Soziologische Aspekte bei der Einführung islamischer Finanzprodukte


Bachelorarbeit, 2011

52 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Interdisziplinärer Ansatz
2.1. Soziologie und Wirtschaft
2.2. Gesellschaftliche Rolle der Religion

3. Die Bedeutung des Islam im Leben gläubiger Muslime
3.1. Islam – „nur“ eine Religion?
3.2. Islamische Rechtsquellen
3.3. Religion des Handels
3.4. Bedeutung von Familie und Gemeinschaft

4. Die islamische Wirtschaftsethik
4.1. „Moral“ in der Wirtschaft?
4.2. Allgemeine Werte der islamischen Wirtschaftsethik
4.3. Der Mensch als Gottes Stellvertreter
4.4. Maysir und Gharar
4.5. Zinsverbot und Beteiligungsprinzip
4.6. Kritik am Kapitalismus

5. Islamic Banking in Deutschland?
5.1. Auswirkungen von Migration auf den Menschen
5.2. Muslime in Deutschland und Islamophobie
5.3. Deutsche Banken als Anbieter islamischer Finanzprodukte

6. Schlusswort

Anhang

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die globale Finanzkrise, welche im Jahr 2007 begann und deren Folgen bis heute andauern, hat zu einer neuen Skepsis gegenüber dem westlichen Bankensystem und dem Kapitalismus insgesamt geführt.[1] Der in der Debatte häufig verwendete Begriff „Kasino-Kapitalismus“[2] drückt aus, dass ein Teil der Bevölkerung die Funktionsweise von Banken und Börse als zu willkürlich, wie ein reines Glücksspiel, empfindet. Der Slogan „Wir zahlen nicht für eure Krise!“ verdeutlicht die Wut auf das System.

DGB-Chef Sommer forderte „ein klares Bekenntnis zur sozialen Marktwirtschaft und gegen den Shareholder-Value-Kapitalismus“[3], Bundeskanzlerin Angela Merkel formulierte: „Die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft müssen weltweit beachtet werden.“[4]

Aufgrund dieser Entwicklungen legen immer mehr Anleger Wert darauf, dass ihre Investmentfonds auch moralisch unbedenklich sind. Neben Öko-Fonds, die ihr Geld nur in umweltfreundlich wirtschaftende Unternehmen anlegen, gibt es auch Fonds, die nicht in bestimmte Branchen, wie zum Beispiel die Rüstungsindustrie, investieren.

Fondsmanager können bei solchen „ethischen Investments“ nicht länger nur ökonomische Größen berücksichtigen, sondern müssen sich mit den sozialen und ökologischen Zielen der Unternehmen auseinandersetzen.[5]

Eine Sonderform ethischer Investments, die in den letzten Jahren zunehmend auch in Deutschland an Bedeutung gewinnt[6], ist das Islamic Banking. Hierbei müssen Bankgeschäfte in Einklang mit der Scharia und dem islamischen Gesetz gebracht werden. Zahlreiche Publikationen zu diesem Thema beschäftigen sich mit den verschiedenen Instrumenten des Islamic Banking, mit seiner ökonomischen Relevanz und seinem Potential für den Westen sowie anderen finanztechnischen Problemen. Der soziologische Aspekt der Materie wird dagegen kaum thematisiert und soll im Mittelpunkt dieser Arbeit stehen.

Die Frage, warum sich ausgerechnet im islamischen Raum bis heute ein Bankensystem hält, das die für uns selbstverständlich gewordenen Funktionsweisen der westlichen Finanzwelt in einigen elementaren Bereichen ablehnt, und welche soziokulturellen Entwicklungen, welches Verständnis der Gesellschaft und des Handels auch deutsche Muslime noch heute an diesem System festhalten lässt, kann nur durch eine interdisziplinäre Herangehensweise beantwortet werden.

Die drei wesentlichen Bereiche, welche sich bei dieser Problemstellung überschneiden, sind die Soziologie, die Wirtschafts- und die Religionswissenschaft. Im ersten Teil dieser Arbeit soll auf die Zusammenhänge zwischen diesen Disziplinen und ihre Relevanz für das Thema eingegangen werden.

