Österreich in der Frühbronzezeit

Mit Zeichnungen von Friederike Hilscher-Ehlert


Fachbuch, 2011
228 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Die Frühbronzezeit in Österreich
Abfolge und Verbreitung der Kulturen und Gruppen

Keramikdepots und Scheingräber
Die Leithaprodersdorf-Gruppe von etwa 2300/2200 bis 2000 v. Chr.

Menschenopfer im Megaron
Die Aunjetitzer Kultur von etwa 2300/2200 bis 1800 v. Chr.

Die Alpen werden besiedelt
Die Straubinger Kultur von etwa 2300 bis 1800/1600 v. Chr.

Banden durchwühlten die Gräber
Die Unterwölblinger Gruppe von etwa 2300/2200 bis 1800 v. Chr.

Gute Beziehungen zum Nachbarn
Die Wieselburger Kultur von etwa 2000 bis 1600 v. Chr.

Mit vier Pferden ins Grab?
Die Litzenkeramik oder Draßburger Kultur von etwa 2000 bis 1600 v. Chr.

Die Festung von Böheimkirchen
Die Veterov-Kultur und die Böheimkirchener Gruppe von etwa 1800 bis 1500 v. Chr.

Versunkene Dörfer auf dem Seegrund
Die Attersee-Gruppe von etwa 1800 bis 1500 v. Chr.

Anmerkungen

Literatur

Bildquellen

Die wissenschaftliche Graphikerin Friederike Hilscher-Ehlert

Der Autor Ernst Probst

Bücher von Ernst Probst

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der dänische Archäologe Christian Jürgensen Thomsen (1788—1865) hat 1836 die Urgeschichte nach dem jeweils am meisten verwendetem Rohstoff in drei Perioden eingeteilt:

Steinzeit, Bronzezeit und Eisenzeit.

Vorwort

Rund 800Jahre Urgeschichte von etwa 2300 bis 1500 v. Chr. passieren in dem Taschenbuch »Österreich in der Frühbronzezeit« in Wort und Bild Revue. Es befasst sich mit den Kulturen und Gruppen, die in dieser Zeitspanne im Gebiet der heutigen Alpenrepublik existierten: Leithaprodersdorf-Gruppe, Aunjetitzer Kultur, Straubinger Kultur, Unterwölblinger Gruppe, Wieselburger Kultur, Litzenkeramik oder Draßburger Kultur, Veterov-Kultur und Böheimkirchener Gruppe sowie Attersee-Gruppe. Geschildert werden die Ana­tomie und Krankheiten der damaligen Ackerbauern, Viehzüchter und Bronzegießer, ihre Siedlungen, Kleidung, ihr Schmuck, ihre Keramik, Werkzeuge, Waffen, Haustiere, Jagdtiere, ihr Verkehrswesen, Handel, ihre Kunstwerke und Religion.

Verfasser ist der Wiesbadener Wissenschaftsautor Ernst Probst, der sich vor allem durch seine Werke »Deutsch­land in der Urzeit« (1986), »Deutschland in der Steinzeit« (1991) und »Deutschland in der Bronzezeit« (1996) einen Namen gemacht hat. Das Taschenbuch »Österreich in der Frühbronzezeit« ist Dr. Elisabeth Ruttkay (1926— 2009) und Dr. Johannes-Wolfgang Neugebauer (1949— 2002) gewidmet, die den Autor mit Rat und Tat bei seinen Werken über die Steinzeit und Bronzezeit unter­stützt haben. Es enthält Lebensbilder der wissenschaft­lichen Graphikerin Friederike Hilscher-Ehlert aus Königswinter.

Die Frühbronzezeit in Österreich

Abfolge und Verbreitung der Kulturen und Gruppen

Die Frühbronzezeit (Bronzezeit A) begann in Österreich etwa um 2300 v. Chr. und endete um 1600 v. Chr. Sie wurde von verschiedenen Autoren zunächst in zwei Abschnitte (Stufen A 1 und A 2), später in drei (Stufen A 1, A 2, A 3) oder sogar in vier Abschnitte (Phasen 1, 2, 3, 4) eingeteilt. All diese Gliederungen gehen auf deutsche Experten zurück.

In die älteste Kulturstufe der Frühbronzezeit in Österreich ist die Leithaprodersdorf-Gruppe (s. S. 17) einzuordnen. Sie existierte von etwa 2300/2200 bis ungefähr 2000 v. Chr. östlich des Wienerwalds in Niederösterreich und im Burgenland.1 Die in weiten Gebieten Mitteleuropas nachweisbare Aunjetitzer Kultur (s. S. 29) war von etwa 2300/2200 bis 1800 v. Chr. im Weinviertel und am Ostrand des Waldviertels im nördlichen Niederösterreich verbreitet. In Oberösterreich, im Land Salzburg und im Raum Kufstein in Nordtirol behaupteten sich von etwa 2300 bis 1800/1600 v. Chr. Ausläufer der Straubinger Kultur (s. S. 49).

Südlich der Donau zwischen Enns und Wienerwald in Niederösterreich hatte ab ungefähr 2300/2200 bis 1800 v. Chr. die Unterwölblinger Gruppe (s. S. 71) ihr Verbreitungsgebiet.

