Sprachentod – Wie und warum verschwinden Sprachen?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010
31 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einführung

2. Definition der Sprachen

3. Die weltweite Verbreitung der Sprachen

4. Die Kleinsprachen

5. Der Sprachentod

6. Eine Typologie des Sprachentods
6.1. Gradueller Sprachentod
6.2. Abrupter Sprachentod
6.3. Sprachentod als Folge eines funktionalen Schwächungsprozesses

7. Wie verschwinden Sprachen?

8. Vier Kategorien der untergegangenen Sprachen
8.1. Untergegangene Sprachen, die keine Spur im kulturellen Gedächtnis hinterlassen haben
8.2. Untergegangene Sprachen, die kulturelle oder sprachliche Spuren in den modernen Sprachen hinterlassen haben
8.3. Untergegangene Sprachen mit alter Schriftkultur, die teilweise bis heute funktionale Nischenplätze in unserer Kulturlandschaft besetzen
8.4. Untergegangene Sprachen mit alter Schriftkultur, die heute noch von einer Restbevölkerung gesprochen werden

9. Schottisch-Gälisch – eine bedrohte Sprache

10. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Quellenangabe der Bilder

1.Einführung

"Von allem, was die Menschen erfunden und ausgedacht, bei sich gehegt und einander überliefert, was sie im Verein mit der in sie gelegten und geschaffenen Natur hervorgebracht haben, scheint die Sprache das größte, edelste und unentbehrlichste Besitztum." Jacob Grimm[1]

Während die Zahl der Menschen stetig ansteigt, wird die Zahl der Sprachen fortwährend kleiner. Die Zahl der untergegangenen Sprachen geht mittlerweile in die Tausende. Die Sprachen, die von den Menschen verwendet werden, werden immer geringer. Eine relativ kleine Anzahl von Sprachen wird also von immer mehr Menschen gesprochen. In diesem Kontext wird häufig von dem so genannten Sprachentod gesprochen. Die UNESCO (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) hat mittlerweile verschiedene Förderprogramme gegründet, die Initiativen unterstützen, um die vom Aussterben bedrohte Sprachen zu erhalten oder sie sogar wiederzubeleben. Zudem standen in den letzten 15 Jahren Sprachen, die vom Aussterben bedroht sind, noch nie so sehr im Mittelpunkt der linguistischen Forschung. Nach vorsichtigen Schätzungen werden gegenwärtig auf der Erde rund 5.000 bis 7.000 Sprachen gesprochen. Nach Angaben der UNESCO-Presse soll es etwa 12.000 Dialekte geben. Von den etwa sechs Milliarden Menschen der Weltbevölkerung sprechen insgesamt über vier Milliarden Menschen die 60 größten Sprachen.[2] Mehr als die Hälfte der Sprachen haben unter 10.000 Sprecher, ein Viertel sogar weniger als 1.000. Etwa ein Prozent der Sprachen werden von etwa 75 Prozent der Weltbevölkerung gesprochen. Fast 2.000 Sprachen übersteigen die Tausender-Grenze der Sprecher nicht, und obwohl die Sprecherzahlen klein sind, handelt es sich hierbei um etwa 30% aller in der Welt verbreiteten Sprachen.[3] Ein Großteil dieser Kleinsprachen wird das Ende dieses Jahrhunderts wahrscheinlich nicht erleben. Teilweise gehen Prognosen davon aus, dass nur noch gut ein Dutzend oder weniger Sprachen bis zur nächsten Jahrtausendwende überleben werden. Aber warum verschwinden die Sprachen überhaupt? Und wie verschwinden die Sprachen? Wann gilt eine Sprache als ausgestorben? Mit diesen Fragestellungen werde ich mich in der vorliegenden Seminararbeit eingehender beschäftigen. Die Studienarbeit beschäftigt sich zunächst mit der Definition der Sprachen und untersucht dann die Aspekte des Sprachentods. Danach werde ich auf die weltweite Verbreitung der Sprachen und auf die Kleinsprachen näher eingehen. Hieran schließt sich eine Erläuterung des Sprachentods und das Verschwinden der Sprachen an. Die Seminararbeit endet mit der Beschreibung einer gefährdeten Sprache, der schottisch-gälischen Sprache, sowie einem Fazit.

