Geschlechterspezifische Sozialisation


Hausarbeit, 2010

11 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

1. Typisch männlich, typisch weiblich?

Mädchen spielen mit Barbies, schieben einen Puppenwagen, ziehen schöne Kleider an, halten sich eher zurück und dürfen sich nicht dreckig machen. Jungen spielen Fußball, raufen sich, tollen im Matsch, müssen stark sein, sich profilieren und dürfen keine Angst zeigen. Wieso bekommen weibliche Babies rosa Strampler geschenkt und männ- liche hellblaue Sachen? Warum geben Großeltern ihren weiblichen Enkeln Schmink- zeug und den männlichen Matchbox-Autos? Diese traditionellen Bilder der Geschlech- terunterscheidung, zum Beispiel von Kleinkindern, ist bei uns allen in den Köpfen, ob wir nun danach erzogen worden sind, es weiterhin leben oder eben gerade nicht.

Im Folgenden werde ich versuchen, geschlechterunterschiedliches Verhalten mit geschlechterspezifischer Sozialisationstheorie genauer zu durchleuchten, Antworten zu finden, warum bestimmte Merkmale fast angeboren erscheinen und ob sie dies überhaupt sein können. Wird ein Mädchen erst zu einem Mädchen gemacht oder ist ein Junge von Grund auf einfach ein Junge?

Zunächst jedoch erläutere ich allgemein die Thematik Sozialisation und gebe einen kur- zen Auszug der dazugehörigen Theorien. Daraus werde ich speziell auf die geschlech- terspezifische Sozialisation schließen und sie anhand der verschiedenen „Sozialisations- stufen“ festmachen. Anschließend gehe ich kurz auf die Körpersozialisation, aber auch die emotionale Sozialisation ein. Um das Thema abzurunden, habe ich keine eine kleine Zusammenfassung, der Geschichte des Faches und seine Weiterentwicklung, gewählt.

2. Sozialisation

2.1 Definition

„Die Geschichte des Wortes Sozialisation ist verwickelt. Es scheint, daß [sic!] das Wort durch ein Mißverständnis [sic!] von Giddens bei der Übersetzung des für das Werk Georg Simmels zentralen Begriffes der Vergesellschaftung ins Englische (socialisation) entstanden ist.“1 Nicht nur, dass es wohl eher ein Zufall war, wie das Wort Sozialisation entsprungen ist, gibt es für den sozialwissenschaftlichen Begriff auch unzählige Varian- ten der Definitionsmöglichkeit: „Es gibt nicht „die“ Sozialisation, sondern es gibt ledig- lich sozialisationstheoretische Fragestellungen, die aus einer Problematisierung des Mitgliedswerdens hervorgehen.“2

Laut Korte und Schäfers steht Sozialisation „fachsprachlich für die Fragestellung, wie Men- schen durch ihre gesellschaftlichen Lebensbedingungen in ihrem Empfinden, Denken und Handeln beeinflusst werden, sich aber zugleich auch zu von allen anderen unterschiedenen, be- sonderen und einzigartigen Individuen sowie zu eigensinnigen, selbstbestimmungsfähigen und eigenverantwortlich handlungsfähigen Einzelnen entwickeln. Sozialisation unterscheidet also drei zu unterscheidende Dimensionen: Personalität, Individualität, Subjektivität.“3

Bei den breitgefächerten Begriffsbestimmungen wird aber auch deutlich, dass eine Dis- kussion dazwischen besteht, ob die Sozialisation nur das Dasein des Kindes betrifft, oder als ein Prozess gesehen wird, welcher das ganze Leben lang andauert. Kurz und knapp kann man sagen, dass Sozialisation „den Prozeß [sic!] der Assimilation von Indi- viduen an sozialen Gruppen“4 beschreibt, also das gesamte Mitglied-Werden in der Ge- sellschaft.

2.2 Theorieansätze

So vielschichtig die Definitionen ausfallen, so breitgefächerte Theorien wurden zu diesem Thema entwickelt. Aufgrund der Kürze dieser Hausarbeit habe ich exemplarisch die Theoretiker Emile Durkheim und Georg Herbert Mead ausgewählt.

2.2.1 Durkheim: Erziehung und Gesellschaft

Emile Durkheim wurde ursprünglich als Begründer der modernen Soziologie gesehen und arbeitete angelehnt an die Naturwissenschaften. Er entwickelte sich jedoch zum Schöpfer der Sozialisationstheorie, obwohl dies nie seiner Intention entsprach. Im Ge- gensatz zu seinen Kollegen beschrieb Durkheim Erziehung als gesellschaftliche Er- scheinung.