Im östlichen Niederösterreich südlich der Donau und im nördlichen Burgenland war von etwa 2000 bis 1600 v. Chr. die Wieselburger Kultur (s. S. 103) heimisch, welche die Leithaprodersdorf-Gruppe ablöste. Zwischen dem Fluss Leitha in Niederösterreich und dem Südrand des Neusiedler Sees im Burgenland kon­zentrierte sich von etwa 1800 bis 1500 v. Chr. die Kultur mit Litzenkeramik bzw Draßburger Kultur (s. S. 115) In der Frühbronzezeit um 1800 v. Chr. ist die Bö- heimkirchener Gruppe der Veterov-Kultur (s. S. 129) entstanden. Sie behauptete sich bis ungefähr 1500 v. Chr. südlich der Donau in Niederösterreich. Ihr jüngerer Abschnitt fällt bereits in die Mittelbronzezeit. Größtenteils der Frühbronzezeit entsprach auch die von zirka 1800 bis 1500 v. Chr. nachweisbare Attersee­Gruppe (s. S. 153). Sie war in Oberösterreich verbreitet und überdauerte teilweise bis in die Mittelbronzezeit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

ALOIS OHRENBERGER, geboren am 16. Mai 1920 in Neuarad (Rumänien), gestorben am 23. Januar 1994 in Eisenstadt.

Noch 1920 zog seine Familie nach Budapest, später nach Eisenstadt.

1949promovierte er in Wien.

1949 bis 1980 arbeitete er

im Burgenländischen Landesmuseum

in Eisenstadt. Ohrenberger prägte

1956 in der Publikation über

seine Ausgrabungen

in Lorettol Leithaprodersdorf

den Begriff Typus Loretto-Leithaprodlersdlorf,

woraus der Name

Leithaprodersdorf-Gruppe hervorging.

Keramikdepots und Scheingräber

Die Leithaprodersdorf-Gruppe

Die Leithaprodersdorf-Gruppe gilt als eine der ältesten frühbronzezeitlichen Kulturen in Öster­reich. Sie war von etwa 2300/2200 bis um 2000 v. Chr. östlich des Wienerwalds in Niederösterreich und im Burgenland verbreitet. Der Name dieser Gruppe er­innert an das 1950 ausgegrabene Gräberfeld von Leitha­prodersdorf1 im Burgenland. Dort hatte der Landes­archäologe Alois Ohrenberger (1920—1994) aus Eisen­stadt insgesamt 50 Bestattungen der Leithaprodersdorf­Gruppe und weitere aus späterer Zeit freigelegt.

Die Bezeichnung »Leithaprodersdorf-Gruppe« geht auf Alois Ohrenberger zurück, der 1956 vom Typus Loretto-Leithaprodersdorf sprach. Der 1977 mündlich und 1981 schriftlich von der Wiener Prähistorikerin Elisabeth Ruttkay (1926—2009) vorgeschlagene, etwas einprägsamere Ausdruck Leitha-Gruppe konnte sich nicht durchsetzen, weswegen sich der Begriff Leitha­prodersdorf-Gruppe einbürgerte.

Wie die Landschaft zur Zeit der Leithaprodersdorf­Gruppe in der Gegend des Leithagebirges und des Ruster Höhenzuges aussah, hat 1986 der Wiener Botaniker Gustav Wendelberger rekonstruiert. Seinen Erkenntnissen zufolge breitete sich dort eine auf­gelockerte Mischung von Wald und Steppe aus.

Die Angehörigen der Leithaprodersdorf-Gruppe er­richteten ihre Siedlungen im Flachland und auf An­höhen. Flachlandsiedlungen existierten in Gallbrunn2 und Pellendorf3 in Niederösterreich, möglicherweise gab es solche auch in Siegendorf und Trausdorf im Burgenland, wo Keramikdepots zum Vorschein kamen. Eine Höhensiedlung war auf dem Jennyberg bei Mödling4 (Niederösterreich) gegründet worden.

In der sagenumwobenen Königshöhle bei Baden5 (Niederösterreich) konnte anhand von Keramikresten ein kurzer Aufenthalt nachgewiesen werden. Nach dieser Höhle wurde die jungsteinzeitliche Badener Kultur (etwa 3600 bis 3000 v. Chr.) benannt, von der später kurz die Rede sein soll.

In Pellendorf werden viele kreisrunde und leicht ovale Gruben von 25 bis 80 Zentimeter Durchmesser, die zehn bis 25 Zentimeter in den Schotter eingetieft sind, als Pfostenlöcher der ehemaligen Behausungen gedeutet. In einer Pfostengrube lag eine für die Leithapro- dersdorfer Gruppe typische Trausdorf-Tasse. Außerdem befanden sich in Pellendorf zwei größere Gruben nebeneinander.

Die Höhensiedlung auf dem Jennyberg bei Mödling hatte eine besonders geschützte Lage. Denn der 375 Meter lange Berg, der seine Umgebung 117 Meter überragt, fällt auf allen Seiten steil ab. Diesen Vorteil wusste man schon zur Zeit der erwähnten Badener Kultur im vierten vorchristlichen Jahrtausend zu schätzen. Die jungsteinzeitliche Siedlung wird in der Fachliteratur als Jennyberg I bezeichnet, die Anlage der frühbronzezeitlichen Leithaprodersdorf-Gruppe als Jennyberg II.

Bei den Ausgrabungen der Prähistorischen Abteilung des Naturhistorischen Museums, Wien, unter der Leitung des Prähistorikers Wilhelm Angeli wurde 1970/ 71 am Osthang des Jennyberges ein 300 Meter langer Graben ausgehoben. Sobald sich darin die Funde häuften, hat man in der Umgebung weitere Flächen von jeweils drei mal drei Metern abgedeckt und untersucht. Auf diese Weise wurden mehrere Anreicherungen von Keramikresten und Hüttenlehm aufgespürt. Zahlreiche typische Gefäße bezeugen zwar die Existenz einer Siedlung der Leithaprodersdorf-Gruppe am Jennyberg, aber eigentliche Siedlungsobjekte blieben dort bislang unentdeckt.

