Die Einsamkeit in "Cien años de soledad" von Gabriel García Márquez


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
43 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Definition von Einsamkeit

III. Die Einsamkeit im innerliterarischen Kontext
1. Die Einsamkeit Macondos
A. Die räumliche Einsamkeit
B. Die zeitliche Einsamkeit
2. Die Einsamkeit der Buendía
A. Die Einsamkeit des Obersts Aureliano Buendía
B. Die Einsamkeit Úrsulas
C. Die Einsamkeit der Toten und der übrigen Familienmitglieder
D. Die hundert Jahre währende Inzucht
3. Der Einbruch des Fremden
A. Die ersten Fremden
B. Der Corregidor
C. Die Bananengesellschaft
a. Die Veränderungen, die mit der Bananengesellschaft in Macondo Einzug halten
b. Der Streik und das Massaker
4. Un día después del sábado:
Die Einsamkeit als zentrales Thema in weiteren Werken von García Márquez

IV. Die außerliterarischen Bezüge
1. Kolumbien: Geschichte und politisch-soziale Realität
2. Der Streik der Arbeiter in Santa Marta von
3. Die räumliche Einsamkeit
4. Die Einsamkeit der Rassen
5. Die Einsamkeit Lateinamerikas

V. Schlußbetrachtung

VI. Bibliographie
1. Primärliteratur
2. Sekundärliteratur

I. Einleitung

Die Einsamkeit ist eines der zentralen Themen in Cien años de soledad von Gabriel García Márquez, dies wird schon durch den Titel des Werkes verdeutlicht. Der Begriff Einsamkeit als solcher taucht beinahe auf jeder Seite auf, und das Thema begleitet den Leser durch den gesamten Roman hindurch. Die Einsamkeit bestimmt grundlegend das Leben in Macondo allgemein als auch speziell das Leben der Buendía und trägt somit zu deren Schicksal bei: der letztendlichen Zerstörung des Dorfes und dem Untergang der Familiensippe.

Die Menge der veröffentlichten Arbeiten zu Cien años de soledad ist schier unüberschaubar und auch die Einsamkeit wurde schon in zahlreichen Untersuchungen thematisiert. Oft handelt es sich hierbei entweder um rein literarische Betrachtungen, welche die Verbindung zum außerliterarischen Kontext vernachlässigen oder aber um Arbeiten, die sich primär auf den Kontext Kolumbien oder Lateinamerika beziehen und jeweils nur einige spezielle Details oder Episoden aus dem literarischen Text herausgreifen. Ich möchte mit meiner Arbeit versuchen, beides zu verbinden, das heißt, die Bedeutung der Einsamkeit sowohl rein textimmanent betrachten, als auch den Bezug zum außerliterarischen Kontext Kolumbiens beziehungsweise Lateinamerikas herstellen. Deshalb wird sich meine Arbeit in zwei Hauptteile gliedern.

In einem innerliterarisch ausgerichteten ersten Teil werde ich zunächst auf die „räumliche und zeitliche Einsamkeit“ eingehen, die das Dorf Macondo als Ganzes betrifft und von der übrigen Welt isoliert. Die vererbte Einsamkeit der Buendía, hauptsächlich am Beispiel der Figur des Oberst Aureliano Buendía, die sich vor allem auf die zwischenmenschlichen Beziehungen auswirkt, soll im Anschluß betrachtet werden. Dabei werde ich versuchen, die Gründe für die Einsamkeit sowie auch die daraus ableitbaren möglichen Auswege anzuführen. Der Einbruch der Fremden und des Fremden und die daraus resultierenden Konsequenzen für Macondo und seine Einwohner werden im folgenden Kapitel beleuchtet und mit dem Thema der Einsamkeit in Beziehung gesetzt. In diesem Zusammenhang soll die Episode mit der Bananengesellschaft und dem Massaker an den streikenden Plantagenarbeitern besondere Aufmerksamkeit erfahren. Die Bedeutung der Einsamkeit als zentrales, wiederkehrendes Thema im Werk von García Márquez werde ich schließlich kurz am Beispiel der Erzählung Un día después del sábado skizzieren.

