Theorienvergleich Helmuth Plessner und Talcott Parsons


Hausarbeit, 2010

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Garfinkels Theorie

3. Plessners Theorie

4. Vergleich beider Theorien

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In der Soziologie wurden in der Vergangenheit viele Theorien aufgestellt mit dem Anspruch, die Gesellschaft, das Individuum und die damit verbundenen Phänomene zu erklären und zu beschreiben.

Dies versucht auch die Theorie Garfinkels, die oft im Zusammenhang mit der Gesellschaftstheorie von Talcott Parsons in Verbindung gebracht wird. Garfinkel stellte keine umfassende Theorie der Mikro- und Makroebene auf, sondern griff die Normorientierung Parsons heraus und erweitere diese durch die kognitive Interpretationsleistung der Individuen.

In meiner Arbeit möchte ich diese Theorie mit der von Plessner vergleichen. Hier gilt es jedoch auf eine Besonderheit aufmerksam zu machen, die sich aus der Beschaffenheit der Ausführungen Plessners ergeben. So erweitert Garfinkel die Makroebene Parsons durch die individuelle Mikroebene, Plessner jedoch versucht einen Schritt vorher anzusetzen.

Er stellt Fragen der Phänomenologie an die Soziologie und versucht zu erörtern, wie ein Gegenstand beschaffen sein muss, damit er so wirkt und nicht anders. Das heißt, wie der Mensch, dass Individuum, konstruiert sein muss, damit er seine „gesellschaftlichen Funktionen“ erfüllen kann. Dies ist im übertragenden Sinn die Anwendung des kantschen Vernunftprinzips auf die Soziologie und einen Differenzierung zwischen Verstehen und Erklären.[1]

Deutlich soll hier nur zunächst werden, wie unterschiedlich die Theorien von Plessner und Garfinkel zu sehen sind. So könnte man beispielsweise Garfinkel den erklärenden Ansatz und Plessner den Verstehenden zuordnen. Plessners Theorie endet, wenn Garfinkels Theorie beginnt. Trotz dieser Unterschiede soll ein Vergleich beider Theoretiker Gegenstand dieser Arbeit sein. Wo sind Gemeinsamkeiten zu finden, wo Differenzen und in wieweit lassen sich Plessners Ansätze in Garfinkels Theorie wiederfinden. Des Weiteren soll die Frage gestellt werden, ob und inwiefern Plessners Neuerungen für die Soziologie von entscheidender Bedeutung sind.

Um einen genauen Vergleich zu ermöglichen möchte ich zunächst die Theorien einzeln darstellen. Beginnen werde ich dabei mit der Theorie Garfinkels. Danach soll die Theorie von Plessner zum Gegenstand gemacht werden. Gefolgt werden die beiden Darstellungen von einem Vergleich, der versucht die signifikantesten Gegensätze, aber auch Gemeinsamkeiten aufzuzeigen. Hierbei sollen ebenfalls die Emergenzkonstellationen betrachtet und analysiert werden. In einem Fazit möchte ich die für mich deutlichsten Unterschiede herausstellen und diese in Bezug zu anderen Theorien setzen.

2. Garfinkels Theorie

Harold Garfinkel wurde am 29. Oktober 1917 in Newark, New Jersey geboren. Er gilt als Begründer der Ethnomethodologie und versuchte mit seinen soziologischen Experimenten vorangegangene Theorien zu erweitern und zu ergänzen.

Garfinkels Untersuchungsgegenstand stellten vor allem die „kleinen“ sozialen Begebenheiten dar, anders als bei vielen anderen bekannten Soziologen. „Noch viel stärker als Schütz, Berger, Luckmann u.a. vertritt er eine Soziologie des Alltagslebens.“[2]

Garfinkel versucht in seinen Theorien weniger eine umfassende Gesellschaftstheorie aufzustellen. Vielmehr gilt „ Garfinkels Hauptinteresse [...] der Regelstrukturen des Alltagslebens“[3]. Er versucht anhand von Experimenten die Probleme des intersubjektiven Verstehens aufzuzeigen und zu verdeutlichen. Aus den Ergebnissen seiner Experimente, leitet er dann für ihn allgemeingültige Thesen ab.

Einer dieser Versuche ist das Ticktacktoe-Experiment, an dem Garfinkel versucht zu zeigen, dass bestimmte Erwartungen bestehen und was passiert wenn diese Erwartungen durchbrochen werden. Dies versucht er zunächst anhand eines einfachen Spiels, auch bekannt unter dem Namen „Käsekästchen“. Ein Spiel besitzt einen festen Rahmen, der eindeutigen Regeln unterliegt, die somit einfach zu durchbrechen sind. Die Reaktion des „Opfers“ soll einen Hinweis auf die Bedeutung der Regel, beziehungsweise den „Verstoß“ geben und deutlich machen, wie der Akteur damit umgeht.

