Der Lebensalltag vieler Menschen hat sich durch digitale Kommunikationsformen gravierend geändert, Kommunikation ist flexibler geworden. Auch das Lernen ist heute nicht mehr nur auf einen bestimmten Ort und eine bestimmte Zeit beschränkt, sondern kann dank mobiler Geräte und asynchroner Kommunikation überall und jederzeit stattfinden. Die Geräte und in weiterer Folge die Beteiligten sind miteinander vernetzt, ein gegenseitiger Austausch durch das Einstellen von Inhalten in Form von Text, Bild und/oder Ton ist möglich und entspricht einer zeitgemäßen Kommunikationskultur.
Die Schule aber hat sich nur in Randbereichen verändert, Neue Medien werden oft sogar als Störfaktor empfunden, man denke an Handyverbote oder Facebook- und Youtube-Sperren in Schulnetzen. Von der Schule wird gefordert, dass Jugendliche mit zeitgemäßen Lehr- und Lernformen für diese veränderte Gegenwart und für eine Zukunft vorbereitet werden, in der es nur eine Konstante gibt: die Veränderung.
Auf den folgenden Seiten werden die Voraussetzungen für den Einsatz von neuen Lehr- und Lernformen im Berufsschulunterricht in Österreich diskutiert. Wie in Deutschland und der Schweiz werden die Lehrlinge (Azubis) im dualen System ausgebildet: Die überwiegende Arbeitszeit verbringen sie mit der praktischen Ausbildung im Betrieb, den theoretischen und den fachlichen Unterricht erhalten sie entweder in geblockten Lehrgängen (8 – 12 Wochen pro Jahr) oder im ganz-jährigen Tagesunterricht (ein Tag pro Woche).
Ausgehend von den Anwendungsfeldern Neuer Medien für neue Lehr- und Lernformen werden anschließend die Medienkompetenz der Lernenden und die Eigenheiten von elektronischen Lernumgebungen untersucht. Die Rolle der Lehrenden, der Bildungsträger und der Ausblick auf künftige Lehr- und Lernsituationen in der Berufsschule schließen diese Arbeit ab.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Alles neu: Medien, Lehr- und Lernformen
3 Medienkompetenz für Lernende und Lehrende
4 Medienkompetenz
5 Lernende und die Lernumgebung
6 Die Rolle des Lehrenden
7 Die Bildungsträger
8 Konsequenzen und Ausblick
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die bildungswissenschaftlichen Voraussetzungen für den Einsatz neuer Lehr- und Lernformen im dualen Berufsschulunterricht. Dabei steht die Frage im Mittelpunkt, wie Lernende und Lehrende ihre Medienkompetenz weiterentwickeln müssen, um den Anforderungen einer digital geprägten Kommunikations- und Lernkultur gerecht zu werden und die Potenziale moderner elektronischer Lernumgebungen effektiv zu nutzen.
- Entwicklung und Phasen moderner E-Learning-Umgebungen
- Analyse der Medienkompetenz bei Jugendlichen und Lehrkräften
- Konstruktive Lernmethoden und Motivationsmodelle im digitalen Kontext
- Herausforderungen computervermittelter Kommunikation im Lernprozess
- Strategien für Bildungsträger zur Förderung digitaler Lehrkompetenz
Auszug aus dem Buch
3 Medienkompetenz für Lernende und Lehrende
Digitale Medien stellen das landläufige Muster der Wissensvermittlung auf den Kopf. Bisher gaben Ältere ihr Wissen an Jüngere weiter. Lehrer und Professoren hatten die Informationshoheit und vermittelten ihr Wissen und ihre Lebenserfahrung in Präsenzveranstaltungen oder in Publikationen. Heute finden sich alle Beteiligten mitten in einem Paradigmenwechsel wieder.
Jugendliche erwerben heute ständig eine Art „alltägliche Medienkompetenz“, nachfolgend informelle Medienkompetenz genannt. Mehr oder weniger angeleitet von Erwachsenen, oft zusammen mit Freunden, erlernen sie die Fähigkeit, mit Medien umzugehen. Dieses informelle Lernen richtet sich aber kaum nach pädagogischen Maßstäben, sondern nach Attraktivität, Beeinflussung, Konkurrenz und Stimulation und fällt ungleich vielfältiger aus, als es in Lernsituationen stattfinden kann. Dabei unterscheiden sich die Mediengewohnheiten von Kindern und Jugendlichen naturgemäß stark von Erwachsenen, ein Unterschied besteht aber auch zwischen Jungen und Mädchen (Kübler, 2009, S. 103).