Den zweiten eher außerliterarischen Teil werden ein kurzer geschichtlicher Abriß und eine Darstellung der politisch-sozialen Realität Kolumbiens beginnen. Im Anschluß daran werde ich versuchen, Parallelen zwischen der fiktiven Welt Macondos und der Realität Kolumbiens beziehungsweise Lateinamerikas aufzuzeigen. In diesem Zusammenhang soll unter anderem der Streik der Arbeiter in Santa Marta von 1928 als historisches Gegenstück der im Roman dargestellten Episode betrachtet werden. García Márquez´ Äußerungen zur Einsamkeit in seinem literarischen Werk sowie seine Nobelpreisrede von 1982, in der er sich zur Einsamkeit Lateinamerikas äußert, werden ebenfalls in die Betrachtung einfließen und die Arbeit abschließen.

II. Definition von Einsamkeit

Einsamkeit ist eine "Empfindung des räumlichen und/oder emotionalen Alleinseins"[1], der Isolation oder fehlenden Kommunikation. Im Gegensatz zum Alleinsein, welches - auch über längere Zeiträume hinweg - nicht als Einsamkeit empfunden werden muß und im Gegenteil sogar produktiv genutzt werden kann, ist Einsamkeit ist ein Zustand, der häufig mit negativen Gefühlen (etwa des Ungeliebtseins oder des Ausgeschlossenseins) einhergeht. "Einsamkeit kann vom Individuum selbst gewählt (abweichendes Verhalten) oder die Folge sozialer Ausgliederungsprozesse sein."[2]. Einsamkeit ist nicht notwendigerweise an die Abwesenheit von Personen geknüpft: ein Mensch kann einsam sein, obwohl er von Mitmenschen umgeben ist und selbst, wenn er Kontakt zu diesen hat oder in einem persönlichen Verhältnis zu ihnen steht, kann er Einsamkeit empfinden. Negativ läßt sich formulieren, "daß nur Gemeinschaft (nicht etwa schon Gesellschaft) Einsamkeit ausschließt, und zwar auch nur in dem Maße ihrer Gegebenheit. Erlebte Einsamkeit wäre also erlebte Nicht-Gemeinschaft"[3]. Einsamkeit kann sowohl von einem Individuum als auch kollektiv von einer Gruppe erfahren werden. "Grundsätzliches und absolutes Einzelgängertum [scheint] der menschlichen Natur als soziales, in ständiger Kommunikation begriffenes Wesen zu widersprechen"[4]. Deshalb führt langanhaltende Einsamkeit in der Regel zu Krankheit, Instabilität, Passivität, Gleichgültigkeit, Lethargie, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Stagnation oder Regression. Da der Mensch sich nur im Spiegel anderer Menschen definieren kann, führt anhaltende Einsamkeit und der damit einhergehende Mangel an Identifikationsmöglichkeiten häufig zum Verlust der Identität und zur Entfremdung.

Góngoras Soledades (1613 und 1614), die zu den berühmtesten Gedichten in spanischer Sprache zählen, und El laberinto de la soledad (1950) des mexikanischen Autors Octavio Paz sind zwei weitere Beispiele aus der spanischsprachigen Literatur, in denen das Substantiv "soledad" bereits im Titel auftaucht. Darüber hinaus ist "Soledad" sowohl in Spanien als auch in Lateinamerika ein gebräuchlicher weiblicher Vorname.

Welche Aspekte dieser Definition für die Einsamkeit im Roman sowie für mögliche textexterne Bezüge zutreffen, wird die folgende Arbeit zeigen.

III. Die Einsamkeit im innerliterarischen Kontext

1. Die Einsamkeit Macondos

A. Die räumliche Einsamkeit

Das fiktive tropische Dorf Macondo ist eine Art Halbinsel: es ist im Süden von den Sümpfen und dem großen Moor, im Westen vom Wasser und im Osten von der undurchdringlichen Sierra umgeben. Die Lage Macondos wird folgendermaßen beschrieben: "el vasto universo de la ciénaga grande, que… carecía de límites"[5] oder "una extensión acuática sin horizontes"[6]. Es wird der Eindruck unendlicher Weite geschaffen und dadurch ein Gefühl der Einsamkeit vermittelt, Macondo scheint vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein. Es entsteht an dieser Stelle beinahe der Eindruck, als sei Macondo die einzige menschliche Siedlung auf der Erde.

Die Natur ist das herrschende Element, das dem Menschen entgegentritt: "pantanos, cubiertos de eterna nata vegetal"[7], "la vegetación fue cada vez más insidiosa"[8], "avanzaron como sonámbulos por un universo de pesadumbre… . No podían regresar porque la troza que iban abriendo a su paso, se volvía a cerrar en poco tiempo, con una vegetación nueva que casi veían crecer ante sus ojos."[9]. Das dichte Wachstum der Pflanzen ist nicht aufzuhalten, es penetriert und unterwirft die gesamte Umgebung.

