Konversationsschwierigkeiten zwischen Männern und Frauen - Eine Konversationsanalyse und eine Pizza mit Schinken


Hausarbeit, 2010

22 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Anforderungen und Methoden der Konversationsanalyse
1.1 Paraphrase und Handlungsbeschreibung
1.2 Äußerungsgestaltung und Formulierungsdynamik
1.3 Timing
1.4 Kontextanalyse
1.5 Folgeerwartungen
1.6 Interaktive Konsequenzen
1.7 Sequenzmuster

2 Wichtige Begriffe der Konversationsanalyse
2.1 Gesprächsbeiträge
2.2 Sprachwechselsysteme
2.3 On line- Analyse

3 Konversationsverhalten von Männern und Frauen

4 Konversationsanalyse einer vermeintlichen Pizzabestellung
4.1 Paraphrase und Handlungsbeschreibung
4.2 Äußerungsgestaltung und Formulierungsdynamik
4.3 Timing
4.4 Kontextanalyse
4.5 Folgeerwartungen
4.6 Interaktive Konsequenzen
4.7 Sequenzmuster

5 Fazit

6 Quellen

1 Anforderungen und Methoden der Konversationsanalyse

Als methodische Auswertung eines Gesprächs ist die Konversationsanalyse mit dem Anspruch ausgestattet, jegliche Randbedingungen des betrachteten Dialogs auszublenden. Forscher, die Konversationsanalyse betreiben, sind dazu angehalten, nur das Gesagte zu interpretieren, weshalb bei der Gesprächsanalyse von einem Gestus der Rekonstruktion gesprochen wird. Nur das unmittelbar Gesagte darf im Fokus stehen, alles, was noch gesagt oder gedacht wird, und sich somit auf der Grundlage der Vermutung bewegt, darf nicht in die Forschung einfließen. Die Konversationsanalyse verzichtet auf die Aufstellung von Ex-ante-Hypothesen und verlangt stattdessen, dass sich die Forscher mit maximaler Offenheit auf das Untersuchte einlassen, damit sie eine größtmögliche Erschöpfung der Analyse erreichen.

Eine weitere Anfordung der Konversationsanalyse ist die Aufgabe, dass jede Interaktion soweit wie möglich als sich selbst interpretierendes Geschehen zu betrachten ist. Jedes Detail soll als sinnvoll motiviert betrachtet werden, weshalb die Konversationsanalyse den Interaktionspartnern so lange wie möglich eine Sinnhaftigkeits ihres Tuns unterstellen muss. Genau diese Sinnhaftigkeit soll durch die Konversationsanalyse entdeckt werden.

Die Untersuchung dieser Sinnhaftigkeit geschieht durch die Analyse der sequentiellen Ordnung. Unter dem Begriff Sequenz ist hierbei zu verstehen, dass Gespräche zeitlich strukturiert sind und durch aufeinander folgende Beiträge entstehen.

Für den Einstieg in eine solche Konversationsanalyse gibt es zwei Möglichkeiten. Der Forscher kann einen mikroskopischen Einstieg wählen und sich somit mit der Detailanalyse eines Gesprächsausschnittes befassen. Die zweite Möglichkeit besteht darin, einen makroskopischen Einstieg zu wählen und somit eine Strukturbeschreibung des Gesamtgesprächs vorzunehmen. Unabhängig von der Wahl des Einstiegs, muss der Forscher im weiteren Verlauf der Analyse darauf achten, dass kein Wissensbestand als fraglos gültig zugrunde gelegt wird. Für jede Analyse ist Wissen in Form von drei Arten notwendig: das Alltagswissen, das ethnographische Wissen und das theoretische Wissen.

Das Alltagswissen ist hierbei als Grundlage eines jeden Wissens zu verstehen. Zugleich ist es Voraussetzung für jedes Verstehen und wird größtenteils als implizit betrachtet, da es als Können zur Verfügung steht, wie beispielsweise beim Rad fahren. Das Alltagswissen ist als Grundstock der Gesprächsanalyse Ausgangspunkt für die weiteren Wissensarten.

Auf dem Alltagswissen basiert das ethnographische Wissen, worunter das Wissen über das besondere Milieu einer Untersuchung zu verstehen ist. Es ist von expliziter Bedeutung, über die untersuchte Ethnie Kenntnisse zu besitzen, um deren Wissen, Sprachgebrauch und Kultur zu kennen. Für den Forscher macht es einen Unterschied, ob er eine Kultur im europäischen Raum, oder beispielsweise im arabischen Raum untersucht.

Die dritte Wissensart ist das theoretische Wissen. Dieses liefert Ideen um auf potentiell Relevantes aufmerksam zu machen und Modelle bereit zu stellen, die zur Interpretation dienen.

Die wichtigste Methode einer Konversationsanalyse ist jedoch die ethnomethodologische Indifferenz. Der Forscher muss sich von seinen Erwartungen und Vorurteilen frei machen, da die mögliche Deckungsungleichheit des Herausgefundenen mit den Normen und eigenen Erwartungen, die Analyse nicht beeinflussen darf. Der Forscher muss aus einer objektiven Position beobachten, und so tun, als ob ihm das Beobachtete fremdartig wäre.

