Der Begriff der Seele in Platons "Phaidon" und seine Beweise für deren Unsterblichkeit


Essay, 1995

7 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Der Begriff der Seele in Platons Phaidon und seine Beweise für deren Unsterblichkeit

Der Dialog Phaidon gehört zur mittleren Periode der Werke Platons. Datiert um 387 v. Chr., der Rückkehr Platons von Italien, Sizilien und Aegina, also noch vor dem Symposion Er ist dem ersten Eindruck nach ein "Denkmal auf Sokrates", der angesichts seines bevorstehenden Todes mit seinen Weggefährten im Philosophieren über das Thema der Unsterblichkeit der Seele spricht. Der Erzähler Phaidon berichtet dem Zuhörer Echekrates (einem Schüler der Phytagoreer Philolaus und Eurytus, sowie auch Sokrates). Die Zeitspanne zwischen der Verurteilung Sokrates und seinem Tod ergab sich, so berichtet Phaidon Echekrates, aus der rituellen Wiederholung der Theseusfahrt nach Delos, die Zwischenstation Theseus auf seiner Heimfahrt nach Athen, nachdem er in Kreta den Minotauros getötet hat. Die Befreiung der Opfer und in der Konsequenz die Befreiung seiner Vaterstadt Athen wurde jedes Jahr feierlich mit einem Festzug für Apollon nach Delos begangen. Während dieser Zeit musste Athen rein gehalten werden, weshalb niemand getötet werden durfte. Sobald das Schiff aus Delos zurückkam, erhielt Sokrates die Nachricht seines nun bevorstehenden Todes. Im Gefängnis versammeln sich deshalb seine Gefährten, um in der Stunde seines Todes dabei zu sein. Es waren ziemlich viele seiner Gefährten zugegen, nur Platon war krank. Auch Simmias und Kebes, Schüler des Philolaus wurden als anwesende Fremde genannt.

Das philosophische Gespräch wird von Sokrates eröffnet, indem er nach der Lösung seiner Fesseln durch die Elfmänner über den Gegensatz des Angenehmen zum Unangenehmen, der Lust zum Schmerz reflektiert. Damit löst sich Sokrates aus dem naturalen Geschehen seines bevorstehenden Todes, welches unreflektierte Affekte bei seinen Jüngern und bei seiner Frau Xanthippe auslöst.

Seele und der Tod

Das Motiv der Lösung von den Fesseln kann in einer Analogie zum Höhlengleichnis der Politeia gesehen werden: die erste Station des Aufstiegs als Umwendung von der Schattenwand zu den realen Gegenständen, die als Ursache der Schatten erkannt werden, führt die Gefangenen auch zu einer höheren Erkenntnisebene. Lust und Schmerz scheinen verknüpft zu sein, insofern sie immer nur relational zu erkennen sind. In der Analyse, der Trennung von Lust und Schmerz erhebt sich die Reflexion über die Empfindungsebene, die nur begriffliche Zuweisungen ermöglicht, aber zu keiner Erkenntnis führt. Der Philosoph hat sich so auf den Weg begeben, der ihn hinaufführt zum reinen Denken. Es geht aber in der platonischen Anweisung nicht darum, metaphysische Konzepte zu liefern, sondern um die "Erklärung von", um das Bedenken des empirischen Lebens und das darüber hinausgehen. Die Todessehnsucht des Philosophen ist also metaphorisch zu verstehen als eine - kantisch gesehene - Reflexion des Verstandes auf sich selbst, um die Elemente zu isolieren, die ihn von der Sinnlichkeit prinzipiell unterscheiden. In dieser Leistung des Geistes vollzieht sich eine Distanzierung vom Körper und damit ein Gerichtetsein auf sein von der Sinnlichkeit unabhängiges Wesen. Die Übung im Sterben ist die Beschreibung eines steten Reflexionsvorgangs, der den Philosophen in eine reine intellektuelle Sphäre versetzt. Diesen Reflexionsgang spiegeln auch die sogenannten Unsterblichkeitsbeweise im Phaidon wider, die jedoch sehr vielmehr eine Genesis der Ideenlehre darstellen, die letztlich im Rückbezug des Abbildes auf das Urbild mündet, welches Platon systematisch und methodisch in diesen „Beweisen“ anstrebt.

