Die Auswirkungen der Rollenvorstellung der Gesellschaft auf das Selbstkonzept der drei weiblichen Hauptfiguren in Henrik Ibsens "Et Dukkehjem", "Gengangere" und "Hedda Gabler"


Seminararbeit, 2007

36 Seiten, Note: 5,0/1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2.Theorie des Selbstkonzeptes

3. Die Stücke Ibsens und das Selbstkonzept
3.1 Et dukkehjem
3.1.1 Noras Rollen
3.1.2 Noras Selbstbild
3.1.3 Rollenvorstellungen der Gesellschaft
3.1.4 Schlussfolgerung
3.2 Gengangere
3.2.1 Helene Alvings Rollen
3.2.2 Helene Alvings Selbstbild
3.2.3 Rollenvorstellungen der Gesellschaft
3.2.4 Schlussfolgerung
3.3 Hedda Gabler
3.3.1 Hedda Gablers Rollen
3.3.2 Hedda Gablers Selbstbild
3.3.3 Rollenvorstellungen der Gesellschaft
3.3.4 Schlussfolgerung

4. Vergleich der Stücke Ibsens

5. Schlusswort

6. Literaturverzeichnis
6.1 Bücher
6.2 Internetquellen

1. Einleitung

Im Anschluss an das von mir im Sommersemester 2006 besuchte SeminarIbsens Psychosenbei Dr. Klaus Müller- Wille, entschloss ich mich, diese Seminararbeit zu verfassen. Die Suche nach einem Thema und nach der Fragestellung gestaltete sich schwieriger als erwartet. Zwar bot das im Seminar behandelte Material viele interessante Ansätze, doch bis sich aus meiner vagen Idee ein klares Konzept herauskristallisierte, dauerte es einige Zeit. Von Beginn an hatte mich der Einfluss der Gesellschaft samt deren Moralvorstellungen auf die Charaktere diverser Stücke Ibsens interessiert. Da die Regeln und Normen besonders auf das Leben der Frauen - und somit der weiblichen Figuren Ibsens - einwirkten, schien mir dieser Ansatz am spannendsten. Als ich das Thema so weit eingegrenzt hatte, war die Wahl der Stücke ein leichtes:Et Dukkehjem,GenangereundHedda Gablererwiesen sich mit ihren herausragenden weiblichen Hauptfiguren Nora Helmer, Helene Alving und Hedda Gabler als perfekt geeignet für meine Arbeit. Die Fragestellung musste jedoch noch konkretisiert werden und so entschloss ich mich, die Diskrepanz zwischen der eigentlichen Persönlichkeit - dem Selbstbild der Protagonistinnen - und den von der Gesellschaft konstruierten Rollen, sowie die möglichen Folgen bei einer Abweichung zwischen den zwei Aspekten zu untersuchen. Von diesem Ausgangspunkt aus werde ich einige theoretische Aspekte zum Thema des Selbstkonzeptes, der Rolle und der Normen erläutern. Im Kapitel zum Selbstkonzept werde ich versuchen, eine möglichst homogene Zusammenfassung zu geben, um die relevanten Aspekte bezüglich der Fragestellung aufzugreifen, die aber keinen Anspruch auf Vollständigkeit hat. Das Hauptgewicht liegt auf der Analyse der Werke Ibsens. Ich werde einzeln auf die drei Stücke eingehen und die weiblichen Hauptfiguren sowohl bezüglich ihrer Rollen und ihres Selbstbildes analysieren als auch die gesellschaftlichen Rollenvorstellungen beschreiben. Schliesslich werde ich die Stücke bzw. die Protagonistinnen einander vergleichend gegenüberstellen.

2. Theorie des Selbstkonzeptes

Jeder Mensch ist einzigartig. Diese Einmaligkeit setzt sich aus Aussehen, Geschichte und Persönlichkeit zusammen, wobei diese Punkte eng miteinander verwoben sind. So kann das Aussehen beispielsweise die Geschichte, den Verlauf des Lebens, und die Persönlichkeit einer Person prägen. Zudem interagiert ein Mensch mit seiner Umwelt: Er lebt in einer bestimmten Situation, agiert und reagiert darauf und auf die ihn umgebenden Menschen. Durch die regelmässige Interaktion in Gruppen entwickeln sich aus diesen GruppenNormen[1]undRollen. Diese Normen unterstützen meist die Interessen der herrschenden Gruppe.[2]

