Die Tabula Peutingeriana. Übersicht zu wissenschaftlichen Theorien, Entstehungszeit, Bedeutung und Nutzen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

24 Seiten, Note: Sehr gut


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Fakten zur Tabula Peutingeriana
2.1 Geschichte der Entdeckung
2.2 Klassifizierung
2.3 Aufbau
2.4 Vergleichbare Karten und Itinerare

3. Wissenschaftliche Theorien und Interpretationen zur Tabula Peutingeriana
3.1 Entlarvung als Kopie und Folgen
3.2 Zeitliche Einordnung der Vorlage
3.3 Theorien zum Entstehungszeitraum
3.4 Zielgruppe, Anwendbarkeit und Bedeutung

4. Ergebnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Tabula Peutingeriana ist eine handschriftliche Kopie einer antiken römischen Straßenkarte, welche Unmengen an Informationen über die römische Ökumene liefert.[1] Dadurch jedoch, dass die Tabula Peutingeriana nicht im Original erhalten ist, ergeben sich bei der Interpretation der Karte Probleme. Es gibt keinen Fundort, der eine Einordnung in den historischen Kontext oder eine genaue Datierung ermöglichen würde. Anhaltspunkte für eine Interpretation können größtenteils nur in der Tabula selbst gefunden werden. Jedoch gibt es auch Hinweise darauf, dass die heute einzige erhaltene Peutingertafel Mängel aufweist, da sie nur eine handschriftliche Kopie einer antiken Karte ist, wodurch sich ein gewisser Grad an Verfälschung, der durch den Kopiervorgang entstanden ist, nicht ausschließen lässt. Zusätzlich ist die Tabula vermutlich teilweise unvollständig. Die Bedeutung der Karte, ihre Datierung und ihr ursprüngliches Aussehen, wurden schon vielfach wissenschaftlich untersucht. Durch die Einzigartigkeit der Karte mangelt es zudem an ausreichendem Vergleichsmaterial, wodurch viel Raum für Interpretationen entsteht.

In dieser Arbeit werden die verschiedenen wissenschaftlichen Theorien zur Entstehungszeit, Bedeutung und Nutzen der Tabula gegenübergestellt. Anhand dessen werden die Probleme die sich bei der Interpretation der Karte ergeben aufgezeigt. Zu diesem Zweck werden im ersten Teil dieser Arbeit die als gesichert geltenden Informationen, die Tabula Peutingeriana betreffend, zusammengetragen. Es wird ihre Entdeckungsgeschichte beleuchtet, eine Klassifizierung der Karte vorgenommen, der Aufbau erklärt und Vergleichsmaterial vorgestellt. Der zweite Teil der Arbeit setzt sich dann mit den verschiedenen Theorien und Interpretationen zur Tabula auseinander. Hierbei wird vor allem die Datierung der Kopie sowie der Vorlage und der ursprünglichen Tabula untersucht sowie ihre Anwendbarkeit und Bedeutung rekonstruiert. Ziel ist es auf Grundlage der Karte und den geschichtlichen Zusammenhängen, die einzelnen Theorien zum einen zu erläutern und zum anderen auf Ihre Stichhaltigkeit zu prüfen. Abschließend soll versucht werden ein schlüssiges Gesamtbild über den Nutzen, die Anwendbarkeit und die Bedeutung der Karte zu erstellen.

2. Fakten zur Tabula Peutingeriana

2.1 Geschichte der Entdeckung

Der Wiener Universitätsprofessor Konrad Celtes entdeckte die Tabula auf einer seiner Reisen durch die Bibliotheken und Klöster im süddeutschen Raum, wo er nach antiken Handschriften suchte.[2] Damals hatte die Karte noch ihre ursprüngliche Form einer Schriftrolle. In den Aufzeichnungen des Professors aus dem Jahr 1502 wird die Tabula noch nicht erwähnt, befand sich also vermutlich noch nicht in seinem Besitz.[3] Im Sommer 1507 hatte Celtes dann die Schriftrolle an den Augsburger Ratsschreiber Konrad Peutinger übergeben.[4] Innerhalb der 5 Jahre zwischen 1502 und 1507 muss Celtes diese also entdeckt haben. Da Celtes viele Reisen unternahm und es nicht überliefert ist an welchem Ort er seine Entdeckung machte, erhoben fünf Städte Anspruch auf die Karte: Worms, Speyer, Kolmar, Tegernsee und Basel.