2. Definition der Sprachen

„Die Sprache eines Volkes bringt dessen Wortschatz hervor, und der Wortschatz ist ein ziemlich getreues Verzeichnis aller Kenntnisse des Volkes. Schon aus der vergleichenden Betrachtung des Wortschatzes einer Nation in verschiedenen Zeitabschnitten könnte man sich eine Idee über ihre Fortschritte bilden.“ Denis Diderot [4]

Sprachen und Dialekte sind nicht nur Ausprägungen menschlicher Kultur und menschlichen Geistes, sondern auch Mittel der Kommunikation, der Welterschließung und des Sozialkontakts für ihre Sprecher. Die Sprache ist ein wichtiger Kultur-Träger, sie transportiert unter anderem Traditionen wie Geschichten, Lieder und Gedichte einer Kultur. Daneben dient sie der Stärkung und dem Erhalt der kulturellen Identität. Sprachen stellen einen Wert an sich dar und sollten deshalb - auch als Manifestationen der Kreativität und der Vielfalt des menschlichen Geistes - erhalten und dokumentiert werden.[5] Die Menschensprachen sind die am höchsten entwickelten und flexibelsten Kommunikationssysteme. Die menschliche Sprache unterscheidet sich grundlegend von den Kommunikationsmethoden anderer Säugetiere durch ihre Wandlungsfähigkeit, ihre Anpassungsfähigkeit und ihre hohe Komplexität.[6] Die Menschensprache beruht auf dem Prinzip, eine begrenzte Anzahl von Botschaften zu kombinieren. Die Sprache der Menschen besitzt etwa 30 bis 40 distinktive Sprachlaute und diese lassen sich in einer unendlichen Zahl von Wörtern kombinieren, die Zahl der Wörter ist daher unbegrenzt.[7] Häufig sind die einzelnen Sprachen auch durch lokale und regionale Varietäten geprägt, die dann als „Dialekte“ oder „Mundarten“ eingestuft werden und somit der „Standardsprache“ gegenüberstehen.[8] Die Sprache ist also ein intersubjektives Kommunikationssystem.

Die Menschensprache existiert seit mindestens 5.000 Jahren, dies lässt sich anhand der schriftlichen Zeugnisse von Sprache nachweisen.[9] Es ist bis heute allerdings ungeklärt, wie lange es die Sprachen wirklich gibt. Die ersten Sprachen, die in Schriften festgehalten wurden, waren Ägyptisch und Sumerisch. Archäologische Funde weisen daraufhin, dass Sprachen, die bereits unseren heutigen Sprachen in Vokabular und Grammatik ähneln, seit etwa 40.000 Jahren existieren.[10] Der Homo sapiens hat sich, laut der Experten der Anatomie, seit etwa 150.000 Jahren nicht mehr grundlegend verändert, so dass anzunehmen ist, dass die vormodernen Menschen Sprache erzeugen und verstehen konnten. Es gehört außerdem zu den Besonderheiten des evolutiven Entwicklungssprungs, dass sich die Sprache des Menschen zu einem komplexen System entfaltet hat.[11] Die strukturelle Komplexität trifft auf alle Sprachen zu, da sie beispielsweise über ein komplexes Lautsystem und über variantenreiche grammatische Strukturen verfügen.