„Normen sind Verhaltensregeln, die in Gruppen oder Gesellschaften Geltung haben. Normen beziehen sich nicht nur auf Verhalten, sondern auch auf Denken und Wahrnehmen, ja auch auf nicht bewusst gesteuerte Körpervorgänge oder Gefühle.“[3]

Als Rollen definiert Klaus Feldmann „Erwartungen von Bezugsgruppen, die an Positionen[…]gerichtet sind“.[4]Unterschiedliche Rollen verfügen über unterschiedliche Macht und somit ist es einer Person innerhalb einer Rolle möglich, das Handeln Anderer zu beeinflussen.[5]Die diversen Rollen sind jedoch nicht einzeln zu betrachten, sondern immer in ein Rollensystem eingebunden. So sind neben denIntra-Rollenkonflikten[6]auchInter-Rollenkonflikte[7]möglich.

„Rollen werden […] primär nicht vom Rollenspieler, sondern den Bezugsgruppen- und personen geformt. […] Dies steht in einem Spannungsverhältnis zu den professionellen Werten Autonomie,[8]Individualisierung und Selbstkontrolle.“[9]

Nebst den Normen als Verhaltensregeln sind Rollen somit als Verhaltenserwartung definiert.

Konformitätgehört auch zu den in einer Gesellschaft und für Personen relevanten Begriffen. Es gibtäussere Konformität, die mittels Fremdkontrolle durch Belohnung oder Bestrafung aufrechterhalten wird.Innere Konformität(Akzeptanz, Einstellung, Internalisierung von Rollen) wird im Gegensatz dazu über Selbstzwang und interne Kontrolle beibehalten.[10]Der Begriff des Selbstkonzepts ist in diesem Zusammenhang zentral, da die psychische Gesundheit einer Person massgeblich von den zuvor genannten Spannungsverhältnissen beeinflusst wird. Die Rollen und das Selbstkonzept einer Person können - müssen aber nicht - gegensätzlich sein. Sind sie jedoch nicht übereinstimmend, kann diese Diskrepanz zu Schwierigkeiten, Leiden undKrisenführen, worauf später noch weiter eingegangen wird.[11]

Nach Barbara Steffen - Bürgi bedeutet dasSelbstkonzeptdie Gesamtheit von Auffassungen und Überzeugungen in Bezug auf die eigene Person, d.h. alle Kognitionen und Gefühle sich selbst gegenüber.[12]Das Selbstkonzept wird in der Literatur auch mit dem BegriffSelbstbild[13]gleichgesetzt. Das Selbstkonzept existiert nicht von Geburt an, sondern wird erworben sowie erlernt und kann sich im Laufe eines Lebens verändern. Seine Elemente werden durch die Interaktion einer Person mit der Umwelt entwickelt.[14]So tragen einerseits Einschätzungen Aussenstehender und andererseits Selbstbeobachtung zum Selbstbild bei. Es lassen sich drei verschiedene Typen des Selbstkonzeptes unterscheiden:

„DasReal - Selbstkonzeptals Einschätzung des Ist -Zustandes der eigenen Person, dasIdeal -Selbstkonzeptals Einschätzung davon, wie man als Person sein möchte, und dasSoll -Selbstkonzeptals Einschätzung davon, wie man sein sollte.“[15]

Hierbei ist zu erwähnen, dass das Selbstkonzept einer Person nicht in allen Bereichen und Aspekten gleich stark bewusst sein muss, was mit einer mehr oder weniger bewussten Reflexion zusammenhängt. Das Selbstbild ist auch nicht neutral,[16]sondern enthält „normalerweise mit Emotionen verbundene […] Beurteilungen der Person [und] auch Wert- und Gefühlskomponenten“[17]d.h. rein subjektiv und individuell geprägte Aspekte. Es kann aus unterschiedlichen Gesichtspunkten bewertet werden: So gibt es einerseits densozialen Vergleichmit anderen Personen, dentemporalenmit sich selbst zu einem anderen Lebenszeitpunkt und denkriterialen Vergleich, welcher den absoluten Massstab darstellt.[18]DasSelbstwertgefühlist hierbei die massgebende Bewertungskomponente. Mummendey definiert “self - esteem“[19]als

