Anforderungen an einen gelingenden Rechtschreibunterricht – Ein Überblick


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

23 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Ziele und Anforderungen des Rechtschreibunterrichts
2.1 Geschichte der Normierungsbestrebungen bzgl. Schriftlichkeit und Rechtschreibung und ihre aktuelle Bedeutung
2.2 Ziele von Rechtschreibunterricht
2.3 Anforderungen an einen effektiven Rechtschreibunterricht
2.3.1 Fachliche Anforderungen
2.3.2 Didaktisch-methodische Anforderungen
2.4 Diagnostizieren und Fördern bei Rechtschreibschwierigkeiten

3. Fazit

4. Bibliographie

1. Einleitung

„Rechtschreibung“ – das hört sich für das ungeschulte Ohr zunächst trocken, einseitig und überschaubar an. Vermeintlich eine schlichte Frage von „richtig“ oder „falsch“. Keinesfalls trifft dieser erste Eindruck jedoch zu. Befasst man sich mit der einschlägigen Literatur zu den verschiedenen dem Thema „Rechtschreibung“ subordinaten Teilbereichen – bspw. der Entwicklung schriftsprachlicher Normen wie im Zuge der Rechtschreibreform von 1996, oder den Prozessen von Rechtschreiblernen und Orthographieunterricht –, dann wird schnell deutlich, dass es sich hier um ein ungeheuer komplexes Phänomen handelt, welches in seiner Gänze zu erfassen wahrlich schwer fallen kann. Einen kurzen Überblick über das Thema soll deshalb diese Arbeit geben. Da sie ob ihrer Kürze der ungeheuren Komplexität des Sachverhaltes nicht gerecht zu werden vermögen, beschränken sich meine Ausführungen auf die mir als am wichtigsten erscheinenden Aspekte. In 2.1 soll zunächst die Frage geklärt werden, wann und warum die ersten Anstrengungen zu einer Normierung der deutschen Orthographie überhaupt unternommen wurden, bzw. welche Gründe es generell geben kann, einheitliche Schreibweisen einzuführen. Eine derart standardisierte Orthographie wie heute gab es nämlich keinesfalls immer. In Abgrenzung zu diesem kurzen historischen Abriss wird dann der heutige Stellenwert von Rechtschreibkenntnissen genauer betrachtet. Die daraus resultierenden Ziele eines effektiven, problembewussten Rechtschreibunterrichts sollen in 2.2 kurz zur Sprache kommen. Aus ihnen ergeben sich wiederum die fachlichen und didaktisch-methodischen Anforderungen, mit denen sich Lehrer konfrontiert sehen Einige davon sollen in 2.3 erläutert werden. Ich unterscheide dabei in Anlehnung an Jakob Ossner zwischen fachlichen und didaktisch-methodischen Voraussetzungen.[1] Da Orthographiekenntnisse eine wichtige Voraussetzung für eine erfolgreiche schulische sowie auch berufliche Laufbahn darstellen[2], wird unter 2.4 abschließend kurz auf die Diagnose und Förderung von Rechtschreibschwierigkeiten eingegangen. Einzelne Testinstrumente können an dieser Stelle nicht untersucht werden. Vielmehr soll es um allgemeine wichtige Seiten der Förderdiagnostik gehen. Der Fokus der Arbeit liegt auf der Erläuterung spezifischer gegenstandsbezogener Aspekte. Auf allgemeine das Lernen begünstigende Umstände – wie z.B. Motivation durch Lehrer, Mitschüler, Arbeitsumfeld und/oder Interesse am Gegenstand – wird nicht eingegangen.

