Die chalkedonensische Christologie als Kriterium für jedes christliche Gottesverständnis


Hausarbeit, 2011
21 Seiten, Note: 3,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Das Problem der Vermittlung zwischen Gott und Mensch
2.1. Analogielehre
2.2. Gemeinsamer Seinsbegriff mithilfe der analogen Rede?

3. Kann Gott trotzdem eine Beziehung zu uns eingehen?
3.1. Das Konzil von Chalkedon
3.2. Interpretation der chalkedonensischen Begriffe
3.3. Trinität Gottes als Begründung für eine Vermittlung zwischen Gott und Welt
3.4. Von der Menschwerdung zur Kirchewerdung

4. Das chalkedonensische Dogma als Interpretationsschlüssel für alle anderen christlichen Dogmen

5. Kritik

6. Fazit

7. Bildnachweis

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Peter Knauer S.J.[1] versucht in seinem Text „Die chalkedonensische Christologie als Kriterium für jedes christliche Glaubensverständnis“ dem Problem der Vermittlung zwischen Gott und Mensch zu begegnen. Hintergrund seines Gedankenganges ist die Aussage des Thomas von Aquin:

„Da also Gott außerhalb der ganzen Ordnung der Geschöpfe ist und alle Geschöpfe auf ihn hingeordnet sind und nicht umgekehrt, ist es offenkundig, dass die Geschöpfe real auf Gott bezogen sind; aber in Gott ist keine reale Beziehung von ihm auf die Geschöpfe, sondern nur eine gedachte (secundum rationem tantum), insofern die Geschöpfe auf ihn bezogen sind.“[2]

Zunächst stellt Knauer dar, warum es so schwierig ist, sich eine reale Beziehung Gottes zu der Welt vorzustellen. Daraufhin nimmt er auf die Analogielehre Bezug um sich eine Relation von Gott zu den Menschen aufgrund eines gemeinsamen Seinsbegriffs vorzustellen. Knauer erklärt, dass anhand der analogen Rede über Gott keine Vermittlung möglich wäre. Aufgrund dessen versucht er mithilfe der Dreifaltigkeit Gottes darzustellen, dass Gott trotzdem eine Beziehung zu den Menschen aufbauen kann. In diesem Zusammenhang erklärt er die Menschwerdung Gottes und was es mit dem Wort Gottes auf sich hat.

Die christlichen Glaubensaussagen stellen für ihn ein Problem dar, weil entweder die Einheit zwischen Gottheit und Menschheit betont wird oder die Unterschiedlichkeit, aber beides wird der Menschwerdung Gottes nicht gerecht. Knauer stellt sich deswegen die Frage, wie die Gottheit Gottes gewahrt werden kann, wenn Gott selbst Mensch wird. Um dies zu klären, setzt er sich mit dem Dogma des Konzils von Chalkedon auseinander, welches unter anderem beinhaltet, wie man sich die menschliche und göttliche Natur in Jesus Christus vorstellen kann. Daraufhin erklärt Knauer, wieso jedes darauffolgende christliche Dogma, das chalkedonensische Dogma im Blick haben und sich darauf berufen muss.

2. Das Problem der Vermittlung zwischen Gott und Mensch

„Es ist offenkundig, dass hinter der ständigen, bis heute nicht zur Ruhe gekommenen dialektischen Bewegung in der gesamten Dogmen- und Theologiegeschichte zwischen der Betonung der Einheit und der Betonung der Unterschiedenheit von Gottheit und Menschheit ein ungeklärtes und vielleicht unklärbares Problem steht: das Problem der Vermittlung zwischen Gott und Mensch.“[3]

Im Folgenden soll aufgezeigt werden, ob wirklich ein Problem zwischen der Vermittlung von Gott und den Menschen vorhanden ist und ob es tatsächlich unlösbar erscheint.

Eine Beziehung zwischen zwei Menschen ist anhand eines gemeinsamen Hintergrundes möglich. Ist dies auch bei der Beziehung zwischen Gott und einem Menschen gegeben? In der Heiligen Schrift heißt es, dass Gott „allein Unsterblichkeit hat“ und ein „unzugängliches Licht bewohnt, den keiner der Menschen gesehen hat noch sehen kann.“ (1 Tim 16) Nach dieser Ansicht besitzen Gott und Welt keinen gemeinsamen Horizont.[4] Ist somit keine Vermittlung zwischen Gott und Welt möglich? Im Weiteren wird auf die Analogielehre verwiesen, die eventuell einen „gemeinsamen Seinsbegriff“[5] erkennen lässt.

