Schuld und personale Verantwortung im "Armen Heinrich"


Referat (Handout), 2002

8 Seiten, Note: gut


Leseprobe

Inhalt

I. Forschungstendenzen zum Schuldbegriff
1. Arno Schirokauer (1951)
2. Christoph Cormeau (1969)
3. Hans Seigfried (1971)

II. Parallelen und Unterschiede im `Gregorius´ und im `Armen Heinrich´
1. Exkurs: Die Bedeutung der Zahlen
2. Der Begriff der Sünde

III. Themen und Schwerpunkte des Werkes

IV. Aussageabsicht des „Armen Heinrich“
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:

I. Forschungstendenzen zum Schuldbegriff

1. Arno Schirokauer (1951)

Schirokauer benennt Krankheit und Verstrickung in Sünde als eindeutige Folgen schwerer Schuld, die nur durch entsprechende Buße getilgt werden kann und somit eine Rückkehr in den begnadeten Zustand erreichen kann.

Er fasst die Legende vom Armen Heinrich als Büßergeschichte bzw. Bekehrungs-geschichte auf und geht weiter von einem dreistufigen Bußschema aus:

der contritio, confessio und satisfactio. Dieses glaubt er bei der Läuterung Heinrichs nachweisen zu können:

- steigende Annäherung an die contritio: V. 252-256
- der erste Grad der Buße: CONTRITIO CORDIS: V. 378-382
- Drei Jahre reift die contritio cordis, dann erst ist der zweite Grad der Buße zu erkennen: CONFESSIO: V. 395ff.
- Der dritte und nach Schirokauer auch entscheidende Schritt ist der Lebensverzicht, die Ablehnung einer Gesundung, die nur durch den Opfertod des Mädchens gewonnen werden kann. An Heinrich vollzieht sich das Wunder, Wendung und Verwandlung, Metanoia, die Erneuerung bis ins Herz hinein, die Einkehr und Umkehr (V. 1235, 1238ff.).

Gott erkennt in seiner Demut die SATISFACTIO seiner sündhaften Hoffart und lässt Gnade walten. Heinrich wird in den Herrenstand zurückgehoben (V. 1371f.) und ist von nun an kein miser oder pauper mehr (V. 1430f.).

Seine Buße ist angenommen, mit seiner Sünde wird er seiner Krankheit ledig.

2. Christoph Cormeau (1969)

Er übt Kritik an der älteren Forschung, die meist nur nach folgendem Ablauf vorgeht: Sündenfall – strafendes Geschick – Buße und erneute Begnadung, „ohne sich weiter auf kasuistische Fixierung von Schwere der Sünde und kausaler Verkettung einzulassen.“

Weiter beklagt er, nirgends werde ausreichend nach Kriterien der Schuld und Zurechnung gesucht. Die Erzählungen werden, so Cormeau, mehr oder minder gewaltsam in das vorfixierte Bußschema gepresst.

Cormeau versteht den Aussatz nicht als Strafe für eine vorausliegende, eindeutig schwere Sünde, den Augenblick der Umkehr vor der Tür des Salerner Arztes nicht als Heinrichs reuige Erkenntnis seiner Schuld und Annahme seiner Buße, sondern bei ihm deutet alles nur auf eine spät erkannte Blindheit ohne böse Absicht hin.

Die Titelgestalten erreichen einen neuen Horizont, der nicht an eine bloße Zurückführung zur Gnade denken lässt. Die Krise der Erzählung – Heinrich vor der Tür des Salerner Arztes (V. 1228ff.) – wird mit einer tiefgreifenden Wandlung beantwortet.

„Reue über getane Sünde als Wendepunkt hieße Umkehr, Abrücken von dem Geschehenen, Korrektur der Vergangenheit, wäre wesentlich nach rückwärts gewandt, vom gegenwärtigen Augenblick der Erkenntnis auf Zurückliegendes bezogen.“

Doch der Blick nach rückwärts, auf das frühere Gottesverhältnis, fehlt bei Heinrich ganz. Seine Entscheidung fällt er aus der augenblicklichen Lebenssituation heraus, die sein Leben völlig neu orientiert: V. 1256.