Danach folgen einige Erläuterungen zum islamischen Verständnis von Religion und Staat, wobei vor allem die Bedeutung der islamischen Rechtsquellen im Mittelpunkt stehen soll. Wichtige Aspekte dieses zweiten Gliederungspunktes sind zudem das Selbstverständnis des Islam als eine Religion des Handels sowie die Bedeutung der Familie und der Glaubensgemeinschaft in der islamischen Religion.

Im nächsten Schritt soll die Verbindung dieser grundlegenden Weltanschauung zur islamischen Wirtschaftsethik und dem Islamic Banking dargestellt werden. Hierbei soll die Frage beantwortet werden, warum ein Großteil der Muslime dem westlichen Finanzsystem ablehnend gegenübersteht und welchem Ideal sie gerecht zu werden versuchen.

Die beiden grundlegenden Pfeiler des islamischen Finanzwesens, das Zinsverbot und das Beteiligungsprinzip, sowie ihre Bedeutung für gläubige Muslime werden in diesem Zusammenhang erläutert.

Der letzte Gliederungspunkt befasst sich mit der Rolle der Muslime in Deutschland als einer Minderheit und dem Verhältnis der Immigranten zu ihrer Religion. Damit soll geklärt werden, ob Islamic Banking auch für deutsche Muslime Relevanz besitzt und welche soziologischen Aspekte deutsche Banken somit beim Angebot islamischer Finanzprodukte berücksichtigen sollten.

Insgesamt versucht diese Arbeit, einen Einblick in das islamische Wirtschaftsverständnis und die zugrunde liegenden Denkweisen aus soziologischer Perspektive zu gewähren.

2. Interdisziplinärer Ansatz

2.1. Soziologie und Wirtschaft

Max Weber[7] definiert die Soziologie als „eine Wissenschaft, welche soziales Handeln deutend verstehen und dadurch in seinem Ablauf und in seinen Wirkungen ursächlich verstehen will.“[8] Die Soziologie befasst sich also mit dem Menschen und seinem Verhalten in der Gesellschaft bzw. den innerhalb der Gesellschaft erkennbaren Verhaltensmustern.

Die soziologischen Aspekte, welche in dieser Arbeit im Mittelpunkt stehen werden, sind vor allem das Wechselspiel zwischen Individuum, Familie und Gemeinschaft sowie die soziokulturellen Werte der (in diesem Fall islamischen) Gesellschaft, denn laut Weber muss die soziologische Analyse aufzeigen, welche Werte eine bestimmte soziale Struktur mit sich bringt.[9]

Die Soziologie als Ansatzpunkt zur Erklärung wirtschaftlicher Gegebenheiten heranzuziehen, ist naheliegend, da Wirtschaft und Gesellschaft in einem engen Zusammenhang stehen. Fast alle wichtigen sozialen Entwicklungen sind abhängig von den wirtschaftlichen Entwicklungen.[10]

Insbesondere die Weltanschauung einer Gesellschaft ist hierbei von Bedeutung. Wie Hillmann[11] in seiner Allgemeinen Wirtschaftssoziologie darlegt, können Weltanschauungen als „Systeme des menschlichen Selbst- und Weltverständnisses aufgefasst werden“, und bilden die „ideelle Substanz der Kulturen.“[12] Somit stiften sie nicht nur Sinn, sondern legen auch fest, wie die Menschen innerhalb einer Kultur sich verhalten sollten.

Daraus ergibt sich, dass die Weltanschauung auch auf das wirtschaftliche Verhalten einen großen Einfluss ausübt; es prägt, steuert und gestaltet.

Zentrales Element einer Weltanschauung sind die oben erwähnten soziokulturellen Werte, welche in dieser Arbeit immer wieder eine Rolle spielen werden.[13]

Ein in diesem Zusammenhang ebenfalls wichtiges Konzept ist die sogenannte Wirtschaftskultur. Der Begriff meint, dass beispielsweise eine bestimmte Nation, Region oder auch ein ganzer Kulturkreis übergeordnete Werte teilt und diese bestimmte Wertekonstellation auch die Wirtschaft charakterisiert.[14] Die Wirtschaftskultur bzw. Wirtschaftsethik wird laut Weber determiniert durch wirtschaftsgeographische und historische Gegebenheiten, aber auch durch die religiöse Bestimmtheit der Lebensführung, wobei die gegenseitigen Abhängigkeiten komplex sind.[15]

Eine solche Wirtschaftskultur hat sich auch im islamischen Raum etabliert, und sie umfasst nicht nur das islamische Finanzwesen, sondern findet ihren Niederschlag in allen Bereichen des Wirtschaftslebens. Dass diese Wirtschaftskultur sich in einigen Bereichen so fundamental von der westlichen unterscheidet, muss somit darin begründet sein, dass die soziokulturellen Werte der islamischen Gesellschaften in wichtigen Punkten nicht mit den westlichen Werten übereinstimmen.