2.1. Analogielehre

„Analogie“ bedeutet zunächst, dass „alles Seiende schlechthin im Sein übereinkommt, sich zugleich aber im Sein wesentlich unterscheidet, jedoch nicht durch Merkmale, die v. außen z. Sein hinzutreten, sondern, da sie selbst Seiendes sind, einer Selbstauslegung des Seins entspringen“.[6] Der Grundgedanke der Analogielehre besagt, dass der Seinsbegriff Gottes sinngemäß auf den der Menschen anzuwenden ist, weil „Gott sein Sein aus sich selbst besitzt“[7], aber dagegen haben die Menschen als seine Geschöpfe, das Sein von ihm.[8] Alle Aussagen, die über Gott gemacht werden, sind nur analog auf den Menschen übertragbar. Wenn beispielsweise Gott als der Vater bezeichnet wird, besitzt dies nicht dieselbe Bedeutung, wie wenn ein Mensch als Vater bezeichnet wird. In der Analogielehre wird zwischen einer Proportionsanalogie und einer Attributionsanalogie unterschieden. Bei der Proportionsanalogie findet zwischen Verhältnissen oder Relationen entweder eine genaue Gleichheit oder Ähnlichkeit statt.[9] Während bei der Attributionsanalogie die „Ähnlichkeit [...] in einer gewissen Abhängigkeit der Attribute voneinander [besteht].“[10] Zudem besagt die Analogielehre, dass es drei Erkenntniswege gibt von Gott zu sprechen: „via affirmativa“, „via negativa“ und die „via eminentiae“. Der erste Weg, der Weg der Bejahung, sagt aus, dass in positiver Weise über Gott geredet wird. Ihm werden ausschließlich gute Eigenschaften zugesprochen. Bei dem zweiten Weg, der Weg der Verneinung, werden Aussagen über Gott negiert. Ansatzpunkt bildet hierbei „die innere Begrenztheit [...] [der] Vollkommenheit [der Welt], die Negativität der Welt.“[11] Beispielsweise kann über Gott eine un­endliche Vollkommenheit ausgedrückt werden. Die Menschen sind nicht vollkommen, weil sie wegen ihrem Geschaffensein auf etwas bezogen sind. Es wird die Unvergleichlichkeit Gottes betont, da er als Ursprung aller Lebewesen gilt. Bei dem letzten Weg, der Weg der Überbietung, werden Eigenschaften Gottes in einer Weise dargeboten, so dass seine Einmaligkeit offenkundig wird. Jede Eigenschaft Gottes kann nicht überboten werden. Analog zu den Menschen kann somit beispielsweise ausgesagt werden, dass Gott eine Über- Wirklichkeit besitzt, gleichwohl wir eine Wirklichkeit besitzen.[12] Diese drei Wege über Gott zu sprechen bleiben analog, weil wir über seine Existenz nur mit unseren vorhandenen Bezeichnungen hinweisend reden können. „Gott selbst ist unbegreiflich.“[13]

Es ist wichtig, dass wir unser Geschaffensein von Gott anerkennen, denn „von Gott ist [...] nur dann wirklich die Rede, wenn man sich selbst und alle Wirklichkeiten überhaupt als restlos von ihm abhängig versteht.“[14] Dies kann nur durch eine analoge Rede über Gott möglich werden.[15]

2.2. Gemeinsamer Seinsbegriff mithilfe der analogen Rede?

Ermöglicht die analoge Rede über Gott einen gemeinsamen Seinsbegriff? Mithilfe der „via affermativa“[16] lässt sich nur hinweisend über Gott reden, weil die Eigenschaften Gottes, die im Verhältnis zu unseren gesetzt werden, unüberbietbar sind. Wie schon Anselm von Canterbury aussagte, ist Gott „das Wesen, das von nichts Größerem überragt werden kann, über den hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“.[17] Somit kann über Gottes Sein nur analog etwas ausgesagt werden.[18] Gottes Wirklichkeit ist nicht mit der des Menschen gleichzusetzen. Denn alles, was wir als Wirklichkeit ansehen, ist „aus dem Nichts geschaffen“[19] von Gott (vgl. Gen 1, 27a). Aus diesem Grund sind wir restlos bezogen auf Gott, weil wir durch ihn aus dem Nichts geschaffen worden sind und nur anhand dieses Bezogenseins wird eine Rede über Gott möglich, weil wir ihm deswegen ähnlich sein müssen.[20] Die „via negativa“[21] lässt erkennen, dass die Welt zwar auf Gott restlos bezogen ist, weil sie seine Schöpfung ist, aber gerade weil sie von Gott geschaffen ist, ist sie von ihm restlos verschieden. Die Welt kann aufgrund des restlosen Bezogenseins eine reale Beziehung zu Gott aufbauen, aber Gott kann keine Beziehung zu der Welt aufbauen, weil er nicht auf sie restlos bezogen ist. Darin liegt die Unähnlichkeit Gottes zur Welt.[22] Das bedeutet, dass die Welt „in ihrem restlosen Bezogensein auf Gott [...] restlos von Gott verschieden [bleibt]. Gerade in ihrer Ähnlichkeit Gott gegenüber ist sie ihm deshalb zugleich unähnlich.“[23] Gott ist uns nur unähnlich, weil er nicht restlos auf uns bezogen ist, sonst wäre er von etwas abhängig und somit nicht mehr vollkommen.[24] „Eine gegenseitige Ähnlichkeit kann nur bei dem angenommen werden, was der gleichen Ordnung zugehört.“[25] Folglich bedeutet dies, dass eine Beziehung zwischen Welt und Gott nur einseitig bestimmt ist aufgrund der Abhängigkeit der Welt zu Gott. Laut Thomas von Aquin ist eine Beziehung Gott zur Welt nur konstruktiv möglich.[26]