Funde aus Frauengräbern von Leithaprodersdorf lieferten spärliche Hinweise auf die damalige Kleidung. Dabei handelt es sich um zwei kupferne »Diademe«, die als Besatz von Hauben angesehen werden. Solche Kopfbedeckungen wurden auch in anderen früh­bronzezeitlichen Kulturen getragen.

Im Grabhügel II von Jois barg man auf Höhe der Halswirbel eines Toten einen durchbohrten Fischwirbel und den durchbohrten Eberzahn eines Wildschweins. Damit werden Fischfang und Jagd belegt.

Andere Funde aus dem Grabhügel II von Jois verraten, welche Haustiere damals gehalten wurden. Der Wiener Archäozoologe Erich Pucher identifizierte einen durchbohrten Hundezahn, den Knochen eines jungen Hausschweins und Reste eines einjährigen Hausrinds.

Außerdem entdeckte man dort Knochen eines Haus­pferds.

Die Keramik der Leithaprodersdorf-Gruppe ähnelt teilweise derjenigen der so genannten Begleitkeramik der jungsteinzeitlichen Glockenbecher-Kultur (etwa 2600 bis 2000 v. Chr.), aus der sie hervorgegangen ist. Außerdem hat sie Gemeinsamkeiten mit manchen Tongefäßen der gleichzeitigen Nagyrév-Kultur6 in Ungarn. Zu ihrem Formenschatz gehören Tassen, Schalen mit Henkel, kugelige Henkeltöpfe, konische Schüsseln und ebensolche Becher. Als typische Ton­gefäße gelten die Leithaprodersdorf-Tasse und die Trausdorf-Tasse.

Die Leithaprodersdorf-Tasse vom gleichnamigen Fund­ort hat ein kugeliges Unterteil, einen leicht abgesetzten konischen Hals mit gewulstetem Rand und einen den Hals überbrückenden Bandhenkel. Die Trausdorf-Tasse — nach dem Fundort Trausdorf an der Wulka im Burgen­land benannt — ist vom Profil her ähnlich, unterscheidet sich aber durch einen engeren und höheren, deutlich abgesetzten Hals, kleinere Abmessungen und einen unterrandständigen Bandhenkel.

Für verzierte Tongefäße ist ein unterhalb des Halses eingeritztes Zierband typisch. Es besteht aus im Zickzack angebrachten Strichbündelgruppen, die beidseitig mit je zwei Linien eingerahmt sind. Von diesem Zierband hängen mitunter senkrechte Fransenmuster herab. Gelegentlich sind Tongefäße mit fein eingestochenen, weiß inkrustierten umlaufenden Punktreihen ver­schönert.

An den burgenländischen Fundorten Trausdorf7 und Siegendorf8 wurden Keramikdepots entdeckt. Hierbei könnte es sich um Lager von Töpfern oder Händlern handeln, aber auch um Weihehorte mit Opfergaben für Götter. Der damals in Wien tätige Prähistoriker Clemens Eibner deutete 1969 die Gefäßdepots als Belege einer Kulthandlung mit Trankspenden und Umtrünken, nach denen die praktisch gebrauchsneuen Gefäße eingelagert wurden.

Das Depot von Trausdorf umfasste 18 kleine Hen­keltassen (Trausdorf-Tassen) von bis zu 9,7 Zentimeter Höhe mit 9,5 Zentimeter Bauchdurchmesser und 5,3 Zentimeter Mündungsdurchmesser sowie größere konische Töpfe von maximal 18,3 Zentimetern Höhe und eine Leithaprodersdorf-Tasse. Zum Depot von Siegendorf gehören die Reste von drei mindestens 30 Zentimetern hohen Tongefäßen und fünf kleine komplett erhaltene Trausdorf-Tassen.

Die Metallhandwerker der Leithaprodersdorf-Grup­pe beherrschten die Herstellung von Waffen und Schmuckstücken aus reinem Kupfer, jedoch noch nicht aus Bronze. Auf dem Jennyberg bei Mödling wurde eine ihrer Gussformen gefunden.

Eine typische Waffe war der Kupferdolch vom Typus Leithaprodersdorf. Darunter versteht man eine ge­drungene Klinge mit vier Nieten auf der Heftplatte zur Befestigung des Griffes aus Holz, Knochen oder Geweih. Das Vorhandensein auch knöcherner Werk­zeuge wird durch eine Ahle aus Pellendorf in Nieder­österreich bewiesen.

Die Frauen haben sich mit kupfernen Blechstreifen (»Diademe«), kupfernen und knöchernen Nadeln, Halsketten mit Anhängern aus verschiedenen Materialien und kupfernen Armringen geschmückt. Derartige Funde wurden vor allem in Gräbern geborgen. Kupferne »Diademe«, die als Randbesatz von Hauben betrachtet werden, kamen in zwei Gräbern von Leithaprodersdorf zum Vorschein. Außerdem hat man dort kleine beidseitig umgebogene Kupferbleche, kupferne Rollennadeln mit zierlicher, dreieckiger Kopfplatte und gebogenem Schaft sowie Armringe mit rundem oder halbkreisförmigem Profil mit leicht übereinandergreifenden Enden entdeckt.

