„Der Europäische Wirtschafts- und Währungsraum droht auseinanderzubrechen“. So ähnlich lauteten 2011 die Schlagzeilen, wenn es darum ging, die dramatische Lage der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion (WWU) zu beschreiben. Die eigentlichen Probleme des europäischen Währungsraums begannen mit dem Bekanntwerden des griechischen Haushaltsdefizits von 2009 woraufhin Griechenland drohte, seine Schulden aus eigener Kraft nicht merh refinanzieren zu können. In dieser Situation trafen sich die Staats- und Regierungschefs der Euro- Staaten am 7. Mai 2010 zu einer Sondersitzung in Brüssel und beschlossen unter großem Zeitdruck die Einrichtung eines provisorischen „Europäischen Finanz- Stabilisierungsmechanismus“ (EFSM). Seitdem haben die europäischen Staaten ein immer komplexeres System zur Kontrolle und Aufsicht der Finanzmärkte und der Haushaltspolitiken angeschlagener Staaten entwickelt.
In dem Versuch, eine Erklärung für die Entstehung der Krise abzugeben, wird in der öffentlichen Diskussion oft auf die mangelnde Haushaltsdisziplin der südlichen Euroländer verwiesen. Mit Anhalten der Krise und ihrer Ausbreitung auf andere Länder der EU wurde jedoch deutlich, dass dieser Erklärungsansatz wahrscheinlich zu kurz greift. Dazu passt, dass namhafte Ökonomen bereits bei der Einführung des Euro prophezeiten, „der Euro werde seine erste große Krise nicht überstehen“. Der Kern der Kritik lag für sie in der Annahme, dass einer Währungsunion notwendigerweise ein einheitlicher Wirtschaftsraum vorausgehen müsse. Die EU dagegen bestehe weiterhin aus einer Vielzahl von Wirtschaftsräumen. Hieraus ließen sich nun Forderungen ableiten nach einer Verlagerung wirtschaftspolitischer Kompetenzen auf die supranationale Ebene der EU, um so eine Vereinheitlichung des europäischen wirtschaftsraumes zu erreichen.
Die Hausarbeit widmet sich nun den Frage, ob die bisherigen Schritte zur Bekämpfung der Krise bereits zu einer Vertiefung der Integration der Währungs- und Wirtschaftspolitik der EU geführt haben. Außerdem wird untersucht, wie es zu diesen Schritten kam. Die vorläufige Antwort auf diese Fragen stellt gleichzeitig die Leitthese des Aufsatzes dar:
Die Konstruktion der Währungs- und Wirtschaftsunion im Vertrag von Maastricht löste eine Eigendynamik aus, die, verstärkt durch die aktuelle Krise, zu einer Vertiefung der Integration in der Wirtschaftspolitik geführt hat.
Inhaltsverzeichnis
1. Die europäische Schuldenkrise – Eine strukturelle Krise?
2. Form Follows Function - Zur funktionalistischen Theoriebildung
3. Shift towards Supranationalism – Die Schuldenkrise als Katalysator für die Vertiefung der Integration
4. Intergovernmental Bargain or Spillover? – Das Überschwappen der Integration auf die Haushaltspolitik
Zielsetzung und Themen
Die vorliegende Arbeit analysiert die europäische Schuldenkrise vor dem theoretischen Hintergrund funktionalistischer Integrationstheorien. Ziel ist es, zu untersuchen, inwieweit die Reaktion auf die Krise eine Vertiefung der europäischen Integration in den Politikfeldern der Währungs- und Haushaltspolitik bewirkt hat und ob hierbei supranationale Mechanismen oder intergouvernementale Verhandlungsmuster dominieren.
- Analyse der strukturellen Ursachen der europäischen Schuldenkrise
- Darstellung der funktionalistischen Theoriebildung und ihrer Erweiterungen
- Untersuchung des Integrationsschubs durch supranationale Mechanismen
- Bewertung der Kompetenzverschiebungen in der Währungs- und Fiskalpolitik
- Diskussion von Spillover-Effekten in der europäischen Wirtschaftspolitik
Auszug aus dem Buch
Shift towards Supranationalism – Die Schuldenkrise als Katalysator für die Vertiefung der Integration
Der erste Teil der Beantwortung der Ausgangsfrage besteht nun darin, zu klären, welche Auswirkungen die Reformen im Zuge der Eurokrise auf den Grad der Integration in den ausgewählten Politikfeldern haben. Wie beschrieben, werden die Politikfelder Währungs- und Fiskalpolitik untersucht, die beide in der Kategorie Wirtschaftspolitik zugerechnet werden. Wirtschaftspolitik sollte aufgrund der Vielschichtigkeit des Begriffs jedoch nicht gleichgesetzt werden mit dem Bereich der „wirtschaftlichen Zusammenarbeit“, die im Säulenmodell der Europäischen Union traditionell als die supranationale Säule bezeichnet wurde. Es wäre daher sicherlich falsch, in den besagten Bereichen einen einheitlichen Stand der Integration oder einen parallele Verschiebung in Richtung des supranationalen Pols zu erwarten.