2. Ziele und Anforderungen des Rechtschreibunterrichts

2.1 Geschichte der Normierungsbestrebungen bzgl. Schriftlichkeit und Rechtschreibung und ihre aktuelle Bedeutung

Erste Anstrengungen in Richtung einer Vereinheitlichung der deutschen Schriftsprache lassen sich bereits im Mittelalter erkennen.[3] Sie sind noch keinesfalls im Sinne einer für alle Schreiber verbindlichen Norm zu verstehen, jedoch entwickeln klösterliche Skriptorien „typische Schreibsprachen, die durch den jeweiligen Dialekt oder auch durch die Orientierung an einer bestimmten Schreibtradition bestimmt sind.“[4] Diese Maßnahme soll einerseits die Worterkennung und somit das Lesen allgemein vereinfachen. Andererseits zielt sie darauf ab, auch den Schreiber davon zu entlasten, sich immer wieder aufs Neue mit der Schreibung eines Wortes beschäftigen zu müssen.[5]

Als Johannes Gutenberg um 1450 mit der Druckerpresse den modernen Buchdruck erfand, was die Vervielfältigung schriftlicher Erzeugnisse massiv erleichterte, wurden die dialektal orientierten Schreibweisen zunehmend von hochsprachlichen Schreibungen abgelöst.[6] Eine einheitliche Schriftsprache sollte nun insbesondere den Vertrieb und die Verbreitung textlicher Erzeugnisse fördern. Deren überregionalem Verständnis hätten Dialektschreibungen nur im Wege gestanden. Zu den fortbestehenden lese- und schreibökonomischen Überlegungen in den Skriptorien gesellten sich nun finanzielle sowie auch bildungspolitische Aspekte.

Diese Normierungstendenzen der deutschen Schriftsprache setzten sich im 19. Jahrhundert weiter fort. Im Zuge des wachsenden Nationalbewusstseins der deutschen Bevölkerung, welches sich u.a. in Johann Christoph Adelungs Versuch eines Entwurfes einheitlicher Orthographie widerspiegelte, entbrannte in der Sprachwissenschaft eine hitzige Diskussion, die im wesentlichen zwischen zwei Auffassungen abwog. Manche Sprachwissenschaftler waren der Meinung, die Bestrebungen einer Rechtschreibnormierung sollten sich vorwiegend an der Etymologie eines Wortes orientieren. Andere wiederum verlangten, die deutsche Rechtschreibung an der Aussprache der Worte auszurichten.[7] Erst im Jahre 1902 führte die sogenannte II. Orthographische Konferenz zu einer ersten, „für Schulen und Behörden verbindlichen staatlichen Vereinheitlichung der Schreibung.“[8] Die dort beschlossenen Regelungen wurden 1996 durch die Rechtschreibreform ergänzt und verändert.[9]

Im Jahre 2006 wurden zusätzlich einige ihrer Paragraphen modifiziert und ergänzt.[10] Die Öffentlichkeit reagierte mitunter mit vehementer Ablehnung auf Teile der Reform. Vor allem einige Regelungen im Bereich der Getrennt- und Zusammenschreibung wurden als unsystematisch, widersprüchlich und für den Lerner schlecht nachvollziehbar kritisiert.[11] Auch an diesem breiten öffentlichen Interesse zeigt sich ein Zusammenhang zwischen dem Nationalbewusstsein eines Landes und der Orthographie seiner Sprache. Die Kritik gibt einen Hinweis darauf, dass die Kultur eines Landes maßgeblich über dessen Sprache transportiert wird. Orthographiekenntnis ist dann gleichbedeutend mit der Fähigkeit, „in einem kulturellen Kontext mit Schrift zu handeln, d.h. Inhalte […] durch einen sachadäquaten Gebrauch von […] Schriftstrukturen […] hervorzubringen.“[12] Wer dies nicht vermag, hat mit Sanktionen bzw. mit Ausschluss von entscheidenden gesellschaftlichen Funktionen zu rechnen. Neben lese- oder schreibökonomischen Motiven treten heutzutage vor allem selektive Mechanismen als Motivation für ein Beharren auf der Normierung von Rechtschreibung hinzu.[13] Wissenschaftliche Untersuchungen haben ergeben, dass „Probleme bei der Aneignung der Schriftsprache mit einer kürzeren nachschulischen Ausbildung, einer geringeren Teilnahme an Fortbildungsaktivitäten und im Weiteren auch mit häufigerer Arbeitslosigkeit, geringeren Aufstiegsmöglichkeiten und geringeren Einkommen verbunden sind.“[14]

