziehung zu dem um 14 Jahre älteren Gustav Streicher.31
3. 1909 schreibt der Autor an Buschbeck, der sich für ihn bei Hermann Bahr einzusetzen beabsichtigte: „Alles, was ich von ihm erhoffe ist, dass seine geklärte und selbstsichere Art, meine ununterbrochen schwankende und an allem verzweifelnde Natur um etliches festigt und klärt.“32
4. 1911 lernt Trakl den wesentlich älteren Dichter Karl Hauer kennen. Otto Basil schreibt: „Er schloß sich Hauer in einer Weise an, die an das Hörigkeitsverhältnis zur Schwester erinnert.“33
5. In dem Krakauer Krankenblatt steht über die Wunschvorstellung Trakls: „Seinen Vater hat er nicht für eigenen gehalten, sondern er hat vermutet, daß er von einem Kardinal abstammt [...]“34

1.2.3. Trakls Beziehung zur Schwester Grete (und sein Familienroman)

Die inzestuöse Beziehungsweise zwischen Grete und Georg Trakl ist durch Ludwig von Ficker verbürgt35. Kleefeld wertet nunmehr das Inzestfaktum als ausgezeichnet die Argumentation von verfehlter Dyade zu gestörter ödipaler Entwicklung zu verifizieren. Eine Fehlfunktion der familialen Interaktionsprozesse (als primäre Zurichtungs-Potenz zur Vergesellschaftung des Individuums) induziert den Inzest, welcher also explizit kein Symptom individueller, sondern sozialer Störung darstellt. Eine relevante Komponente im inzestuösen Aufbau von Trakls Erlebenswirklichkeit ist die Objektwahl durch einen narzisstischen Impuls, dass nicht so sehr orgastische Lusterlebnisse und der genitale Spannungsabbau antreiben, sondern das Desiderat symbiotischer Nähe, die mittels Sexualität fabriziert werden soll.36

Eine narzisstische Impetuierung, die stark assoziiert ist mit einer aggressiv-sadistischen Komponente:

Die gestörte narzißtische Entwicklung zeigt sich in der unzureichenden Umformung der archaischen Konfigurationen: In der sadistischen Phantasie oder Aktion geht es um Beherrschen, magisches Kontrollieren, omnipotentes Verfügenkönnen über das Opfer; dies entspricht einer punktuellen Aktualisierung von Größenselbstphantasien, beschränkt auf die sexuelle Situation. [...] Mit der gestörten narzißtischen Entwicklung, einhergehend mit einer unscharfen oder instabilen Trennung von Selbst und Objekt, hängt eine diffuse narzißtische Spannung zusammen, die im sozialen Handeln nicht abgeführt werden kann und zu deren Reduzierung sexuell deviante Aktionen eingesetzt werden.37

Wiederholt werden unverarbeitete Konflikte der Mutter-Kind-Relation und dabei eine subjektbezogen unauslöschliche Ambivalenz38 erzeugt: der Fusionswunsch provoziert zugleich Verschmelzungsängste, die durch aggressive Konfrontationen, durch Unterwerfung und Kontrolle des Opfers abgewehrt werden sollen, nur vordergründig geht es um das brünstige Schmerzbereiten. Plausibilisiert werden kann dies angesichts der flagrant überkommenen Haltung Trakls der Schwester gegenüber (er habe sie mit zärtlicher oder zorniger Sorge umgeben39 ), und dagegen: jene von Spoerri registrierte Bordellszene, bei der „die Erniedrigung des Mutterbildes im Vordergrund gestanden habe.“40

Zusammenfassend sei festgehalten, dass als zweite effektive Station auf dem Weg zur Schizophrenie, die missglückte Durcharbeitung durch das ödipale Psychodrama, dessen pathogenetischer Fundierung die Kleefeldsche Argumentation authentisch zuarbeitet, exponiert wird.

1.3. Schizophrenie und Familie: der Eigenwille der Maria Trakl

Kleefeld räumt ein, dass es im Suchen nach der causa nocens Trakls eine petitio principii darstelle, das Konzept des endogenen Prozesses durch das der schizophrenogenen Mutter zu substituieren, da diese ebenso Resultat einer Sozialisationsgeschichte sei und die darin erlittene Beschädigung in den Dialog mit ihrem Kind programmatisch einspiele.