Außerdem macht eine fast unerträgliche, lähmende Hitze den Menschen zu schaffen. Aus diesem Grunde hat der Dorfgründer José Arcadio Buendía nach seiner ersten Begegnung mit dem Eis die Idee, das Dorf von einer Eiswand umgeben zu lassen, um Macondo so vor der sengenden Hitze zu schützen. Er ist vom wissenschaftlichen Fortschritt besessen und vermutet, daß die herrschenden Klimabedingungen den Grad des menschlichen Fortschrittes determinieren: "... la civilización ha tendido hacia el frío. Por eso quería rodear a Macondo, <<el pueblo flotaba en el calor paralizada la vida, con altas paredes de hielo. Ese maravilloso invento que dieron a conocer los gitanos, creado por hombres técnicos en otros pueblos, en otro clima."[10].

Die Allmacht der Natur und der äußeren Umstände erscheint also regelrecht erdrückend, der Mensch ist der Natur ausgeliefert.

Die abgeschnittene Lage Macondos bringt José Arcadio Buendía der Verzweiflung nahe. Dieser wünscht sich nichts sehnlicher, als Macondo mit der Außenwelt zu verbinden, so daß die neuesten Erfindungen ihren Weg ins Dorf finden können. Doch bei dem Versuch, eine Schneise zu schlagen, die diese Verbindung herstellen soll, gelangt er an das Meer, das seine Träume zunichte macht. Wieder in Macondo angekommen beklagt er sich bei seiner Frau Úrsula mit den Worten "'nunca llegaremos a ninguna parte… . Aquí nos hemos de pudrir en vida sin recibir los beneficios de la ciencia'"[11].

Auch die Tatsache, daß Úrsula schließlich doch durch Zufall einen Weg findet, der Macondo mit der Außenwelt verbindet, ändert nicht viel an der Einsamkeit des Dorfes. Von diesem Zeitpunkt an gelangen zwar die ersten Fremden nach Macondo (die Zigeuner kamen auch schon vor Úrsulas zufälliger Entdeckung), doch ein wirklicher Kontakt und Austausch mit diesen entwickelt sich auf lange Sicht nicht.[12]

Die räumliche Einsamkeit des fiktiven Macondo kann auf die Situation Kolumbiens beziehungsweise ganz Lateinamerikas übertragen werden, doch dazu mehr in Kapitel IV.

B. Die zeitliche Einsamkeit

Die Zeit ist neben der Einsamkeit ein weiteres zentrales Thema in Cien años de soledad, das in der Sekundärliteratur immer wieder aufgegriffen wurde und schon für sich allein eine eigenständige Untersuchung rechtfertigen würde. Ich werde mich deshalb auf eine Darstellung derjenigen Aspekte beschränken, die den Eindruck „zeitlicher Einsamkeit“ vermitteln.

Macondo befindet sich außerhalb der konventionellen Zeit, man kann sogar von einer Art "atemporalidad"[13], also einer Zeitlosigkeit sprechen. Diese wird im Roman durch die den Leser verwirrenden zeitlichen Abläufe aufrechterhalten. Zwar werden viele äußerst exakte Zeit- und Zahlenangaben gegeben, wodurch eine realistische Illusion entsteht, doch stellt der Erzähler die sehr präzisen Detailangaben in einen ganz vagen zeitlichen (wie auch räumlichen) Bezugsrahmen. So ist es unmöglich, den genauen Tag, die Woche oder auch nur das Jahr anzugeben, in dem ein Ereignis stattfindet. Ebenso ist es dem Leser nicht möglich festzustellen, wieviel Zeit zwischen verschiedenen Ereignissen verstreicht. So heißt es ganz am Anfang, daß die Welt noch jung war und viele Dinge keinen Namen hatten: "el mundo era tan reciente, que muchas cosas carecían de nombre"[14]. Die Menschen müssen mit dem Finger auf die Dinge in ihrer Umwelt zeigen, um sich auf diese zu beziehen und sich verständlich zu machen. Dies deutet auf eine Art primitiven Urzustand hin. Jahreszahlen haben in der zeitlosen Einsamkeit keine Funktion, die geschichtlich artikulierte Zeit ist in diesem Dorf noch nicht von Bedeutung. Macondo befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einer Art Geschichtslosigkeit. Dennoch gelangen mit den Zigeunern schon bald teilweise ausgesprochen "moderne" Erfindungen ins Dorf, beispielsweise das Fernglas oder der Fotoapparat. Diese Erfindungen werden darüber hinaus nicht in der zu erwartenden chronologischen Reihenfolge gebracht: zuerst kommt der Magnet, dann das Fernglas, doch erst später folgt das Eis, welches darüber hinaus ja auch nicht wirklich als "Erfindung" bezeichnet werden kann, sondern vielleicht eher als "Entdeckung".