2.2 Ziele von Rechtschreibunterricht

Selbstverständlich sind die Ziele eines effektiven Rechtschreibunterrichts sind notgedrungen eng mit den oben dargelegten Zielen rechtschreibnormativer Bestrebungen verknüpft, gehen jedoch in einigen Bereichen über diese hinaus. Als Hauptziel von Orthographieunterricht hält Petra Hanke in ihrem Aufsatz zu verschiedenen „Methoden des Rechtschreibunterrichts“ die Befähigung zur mündigen und qualifizierten Teilnahme der Lerner an der deutschen Schriftkultur fest.[15] Diesem recht allgemein gefassten Grobziel fügt sie weiterhin einige Feinziele hinzu. Einige von ihnen können dem Bereich der Lese- und Schreibökonomie zugeordnet werden. Der Unterricht soll den Lernenden dazu befähigen, für einen imaginierten oder realen Adressaten ansprechende, orthographisch korrekte Texte zu formulieren. Dem Rezipienten soll derart das Lesen erleichtert werden.[16] Die Unterweisung in Orthographie zielt jedoch auch darauf ab, den Schreiber zu entlasten. Vermittels der Reflexion über Sprache wird beim Lerner eine Fehlersensibilität evoziert, der „grundlegende Arbeitstechniken, -verfahren und Lernstrategien im Sinn einer Methodenkompetenz“[17] zur Seite gestellt werden. Dazu gehören „spezifisches deklaratives Wissen [z.B. Regelkenntnis], prozedurales Wissen (Handlungswissen, z.B. beim Konstruieren von Schrift durch Zurückgreifen auf gespeicherte Schreibschemata) sowie strategisches Wissen [z.B. Problemlösestrategien wie das Nachschlagen im Wörterbuch]“.[18] Infolge des spezifischen rechtschreibbezogenen Wissenserwerbs und der Verinnerlichung der verschiedenen Lösungsstrategien bleibt dem Verfasser mehr Kraft und Energie, sich auf die ästhetische Gestaltung seines Textes zu konzentrieren.[19] Neben diesen weitgehend textproduktionsorientierten, ökonomisch motivierten Zielsetzungen sollte ein adäquater Rechtschreibunterricht jedoch immer auch bildungs- und sozialpolitische Absichten verfolgen. Und zwar im Sinne dessen, dass er insbesondere Schülern und Schülerinnen aus ungünstigen Verhältnissen, die auf wenig Unterstützung von ihrem sozialen Umfeld hoffen dürfen, hilft, im normierten Bereich der Orthographie normgerechte Beiträge zu leisten und sie so zur Teilnahme am Wettbewerb um entscheidende gesellschaftliche Positionen und Funktionen befähigt.[20] Rechtschreibunterricht muss folglich auch als Instrument zur Integration all derer gesehen werden, die aufgrund ihrer mangelnden Kenntnis sonst Selektions- und Ausgrenzungsmechanismen unterworfen wären. Dies gilt in besonderem Maße für Schüler und Schülerinnen, die Deutsch nicht als Muttersprache, sondern als Zweit- oder Fremdsprache haben.[21]