Die Aufgabe des Spiel besteht darin, abwechselnd in eine Spielfläche ein Kreuz oder einen Kreis einzuzeichnen und zu versuchen, drei nebeneinander liegende Formen zu bekommen. Aufgabe der von Garfinkel beauftragten Stundenten war es, immer die gezeichnete Form von Person A wieder aus dem Feld zu löschen, zu versetzen und die eigene Form einzuzeichnen. Dies stellte einen Bruch der Regel, oder anders, der Norm dar. Garfinkel konnte nun bei den Probanden zwei signifikant unterschiedliche Reaktionen feststellen. Zunächst reagierten alle Teilnehmenden verwirrt, unterschieden sich aber in der Beständigkeit dieses Gefühls. Der eine Teil versuchte zu verstehen und hinterfragte die Spieltechnik und ging von der Möglichkeit aus, dass gespielte Spiel vielleicht nicht zu kennen. Der andere Teil hielt an den vorhandenen Regeln fest und fand sich länger im „Stadium“ des verwirrt Seins. An diesen beiden unterschiedlichen Reaktionen lässt sich für Garfinkel schon etwas erkennen, was für seine weiteren Theorien von großer Bedeutung ist.

Für ihn ist in den unterschiedlichen Reaktionen neben der normativen Ebene, eine kognitive Ebene zu erkennen. Die normative Ebene wird besonders deutlich durch die Gruppe der „Verwirrten“ repräsentiert, die an den vorhandenen Spielregeln (Normen) festhalten und versuchen innerhalb der Regeln einen interpretativen Rahmen für das Geschehene zu finden. Dieses gelingt freilich nicht und führt zu einer erheblichen Differenz zwischen Sein und Sollen und somit zu einer erheblichen Diskrepanz.

Die andere Gruppe sieht sich zunächst ebenfalls dieser Diskrepanz ausgesetzt, doch versucht sie mittels kognitiver Fähigkeiten, einen neuen Interpretationsrahmen zu finden, der es ihnen möglich macht, die neue Situation zu verstehen. Garfinkel ergänzt also zu der normativen Funktion von Regeln und Normen eine kognitive Funktion, die es dem Akteur möglich machen soll, Normen zu interpretieren, um sich gegebenenfalls neuen Begebenheiten anzupassen. Garfinkel versucht nun in weiteren Experimenten die Wichtigkeit der kognitiven Funktion herauszustellen und gleichzeitig das Problem zu lösen, welches durch die kognitive Ebene auftritt. Garfinkel will zeigen, dass kognitive Interpretation nicht zwangsläufig zu einem intersubjektiven Verständigungsproblem führen muss, sondern davon abhängt, ob die Akteure „eine hinreichende Übereinstimmung im Bereich der Gewohnheiten, der Ziele, Interessen und Wissensgrundlage besteht“.[4]

Daher untersucht er zunächst die Parameter und ihre Erscheinungsformen. Eine dieser Erscheinungsformen stellt für ihn die Sprache dar. Wörter verbinden wir mit einer Bedeutung. Garfinkel versucht zu untersuchen inwieweit diese Bedeutung eine Norm darstellt und was passiert, sollte diese Norm, beziehungsweise die erwartete Norm, gebrochen werden. Hierfür führte er sogenannte Krisenexperimente durch, bei denen ihm wiederum Stundenten behilflich sein sollten. Aufgabe war es, Versuchspersonen in einem Gespräch durch einen Bruch der Erwartungen zu beobachten. Das, was allgemein als verständlich gelten würde, sollte nicht verstanden werden. Ein Beispiel wäre eine normale Redewendung, wie sie in der Jugendsprache vorzufinden ist: „Was läuft?“. Allgemein verstanden wird hier eine Frage die darauf zielt, sich nach dem Befinden des Gegenübers zu erkundigen. Dies stellt die Norm der Frage dar. Garfinkels Studenten waren nun dazu angehalten, dieses nicht zu verstehen und dementsprechend mit einer Rückfrage zu antworten. Diese wäre für unser Beispiel in etwa: „ Was soll denn laufen? Ich? Mein Auto, oder was meinst du?“

Als Reaktion beschreibt Garfinkel hauptsächlich Ablehnung, Aggression und Unverständnis gegenüber den Studenten. Anders als beim Spielexperiment, bestand auch die Möglichkeit der „Opfer“, sich selbst geirrt zu haben, indem sie sich hinterfragten, ob das Spiel bekannt sei, oder sie einem Irrtum unterliegen. Diese mögliche „Einsicht“ ist hier nicht vorhanden. Die Testpersonen gingen fest davon aus, dass sie unmissverständlich zu verstehen seien. Daraus zieht Garfinkel zwei wichtige Schlüsse. Zum einen scheint die Definition der Sprache (der einzelnen Wörter) festzustehen. Zum anderen gehen die Versuchspersonen von einer Reziprozität der Perspektiven aus. Dieses wiederum deckt sich mit der zuvor zitierten Aussage, dass eine „hinreichende Übereinstimmung im Bereich der [...] Wissensgrundlage“[5], bestehen muss. Aber nicht immer ist Sprache feststehend, denn nun kommt erneut die kognitive Interpretationsleistung der Akteure zum tragen. So werden Aussagen nicht nur nach dem Wortlaut gedeutet, sondern auch in dem Zusammenhang gesehen in dem sie stehen. So können Vergangenes und Zukünftiges ebenfalls Bestandteil der Aussage sein.