Im gesamten Roman werden nur vage Ausdrücke wie "muchos años después", "durante varios años" oder "uno de tanto miércoles" verwendet, die dem Leser keine exakten Angaben liefern, er kann also aus dem Text gar nicht erschließen, wann genau etwas passiert, oft ist noch nicht einmal die chronologische Abfolge der Geschehnisse eindeutig. Obige Zeitangaben verleihen dem Roman an einigen Stellen sogar etwas Märchenhaftes: der Leser wird an Wendungen wie "Es war einmal... " erinnert. In einer solchen Zeit verliert die normale Zeitrechnung ihre Bedeutung.

Die Namengebung der Buendía Abkömmlinge trägt zur weiteren Verwirrung des Lesers bei. Alle männlichen Nachkommen heißen entweder Aureliano oder José Arcadio und schon bald verliert der Leser den Überblick. Diese Aurelianos und José Arcadios sind darüber hinaus auch immer mit ähnlichen Grundeigenschaften behaftet. Man könnte so weit gehen zu behaupten, im Kopfe des Lesers entstehe eine Art Meta-Aureliano sowie ein Meta-José Arcadio, auf die sich die gesamten Charaktereigenschaften der zwei Typen ablagern. Der Leser verlangt regelrecht nach einer genealogischen Darstellung, einem Stammbaum der Buendía-Sippe, um sich orientieren zu können. Ein solcher ist ja auch in kritischen Ausgaben des Romans und in der Sekundärliteratur häufig zu finden[15]. Doch sollte man sich darüber im Klaren sein, daß die Verwirrung auf Seiten des Lesers beziehungsweise das Verschmelzen der einzelnen Charaktere zu einem einzigen Aureliano und einem einzigen Arcadio während des Leseaktes vom Autor aber sicherlich letztendlich genau so intendiert war. Auch Úrsula Iguarán entgeht die Wiederkehr der Charaktertypen der Aurelianos und José Arcadios nicht. Sie empört sich, als sie bemerkt, daß sich das Schicksal in Typen wiederholt und daß sich die Welt im Kreise dreht:

En la larga historia de la familia, la tenaz repetición de los nombres le había permitido sacar conclusiones

que le parecían terminantes. Mientras los Aurelianos eran retraídos, pero de mentalidad lúcida, los José

Arcadio eran impulsivos y emprendedores, pero estaban marcados por un signo trágico.[16]

So wie für den Leser durch oben beschriebene Techniken der Eindruck einer Zeitlosigkeit entsteht, befindet sich auch Macondo außerhalb der konventionellen Zeit. Die Zeit scheint in diesem Tropendorf stehengeblieben zu sein, alles wiederholt sich. Das geht soweit, daß José Arcadio Buendía jeden Tag für einen Montag hält, weil er keinen Unterschied zwischen den einzelnen Tagen, die er durchlebt, erkennen kann. Viele Figuren verrichten sinnlose Arbeiten und oftmals stellt sich die Sinnlosigkeit von menschlichem Handeln überhaupt ein. So fertigt Oberst Aureliano Buendía goldene Fischchen, die er immer wieder einschmilzt, Úrsula versucht in Krisenzeiten durch übertriebene häusliche Aktivitäten vergeblich so etwas wie Ordnung herzustellen und die Machtkämpfe zwischen Liberalen und Konservativen sind ebenfalls sinnlos, da sich beide Lager nicht wirklich voneinander unterscheiden.

Im Laufe der Jahre treten in Macondo keinerlei Veränderungen ein, die Zeit scheint keine Spuren des Fortschrittes oder zumindest des Wandels zu hinterlassen. So bringen die ersten Zigeuner zu Beginn den Magneten oder das Eis ins Dorf, und die ganze Bevölkerung Macondos staunt, ist von den seltsamen und unbekannten Gegenständen beeindruckt. Doch als die Zigeuner schließlich nach vielen Jahren in das Dorf zurückkehren und die gleichen Gegenstände vorführen, sind die Menschen noch genauso erstaunt und fasziniert wie fast hundert Jahre zuvor. Sie haben nichts aus ihren Erfahrungen gelernt. In Macondo selber werden ebenfalls keine bedeutenden Erfindungen gemacht, alles dreht sich dort im Kreise. Die Menschen scheinen die Geschichte ihres Dorfes nicht zu kennen, denn sie lassen zu, daß sich alles wiederholt. Sie sind Opfer der Pest des Vergessens.