2. Der abortive Ausgang der Adoleszenzkrise:

2.1. Adoleszenz und Gesellschaft/ 2.1.1.Die Generationskrise im Expressionismus

„Si j’avais des antécédents à un point quelconque de l’histoire de France ! Mais non, rien. Il m’est bien evident, que j’ai toujours été race inférieure. “4142

Fixiert auch eine Reihe kulturkritischer Schriften eben den zusehends aufklaffenden Riss, jenes Disgruentwerden von humanoider Potentialität und der sprunghaften Beschleunigung der Lebensrhythmen durch die technologischen Innovationen und wissenschaftliche Errungenschaften als Ursache des Dissoziierens der Person, deren peinsames Aussplittern in durch unterschiedliche Pole der weltanschaulichen Dezisierung attrahierte Teile, so sind es in der Tat nicht Mensch-Ding-Relationen, die jene Verlorenheit, Unrettbarkeit des Selbst heraufbeschwören, sondern auffordernde, definitorische Verhältnisse zwischen Subjekten, welche eine institutionelle Vertatsächlichung des Instinktes beschreiben43. Die weltanschauliche Prinzipiierung ist obschon bereits vor der Wende zum 20. Jahrhundert, doch nie eher in dieser Taumel erzeugenden Rasanz, vor allem durch die Auflösung von Wertepostamenten in ein unsägliches44 Fluktuieren gebracht. Sei es nun die evolutionstheoretische Konfiskation selbstverständlicher Gott- und Demiurgengläubigkeit, und der damit und dem Folgenden zusammenhängende Verlust „metaphysischer Apodiktizität“, seien es die durch Paul Ree, bekannter noch durch Nietzsche physiologisierten45 und als arbiträr durch Konsensualisierung erzeugten Grundlagen der Moral, der Erweis deren Geschichtlichkeit, die dies heraufbeschworen, oder seien es Freuds furiose Ausweisungen des Unbewussten als einer zuerst und ewig triebfundierten Kraft, die minder denn als bloß kaptiöses Dispositiv die Autorität des Selbst in sich verhörte: um wenigstens drei Fabrikanten des Wirklichkeitsverständnisses und ferner: Konstrukteure von nachher intersubjektiv geteilten Mutationen - von aufgrund ihrer alles andre logisch verschattenden Emphase - strukturbildender Theorien-Oktroi, all die sublim und bis in ein Unwägbares hinein zuprellenden Effekte, die ein Zerbersten der Integrität des Individuums mitverantworteten46.

In einem Brief an Ludwig von Ficker erhebt Georg Trakl seine Seele zum „Spiegelbild eines gottlosen, verfluchten Jahrhunderts“47 und hat damit etwas enthüllt, das basal auch in der Studie Kleefelds virulent ist: die Übertragung individueller Gegebenheiten auf weiträumige Areale, eine ganze Gesellschaft. So steht in spekularer Gleichartigkeit der Negation des Vaters als realem Kontrahenten im Ödipuskomplex bei Trakl die sogenannte Generationskrise im Expressionismus gegenüber. Eine Erosion der autoritativen Tradition, oder wie Margaret Mead differenziert: der Wechsel von „postfigurativer Kultur“, in welcher zumindest „eine mindestens drei Generationen umfassende Gruppe die Kultur als selbstverständlich betrachtet und so das heranwachsende Kind zur bedingungslosen Übernahme dessen bringt, was seine Umweltpersonen ebenfalls bedingungslos akzeptieren“48, zu „präfigurativer Kultur“, in der Vater und Großvater nicht länger die Zukunft des Knaben repräsentieren. Weder Alter noch Wissen noch Lebenserfahrung des Vaters gewähren weiter hinreichenden Grund, diesen in den Status einer kompetenten Leitbild- oder Orientierungsfigur zu heben. „Der Vater kennt sich nicht mehr aus, wird vom Jugendlichen überholt: der Sohn ist dem Vater voraus.“49

2.1.2. Die Spaltung der Vater-Imago und Trakls Entscheidung für den Dichterberuf:

Im Herbst 1905 verlässt Trakl das Gymnasium, weil er die Sonderprüfung, versetzt zu werden, nicht besteht, nachdem er bereits 1902 das Klassenziel verfehlt hat und die vierte Klasse wiederholen musste. Im September 1905 tritt Trakl die Lehrstelle in der „Apotheke zum Weißen Engel“ in der Linzergasse an. Das Scheitern an den Leistungsanforderungen der Schule, das mithin dadurch bestürzte Mäandern im Lebensvollzug lässt sich eingeschränkt über zwei phänomenale Strömungen nachvollziehen:

