EU, Mercosur und Andengemeinschaft - ein Vergleich


Hausarbeit, 2002

28 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Gliederung

I. Einführung

II. Begriffsklärungen
1. Integration versus Kooperation
2. Ökonomische versus politische Integration
a) sechs verschiedene Stufen ökonomischer Integration
1.) Schaffung von Präferenzzonen
2.) Schaffung von Freihandelszonen
3.) Zollunion
4.) Gemeinsamer Markt
5.) Wirtschaftsunion
6.) Währungsunion
b) vier verschiedene Stufen politischer Integration
c.) Stufen politischer Integration nach ihren Abstimmungsregeln
3. Regionale Integration nach den verschiedenen Integrationstheorien
a) Funktionalismus
b) Föderalismus
c) Neofunktionalismus
d) Neorealismus
e) Transaktionsanalyse
4. Voraussetzungen für den Erfolg von regionaler Integration

III. Vergleich der Integration von EU, Mercosur und Andengemeinschaft
1. Die EU
a) Besonderheiten
b) Entwicklung
c) Zusammenfassung und Ausblick
2. Der Mercosur
a) Entwicklung
aa) Phasen der Integrationsversuche bis
bb) Phase der ersten Annäherung bis heute (1985-heute)
b) Institutionelle Struktur
aa) Rat
bb) Gruppe
cc) Handelskommission
dd) Beratungsforum für Wirtschafts- und Sozialfragen
ee) Sekretariat
c) Der Mercosur zwischen den Blöcken
aa) Mercosur und EU
bb) Mercosur und USA
cc) Mercosur – ein Opfer der „global player“?
d) Jüngste Entwicklung in Argentinien – Krise des Mercosur?
e) Zusammenfassung und Ausblick zum Mercosur
3. Die Andengemeinschaft
a) Entwicklung
b) Institutionelle Struktur
c) Die Andengemeinschaft zwischen den Blöcken
aa) Andengemeinschaft und Mercosur
bb) Andengemeinschaft und EU
d) Zusammenfassung und Ausblick zur Andengemeinschaft

IV. Fazit zum Vergleich EU/Mercosur/Andengemeinschaft

Literaturverzeichnis

Exportschlager Europa? Die EU als Integrationsmodell:

EU, Mercosur und Andengemeinschaft – ein Vergleich

I. Einführung:

In Zeiten zunehmender Globalisierung und grenzüberschreitender Probleme wie Drogenhandel, Terrorismus, Umwelt usw. gewinnen politische, wirtschaftliche und soziale Beziehungen über nationale Grenzen hinweg an Bedeutung. Die Verflechtungen und gegenseitigen Abhängigkeiten zwischen verschiedenen Staaten und Regionen nehmen zu. Es lassen sich regionale wirtschaftliche Integrationsprozessen beobachten und die Verschiebung von Regulationsformen bis hin zur Institutionalisierung von supranationalen Regulationsinstanzen.

Ziel dieser Arbeit ist es, die Bedingungen, Modelle und Mechanismen der regionalen Integration in Westeuropa und Lateinamerika darzustellen und zu vergleichen. Dazu wird auf die Entstehung und den gegenwärtigen Stand der Europäischen Union (EU) und zweier lateinamerikanischer Integrationsprojekte eingegangen: auf den Mercado Común del Cono Sur (Mercosur) und die ältere Comunidad Andina (Andengemeinschaft). Das Schwergewicht liegt dabei auf dem Mercosur, weil er eine weiter fortgeschrittenere Integration aufweist als die Andengemeinschaft und sich daher für einen Vergleich mit der EU eher anbietet.

II. Begriffsklärungen:

Zur besseren Analyse soll zunächst der Begriff der Integration von dem der bloßen Kooperation abgegrenzt werden, um dann die ökonomische von der politischen Integration zu unterscheiden.

