Geld, Angst, Arbeit und Glück in Urs Widmers "Top Dogs"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Geld, Angst, Arbeit und Glück in Top Dogs
2.1 Entstehungsgeschichte und zeitliche Einordnung des Stückes S
2.2 Geld
2.3 Angst
2.4 Arbeit
2.5 Glück

3. Fazit

4. Literaturverzeichnis
4.1 Primärliteratur
4.2 Sekundärliteratur

1. Einleitung

Es ist nicht erst seit Pierre Bourdieus Überlegungen zum Habitus bekannt, dass das Wahrnehmen, Denken und Handeln eines Menschen ganz massiv durch sein soziales Umfeld und die damit einhergehende - für dieses soziale Umfeld spezifische - Sozialisation vorgeprägt wird. Wie durch eine Blaupause färben die Werte und Normen, welche ein Individuum umgeben, - ihrerseits vom politischen und wirtschaftlichen Geist ihrer Zeit geprägt - auf dieses ab. Auch das rapide Fortschreiten der Globalisierung im 19. und 20. Jahrhundert[1] ging dementsprechend nicht spurlos an den Menschen vorbei. Reorganisationen und Umstrukturierungen der Lebensumstände führten dazu, dass auch in den Köpfen der globalisierten Gesellschaft fortlaufend „redimensioniert“ wurde.

Diesen Wandel im Geiste vor allem westlicher Gesellschaften beschreibt Urs Widmer in seinem Theaterstück Top Dogs (1996). Die Protagonisten gefallene Top-Managern, welche die Folgen der gesellschaftlichen Wende am eigenen Leibe zu spüren bekommen, markiert er die Auswirkungen der Globalisierung auf die Geisteshaltung der Menschen, die sie erfahren. Sein Stück, das zwar als gesamtgesellschaftlich valent gelten kann, ist somit repräsentativ für seine Zeit. Ziel dieser Arbeit wird es sein, darzulegen, wie die Begriffe Geld, Glück, Arbeit und Angst im Leben der ehemaligen „Top Dogs“ situiert sind sowie aufzuzeigen, dass sie in ihrer Wertigkeit neu definiert und um viele Assoziationen erweitert worden sind. Um die Legitimität dieses Realitätsanspruches des Stückes darzulegen, werde ich zunächst auf dessen Entstehungsprozess eingehen. Danach gehe ich zu einer Beschreibung der Stellung von „Geld“, „Glück“, „Arbeit“ und „Angst“ in Top Dogs über, dabei immer wieder auf ihre Verknüpfungen untereinander hinweisend.

2. Geld, Angst, Arbeit und Glück in Top Dogs

2.1 Entstehungsgeschichte und zeitliche Einordnung des Stückes

Die Entstehungsgeschichte des Stückes skizziert Urs Widmer in seinem Aufsatz Feldforschung im Lande des Managements.[2] Er beschreibt die Anfänge des Schreibprozesses folgendermaßen:

„Im Januar 1996 begann ich mit der Arbeit an einem Projekt des Theaters Neumarkt in Zürich, dessen Motor Volker Hesse [der Intendant des Theaters; Anm. der Verf.] war und das wir ‚Top Dogs’ tauften. Es sollte von der Arbeitslosigkeit sprechen, von einer besonderen allerdings, der von Managern, Top Dogs eben, die, im Gegensatz zu den Underdogs, vor ihrer Entlassung beträchtliche Summen verdient hatten und mit all den Privilegien ausgestattet waren, die unsere Gesellschaft für sie bereithält.“[3]