Erste Versuche einer koordinierten Währungspolitik der Mitgliedstaaten gab es schon kurz nach dem Zusammenbruch des internationalen Bretton- Woods- Währungssystems, in dem die europäischen Währungen an den US- Dollar als Leitwährung gekoppelt waren. In der Folge belasteten die hohen Wechselkursschwankungen zwischen den nationalen Währungen die wirtschaftlichen Handelsbeziehungen und so gab es eine Reihe von Versuchen, die Schwankungsbreiten mittels eines europäischen Wechselkursmechanismus zu reglementieren. Die Mitgliedschaft in diesem Verbund war jedoch selektiv und hatte einen rein intergouvernementalen Charakter, sodass er aufgrund einer Folge opportunistischer Aus- und Wiedereintritte bald zerbrach. Der Durchbruch auf dem Weg zur Währungsunion gelang erst, als sich in den 1980er Jahren ein internationaler Konsens bezüglich der Abkehr von währungspolitischem Interventionismus herausbildete. Im Vertrag von Maastricht wurden sodann die Grundzüge der zukünftigen WWU manifestiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die europäische Schuldenkrise – Eine strukturelle Krise?: Das Kapitel führt in die Krisenphänomene der Eurozone ein und skizziert die Problematik griechischer Staatsverschuldung sowie die Notwendigkeit supranationaler Rettungsmaßnahmen.
2. Form Follows Function - Zur funktionalistischen Theoriebildung: Hier werden die theoretischen Grundlagen des Funktionalismus und Neofunktionalismus dargelegt, insbesondere das Konzept des „Spillovers“ und der „funktionalen Integration“.
3. Shift towards Supranationalism – Die Schuldenkrise als Katalysator für die Vertiefung der Integration: Dieses Kapitel untersucht die Entwicklung der Währungsunion und zeigt auf, wie Krisenreformen zu einer verstärkten supranationalen Steuerung in Fiskalfragen führten.
4. Intergovernmental Bargain or Spillover? – Das Überschwappen der Integration auf die Haushaltspolitik: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und diskutiert, inwiefern die Krisenbewältigung tatsächlich eine Vertiefung der Integration darstellt oder primär intergouvernemental geprägt bleibt.
Schlüsselwörter
Europäische Union, Schuldenkrise, Integrationstheorie, Neofunktionalismus, Supranationalismus, Währungsunion, Fiskalpolitik, Spillover, European Financial Stability Facility, Wirtschaftspolitische Steuerung, Souveränität, Europäisches Semester, Haushaltspolitik, Vertragsveränderung, Intergouvernementalismus
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit primär?
Die Arbeit analysiert die Auswirkungen der europäischen Schuldenkrise auf die Integration innerhalb der EU, insbesondere im Bereich der Währungs- und Haushaltspolitik.
Welche zentralen Themenfelder werden bearbeitet?
Die Kerngebiete umfassen die europäische Wirtschaftspolitik, die Funktionsweise supranationaler Institutionen sowie die Analyse von Integrationsmechanismen in Krisenzeiten.
Was ist die Forschungsfrage der Arbeit?
Die Arbeit untersucht, ob die Krisenbewältigungsmaßnahmen zu einer vertieften Integration in Richtung des supranationalen Pols geführt haben oder ob intergouvernementale Verhandlungsmuster dominieren.
Welche theoretische Methode kommt zum Einsatz?
Als methodischer Rahmen dienen die funktionalistischen und neofunktionalistischen Integrationstheorien, um die Dynamik der europäischen Entscheidungsprozesse zu erklären.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Fundierung des Funktionalismus sowie eine empirische Untersuchung der Reformen in der Währungs- und Fiskalpolitik.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am besten?
Zentrale Begriffe sind neben der Schuldenkrise vor allem der Neofunktionalismus, Spillover-Effekte, supranationale Steuerung und der Begriff der „Vertiefung der Integration“.
Wie bewertet der Autor die Rolle der Europäischen Zentralbank (EZB) während der Krise?
Die Arbeit beleuchtet, wie die EZB ihre Kompetenzen im Zuge der Krise weitete, um durch Interventionen am Sekundärmarkt die Stabilität der Währungsunion zu sichern.
Inwiefern hat das „Europäische Semester“ Einfluss auf die nationale Haushaltspolitik?
Das Europäische Semester dient als supranationales Überwachungsinstrument, das den Mitgliedstaaten durch jährliche Bewertungen ihrer Haushaltspläne einen hohen Anpassungsdruck auferlegt.
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- Marcel Richter (Author), 2011, On the Road to European Economic Governance, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178887