Politische Lyrik im Wandel der Zeit


Facharbeit (Schule), 2010

30 Seiten, Note: 15


Leseprobe

Gliederung

1. Kriterien zur Auswahl der Gedichte

2. Politische Lyrik verschiedener Epochen
2.1 Grundlagen zur politischen Lyrik
2.1.1 Die Kommunikation zwischen Autor und Leser
2.1.2 Die Sprache der Poesie
2.1.3 Die Typen des politischen Gedichts
2.2 Analyse verschiedener politischer Gedichte
2.2.1 Barock
2.2.1.1 Andreas Gryphius – Es ist alles eitel
2.2.1.2 Andreas Gryphius – Tränen des Vaterlandes
2.2.2 Vormärz und Junges Deutschland
2.2.2.1 Heinrich Heine – Die schlesischen Weber
2.2.2.2 Georg Weerth – Das Hungerlied
2.2.2.3 Hoffmann von Fallersleben – Lied der Deutschen
2.2.3 Drittes Reich
2.2.3.1 Hanns Johst – Dem Führer
2.2.3.2 Horst Wessel – Die Fahne hoch

3. Politische Lyrik in der Gegenwart

Literaturverzeichnis

Anhang

1. Kriterien zur Auswahl der Gedichte

Über Jahrhunderte hinweg wurde Lyrik als Mittel zur politischen Stellungnahme und zur Ausübung von Kritik an politischen Systemen und sozialen Strukturen verwendet. Angefangen im Barock (ca. 1600 - 1720) bis hin zur modernen Gegenwartslyrik: Immer wieder tauchen politische Gedanken in Gedichten auf.

[…] denn schweigst Du nur immer
wird alles nur schlimmer
siehst nie einen Schimmer vom Recht das du suchst

Denn für den der nichts tut
der nur schweigt so wie du
kann die Welt wie sie ist auch so bleiben

WER SCHWEIGT STIMMT ZU[1]

So heißt es im Gedicht „Wer schweigt“ von Herman van Veen, in dem deutlich wird, dass Schweigen nicht weiterhilft im Kampf gegen das Unrecht und dass mündige Bürger sich zur Wehr setzen müssen. Inwiefern dies geschehen soll, wird offengelassen: Durch konkretes und aktives Handeln? Oder etwa eher passiv, z.B. durch Lyrik, die zum Geschehen in der Politik Stellung nimmt? So zumindest gehen viele Autoren politischer Gedichte gegen das Schweigen vor. Sie äußern sich mal verschleiert, mal offensichtlich über Vorgänge in der Politik, kritisieren diese und wollen den Leser zum Nachdenken oder gar zum Handeln anregen. Jedoch muss nicht jedes politisch orientierte Gedicht „ein konkretes, möglichst meßbares Ergebnis zeitigen.“[2] Viele politische Gedichte sind nicht „Vorform von Aktion, Umwandler von Energie, die in vom Gedicht anvisierte Handlung auszubrechen habe“[3] , sondern eher Bestätigung oder Resultat eines poltischen Geschehens.

Die Eingrenzung des Begriffes der „politischen Lyrik“ ist sehr umstritten und nicht ganz einfach. Gottfried Keller z.B. behauptet, dass alle s , nämlich jede literarische Publikation, politisch ist, weil Kunst in gesellschaftsgeschichtlich bestimmten Bewußtseinsprozessen konzipiert […] wird“[4]. Nachfolgend soll jedoch nur Lyrik betrachtet werden, welche auf konkreten historischen Sachverhalten basiert und unverdeckten politischen Zielvorstellungen und Wirkungsabsichten folgt.