Für die weitere Analyse von Konversationen werden nun sieben Schritte vorgestellt, die sich an Deppermann (vgl. Deppermann 1999) anlehnen.

1.1 Paraphrase und Handlungsbeschreibung

In einem allerersten Schritt der Konversationsanalyse muss in einem Anlauf geklärt werden, worum es sich in der untersuchten Gesprächspassage überhaupt handelt. Dabei müssen Gesprächsthemen und Inhalte identifiziert werden, bevor es anschließend zur Klärung der sprachlichen Handlungen kommt. Dieser Handlungsschritt der Konversationsanalyse ist rein deskriptiv.

1.2 Äußerungsgestaltung und Formulierungsdynamik

Ist die Paraphrase formuliert und die Handlungsbeschreibung erfolgt, befasst sich der zweite Schritt der Konversationsanalyse mit der Untersuchung der Art und Weise, wie gesprochen wird. Hierfür ist ein solides linguistisches Grundwissen des Forschers wünschenswert. Der vorliegende Text soll auf fünf Merkmale der Linguistik untersucht werden:

I. Phonetik: Hierbei wird analysiert, ob es dialektale oder fremdsprachliche Lautungen der Gesprächsteilnehmer gibt oder ob sie Laute verschlucken.
II. Prosodie: Diese Teilanalyse befasst sich mit der Akzentuierung von bestimmten Satzbausteinen und dem Sprachrhythmus. Zudem wird hierbei betrachtet, ob es Lautstärke- oder Tempoveränderungen der Sprechpartner gibt und ob sich die Stimmqualität verändert.
III. Grammatik: Die Wortfolgen, syntaktischen Konstruktionen und Satzplanbrüche stehen hier im Mittelpunkt der Analyse. Es wird untersucht, inwiefern die eigene Sprache konstruiert wird.
IV. Lexik: Anhand der Lexik kann ein geübter Analytiker erkennen, um welches Milieu es sich bei den untersuchten Gesprächsteilnehmern handelt. Hierbei wird die Wahl von Registern und Codes betrachtet. So verfügen viele Subkulturen und Berufsgruppen über ein spezielles Sprachregister, welches bei der Analyse von Gesprächen für gewinnbringende Erkenntnisse sorgen kann und von äußerster Wichtigkeit ist.
V. Stilistik: Im fünften Teilbereich der linguistischen Untersuchung werden Formeln, Metaphern, Bildhaftigkeiten, ironische Bemerkungen und Reime betrachtet, welche im Gespräch vorkommen.

1.3 Timing

Der dritte Schritt bei der Konversationsanalyse besteht aus der Betrachtung des Timings- der zeitlichen Abfolge der Dialogbeiträge. Diese Verhältnisse zwischen Äußerungen verschiedener Gesprächsteilnehmer sind für die Interpretation einzelner Beiträge immens wichtig. Zentraler Untersuchungsgegenstand beim Timing ist der Sprecherwechsel, wobei versucht wird, die Frage nach dem Prinzip des turn-taking zu beantworten: wie geregelt ist der Wechsel und wann darf wer das Wort ergreifen. Hierbei gibt es zwei Möglichkeiten:

Fremdwahl: Der aktive Sprecher richtet mit einer Äußerung das nachfolgende Sprechrecht an eine von ihm ausgesuchte Person. Person A entscheidet somit, welche Person B als nächstes reden darf. In streng strukturierten und geregelten Situationen wird diese Wahl häufig angewandt, beispielsweise vor Gericht oder in der Schule.

Selbstwahl: Hierbei entscheidet der Zuhörer eigenständig, dass er reden darf. Er nimmt sich somit das Rederecht, obwohl es ihm vielleicht gar nicht zugedacht war und somit im Widerspruch zur Wahl des vorangehenden Sprechers steht. Zudem muss betrachtet werden, ob das Rederecht überhaupt frei war, denn Äußerungen per Selbstwahl wirken oftmals als Störungen und können Konsequenzen bis hin zum Ausschluss der Konversation nach sich ziehen.

1.4 Kontextanalyse

Nach der Betrachtung und Beschreibung der Handlung, der Äußerung und des Timings, widmet sich der vierte Schritt der Konversationsanalyse der Untersuchung des Kontext. Für diese Analyse ist das Verständnis wichtig, dass Gesprächsäußerungen Züge in einem Interaktionsprozess sind. Sie beruhen auf einem Verständnis der Gesprächssituation, welches sich bis zum gegenwärtigen Moment entwickelt hat. Es müssen somit die bedeutungsgebenden Kontexte rekonstruiert werden, da die Konversationsanalyse bekanntermaßen ein Gestus der Rekonstruktion ist. Hierbei kann auch von einer Kohärenz der Texte gesprochen werden. Die einzelnen Textelemente sind nicht selbstständig zu analysieren, sondern immer nur in Bezug zu anderen interpretierbar. Äußerungen werden demzufolge in der Regel nur auf vorangegangene Äußerungen bezogen und bilden den Bezugsrahmen füreinander. Eine Ausnahme kann gemacht werden, wenn ausdrücklich angezeigt wird, dass eine weiter vorangehende Äußerung den relevanten Kontext darstellt. Wenn ein Gesprächspartner beispielsweise sagt: "Kommen wir noch einmal zurück auf den Anfang des Themas.", dann wurde der Ausgangskontext im Verlauf der Diskussion immer weiter verlassen und das nun gesagte wird sich wieder auf den Ursprung beziehen. Da diese Kontexte mit den Gesprächsbeiträgen zueinander in reflexiver Beziehung stehen, müssen die Beteiligten immer wieder anzeigen, in welchem Kontext sie agieren, da sonst eine Verunsicherung entsteht und die Leute aneinander vorbei reden.