2.1.2.1. Es sind eklatante Motivationsstörungen, beileibe Folge einer kalt aushärtenden Trutz-Rüstung Georg Trakls50 gegen zivil funktionale, aber subjektiv inakzeptable Vorschreibungen respektive Rollenmatrizen, vornehmlich aufgrund jener bereits skizzierten familialen Bildungssgeschichte, genauer: aufgrund der gescheiterten Synthese im dyadischen System mit der Mutter, aufgrund der weitgehenden Absenz einer intakten familialen Triade (dito deren Exilierungen ins symbolische System sozialer Interaktionen außerhalb der Familie), ebenfalls dem Fehlen einer grundsätzlich permissiven Erziehungsstrategie51, auch infolge der Einbettung in eine „präfigurative Sozietät“.

Deshalb sind die Gesetze des Anderen, der vorgesetzten Autorität von Nichtigkeit oder Herausforderungscharakter angekränkelt, wo nicht gar idiosynkratisch aufgeladenes „Nichts“ und damit geradezu idealer Nistplatz eines autoritätsbezogenen Nihilismus.

2.1.2.2. Um 1904 gründet Trakl mit einigen Gleichgesinnten den literarischen Zirkel Apollo (später: Minerva), eine Dichtervereinigung, in der eine praktische Illuminierung kraft dichterischer Schöpfungen von bezeichnender Bedeutung waren, ebenso die Bohemien-Subversion jener so aufkreuzend jämmerlichen bourgeoisen Administrierung des Lebens unter utilitaristische, kommerzielle, billig sittlich zusammengebosselte Aspekte.52

An dieser Stelle sei verzeichnet, dass Trakl die literarisch dargetanen existentialistischen Entwürfe Dostojevskijs innig rezipierte, den Mutwillen Nietzsches zur Umwertung aller Werte, die stupende Logizität einer pessimistischen Grundhaltung sich anverwandelte, und desgleichen Baudelaires Rhythmus und Tat in Einklang naturierende Dichtung in sich aufnahm, welche, ob in kadavrigen, ob in neurasthenischen Gebilden oder in Gebilden grausam und raffiniert umgespurter Körperlichkeit, als Lyrik eines hehr aasigen Ikarus oft parabolisch strukturierter Transzendenz erscheint.53

Die Werke jener drei genannten Autoren adorierte und inkorporierte Trakl, indem sie ihm mithin zu kognitiven Apparaturen54 (zentral: des gnothi-seauton) arteten, ein paradigmatisches Sich-Ausrichten. Das würde laut Kleefeld exemplarisch deutlich machen, dass es falsch sei, von völligem Verlust der stützenden Vaterfigur als wichtigem Konsolidierungsfaktor des Über-Ichs wie des Ich-Ideals zu sprechen. Eine Entscheidung ist es freilich, festzuhalten, dass eine Verschiebung in Trakls Entwicklung in jener eben angedeuteten Kybernetik der Verhältnisse stattgefunden hat: die Verschiebung von einem paternellen Präfigurator der Lebens- und Weltanschauung, dem leiblichen Vater, als einer naturgemäß real-körperlich wahrnehmbaren Person auf mehrere, primär skriptural kogniszierte Idolfiguren.

Kleefeld bildet entlang der Kleinschen Theoriensignatur erneut ein (verkapptes) Komplement: die Abwertung des realen Vaters korreliere mit einem zu Substitution führenden Mangel an ausrichtender Ordnung und dem tendenziell huldigenden Verhältnis zum Vatersubstitut. Außer Acht darf indes die unter Pkt. 1.2.3. aufgelistete Einsetzung realer Vatersupplemente nicht gelassen werden, Supplemente, weil, wie aus den Reaktionen Georg Trakls auf den Tod seines Vaters 1910 angezeigt scheint, dessen paternelle Funktion als Zeuger insubstituierbar gewesen ist.