Teilweise wurden die zum Zusammenhalten der Kleidung oder zur Zierde der Garderobe bestimmten Nadeln aus Tierknochen geschnitzt. Auf dem Jenny­berg bei Mödling fand man das Fragment einer Knochennadel mit zweifach durchbohrter Kopf­platte. Im Grabhügel II von Jois lag eine 5,5 Zenti­meter lange, gelochte Nadel aus einem Vogelkno­chen.

Die Toten wurden in Flachgräbern (Leithaprodersdorf, Sankt Margarethen9 bei Eisenstadt) und unter Hügeln (Jois10) bestattet. Tierknochen mit und ohne Feuer­spuren im Hügel sowie Scherben zertrümmerter Tonge­fäße stammen von Totenfeiern, bei denen Feuer, Speise und Trank sowie das Zerschlagen des Geschirrs eine Rolle spielten.

Den Verstorbenen legte man eine tönerne Tasse, Schale oder Schüssel mit ins Grab, wie es früher schon bei den jungsteinzeitlichen Glockenbecher-Leuten üblich war. Frauen erhielten offenbar zwei Tassen, Männer dagegen nur eine Tasse. Die Beigaben wurden in Nähe des Kopfes, Rückens, Oberkörpers, Beckens, der Knie, Oberschenkel und Füße deponiert. In Jois hatte man zwei Toten eine Schale unter den Kopf gelegt.

Das Gräberfeld von Leithaprodersdorf bestand aus etwa 50 Bestattungen der Leithaprodersdorf-Gruppe in Flachgräbern sowie Gräbern der darauffolgenden Wieselburger Kultur (etwa 2000 bis 1600 v. Chr.) und der Spätbronzezeit. Die Männer hatte man auf die linke Körperseite mit dem Kopf im Norden und den Beinen im Süden gelegt, die Frauen auf die rechte Körperseite mit dem Kopf im Süden und den Beinen im Norden. Sowohl Männer als auch Frauen blickten nach Osten, also dorthin, wo die Sonne aufgeht.

Im Gräberfeld von Leithaprodersdorf wurden viele vermeintliche Scheingräber (Kenotaphe) entdeckt, die alle von Norden nach Süden ausgerichtet waren. Sie enthielten keinerlei Reste einer Körper- oder Brand­bestattung. Die Gruben dieser mutmaßlichen Schein­gräber sind durchschnittlich zwei Meter lang, 1,50 Meter breit und bis zu 1,45 Meter tief. Der Rand der Gruben war mit Steinen verkleidet, auf ihrem Boden standen meistens mehrere Tongefäße und lagen Kupferob­jekte und Schmuckstücke. Scheingräber sollten viel­leicht an in fernen Gegenden Verstorbene erin­nern.

Interessante Erkenntnisse über die Bestattungssitten lieferte der bereits 1930 durch den Wirtschaftsrat Alexander Ritter von Seracsin (1883—1952) freigelegte Grabhügel II von Jois. Letzterer bedeckte 15 Bestat­tungen mit zumeist der gleichen Orientierung der Toten wie in Leithaprodersdorf und ein Scheingrab. Ausgräber Seracsin d]eutete diese Funde 193l phantasievoll als Bei­setzung eines Stammesfürsten, dessen Frau, Kind und Gefolge erschlagen und mit ihm begraben worden waren. Diese Vermutung stieß mehrfach auf Zweifel, konnte aber nie widerlegt werden.

In Jois werden die Grabhügel I und II sowie ein Flachgrab der Leithaprodersdorf-Gruppe zugerechnet. Die Bestattungen im Joiser Grabhügel II erfolgten in der Übergangszeit zwischen der Leithaprodersdorf­Gruppe und der Wieselburg-Gruppe. Im Grabhügel II spiegelt sich das friedliche Nebeneinander in der Ablösungsphase wider: Dort gab es neben zahlreichen Bestattungen der Leithaprodersdorf-Gruppe auch zwei der Wieselburger Kultur, nämlich die von einer Frau und einem Kind.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

KAREL BUCHTELA,

geboren am 6. März 1864 in Nový Pavlov,

gestorben am 19. März 1946 in Prag.

Er war Finanzoberrat

und hatte von 1924 bis 1938

das Amt des Direktors

des Staatlichen Archäologischen Instituts

in Prag inne. Bei seinen Forschungen

arbeitete Buchtela mit

dem tschechoslowakischen Archäologen

Lubor Niederle aus Prag zusammen.

Buchtela und Niederle haben 1910

im Handbuch der Tschechischen Archäologie

den Begriff Aunjetitzer Kultur

verwendet und populär gemacht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

geboren am 20. September 1865 in Klatovy, gestorben am 14. Juni 1944 in Prag.

Er habilitierte sich 1891

und war 1898 bis 1929

Professor der vorgeschichtlichen Archäologie

und Ethnologie an der Universität in Prag.

Später wurde er Rektor

der Universität Prag

sowie Begründer und erster Direktor

des Archäologischen Instituts in Prag.

Niederle verwendete 1910

zusammen mit Karel Buchtela

im Handbuch der Tschechischen Archäologie

den Begriff Aunjetitger Kultur.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Menschenopfer im Megaron

Die Aunjetitzer Kultur

Im Weinviertel und am Ostrand des Waldviertels im nördlichen Niederösterreich hinterließ zwischen etwa 2300/2200 bis 1800 v. Chr. die nach einem tschechischen Fundort benannte Aunjetitzer Kultur ihre Spuren. Dass sie nur auf das nördliche Niederösterreich beschränkt war, hatte der Wiener Prähistoriker Oswald Menghin (1888—1973) bereits 1915 erkannt. Die niederösterreichi­schen und die mährischen Funde bilden eine gemein­same Gruppe.