Diese Sichtweise entspricht nicht nur der von Harold Garfinkel, sondern ist eine weit verbreitete Annahme, auch unter Sprachwissenschaftlern wie zum Beispiel Friedemann Schulz von Thun oder Roman Jakobson. Von Thun spricht in seiner Theorie davon, dass eine Nachricht jeweils vier Seiten besitzt, die etwas über die Beziehung aussagen können, oder über den Sender der Nachricht selber. Auch ein Appell und ein Sachinhalt seien für ihn in Aussagen vorhanden.[6] Was hier deutlich werden soll, ist die Dimension die Garfinkel der kognitiven Ebene beimisst. Er geht in beiden angesprochenen Experimenten zwar auch immer wieder von Regeln aus, die jeweils das Spiel beziehungsweise den Sprachgebrauch betreffen, ergänzt diese aber durch die kognitive Interpretationsleistung der Akteure. So lässt sich aus diesen Versuchen die These ableiten, dass Garfinkel soziale Ordnung nicht nur an Regeln festmacht, sondern den Akteuren die Möglichkeit gibt, die Regeln / Normen „auszulegen“ nach ihren Zielen und Interessen. Dies wiederum bedeutet für das Entstehen sozialer Ordnung ein gewisses Übereinstimmen in den Zielen und Interessen und somit in der Interpretationsweise. Garfinkel geht zwar davon aus, dass es durch die unterschiedlichen Interessen und Interpretationen zu Differenzen kommen kann und Akteure Entscheidungen treffen können, die nicht dem Wert entsprechend sind, aber er betrachtet dieses eher als Randphänomen. Für ihn basiert der größte Teil des Handelns auf routinisiertem Verhalten der Individuen. Das heißt, dass die Akteure auf einer Art Konsesbasis handeln, die es nicht ständig erforderlich macht, die Norm zu interpretieren. So geht man beispielsweise in „schicker“ Kleidung ins Theater, da hierüber ein „stiller“ Konsens herrscht, der es nicht nötig macht die Norm zu interpretieren. Gleichzeitig gilt diese Norm aber als Messindikator für abweichendes Verhalten. Sieht man also jemanden im Jogginganzug im Theater, ist diese Person vielleicht nur interpretativ abgewichen von der Norm, aber sein Verhalten wird als normenwidrig interpretiert. An diesem Beispiel wird deutlich, dass es eine bestimmte Interpretationserwartung der Akteure untereinander gibt. So kann abweichendes Verhalten wahrgenommen, erklärt und möglicherweise interpretiert werden. Für Garfinkel sind somit neben Normen und Werten eine gemeinsame Interessenbasis und Wissensgrundlage erforderlich, um eine soziale Ordnung entstehen zu lassen.

[...]


[1] Vgl. „Verstehen und Erklären bei Helmuth Plessner“, Gesa Lindemann in „Verstehen und Erklären. Sozial- und Kulturwissenschaftliche Perspektiven“, Greshoff, Rainer; Kneer, Georg; Schneider, Wolfgang Ludwig (Hg.), München, S.117-118

[2] „Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart“, Annette Treibel, Auflage 7,Veröffentlicht von VS Verlag, 2006, S.106

[3] Einführung in soziologische Theorien der Gegenwart“, Annette Treibel, Auflage 7,Veröffentlicht von VS Verlag, 2006, S.106

[4] „Grundlagen der soziologischen Theorie“ Band 2, Wolfgang Ludwig Schneider, Kap. 6.1, S. 31

[5] „Grundlagen der soziologischen Theorie“ Band 2, Wolfgang Ludwig Schneider, Kap. 6.1, S. 31

[6] „Die vier Seiten einer Nachricht“, Friedemann Schulz von Thun in „Texte, Themen und Strukturen Deutschbuch für die Oberstufe“ Hrsg. Heinrich Biermann, Bernd Schurf, Cornelsen Verlag, S.94

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Theorienvergleich Helmuth Plessner und Talcott Parsons
Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg  (Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Soziologische Theorie II
Note
2,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V178314
ISBN (eBook)
9783656002925
ISBN (Buch)
9783656003083
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
theorienvergleich, helmuth, plessner, talcott, parsons
Arbeit zitieren
Jakob Rohde (Autor), 2010, Theorienvergleich Helmuth Plessner und Talcott Parsons, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178314

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