„individuelle[n] Grad an positiver Selbstbewertung, also an Selbstwertgefühl oder Selbstachtung […] Fasst man Selbstkonzepte als Einstellungen zur eigenen Person auf, so stellt self - esteem die evaluative oder affektive, also bewertende Komponente dieser Selbsteinstellung dar.“[20]

Da das Selbstkonzept diese grosse Anzahl von Faktoren umfasst, hat es einen massgeblichen Einfluss auf die Wahrnehmung und Interpretation einer Person. Barbara Steffen - Bürgi erwähnt hierzu, „dass Emotionen offenbar nicht durch die Ereignisse selbst bestimmt werden, sondern dadurch, wie wir die Dinge interpretieren.“[21]Weil das Selbstkonzept als zentraler Bezugspunkt einer Person dient, wirken sich Störungen desselben natürlich massiv auf ein Individuum aus. So bildet ein negatives Selbstkonzept - eine pessimistische Einschätzung der eigenen Person und der Zukunft - ein Charakteristikum depressiver Zustände. Insbesondere die Diskrepanz zwischen dem zuvor erläuterten Real - und Idealkonzept führt zu depressiven Emotionen. Die Bilder, wie man sich selbst einschätzt und wie man sein möchte, klaffen auseinander. Aus einem Missverhältnis von Real - und Sollkonzept kann hingegen Angst entstehen.[22]Die eigene Einschätzung, wie man ist, entspricht in diesem Fall nicht den Normen, die man sich setzt und die einem gesetzt werden. So glaub man beispielsweise seiner Rolle nicht gerecht zu werden. Die verschiedenen, beschriebenen Diskrepanzen basieren auf Strukturen des Selbstkonzeptes, welche nicht zusammenpassen. Auch wenn diese Missverhältnisse nicht in jedem Fall in krankhaften Zuständen enden müssen, verursachen sie jedoch unweigerlich Stress und führen zu seelischer Belastung, was zu einerKriseführen kann, welche durch

„den Verlust von Lebensplänen und -zielen, von hochgeschätzten Aktivitäten, der Ausübung bestimmter Rollen sowie zum Teil [durch] den Verlust von Anerkennung und Wertschätzung [und der] Unterbrechung der Kontinuität des Lebens“[23]

geprägt werden. Eine Krise indiziert die Bewältigung der bedrohlichen Situation: Erfolgreiche Bewältigungsstrategien stärken das positive Selbstkonzept einer Person, während ein erfolgloser Bewältigungsversuch zu einem niedrigen Selbstwertgefühl, Identitätsdiffusion und zum Gefühl der Verfremdung der eigenen Person führen kann.[24]Eine Krise stellt folglich sowohl eine Chance als auch eine Gefahr dar.

Ein weiterer, wichtiger Aspekt des Selbstkonzeptes findet sich im Zusammenwirken von Gesellschaft und Individuen in Form einerStigmatisierung, welche die Diskriminierung einzelner Menschen oder sozialer Gruppen beinhaltet.[25]EinStigmaentsteht durch Devianz, welche durch eine Entfernung oder Abkehr vom “Normalzustand“ definiert ist. Nonkonformes Verhalten kann somit beispielsweise in einer Stigmatisierung resultieren. Diese Diskriminierung hat in der Regel einen negativen Einfluss auf das Selbstkonzept und kann eine Krise verursachen. Wichtig ist hierbei zu erwähnen, dass ein Stigma sich von Kultur zu Kultur unterscheidet und je nach Epoche verändern kann. Wie Rollen können auch Stigmata hervorgebracht werden, um Macht auszuüben und Normen durchzusetzen.[26]Nach Marlis Glaus Hartmann kann Stigmatisierung ebenfalls als Identitätsstrategie interpretiert werden,[27]da ein Stigma einer Person eine Eigenschaft, eine Tat oder einen Wesenszug zuschreibt, wobei es psychische, physische und soziale Stigmata gibt.[28]

Weitere wichtige Elemente, die das Selbstkonzept und den Selbstwert belasten können, sindSchuldundSchande. Nach Viktor Gecas leisten sie einen wesentlichen Beitrag zur Sozialisation und sozialen Kontrolle, da sie dem Bewusstsein entspringen gegen Normen verstossen zu haben.[29]

„Guilt is the feeling associated with moral self - condemnation. It arises when one commits a transgression against internalized rules and values, and then judges oneself to be morally inadequate.”[30]