1. Integration versus Kooperation:

Integration bezeichnet allgemein einen Zusammenschluss von Teilen zu einem Ganzen. Bezogen auf die internationalen Wirtschaftsbeziehungen bedeutet Integration, dass nationalstaatliche Grenzen überwunden werden zwecks Zusammenschluss einzelner Volkswirtschaften zu einem größeren Wirtschaftsraum.[2] Bloße Kooperation hingegen betrifft nur einige Felder gemeinsamen Interesses, hat also eine weit geringere Reichweite als die Integration. Es ist jedoch schwierig, genau zu trennen, wann Kooperation endet und wann Integration, verstanden als ein partieller Souveränitätsverzicht, beginnt. Eine Zollunion erfordert jedoch zumindest, dass sich die daran beteiligten Länder über einen gemeinsamen Außenzoll verständigen und ein internationales Regime zur Verteilung der Zolleinnahmen vereinbaren. Bei Vorliegen einer Zollunion findet demnach bereits Integration statt, denn die teilnehmenden Staaten verzichten auf ihr souveränes Recht, die Zölle, festlegen zu können. Wenn sich die beteiligten Länder hingegen lediglich bestimmte Handelspräferenzen einräumen, liegt eine bloße Kooperation vor. Auch die Schaffung einer bilateralen Freihandelszone zwischen zwei Staaten mittels eines völkerrechtlichen Vertrages ist noch als Kooperation anzusehen, wenn die Länder keine Intensivierung des Kooperationsprozesses auf höherem Niveau, und damit Integration, anstreben. Prozesse, die multilateral ablaufen und die Schaffung von vertieften Freihandelszonen zum Gegenstand haben, sind jedoch Integrationsprozesse: Verläuft die Integration erfolgreich, stellen sich neue, weitere Aufgaben. Das wird als sog. Spill-over-Effekt bezeichnet, d.h. aus der Dynamik des einmal begonnenen Integrationsprozesses entwickelt sich die Notwendigkeit zur weiteren Integration.[1]

2. Ökonomische versus politische Integration:

Die ökonomische ist von der politischen Integration zu unterscheiden. Beides sind jedoch graduelle Prozesse.

a) Bei der ökonomischen Integration lassen sich sechs verschiedene Stufen unterscheiden:

1.) Schaffung von Präferenzzonen:

Die Präferenzzone ist die schwächste Integrationsform. Sie entsteht dadurch, dass verschiedene Länder sich bi- oder multilateral Vorzugsbedingungen zur Verbesserung des Handels mit bestimmten Gütern einräumen. D.h. es gibt keinen gemeinsamen Außentarif und die Binnenzölle werden auch nicht generell abgebaut, sondern nur für bestimmte Produkte.[3]

2.) Schaffung von Freihandelszonen:

Der nächste Integrationsschritt ist die Schaffung von Freihandelszonen, bei denen Handelshemmnisse wie Zölle oder Kontingentregelungen zwischen den kooperierenden Ländern zu hundert Prozent abgeschafft werden. Da die unterschiedlichen Außenzölle der Mitgliedsländer zu Handelsverzerrungen und Umwegeinfuhren über die jeweils zollgünstigsten Länder führen, sind Ursprungskontrollen zur Unterscheidung von zollfreien Produkten aus der Freihandelszone und zollbelasteten Produkten aus Drittländern notwendig. Die sog. „local-content“-Regelungen (Ursprungsbestimmungen) sind u.a. ein Kernelement der seit 1994 bestehenden nordamerikanischen Freihandelszone NAFTA (North Atlantic Free Trade Association aus Kanada, den USA und Mexiko) .

3.) Zollunion:

Die nächste Stufe ist die Zollunion. Dabei schließen sich die beteiligten Staaten zu einem einheitlichen Zollgebiet zusammen. Der Außenhandel zwischen den beteiligten Staaten wird nicht mehr durch Zölle oder Kontingente beschränkt. Es werden gemeinsame Außenzölle gegenüber Drittländern festgelegt, so dass die administrativen und ökonomischen Hemmnisse ausgeräumt werden, die durch die Ursprungsbestimmungen entstanden sind. Auf dieser Stufe befindet sich zur Zeit der Mercosur.

4.) Gemeinsamer Markt:

Im Gemeinsamen Markt gelten die Regeln der Freihandelszone und der Zollunion. Darüber hinaus wird Faktormobilität der Produktionsfaktoren Arbeit und Kapital geschaffen. Diese können sich zwischen den Partnerländern frei bewegen. Außerdem sind eine Harmonisierung der Steuerpolitik und ein gemeinsamer Ordnungsrahmen für den Wettbewerb erforderlich. Ein Beispiel für einen Gemeinsamen Markt ist der Europäische Binnenmarkt der EU. Die Länder der Zollunion des Mercosur wollen diese Stufe laut ihrem Gründungsvertrag erreichen.