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Zu diesem Zwecke begaben sich Widmer und Hesse in zwei züricher Outplacement-Center — Firmen, die Entlassenen einerseits eine Infrastruktur zur Verfügung stellen, die es ihnen erleichtern soll, sich nach der Kündigung beruflich neu zu orientieren und ihren Weg zurück in die Arbeitswelt zu finden. Andererseits erheben derartige Unternehmen auch den Anspruch, die Gekündigten psychologisch zu unterstützen und so den „Schock der Entlassung“[4] abzufangen und zu dämpfen. Die entstehenden Kosten werden dabei meistens vom ehemaligen Arbeitgeber des Klienten beglichen. Sieht dies zunächst nach einem rücksichts- und respektvollen Umgang mit dem Gekündigten aus, so verstecken sich dahinter jedoch zumeist andere Gründe: „Outplacement spart die oft horrenden Abfindungen, vermeidet leidige Klagen vor dem Arbeitsgericht und den Imageverlust, den rüde Abgänge inner- und außerhalb des Unternehmens bewirken“[5], stellt also eine bequeme Methode dar, Arbeitnehmer zu entlassen, ohne dass das Unternehmen dabei Schaden trägt.

Widmer und Hesse führten zahlreiche Gespräche mit den Klienten und Klientinnen in den züricher Firmen und erhielten Einblick in eine ihnen völlig neue Welt mit eigener Sprache, fremden Sitten und Gewohnheiten.[6] Viele der skurrilen in Top Dogs geschilderten Geschichten haben in diesen Gesprächen ihren Ursprung und besitzen also großen Realitätswert. So gab es tatsächlich einen Klienten, welcher seine Entlassung nicht realisierte, sowie jemanden, der nach seiner Entlassung jeden Tag ins Kino ging um vor Familie, Freunden und Bekannten den Schein der Normalität aufrechtzuerhalten.[7]

Erstaunlicherweise offenbarte sich Widmer und Hesse bald, dass alle ehemals Machthabenden darauf hinarbeiteten, möglichst schnell wieder in den Führungskader eines großen Unternehmens aufgenommen zu werden[8], also dem System wieder anzugehören, dem sie zuvor so gnadenlos zum Opfer gefallen waren. Wie diese ehemaligen Manager sind demnach auch die acht Figuren des Stückes „Repräsentanten eines Systems, das ihnen Rolle, Position und Macht gab, das sie nicht in Frage stellten und das ihnen schließlich Macht, Position und Rolle wieder entzog.“[9] Mit der Auswahl dieser Perspektive - der Beschreibung des Falls eines Mächtigen und der daraus resultierenden Konsequenzen - reihten sich die Autoren bewusst in die Tradition der klassischen Königsdramen Shakespeares ein. Wenngleich in Top Dogs nicht die Mächtigsten einer Gesellschaft zu Fall kommen, wie es zum Beispiel bei Richard III der Fall ist, so sind es doch hohe Machthabende. Das Stück deshalb gemeinhin als „Königsdrama der Wirtschaft“[10] verhandelt.

Top Dogs wurde am 14. Mai 1996 in Zürich am Theater am Neumarkt uraufgeführt[11] und wandert seitdem fortwährend durch die deutschsprachige Bühnenlandschaft. Die Schauspieler geben den Figuren zumeist ihre eigenen Namen, wie es auch in der Uraufführung der Fall war, um die Realitätsnähe des Stückes hervorzuheben sowie auf die Austauschbarkeit des Einzelnen im System hinzuweisen. In Thematik und Form weist Top Dogs zahlreiche Parallelen zum Theater der Postmoderne (1960er - 1990er) auf. Es macht auf die mit der fortschreitenden Globalisierung einhergehenden „Bilder der Trostlosigkeit und Zeichen des Mangels“[12] aufmerksam und führt dem Rezipienten die daraus resultierende Entindividualisierung, Orientierungslosigkeit und Dehumanisierung vor Augen.[13]