Nach Gecas bringt Schuld Personen dazu zu gestehen, sich wegen begangener Taten zu sorgen, Vergebung zu ersuchen und den angerichteten Schaden zu beheben. Im Gegensatz dazu ist Schande ein selbstbezogenes Gefühl, welches auf dem Verlust von Achtung oder Respekt in den Augen anderer basiert.[31]Jedoch kann Schande auch sehr intensiv erlebt werden, beispielsweise als akute Demütigung, Kränkung, Verlust des Gesichtes, der Ehre oder des Stolzes. Nach Gecas sind verschiedene Reaktionen auf Schande üblich, um gegen sie vorzugehen und sie somit zu beheben.[32]Dies ist einerseits der Rückzug aus dem sozialen Kontext, wie beispielsweise Verstecken des Gesichtes bis zu der extremsten Art in Form des Selbstmordes und andererseits, im Gegensatz zum Rückzug, aggressives Verhalten, welches sich gegen das Umfeld richtet, um aktiv gegen die Schande bzw. deren Ursache oder Verursacher vorzugehen und sie somit zu nivellieren.[33]

Es gibt also viele unterschiedliche Faktoren, die das Selbstkonzept einer Person begründen, unterstützen, beeinflussen, bedrohen oder stören, doch genauso viele mögliche Arten gibt es, mit diesen Aspekten umzugehen. Wie dies in den ausgewählten Ibsenstücken von statten geht, soll in den folgenden Kapiteln analysiert werden

3. Die Stücke Ibsens und das Selbstkonzept

In diesem Kapitel sollen die drei Ibsenstücke mit dem im vorangegangenen Abschnitt erworbenen Wissen über die Bedeutung des Selbstkonzeptes betrachtet werden. Hier werde ich folgenden Fragen nachgehen: Wie schätzen sich die Protagonistinnen bezüglich des Selbstkonzeptes ein? Welchen Rollenvorstellungen begegnen sie in der Gesellschaft? Welche Rollen nehmen sie selber ein und inwiefern leiden sie unter möglichen Diskrepanzen bezüglich der Rollen?

3.1 Et dukkehjem

Die Protagonistin inEt dukkehjemist Nora Helmer. Sie ist Mutter von drei Kindern und mit Torvald Helmer verheiratet. Die beiden leben im bürgerlichen Milieu, Torvald hat Aussicht auf eine Anstellung als Bankdirektor. Das ganze Stück dreht sich um Noras Geheimnis: Sie hat ein Darlehen aufgenommen, was als Frau eine Straftat darstellt, genau so wie das Fälschen der Unterschrift ihres sterbenden Vaters, was sie tut, um das Darlehen zu erhalten. Das Geld benötigt sie, da Torvald schwerkrank ist und zur Kur nach Italien muss. Nora hofft, dass Torvald sich für sie opfert, sollte dieses Verbrechen ans Licht kommen. Dies scheint der Fall zu sein, denn Krogstad, bei dem Nora das Darlehen aufgenommen hat, ist Angestellter der Bank, bei der Torvald Direktor werden soll. Torvald möchte Krogstad allerdings wegen dessen zweifelhafter Vergangenheit entlassen. Zur gleichen Zeit kommt Noras Jugendfreundin Kristin Linde auf der Suche nach Arbeit zu Besuch. Nora und Kristin hatten sich zuletzt vor vielen Jahren gesehen, da Kristin wegen ihrer Vernunftheirat aus der Stadt weggezogen war. Krogstad droht Nora, Torvald die Wahrheit über das Darlehen zu sagen, sollte sie nicht dafür sorgen, dass er den Posten bei der Bank behält. In Folge dessen schreibt er Torvald einen Brief, der alles erklärt, als es Nora nicht gelingt, Torvald von Korgstads Qualitäten als Angestellter zu überzeugen. Doch als Kristin - sie ist die ehemalige Liebe Krogstads - sich bereit erklärt, zu Krogstad und seinen Kindern zurückzukehren, ist er auch bereit, die Wahrheit über Noras Darlehen zu verschweigen, d.h. den geschriebenen Brief zurückzufordern. Kristin Linde hindert ihn jedoch daran, weil sie der Meinung ist, die Wahrheit müsse aufgedeckt werden. Daraufhin verlässt Nora Torvald und die Kinder, da Torvald sich zuerst nicht für Nora opfern will - als er es tun will, ist sie bereits desillusioniert.