5.) Wirtschaftsunion:

In der Wirtschaftsunion werden Normen, Standards und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen harmonisiert. Eine solche Harmonisierung ist in der EU erfolgt. Die Kompetenzen für Teile der Wirtschaftspolitik, insbesondere für die Sozial- Steuer- und Finanzpolitik liegen jedoch nach wie vor bei den Mitgliedstaaten auf nationaler Ebene.

6.) Währungsunion:

Die letzte Stufe der ökonomischen Integration ist die Währungsunion. Dabei wird eine gemeinsame Währungseinheit und -politik geschaffen. Dadurch werden Transaktionskosten gesenkt und die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen vereinheitlicht.[4] Diese Stufe ist in der EU bereits seit dem 1.1.1999 zumindest bei zwölf Mitgliedstaaten verwirklicht durch den Euro als gemeinsame Währung.

b) Die höchste Stufe der Integration ist die politische, wenn die bislang souveränen Staaten zu einem einheitlichen Gebilde verschmelzen, wie z.B. die „Vereinigten Staaten von Amerika“.

Politische Integration setzt zunächst Kooperation voraus, also die Zusammenarbeit von Organisationen oder Individuen in politischen, kulturellen oder wirtschaftlichen Bereichen.[5] Diese Kooperation wird in der Regel aus Kosten-Nutzen-Rechnungen heraus initiiert. Ihr Ergebnis ist nicht immer vorhersehbar, sondern wird oft nur vermutet. Die soziologische Auffassung, dass Kooperation Menschen zusammenbringt, um gemeinsame Ziele zu erreichen oder Interessen zu verfolgen, hat auch in der Politik Gültigkeit.[6] Wenn zwischenstaatliche Kooperationsprozesse bis zu einem Punkt zunehmen, an dem sie irreversibel werden und nationale Souveränitätseinschränkungen festzustellen sind, spricht man dann von Integration, die über mehrere Stufen bis zu einer Föderation von Staaten führen kann.

Bei der politischen Integration sind die einzelnen Schritte schwerer voneinander abzugrenzen als bei der wirtschaftlichen, da die Anzahl der möglichen Interaktionsmuster größer ist. Vereinfacht lassen sich jedoch folgende vier Stufen unterscheiden:

1.) partielle Kooperation der Regierungen
2.) transnationale Ergänzung der regionalen Kooperationen
3.) Errichtung eines Entscheidungssystems, wobei den Nationalstaaten der Zugriff darauf schrittweise entzogen wird.
4.) Ausstattung des Systems mit rechtlichen und politischen supranationalen Merkmalen, die weg von den Nationalstaaten hin zu einer Föderation führen.

c) Die verschiedenen Phasen der politischen Integration lassen sich[7] auch anhand der jeweils geltenden Abstimmungsregeln unterscheiden:

1.) Konsultationen ohne Entscheidungsbefugnis,
2.) intergouvernementale Entscheidungen nach dem Einstimmigkeitsprinzip,
3.) intergouvernementale Entscheidungen nach gewichteter Qualifizierung,
4.) Mehrheitsentscheidungen, die für alle Beteiligten bindend sind,
5.) supranationale, von den Nationalstaaten losgelöste Entscheidungsorgane mit eigenen Kompetenzen und Einführung einer suprastaatlichen Gerichtsbarkeit.

3. Regionale Integration nach den verschiedenen Integrationstheorien:

In bestimmten Zeiten der europäischen Integration sind verschiedene politikwissenschaftliche Integrationstheorien entstanden. Sie beschreiben die jeweilige Integration und versuchen zu erklären, warum es dazu kam und wann regionale Integration Aussicht auf Erfolg hat:[8]

a) Funktionalismus (David Mitrany):

Dieser Ansatz basiert auf den Erfahrungen des Zweiten Weltkriegs. Danach haben zwischenstaatliche Zusammenschlüsse Erfolg, wenn sie sich auf die Regelung technisch-unpolitischer Bereiche beschränken. Denn Integration sei erfolgversprechend, wenn sie auf gesellschaftlich-privaten Transaktionen basiere, nicht aber „von oben“ verordnet werde. Die Behinderung der Zusammenarbeit durch nationalstaatliche Machtpolitik soll vermieden werden, indem auf explizit politische Zielsetzungen und eine Festlegung der Finalität verzichtet wird.

