Analyse der Publikation "Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode"

Hauptthesen und exemplarische Analyse deutscher Nachrichtensendungen 25 Jahre danach


Hausarbeit, 2011

21 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Der Kulturkritiker
1.1 Postmans Erbe
1.2 Einige Thesen Postmans zur Medientechnologie

2 Medien im Umbruch
2.1 Der Wandel der Medien
2.1.1 Wie der Telegraf die Schriftkultur beendete
2.1.2 Der Verfall der Lesekultur

3 Unterhaltung ist alles, oder: Alles ist Unterhaltung
3.1 Nachrichten im Fernsehen
3.2 Unterhaltende Nachrichten?

4 Untersuchung der Tagesschau (ARD) und RTL Aktuell
4.1 Vorgehensweise der Analyse
4.1.1 Nachrichtenauswahl, -gewichtung und -darstellung
4.1.2 Der allgemeine gestalterische Rahmen der Sendungen
4.1.3 Die Nachrichtenlänge
4.1.4 Durchschnittliche Einstellungslängen
4.1.5 „Und jetzt“ (ebd., S. 123)
4.1.6 Sprache und Ausdruck

5 Zusammenfassung

6 Literaturverzeichnis

0 Einleitung

Wir amüsieren uns zu Tode – so lautet der Titel der dieser Hausarbeit zu Grunde liegenden Publikation von Neil Postman. Mittlerweile 25 Jahre her ist die Veröffentlichung, in der Aktualität hat das Thema dagegen nichts eingebüßt, ganz im Gegenteil.

Der Beinahe-Tod eines Wettkandidaten in der Unterhaltungsshow Wetten, dass… wirft die Thematik Postmans in ein ganz neues Licht und gibt ihr eine bedenkliche Tragweite, hat mit dem Titel des Buches in seiner ursprünglichen Bedeutung jedoch weniger zu tun.

Die vorliegende Arbeit möchte die Thesen und Beobachtungen Postmans, die er über das Medium Fernsehen in den Vereinigten Staaten angestellt hat, wiedergeben und sie auf ihre Gültigkeit für das heutige deutsche Fernsehen hin untersuchen.

Dazu werden exemplarisch im zweiten Teil der Ausarbeitung eine Ausgabe der Tagesschau der ARD sowie des RTL Aktuell vom Sender RTL auf die Fragestellung hin analysiert, ob sie als reine Nachrichtensendungen bezeichnet werden können oder ob sie dem Unterhaltungssektor zuzuordnen sind.

Der erste Teil der Arbeit beinhaltet für das Verständnis des Themas wichtige, mitunter geschichtliche Hintergründe, die die Dimension der sich verändernden Medien bis hin zum Fernsehen verständlich machen möchten. Teilweise werden dabei Parallelen zu in Deutschland anzutreffenden Phänomenen gezogen, die entweder die Richtigkeit der Thesen Postmans unterstreichen sollen oder bei Bedarf Beobachtungen des Wissenschaftlers als für Deutschland nicht zutreffend widerlegen.

Auf die zunehmende ‚Boulevardisierung‘ der Medien wird in dieser Arbeit nur deshalb nicht eingegangen, weil die analysierten Nachrichtensendungen genügend anderes Material ergeben und dieses Phänomen mehr in den Printmedien sowie anderen Fernsehformaten anzutreffen ist. Die Wettervorhersagen sind zwar fester Bestandteil der Nachrichten, bilden aber eine eigene Kategorie. Ihr Einbezug in diese Hausarbeit hätte keinen Einfluss auf das Ergebnis und mit Blick auf den Umfang wird deswegen auf eine Analyse derselben verzichtet.

1 Der Kulturkritiker

1.1 Postmans Erbe

Wie an den Verkaufszahlen seiner Publikationen[1] als auch der andauernden Diskussion und Kritik mehr als sieben Jahre nach seinem Tod[2] unschwer erkennbar ist, gehört Neil Postman zu den bekanntesten Medienwissenschaftlern. Von vielen Seiten als Kulturpessimist verschrien, widmete er sein Augenmerk hauptsächlich dem Einfluss elektronischer Medien auf die Gesellschaft. Ob des „Schlagwortcharakters“ seiner Argumentationsweise oder der allgemeinen Popularität seines Themas: Er verstand es, sich Gehör zu verschaffen und „einem allgemeinem Unbehagen an der Medienkultur Ausdruck zu verleihen“ (Nutt 2003). Dabei setzte er seine Thesen konsequent selbst um. Man sagt ihm nach, er habe weder Faxgerät, Anrufbeantworter noch Computer besessen (Vgl. Bax 2003).

