In den Anfangsjahren des Uranbergbaus der Wismut fand eine Entwicklung statt, die in zweierlei Hinsicht besonders interessant ist. Zum einen fanden sich zunehmend mehr, die freiwillig die harte und körperlich belastende Arbeit unter Tage machen wollten, wo man anfänglich fast ausschließlich auf Zwangseingewiesene zurückgreifen musste. Zum anderen entstand mit der Wismut ein Betrieb, in dem zum Zwecke der
Produktivitätssteigerung ganz bewusst kapitalistische Erwerbsstrukturen eingeführt wurden und somit sozialistische Prinzipien auf der Strecke blieben. In dieser Arbeit geht es um die Entstehung einer Stammbelegschaft während der "Wilden Jahre" in "Klein-Texas", wie das Erzgebirge dieser Zeit genannt wurde, durch die Etablierung einer komplexen Prämien- und Leistungslohnstruktur.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Die Vorgeschichte: Atombombe, Uranlücke und Besatzung
3. Die Entstehung der SAG Wismut '46/ '47
3.1. Dienstverpflichtung und Zwangseinweisung
3.2. Leistungslohn und verbesserte Versorgung
3.3. Arbeitsbedingungen für Untertage-Bergarbeiter
4. „Die wilden Jahre im Erzgebirge“ '48 - '50
4.1. Wo wohnen?
4.2. Soziale Probleme
4.3. Anfänge einer neuen Personalpolitik
5. Die Stabilisierung der Belegschaft
5.1. Betriebsrat und Gewerkschaft
5.2. „Entfernung deklassierter Elemente“
6. Fazit
Zielsetzung und Themenfelder
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung und Entwicklung der sowjetischen Aktiengesellschaft (SAG) Wismut im Erzgebirge zwischen 1946 und 1954. Dabei liegt der Fokus auf der Ausbildung der Belegschaft, dem Übergang vom erzwungenen Arbeitseinsatz hin zu einem strukturierten Betriebssystem sowie der gezielten Etablierung sozialistischer Erwerbsstrukturen unter Verzicht auf marktwirtschaftliche Prinzipien.
- Vorgeschichte: Uran als strategischer Rohstoff im sowjetischen Atombombenprojekt.
- Rekrutierung der Belegschaft durch Zwangseinweisungen und Arbeitsverpflichtungen.
- Soziale Herausforderungen und Wohnungsnot in den Nachkriegsjahren.
- Transformation der Arbeitsverhältnisse und Einführung leistungsorientierter Anreizsysteme.
- Repressive Maßnahmen zur „Säuberung“ der Belegschaft.
Auszug aus dem Buch
4.2. Soziale Probleme
Mit dem Goldrausch im „Wilden Westen“ der USA wurden die „Wilden Jahre im Erzgebirge“ verglichen. Vor allem die gute Entlohnung zog trotz der harten Arbeit und den vielen sozialen Problemen einen abenteuerlichen Menschenschlag an. Maßloser Alkoholkonsum und Kneipenschlägereien waren an der Tagesordnung, die Prostitution und das Glücksspiel blühten. Es entstanden zahlreiche Kneipen mit so sinnfälligen Namen wie „Café Röckchenhoch“ und „Genickschussbar“. Es sprach sich schnell rum, dass im Erzgebirge viele Alleinstehende wohnten, die Geld hatten und viel Alkohol tranken, was viele Prostituierte veranlasste, ebendorthin zu gehen. Zum Teil wurden gezielt Prostituierte von den Arbeitsämtern an die Wismut vermittelt, um „asoziale Elemente“ loszuwerden. Auch in Thüringen setzte diese Entwicklung mit einiger Verzögerung ein. „Die dortigen Gesundheitsämter meldeten im November 1951 eine starke Zunahme an Gonorrhoe-Trippern. Bis Juli habe es monatlich 233 Neuerkrankungen in Thüringen gegeben. Im August wurden 372 Tripper gemeldet, seitdem sei es bei diesem Niveau geblieben. Bei den Neuzugängen gäbe es zwei auffallende Gruppen, die Angehörigen der Volkspolizei und die Wismut-Kumpel.“ Begünstigt wurde diese Entwicklung dadurch, dass Prostitution im Prinzip nicht strafbar war. „Gewerbliche Unzucht“ war laut §361 StGB nur dann strafbar, wenn die Aufforderung dazu in „öffentlich auffallender Weise“ erfolgte. Man kann sich vorstellen, dass es oft zu besonderen Spannungen führte, wenn alkoholisierte Bergarbeiter Prostituierte mit in ihre Gastunterkunft gebracht hatten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Darstellung des Forschungsgegenstands und des Wandels der Wismut vom Zwangsarbeitsbetrieb zu einem etablierten Industrieunternehmen.