2.1.3. Realselbst und Idealsselbst: der Berufsrollenkonflikt

„Viel Licht, viel Wärme und einen ruhigen Strand, darauf zu wohnen, ich brauchte nicht mehr, um ein schöner Engel zu werden; allerdings ist es traurig, wenn man dann einen schlechten Witz mit sich macht und k.u.k. Militär-Medikamentenakzessist wird.“55

Dies schreibt Trakl an Ludwig Ullmann im Oktober 1912. Lapidar wird in dieser Passage ein als modus potentialis camoufliertes Desiderat, die scheinbaren Möglichkeitsbedingungen, das Ich gemäß der Wunschvorstellung zu verwandeln, kontrastiert mit dem modus realis, sich zu einem k.u.k. Medikamentenakzessisten zu machen, oder, faktisch: gemacht zu haben. „Ein schöner Engel werden“: als symbolische Repräsentanz des Ich-Ideals, dem utopischen Fluchtpunkt eines idealen Selbstentwurfes funktionalisiert, gewiss mehr denn bloße Metonymie. „Die grandiosen, archaischen Züge dieses idealen Selbstentwurfs sind unverkennbar: diese Gestalt ist schön, rein, schwerelos, übermenschlich. Das Problem zeichnet sich ab: das Ichideal ist nicht von dieser Welt, es ist unerreichbar.“56 Die Figur des Engels agiert, dauert in einigen Gedichten Trakls und wird in seiner Bedeutung von Kleefeld mit Trakls Vorstellung, ein großer Herr zu werden, verbündet, dem die Wahnvorstellung von der idealisierten Vaterfigur, dem Kardinal als komplementäre psychische Repräsentanz zugeordnet wird.

Wohingegen im Zusammenhang mit der Wunschvorstellung Trakl ein Ich der Aussage erübrigt, versieht er eine Distanznahme vermöge des unpersönlichen Aktanten, des man der Allgemeinheit mit einer Anschrift im „Realis-Sektor“ dieser Kontrasierung, die fernerhin eine schwebende Kontradiktion impliziert:

[...] diese Kluft zwischen Realselbst und Idealselbst ist nicht zu überbrücken, eine Synthese dieser Selbstentwürfe ist ausgeschlossen. Die Imperative des hochfliegenden Ichideals und die unerbittlichen Anpassungsforderungen der Realität treten sich als unvereinbar gegenüber; eine Erfüllung des Ideals ist in dieser Welt nicht zu erreichen. Der äußere Berufsrollenkonflikt Trakls präsentiert sich uns jetzt als ein intrapsychischer Konflikt zwischen Ich und Überich bzw. Ichideal, als ein Zustand narzißtischer Spannung zwischen Realselbst und Idealselbst. Aus dieser Spannung entsteht das ‚Gewitter’, das Trakl in seiner Seele heraufziehen sieht, aus dieser Spannung entstehen ‚Krankheit und Melancholie.’57

2.2. Trakls Kampf mit den Dämonen des Blutes

2.2.1. Versagen der Triebneutralisierung:

Hat sich unter der Perspektive der Sozialisation gezeigt, wie für Trakls Lebenslauf nicht-harmonisierbare, inkompatible Forderungsgeneratoren apparierten, so ist nun als zweiter, als relationaler (i.S. des psychoanalytischen Strukturmodells) Aspekt der Adoleszenzkrise, die, wie sie Kleefeld unter Anführungszeichen gestellt nennt, „Problematik der inneren Sozialisation“ zu beschreiben, mit dem damit verbundenen „Problem der seelischen Anpassung an die pubertären Reifungsprozesse, der Zähmung und Kanalisierung der Triebwünsche des Es.“58

[...]


1 Superposition = Ein Verschränkungsmodus: einander wechselweise beeinflussende Interferenz von zwei oder mehreren Eigenzuständen eines Objektes.

2 Rimbaud, Arthur: Sämtliche Werke. Insel Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main: 1992. S. 324.

3 (und unaufhörlich spürt das chaotische Anbranden von zig Myriaden Verwendung(exzess)en dieses Idioms in die Vergangenheit, aus der ich dies schreibe, und aus den Vergangenheiten, die dies bereiteten, in die zugestoßen ich bereits geschrieben habe ohne es jemals zu beenden, auch weil es, steht es als solches da, stößt es als solches zu, nicht mehr wird ablassen können vom Medium, auf das es gebannt sein wird und anhand dessen zurückgesehen werden kann auf eine Kultur des Untergehens, des Verweichens und Zu- Grunde-Gehens, um zu einem Grunde zu kommen, wo indessen die Interpellation durch das Chaos noch größer geworden sein wird...)