Die Anfänge der Aunjetitzer Besiedlung in Nieder­österreich liegen noch im Dunkel. In Mähren kennt man eine so genannte Proaunjetitz-Stufe, die sich kon­tinuierlich aus der einheimischen Glockenbecher-Kultur (etwa 2500 bis 2200 v. Chr.) entwickelt hat. In der öster­reichischen Fachliteratur ist — im Gegensatz zu Deutschland — häufig von der Aunjetitz-Kultur die Rede. Die niederösterreichischen Aunjetitzer erreichten teil­weise bereits eine beachtliche Körperhöhe. So war ein min-destens 19-jähriger Mann aus Stillfried/Auhagen 1,74 Meter groß, während es eine Frau aus Zwingendorf auf 1,73 Meter brachte. In Würnitz hatten die Männer eine Körperhöhe zwischen 1,63 und 1,73 Metern und in Zwingendorf zwischen 1,65 und 1,70 Metern.

An den Gebissen der in Schleinbach bestatteten Menschen sind mehrfach Zahnstellungs- und Biss­anomalien, Karies, Zahnstein und starke Abnutzung der Kauflächen bereits bei Jugendlichen zu erkennen. Ein Mann aus Stillfried/Auhagen hatte schon alle Ba­ckenzähne der linken Unterkieferhälfte verloren.

Am Skelett einer Frau aus Schleinbach sind Spuren einer Krankheit am Schädelknochen diagnostiziert worden. Außerdem litt sie in den Bereichen der Gelenke der Oberschenkelknochen und Schienbeine unter Knor­pelschädigungen und einem degenerativen Prozess. Bei einem Mann aus Schleinbach war am linken Ellbogen eine Entzündung feststellbar, bei einer Frau ein quer verlaufender, verheilter Bruch im Bereich des dritten Sakralwirbels.

Der bereits erwähnte 1,74 Meter große Mann aus Stillfried/Auhagen litt am rechten Oberschenkel unter einer Knochenmarksentzündung (Osteomylitis). Die hierdurch entstandene Eiteransammlung verursachte in der Kniekehle des rechten Beines eine Geschwulst, die seine Bewegungsfähigkeit einschränkte und ihn beim Gehen schmerzte. Dieser leidgeprüfte Mann hatte zudem eine schüsselförmige Knochennarbe am Schädel, die durch einen Hauttumor oder eine symbolische Schädeloperation (Trepanation) entstanden sein könnte. Solche Trepanationen sind aus Mokrin und Tape in Ungarn bekannt.

Auf der linken Schädelhälfte eines in Unterhautzenthal bestatteten, etwa 45 Jahre alten Mannes wurde von der Wiener Anthropologin Maria Teschler-Nicola eine Fraktur erkannt, die vom Schlag mit einem stumpfen Gegenstand herrührt. Diese Verletzung ist zwar wieder verheilt, könnte aber Lähmungserscheinungen oder epileptische Anfälle zur Folge gehabt haben.

In Röschitz, Roggendorf (Kirchenbergheide) und Stillfried/Auhagen wurden Skelettreste von Menschen gefunden, an denen zu Lebzeiten eine Schädeloperation (Trepanation) vorgenommen worden war. Von den zwei Schädeln mit Trepanationsöffnungen verschiedener Größe aus Röschitz ist heute nur noch einer auffindbar. Er stammt von einer 31- bis 40-jährigen Frau mit einer verheilten Schabtrepanation im Bereich des linken Scheitelbeinhöckers. Bei dem Fund in Stillfried handelt es sich um eine verheilte symbolische Trepanation am hinteren rechten Scheitelbein eines 19- bis 22-jährigen Mannes.

Zur Kleidung gehörten mitunter kupferne Gürtelbleche, wie sie in Niederrußbach und Schrick gefunden wurden. Der fragmentarisch erhaltene Fund aus Niederrußbach ist 15 Zentimeter lang, 11,4 Zentimeter breit und außen verziert. Das Gürtelblech von Schrick wurde aus einer Armmanschette vom Typ Borotice herausgeschnitten. Die Aunjetitzer in Niederösterreich wohnten in weit verstreuten einzelnen Gehöften, aber auch in aus mehreren Hütten bestehenden Siedlungen. Ihre Dörfer lagen im Flachland oder auf markanten Erhebungen, und manche von ihnen waren mit Gräben und Palisaden befestigt. Die Ringwallanlagen beziehungsweise »Bronzezeitburgen« der Aunjetitzer Kultur hatten einen oder zwei Gräben.

Die in den 1930-er und 1940-er Jahren untersuchten Siedlungen von Roggendorf und Großmugl wurden von den damaligen Ausgräbern teilweise zu phantasievoll gedeutet. So glaubte die Paläontologin Angela Stifft- Gottlieb (1881—1941) aus Eggenburg, auf der Flur Schmidafeld in Roggendorf1 meistens fünfeckige, in den Lößboden eingetiefte Grundrisse von Wohnstellen erkannt zu haben. Vermeintliche Rampen im Löss fasste sie als Bänke oder Sitze auf. Außerdem stieß sie auf Feuergruben und ein Pfostenloch in der Mitte einer Grube.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Rekonstruktion der Siedlung Großmugl bei Stockerau in Niederösterreich mit so genannten »Wohngrubenhäusern«, wie sie sich 1941 der Wiener Prähistoriker Eduard Beninger (1897—1963) vorstellte, gilt heute als überholt.