2.2 Geld

Diese haben in hohem Maße mit Geld zu tun. Um seine Rolle in Widmers Stück und seine Stellung im Leben der ehemaligen „Top Dogs“ Jenkins, Wrage, Deér, Bihler, Müller, Krause, Neuenschwander und Tschudi vollständig verstehen zu können, ist es zunächst notwendig, sich vor Augen zu führen, dass Geld, welches uns Menschen als das Selbstverständliche erscheint[14], in Wahrheit nur ein Tauschsymbol ist und also jeglicher Natürlichkeit und Objektivität entbehrt. Mit der zunehmenden Abstraktionsfähigkeit der Menschen wurde es jedoch aus diesem „Weltbezug“[15] gelöst und erhielt selbstreferentiellen Charakter. „Irgendwann mussten wir die Kuh nicht mehr mit eigenen Augen sehen, wir glaubten, dass wir für die Münze, die wir statt ihrer erhielten, dann schon eine kriegen würden. Noch später reichte ein Stück Papier, das uns versicherte, dass das Gold, das es repräsentierte, vorhanden und sicher aufbewahrt sei“[16], beschreibt Widmer den Abstraktionsprozess in seinem Aufsatz Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück . Der Geldaustausch beruht also auf Glauben, ist somit hochgradig irrational.

So verwundert es nicht, dass auch die „Top Dogs“, welche den Gelderwerb zu ihrem Lebenszweck gemacht haben, im Umgang damit völlig wider alle Vernunft handeln. Geld allein, bedeutet für sie Lebensinhalt, höchste Erfüllung und Glücksgarant, was in den „Träumen“, deren Begriff für uns so nah mit dem Erreichen des größten Glücks verknüpft ist, zutage kommt. Julika Jenkins’ zum Beispiel träumt von einem „Büro aus Glas. Oberster Stock, Dachterrasse“[17] am Broadway in New York und einer „Limousine mit […] abgedunkelten Fenstern“[18] — Statussymbole, „die in der Welt der Wirtschaft als Prestigeausweise gelten.“[19] Während ihr Traum von Geld sich also in realen Entsprechungen manifestiert, besteht Gilles Tschudis Traum vom „Glanz der hohen Zahl“[20] einzig in einer Aneinanderreihung immer größer werdender, unvorstellbarer Ziffern. Sie entbehren jeglicher kontextuellen Einbettung, können aber zweifelsohne als Geldsummen bzw. Börsengewinne imaginiert werden. Geld selber ist hier das Statussymbol, nach dem sich Tschudi sehnt.

Derart wird die zunehmende Abstraktion und die „Isolierung des Phänomens Geld im ökonomischen Bereich“[21] von Widmer adäquat dargestellt. Diese nimmt den Figuren einerseits die Möglichkeit, Bezug zu realen Entsprechungen zu erstellen und hindert sie folglich auch daran, die Bedeutung und die Auswirkungen ihres beruflichen wie privaten Handelns zu erkennen. Geradezu fanatisch jagen die ehemaligen Manager dem Geld hinterher, fetischisieren und personifizieren es.[22] Geld bedeutet für sie „substanzgewordene Sozialfunktion“[23], ersetzt persönliche Kontakte und Emotionen. Anstatt nach der Entlassung bei Freunden oder Verwandten Trost zu suchen, begibt sich Wrage also auf eine besonders teure Reise, in die Karibik nämlich. Mit dem Ausgeben einer möglichst großen Summe sucht sie die erfahrene Kränkung zu kompensieren. Bihler träumt davon, anstelle von Emotionen eine Menge Geld in seine zerrüttete Ehe zu investieren[24] und Tschudis Traum, dem Prinzip der Steigerung folgend und mit einem scheinbar erlösenden, befreienden „Ja“[25] endend, erzwingt nahezu die Assiziation eines sexuellen Höhepunktes. Hier muss folglich von einer Sexualisierung von und Erotisierung durch Geld gesprochen werden, bei der es sich aber um nackte (Geld-) Geilheit handelt, die jeglicher Emotion entbehrt.[26]