4 Der Begriff Chaosmose stammt aus James Joyces Finnegans Wake (1939), wurde von Felix Guattari in der gleichnamigen Abhandlung (1992) wiederverwendet und “[d]as meint, wie es auf dem Cover des von Henning Schmidgen 1995 im Berliner Merve-Verlag herausgegebenen Bandes heißt, dass ‚das ästhetische Paradigma dazu berufen ist, alle Register des Diskurses zu verseuchen, in alle Wissenschaftsfelder das Gift der schöpferischen Ungewissheit und der deliranten Einbildung einzuimpfen.“ (Barck, Karl-Heinz: Ästhetik als Coen-Ästhetik. Deplatzierende Perspektiven auf eine kritische Literaturwissenschaft. In: Literaturforschung heute. Goebel, Eckhart/Klein, Wolfgang [Hg.]. Akademie Verlag, Berlin: 1999. S. 304.) Vgl. dito Marcus Steinweg: http://artnews.org/texts.php?g-a=index&g-i=3951, 13.4.2008.

5 Abzüglich der Verwendung des Begriffes Diagnose in üblichen Verwendungsparadigmen (und mit dem Bedenken jener Zweiseitigkeit, dass „Gnosis“ 1. die Präsuppostion der Existenz Gottes und dessen Erkennbarkeit impliziert und 2. eine Begabung des Menschen, ein Vermögen bezeichnet) in drei resoluten Bedeutungsdimensionen aufgefächert: a) (unbewusste) idiolatrische Selbstsetzung durch und im dichterischen Akt und dessen inferente Wahrnehmbarkeit. b) Erkenntnis seiner selbst durch seine Bezogenheit auf die Gottesrepräsentanz. c)“Erkenntnis“ Gottes durch den spezifisch poetischen Akt. - Warum hier nicht, wie es scheint, ein Zirkel vorliegt, ist noch zu klären.

6 In: Trakl, Georg: Dichtungen und Briefe. Hrsg. von Walter Killy und Hans Szklenar. Otto Müller Verlag, Salzburg: 1987. S. 729f. Im weiteren Text in der Form abgekürzt, dass zuerst die Nummer des Bandes (I oder II) und dann die Seitenzahl genannt wird.

7 Kleefeld, Gunther: Das Gedicht als Sühne. Georg Trakls Dichtung und Krankheit. Eine psychoanalytische Studie. Niemeyer Verlag, Tübingen: 1985.

8 Im theologischen Sinn vor allem, aber auch in der Bedeutung: besondere Ausstrahlungskraft.

9 Vgl. Lewin, Kurt („Feldtheorie in den Sozialwissenschaften“): Lebensraum als das Insgesamt, die Ganzheit aller psychisch wirksamen Faktoren.

10 Vgl. Jacques Lacans Konzept des Spiegelstadiums. In: Schriften I. Quadriga Verlag, Berlin: 1986. S. 61-70.

11 Vgl. Neumann, Erich: „Er tötet sich selbst, heiratet sich selbst und befruchtet sich selbst. Er ist Mann und Frau, zeugend und empfangend, verschlingend und gebärend, aktiv und passiv, oben und unten zugleich.“ In: Ursprungsgeschichte des Bewusstseins. Zitiert nach Samuels, Andrew: Wörterbuch Jungscher Psychologie. Kösel Verlag, München: 1989. S. 232f.

12 Lorenzer, Alfred: die Sprache, der Sinn, das Unbewusste. Klett-Cotta, Stuttgart: 2002. S. 127

13 Vgl. Kleefeld, a.a.O., S. 33f.

14 Ebd., S. 34f.

15 Ebd., S. 35.

16 Vgl. Freud, Sigmund: „Seitdem wir den Irrtum überwunden, daß das uns geläufige Vergessen eine Zerstörung der Gedächtnisspur, also eine Vernichtung bedeutet, neigen wir zu der entgegengesetzten Annahme, dass im Seelenleben nichts, was einmal gebildet wurde, untergehen kann, dass alles irgendwie erhalten bleibt und unter geeigneten Umständen, z. B. durch eine so weit reichende Regression wieder zum Vorschein gebracht werden kann.“ In: Das Unbehagen in der Kultur. Gesammelte Werke XIV. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt/Main: 1999. S. 426.

17 Die Unterscheidung zwischen Frustration, Privation und Kastration stammt von Jacques Lacan und bezeichnet drei Arten des Objektmangels. Vgl. Evans, Dylan: Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Verlag Turia + Kant, Wien: 2002. S.239.