Die Untersuchung dieser Werte muss demnach einen Schwerpunkt der vorliegenden Arbeit bilden.

2.2. Gesellschaftliche Rolle der Religion

Wie oben bereits erläutert, kann Religion Einfluss auf die Weltanschauung und somit auch auf die Wirtschaftsethik eines Kulturkreises haben, und im islamischen Raum ist dieser Einfluss besonders groß.

Ludwig Feuerbach[16] formulierte: „Die Religion (…) ist das Verhalten des Menschen zu sich selbst.“[17] Damit meint er, dass der Mensch in der Religion sich selbst und sein eigenes Leben reflektiert. Dies bedeutet, dass jede (vermeintliche) Erkenntnis über Gott letztlich eine Selbsterkenntnis ist[18] (Nicht Gott schafft den Menschen, sondern der Mensch schafft Gott). Religion spiegelt soziale Beziehungen demnach eher wider, als dass sie diese diktiert.[19]

Max Scheler[20] verglich dieses Verhältnis zwischen religiösen Vorstellungen und sozialen Strukturen mit einer Schleuse, wobei die sozialen Strukturen „Realfaktoren“ darstellen und die religiösen Vorstellungen „Idealfaktoren“ sind.[21]

Damit ist der Begriff des Ideals in die Erörterung eingeführt: Das Ziel der Verehrung in der Religion ist in der Regel ein Ideal der Gesellschaft und dessen, was das Individuum sich für die Gesellschaft wünscht. Eigene Sehnsüchte und Hoffnungen projiziert der Mensch auf ein fernes Jenseits. Eine besondere Rolle spielt dabei die Idee einer universellen, kosmischen Ordnung, die vom Einzelnen und der Gemeinschaft „verwirklicht“ werden muss. Diese Idee bindet die Menschen, welche diese Ordnung anerkennen, an bestimmte Regeln für Verhalten und Moral.[22]

Aus der Religion sind deshalb die für die Gemeinschaft wichtigen Normen und Werte ableitbar. Denn die Religion richtet sich zwar auf eine transzendente Welt, aber sie etabliert sich im Diesseits und wird somit zu einem bedeutenden Teil der diesseitigen Welt (Parsons[23] Paradox). Es besteht eine „parallele Existenz von Sakralem und Profanem, wobei das Sakrale über die Wert- und Normsetzung in das Profane hineinwirkt.“[24]

Folglich lassen sich aus dem Idealbild, welches die Religion von der Gesellschaft zeichnet, die oben erwähnten soziokulturellen Werte ableiten, welche für das Verständnis des islamischen Wirtschaftssystems unabdingbar sind.

Schon Max Weber sah eine systematische Verbindung von religiösen Überzeugungen und wirtschaftlichem Handeln.

Dies begründet die große Rolle, welche das Thema Religion in dieser Arbeit einnimmt.

Zudem erfüllt die Religion einige wichtige Funktionen für die Gesellschaft. Laut Niklas Luhmann[25] bildet die Religion innerhalb der Gesellschaft ein eigenständiges Subsystem und dient vor allem der Schaffung von Sinnvertrauen (und damit dem Gefühl von Sicherheit für den Einzelnen) und der Bewältigung von Unsicherheitssituationen.[26] Sie bildet somit eine Art „Puffer gegen die Bedrohungen des Gleichgewichts der Gesamtgesellschaft“ und bietet dem einzelnen Menschen „eine Orientierungshilfe für alle Lebenslagen.“[27]

Laut Parsons lassen sich drei Funktionen von Religion unterscheiden: die Internalisierungsfunktion, die Integrationsfunktion und die Legitimierungsfunktion.