Zu ähnlichen Erkenntnissen kam Angela Stifft-Gottlieb auf der Flur Oberfeld in Roggendorf2. Hier meinte sie, rechteckige Wohngruben mit Vorplatz und Ein­trittsrampe sowie eine Ofenanlage mit Rauchabzug entdeckt zu haben. In Wirklichkeit handelte es sich nicht um Wohngruben, sondern um Lehmentnahme-, Vor­rats- beziehungsweise Abfallgruben.

Auch der Wiener Prähistoriker Eduard Beninger (1897— 1963) irrte sich, als er 1941 die von ihm erforschte Siedlung in Großmugl bei Stockerau3 beschrieb. Zu diesem Dorf gehörten nach seiner Auffassung 13 Siedlungsanlagen, nämlich rechteckige Hütten mit Wänden aus Flechtwerk, Satteldach und Speicher. Die dortigen Gruben betrachtete er als unterirdische Wohnanlagen. Heute weiß man, dass es ehemalige kellerartige Vorratsgruben für Getreide waren.

Die Lage der Kellergruben in Schleinbach4 lieferte Hinweise über die Verteilung der Hütten bezie­hungsweise Häuser in den Siedlungen. Dort waren die Kellergruben in Abständen von etwa zehn bis 15 Metern angelegt worden. Dabei ließen sich weder Reihen noch eine andere systematische Anordnung erkennen. An die Wohnbauten grenzten möglicherweise häufig über­dachte Werkstätten und vielleicht auch Ställe.

Bei Ausgrabungen in Fels am Wagram5 und in Frieb- ritz6 kam jeweils der Grundriss eines Vorhallenhau­ses (auch Megaron genannt) zum Vorschein. Diese Gebäude dienten — nach den Bestattungen in ihnen zu schließen — kultischen Zwecken. Untersuchungen auf dem Haslerberg bei Eichenbrunn7 förderten Hinter­lassenschaften einer unbefestigten Höhensiedlung zutage. Befestigte Höhensiedlungen erstreckten sich — nach Erkenntnissen des Wiener Prähistorikers Gerhard Trnka — auf dem Hausberg bei Oberschoderlee8, auf einem Höhenrücken bei Kollnbrunn9, auf zwei Plateaus bei Stillfried10 und auf dem Michelsberg bei Stockerau11. Sie konnten anhand von Keramikresten oder Bron­zeobjekten der Aunjetitzer Kultur zugeordnet wer­den.

Die befestigten Höhensiedlungen wurden an ge­fährdeten Stellen durch Gräben und Palisaden vor Feinden geschützt. Zum Aufschütten der mächtigen Wälle verwendete man das aus den Gräben gehobene Erdreich. Die Gräben hatten schräge Wände und waren im Querschnitt trapezförmig.

Im Fall der kreisförmigen Befestigung auf dem Hausberg bei Oberschoderlee weiß man nicht, ob diese nur aus einem oder aus zwei Gräben bestand, weil der größte Teil der Bergkuppe wegen Aufforstungen nicht zugänglich ist. Der auf dem Luftbild gut erkennbare »äußere« Graben hat einen Durchmesser von 112

Metern und ist acht Meter breit. Der vermeintliche »Innengraben« erreicht höchstens 58 Meter Durch­messer und vier Meter Breite.

Die befestigte Höhensiedlung bei Kollnbrunn wies einen Durchmesser von maximal 120 Metern auf. Sie wurde von zwei Gräben umgeben, die jeweils die Form eines zu zwei Dritteln erhaltenen Kreises besaßen. Vielleicht handelte es sich — wie in Sumice (Südmähren) — um eine zweifache Kreisgraben­anlage. Die beiden etwa 14 Meter voneinander ent­fernten Gräben bei Kollnbrunn waren ursprünglich wohl fünf bis sechs Meter breit sowie drei bis vier Meter tief.

Eine der beiden Befestigungen bei Stillfried befand sich südlich des Ortes am rechten Ufer der March. Sie lag einst auf einer Lößterrasse, die an drei Seiten durch steil abfallende Flanken auf natürliche Weise geschützt war. Die Anlage wurde an der vierten Seite durch einen fünf Meter breiten und zwei Meter tiefen Graben gesichert. Inzwischen ist die Terrasse durch eine Ziegelei zerstört worden, die dort Löß abgebaut hat. Dieser Fundort heißt Stillfried-Ziegelei.

Die andere Befestigung vom Fundort Stillfried-Auhagen lag auf einem Hang über dem rechten Marchufer. Deren Erbauer hatten auf der flachen Südseite des Hanges einen 200 Meter langen, sechs Meter breiten und bis zu 2,20 Meter tiefen Graben ausgehoben.

Auf dem Michelsberg bei Stockerau sicherte ein zweifaches Graben- und Wallsystem die auf dem ovalen 100 Meter langen und 80 Meter breiten Gipfelplateau errichtete Siedlung. Die zwei Gräben sind im Abstand von etwa vier Metern errichtet worden.

Funde in Gaindorf belegen den Anbau der Getrei­dearten Einkorn (Triticon monococcum) und Emmer (Triticum dicoccon) sowie in Pulkau die Kultivierung von Einkorn, Emmer und Weizen. Das Getreide wurde mit Sicheln geschnitten, in deren Holzgriff scharfkantige Klingen aus Feuerstein eingelassen waren. In Wil­helmsdorf sind 15 Schneideneinsätze von zwei oder mehr Sicheln geborgen worden. Sie weisen auf den Längsseiten deutliche Gebrauchsspuren auf.