Postmans Werk Wir amüsieren uns zu Tode verhalf ihm schon nach dessen Veröffentlichung 1986 zu Berühmtheit. In unserer Welt 25 Jahre später ist es aktueller denn je. Den einen öffnet es die Augen und drückt genau das aus, was sie schon lange befürchtet haben, den anderen ist es ein Dorn im Auge und als maßlose Übertreibung verschrien.

1.2 Einige Thesen Postmans zur Medientechnologie

Auf Grund seiner Gewohnheit, Aussagen mit Beispielen zu erklären und bekräftigen sowie seiner leicht verständlichen Argumentations- und Ausdrucksweise hebt sich Postman von vielen Wissenschaftlern ab und seine Botschaft erreicht eine größere Anzahl von Rezipienten.

Während seiner langjährigen Tätigkeit als Dozent der Universität New York widmete sich Postman dem Phänomen der sich rasant entwickelnden Technologien. Möchte man seine kritische Haltung den Medien gegenüber verstehen, lohnt es sich, einen Blick auf ausgewählte Thesen des Wissenschaftlers zu werfen.

Beispielsweise geht er von der Grundannahme aus, die Kultur sei regelmäßig Leidtragende einer neuen Technologie und dem Vorteil, den eine solche mit sich bringt, stünde immer ein Nachteil gegenüber (Vgl. Fröhlich/Zitzlsperger/Franzmann(Hrsg.) 1992, S. 10). Die Verbesserung des Lebensstandards wird von ihm dabei nicht verneint, jedoch steht er der für ihn feststehenden Tatsache, Technologie lasse uns unseren Verstand anders gebrauchen, skeptisch gegenüber (vgl. ebd., S. 15). Anhand eines Kernbeispiels erläutert Postman, wie Medien miteinander konkurrieren: Das gedruckte Wort in der Schule, stellvertretend für „Logik“ und „Klarheit der Darstellung“, steht der „Bildhaftigkeit“ und „Erzählform“ des Fernsehens gegenüber (ebd. S. 16).

2 Medien im Umbruch

2.1 Der Wandel der Medien

Der Wechsel von der mündlichen zur schriftlichen Kultur brachte eine tief greifende Veränderung mit sich. Für Überlieferungen und die Weitergabe von Wissen war das Gedächtnis nicht mehr von Nöten. Die Erfindung des Buchdrucks finalisierte diese Entwicklung und schuf mit der Literatur neue Möglichkeiten. Nun sieht Postman die Jahrhunderte alte Tradition des Buchzeitalters in Gefahr und mit ihr den Diskurs und Fortschritt, den es prägte. Sein Angriff gilt dem Fernsehen, das die Hauptschuld an dieser gravierenden Veränderung trage und dabei sei, die Buchkultur abzulösen (vgl. Postman 1988, S. 17).

In seinen Untersuchungen kommt er zu dem Schluss, dass die Art und Weise, wie kommunikativer Austausch stattfindet, den größten Einfluss darauf hat, welcher Inhalt bequem weitergegeben werden kann. Dieser Inhalt wiederum formt die Kultur (vgl. ebd., S. 15). Eine Konversation als Mittel der Kommunikation und zahlreiche Hilfsmittel wie das Telefon und andere Technologien erlauben den Austausch von Gedanken und Botschaften (vgl. ebd.). Formen des „öffentlichen Diskurses“ schränken die weiterzugebenden Inhalte jedoch auch ein (ebd.). Man kann davon ausgehen, dass es den Indianern mittels Rauchzeichen nicht gelang, komplexe philosophische Gedankengänge an Stammesmitglieder zu übermitteln (ebd., S. 15f).

Das Fernsehen als jüngster Wandel der Medien[3] beschränkt den öffentlichen Diskurs weitgehend auf das visuell zu Vermittelnde (ebd., S.16). Diese Beschränkung ist folgenschwer: Womöglich sei es mittlerweile wichtiger für Politiker, sich mit Kosmetik auszukennen als Ahnung von Programmatik zu haben (ebd., S. 13). Ob dem so ist, sei dahingestellt. Es sei jedoch am Rande bemerkt, dass eine Veränderung in der äußerlichen Erscheinung Angela Merkels seit ihrer Wahl zur Bundeskanzlerin im Jahr 2005 durchaus wahrzunehmen war. Postman nennt Beispiele fettleibiger und ganz und gar nicht attraktiv anmutender Präsidenten vor dem Siegeszug des Fernsehen und schließt eine solche Kandidatur heutzutage als chancenlos praktisch aus (vgl. ebd., S.16). Ohne damit werten zu wollen, wäre hier wohl einzuwenden, dass Helmut Kohl trotz seiner äußerlichen Maße zu einer Zeit viermal in Folge sein Amt antrat, als das Medium Fernsehen schon lange gang und gäbe war. Postmans Feststellungen beziehen sich zwar auf seine Heimat Amerika, dass dortige Entwicklungen mit ein paar Jahren Verspätung häufig aber auch im alten Europa anzutreffen sind, ist kein Geheimnis. Sind das oft genannte Aussehen und der Appeal des derzeitigen Verteidigungsministers zu Guttenberg verantwortlich für dessen Popularität und Erfolg? Lebte der promovierte Pädagoge Postman noch, er könnte Vorreiter dieser Begründung gewesen sein.

