In den 90er Jahren beschäftigten sich Daniel Goldhagen und Christopher Browning beide mit dem Polizeibataillon 101. Doch sie kamen zu ganz unterschiedlichen Ergebnissen. In meiner Arbeit vergleiche ich ihre Ergebnisse und beleuchte ihre Beteiligung an der "Goldhagen Debatte".
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Die Quellenlage und das Zeitzeugen-Problem
Das Polizeibataillon 101
Major Trapp und das Massaker von Jozefow
Goldhagens These des eliminatorischen Antisemitismus
Die Behandlung anderer Opfergruppen
Osteuropäer als Täter
Die Motivation der Täter
Browning und Goldhagen in der „Zeit“
Fazit: Goldhagen schreibt Geschichte ohne Widersprüche
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die unterschiedlichen historiographischen Ansätze von Christopher Browning und Daniel Jonah Goldhagen in Bezug auf das Polizeibataillon 101 während des Holocausts in Polen, um die Motivation der Täter sowie die Rolle des Antisemitismus und weiterer Erklärungsfaktoren kritisch zu hinterfragen.
- Vergleichende Analyse der Quellenauswertung von Browning und Goldhagen
- Untersuchung der These des "eliminatorischen Antisemitismus" im Kontext der Tätermotivation
- Kritische Beleuchtung der Rolle nicht-jüdischer Opfergruppen und osteuropäischer Täter
- Diskursanalyse der zeitgenössischen Debatte in der Wochenzeitschrift "Die Zeit"
Auszug aus dem Buch
Major Trapp und das Massaker von Jozefow
Während man bis hierhin also noch von weitgehender Übereinstimmung bei Browning und Goldhagen sprechen kann, ist es erstaunlich, wie unterschiedlich sich die Darstellung des gleichen Ereignisses trotz gleicher Quellenlage beider Autoren liest. Gemeint ist das Massaker in der Stadt Jozefow. Am 11. Juli 1942 erhielt das Bataillon von ihrem Major Trapp den ersten Mordauftrag in Polen. Die „arbeitsfähigen“ Juden der Stadt Jozefow sollten in ein Lager deportiert werden, Alte, Kranke, Frauen, Kinder und alle, die Widerstand leisteten, sollten erschossen werden.
Der Major stellte hierbei den Polizisten frei, nicht an den Erschießungen teilzunehmen. Trapp schien sichtlich mitgenommen von dem Auftrag. Er behagte ihm gar nicht und berührte ihn emotional offenbar sehr. Browning schreibt: „Trapp war bleich und nervös, hatte Tränen in den Augen und kämpfte beim Reden sichtlich darum, seine Gefühle unter Kontrolle zu halten. Das Bataillon stehe vor einer furchtbar unangenehmen Aufgabe, erklärte er mit tränenerstickter Stimme.“ Er ergänzte, dass es den Polizisten vielleicht leichter fiele, den Auftrag auszuführen, wenn sie an die Bomben denken, die in der Heimat auf Frauen und Kinder niedergingen. Dann machte er sein Angebot: Wer sich der Aufgabe nicht gewachsen fühle, könne beiseite treten. Von diesem Angebot machte zuerst ein einziger Polizist Gebrauch. Hierfür wurde er von einem Hauptmann beschimpft. Trapp unterbrach den Hauptmann jedoch und nahm den Polizisten in Schutz. Nun traten ca. zehn weitere Polizisten vor. Dabei blieb es. Auf den kommenden Seiten geht Browning immer wieder ausführlich auf Trapps offensichtliche Probleme mit dem Auftrag ein. Er schreibt, dass Trapp sich von den Erschießungen fernhielt, da er den Anblick nicht ertragen konnte, dass er bei mehreren Gelegenheiten auch vor Untergebenen bitterlich weinte und sogar vor seinem Fahrer seine Verzweiflung zum Ausdruck brachte.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Einführung in die Werke von Browning und Goldhagen sowie Skizzierung der kontroversen öffentlichen Debatte über die Tätermotivation.