1.5 Folgeerwartungen

Anschließend an die Kontextanalyse behandelt die Konversationsanalyse im fünften Schritt die Folgeerwartungen. Darunter wird der doppelte zeitliche Horizont einer Äußerung verstanden, denn jede Äußerung orientiert sich an einem vorhergehenden Kontext (in der Vergangenheit) und bildet gleichzeitig selbst einen Kontext für die kommenden Äußerungen (in der Zukunft). Die Äußerung der Gegenwart bezieht sich auf die Vergangenheit und schafft die Zukunft des Gesprächs. Diese Zukunft stellt die Folgeerwartung dar, denn eine Äußerung lässt immer eine spezifische Reaktion folgen, was auch als konditionelle Relevanz bezeichnet wird. Auf eine Frage wird beispielsweise immer eine Antwort erwartet. Solche Folgeerwartungen eröffnen qualifizierte Leerstellen, sogenannte slots, welche durch einen Gesprächsbeitrag, auch filler genannt, gefüllt werden können. Es werden hierbei drei Arten von fillern unterschieden:

I. präferierte Folge: A schafft eine Erwartung und B erfüllt diese
II. dispräferierte Folge: A schafft eine Erwartung, B kann diese nicht erfüllen, zeigt jedoch, dass die Erwartung bekannt ist (bspw. kann B die Frage nicht beantworten, weil die Antwort nicht bekannt ist, aber die Frage verstanden wird)
III. ignorierende Folge: A schafft eine Erwartung und B erfüllt diese nicht, ohne zu erkennen zu geben, dass die Erwartung bekannt ist oder sich an ihr orientiert wird

Um möglichst wenig Missverständnisse zu haben, müssen die Sachverhalte des Gespräches eindeutig formuliert werden. Ebenso sollten fragwürdige Behauptungen und Formulierungen begründet werden.

1.6 Interaktive Konsequenzen

Die Betrachtung der interaktiven Konsequenzen ist die wichtigste Analyseaufgabe überhaupt. Sie bietet die wertvollste Ressource für die Rekonstruktion der Handlungs- und Interaktionspraktiken und unterscheidet vier Positionen:

I. Fortsetzung des Beitrages durch den Sprecher selbst (first position)
II. unmittelbar anschließende Reaktion der Gesprächspartner (second position)
III. Reaktion des Sprechers der Ausgangsäußerung auf die Reaktion der Gesprächspartner (third position)
IV. Rückbezüge auf die fokale Äußerung im späteren Gesprächsverlauf

Die bevorzugte Ressource der Entwicklung von Interpretationen besteht in der Untersuchung der Reaktion der Gesprächspartner auf die Ausgangsäußerung, somit in Position II. Sie ist deshalb so wichtig, da sie den Ausgangsbeitrag des Sprechers interpretiert, aber gleichzeitig auch eine neue Gesprächstatsache schafft. Der Sprecher in Position II gibt dem Gesprächspartner aus Position I mit seiner Antwort zu verstehen, welche Erwartungen er an sich gerichtet sieht und wie er sich zu ihnen stellt. Die Person in der ersten Position kann nun, anhand der Reaktion von Position II, erkennen, wie diese Person seine Äußerung interpretiert hat. In der third position hat er nun die Gelegenheit, sich zu diesem Verständnis zu beziehen. Er kann, wenn die Reaktion deckungsgleich mit seiner Erwartung ist, den Dialog fortfahren, oder ihn aber korrigieren, wenn er merkt, dass der Inhalt nicht verstanden wurde.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Konversationsschwierigkeiten zwischen Männern und Frauen - Eine Konversationsanalyse und eine Pizza mit Schinken
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Ethnomethodologie II
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
22
Katalognummer
V178648
ISBN (eBook)
9783656007937
ISBN (Buch)
9783656007708
Dateigröße
499 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
konversationsschwierigkeiten, männern, frauen, eine, konversationsanalyse, pizza, schinken
Arbeit zitieren
Steven Oklitz (Autor), 2010, Konversationsschwierigkeiten zwischen Männern und Frauen - Eine Konversationsanalyse und eine Pizza mit Schinken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178648

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Konversationsschwierigkeiten zwischen Männern und Frauen - Eine Konversationsanalyse und eine Pizza mit Schinken



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden