Herrschaftsfreie Gesellschaften

Gibt es sie wirklich?


Hausarbeit, 2008

18 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Terminologie
Herrschaft
Anarchie
Segmentation

3. Segmentäre Gesellschaften
3.1 Kritik am Konzept der segmentären Gesellschaft

4. Zusammenhang von egalitären mit segmentären Gesellschaften

5. Matriarchale Gesellschaften

6. Schlusswort

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mit dem Begriff der Anarchie wird verschiedenstes, oft auch fremdes, ideologisches Gepäck transportiert. Anarchie wird in der Alltagssprache mit Chaos und Regellosigkeit gleichgesetzt. Anarchie gilt als ein System ohne Ordnung und Regulierung in allen Bereichen der Gesellschaft. Doch dies entspricht nicht der wirklichen Bedeutung des Begriffes. Aber woher rührt die Faszination für die Anarchie, für anarchische Systeme? Auffällig in der Tradition der Herrschaftstheorien ist, dass die Erklärung und die damit verbundene Rechtfertigung einer bestimmten Herrschaftsordnung, häufig den „Ursprung“ von Herrschaft sucht. Der Ursprung, welcher mit der Setzung gesellschaftlicher Ordnung überhaupt identifiziert wird, wird häufig in einem herrschafts- und gesellschaftslosen Zustand, der „Anarchie“, gesehen.

So schrieb bereits der französische Soziologe und Rechtswissenschaftler Tarde vor über hundert Jahren: „Jede neue Form der Zivilisation beginnt mit egalitären und uniformen Gemeinschaften ... dann (entsteht) Schritt für Schritt, eine grundlegende Ungleichheit, Vorbedingung einer soliden Organisation“ (Tarde 1890:80f, zitiert nach Stagl 1974:11). Ist die egalitäre Gesellschaftsform tatsächlich die erste Stufe der sozialen, der staatlichen Organisation einer Gesellschaft? Oder ist dieses Theorem ein überholtes? Was charakterisiert diese angeblich uniformen Gesellschaften am Anfang der „Entwicklung“? Wieso fasziniert die Vorstellung einer herrschaftslosen Gesellschaft bis heute? Diese Fragen sollen im Verlauf der Arbeit aufgegriffen und diskutiert werden.

Hierzu soll nun der inhaltliche Aufbau der Arbeit dargelegt werden. Zuerst soll auf grundlegende Begrifflichkeiten wie „Herrschaft“, „Anarchie“ und „Segmentation“ eingegangen werden, zum Einen um klare Abgrenzungen zu schaffen und zum Anderen als Basis für den weiteren Verlauf der Arbeit. Inhaltlich soll dann im dritten Teil das Modell der segmentären Gesellschaft erläutert werden, sowie Kritik an ebendiesem angeführt werden. Danach wird im vierten Teil auf den Zusammenhang zwischen egalitären und segmentären Gesellschaften und in Teil fünf auf matriarchale Gesellschaften eingegangen. Abschließend sollen die Ergebnisse zusammengefasst und auf die Fragestellung „Herrschaftsfreie Gesellschaften – Gibt es sie wirklich?“ eingegangen werden.

2. Terminologie

Im folgenden Teil sollen zentrale Termini erläutert und diskutiert werden. So soll begrifflichen Missverständlichkeiten vorgebeugt werden.

Hiermit sollen für weitere Bereiche der Arbeit relevante begriffliche Grundlagen gebildet werden.

2.1 Herrschaft

Der Herrschaftsbegriff ist ein viel diskutierter, schwer ab- und eingrenzbarer Begriff, der nie abschließend formuliert werden kann. Deshalb soll hier keine Diskussion des Begriffes vorgenommen werden. Für diese Arbeit soll die Definition von Zitelmann aus dem Wörterbuch der Völkerkunde herangezogen werden, welche „Herrschaft [als] institutionalisierte Machtausübung“ betrachtet (Zitelmann 1999:171f, Zusatz von J. I.). Von Bedeutung für die ethnologische Diskussion sei die bei Max Weber entlehnte Formel, Herrschaft zu sehen „als die Möglichkeit zu bestimmen, den eigenen Willen dem Verhalten anderer aufzuzwingen“ (ebd.:171f). Weiter formuliert Zitelmann: „Die Konzentration auf Institutionen ‚erzwingender Gewalt’ kennzeichnet die Anfänge der Politikethnologie. Diese ‚Universalität von Herrschaft’ wurde jedoch durch die Betrachtung segmentärer, azephaler[1] Gesellschaften, der ‚der regulierten Anarchie’, relativiert“ (ebd.:171f). Als ergänzend soll ferner die Definition Schmidts aus dem Wörterbuch zur Politik betrachtet werden. Herrschaft sei ein Fachausdruck für einen besonders wichtigen Unterfall von Macht, „der durch dauerhafte, institutionalisierte, durch Regeln eingegrenzte wechselseitige Beziehungen zwischen dem Herrscher oder den Herrschenden und dem oder den Beherrschten charakterisiert ist“, so Schmidt (Schmidt 2004:298). Wie an Hand der Definitionen deutlich wird ist der Herrschaftsbegriff auch immer eng mit dem der Macht verknüpft, sowie mit Institutionen, die diese ausüben.

Herrschaftsfreie Gesellschaften sind nach der oben genannten Definition also Gesellschaften, in denen keine feste Institution, kein „Machtzentrum“ Macht ausübt, wo es also keine institutionalisierte Herrschaft gibt.

Haude/Wagner setzen den Terminus der herrschaftsfreien Gesellschaft mit dem der anarchistischen gleich (Haude/Wagner 1999:61). Tatsächlich jedoch umfasst die Bezeichnung „herrschaftsfrei“ mehr Gesellschaftstypen als den anarchistischen. Anzuführen ist vor allem der Typ der segmentären Gesellschaft, welcher im weiteren Verlauf der Arbeit ausführlich beschrieben werden soll. Ein weiterer Typ ist der der akephalen (kopflosen) Gesellschaft. In der Ethnologie ist die Bezeichnung einer Gesellschaft ohne herrschendes Oberhaupt damit gemeint. Die Kategorisierung als „akephal“ gebe aber lediglich über das Nichtvorhandensein von Staatlichkeit Ausdruck und sage nichts über vorhandene politische Organisationsformen aus, wie Kritiker bemängeln.

2.2. Anarchie

Die Faszination des Ursprungs der Gesellschaft, der Herrschaftslosigkeit, der Anarchie ist immer noch vorhanden. Denn hier wird die Gesellschaft mit ihren vorhandenen Zwängen und Vorschriften mit dem (scheinbar) freien, Naturzustand-ähnlichem Modell der Anarchie konfrontiert. Es ist jedoch ein grobes Missverständnis, dass Anarchie mit absoluter Freiheit gleichgesetzt wird. Diese und andere Irrungen sollen hier erläutert werden.

Nach Barclay ist Anarchie ist der Zustand einer Gesellschaft, in der es weder Herrscher noch Regierung gibt (vgl. Barclay1985:12). Der Begriff der Anarchie wird meist auf Gesellschaften angewandt, welche mit „anarchisch“, „primitiv“ oder anderen herabsetzenden Adjektiven bezeichnet werden. Bei der Bezeichnung anarchisch schwingt also eindeutig ein evolutionistischer Unterton mit. Von Bedeutung ist ebenfalls die Unterscheidung zwischen Anarchie und Anarchismus. Der Anarchismus ist eine sozialpolitische Theorie, welche im 19. Jahrhundert in Europa entwickelt wurde, welche zwar die Idee der Anarchie (Herrschaftslosigkeit) in sich trägt, aber jedoch nur als Teil und Ergebnis einer umfassenderen, eigenständigeren Wertetheorie – welche der menschlichen Freiheit und Individualität die Priorität zuspricht (nach Warren: Souveränität des Individuums) (ebd.:12). Aus der anarchischen Theorie folgt, dass Regierung und Staat abgeschafft werden sollen, da sie die individuelle Freiheit des Einzelnen unterdrücken; gleichzeitig strebt der Anarchismus aber auch die Abschaffung anderer repressiver Institutionen an, insbesondere die Kirche oder auch die patriarchale Familie(ebd.:12). Die anarchistische Theorie ist eine egalitär, anti-hierarchisch und dezentralistisch orientierte. Diskriminierungen auf Grund von Hautfarbe, Glaube oder Geschlecht werden abgelehnt. Der Anarchismus als Ganzes ist ein umfassendes theoretisches Ordnungsprinzip, nach Barclay hat jedoch diese Art von Gesellschaft, die Anarchisten sich vorstellen, so nicht existiert und wird auch nie existieren (ebd.:17). Abschließend fügt er jedoch hinzu: „Nichtsdestoweniger finden wir zahlreiche Beispiele von Anarchien [nicht anarchistischen Gesellschaften!], d. h. Gesellschaften ohne Regierung und Staat“ (ebd.:17, Zusatz J. I.). Auch Sigrist weist auf diese notwendige Differenzierung der Termini „anarchistisch“ und „anarchisch“ hin. Er bevorzugt statt „anarchistisch“ den Terminus „anarchisch“, da dieser auch in der internationalen Fachterminologie etabliert sei und es sich bei anarchisch eben gerade nicht um ein ideologisches Konstrukt, sondern um „bewusstseinsmäßige Korrelate realer Sozialverhältnisse“ handle (Sigrist 1999:9). Zusammenfassend lässt sich der Unterschied also so benennen, als dass Anarchie ein real existierender Gesellschaftstyp ist, wohingegen Anarchismus ein idealistisches theoretisches Konzept eines solchen ist.