Die Internalisierungsfunktion ist eine sozialpsychologische Funktion, die zum Aufbau und zur Sicherung der Identität in der Gesellschaft beiträgt. Religion beantwortet Fragen des Menschen nach sich selbst und der Welt (kognitive Funktion), bildet ein Symbolsystem, das es dem Menschen erleichtert, seine Gefühle zu kommunizieren (kathektische Funktion) und bietet ein Wertesystem, an dem sich der Mensch orientieren kann (evaluative Funktion).

Mit der Integrationsfunktion ist gemeint, dass die Religion dabei hilft, den Menschen in das soziale System zu integrieren. Dies tut sie, indem sie bedrohliche Situationen entschärft, Widersprüche des Systems auflöst bzw. deutet und sie durch sinnhafte Ziele, Normen und Werte ersetzt, womit die Bereitschaft des Einzelnen, sich aktiv am sozialen Leben zu beteiligen, steigt.

Die Legitimierungsfunktion schließlich stützt die kulturellen Normen der Gesellschaft, indem sie diese Normen sakralisiert und den gemeinsamen Wertekonsens somit gegen Bedrohungen, Krisen und Zweifel schützt. Werden eigene Erwartungen von der Gesellschaft nicht erfüllt, kann die Religion diese in eine transzendente Zukunft verlagern und das als unverdient empfundene Unglück wird durch das Versprechen einer zukünftigen Erlösung kompensiert.[28] Schon Karl Marx[29] bezeichnete die Religion als „Opium des Volkes“ und meinte damit die gesellschaftliche Funktion der Religion als stabilisierendem Faktor.[30]

3. Die Bedeutung des Islam im Leben gläubiger Muslime

3.1. Islam – „nur“ eine Religion?

Der Islam ist derzeit nach dem Christentum die zweitgrößte Religion der Welt. Fast jeder fünfte Mensch auf der Erde ist ein Muslim – Tendenz steigend.[31]

„Islam“ ist ein arabisches Wort. Ins Deutsche übersetzt bedeutet es soviel wie „Unterwerfung“, „Hingabe“ oder „Gehorsam“, das heißt, die Religion des Islam steht für die völlige Unterwerfung unter Gottes Willen, für absolute Hingabe und Gehorsam ihm gegenüber. Eine andere Übersetzung des Wortes ist „Frieden“, was bedeutet, dass der Mensch nur durch die Unterwerfung unter Gott Frieden finden kann.[32]

Die Grundlage der islamischen Lehre ist die Einheit und die Einzigartigkeit Gottes, welche auch im islamischen Glaubensbekenntnis formuliert ist: „ila ilaha illa illah“ (Es ist kein Gott außer Gott). Zahlreiche Suren (Abschnitte des Korans) befassen sich mit seiner Größe. Er ist „Schöpfer der Himmel und der Erde“[33], der „aus Sich Selbst Seiende[…] und Allerhaltende[…]“[34], „die Wahrheit“[35]. Der Koran kennt 99 Namen Gottes.

Auch der Prophet des Islam, Mohammed, wird von den Muslimen sehr verehrt. Nach den meisten islamischen Rechtsschulen steht auf die Schmähung des Propheten die Todesstrafe.[36]

Die Rolle des Menschen gegenüber Gott lässt sich folgendermaßen charakterisieren: Das Individuum ist von Gott beauftragt, in taqwa (etwa „Gottesfurcht“) zu leben und für seine höhere Wahrheit einzutreten.[37] Der Mensch wird zum khalifa, zum Statthalter Gottes auf Erden.[38]

Somit ist es die Pflicht eines jeden gläubigen Muslims, für die göttliche Ordnung und Gottes Gesetze einzutreten[39] und den Islam über die ganze Welt auszubreiten, denn der Islam versteht sich als Vollendung von Judentum und Christentum, als die einzige und älteste Religion der Menschheit.[40]

Im islamischen Denken ist alles menschliche Handeln daher unmittelbar mit Gott verbunden, und Gott selbst wird erst durch den Menschen wirksam in der Welt.

Dies erklärt den Anspruch des Islam, in allen Bereichen des menschlichen Lebens wirksam zu werden. Im westlichen Verständnis ist Religion meist ein vom restlichen Leben abgetrennter Bereich, der vor allem privat oder beim Gang zur Kirche ausgelebt wird. Diese Denkweise ist dem Islam fremd. Muslime empfinden ihren Glauben als eine alles einschließende Lebensweise. Das islamische Gesetz gibt Handlungsempfehlungen für alle möglichen alltäglichen Situationen vor[41] und umfasst das religiöse, politische, soziale, häusliche und individuelle Leben der Muslime.

