Der Charakter Anatols im Kontext der zeitgenössischen Weltanschauung in Arthur Schnitzlers „Anatol“


Essay, 2011
6 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Die Figur des Anatol im gleichnamigen Erzählzyklus Arthur Schnitzlers soll die literarisierte und überspitzte, aber dennoch repräsentative Persönlichkeit des Mannes zum Ende des 19. Jahrhunderts darstellen (vgl. Vega 1996[1]: 48). In dieser Zeit, die aufgrund von Verstädterungsprozessen, Erfindungen und weitreichenden politischen Veränderungen eine Epoche der Unsicherheit und der Unstetigkeit darstellte, hinterfragte man sowohl das eigene Sein als auch die Welt, die einen umgab. Autoren dieser Zeit versuchten neue und experimentelle künstlerische Stile, um sich dadurch die Welt begreifbar zu machen, die sich aufgrund von neuartigen Erzählformen sowie durch alterierende Wertvorstellungen und Verhaltensweisen in einem immer schneller ablaufenden Veränderungsprozess befand.

Der Protagonist Anatol tritt in Schnitzlers siebenteiligem Zyklus in jeder Episode einem scheinbar neuen Problem entgegen: Als erfolgreicher Verführer durchlebt er unterschiedliche Probleme mit seinen Liebschaften, welche er scheinbar oftmals wechselt und die sich manchmal sogar überschneiden. (vgl. Schnitzler 1962: 69-70) Anatol erscheint als ein Charakter mit fehlender Kompromiss- und Bindungsbereitschaft. Obwohl man wenig über sein Alter und generell über sein Umfeld erfährt, kann man aus dem Kontext herauslesen, dass er der oberen Gesellschaftsschicht anzugehören scheint und scheinbar im Verlauf der einzelnen Episoden ein mittleres Alter erreicht hat. Jedoch ist er nicht bereit, sich längerfristig zu binden oder Kompromisse in Liebesbeziehungen einzugehen. Als Verführer und Liebhaber scheint er großen Erfolg zu haben, kann sich jedoch emotional nicht auf eine Beziehung einlassen. Er verlässt daher die Frauen, mit denen er eine Liebesbeziehung hat, indem er fadenscheinige und zumeist unwahre und zweifelhafte Gründe anführt. So wirft er beispielsweise in der Episode „Die Frage an das Schicksal“ Cora vor, sie sei nicht treu, wofür es weder Beweise noch Indizien gibt und sie ihre Treue stets glaubhaft beteuert. (vgl. Schnitzler 1962: 30-41) Ebenfalls beendet er eine Beziehung in „Denksteine“, weil seine Geliebte Emilie sich entgegen seines Wunsches nicht aller Erinnerungen an frühere Männer entledigt hat. Sie hat einen Edelstein aufbewahrt, weil er von großem Wert ist, Anatol akzeptiert dies allerdings nicht, wirft das Kleinod ins Feuer und verlässt sie. (vgl. Schnitzler 1962: 63-68) Hieran lässt sich eine Doppelmoral erkennen, die in der Hauptfigur vorherrscht. Anatol erwartet von seinen Liebschaften Verhaltensweisen, die er seiner Auffassung nach selbst nicht zu befolgen hat. Er nämlich führt für jede seiner Affären eine Kiste, in der er Erinnerungen aufbewahrt, wie man in „Episode“ erfährt. (vgl. Schnitzler 1962: 50-63) Ebenso ist er selbst untreu, wie in „Abschiedssouper“ (vgl. Schnitzler 1962: 68-80) deutlich wird, verlangt allerdings von seinen Liebhaberinnen bedingungslose Treue. In keinem Moment des Stückes ist sich Anatol diesem Ungleichgewicht zwischen Forderung und Eigenverhalten bewusst, sodass man davon ausgehen kann, dass er dieses Missverhältnis nicht sieht. Anatol scheint in einer eigenen, in sich geschlossenen Realität zu leben, in der seine eigenen Gesetze gelten. Die Gefühle und das Leben seiner Frauen scheinen für ihn nicht relevant zu sein, sie sind nur dafür da, ihn glücklich zu machen. Daher nimmt er keine Rücksicht, sondern trifft Entscheidungen, die zu seinen Gunsten sind; daraus resultierende Konsequenzen für die Liebhaberinnen bedenkt er aufgrund der für ihn fehlenden Relevanz nicht. (vgl. Baumann in Schnitzler 1977: 159) Solch eine selbstverliebte und narzisstische Haltung ist für Anatol grundlegend und bestimmt primär sein Handeln. (vgl. Vega 1996[2]: 43) Mit diesem Agieren geht das ausschließliche Auskosten des Augenblicks einher. (vgl. Baumann in Schnitzler 1977: 159) Anatol denkt nicht längerfristig, sondern genießt seine temporären weiblichen Errungenschaften, meist schon mit dem Ziel, bzw. der Vorstellung, diese für eine neue aufzugeben. So beschreibt er in einer Szene während eines Rendezvous seine Gedanken folgenderweise: „[…] Sie aber war für mich jetzt schon das Gewesene, Flüchtige, die Episode.“ (Schnitzler 1962: 56)