Am 4. Februar 1508 verstarb Konrad Celtes.[5] In seinem Testament vom 24. Januar 1508 verfügte er, dass die Tabula in den Besitz Peutingers übergehen sollte. Er machte es jedoch zur Auflage, dass dieser die Karte der Öffentlichkeit zugänglich machte.[6] So heißt es in seinem Testament:

“ Ebenso vermache ich den Hrn. Dr. Konrad Peutinger das Itinerarium Antonini, welcher dasselbe jetzt schon besitzt, will aber und bitte, dass dasselbe nach seinem Tode dem öffentlichen Gebrauch, beziehungsweise einer Bibliothek zugewendet werde .“[7]

Auch wenn Celtes ein Itinerarium Antonini erwähnt, so handelt es sich dabei doch um die von ihm entdeckte Schriftrolle, denn kurz darauf erwähnt er noch ein zweites, welches er als das wahre Itinerarium Antonini bezeichnet. Außerdem führte Konrad Peutinger selbst die Karte im Katalog seiner Bibliothek mit folgendem Vermerk:

“ Itinerarium Antonini in charta longa a Celte nobis testamento legata “[8]

Konrad Peutinger befolgte das Testament, weshalb die Karte heute auch als Tabula Peutingeriana bekannt ist und nicht nach ihrem eigentlichen Entdecker benannt wurde.

2.2 Klassifizierung

Die Tabula Peutingeriana wird den Itineraren zugeordnet. Diese Bezeichnung ist abgeleitet vom lateinischen iter, was Landreise bedeutet.[9] Im Allgemeinen werden Itinerare in drei Gruppen unterteilt. Diese Unterteilung geht zurück auf eine Schrift des P. Vegetius Renatus über das Militärwesen am Ende des 4. Jahrhundert, woraus sich ableiten lässt, dass die Wegverzeichnisse in itineraria adnotata, itineraria picta und einer Kombination aus beiden, in itineraria adnotata et picta, eingeteilt wurden.[10] Bei dem zuerst genannten handelt es sich um ein Straßenverzeichnis in schriftlicher Form, welches ansatzweise mit heutigen ausgedruckten Wegbeschreibungen zu vergleichen ist.[11] Das Itinerarium picta, zu dem auch die Tabula Peutingeriana gehört, ist eine bildliche Darstellung von Straßenzügen.

Die Itinerare definieren sich und unterscheiden sich von geographischen Karten dadurch, dass sie sich nicht an landschaftlichen Merkmalen orientieren, sondern an von Menschen geschaffenen Elementen, wie Straßen, Häusern und anderen Bauwerken.[12] Sie enthalten Angaben zu Zeit und Ort von Reisen und geben Auskunft über die Entfernung zwischen einzelnen Orten, über die Straßenbeschaffenheit, Rastquartiere, Abkürzungen sowie über Berge und Flüsse, wenn diese für eine Reise bedeutend sind. Allerdings fehlen in den Itineraren Richtungsangaben.[13]

Die Tabula Peutingeriana ist ein Beispiel für die höchstmögliche Ausprägung eines Itinerars. Wenn man die Meilensteine mit ihren Entfernungsangaben als einfachste Itinerare annimmt, ergibt die Verschriftlichung und Zusammenfassung der auf ihnen befindlichen Informationen die nächste Ausprägung eines Itinerars, der Gattung adnotata. Das bekannteste Itinerar dieser Art ist das Itinerarium Antonini.[14] Im Gegensatz zur Orientierung von Meilenstein zu Meilenstein, bot das Itineraium Antonini den Vorteil, die Gesamtlänge der Strecke vor Antritt der Reise zu erfahren und ermöglichte dem Benutzer die gesamte Reise im Vorhinein zu planen. Allerdings fehlten jegliche Richtungsangaben und Informationen zur Streckenbeschaffenheit. Den nächsten möglichen Schritt in dieser Entwicklung stellt dann die bildliche Umsetzung von Routen dar. Diese Form der Darstellung gleicht die Defizite der schriftlichen Form aus. Sie gibt eine ungefähre Darstellung vom Verlauf des Weges und durch die Darstellung von landschaftlichen Begebenheiten auch Informationen zur Beschaffenheit oder Gefahren der Strecke.