Der maßgebliche Wandel zum Visuellen und dem Trend des soeben Beschriebenen hin geschah aber gar nicht durch das Fernsehen. Vielmehr ist es die Weiterentwicklung eines schon dagewesenen.

2.1.1 Wie der Telegraf die Schriftkultur beendete

Die Erfindung des Telegrafen[4] löschte zum ersten Mal die Grenzen der Bundesstaaten. Informationen, die bis dato an den Transport durch den Menschen und seine Hilfsmittel[5] angewiesen waren, konnten nun quasi ohne Zeitverlust kontinentübergreifend gesendet werden. Die Basis für einen einheitlichen Diskurs war geschaffen. Die einschneidenden Veränderungen, die die Verwandlung des ganzen Landes „in eine einzige Nachbarschaft“ mit sich brachte, begriffen zur damaligen Zeit nur wenige (ebd., S.84). Postman zitiert Henry David Thoreau aus dessen Buch Walden treffend:

„Wir beeilen uns sehr, einen magnetischen Telegraphen zwischen Maine und Texas zu konstruieren, aber Maine und Texas haben möglicherweise gar nichts Wichtiges miteinander zu besprechen. […] Wir beeilen uns, den Atlantischen Ozean zu durchkabeln, um die Alte Welt der Neuen ein paar Wochen näher zu rücken; vielleicht lautet aber die erste Nachricht, die in das große amerikanische Schlappohr hineinrinnt: Prinzessin Adelheid hat den Keuchhusten.“ (Ebd., S. 84)

„Belanglosigkeit“, „Handlungsunfähigkeit“ und „Zusammenhanglosigkeit“ bekamen Zutritt in den vom Buchdruck geprägten Diskurs (ebd., S. 85). Mit dem Gebrauch des Telegrafen durch die Presse endete allmählich die gültige Definition von Nachrichten als „vernünftig begründeten […] Meinungsäußerungen und wichtigen Wirtschaftsinformationen“ (ebd., S. 85). Obgleich für den Einzelnen bedeutungslos, füllten sich die amerikanischen Blätter mit überregionalen sensationellen Begebenheiten, die meist mit Kriminalität und Sex zu tun hatten (ebd., S. 85). Was bis dahin gar keine Nachricht war, wurde zu einer solchen gemacht. Für die Bevölkerung eigentlich zwecklose Informationen, welche auf deren Alltag und Entscheidungen keinerlei Auswirkungen hatten, bekamen Nachrichtenstatus und begannen, die Menschen zu unterhalten.

[...]


[1] Nach Angaben der New York University verkaufte sich Postmans bekanntestes Buch 200.000 mal weltweit und wurde in acht Sprachen übersetzt. Vgl. hierzu Saxon in ‚The New York Times‘ 2003

[2] Postman starb Oktober 2003 im Alter von 72 Jahren an Lungenkrebs. Vgl. Bax 2003

[3] Die Veränderung der Medienwelt durch den Computer schätzte Postman 1986 offensichtlich als bedeutungsloser ein als die Wende, welche das Fernsehen mit sich brachte.

[4] Samuel Finley Breese Morse patentierte im Jahre 1837 ein von ihm entwickeltes Gerät zur elektromagnetischen Übermittlung von Nummern repräsentierenden Punkten und Strichen, welche mit Hilfe eines Wörterbuches in Worte übersetzt werden konnten. Bei einer Ausstellung in New York im darauffolgenden Jahr konnte er damit zehn Worte pro Minute ‚morsen‘. Vgl. hierzu Mabee (k.A.), (k.A.)

[5] Zur Zeit der neuen Erfindung stellte die Eisenbahn mit ihren 55 Kilometern pro Stunde das schnellste Transportmittel dar (vgl. Postman 1988, S.83).

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Analyse der Publikation "Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode"
Untertitel
Hauptthesen und exemplarische Analyse deutscher Nachrichtensendungen 25 Jahre danach
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg  (Institut für Medien und Kommunikation)
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V178552
ISBN (eBook)
9783656009009
ISBN (Buch)
9783656009177
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
analyse, publikation, neil, postman, hauptthesen, nachrichtensendungen, Medienkritik, Unterhaltung, Entertainment, Tagesschau, RTL, Kulturkritiker, Medienwandel, Nachrichten
Arbeit zitieren
Johannes Rieble (Autor), 2011, Analyse der Publikation "Neil Postman: Wir amüsieren uns zu Tode", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178552

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