Kinder unter dem Einfluss des Leitmediums Fernsehen – Betrachtungen medienkritischer Topoi


Hausarbeit, 2011
22 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
Medien, Medienkritik und Topoi

2 Rhetorische Topoi der Medienkritiker
2.1. Formale Topoi

3 Positionen medienkritischer Diskurse
3.1 Wahrnehmung der Wirklichkeit
3.2 Körper und Seele
3.3. Die Entwicklung des Kindes
3.4. Familie, Erziehung und die Rolle der Eltern

4. Gesellschafts- und kulturkritische Diskurse
4.1 Exkurs – Ikonoklasmus verwandelt die Kultur
4.2 Kulturkritische Topoi

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

Phaidros, die Schrift ist gefährlich, und sie gleicht

darin der Malerei. Denn die Malerei

stellt Geschöpfe so vor dich hin,

als lebten sie, und doch schweigen diese

feierlich jedem, der sie befragt. […]

Sobald es einmal niedergeschrieben ist,

kommt das Wort überallhin, auch

zu denen, die es nicht verstehen,

und weiß selbst nicht zu sagen,

für wen es bestimmt war und für wen nicht.

(Platon)

1. Einleitung

Medien, Medienkritik und Topoi

Medium – lat. Mittel – vermittelt gleich in welcher Form zwischen getrennten Dingen und Personen. Sprache, Gestik, Mimik sind primäre Vermittler zur Kommunikation, ohne Rückgriff auf technische Hilfsmittel. Sekundäre Medien benötigen einseitige technische Instrumentarien zur Herstellung, wie zum Beispiel: die Schrift, gemalte Bilder und Fotografien. Technische Mittel für Produktion und Rezipient sind Voraussetzungen für tertiäre Medien, wie Fernsehen, Rundfunk oder Internet. Andere mögliche Differenzierungsmöglichkeiten der Medien (in auditive, visuell, audiovisuell oder auch Unterscheidung nach Medienreichweiten) werden nicht näher ausgeführt, da es in dieser Hausarbeit um medienkritisches topisches Argumentieren geht und somit zu keinem größeren Verständnis führen würde.

Medienkritische Betrachtungen gibt es, seit sich technische Hilfsmittel - der einst nackten Kommunikation durch Sprache - zwischen Sender und Empfänger geschoben haben. So befürchtet Platon, das Nachlassen der Gedächtnisleistung derer, die ihr Wissen auf Schriften stützen, denn „[i]m Vertrauen auf die Schrift werden sich von nun an die Menschen an fremden Zeichen und nicht mehr aus sich selbst erinnern“ können. Ebenso erhalte der Lesende nur den Schein „einer großen Weisheit“, nicht aber die Wahrheit. Neben der fehlenden Eindeutigkeit, die die Verschriftlichung zu Folge hat; spricht Platon, durch Sokrates, von einer für ihn sichtbaren Verzückung, die vom Lesenden Phaidros ausgehe. Vielmehr als die Erzählung fasziniert Sokrates die Berauschtheit seines vorlesenden Freundes „du warst beim Lesen ganz verklärt. Ja, wie verklärt!“

Mit der Erfindung des Buchdrucks verstärken sich diese medienkritischen Aussagen. Der Verlust des Wirklichkeitssinns steht auch hier im Vordergrund, wobei Kinder und Jugendliche besonders bedroht scheinen. So schreibt Heinrich Wolgast ca. 2000 Jahre nach Platon eine Medienkritik, die eine schädigende Wirkung der Jugendliteratur ins Blickfeld rückt. Die „Charakterentwicklung unserer Jugend“ müsse positiv gefördert werden, indem sie nicht in den Genuss von pseudodichterisch verfassten „Sagen und Volksbücher“ komme, sondern Werke lese, die „Bildungswert“ haben und von naturnah beschreibenden „echte[n] Dichter[n]“ stammen. Der Realitätssinn der Heranwachsenden werde somit gestärkt. Wolgast kritisiert, dass die natürliche entwicklungsbedingte Phase einer vermehrten Gewaltbereitschaft von Jugendlichen durch den Konsum minderwertiger Literatur verstärkt und verlängert würde.