Dabei ist der Rückgriff auf den Mythos als "wahrscheinliche Rede" aber nicht defizient, sondern der Mythos ist etwas, das die Vernunft konstruiert, denn sie hat das Bedürfnis, über die letzten Dinge Aussagen zu machen (siehe dazu die Parallele zur Postulatenlehre Kants in der „Metaphysik der Sitten“), die Gott, Freiheit und Unsterblichkeit als Glaubensdinge bezeichnet, die das Bedürfnis der Vernunft widerspiegeln, aber eben dem Glauben und Hoffen des Menschen als praktisches Wesen zugeordnet werden müssen - es ist jedoch ein "Vernunftglauben", der aus der Konstruktion des Wissbaren und des möglichen Wissbaren entsteht, ohne dass Schwärmerei zu Hilfe genommen wird.

Platons Seelenbegriff

Platon ist der erste, der einen Begriff von Seele als Subjekt einführt im Gegensatz zu den Naturphilosophen, die Seele natural definierten, als Hauchseele oder als aus vielen Atomen zusammengesetztes Etwas (Demokrit). Mit der "Seele selbst die Dinge schauen", so Platon, verweist auf die Seele als ein Sein, das Quelle und Ursprung seiner selbst ist, als Selbsttätigkeit und Selbstverweis. Die Seele ist das, "was es ist zu sein", somit das Wesen des Menschen schlechthin. Sie erkennt deshalb analog zu ihrem eigenen Wesen auch das, was es ist zu sein, nämlich das Wesen von Größe, Gesundheit, Stärke an sich. Die Reinigung, die nötig ist, um sich als Seele zu definieren, wird durch Konzentration auf sich selbst erreicht und die Abstraktion vom Sinnlichen, und damit die erstrebte Unabhängigkeit davon. Denn was die Seele selbst sieht, ist das Denkbare und zugleich aber Unsichtbare - die intelligible Welt, der auch die Seele angehört. Verfährt die Seele nicht so, unterliegt sie einer Inversion: sie sieht die Dinge, die sie erfreuen, betrüben etc. als wahr an, als Ursache ihrer selbst und nicht sich, die Seele selbst. Wie mit einem Nagel wird sie durch den Affekt an den Leib gebunden, sei er positiv, sei er negativ. Es erfolgt eine Identifikation mit dem Körperlichen und daraus der falsche Schluss, die Seele benötige dieselbe Sitte und Nahrung wie die Sinnlichkeit, nämlich Affekte.

Die Unsterblichkeitsbeweise in Platons Phaidon

Auf den Zweifel Kebes antwortend, ob sich die Seele nach dem Tode nicht verflüchtige, entwickelt Sokrates den ersten "Beweis" für deren Unsterblichkeit.

1. Im Rückgriff auf einen Mythos entwickelt Sokrates das Argument der zyklischen Wiederkehr der Seelen. Die Lebenden werden wiedergeboren aus den Gestorbenen, womit er auf orphische Doktrinen des "Rades der Wiedergeburt" zurückgreift. Zur Untermauerung dieser Argumentation benutzt Sokrates die frühen Naturtheorien: Beispielsweise Heraklits Lehre von der Veränderung der Materie und dem Krieg zwischen den Gegensätzen, welche auf die Beobachtung zurückzuführen sind, dass ein Zustand einem anderen vorhergehen muss. Der aufwärts und abwärtsgehende Pfad Heraklits impliziert bereits die jeweils entgegengesetzten Bedingungen, die in gegensätzlichen Prozessen enthalten sind, wie das Einschlafen dem Aufwachen korrespondiert und das Sterben dem Geborenwerden. Dieser Darlegung folgt der Versuch einer reductio ad absurdum, welche zeigen soll, dass Leben und Tod geradezu zyklisch verlaufen müssen: Gäbe es nur Leben und keinen Kreislauf der Seelen, müsste sich der "Pool" der Seelen langsam erschöpfen.

[...]

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Details

Titel
Der Begriff der Seele in Platons "Phaidon" und seine Beweise für deren Unsterblichkeit
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Philosophie)
Veranstaltung
Oberseminar Phaidon
Note
1,0
Autor
Jahr
1995
Seiten
7
Katalognummer
V178856
ISBN (eBook)
9783656011712
Dateigröße
436 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
begriff, seele, platons, phaidon, beweise, unsterblichkeit
Arbeit zitieren
M.A.phil. Sigrid Eckold (Autor), 1995, Der Begriff der Seele in Platons "Phaidon" und seine Beweise für deren Unsterblichkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178856

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