Heinrichs Wandlung greift tiefer als die Reue über eine Sünde: Die niuwe güete, zu der ihn der Anblick des Mädchens herausfordert, verändert seine Beziehung zu dem Menschen vor ihm und zu Gott (V. 1276).

„Seine Schuld ist eine unbewusste Realisierung, keine verantwortliche Entscheidung, noch nicht einmal Erkenntnis – die Blindheit menschlichen Selbstvertrauens.“

Indem Heinrich im Mitleid mit dem Mädchen den erkannten Anspruch Gottes erfüllt, lässt er das Zwielicht um die frühere Schuld hinter sich.

3. Hans Seigfried (1971)

Das Wort „ schulde “ ist positiv bestimmt und kein notwendiges Korrelat zu missetât und sünde. Der Begriff kommt meist in derselben Wendung vor: von (mînen, dînen, ir, welhen) schulden. Ausnahme: V. 28 und V. 658ff.. Hier besteht eine Beziehung zu missetât und sünde und dem Verlust der gotes hulden.

Heinrichs altez gemüete und sein alter muot hat ihm offenbar Gottes Strafe verdient

(V. 383ff.) und seine hulde verwirkt (V. 408) und ist somit indirekt als sünde Heinrichs bestimmt. Erst durch seine Bekehrung kam er zur Einsicht, dass gotes wille an ihm geschehen müsse (V. 1276/ 1430ff.). Dazu hatte er vor seiner Bestrafung und Bekehrung nicht den muot. Durch Strafe musste er erst dazu erzogen werden.

Seigfried stellt den hôchmuot Heinrichs als Ursache seiner Treulosigkeit gegen Gott dar. „Diese selbst sind somit sünde und missetât, als Widerwille gegen Gottes Willen und als Verfehlung gegen das größte Gebot Gottes gekennzeichnet, die ihn in Gefahr bringen, auch gegen das zweitgrößte Gebot Gottes durch bärmde -losigkeit sich zu vergehen, und die Gottes râche hervorrufen und den Verlust der sêle mit sich bringen.“ (Vgl. hierzu V. 383ff.)

Die Erfahrung der völligen Selbsthingabe beim Anblick des nackten und gebundenen Mädchens aus höchster triuwe zu Gott für das êwige leben (V. 1162ff., 806ff., 693ff., 607ff.) überwältigen Heinrichs hôchmuot. Außerdem die tiefster bärmde zum Nächsten

(V. 1152ff., 987ff.) für die Genesung von seiner Krankheit und für die Errettung seiner Seele (Vgl. V. 1235ff.).

Dem körperlich wie seelisch geheilten Ritter gelingt es endlich, êre, guot und got in Einklang zu bringen: V. 1430ff.

Der arme Heinrich macht sich zwar willentlich, aber nicht wissentlich schuldig an einer sünde und missetât.

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass laut Seigfried Hartmann schon einer unwissent - willentlichen Sünde den Verlust der gotes hulde und die Verdammung zur Höllenstrafe folgen lässt.

„Die Schuld als Ursache des Fehlens der Übereinstimmung des Menschenwillens mit dem Gotteswillen in seinen Geboten und Verboten ist Ursache des Mangels der gotes hulde, die zum êwigen leben führt im himelrîche.

II. Parallelen und Unterschiede im `Gregorius´ und im `Armen Heinrich´

1. Exkurs: Die Bedeutung der Zahlen

Im `Armen Heinrich´:

[...]

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Details

Titel
Schuld und personale Verantwortung im "Armen Heinrich"
Hochschule
Universität Augsburg  (Lehrstuhl für Alte Sprachen und Literatur im Mittelalter)
Note
gut
Autor
Jahr
2002
Seiten
8
Katalognummer
V17860
ISBN (eBook)
9783638223256
ISBN (Buch)
9783656562719
Dateigröße
460 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schuld, Verantwortung, Armen, Heinrich
Arbeit zitieren
Monika Reichert (Autor), 2002, Schuld und personale Verantwortung im "Armen Heinrich", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17860

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