Die Auswahl der Gedichte beschränkt sich auf die politisch geprägten Epochen Barock, Vormärz und Junges Deutschland. Auch die Lyrik im Dritten Reich wird behandelt. Im Folgenden sollen zunächst einige wichtige Grundlagen zur politischen Lyrik erläutert werden. Anschließend werden relevante Gedichte aus den genannten Epochen analysiert.[5]

2. Politische Lyrik verschiedener Epochen

2.1 Grundlagen zur politischen Lyrik

2.1.1 Die Kommunikation zwischen Autor und Leser

Um schriftliche Kommunikation betreiben zu können, bedarf es zunächst eines Autors und eines Lesers sowie einer Nachricht (z.B. gedruckter Text, Gedicht). Der Autor, der ein bestimmtes Vorwissen und eine Absicht hat, möchte dem Leser, der eine gewisse Erwartungshaltung und ebenso ein Vorwissen hat, etwas mitteilen, was dieser im Idealfall genauso verstehen soll, wie der Verfasser es gemeint hat. Voraussetzungen hierfür sind (eine gemeinsame) Sprache und ein Kanal (z.B. Buch, Zeitschrift). Die Nachrichtenübermittlung in Textform kann jedoch aufgrund der räumlichen und zeitlichen Distanz zwischen Auto und Leser – durch welche Mimik und Gestik sowie Tonfall und Sprachrhythmus wegfallen – gestört sein. Beispielsweise kann die Absicht des Autors verfälscht werden, wenn er „nicht die richtigen Worte findet“ und somit seine „gedachte Information nur ungenau in das Sprachsystem einfügen“[6] kann. Oder aber dem Leser fehlt das nötige Vorwissen, welches der Autor voraussetzt, um den Text richtig verstehen zu können. Weitere Schwierigkeiten können eine unterschiedliche soziale Herkunft oder ein höherer oder niedrigerer Bildungsstand sein. Zudem sind manche Texte mehrdeutig und werden somit von Lesern mit verschiedenem Sachwissen und Literaturverständnis unterschiedlich und manchmal „sogar widersprechend“[7] aufgefasst.

2.1.2 Die Sprache der Poesie

Die Lyrik fordert vom Leser eine besondere Lesehaltung, da es um die „Vermittlung einer bestimmten Nachricht über einen [politischen] Gegenstand und die Erzeugung einer bestimmten Einstellung (Wertung, Urteil, Aktion) beim Aufnehmenden“[9] geht. Eine Besonderheit der poetischen Sprache ist es, dass sie nicht nur eine Information vermittelt, sondern auch selbst Bestandteil der Nachricht ist. Neben dem Inhalt sollen also auch die Sprache und der Aufbau eines Gedichts – also die gesamte Komposition des Textes – die Aufmerksamkeit des Lesers auf sich ziehen. Deswegen werden bei der Deutung von Gedichten vier Grundfunktionen des Sprachzeichens mit einbezogen. Die darstellende (Real-/Sachbezug), die expressive (Sprecherbezug), die appellative (Leserbezug) sowie die ästhetische Funktion (Sprach-/Textrückbezug). Folgendes Schema verdeutlicht diese Annahme:[8]

Quelle: Fingerhut, Hopster, S. 24

Wichtig beim Erschließen politischer Lyrik ist es also, dass „die ästhetische Funktion […] immer in ihrem Zusammenhang mit den drei praktischen gesehen“[10] wird. Der tschechische Ästhetiker Mukarovsky sagt hierzu Folgendes:

„Die poetische Benennung unterscheidet sich von der mitteilenden dadurch, daß ihre Beziehung zur Realität zugunsten ihrer semantischen Einfügung in den Kontext abgeschwächt wird. Die praktischen Funktionen der Sprache, nämlich die darstellende, die expressive und die appellative, sind in der Dichtung der ästhetischen untergeordnet, die das Zeichen selbst in den Mittelpunkt des Interesses rückt. Das Vorherrschen eben dieser Funktion läßt den Kontext in der Poesie große Bedeutung erlangen.“[11]

Im Gedicht ist demnach - anders als im reinen Mitteilungstext - auch auf die Komposition des Textes zu achten. Außerdem muss sich der Leser zum Beispiel durch Deutung rhetorischer Mittel die Nachricht eines Textes selbst erarbeiten, denn nicht alle Zusammenhänge, auf die der Autor anspielt, werden direkt genannt:

„Indirektheit und Mehrdeutigkeit der Rede fordern den Leser auf, das Textgefüge selbst zu beobachten, um je für sich selbst eine Information herzustellen. Diese besteht dann nicht mehr allein aus der dem Text direkt zu entnehmenden Nachricht, sondern zugleich in der vom Leser geleisteten Umsetzung von beobachtetem Textgefüge in eine zweite Nachricht. Die Art und Weise, wie der Text gebaut ist, erzeugt also selbst einen Teil der vom Leser im Prozeß der Aufnahme ,aktualisierten‘ Information.“[12]