18 Objektbesetzungen definieren sich als integrale Cluster differenter und über einen längeren Zeitraum hinweg stabiler psycho-physischer Impulse in einem bestimmten Objektbezug (Erinnerungsspuren, alle perzipierten, phänomenalen Gegebenheiten, Affektverbindungen, usf. enthaltend); Objektlibido: Es ist dies gleichsam der Ionisierung eines Moleküls, die subjektemittierte Aufladung eines Objektes mit libidinöser

19 Argelander, Hermann: Die Flieger. Zitiert nach Kleefeld, a.a.O., S. 36.

20 Kleefeld, a.a.O., S. 37f

21 die bloß stoffliche Versagung der Mutterbrust sei eine gegenüber der anhaltenden Versagung narzisstischer Zufuhr sekundäre Erscheinung gewesen.

22 Vgl. Szklenar, Hans: Beiträge zur Chronologie und Anordnung von Georg Trakls Gedichten auf Grund des Nachlasses von Karl Röck. In: Euphorion 60. 1966. S.227.

23 Kleefeld, a.a.O., S.44f.

24 Ebd., S. 48f.

25 Ebd., S.51.

26 Vgl. Basil, Otto: Georg Trakl. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg: 1965. S. 38.

27 Kleefeld, a.a.O., S. 52.

28 Vgl. Kleefeld, a.a.O., S. 52f.

29 Ebd., S. 65.

30 Welche unterdessen insofern dogmatisch limitiert auftritt, als die in den fünf Exempeln ausgestellten paternalen Figuren als solche einfach gesetzt werden, ohne, wie es - um eine Begründung, die eben nicht alleine in der Psychologie des Einzelnen zu suchen ist, zu bekommen - notwendig wäre, weiter zurückzufragen, zu fragen, wie deren Väterverhältnisse beschaffen gewesen sind.

31 Vgl. Basil a.a.O., S.63.

32 I,476.

33 Basil a.a.O., S. 109.

34 II,730.

35 Vgl. Kleefeld, a.a.O., S. 59.

36 Vgl. Kleefeld, a.a.O., S. 61.

37 Ebd. S. 62.

38 Vgl. dazu die Erzeugung mehrerer, teils kontradiktorische Elemente einbauende Fassungen der Gedichte Trakls

39 Vgl. Buschbeck, in: Basil a.a.O., S. 78.

40 Kleefeld, a.a.O., S. 61.

41 abortiv: „infolge eines psychotischen Zusammenbruchs können die Aufgaben der Adoleszenz (Auflösung der inzestuösen Bindungen, Entwicklung einer Identität als Erwachsener im Bereich der Sexualität, der Objektbeziehungen und der sozialen Rollen) nicht weiter verfolgt werden, ein Verlust des Kontakts mit der Realität und ein Versagen in den üblichen differenzierten intellektuellen Aufgaben dieser Lebensphase sind die Folge“ In: Schuster, P./Springer-Kremser, M.: Bausteine der Psychoanalyse. WUV-Universitätsverlag, Wien: 1997. S. 118/119.

42 „Wenn ich mich nur, wo immer in der Geschichte Frankreichs, auf jemanden berufen könnte! Aber nein, nichts. Es ist mir ganz klar, dass ich von jeher minderwertiger Rasse gewesen bin.“ Rimbaud, Jean-Arthur : Une saison en enfer. Eine Zeit in der Hölle. Philipp Reclam Verlag, Stuttgart : 1970. S. 10.

43 Die These, dass die kulturellen Institutionen Substitute des Instinkts seien, stammt von Arnold Gehlen. (In: Der Mensch, seine Natur und seine Stellung in der Welt.)

44 Exakt an dieser Gelenkstelle treten die fusionistisch-anarchistischen Bestrebungen der Avantgarden in Funktion, Sein und Sollen in Parität zu bringen, gleichwie dies ungestümen Anstoß für künstlerische Heuristiken und die Suche nach Kognitionsmodalitäten, die das Selbst innovativ in der Welt befestigen (damit einhergehend: die Aufwertung, der Aufschwung des poeta vates) gibt.