3.1.1 Noras Rollen

Nora präsentiert sich zu Beginn als Hausfrau, Mutter, sowie Torvalds “Lerche“ und “Eichhörnchen“. Die Lerche und das Eichhörnchen sind von ihr gespielte Rollen, welche Torvald auf sie projiziert hat:

Helmer […]. Er det lerkefuglen som kvidrer der ute?

Nora […]. Ja, det er det.

Helmer. Er det ekornet som romstrer der?

Nora. Ja![34]

Torvald spricht mit ihr wie mit einem Kind, weswegen man nicht vermuten würde, dass es sich um seine erwachsene Ehefrau handelt. Eine weitere Rolle Noras ist folglich die des Kindes oder der Kindsfrau. In einer späteren Szene bezeichnet er sie sogar als Ziervogel, dessen Unterhalt viel Geld kostet und er betrachtet sie nicht als eigenständige Person.[35]Zu einem anderen Zeitpunkt wird Nora auch von ihrer Jugendfreundin Kristin Linde als Kind bezeichnet, weil sie nach Kristins Meinung wirkliche Arbeit nicht kennt. Nora selber traut sich jedoch durchaus etwas zu und erwähnt, sie habe auch schon mit Schwierigkeiten im Leben umgehen müssen:

Frau Linde (smilende). Nå, Herregud, den smule håndarbeide og sånt noe-.Du er et barn, Nora.

Nora (kaster på nakken og går henover gulvet). Det skulle du ikke si så overlegent.

Frau Linde. Så?

Nora. Du er liksom de andre. I tror alle sammen at jeg ikke duer til noe riktig alvorlig-

Fru Linde. Nå, nå-

Nora.- at jeg ikke har prøvet noe i denne vanskelige verden.[36]

Zur gleichen Rolle gehört Torvalds Frage, ob sie während ihren Einkäufen nichts Süsses genascht habe und hierbei wieder mit ihr spricht, als ob sie ein Kind sei.[37]Rollengetreu leugnet sie in kindlicher Weise vor Torvald, dass sie Makronen gekauft hat. Diese Szene ist von grosser Bedeutung, da sie zeigt, dass Nora nicht nur hilflos ist, sondern ihren Willen und ihre Wünsche - teilweise durch lügen und betrügen - durchsetzt. Genau so kindlich verhält sich Nora, als sie den Wunsch zu fluchen äussert. Ein anständiges Kind flucht nicht, weswegen sie dies nicht in Torvalds Gegenwart, sondern in jener Kristin Lindes und Doktor Ranks macht.[38]Torvald bewertet Nora sowohl bezüglich der Schönheit ihres Aussehens als auch der Tätigkeiten, die sie ausübt. Deswegen mag er es, wenn sie stickt aber nicht wenn sie strickt, da Sticken eine elegante, auf Zierde ausgerichteteTätigkeit ist. Stricken hingegen ist hektisch und führt zu einer unschönen Körperhaltung.[39]Nora ist ein schöner Ziervogel, den er besitzt. In Folge dessen spricht Tovald Nora ab, ein Mensch zu sein. Das ist ein sehr wichtiger Hinweis für Noras Ausbruch am Schluss, wo sie sich wünscht, als Mensch wahrgenommen zu werden:

Nora. Å, det er all ting riktig hva du gjør.

Helmer (kysser henne på pannen).Nu taler lerkefuglen som om den var et menneske.[40]

Kurz danach bezeichnet er sie als sein Eigentum, womit er nochmals bestätigt, dass sie kein selbständiges Individuum ist.[41]Passend dazu reagiert er entrüstet, als sie sich ihm nicht hingeben will, wie es ihre ehelichen Pflichten verlangen würden, da er ihr Mann bzw. Eigentümer ist.[42]Nora hat damit aufgehört über andere Leute, Freunde und Familienmitglieder zu sprechen, weil Torvald eifersüchtig wurde und es nicht mochte.[43]Er will der Mittelpunkt ihres Lebens sein, denn da sie seine Lerche ist, hat sie sich nicht mit anderen zu befassen. Selbst am Schluss, nach dem das Geheimnis um das Leihen des Geldes durch Krogstads Brief gelüftet ist und Torvald sich entschlossen hat, Nora zu vergeben, drängt er sie sofort wieder in ihre ursprüngliche Rolle als Puppe und Vogel zurück.[44]Er ist der Meinung, sie habe nicht mit Wissen und Verstand sondern aus Liebe gehandelt. Eine Frau kann jedoch nicht auf die richtige Weise mit Gefühlen umgehen, obwohl sie ihn nur geliebt hat, wie eine Frau ihren Mann lieben muss.[45]Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Noras Rollen die eines schmückenden Luxustieres (Vogel, Eichhörnchen), einer Puppe und die eines Kindes sind und sie sich grossteils in jene Rollen fügt. Es ist somit bis zum Ausbruch am Schluss eine grosse äussere und innere Konformität vorhanden.