b) Föderalismus:

Auch dieser Ansatz verweist auf die Gefahr der nationalstaatlichen Machtpolitik. National-egoistischen Bestrebungen sollen dadurch vermieden werden, dass die Integration bewusst von den beteiligten Eliten betrieben wird. Die Souveränität wird darum einem neu zu gründenden Akteur übertragen, einer föderalen Macht, die das gemeinsame Interesse notfalls auch mit Zwang durchsetzen kann.

c) Neofunktionalismus (Ernest Haas):

Dieser Ansatz versucht, die beiden zuerst dargestellten Ansätze zu verbinden. Nicht nur Bereiche wie Kohle und Stahl sollten nach diesem Ansatz der 60`er Jahre vergemeinschaftet werden, sondern sämtliche Wirtschaftsbereiche, damit der Integrationsprozess eine Eigendynamik entwickele und es zur Integration weiterer Bereiche komme (sog. spill-over-Effekte).

d) Neorealismus (Andrew Moravcsik):

Nach dem Neorealismus haben die Mitgliedstaaten die eigentliche Schlüsselposition im Integrationsprozess inne. Dieser Ansatz entstand im Zuge der französischen Politik des leeren Stuhls und des Luxemburger Kompromisses von 1966. Diese Theorie herrschte bis zum Binnenmarktprogramm von 1985 und der EEA von 1986 vor - also zu einer Zeit der Stärkung der Regierungen der Mitgliedstaaten.[9]

e) Transaktionsanalyse (Karl W. Deutsch):

Karl W. Deutsch verstand Integration als einen kulturellen Vorgang, bei dem sich das Gefühl für Zusammengehörigkeit verstärkt, während das Bewusstsein für die Unterschiedlichkeit und die trennenden Umstände abnimmt. Nach der Transaktionstheorie hängt der Erfolg von Integration entscheidend davon ab, ob und inwieweit er von den Bürgern der beteiligten Länder auch wahrgenommen wird. Das Vorhandensein von Kommunikationsstrukturen sei für die Bildung internationaler Gemeinschaften von essentieller Bedeutung. Die Zunahme des Informations- und Warenaustausches bewirke einen sozial-psychologischen Lernprozess, der zu einer Reduktion der Distanzen führe. Die Gesellschaften wüchsen zu einer „Sicherheitsgemeinschaft“ zusammen und die Wahrscheinlichkeit von gewaltsamen Konfliktaustragungen verringere sich.

4. Voraussetzungen für den Erfolg regionaler Integration

Keine der politikwissenschaftlichen Integrationstheorien besagt, wie in einem Vergleich von EU, Mercosur und der Andengemeinschaft das jeweils erreichte Niveau von Integration gemessen werden könnte. Zusammenfassend lässt sich aufgrund der Integrationstheorien zu den Voraussetzungen für den Erfolg regionaler Integration jedoch Folgendes festhalten:

1. Eine politische Annäherung und ein Zusammenschluss verschiedener Staaten ist immer dann problematisch, wenn einer der Staaten wirtschaftlich dominiert – obgleich dies auch vorteilhaft sein kann, wenn dieser Staat dann z.B. die Integrationskosten übernimmt.
2. Bei großem Ungleichgewicht zwischen den Akteuren sind Regelungen zur Lösung der Konflikte erforderlich. Die Notwendigkeit, diese zu schaffen, übt Druck auf die Entscheidungsträger aus, woraus eine vertiefte Zusammenarbeit entstehen kann.
3. Bei steigenden Transaktionen wird es immer schwerer, einmal getätigte Integrations-schritte wieder rückgängig zu machen. Vielmehr entsteht ein Druck, neue gemeinsame Regelungen und Regelungsinstanzen zu schaffen (spill-over-Effekt).
4. Die beteiligten Staaten müssen bei wirtschaftlichen Zusammenschlüssen funktional zusammenpassen. Unterschiedliche Konstellationen können sich als sinnvoll erweisen, aber Angebot- und Nachfragestruktur der einzelnen Staaten müssen kompatibel sein.
5. Je mehr Gemeinschaftsempfinden es durch kulturelle und gesellschaftliche Gemeinsam-keiten gibt, desto größer ist die Bereitschaft der Beteiligten, Kosten zu tragen und Rückschläge wie Instabilitäten und Regierungswechsel in Kauf zu nehmen. Krisen können dann aufgrund der gesellschaftlichen Verankerung des Integrationsprozesses eher überwunden werden. Voraussetzung dafür sind pluralistische politische Systeme und die Beteiligung privater Akteure am Integrationsprozess.
6. Wenn die Kooperation Bereiche betrifft, welche die Staaten alleine nicht erfolgversprechend angehen können, sind sie dauerhaft für Integrationsbestrebungen motiviert, was den Integrationsprozess erleichtert.
7. Die beteiligten Staaten sollten stabil sein und eine - am besten demokratisch - legitimierte Regierung haben. Sonst können Rückschläge, die in einem der beteiligten Staaten auftreten, Auswirkungen auch auf die Integration in den anderen Staaten haben.