45 Vgl. bsph. Nietzsche, Friedrich: „[...] dass auch unsere moralischen Urtheile und Werthschätzungen nur Bilder und Phantasien über einen uns unbekannten physiologischen Vorgang sind, eine Art angewöhnter Sprache, gewisse Nervenreiz zu bezeichnen [...]“ In: Morgenröte. Deutsche Taschenbuch Verlag, München: 1988./Walter de Gruyter, Berlin/New York: 1988. S. 113.

46 Vgl. Dazu Abschnitt III/3. - über die prinzipielle Irreversibilität einer ökonomischen Daseinsfundierung: der Fortschritt als gottartiges Orientierungszentrum (Vgl. dazu: Anderson, John R.: Kognitive Psychologie. Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg/Berlin: 2001. S. 254.: Backup-Vermeidung)

47 I,519.

48 Mead, Margaret, zitiert nach Kleefeld, a.a.O., S.75.

49 Ebd., S. 76. - Der „Aufstand der Söhne gegen die Väter“, zahlreich belegt, habe, wie Sørensen in seiner Literaturgeschichte schreibt, zu Kriegs- und Todeswunsch als paradoxem Ausdruck einer aktivistischen Sehnsucht nach Rausch und Leben geführt, Wandlung, die Verwandlung des alten, erstarrten Menschen, der nicht weiter haltbaren Lebenskonzeptionen der Eltern, in einen neuen, dessen Künder und Prophet der Dichter sein sollte. Vgl. Sørensen, Bengt Algot: Geschichte der deutschen Literatur. Verlag C.H. Beck, München: 1997. S. 180.

50 Beschreibung eines Kontrastes: Charakterliche Härte da - sensorische Sublimität dort - das Hervorbringen des Einen durch das Andere: Was ist die Wahrheit des Subjekts?

51 Über den pädagogischen Stil Maria Borings sind gewiss nicht hinreichend viele und evident Argumente krückende Daten zu erheben, dieses Fehlen anzunehmen und ihrem Vorgehen damit das systematisch komplementäre Register eines repressiven Erziehungsstils zuzuweisen; solche Attribuierung legt eine Form kognitiven Regulativs beim Beobachter offen, dessen sich wie in Gewissheit drapierende Hoffnung auf ein Zutreffen logischer Derivierbarkeit skripturaler Formationen eine fabelhafte Übersetzung ins Werk setzt, welcher freilich mit aller Skepsis zu begegnen ist, weil sie ständig Gefahr läuft fehlzugehen, auszulaufen, Hof-Effekte, logische Fehler, Kontrastfehler und ähnliches zu produzieren.

52 Vgl. Rimbaud: Das Grassieren bourgeoiser Prothesenexistenzen - Revolte gegen das Intransparentwerden des Seins, Verstellung, Intransparenz um den läppischen, unwürdigen Gewinn an Bequemlichkeit, Luxus, ein gleichsam chitinoider Typus von Lebensentwurf, und das obwohl der Mensch das Fleisch außen trägt! Vgl. Bonnefoy, Yves: Arthur Rimbaud. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek bei Hamburg: 1994.

53 Obschon die Fragestellung geradeso rüde ist, wie die Antwortmöglichkeiten im Verlauf dieser Arbeit, lichtet es doch die Flagranz einer systemischen Beförderung: Wie würde sich das Schaffen Rimbauds ausnehmen ohne Kenntnis Baudelaires und wie jenes Georg Trakls ohne die Beiden? Und darin exklusive konkreter formalästhetischer Übernahmen, als vielmehr die Zuschärfung der Frage betreffend: Was soll der Dichter tun? Was soll ich, da ich meine Sendung als Dichter erkannt habe, machen? Wie stelle ich mich in diese Welt?

54 Der Begriff Apparatur denotiert eine abgrenzbare Dinghaftigkeit und Körperlichkeit, die diesem Gebrauch nicht zukommt.

55 Trakl in: I, 491.

56 Kleefeld, a.a.O., S. 94.

57 Ebd.

58 Ebd. S. 96.

Ende der Leseprobe aus 91 Seiten

Details

Titel
Dia-Gnosis des poetischen Subjekts im Opus von Georg Trakl
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Germanistik)
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
91
Katalognummer
V178154
ISBN (eBook)
9783656001607
ISBN (Buch)
9783656001355
Dateigröße
14998 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dia-gnosis, subjekt, opus, georg, trakl
Arbeit zitieren
Mag. Johannes Zweimüller (Autor), 2008, Dia-Gnosis des poetischen Subjekts im Opus von Georg Trakl, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178154

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