In den letzten Jahren wurde dem Kulturerbe der Völker immer mehr Aufmerksamkeit geschenkt und folglich richtete sich der Blick auch auf die Sprachen und die Traditionen der Völker. Jede Sprache stellt ihren Sprechern ein unterschiedliches Repertoire von Erfahrungswerten bereit, so bildet sie einen wesentlichen Anteil an der kulturellen Identität der Menschheit. Erst durch eine Sprachgemeinschaft kann das Individuum an unterschiedlichen sozialen Handlungszielen teilnehmen und eine kulturelle Gemeinschaftszugehörigkeit entwickeln. Die europäischen Nationen beziehen beispielsweise einen wesentlichen Teil ihres Selbstverständnisses aus ihren Sprachen. Der ständige sprachkulturelle Austausch zwischen den einzelnen Regionen, die produktive Rezeption von geistlichen, philosophischen, literarischen, rechts- und naturkundlichen Texten und Handelsdokumenten hat einen wesentlichen Anteil an dem „kulturellen Reichtum“ und der „sprachkulturellen Identität“, den die Sprachgemeinschaften in ihren verschiedenen Ausprägungen vorweisen können.[12] Es ist aus kultureller Sicht allerdings unerheblich, ob eine Sprache von vielen Millionen Menschen gesprochen wird, oder ob lediglich eine kleine Gemeinschaft mit wenigen Angehörigen als Kommunikationsmedium dient.[13] Ebenso gibt es keinen Unterschied in der Wertung der Sprachen – keine Sprache ist wichtiger oder besser als eine andere Sprache.

3. Die weltweite Verbreitung der Sprachen

„Wenn die Worte nicht stimmen, dann ist das Gesagte nicht das Gemeinte. Wenn das, was gesagt wird, nicht stimmt, dann stimmen die Werke nicht. Gedeihen die Werke nicht, so verderben Sitten und Künste. Darum achte man darauf, dass die Worte stimmen. Das ist das Wichtigste von allem.“ Konfuzius (551-479 v. Chr.)[14]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Vgl. http://spzwww.uni-muenster.de/~griesha/fsu/cur/lang-world.html)

Anhand der Grafik wird deutlich, dass Chinesisch die mit Abstand am meisten gelernte Muttersprache darstellt, denn erst mit weitem Abstand folgen Englisch und Spanisch, Arabisch und Bengali. Mit Russisch und Portugiesisch folgen dann wieder zwei europäische Sprachen. Die deutsche Sprache liegt an zehnter Stelle mit deutlichem Abstand vor Französisch. Tatsächlich aber steht jedoch Englisch weltweit mit deutlichem Abstand an erster Stelle der weltweit verwendeten und gelernten Sprachen.[15] Zu keiner Zeit der Geschichte waren so viele Daten über die Sprachenvielfalt verfügbar wie heutzutage. Trotzdem gibt es immer noch einige Kleinvölker und Sprachen, von denen wenig oder nichts bekannt ist, denn nicht alle Sprachen wurden bisher klassifiziert. Die einzelnen Sprachen der Welt sind meist sehr ungleich verteilt, manchmal konzentrieren sie sich aber auch auf einzelne Gebiete oder Regionen. Nach vorsichtigen Schätzungen werden gegenwärtig auf der Erde rund 5.000 bis 7.000 Sprachen gesprochen. Mehr als die Hälfte der Sprachen haben unter 10.000 Sprecher, ein Viertel sogar weniger als 1.000. Etwa ein Prozent der Sprachen werden von etwa 75 Prozent der Weltbevölkerung gesprochen. Weniger als 300 Sprachen werden von mindestens 1 Mio. Menschen gesprochen und mehr als die Hälfte aller Sprachen der Welt werden von wenigen Tausend Sprechern gesprochen. Fast 2.000 Sprachen übersteigen die Tausender-Grenze der Sprecher nicht, obwohl die Sprecherzahlen klein sind, handelt es sich hierbei um etwa 30% aller in der Welt verbreiteten Sprachen. In bestimmten Großregionen, wie etwa im insularen Südostasien (Malaysia, Neuguinea, Indonesien) und in der westlichen Pazifikregion, in Südamerika und in Zentralafrika konzentrieren sich besonders viele unterschiedliche Sprachen.[16] Im westlichen Pazifik sind 775 Kleinsprachen und somit 61,1% aller Sprachen dieser Großregion verbreitet. Australien ist der Kontinent mit dem größten Anteil von Kleinsprachen, hier befinden sich 93,4% der verbreiteten vielfältigen Kleinsprachen. Neuguinea hingegen ist die Region der Welt mit der stärksten Sprachkonzentration und der höchsten Dichte an Kleinsprachen. Die Zahl der Sprachen wird hier auf knapp 1.000 geschätzt, auf Neuguinea gibt es also mehr Sprachen als an jedem anderen Ort der Welt.[17] Der amerikanische Kontinent stellt dann die zweitgrößte Konzentration der Kleinsprachen dar, insbesondere der südliche Teil.[18]