2.3 Aufbau

In ihrer heutigen Form besteht die Tabula Peutineriana aus 11 Pergamentblättern, die zusammengesetzt eine Länge von ca. 6,75m ergeben und eine Höhe von 34 cm aufweisen.[15] Wie bereits erwähnt hatte die Tabula ursprünglich die Form einer Schriftrolle, wurde aber zum Schutz vor Zerstörung, durch ab- und aufrollen der Schrift, in 12 Segmente zerschnitten.[16] Das westlichste Blatt ging irgendwann im Mittelalter verloren und zeigte wahrscheinlich Spanien und Britanien.[17]

Die langgestreckte Form mit einem Breiten- und Längenverhältnis von 1:20 führt dazu, dass die abgebildeten Länder in der Länge gestreckt und in der Breite gestaucht abgebildet sind.[18] Dargestellt werden die Provinzen des “Imperium Romanum“, das ehemalige Alexanderreich und der indische Subkontinent. Die in der folgenden Aufzählung verwendete Nummerierung geht von den tatsächlich noch erhaltenen Segmenten aus. Anders als bei anderen Aufzählungen wird das angeblich verlorene Segment nicht berücksichtigt. Die Segmente I und II zeigen demnach Gallien und das linksrheinische Germanien, Segment III bildet die Provinzen Ratien, Noricum und Oberitalien ab, die Segmente IV bis VI stellen Italien und Dalmatinien dar sowie einen Teil des Balkan der sich über Segment VI und VII erstreckt. Auf den Segmenten VIII und IX befinden sich Konstantinopel, Kleinasien, Ägypten und das heutige Russland. Die letzten beiden Segmenten X und XI bilden das ehemalige Alexanderreich und den indischen Subkontinent ab.[19]

Ergänzend ist festzustellen, dass das Kartenbild eine horizontale Dreiteilung aufweist. Vereinfacht beschrieben befindet sich oben auf der Karte das europäische Festland, mittig Italien und am unteren Rand das stark verzerrte Nordafrika. Die jeweiligen Gebiete sind durch schmale Meeresstreifen getrennt.[20] Italien kann als Ausgangspunkt der Tabula angesehen werden.[21] Mit einer Ausdehnung über vier Segmente ist die Darstellung Italiens eindeutig überdimensioniert.[22] In diesem Zusammenhang spricht man auch von einer “Italozentrik“.[23] Alle anderen Gebiete sind in ungefährer Lage dazu angeordnet.[24] Die Darstellung hat eine scheinbare Nordung, so dass zumindest im germanischen Gebiet die Lage der Orte zueinander mit den heutigen Darstellungsformen annähernd übereinstimmt. Es wird jedoch ein “egozentrisches System“ verfolgt, welches weder maßstäblich noch einheitlich ausgerichtet ist.[25] Die Tabula ist demnach nicht nach Himmelsrichtungen und nicht ausgenordet gezeichnet.[26]

Den Kern der Tabula Peutingeriana bilden die auf ihr verzeichneten Straßen, die durch rote Linien dargestellt werden.[27] Haken im Straßenverlauf kennzeichnen Straßenstationen.[28] Entfernungen werden mit Ziffern angegeben, hinter denen ein Punkt steht.[29] Es tauchen je nach Gebiet verschiedene Maßeinheiten auf: Die römische Meile, die Leugna, der Parasanges in Persien und das Stadion im Lakonischen Golf.[30] Zudem sind über 500 Orte durch Vignetten hervorgehoben, wobei nicht die Bedeutung der jeweiligen Orte, sondern die Art und Ausstattung der Unterkunft maßgebend ist.[31] Es gibt fünf verschiedene Vignetten für die Darstellung von Unterkünften. Neben einem Doppelturm und einem Gebäude mit Innenhof existieren noch Vignetten die ein Haus mit einfachem Giebel darstellen, sowie eine Variante von zwei asymmetrischen Dreiecksgiebeln und eine Art Getreidespeicher. Manche wenige Bauwerke entsprechen realen Gebäuden wie die Hafenanlagen von Massilia und Ostia, die Leuchttürme von Chrysopolis und Alexandria, der noch heute existierende Straßentunnel zwischen Neapel und Puteoli sowie drei Altäre.[32]

[...]