Necla Kelek[42] formulierte es folgendermaßen: „Der Islam [ist] ein System (…) und nicht nur der Glaube an einen Gott (…)“[43]

Charles le Gai Eaton[44] sagte: „Welchen Platz der zeitgenössische westliche Mensch der Religion (…) auch einräumen mag, es ist immer nur ‚ein Platz’; sie wird als ein Element in der Gesamtstruktur des menschlichen Lebens gesehen, ist jedoch nicht selbst diese Gesamtheit. Für den Islam andererseits ist die soziale Ordnung ein Teil der Religion und kann nicht von ihr getrennt werden.“[45]

Der Islam ist bis heute allgegenwärtig im Alltag seiner Anhänger, bestimmt ihr Handeln und gibt ihrem Leben Rhythmus und Sinn.[46]

Eine Besonderheit, welche den Islam vom Christentum unterscheidet, ist die fehlende Institutionalisierung der Religion, das heißt, es gibt im Islam nichts, was den christlichen Kirchen oder der christlichen Priesterschicht entsprechen würde. Zwar existiert eine islamische Gelehrtenschicht, die ulema, diese ist jedoch nicht mit christlichen Priestern zu vergleichen.

Der Islam verurteilt, dass die Christen ihre Priester und Päpste zu Herren neben Gott gemacht hätten[47] und grenzt sich davon ab, da dies in ihren Augen eine Form des Polytheismus darstellt und der Einheit und Einzigartigkeit Gottes widerspricht. Gott und der einzelne Muslim stehen nach islamischer Überzeugung zueinander in einem unmittelbaren Verhältnis, das keines Vermittlers bedarf.[48]

3.2. Islamische Rechtsquellen

Die fehlende Institutionalisierung des Islam ist auch damit zu erklären, dass für Muslime Religion und Staat quasi identisch sind. „Darum sind religiöse und staatliche Vorschriften identisch, zumindest darf kein Gesetz in einem islamischen Staat der Scharia (…) widersprechen.“[49] Diese einzigartige, allumfassende Gültigkeit des islamischen Gesetzes liegt darin begründet, dass es den manifestierten, wörtlich festgehaltenen Wille Gottes darstellt und somit nicht der Autorität eines irdischen Gesetzgebers bedarf.[50]

Das islamische Gesetz regelt alle Bereiche des Lebens ausführlich, und so regelt es auch das Verhalten in Geschäft und Handel. Ordnungspolitische Fragen, wie die Gestaltung der Finanz- und Wirtschaftssysteme, werden religiös hergeleitet und legitimiert.[51] Daher ist es unbedingt erforderlich, sich über die verschiedenen Rechtsquellen des Islam klar zu werden.

Der Mittelpunkt des islamischen Rechts ist die Scharia. Das Wort bedeutet übersetzt etwa „der Weg zur Quelle des Lebens“. Die Scharia enthält also Vorschriften und Gesetze, die demjenigen, der sie befolgt, den rechten Weg weisen sollen. Sie versteht sich als Pflichtenlehre, die regelt, welche Handlungen als moralisch akzeptiert angesehen werden und welche verboten sind. Sie ist gewissermaßen der Kern des Islam.[52]

Die Hauptquelle der Scharia ist der Koran selbst, die heilige Schrift des Islam. Mitunter wird er auch als die „Verfassung“ jeder islamischen Gemeinschaft bezeichnet.[53]

Nach dem Glauben der Muslime ist der Koran die wörtliche Offenbarung Gottes an den Propheten Mohammed, die durch den Erzengel Gabriel übermittelt wurde.[54] Obwohl der Koran einen absoluten Wahrheitsanspruch hat, führt seine Interpretation, je nach Vorverständnis und Textauswahl, mitunter zu unterschiedlichen Ergebnissen. Tatsache ist, dass es Debatten darüber gibt, was der Koran eigentlich sagt. Das bedeutet, dass die Gläubigen in ihrer Interpretation uneinig sind.[55]

Für die folgenden Ausführungen steht daher nicht so sehr im Mittelpunkt, was der Koran besagt, sondern wie der Großteil der Muslime ihn interpretiert.