Auch bedrohliche exogene Faktoren, die von den klassischen Integrationstheorien eher vernachlässigt werden, spielen im Integrationsprozess eine wichtige Rolle und können für langfristige Integrationsbestrebungen sehr motivierend sein. Sie dienen dann nicht nur der ökonomischen Verbesserung nach innen, sondern auch der Abwehr von (potentiellen) negativen wirtschaftlichen oder sicherheitspolitischen Entwicklungen von außen.

III. Vergleich der Integration von EU, Mercosur und Andengemeinschaft:

Im Folgenden wird die Integration der EU, des Mercosur und der Andengemeinschaft anhand ihrer jeweiligen Besonderheiten dargestellt. Es wird untersucht, wie es zur Integration kam, was sie auszeichnet, welches Maß an Integration bereits erreicht wurde und welche Aussichten für die Zukunft bestehen.

1. Die EU:

Die EU gilt als eine Erfolgsgeschichte regionaler Integration. Die EU ist ein sehr enger regionaler Staatenzusammenschluss auf freiwilliger Basis.[10]

a) Besonderheiten:

An Besonderheiten der Integration der EU lassen sich festhalten:

1. Die EU ist entstanden aus einem Zusammenspiel einzelstaatlicher Interessen, welche die Regierungen der westeuropäischen Staaten ohne Druck von außen zusammengeführt haben, d.h. freiwillig, also weder durch Druck, Krieg, Unterwerfung oder Beherrschung von außen, wohl aber indirekt auch durch den Ost-West-Konflikt begünstigt.
2. Die EU ist ein politisches Gebilde, das noch im Werden begriffen ist und die endgültige Form noch nicht gefunden hat (Finalitätsdebatte).
3. Die politische Willensbildung und Entscheidungsfindung findet in der EU auf unterschiedlichen Ebenen – national, regional und lokal – statt, wobei nicht nur staatliche, sondern auch nichtstaatliche Verbände und gesellschaftliche Gruppen involviert sind (Mehrebenensystem).
4. Die EU ist ihrem institutionellen Aufbau nach ein Zwittergebilde: In einigen Bereichen steht nach wie vor die intergouvernementale Zusammenarbeit zwischen den Regierungen der Mitgliedsstaaten im Vordergrund, während in anderen Bereichen bereits supranationale Institutionen mit eigenen Gemeinschaftsorganen agieren.

b) Entwicklung:

Für die westeuropäische Integration war ein Bündel von Triebkräften wichtig, darunter v.a:[11]

- der Friedensgedanke, wonach die dominierende Rolle der Nationen durch Integration eingeschränkt werden sollte; zur Verhinderung künftiger Kriege und weltpolitischer Sicherheit sollte es ein geostrategischen Gleichgewicht geben. Dazu sollten Allianzen gebildet werden gegen das (Wieder-) Erstarken einer dominierenden Hegemonialmacht, wodurch v.a. die deutsche Macht eingebunden werden sollte[12],
- die von Winston Churchill und George Kenney[13] geprägte Strategie des „ containment“. Dadurch sollte die gemeinsame Bedrohung aus dem Osten durch die erstarkende kommunistischen Sowjetunion begrenzt werden durch Europa als eine „Dritte Kraft“, einen starken westlichen Block neben der USA und der Sowjetunion, die mehr und mehr auf Konfrontation gingen.[14]
- die wirtschaftliche Prosperität durch einen gemeinsamen europäischen Markt als ein weiteres Motiv für eine europäische Integration,