[1] Christian Hänger: Die Welt im Kopf – Raumbilder und Strategie im Römischen Kaiserreich; S. 40.

[2] Ekkehard Weber: Die Tabula Peutingeriana; S. 3.

[3] Konrad Miller: Itineraria Romana - Römische Reisewege an der Hand der Tabula Peutingeriana; S. XIII.

[4] Ekkehard Weber: Die Tabula Peutingeriana; S. 3.

[5] Konrad Miller: Itineraria Romana - Römische Reisewege an der Hand der Tabula Peutingeriana; S. XIII.

[6] Ekkehard Weber: Die Tabula Peutingeriana; S. 3.

[7] Konrad Miller: Itineraria Romana - Römische Reisewege an der Hand der Tabula Peutingeriana; S. XIII.

[8] Ebd.: S. XIII.

[9] Christian Hänger: Die Welt im Kopf – Raumbilder und Strategie im Römischen Kaiserreich; S. 95.

[10] Hans-Christian Schneider: Altstrassenforschung; S. 122/123.

[11] Christian Hänger: Die Welt im Kopf – Raumbilder und Strategie im Römischen Kaiserreich; S. 96.

[12] Ebd.: S. 95.

[13] Ebd.: S. 96.

[14] Siehe dazu: 2.4 Vergleichbare Karten und Itinerare.

[15] Kai Brodersen: Terra Cognita; S. 187.

[16] Johannes Freutsmiedl: Römische Strassen der Tabula Peutingeriana in Noricum und Raetien; S. 40.

[17] Ebd.: S. 40.

[18] Christian Hänger: Die Welt im Kopf – Raumbilder und Strategie im Römischen Kaiserreich; S. 103.

[19] Christian Hänger: Die Welt im Kopf – Raumbilder und Strategie im Römischen Kaiserreich; S. 103.

[20] Ekkehard Weber: Die Tabula Peutingeriana; S. 4.

[21] Christian Hänger: Die Welt im Kopf – Raumbilder und Strategie im Römischen Kaiserreich; S. 106.

[22] Ebd.: S. 104.

[23] Ebd.: S. 104.

[24] Ebd.: S. 106.

[25] Ebd.: S. 106.

[26] Johannes Freutsmiedl: Römische Strassen der Tabula Peutingeriana in Noricum und Raetien; S. 35.

[27] Hans Gross: Zur Entstehungs-Geschichte der Tabula Peutingeriana; S. 41.

[28] Kai Brodersen: Terra Cognita; S. 187.

[29] Christian Hänger: Die Welt im Kopf – Raumbilder und Strategie im Römischen Kaiserreich; S. 104.

[30] Ebd.: S. 104.

[31] Ekkehard Weber: Die Tabula Peutingeriana; S. 6.

[32] Christian Hänger: Die Welt im Kopf – Raumbilder und Strategie im Römischen Kaiserreich; S. 104.

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Die Tabula Peutingeriana. Übersicht zu wissenschaftlichen Theorien, Entstehungszeit, Bedeutung und Nutzen
Hochschule
Universität Duisburg-Essen
Veranstaltung
Historische Geographie
Note
Sehr gut
Autor
Jahr
2010
Seiten
24
Katalognummer
V178999
ISBN (eBook)
9783668161856
ISBN (Buch)
9783668161863
Dateigröße
506 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Tabula Peutingeriana, Peutinger, Peutinger Tafel, Straßenkarte, römische Raumauffassung, römisches Straßenwesen, Historische Karten
Arbeit zitieren
Nina Sikora (Autor:in), 2010, Die Tabula Peutingeriana. Übersicht zu wissenschaftlichen Theorien, Entstehungszeit, Bedeutung und Nutzen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/178999

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