Der Protagonist scheint sich in seinen Handlungen, beabsichtigt oder nicht, einem reifen und zukunftsorientierten Denken zu entziehen. Die größte Angst hat er vor dem Eintönigen (vgl. Baumann in Schnitzler 1977: 158), vor einer traditionellen Beziehung. So beendet er seine Liebschaften meist indem er sich als Opfer darstellt und ihm nichts anderes übrig bleibt, die Beziehung aufgrund von scheinbarem Fehlverhalten ihrerseits zu beenden. So geschieht es beispielsweise in „Denksteine“, dass er seine Geliebte verlässt und sie als „Dirne“ bezeichnet, weil sie einen wertvollen Edelstein aufbewahrt, der ihr ein früherer Mann geschenkt hat (s.o., Schnitzler 1962: 67-68). Sobald demnach das überschwängliche erste Gefühl der Verliebtheit verblasst ist, sieht Anatol keinen Reiz mehr an seinen Verbindungen. Der Protagonist handelt ausschließlich instinktiv, in seinen Handlungen findet man keine Logik, keine Ratio. Er verschließt sich mit dem Beginn einer jeden Affäre vor den vorherigen Erfahrungen, vergisst alle Faktoren, die ihn störten und spart jeden Gedanken an das Gestern und das Morgen aus. (vgl. Baumann in Schnitzler 1977: 160) Der Hauptgrund, seine Liebschaften zu verlassen, ist in jedem Fall die Langeweile. (vgl. bspw. den Grund, Annie zu verlassen: „[…] Weil sie mich langweilt“ (Schnitzler 1977: 69) Allerdings scheint ihm bewusst zu sein, dass es an jeglichem Anstand mangeln würde, wenn er ihnen dies als Trennungsgrund mitteilen würde, sodass er die oben angeführten fadenscheinigen Gründe vorschiebt.

Diese Geisteshaltung bekräftigt Schnitzler in der Form seines Werkes.

[...]

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Details

Titel
Der Charakter Anatols im Kontext der zeitgenössischen Weltanschauung in Arthur Schnitzlers „Anatol“
Hochschule
Universitat de València  (Departamento de Filologia Alemana)
Veranstaltung
Literatura Alemana Moderna
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
6
Katalognummer
V178834
ISBN (eBook)
9783656011187
Dateigröße
793 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Anatol, Arthur Schnitzler, zeitgenössische Weltanschauung, Charakter, Charakter Anatols, Verstädterungsprozess, Erfindungen, Entwicklung, Unsicherheit, Unstetigkeit, politische Veränderung, alterierende Wertvorstellung, Verführer, Liebschaften, Liebhaber, Denksteine, Doppelmoral, Abschiedssouper, Ungleichgewicht, narzisstische Haltung, Narzissmus, Langeweile, Tiefenpsychologie, Fremdheit, Skepsis, Fin de siècle, Mitleid, Sinnsuche, fehlende Identität
Arbeit zitieren
Carlos Steinebach (Autor), 2011, Der Charakter Anatols im Kontext der zeitgenössischen Weltanschauung in Arthur Schnitzlers „Anatol“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178834

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