Knochen vom Rind, Schwein, der Ziege, vom Hund und Pferd auf der Flur Todtenweg in Großmugl veranschaulichen, welche Haustiere gehalten wurden. Die Skelettreste des Hundes von Großmugl stammen von einem etwa zwölf Wochen alten Tier mit einer Rückenhöhe von etwa 30 Zentimetern. Unter den Knochen von mehreren Hunden aus Jetzelsdorf bei Haugsdorf befanden sich die eines zwei bis drei Monate alten Welpen. Bei einem etwa zehn Jahre alten Hund aus Herrnbaumgarten waren die Zähne schon stark abgenutzt. In einem Grab von Schleinbach lagen Reste vom Rind und das Stirnzapfenstück einer Ziege. Kopf und Schultergürtel eines in einer Speichergrube von Unterhautzenthal bestatteten Mannes waren mit Knochen vom Rind und Pferd bedeckt.

Knochen vom Rothirsch (Cervus elaphus) und vom Reh (Capreolus capreolus) in Großmugl sowie steinerne Pfeilspitzen und Schalen von Flussmuscheln in Rog­gendorf (Flur Steinleithen) belegen gelegentliche Jagd und Sammeltätigkeit. Doch hauptsächlich ernährten sich die damaligen Bauern von den Erträgen des Ackerbaus und der Viehzucht.

Die Töpfer formten tönerne Henkeltassen, Näpfe, Schalen, Töpfe, Henkeltöpfe, Siebgefäße und Löffel. Die Keramik wurde meistens nicht verziert. Gefäße mit dünnen Wänden aus schokoladebraunem bis schwärzlichem Ton hat man hochglänzend poliert. In Henkeltassen wurden manchmal Verzierungen eingeritzt und mit weißer Masse gefüllt. Typische Ornamente sind kombinierte waagrechte und senkrechte Linienbänder sowie Zickzacklinien und Girlandenmuster mit Punkt­reihen.

In Peigarten im Pulkatal barg man ein 20,8 Zentimeter hohes Siebgefäß und eine acht Zentimeter hohe Siebschüssel mit einem Mündungsdurchmesser von 22 Zentimetern. Unter den Keramikfunden von Bern­hardsthal befanden sich auch zwei Zapfenstiel-Löffel. Bei der Herstellung von metallenen Werkzeugen, Waffen und Schmuckstücken setzte sich anstelle des Kupfers immer mehr die Bronze als neuer Werkstoff durch. Die gleichmäßige Form der Ringbarren aus Bronze deutet darauf hin, dass diese als erstes genormtes Zahlungs­mittel in fast ganz Europa dienten. Der Bedarf an Bronzewaren wurde vermutlich durch wandernde Händler und Metallhandwerker gedeckt.

Neben Werkzeugen aus Metall gab es weiterhin zahl­reiche Geräte aus Knochen und Stein. So fand man in Roggendorf (Flur Steinleithen) Knochenpfrieme und in Niederkreuzstätten, Oberschoderlee, Schleinbach und Wilhelmsdorf sägeartige Feuersteinklingen. Von an­deren Fundorten sind steinerne Unterlagsplatten und Reibsteine zum Mahlen von Getreidekörnern, Klingen für Flach-, Loch- und Walzenbeile bekannt.

Die Randleistenbeile mit metallener Klinge und Holzschaft eigneten sich als Waffen, aber auch als Werkzeuge zur Holzbearbeitung. Ein vollständig erhaltenes und ein zerbrochenes Randleistenbeil wurden in einem Depot von Schrick entdeckt.

Als weitere Waffen dienten meisterhaft zurecht­geschlagene Feuersteindolche sowie Kupfer- und Bronzedolche. Ein Feuersteindolch nordischer Herkunft mit einer erhaltenen Grifflänge von 7,3 Zentimetern in Stillfried-Auhagen zeugt von weitreichenden Tausch­geschäften.

Bronzedolche lagen in Gräbern von Roggendorf­Steinleithen. In Pranhartsberg und Feuersbrunn hat man bronzene Stabdolche entdeckt, die als Statussymbol oder Zeremonialgerät gelten.

Neben Anhängern aus Muschelschalen trugen die niederösterreichischen Aunjetitzer auch kupferne und bronzene Nadeln, Drahtschmuck, Ösenhalsringe, Armspiralen, Blechmanschetten und Zierscheiben. Die metallenen Schmuckstücke waren häufig gegossen statt geschmiedet und überwiegend mit eingepunzten Linien verziert.

Anhänger aus Muschelschalen wurden in Roggendorf­Steinleithen und in der Ziegelei von Stillfried zutage befördert. In Stillfried hat man aus einem Grab eine am Wirbel künstlich durchbohrte Muschel und zwei Noppenringe geborgen. In Roggendorf kam in zwei Gräbern je eine Muschelschale zum Vorschein.

Unter den zum Zusammenhalten von Kleidungsstücken oder als Zierde verwendeten Nadeln gab es verschiedene Varianten wie Rollenkopf-, Scheibenkopf- und Hül­senkopfnadeln. So kennt man aus Niederrußbach eine Nadel mit breitem Schleifenkopf und von anderen Fundorten böhmische Ösennadeln. Letztere deuten auf Kontakte mit böhmischen Aunjetitzern hin.

Die metallenen Ösenhalsringe erfreuten sich damals offenbar großer Beliebtheit. Allein einer von zwei Depotfunden auf dem Königsberg bei Roggendorf12 umfasste insgesamt 37 größtenteils noch nicht fertige Barrenringe dieser Form. Die Barrenringe waren zwischen zwei Felsblöcken versteckt. Dabei handelt es sich vermutlich um das Lager eines Händlers. Das andere Bronzedepot ist verschollen.