Die Figuren haben den „Moneyismus, also Geldver herr lichung oder Geldver gött lichung“[27], zu ihrer Ersatzreligion gemacht. Ihre Priester und Päpste sind die großen Wirtschaftsführer, ihre Kultgewänder die grauen, einheitlichen Anzüge.[28] Deshalb bedeutet eine Entlassung für sie den Verlust all dessen, was ihnen wichtig ist und hat schwerwiegende Folgen für die ehemaligen Manager. Krause leidet seitdem an psychosomatischen Erscheinungen[29], Mord- und Selbstmordphantasien[30], Wrage verbringt traumatisiert die drei Wochen ihrer Karibikreise im Hotelzimmer[31] und der apathische Neuenschwander fährt seinen Porsche nur noch in der Garage[32]. Sie tun deshalb ales, um diesem Schicksal zu entgehen - koste es, was es wolle. „Immer, auch wenn längst schon alle Alarmglocken schrillen, findet sich einer, der sich, aufheulend vor Gier, doch noch ins Getümmel wirft.“[33] Die „Top Dogs“ sind durchaus bereit, ihren Göttern Opfer zu bringen. Bihler will „rein in den [asiatischen] Markt und [diesen] ausräuchern, […] voll Rohr den Feind wegfegen und die strategischen Positionen besetzen, bevor die paar Überlebenden auch nur den Kopf heben.“[34] Jenkins, opfert sogar sich selbst. Ihre Entscheidung, eine Stelle „in Südkorea, nahe der Grenze zu Nordkorea“[35] anzunehmen, wohl wissend, welcher Gefahr sie sich dadurch aussetzt, kommt einem Martyrium gleich.

[...]


[1] Maria-Felicitas Herforth, Urs Widmer. Top Dogs. (Hollfeld 2005) 11.

[2] Urs Widmer, „Feldforschung im Lande des Managements.“ In: Top Dogs. Entstehung, Hintergründe, Materialien . (Zürich 1997) 43-53.

[3] Widmer, Feldforschung, 45.

[4] Urs Widmer. Top Dogs. (Frankfurt am Main 1997) 18.

[5] Herforth, 56.

[6] Widmer, Feldforschung , 48.

[7] Ders., 52/53.

[8] Herforth, 18.

[9] Dieter Wrobel. Urs Widmer. Top Dogs. (München 2006) 114.

[10] Gerhard Jörder. „Die Globalisierung frisst ihre Kinder. Preisrede auf Top Dogs beim Berliner Theatertreffen.“ In: Theater heute. Jahrbuch 1997, 114.

[11] Herforth, 19.

[12] Dieter Kafitz. „Bilder der Trostlosigkeit und Zeichen des Mangels. Zum deutschen Drama der Postmoderne.“ Tendenzen des Gegenwartstheaters. (Tübingen, 1988) 157.

[13] Ders.,159.

[14] Paul Kellermann (Hg.). Die Geldgesellschaft und ihr Glaube. Ein interdisziplinärer Polylog. Wiesbaden 2007, 77.

[15] Kellermann, 88.

[16] Urs Widmer, Das Geld, die Arbeit, die Angst, das Glück. Zürich 2002, 12.

[17] Widmer, Top Dogs , 65.

[18] Ders., 66.

[19] Wrobel, 89.

[20] Widmer, Top Dogs, 61.

[21] Kellermann, 83.

[22] Kellermann, 121.

[23] Ders., 81.

[24] Widmer, Top Dogs, 68.

[25] Ders. , 62.

[26] Wrobel, 85.

[27] Kellermann, 122.

[28] Widmer Geld, 15/16

[29] Widmer, Top Dogs, 37 ff.

[30] Ders. , 36.

[31] Ders. , 46.

[32] Ders. , 47.

[33] Widmer, Geld, 14.

[34] Widmer Top Dogs, 23/24.

[35] Widmer, Top Dogs, 84.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Geld, Angst, Arbeit und Glück in Urs Widmers "Top Dogs"
Hochschule
Universität Trier
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
22
Katalognummer
V178396
ISBN (eBook)
9783656003892
ISBN (Buch)
9783656004158
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
angst, geld, arbeit, widmer, top dogs, glück
Arbeit zitieren
Julia Balogh (Autor), 2007, Geld, Angst, Arbeit und Glück in Urs Widmers "Top Dogs", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178396

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