Wie hier schon ansatzweise deutlich wird, treffen Platon und paradigmatisch auch Wolgast auf ähnliche Argumentationspunkte, die sie für ihre Medienkritik der Schrift und des Lesens anführen. Wirklichkeitssinn, Bildung und Charakterentwicklung sind beliebte Oberbegriffe um eine Gefahr durch Medien auszumachen, oder die im umgekehrten Fall als fördernde Aspekte angeführt werden können.

In dieser Hausarbeit ist die zentrale Frage, welches sind beliebte Topoi, denen sich Medienkritiker bedienen, um ihre Thesen, einer Beurteilung von Gefahren oder Nutzen durch den Gebrauch des Leitmediums Fernsehen für Kinder und Jugendliche, zu stützen. Haben sie sich seit der Verbreitung des Fernsehens in Bezug auf Heranwachsende verändert und welche Zielgruppen werden mit welchen Topoi belegt? Welche Medienplattformen werden benutzt, um herkömmliche Diskurse vorzustellen? Ein Exkurs über die Genese der Bildfeindlichkeit und den daran aufgebauten kulturkritischen Topoi, die im unmittelbaren Zusammenhang medienkritischer Diskurse stehen, schließen die Hausarbeit ab. Einige exemplarisch gewählte Medienkritiker sollen hier den Gebrauch herkömmlicher Argumentationen stützen. Dies sind, die überwiegend journalistisch Tätigen Marie Winn und Steven Johnson und die Medienwissenschaftler Neil Postman und Werner Glogauer, sie führen ihre Thesen in Monografien aus. Der Psychologe Manfred Spitzer liefert hier als Quelle seine Vorlesung „Vorsicht Bildschirm“ die auf video.google.com zur Verfügung steht. Ein exemplarischer Zeitungsartikel aus dem Jahr 2007 von Christian Müller gibt weitere Aufschlüsse über verbreitete medienkritische Argumentationsmuster.

Eine eindeutige Begriffseingrenzung des Topos-Begriffs konnte bisher in der Toposforschung nicht geleistet werden. Eine mögliche und hier angewendete Auslegung, wie sie im dritten sowie vierten Kapitel folgen werden, ist der Gebrauch im Sinne von konventionell tradierten Argumenten. „Topoi sind […] ursprünglich Hilfsmittel für die Ausarbeitung von Reden.“ Im aristotelischen Sinn der Topik, so Bornscheuer, handelt es sich um „umgangsprachliche Argumentationsstruktur[en] bzw. [...] [um] öffentliche Meinungsbildung.“ Topoi beruhen im „Bereich von Sprache, Sitte und gesellschaftlichem Selbstverständnis“ auf allgemein „herrschende[s] Bildungswissen“, welches internalisierte und einvernehmliche Kommunikation- und Verhaltensnormen hervorbringen.

Eine andere Bedeutung des Topos-Begriffs, wie man sie in literaturwissenschaftlichen Explikationen vorfindet, werden im folgenden Kapitel benannt.

2. Rhetorische Topoi der Medienkritiker

Der Ursprung des Begriffs Topos (grch.: der Ort, der Platz; Pl.: Topoi ) liegt, wie oben angeführt, in der antiken Rhetorik. Eine klare Definition lässt sich auch dort nicht finden, dennoch wurde er allgemein als Begriff zum Auffinden (inventio) von Gemeinplätzen verwendet, um einer Rede argumentative Beweise zu liefern. In der `modernen´ literaturwissenschaftlich orientierten Toposforschung, angeregt durch E. R. Curtius' Topik, geht man heute meist davon aus, dass es sich „um geprägte sprachliche Ausdrucksform[en]“ handelt. Max L. Baeumer versteht unter dem Bedeutungsinhalt und -rahmen des Topos-Begriffs in Anlehnung an Curtius, jede „sprachliche[n] Ausdrucksform“, „eine Metapher, ein Motiv, eine Redewendung, [oder] ein Bild“. Topoi sind “Klischees, die literarisch allgemein verwendbar sind“, so Curtius und werden in dieser Hausarbeit nach inhaltlichen und formalen Topoi getrennt aufgeführt. Die formalen Topoi, wie sie Curtius definierte, werden synonym für rhetorische Topoi verwendet; es sind demnach sprachliche Ausdrucksformen, die sich wiederholt in den hier verwendeten Medienkritiken finden lassen. Curtius' Topoi-Ausführungen beziehen sich auf die Dichtung der Spätantike und des Mittelalters. Seine Bescheidenheits-, Exordial-, und Schlusstopiken sollen dennoch berücksichtigt werden, um Aufschluss über methodische Analogien medienkritischer non-fiktionaler Texte zu erhalten. Inhaltliche Topoi, wie wir sie als Gemeinplätze von Denkmustern und allgemeinen überlieferten Denkstrukturen begreifen, werden im dritten Kapitel entfaltet.