Aufgrund dieser Lernerfahrung sind Jugendliche in den Neuen Medien versierter als Erwachsene und erklären in einer Art „umgekehrter Erziehung“ (Bastiaens et al., 2009, S. 21) ihren Lehrern (und Eltern), wie Dinge funktionieren. Für viele Unterrichtende ist dieser Kontrollversucht bedrohlich und hindert sie, Lebenserfahrung in der digitalen Welt zu sammeln und dort Funktionsweisen unvoreingenommen auszuprobieren und akzeptieren zu können. Was den Umgang mit Neuen Medien betrifft, bedeutet dies ein Versagen der Erwachsenen als gesellschaftliche Vorbilder in ihrer Rolle als Vermittler von Wissen (Weigert, 2009). Populäre Autoren wie Prensky (2001) und Tapscott (2006, S. 38ff) bezeichnen Jugendliche, die mit dem Internet aufwachsen als „Digital Natives“. Diese Generation habe gegenüber der älteren Generation, den „digital immigrants“ fast uneinholbare Kompetenzvorsprünge.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Wandel der Kommunikationskultur durch digitale Medien und leitet die Relevanz der Untersuchung für den Berufsschulunterricht her.
2 Alles neu: Medien, Lehr- und Lernformen: Dieses Kapitel definiert elektronische Lernumgebungen und skizziert die vier Entwicklungsphasen des E-Learnings bis hin zum kompetenzorientierten Web 2.0.
3 Medienkompetenz für Lernende und Lehrende: Der Fokus liegt auf dem Paradigmenwechsel der Wissensvermittlung und dem oft überschätzten Kompetenzvorsprung der sogenannten „Digital Natives“ gegenüber den Lehrenden.
4 Medienkompetenz: Basierend auf Baackes Dimensionen (Medienkritik, -kunde, -nutzung, -gestaltung) werden Anforderungen an die formelle Ausbildung in der Berufsschule definiert.
5 Lernende und die Lernumgebung: Dieses Kapitel diskutiert die Auswirkungen digitaler Medien auf die Lernmotivation und plädiert für konstruktivistische Lernsettings anstelle behaviouristischer Konzepte.
6 Die Rolle des Lehrenden: Es wird die Notwendigkeit einer umfassenden didaktischen Zusatzqualifikation für Lehrkräfte beschrieben, um den technologischen Wandel professionell zu begleiten.
7 Die Bildungsträger: Dieses Kapitel behandelt notwendige organisatorische Rahmenbedingungen und Initiativen (z. B. EPICT), um eine nachhaltige digitale Lehr- und Lernkultur zu etablieren.
8 Konsequenzen und Ausblick: Der Autor skizziert eine Vision der Modularisierung des Berufsschulunterrichts durch Blended-Learning-Phasen und benennt kritische Erfolgsfaktoren für die Zukunft.
Schlüsselwörter
E-Learning, Medienkompetenz, Web 2.0, Berufsschule, Blended Learning, Social Software, digitale Transformation, Konstruktivismus, didaktische Qualifikation, Lehrlingsausbildung, digitale Lernumgebung, computervermittelte Kommunikation, Digital Natives, Instructional Design, pädagogische Innovation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die notwendigen bildungswissenschaftlichen Voraussetzungen, um neue digitale Lehr- und Lernformen erfolgreich im dualen Berufsschulsystem einzuführen.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Zentrale Themen sind die Entwicklung von E-Learning-Szenarien, die Analyse der Medienkompetenz, die Rolle der Lehrkraft im Web 2.0 und die infrastrukturellen Aufgaben der Bildungsträger.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie ein zeitgemäßer Berufsschulunterricht gestaltet sein muss, um Lernende auf die Anforderungen der digitalen Zukunft vorzubereiten und gleichzeitig die Lehrenden adäquat zu qualifizieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse bestehender Studien und didaktischer Modelle sowie einer kritischen Auseinandersetzung mit aktuellen Medientrends im Bildungsbereich.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Kompetenzdefizite von Lehrlingen und Lehrkräften, diskutiert theoretische Lernmodelle und bewertet die Vor- und Nachteile computervermittelter Kommunikation im schulischen Kontext.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen E-Learning, Medienkompetenz, Web 2.0, konstruktivistische Didaktik und Blended Learning.
Welche Rolle spielen „Digital Natives“ in der Untersuchung?
Der Autor hinterfragt den Mythos eines uneinholbaren Kompetenzvorsprungs der Jugendlichen und zeigt auf, dass für schulisches Lernen weit mehr als nur Alltagskompetenz im Netz erforderlich ist.
Warum wird der Einsatz von „Social Software“ kritisch betrachtet?
Obwohl Social Software großes Potenzial für kollaboratives Lernen bietet, betont der Autor die Notwendigkeit, Risiken wie mangelnde Qualitätssicherung oder soziale Fehlentwicklungen professionell zu moderieren.
Welche Zukunftsvision entwickelt der Autor für die Berufsschule?
Es wird eine stärkere Modularisierung des Unterrichts durch Blended-Learning-Phasen vorgeschlagen, um die Flexibilität zu erhöhen und die Kooperation zwischen Betrieb und Schule zu optimieren.
Was wird als größte Hürde für diese Reformen identifiziert?
Als Haupthindernis werden der hohe Zeit- und Ressourcenbedarf sowie die Notwendigkeit einer umfangreichen didaktischen Zusatzqualifikation für das Lehrpersonal genannt.
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- Dipl.-Päd. Werner Prüher (Author), 2010, Bildungs- und kommunikationswissenschaftliche Voraussetzungen für den Einsatz von neuen Lehr- und Lernformen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178426