Auf dem dargestellten Bild lässt sich erkennen, dass die Welt zu Gott eine reale Beziehung eingehen kann, aufgrund ihres restlosen Bezogenseins auf ihn. Weil sie von Gott geschaffen worden ist, ist die Welt ihm unähnlich. Es entsteht eine Barriere zwischen Gott und Welt. Da Gott nicht restlos bezogen ist auf die Welt, kann er keine reale Beziehung zu ihr aufnehmen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass gemäß der Analogielehre Welt und Gott keinen gemeinsamen Seinsbegriff und somit keinen gemeinsamen Horizont besitzen. Deswegen wird die Analogielehre als Erschwerung für die Vermittlung zwischen Gott und Welt betrachtet, weil sie impliziert, dass Gott keine Beziehung zu den Menschen eingehen kann.[27] Aber wie ist trotzdem eine Relation von Gott zu uns möglich? Im Folgenden wird auf diese Frage weiter Bezug genommen.

[...]


[1] Peter Knauer, geboren am 5. Februar 1935 in Berlin, gehört den Jesuiten an und ist emeritierter Professor der Fundamentaltheologie. Zudem ist er Mitarbeiter im Foyer Catholique Européen und im Office Catholique d’information et d’Initiative pur l’Europe (OCIPE) in Brüssel. Er veröffentlichte zahlreiche Schriften zu theologischen, ethischen, pastoralen und spirituellen Themen in verschiedenen Sprachen (vgl. Knauer, Lebenslauf).

[2] Aquin, Summa Theologica, Prima Pars, quaestio 13, articulus 7, resp.

[3] Kasper, Walter, Jesus der Christus, Mainz 1974, 283.

[4] Vgl. Knauer, Chalkedonensische Christologie, 2.

[5] Ebd.

[6] CORETH, Art. Analogia entis [Analogie] I. Begriff, LThK2 I, 468.

[7] Schmidt- Leukel, Grundkurs Fundamentaltheologie, 62.

[8] Vgl. ebd.

[9] Vgl. ebd., 63.

[10] Ebd.

[11] Knauer, Glaube, 65.

[12] Vgl. ebd., 63- 66.

[13] Ders., chalkedonensische Christologie, 3.

[14] Ders., Glaube, 61.

[15] Vgl. ebd., 62.

[16] Vgl. Punkt 2.1. „Analogielehre“.

[17] Schäfer, Anselm von Canterbury.

[18] vgl. Knauer, Glaube, 63.

[19] Kraschl, Gott- Welt- Verhältnis, 39.

[20] Vgl. Knauer, Glaube, 64+65.

[21] Vgl. Punkt 2.1. Analogielehre.

[22] Vgl. Knauer, Glaube 65.

[23] Ders., Chalkedonensische Christologie, 3.

[24] Vgl. Ders., Glaube, 66.

[25] Aquin, Summa Theologica, Prima pars, quaestio 4, articulum 3. oder Knauer, Glaube, Anm. 73, 67.

[26] vgl. Knauer, chalkedonensische Christologie, 3-4.

[27] Vgl. ebd., 5.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die chalkedonensische Christologie als Kriterium für jedes christliche Gottesverständnis
Hochschule
Universität zu Köln  (Katholische Theologie)
Note
3,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V178621
ISBN (eBook)
9783656006671
ISBN (Buch)
9783656049791
Dateigröße
2022 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Peter Knauer, Analogielehre, Konzil von Chalkedon, Beziehung Gott zu Mensch, Vermittlung zwischen Gott und Mensch, Seinsbegriff, Trinitätslehre, Trinität Gottes, Von der Menschwerdung zur Kirchwerdung
Arbeit zitieren
Elisabeth Esch (Autor), 2011, Die chalkedonensische Christologie als Kriterium für jedes christliche Gottesverständnis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178621

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