4. Die Kleinsprachen

„Wann immer in menschlichen Angelegenheiten ein Übereinkommen oder eine Zustimmung zustande kommt, dann geschieht dies durch sprachliche Prozesse, oder es wird überhaupt nicht erreicht.“ Benjamin Lee Whorf[19]

Im europäischen Raum werden etwa 67 verschiedene Sprachen unterschieden, etwa die Hälfte dieser Sprachen verfügt nur über mehr als eine Million Sprecher. Die andere Hälfte der Sprachen wird als die so genannten Kleinsprachen bezeichnet.[20] Kleinsprachen sind also Sprachen, die nur von wenigen Menschen in meist nur kleinen Gebieten gesprochen werden. Etwa 30% aller Sprachen der Welt gehören zur Kategorie der Kleinsprachen.[21] Die Kleinsprachen stellen zudem einen wesentlichen Teil des kulturellen Erbes der Menschheit dar. Häufig wird eine andere Sprache als eine Grundbedingung unterschiedlicher Tradition angesehen, da die Kultur meist über die Sprache in einer besonderen Weise vermittelt wird. Eine Regionalsprache kann beispielsweise als besondere Sprachform empfunden werden, da sie die soziale Zugehörigkeit der Menschen unmittelbar ausdrückt.[22]

[...]


[1] vgl. http://www.gutzitiert.de/zitat_autor_jacob_grimm_thema_sprache_zitat_19299.html

[2] vgl. Janson, Tore 2001: 217

[3] vgl. Haarmann, Harald 2001: 21

[4] vgl. Camartin, Iso 1992: 130

[5] vgl. http://www.uni-koeln.de/gbs/

[6] vgl. Janson; Tore 2003: 13

[7] vgl. Janson, Tore 2003: 14

[8] vgl. http://publikationen.ub.uni-frankfurt.de/volltexte/2009/6857/pdf/bedrohte_sprachen_weltweit_1_10.pdf

[9] vgl. Janson, Tore 2003: 10

[10] vgl. Janson, Tore 2003: 11

[11] vgl. Haarmann, Harald 2001: 13

[12] vgl. Zimmer, Stefan 2001: 20

[13] vgl. Haarmann, Harald 2001: 14

[14] vgl. http://www.zitate.de/db/ergebnisse.php?sz=5&stichwort=&kategorie=Sprache&autor=

[15] vgl. http://spzwww.uni-muenster.de/~griesha/fsu/cur/lang-world.html

[16] vgl. Haarmann, Harald 2001: 21

[17] vgl. Janson, Tore 2003: 222

[18] vgl. Haarmann, Harald 2001: 21 ff

[19] vgl. http://www.zitate.de/db/ergebnisse.php?sz=5&stichwort=&kategorie=Sprache&autor=

[20] vgl. Camartin, Iso 1992: 7

[21] vgl. Haarmann, Harald 2001: 14

[22] vgl. Camartin, Iso 1992: 28

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Sprachentod – Wie und warum verschwinden Sprachen?
Hochschule
Technische Universität Darmstadt
Veranstaltung
Formen der Sprachplanung
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
31
Katalognummer
V178940
ISBN (eBook)
9783656012979
ISBN (Buch)
9783656012696
Dateigröße
547 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sprachentod, sprachen
Arbeit zitieren
Simone Petersohn (Autor), 2010, Sprachentod – Wie und warum verschwinden Sprachen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178940

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