Das Leseverhalten bei einem Gedicht unterscheidet sich also grundlegend von dem eines Mitteilungstextes, denn „Der Faktor des ,Poetischen‘ liegt in einer die produktive Mitarbeit des Lesers am möglichen ,Gemeinten‘ erzeugenden Kommunikationsform.“[13] Signale, die auf diese Art der „Selbstbeteiligung“ hindeuten, sind zum Beispiel sprachliche Normabweichungen, besondere Zeilenanordnung, bildhafte Sprache sowie Reim, Rhythmus und Metrum. [14]

2.1.3 Die Typen des politischen Gedichts

Je nachdem welche der vier Funktionen in einem Gedicht überwiegt, unterscheidet man verschiedene Typen politischer Lyrik.

Dominiert der „Real-/Sachbezug“, so wird das Motiv des Gedichts besonders herausgestellt. Dies ist der Fall in Kriegsgedichten, Vaterlandsliedern und Gedichten über Personen oder historische Situationen.

Der „Sprecherbezug“ dominiert in Preis- oder Verherrlichungsgedichten, Herrscherlob oder Parteiliedern (Panegyrik). Hier wird die Intention des Autors besonders wichtig, der bestehende Verhältnisse verherrlicht. Doch auch in Protest-, Warn- und Aufklärungsgedichten überwiegt der „Sprecherbezug“.

In Appellgedichten und in Reflexionsgedichten hingegen dominiert der „Leserbezug“. Diese Texte wenden sich an das Gefühl oder die Reflexionsfähigkeit des Rezipienten.

Der „Sprachbezug“ dominiert in Texten, die auf die sprachliche Komposition des Werkes zielen: Dokumentationen, Reportagen, Montagen und ironische Gedichte.

In keine dieser vier Kategorien einzuordnen ist Lyrik, welche Poesie und Politik selbst zum Thema macht. Man nennt solche Gedichte dichtungstheoretisch bzw. poetologisch.

2.2 Analyse verschiedener politischer Gedichte

2.2.1 Barock

Nun werden ausgewählte politische Gedichte analysiert und wichtige Merkmale der jeweiligen Epoche hervorgehoben. Die Gedichte sind chronologisch aufgeführt, beginnend mit der Epoche des Barock.

Mit dem Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) erlebte das Deutsche Reich einen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Verfall. Die Katholische Liga stand der Protestantischen Union gegenüber. Durch diesen Krieg und die grassierenden Seuchen (v.a. durch die Pest) kam etwa ein Drittel der deutschen Bevölkerung um. Die absolutistischen Fürsten nahmen in dieser Zeit Einfluss auf fast alle Lebensbereiche: Erziehung, Bildung, Wirtschaft und Religion. Der Armut der unteren Bevölkerungsschichten stand das verschwenderische Leben an den Fürstenhöfen gegenüber.[15]

2.2.1.1 Andreas Gryphius - Es ist alles eitel

Zunächst werden die Gedichte „Es ist alles eitel“ und „Tränen des Vaterlandes“ von Andreas Gryphius betrachtet. Dieser lebte von 1616 bis 1664, also auch während der Zeit des Dreißigjährigen Krieges. Die folgenden beiden Gedichte sind - wie die meisten seiner Werke - als Sonette verfasst. Diese Art von Gedicht besteht aus vier Strophen: Zwei Quartetten und zwei Terzetten.

„Die Quartette stellen in These und Antithese die Themen des Gedichts auf; die Terzette führen diese Themen in konzentrierter Form durch und bringen die Gegensätze anschließend zur Synthese.“[16]

Zuerst wird nun „Es ist alles eitel“ analysiert. Dieses Gedicht bezieht sich auf eine historische Situation, es überwiegt der „Real-/Sachbezug“.

Andreas Gryphius - Es ist alles eitel

Du siehst, wohin du siehst, nur Eitelkeit auf Erden.
Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein;
Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein,
Auf der ein Schäferskind wird spielen mit der Herden.

Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden;
Was itzt so pocht und trotzt, ist morgen Asch und Bein;
Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein.
Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.

Der hohen Taten Ruhm muß wie ein Traum vergehn.
Soll denn das Spiel der Zeit, der leichte Mensch bestehn?
Ach, was ist alles dies, was wir für köstlich achten,

Als schlechte Nichtigkeit, als Schatten, Staub und Wind,
Als eine Wiesenblum, die man nicht wieder findt!
Noch will, was ewig ist, kein einig Mensch betrachten![17]

Das Gedicht wurde 1637 während des Dreißigjährigen Krieges geschrieben. Der Inhalt des Gedichts ist typisch für die Zeit des Barock und die Werke Andreas Gryphius‘. Der Vanitas-Gedanke, also die Vorstellung, dass alles vergänglich ist, spielt die führende Rolle in diesem Gedicht und wird schon in der Überschrift auf den Punkt gebracht: „Es ist alles eitel“. „Eitel“ heißt so viel wie „vergeblich, leer, nichtig“. Dieser Gedanke wird nun im ersten Vers mit dem Zusatz „auf Erden“ wiederholt, was die Vorstellung eines „Jenseits“, das nach dem Ende der Welt fortbesteht und nicht vergänglich ist, erlaubt. Dieses „Leben nach dem Tod“ war während der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, in welcher der Tod allgegenwärtig war, für viele Menschen eine vielversprechende Vorstellung, mit der sie die Hoffnung auf ein besseres Leben nach ihrem Sterben verbanden. Die zweimalige Anrede „du“, betont den Grundsatz „tua res agitur“[18], was so viel bedeutet wie „um deine Sache handelt es sich, deine Habe steht auf dem Spiel“ und den Leser direkt mit einbeziehen soll. Ein wichtiges Gestaltungsmittel ist die Beispielhäufung, denn sie „ist das übliche Mittel der Barockdichtung, eine allgemeine Tatsache darzustellen“.[19] Beispiele für die Vergänglichkeit der Welt sind in der ersten Strophe das Aufbauen bzw. Einreißen von Städten, an deren Stelle in Zukunft nur noch eine kahle Wiese sein wird.

[...]


[1] http://www.yolanthe.de/lyrik/veen01.htm, 04.09.09

[2] Kunert, Günter, Das Bewußtsein des Gedichts, S. 222

[3] ebd.

[4] Denkler, Horst, Zwischen Julirevolution und Märzrevolution, S. 179

[5] vgl. Fingerhut, Hopster, Politische Lyrik (Arbeitsbuch), S. 20-22

[6] Fingerhut, Hopster, Politische Lyrik (Arbeitsbuch), S. 22

[7] ebd.

[8] vgl. Fingerhut, Hopster, Politische Lyrik (Arbeitsbuch), S. 22-25

[9] Fingerhut, Hopster, Politische Lyrik (Arbeitsbuch), S. 23

[10] Fingerhut, Hopster, Politische Lyrik (Arbeitsbuch), S. 25

[11] Mukarovsky, zitiert nach Fingerhut, Hopster, S. 25

[12] Fingerhut, Hopster, Politische Lyrik (Arbeitsbuch), S. 30

[13] Fingerhut, Hopster, Politische Lyrik (Arbeitsbuch), S. 31

[14] vgl. Fingerhut, Hopster, Politische Lyrik (Arbeitsbuch), S. 32-33

[15] vgl. Trunz, Erich, Es ist alles eitel, S. 145-151

[16] http://www.omnipoesie.de/sonett.htm, 18.11.09

[17] http://www.philosophie-sgl.de/content/abitur2006/Barock%20Teil%202.htm, 16.01.10

[18] Trunz, Erich, Es ist alles eitel, S. 146

[19] ebd.

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Politische Lyrik im Wandel der Zeit
Note
15
Autor
Jahr
2010
Seiten
30
Katalognummer
V178166
ISBN (eBook)
9783656005537
ISBN (Buch)
9783656005360
Dateigröße
760 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
politische, lyrik, wandel, zeit
Arbeit zitieren
Teresa Einzinger (Autor), 2010, Politische Lyrik im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178166

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