2.1. Formale Topoi

Die Nennung der Beweggründe des Autors decken sich häufig mit den von Curtius aufgefundenen Topoi § 4 der „Exordialtopik“, aber auch Texte der jüngeren Vergangenheit weisen standardisierte Formulierungen auf. Während Curtius den schon in der Antike verwendeten Begründungstopos es werde nun „noch nie Gesagtes “ hervorgebracht, anführt, begründet Glogauer analogisch in der Einleitung seiner Medienkritik, das vorgelegte Problem wurde noch nicht „in genügender Weise bedacht, diskutiert und untersucht“. Auch Postman begründet seine Ausführungen, denn er glaube „einige einleuchtende Antworten“ zu kennen. Sein Griff, an anderer Stelle der Einleitung, zu einer Formel der Bescheidenheit, Curtius nennt es „affektierte[n] Bescheidenheit“ - relativiert seine Kompetenz. Er wisse keine Antwort, so Postman, er wäre niedergeschlagen „irritier[t] und […] traurig,“ nur wenige Gedanken könnten ihn ermutigen. Auch Johnson kokettiert bescheiden mit einer Schwäche, so besaß er als Neunjähriger einen ungewöhnlichen Talisman, einen großen „Stapel kopierte Blätter voller Zahlenreihen“. Alle diese formelhaft verwendeten Phrasen provozieren Empathie für den Autor; höhere Aufmerksamkeit und Beachtung sind die Folge sowie Nähe und Authentizität. In dieser Weise werden im Schlusskapitel ebenfalls Hauptargumente resümiert und um Verständnis geworben. So stellt Postman statt einer Zusammenfassung Fragen, die er selbst beantwortet. Alternative Antworten, so stellt er schlicht fest, die der Leser anführe, gebe ihm zumindest eine Bestätigung der Relevanz seiner Fragen. Glogauer verweist in seinem Schlussplädoyer nochmals auf einen Begründungstopos. Sein Problembereich wird auch heute noch unzureichend erörtert.

Marie Winns Ausführungen werden nicht von derart beliebten Formulierungen umkränzt. Jedoch wählt sie eine Erzähltechnik, deren Begründungsmechanismen überwiegend aus eingeschobenen wörtlichen Zitaten Betroffener bestehen. Dadurch erreicht auch sie eine stärkende Wirkung ihrer Glaubwürdigkeit. Auffällig ist die schonungslose und kompromisslose Rhetorik, die sich die hier aufgeführten Kritiker gleich in welchem Medium sie problematisieren, bedienen.

3. Positionen medienkritischer Diskurse

Medienkritische Diskurse weisen eine spezielle Dynamik und Brisanz auf, wenn Kinder und Jugendliche mit dem Bildschirmmedium Fernsehen in Verbindung gebracht und beurteilt werden. Im Folgenden werden medienkritische Topoi vorgestellt, deren Darlegungen sowohl negativ wie positiv konnotiert sind. Eine Gliederung erfolgt nach einer induktiven Methode. Anfangs stehen gängige Meinungen, die das einzelne Kind betreffen, im Vordergrund. Daran schließen sich Denkmuster an, die sich auf die Rolle der Eltern und die der Familie beziehen. Wie das Bildschirmmedium die Wahrnehmung nicht nur kleiner Kinder zu beeinflussen vermag und unter Medienkritiker besprochen wird, soll im folgenden Kapitel analysiert werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Kinder unter dem Einfluss des Leitmediums Fernsehen – Betrachtungen medienkritischer Topoi
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Institut für neuere deutsche und europäische Literatur)
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
22
Katalognummer
V178439
ISBN (eBook)
9783656004622
ISBN (Buch)
9783656005179
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Medienwissenschaft, Medien, Literaturwissenschaft, Topoi, Fernsehen, Medienkritik, Kinder, Jugendliche, Platon
Arbeit zitieren
Eva-Christiane Schwippert (Autor), 2011, Kinder unter dem Einfluss des Leitmediums Fernsehen – Betrachtungen medienkritischer Topoi, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178439

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