2. Die Vorgeschichte: Atombombe, Uranlücke und Besatzung: Erläuterung der geopolitischen Bedeutung von Uran für die Sowjetunion nach dem Zweiten Weltkrieg.
3. Die Entstehung der SAG Wismut '46/ '47: Analyse des Aufbaus der SAG Wismut, der Zwangsarbeit und der anfänglichen Versorgungs- und Arbeitsbedingungen.
4. „Die wilden Jahre im Erzgebirge“ '48 - '50: Untersuchung der sozialen Auswirkungen, der Wohnungsnot und der ersten Umbrüche in der Personalpolitik.
5. Die Stabilisierung der Belegschaft: Betrachtung der Rolle von Betriebsräten, Gewerkschaften und der systematischen Entfernung unerwünschter Personengruppen.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Entwicklung der Wismut hinsichtlich ihrer ökonomischen und sozialen Auswirkungen auf die Region.
Schlüsselwörter
Wismut, SAG Wismut, Uranbergbau, Erzgebirge, Zwangsarbeit, SBZ, Personalpolitik, Leistungslohn, Sozialismus, DDR, Bergarbeiter, Besatzungsmacht, Nachkriegszeit, Arbeitskräftebedarf, Deindustrialisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die historischen Bedingungen und die Entwicklung der SAG Wismut als zentrales Uranbergbau-Unternehmen in der sowjetischen Besatzungszone zwischen 1946 und 1954.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Arbeit behandelt die Rekrutierung der Arbeitskräfte, die Arbeits- und Lebensbedingungen der Bergarbeiter, die Einführung von Anreizsystemen sowie die politische Kontrolle innerhalb des Unternehmens.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie aus einem anfänglichen Zwangsarbeitssystem unter schwierigen Bedingungen ein hochspezialisierter Industriebetrieb mit eigener Personalpolitik geformt wurde.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine historische Analyse, die auf der Auswertung von Archivalien, zeitgenössischen Berichten, Statistiken und Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Aufbauphase unter Repression, die soziale Stabilisierung durch verbesserte Versorgung und schließlich die Etablierung eines festen Personalstamms.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wismut, Uranbergbau, Zwangsarbeit, Nachkriegsgeschichte, DDR, Sozialistische Wirtschaftsstruktur.
Welche Bedeutung hatte der „Leistungslohn“ für die Wismut?
Der Leistungslohn war ein zentrales Steuerungsinstrument, um die Produktivität zu erhöhen und durch Anreize die Quote der freiwilligen Mitarbeiter im Vergleich zu Zwangsverpflichteten zu steigern.
Wie wurde mit „deklassierten Elementen“ innerhalb der Belegschaft verfahren?
Die Wismut nutzte interne Untersuchungen, um unerwünschte Personen, darunter auch Vorbestrafte oder Prostituierte, systematisch aus dem Betrieb zu entfernen und aus dem Sperrgebiet auszuweisen.
- Citar trabajo
- Martin Finkenhäuser (Autor), 2010, Entstehung einer Stammbelegschaft. "Die Wismut" in Sachsen und Thüringen 1946-1954, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178542