Ein in der Forschung weit verbreiteter Ansatz in Bezug auf herrschaftslose Gesellschaften – welche oft vorschnell mit Anarchie und/oder Anarchismus (und dies mit Regel- und Grenzenlosigkeit in allen Bereichen) gleichgesetzt werden – ist das Konzept der „ordered anarchy“. Der Begriff der „ordered anarchy“ wurde von Sigrist als regulierte Anarchie (von Weber) übernommen (Sigrist 1994). Der Ausdruck der „ordered anarchy“[2] wurde von Evans-Pritchard geprägt (Evans-Pritchard 1978:181) und findet sich schon bei Max Weber: „[...]regulierte Anarchie kann fast als der Normalzustand primitiver Gemeinschaften angesehen werden“ (Weber 1956:678). Schumpeter lehnt jedoch die „Theorie der ursprünglichen Klassenlosigkeit der Gesellschaft“ ab: „Wo die Gruppe sehr klein ist und ihre Existenz prekär ist, müssen die Dinge nach Klassenlosigkeit, Kommunismus und Promiskuität aussehen – nur daß darin ebensowenig Organisationsprinzipien liegen, wie ein vegetarisches Prinzip darin liegt, daß eine sonst karnivore Spezies vegetarisch lebt, wenn sie kein Fleisch bekommt“ (Schumpeter 1953:156, zitiert nach Sigrist 1994:17).

Ferner soll hier noch die Beziehung zwischen dem Naturzustand (nach den Vertragstheoretikern) und Anarchie betrachtet werden. Der Zusammenhang zwischen dem (fiktiven) Naturzustand und dem „Konzept“ Anarchie zeigt, dass die Faszination für ein scheinbar freies ungezügeltes Leben ohne Ordnung bereits bei den Vertragstheoretikern Hobbes, Locke, Rousseau und andere, gegeben war.[3] Die Vertragstheoretiker gehen von der Gleichheit der Vertragsschließenden aus und so genannte „wilde“ Völker schienen dieses naturrechtliche Postulat der natürlichen Gleichheit zu bestätigen (Sigrist 1994:14). Gleichheit wurde dem herrschaftslosen, Ungleichheit dem herrschaftlichem Stadium zugeordnet (ebd.:14). Der Übergang in die rechtlich fixierte Ungleichheit wurde in der Regel durch die Entstehung des Eigentums erklärt, welche eine bereits im Naturzustand eintretende Differenzierung darstellt (ebd.:15).

[...]


[1] Wobei „azephal“ gleichbedeutend ist mit „akephal“ (=kopflos).

[2] Evans-Pritchard charakterisiert die Nuer als „ordered anarchy“ (Evans-Pritchard 1978).

[3] Hier soll nicht näher auf die inhaltlichen Schwerpunkte und Unterschiede der einzelnen Vertragstheoretiker eingegangen werden, dies würde den Rahmen an dieser Stelle sprengen.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Herrschaftsfreie Gesellschaften
Untertitel
Gibt es sie wirklich?
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Note
1,3
Autor
Jahr
2008
Seiten
18
Katalognummer
V178204
ISBN (eBook)
9783656001973
ISBN (Buch)
9783656002406
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Herrschaftsfreie Gesellschaften, Anarchie, Gesellschaft, Gesellschaftsorganisation, Matriarchat, Segmentäre Gesellschaften, Egalität
Arbeit zitieren
Hannah Illgner (Autor), 2008, Herrschaftsfreie Gesellschaften, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178204

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