Nicht der Islam als religionswissenschaftliches Gerüst ist für die Fragestellung dieser Arbeit bedeutsam, sondern die Deutungen und Praktiken der Muslime, welche sich auf ihn berufen.

Die Sunna (übersetzt etwa „Brauch“ oder „Tradition“) ist eine Sammlung aller Aussprüche und Handlungsweisen von Mohammed, die überliefert wurden.

Da Mohammed, wie auf Seite 8 erwähnt, von den Muslimen sehr verehrt wird und für sie ein Vorbild darstellt, ist es naheliegend, Normen aufgrund seiner Taten aufzustellen. Was immer er getan und gesagt hat, was er duldete und was er ächtete, ist für den gläubigen Muslim eine Anleitung für sein eigenes Leben.[56]

Dennoch hat die Sunna nicht die gleiche Bedeutung wie der Koran, da sie die Worte und Handlungen eines Menschen (Mohammed) enthält und diese auch nicht zwingend in ihrem genauen Wortlaut berichtet. Der Koran dagegen ist die wörtlich wiedergegebene Sprache Gottes.

Die dritte und die vierte Rechtsquelle sind der Ijma und der Qiyas. Erstere bezeichnet einen Konsens der muslimischen Rechtsgelehrten, der ulema. Letztere bedeutet soviel wie „Analogie“ und ergibt sich durch die Anwendung der in Koran oder Sunna festgelegten Regeln auf einen vergleichbaren, neuen Fall.[57]

Da die Scharia das Gesetz Gottes und für die Muslime ewig gültig ist, findet eine Modernisierung kaum oder nur sehr langsam statt. Aus diesem Grund wird der Islam im Westen häufig als rückständig bezeichnet.[58]

Die Perspektive der Muslime selbst ist eine andere: Die Beständigkeit ihres Glaubens ist für sie ein Zeichen von Stärke und eine beruhigende Gewissheit. Über einen Zeitraum von mindestens eintausend Jahren, nämlich vom 9. bis zum 19. Jahrhundert, stand für die islamische Gemeinschaft quasi die Zeit still.[59]

[...]


[1] Vgl. Altvater (2007), Altvater u.a. (2010), Schallmayer (2009), Barazon (2006), Chang (2010).

[2] Der Begriff wurde bereits 1986 von Susan Strange geprägt, erfuhr im Zuge der Finanzkrise jedoch eine neue Relevanz als politisches Schlagwort, vgl. Sinn (2009).

[3] Der Tagesspiegel (2008).

[4] FAZ (2008).

[5] Vgl. Geyer (2002), S. 257.

[6] Vgl. Stieber (2011), S. 113f.

[7] Maximilian Carl Emil Weber (1864 – 1920) war ein deutscher Soziologe und Sozialökonom und gilt als einer der Klassiker der Soziologie und der Sozialwissenschaften. Wichtige Werke: Wirtschaft und Gesellschaft (1922), Die Wirtschaftsethik der Weltreligionen (1915 – 1919), Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie (1920 – 1921).

[8] Weber (1972), S. 1.

[9] Vgl. Swedberg (2009), S. 239.

[10] Vgl. Muftic (2011).

[11] Karl-Heinz Hillmann (1938 – 2007) war ein deutscher Soziologe mit besonderem Schwerpunkt in der Wirtschaftssoziologie, und Professor an der Universität Würzburg. Wichtige Werke: Allgemeine Wirtschaftssoziologie (1988), Ein Modell des homo sociologicus und seine Relevanz für die Analyse des Konsumentenverhaltens in der modernen Wohlstandsgesellschaft (1969).

[12] Hillmann (1988), S. 85.

[13] Vgl. Hillmann (1988), S. 86ff.

[14] Vgl. Swedberg (2009), S. 240.

[15] Vgl. Weber (1948), S. 65.

[16] Ludwig Andreas Feuerbach (1804 – 1872) war ein deutscher Philosoph, dessen Religionskritik für die moderne Humanwissenschaft, insbesondere die Psychologie, grundlegend wurde. Wichtige Werke: Das Wesen des Christentums (1841), Vorlesungen über das Wesen der Religion (1851).