Nach und nach wurden der Europäischen Gemeinschaft im Zuge der Entwicklung immer mehr Zuständigkeiten und Aufgaben von den Mitgliedstaaten übertragen.

c) Zusammenfassung und Ausblick zur EU:

Die europäische Integration hat für die europäischen Staaten, die sich an der Gemeinschaftsbildung beteiligt haben, fünfzig Jahre lang Frieden gebracht und es hat sich eine zuvor nicht gekannte wirtschaftliche Prosperität ausgebreitet. Auch nach außen hat sich in Ansätzen bereits ein gemeinsames Handeln der EU entwickelt. Zudem wurde durch ein gewisses Maß an Umverteilung mittels der Regional- und Strukturfonds und durch den Regionalausschuss versucht, dem Ideal gleicher Lebensverhältnisse gerecht zu werden. Zur Zeit wird die Stärkung der demokratischen bzw. partizipatorischen Elemente diskutiert.

2. Der Mercosur:

Im Jahr 1991 gründeten in Lateinamerika die beiden großen Rivalen der Region, Argentinien und Brasilien zusammen mit den beiden kleineren vormaligen Kriegsparteien Paraguay und Uruguay den Mercosur. Der Mercosur ist eine Freihandelszone mit - wenn auch noch nicht vollständig verwirklichter – Zollunion und dem Endziel der Schaffung eines Gemeinsamen Markts. Mit einer Bevölkerung von ca. 200 Millionen Einwohnern, einer Fläche von fast 70% der Gesamtfläche Südamerikas und einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von ca. 1.100 Millionen Dollar ist der Mercosur heute der größte Markt Südamerikas und nach EU und NAFTA der drittgrößte Markt der Welt. Damit rangiert er u.a. vor China, der ASEAN und der Russischen Föderation. In den gerade einmal gut zehn Jahren seines Bestehens hat der Mercosur bereits einen beträchtlichen Grad an wirtschaftlicher und politischer Integration erreicht. Auch Chile und Bolivien haben inzwischen ein Assoziierungsabkommen mit dem Mercosur geschlossen.

a) Die Entwicklung:

Im Folgenden wird die Entwicklung des Mercosur in zwei Phasen dargestellt: die Integrationsversuche bis 1985 und die erste Annäherung bis heute.

aa) Phasen der Integrationsversuche bis 1985:

Die Entwicklung von regionalen Integrationsprozesse im unabhängigen südlichen Lateinamerika beginnt Anfang des 19.Jahrhunderts mit der lateinamerikanischen Phase (1829-1890) und dem Panama-Kongress von 1826. Dies war der erste lateinamerikanische Kongress nachdem sich in Lateinamerika v.a. durch zahlreiche Befreiungskriege gegen die Kolonialmächte Spanien und Portugal neue Staaten gebildet hatten. Diese und andere Gemeinsamkeiten der lateinamerikanischen Völker begünstigten zunächst die Verwirklichung einer Kooperation bzw. Integration nach den Idealen Simon Bolivars. Sein Gedankengut fand sich im Vertrag über die Union, Liga und ewige Konföderation der lateinamerikanischen Völker, der bereits auf dem Panama-Kongress von 1826 unterzeichnet wurde. Das Staatensystem nach dem Wiener Kongress stand dabei Pate . Diese ersten Integrationsversuche im 19.Jahrhundert scheiterten jedoch letztlich an der mangelnden Verständigung unter den neu entstandenen Staaten Lateinamerikas.[15]

Gegen Ende des 19.Jahrhunderts (1890-1935) wurde die panamerikanische Idee neu belebt. Die Initiative ging dabei von den USA als Hegemonialmacht aus, die in der panamerikanischen Phase ihr Konzept einer hemisphärischen Kooperation verfolgten. Durch eine gemeinsame Handels- Stabilitäts- und Sicherheitspolitik der amerikanischen Staaten wollten die USA gem. der Monroe-Doktrin, die bereits aus dem Jahr 1823 datierte, eine hemisphärische Sicherheit erreichen gegenüber den Bedrohungen von außen - v.a. von den europäischen Imperialmächten des ausgehenden 19.Jahrhunderts.