„Es war der erste große Versuch, Erziehung (oder besser: Sozialisation) als Bindeglied zwi- schen Individuum und Gesellschaft systematisch zu beschreiben, die Form der Sozialisation der Heranwachsenden aus den Bedürfnissen, der »inneren Ökonomie« der jeweiligen Gesell- schaft abzuleiten und zugleich nachzuweisen, daß [sic!] die Gesellschaft für ihr Überleben, für ihren inneren Zusammenhalt auf die ihr entsprechende Sozialisation angewiesen sei.“5

In seiner Theorie geht er davon aus, dass man als egoistisches und unsoziales Wesen auf die Welt kommt, man praktisch in Bezug auf die eigenen späteren Eigenschaften unbe- stimmt ist und sich die Persönlichkeit noch entwickeln muss. Erst die Gesellschaft bet- tet!! ihn durch die Sozialisation so ein, dass er sich zu einem sozialen und fähigen Teil dieser entwickelt. „Nur durch die Sozialisation als Anpassung der rohen Natur an die Gesellschaft wird der Mensch zum Menschen, wird er zur vernünftig und moralisch handelnden Person.“6

2.2.2 Mead: Sozialisation durch symbolische Interaktion

Georg Meads Theorie zur Sozialisation stützt sich nicht, wie bei Durkheim explizit auf der Gewichtung der Gesellschaft, sondern geht das Thema anders an. Seine Differenzie- rung beruht auf dem Leitgedanken, die Welt durch symbolische Interaktion zu erschlie- ßen. „Die Analyse der sozialen Funktion der Sprache wird deshalb bei Mead zum Kern seiner Handlungstheorie.“7 Speziell das sprachliche Verständnis, welches Mead für eine Theorie voraussetzt, und dadurch erst entstehende Miteinander der Menschen, ist die Abgrenzung vom Mensch zum Tier. Ein Neugeborenes erwidert mit der Zeit Gesten der Eltern, jedoch schafft ein Kind erst mit dem Aufnehmen der Sprache, den „Vorgang der Übernahme der Haltung anderer […]“.8 Laut Baumgart ist genau diese Eignung, sich die Haltung der anderen anzueignen, also eine Art vorbestimmte Rolle einzunehmen und das Handeln selbst darauf anzugleichen, „das Ergebnis eines langwierigen Soziali- sationsprozesses.“9 Mead macht dieses Entwicklungsstadium anhand des Kleinkind- spiels deutlich. Play bezeichnet er als das typische Rollenspiel des Kleinkindes, wobei es immer in verschiedene Rollen schlüpft, aber mit sich alleine spielt - sei es zum Bei- spiel beim Kaufladen, Käufer und Verkäufer gleichermaßen zu mimen. Game hingegen ist die organisierte Form des Spiels, darin kann das Kind nicht nur die unterschiedlichen Rollen wiedergeben, sondern auch mit anderen interagieren und schafft es sogar, Regeln zu verstehen und sich daran zu halten.10 Damit gelingt es dem Kind, „[…] nicht nur die Rollen der Personen in seiner unmittelbaren Umgebung zu verstehen und die Erwartun- gen einer größeren Gemeinschaft […] oder gar der Gesellschaft (»der generalisierte Andere«)“11 zu erfüllen. Wenn dies erreicht ist, hat das Kind einen bedeutenden Schritt in die Richtung zum „kompetenten sozialen Handeln“ getan.12

[...]


1 Boudon, R./ Bourricaud, F.: 1992, S.511

2 Hurrelmann, K./ Ulich, D.: 1991, S.7

3 Korte, H./ Schäfers, B.: 2006, S. 46

4 Boudon, R./ Bourricaud, F.: 1992, S.511

5 Baumgart, F.: 2008, S. 32

6 Baumgart, F.: 2008, S. 33

7 Baumgart, F.: 2008, S. 120

8 Baumgart, F.: 2008, S. 121

9 Baumgart, F.: 2008, S. 121

10 Vgl. Joas, H./ Knöbel, W.: 2004, S. 191f.

11 Joas, H./ Knöbel, W., S. 192

12 Vgl. Baumgart, F.: 2008, S. 122

Ende der Leseprobe aus 11 Seiten

Details

Titel
Geschlechterspezifische Sozialisation
Hochschule
Universität Augsburg
Veranstaltung
Soziologie Übung - Methoden und Theorien
Note
1,3
Autor
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V178585
ISBN (eBook)
9783656008163
ISBN (Buch)
9783656007838
Dateigröße
433 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
geschlechterspezifische, sozialisation
Arbeit zitieren
Iska Mira Beißwenger (Autor:in), 2010, Geschlechterspezifische Sozialisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178585

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