Die Quellenlage und das Zeitzeugen-Problem: Diskussion über die methodischen Herausforderungen bei der Nutzung von Täter- und Zeugenaussagen aus Gerichtsverfahren der Nachkriegszeit.
Das Polizeibataillon 101: Vorstellung der Einheit, ihrer personellen Zusammensetzung und ihrer geografischen Herkunft im Hamburger Raum.
Major Trapp und das Massaker von Jozefow: Analyse der konträren Schilderungen des ersten Mordeinsatzes durch die beiden Autoren.
Goldhagens These des eliminatorischen Antisemitismus: Darstellung von Goldhagens zentraler These, dass ein dämonischer Antisemitismus das Hauptmotiv der deutschen Täter war.
Die Behandlung anderer Opfergruppen: Vergleich, wie beide Autoren das Schicksal von nicht-jüdischen Opfern im Verhältnis zu den jüdischen Opfern interpretieren.
Osteuropäer als Täter: Untersuchung der Rolle von einheimischen Hilfswilligen und deren Pogromaktivitäten im Vergleich zur deutschen Täterschaft.
Die Motivation der Täter: Erörterung der psychologischen und soziologischen Erklärungsansätze für das Morden der "normalen Männer".
Browning und Goldhagen in der „Zeit“: Auswertung der direkten publizistischen Auseinandersetzung zwischen den Autoren in der Wochenzeitschrift.
Fazit: Goldhagen schreibt Geschichte ohne Widersprüche: Zusammenfassende kritische Würdigung von Goldhagens methodischem Vorgehen im Vergleich zu Brownings differenzierterer Analyse.
Schlüsselwörter
Polizeibataillon 101, Christopher Browning, Daniel Jonah Goldhagen, Holocaust, Eliminatorischer Antisemitismus, Tätermotivation, Massaker von Jozefow, Zeitzeugen, Nationalsozialismus, Geschichtsschreibung, Historikerstreit, Milgram-Experiment, Major Trapp, Judenvernichtung, „Die Zeit“
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit vergleicht die historischen Untersuchungen von Christopher Browning und Daniel Jonah Goldhagen zum Polizeibataillon 101 und hinterfragt deren unterschiedliche Erklärungsmodelle für die Teilnahme der Polizisten am Holocaust.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zu den zentralen Themen gehören die Bedeutung des Antisemitismus als Tätermotiv, die methodische Auswertung von Zeugenaussagen, der Konformitätsdruck in Gruppen sowie der Vergleich zwischen jüdischen und nicht-jüdischen Opfergruppen.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, die elementaren Unterschiede zwischen den Thesen beider Autoren herauszuarbeiten und zu prüfen, inwieweit Goldhagens Fokus auf den eliminatorischen Antisemitismus der empirischen Quellenlage standhält.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Es handelt sich um eine vergleichende Literatur- und Diskursanalyse, die primär auf den Werken von Browning und Goldhagen sowie ergänzend auf historischen Fachpublikationen basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich mit der Analyse konkreter Ereignisse wie dem Massaker von Jozefow, der Rolle von osteuropäischen Hilfswilligen und der Auseinandersetzung der Autoren in der Presse.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Polizeibataillon 101, eliminatorischer Antisemitismus, Tätermotivation und die methodische Kritik an historischen Interpretationen charakterisiert.
Welche Bedeutung misst die Arbeit den "Tränen" von Major Trapp bei?
Die Arbeit identifiziert Trapps Tränen als einen zentralen Streitpunkt: Während Browning diese als Beleg für die psychische Belastung der Täter anführt, lässt Goldhagen sie in seiner Argumentation aus, da sie seinem Bild der willigen, fanatischen Mörder widersprechen.
Wie bewertet der Autor Goldhagens Argumentationsweise im Vergleich zu Browning?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Goldhagen eher wie ein Staatsanwalt als wie ein Historiker argumentiert, indem er Widersprüche in den Quellen ignoriert, um seine geschlossene These vom eliminatorischen Antisemitismus aufrechtzuerhalten.
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- Hajo Kiel (Author), 2011, Wie wurden „ganz normale Männer“ zu Mördern? Browning, Goldhagen und das Polizeibataillon 101, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178328