Ein weiteres begehrtes Schmuckstück waren die kupfernen Blechmanschetten vom Typ Borotice, die nach ähnlichen Funden aus einem Gräberfeld der Aunjetitzer Kultur in Mähren benannt sind. Diese Armstulpen dürften wegen der kantigen Ränder der Durchbohrungen auf einer Unterlage aus Leder oder Stoff getragen worden sein. In Mähren wurden an 18 Fundorten und in Niederösterreich an sieben Orten solche Blechmanschetten geborgen. Ihre reiche Verzierung war mit einem Meißel eingepunzt wor­den.

Blechmanschetten vom Typ Borotice kennt man von den niederösterreichischen Fundorten Bullendorf (2 Exemplare), Neudorf bei Staatz (4), Patzmannsdorf (2), Pfaffstätten (3), Schrick (2), Wartberg bei Putzing und Niederrußbach (2). Mit Ausnahme des Grabfundes bei Niederrußbach stammen alle anderen Blech­manschetten aus Depots.

In dem Grab bei Niederrußbach war eine jugendliche Person mit reichen Metallbeigaben bestattet. Sie trug eine Nadel mit breitem Schleifenkopf, zwei Blech­manschetten vom Typ Borotice, zahlreiche Schleifen- und Spiralringe, Spiralröllchen und als Gürtelbesatz gedeutete Blechfragmente.

Zum 1,5 Kilogramm schweren Depot von Schrick13 gehören neben dem bereits erwähnten Randleistenbeil und dem Bruchstück eines weiteren ein Gürtelblech, ein Spiralarmring, zwei ineinandergehängte große Noppenringe und drei Ringbarren (Ösenhalsreifen). Der Fund war beim Pflügen ans Tageslicht gekommen.

Ein seltenes Objekt aus einem der Gräberfelder von Roggendorf verrät, dass die Aunjetitzer kleine tönerne Handtrommeln besaßen. Sie waren einst mit einer Tierhaut bespannt und wurden wohl mit bloßer Hand bei Totenfeiern oder anderen Zeremonien geschlagen. Ähnliche Tontrommeln gab es bereits in der Jung­steinzeit um 5000 v. Chr. in Niederösterreich.

Die niederösterreichischen Aunjetitzer bestatteten ihre Toten in Flachgräbern. Sie betteten sie meistens auf die rechte Körperseite und zogen die Beine zum Körper hin an. Der Kopf der Leiche lag generell im Süden. Recht häufig hat man mehrere Verstorbene in einem Grab beerdigt. Eine lockere Steinsetzung war in Roggendorf-Steinleithen erkennbar, eine aus schräg gesetzten Steinen gebildete dachförmige Grabkammer in Roggendorf-Kirchenbergheide und Zellerndorf.

Bei Gobelsburg14 kam ein 70 Zentimeter langes, 55 Zentimeter breites und 40 Zentimeter hohes, seltenes Steinkistengrab zum Vorschein, das der nieder­österreichische Heimatforscher Hermann Maurer der Aunjetitzer Kultur zuordnet. Das Grab bestand aus vier senkrechten, rechteckig angeordneten Steinplatten, die durch zwei oder drei weitere Steinplatten abgedeckt waren. In etwa anderthalb Metern Tiefe befand sich eine zerbrochene Tonschüssel vom Typ Unterwölbling, und knapp darunter lagen Skeletteile eines erwachsenen Menschen. Steinkistengräber der Aunjetitzer Kultur kennt man im benachbarten Mähren und in Mittel­deutschland.

Als Beigaben für die Aunjetitzer Bestattungen dienten Tongefäße und Schmuckstücke. Der Metallschmuck wurde manchmal von Grabräubern entwendet.

Auf die größten Gräberfelder der Aunjetitzer Kultur stieß man in Bernhardsthal15, Schleinbach16, Unter­hautzenthal17 und Roggendorf (Flur Steinleithen18 ). Kleinere Friedhöfe wurden in Roggendorf (Kirchen­bergheide19 ), Zwingendorf20, Würnitz21, Eggenburg22 und Langenlois23 aufgespürt.

Das Gräberfeld von Bernhardsthal (Flur Unfrieden) ist in einer Kiesgrube entdeckt worden. Nach den dort geborgenen Funden zu schließen, dürfte es sich wohl um etwa 80 Gräber gehandelt haben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 228 Seiten

Details

Titel
Österreich in der Frühbronzezeit
Untertitel
Mit Zeichnungen von Friederike Hilscher-Ehlert
Autor
Jahr
2011
Seiten
228
Katalognummer
V178211
ISBN (eBook)
9783656001522
ISBN (Buch)
9783656001287
Dateigröße
11126 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Bronzezeit, Frühbronzezeit, Österreich, Leithaprodersdorf-Gruppe, Aunjetitzer Kultur, Straubinger Kultur, Unterwölblinger Gruppe, Wieselburger Kultur, Litzenbkeramik, Draßburger Kultur, Veterov-Kultur, Böheimkirchener Gruppe, Attersee-Gruppe, Friederike Hilscher-Ehlert, Elisabeth Ruttkay, Johannes-Wolfgang Neugebauer
Arbeit zitieren
Ernst Probst (Autor), 2011, Österreich in der Frühbronzezeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178211

Kommentare

  • Ernst Probst am 10.9.2011

    Dieser Titel ist Teil einer dreibändigen Taschenbuchreihe: Österreich in der Frühbronzezeit, Österreich in der Mittelbronzezeit, Österreich in der Spätbronzezeit.

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