Mitte der 30er Jahre trat die politische Zusammenarbeit immer stärker in den Vordergrund. Gleichzeitig erlebte Lateinamerika, zunächst auch begünstigt durch einen verstärkten Export im Zweiten Weltkriegs, bis Ende der 70er Jahre einen wirtschaftlichen Wachstumsschub und eine industrielle Entwicklung, wie sie in ähnlichem Ausmaß später nur in Südostasien eintrat. Doch dieses Wachstum war ausschließlich nach Innen gerichtet. Der Binnenmarkt wurde gegen das Ausland, auch das lateinamerikanische, durch Zölle und Wechselkurse geschützt. Dieser Schutz nach außen, die zunehmende Urbanisierung und die starke innere Regulierung von Löhnen und der Wirtschaft trugen dazu bei, dass das Wirtschaftwachstum lange andauerte.

[...]


[1] Siehe zu den folgenden Abgrenzungen Globale Trends, S. 178f

[2] vgl. Demirelli, Integrationstheorien Zollunionstheorien (Protektionismus vs. Freihandel), S.71ff

[3] vgl. dazu Demirelli, Integrationstheorie: Zollunionstheorien (Protektionismus vs. Freihandel), S.71

[4] Schirm, Kooperation in den Amerikas, NAFTA, MERCOSUR und die Dynamik regionaler Zusammenarbeit, S. 22

[5] Mols, Integration und Kooperation in zwei Kontinenten, S. 25

[6] Mols, Integration und Kooperation in zwei Kontinenten, S. 22

[7] in Anlehnung an Mols, Integration und Kooperation in zwei Kontinenten, S. 27f

[8] Schirm, Integration und Kooperation in zwei Kontinenten, S. 23ff

[9] Moravcsik, Preferences and Power in the EC: A Liberal Intergovernmental Approach, S.473ff

[10] Pfetsch, Die EU, vgl. seine Einleitung

[11] vgl. Bieling, Internationalisierung, Integration und politische Regulierung, in: Europäische Integration, S.488; sowie Stahl, Bestimmungsfaktoren weltpolitischer Institutionalisierungen: Die Gründung der EG, S.51ff

[12] So hatte etwa General de Gaulle 1945 eine gegen Deutschland gerichtete Allianz im Auge, als er ein wirtschaftliches „Ensemble“ Großbritanniens, Frankreichs, Belgiens, der Niederlande, Italiens und Schwedens forderte. Der Bündnisvertrag von Dünkirchen, den Großbritannien und Frankreich, die beiden wichtigsten Siegermächte des Zweiten Weltkriegs, im März 1947 gegen das Wiedererstarken Deutschlands schlossen verdeutlicht diesen Sicherungsaspekt. Und auch der Schumann-Plan basierte letztlich auf einer Einbindung Deutschlands.

[13] dem Chef des US-amerikanischen außenpolitischen Planungsausschusses. Einer der wichtigsten europäischen Anhänger dieser Politik war auch Konrad Adenauer.

[14] Interessanterweise prophezeite Winston Churchill in diesem Zusammenhang schon im März 1946 auf einer Rede in Fulton in den USA einen „Eisernen Vorhang“.

[15] in Anlehnung an Lateinamerika: die Geschichte der lateinamerikanischen Länder zum Nachschlagen, S.83

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
EU, Mercosur und Andengemeinschaft - ein Vergleich
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Europäisches Zentrum Berlin)
Veranstaltung
Die EU als politische Gemeinschaft
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
28
Katalognummer
V178417
ISBN (eBook)
9783656006077
ISBN (Buch)
9783656006343
Dateigröße
563 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Essay im Rahmen des Postgraduierten-Studiengangs Europawissenschaften der drei Berliner Universitäten Freie Universität Berlin, Humboldt-Universität zu Berlin und Technische Universität Berlin
Schlagworte
EU, Mercosur, Andengemeinschaft, Integrationstheorien, Clement, Fischer, Chirac
Arbeit zitieren
Dr. Anna Keller (Autor:in), 2002, EU, Mercosur und Andengemeinschaft - ein Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178417

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