2.3 Anforderungen an einen effektiven Rechtschreibunterricht

Welches sind nun die Anforderungen, die derlei Zielsetzungen an einen effektiven Rechtschreibunterricht stellen? Hier muss zunächst zwischen fachlichen Anforderungen – insbesondere im Sinne dessen, was eine Lehrkraft über den Unterrichtsgegenstand wissen sollte – und didaktisch-methodischen Anforderungen, d.h. der Frage, wie die Inhalte lernergerecht aufbereitet werden können, unterschieden werden. Eine zwischen beiden Bereichen vermittelnde Position nehmen gewissermaßen Lern- und Entwicklungstheorie ein. Aus Platzgründen wird darauf nur kurz unter Punkt 2.3.1 eingegangen werden. Die nachfolgenden Ausführungen sollten zudem als idealtypisch angesehen werden. Es ist stark zu vermuten, dass die durch den Gegenstand Rechtschreibung an den Lehrkörper gestellten Anforderungen nicht alle von einer Person erfüllt werden können – zumal die LehrerInnen sich in ihrem Berufsalltag nicht ausschließlich dem Orthographieunterricht widmen können bzw. sollen. Wie in den nachfolgenden Ausführungen deutlich wird, verlangt der effektive Rechtschreibunterricht nämlich nach gegenstandsbezogenen Kenntnissen in den linguistischen Bereichen, Phonetik und Phonologie, Morphologie, Syntax, Semantik und Soziolinguistik sowie einigen Teildisziplinen der Psychologie (z.B. Motivationstheorie, Lern- und Entwicklungspsychologie) und Pädagogik. Zusätzlich erforderlich sind theoretisches und praktisches Wissen in den Bereichen der Sprachdidaktik und - methodik.[22]

[...]


[1] Jakob Ossner. Sprachdidaktik Deutsch, 151ff.

[2] Christa Röber-Siekmeyer. „Die Entwicklung orthographischer Fähigkeiten im mehrsprachigen Kontext“. In: Bredel, Ursula u.a. (Hg.): Didaktik der deutschen Sprache, 392.

[3] Doris Tophinke. „Rechtschreiben“. In: Lange, Günter und Swantje Weinhold (Hg.): Grundlagen der Deutschdidaktik. Sprachdidaktik – Mediendidaktik – Literaturdidaktik, 102.

[4] Ebd., 102.

[5] Ebd., 101.

[6] Ebd., 102.

[7] Ebd., 102.

[8] Ebd., 102.

[9] Ossner, 164.

[10] Dokumente zur Reform von 1996 bis heute. 08.03.2011. http://rechtschreibrat.ids-mannheim.de/dokumentation/

[11] Ossner, 164.

[12] Petra Hanke. „Methoden des Rechtschreibunterrichts“. In: Bredel, Ursula u.a. (Hg.): Didaktik der deutschen Sprache, 785.

[13] Vgl. hierzu die Untersuchungen des französischen Soziologen Pierre Bourdieu, welcher in seinen Untersuchungen zum Habitus die starke Verknüpfung von Verfügung über kulturelles Kapital und Macht im sozialen Raum nachgewiesen hat. Nachzulesen bspw. in: Pierre Bourdieu. Die feinen Unterschiede. Kritik der gesellschaftlichen Urteilskraft. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1982.

[14] Christian Klipcera u.a. „Rechtschreibschwierigkeiten“. In: Bredel, Ursula u.a. (Hg.): Didaktik der deutschen Sprache, 412.

[15] Hanke, 765ff.

[16] Ossner, 153.

[17] Hanke, 791.

[18] Ebd., 791.

[19] Ebd., 794

[20] Klipcera, 412ff.

[21] Hans Reich. „Tests und Sprachstandmessungen bei Schülern und Schülerinnen, die Deutsch nicht als Muttersprache haben“. In: Bredel, Ursula u.a. (Hg.): Didaktik der deutschen Sprache., 914f.

[22] Vgl. Hanke, 786.

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Anforderungen an einen gelingenden Rechtschreibunterricht – Ein Überblick
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
23
Katalognummer
V178401
ISBN (eBook)
9783656003847
ISBN (Buch)
9783656004103
Dateigröße
567 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
anforderungen, rechtschreibunterricht
Arbeit zitieren
Julia Balogh (Autor), 2011, Anforderungen an einen gelingenden Rechtschreibunterricht – Ein Überblick, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178401

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