[17] Feuerbach (1848), S. 54.

[18] Vgl. Knoblauch (1999), S. 27ff.

[19] Vgl. Hogbin (1934), S. 80.

[20] Max Scheler (1874 – 1928) war ein bedeutender Philosoph und Soziologe, der sich mit materieller Wertethik und der Stellung des Menschen im Kosmos beschäftigte. Wichtige Werke: Schriften zur Soziologie und Weltanschauungslehre (1923/24), Die Stellung des Menschen im Kosmos (1928).

[21] Vgl. Knoblauch (1999), S. 49.

[22] Vgl. Wach (1951), S. 55f.

[23] Talcott Parsons (1902 – 1979) war ein US-amerikanischer Soziologe und Begründer der Soziologischen Systemtheorie. Wichtige Werke: The Social System (1951), Social Structure and Personality (1964).

[24] Pickel (2011), S. 81.

[25] Niklas Luhmann (1927 – 1998) war ein deutscher Soziologe und Gesellschaftstheoretiker und zählt zu den Klassikern der Sozialwissenschaften. Wichtige Werke: Funktion der Religion (1977), Soziale Systeme (1984), Die Gesellschaft der Gesellschaft (1997).

[26] Vgl. Pickel (2011), S. 125.

[27] Knoblauch (1999), S. 99.

[28] Vgl. Knoblauch (1999), S. 100f.

[29] Karl Marx (1818 – 1883) war Philosoph und Gesellschaftstheoretiker und gilt als einflussreichster Theoretiker des Sozialismus und Kommunismus. Wichtige Werke: Zur Kritik der politischen Ökonomie (1858), Das Kapital (1867).

[30] Vgl. Marx (1976), S. 378ff.

[31] Vgl. Spuler-Stegemann (2007), S. 14.

[32] Vgl. Maudoodi (1971), S. 16.

[33] Muhammad (1985), Sura 6:102.

[34] Muhammad (1985), Sura 3:3.

[35] Muhammad (1985), Sura 22:7.

[36] Vgl. Schaefer (2002), S. 48ff.

[37] Vgl. Stauth (2000), S. 120.

[38] Vgl. Muhammad (1985), Sura 2:31.

[39] Vgl. Aydin (2007), S. 44.

[40] Vgl. Sundermeier (1992), S. 199.

[41] Vgl. Pock (2007), S. 22.

[42] Necla Kelek (geb. 1957 in Istanbul) ist eine deutsche Sozialwissenschaftlerin und Islamkritikerin.

[43] Kelek (2009), S. 29.

[44] Charles le Gai Eaton (1921 – 2010) war ein britischer Diplomat, der 1951 zum Islam konvertierte und mehrere Bücher über seinen Glauben schrieb.

[45] Le Gai Eaton (2000), S. 301.

[46] Vgl. Robbe (1988), S. 193.

[47] Vgl. Muhammad (1985), Sura 9:31.

[48] Vgl. Grutzpalk (2008), S. 19.

[49] Sundermeier (1992), S. 199.

[50] Vgl. Algaoud/Mervyn (2007), S. 38.

[51] Vgl. Bergmann (2008), S. 23.

[52] Vgl. Laldin (2007), S. 3ff.

[53] Vgl. Le Gai Eaton (2000), S. 301.

[54] Vgl. Spuler-Stegemann (2007), S. 44.

[55] Vgl. Roy (2006), S. 26.

[56] Vgl. Salem (1984), S. 33, Schuon (2002), S. 113.

[57] Vgl. Salem (1984), S. 35ff.

[58] Vgl. Hanke (2005), S. 158.

[59] Vgl. Le Gai Eaton (2000), S. 306.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Soziologische Aspekte bei der Einführung islamischer Finanzprodukte
Hochschule
Technische Universität Chemnitz
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
52
Katalognummer
V178840
ISBN (eBook)
9783656011415
ISBN (Buch)
9783656011477
Dateigröße
1802 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islamic Banking, Islamic Finance, Islamische Finanzprodukte, Soziologie, Islam, Koran, Religion, Ethische Banken, Kapitalismuskritik
Arbeit zitieren
Anne Mehlhorn (Autor), 2011, Soziologische Aspekte bei der Einführung islamischer Finanzprodukte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178840

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