[...]


[1] Zentrale, in der Analyse verwendete Begriffe werden kursiv hervorgehoben.

[2] Damit sind Gruppen gemeint wie beispielsweise die Stammesältesten oder die reiche

Oberschicht, die einen höheren Status, Rang etc. haben und so über Macht

gegenüber anderen Gruppen verfügen.

[3] Vgl. Feldmann, S. 70

[4] Vgl. ebda., S. 66

[5] Vgl. ebda., S. 64

[6] Konflikt innerhalb einer einzelnen Rolle

[7] Konflikt zwischen zwei verschiedenen Rollen

[8] Autonomie 1. Selbständigkeit (in nationaler Hinsicht), Unabhängigkeit 2. (Philos.) Willensfreiheit. Vgl. Duden

[9] Vgl. Feldmann, S. 70

[10]Vgl. ebda., S. 73

[11]Vgl. Steffen - Bürgi, S. 14

[12]Vgl. ebda., S. 9

[13]In Folge werden diese Ausdrücke gleichbedeutend benutzt.

[14]Vgl. Steffen - Bürgi, S. 9

[15]Vgl. ebda., S. 10, Hervorhebung N.R.

[16]Vgl. ebda., S. 11

[17]Vgl. ebda., S. 12

[18]Vgl. ebda., S. 12

[19]Englisch für Selbstwert(gefühl)

[20]Vgl. Mummendey, S. 69

[21]Vgl. Steffen- Bürgi, S. 13

[22]Vgl. ebda., S. 14

[23]Vgl. ebda., S. 19

[24]Vgl. ebda., S. 21

[25]Vgl. Glaus Hartmann, S. 164

[26]Vgl. Glaus Hartmann, S. 165

[27]Vgl. ebda., S. 166

[28]Vgl. ebda., S. 167

[29]Vgl. Gecas, S. 95

[30]Vgl. ebda., S. 95

[31]Vgl. ebda., S. 96

[32]Vgl. ebda., S. 96

[33]Vgl. ebda., S. 96

[34]Vgl. Ibsen 1952, S. 120

[35]Vgl. ebda., S. 122

[36]Vgl. ebda., S. 130, Hervorhebung im Original

[37]Vgl. ebda., S. 123

[38]Vgl. Ibsen 1952, S. 138

[39]Vgl. ebda., S. 186, 187

[40]Vgl. ebda., S. 187, Hervorhebung im Original

[41]Vgl. ebda., S. 188

[42]Vgl. ebda., S. 188

[43]Vgl. ebda., S. 157

[44]Vgl. ebda., S. 197

[45]Vgl. ebda., S. 196

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Die Auswirkungen der Rollenvorstellung der Gesellschaft auf das Selbstkonzept der drei weiblichen Hauptfiguren in Henrik Ibsens "Et Dukkehjem", "Gengangere" und "Hedda Gabler"
Hochschule
Universität Basel  (Nordische Philologie)
Veranstaltung
Ibsens Psychosen
Note
5,0/1,0
Autor
Jahr
2007
Seiten
36
Katalognummer
V178921
ISBN (eBook)
9783656012306
ISBN (Buch)
9783656012405
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit macht 50% der Bachelornote aus, zusammen mit einer 4-Stündigen schriftlichen Prüfung. Es gibt bei uns keine Bachelorarbeit als solche.
Schlagworte
Nordische Philologie, Ibsen, Frauenfiguren, Skandinavische Literatur, Rollenvorstellungen, Psychosen, Selbstkonzept, Et Dukkehjem, Gengangere, Hedda Gabler, Ein Puppenhaus, Gespenster
Arbeit zitieren
Nina Ratavaara (Autor), 2007, Die Auswirkungen der Rollenvorstellung der Gesellschaft auf das Selbstkonzept der drei weiblichen Hauptfiguren in Henrik Ibsens "Et Dukkehjem", "Gengangere" und "Hedda Gabler", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178921

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