2. Die Einsamkeit der Buendía

Neben der räumlichen und zeitlichen Einsamkeit, die das Dorf Macondo als Ganzes, als Gemeinschaft betreffen, leiden auch die einzelnen Figuren an Einsamkeit, welche sie von ihren Familienmitgliedern und Mitmenschen isoliert und letztendlich unglücklich macht.

Die Einsamkeit ist Kennzeichen aller Buendía und wird von Generation zu Generation weitervererbt. Diese Einsamkeit ist sogar rein äußerlich erkennbar, zeigt sich also auch als ein rein physisches Merkmal, das die Buendía charakterisiert. Sowohl die Aurelianos als auch die José Arcadios, obwohl sonst mit unterschiedlichen Charaktereigenschaften versehen, haben in ihren Augen einen Anflug von Einsamkeit. Alle siebzehn Söhne des Oberst Aureliano Buendía können durch die ihnen anhaftende Einsamkeit als Familienmitglieder und Abkömmlinge des Oberst identifiziert werden, obwohl sie sich sowohl in Alter als auch durch ihre unterschiedliche Hautfarbe voneinander unterscheiden: "Llevaron niños de todas las edades, de todos los colores, pero todos varones, y todos con un aire de soledad que no permitía poner en duda el parentesco."[17], "… vio en la puerta diecisiete hombres de lo más variados aspectos, de todos los tipos y colores, pero todos con un aire solitario que habría bastado para identificarlos en calquier lugar de la tierra."[18].

Die Einsamkeit ist entweder schon von Geburt an als körperliches Merkmal vorhanden oder aber sie verändert die Buendía im Laufe ihres Lebens physisch, wie das Beispiel Rebeca Buendías besonders gut veranschaulicht. Ihr Gesicht wird an einer Stelle folgendermaßen beschrieben: "…y el pellejo del rostrero agrietada por la aridez de la soledad."[19].

A. Die Einsamkeit des Obersts Aureliano Buendía

Die Einsamkeit der Buendía kann im Wesentlichen auf das Fehlen von Liebe und Gemeinschaft zurückgeführt werden. Das wird besonders gut am Beispiel des Obersts Aureliano Buendía deutlich. Als sich dieser auf dem Höhepunkt seiner Macht befindet, ordnet er an, ein Kreidekreis solle um ihn gezogen werden. Niemand darf diesen Kreis überschreiten, selbst seine eigene Mutter Úrsula nicht. Kein menschliches Wesen darf näher als zwei Meter an ihn herantreten: "Fue entonces cuando decidió que ningún ser humano, ni siquiera Úrsula, se le aproximara a menos de dos metros. En el centro del círculo de tiza que sus edecanes trazaban dondequiera que él llegara, y en el cual sólo él podía entrar, decidía con órdenes breves e inapelables del destino del mundo."[20]. Dieser Kreidekreis kann somit als sichtbares Zeichen für seine Einsamkeit und Isolation von den anderen Menschen interpretiert werden. Er ist voller Machtgier und zeigt keinerlei menschliche Gefühle, kein Mitleid und kein Erbarmen. Nach der Erschießung des Generals Moncada erfüllt er zwar den Wunsch des Opfers und bringt der Witwe einige Schmuckstücke ihres Mannes. Weil diese ihn aber nicht eintreten läßt ordnet er an, das Haus der Witwe zu plündern und anzuzünden. Oberst Aureliano Buendía benutzt seine Macht willkürlich und kümmert sich dabei nicht um das Schicksal der Menschen, denen er Leid zufügt. Diese Tatsache bemerkt auch Oberst Gerineldo Márquez, welcher ihn mit den Worten "'Cuidate el corazón, Aureliano'… . 'Te estás pudriendo vivo.'"[21] warnt. Es hat fast den Anschein, als nehme seine Einsamkeit und seine Gefühlskälte proportional zu seiner Macht zu: je einflußreicher seine Position, desto größer seine Machtgier sowie seine Unfähigkeit zu Liebe und Mitgefühl. Der Abstand zwischen dem Oberst und seiner Umwelt wird immer größer. Als er den Oberbefehl erlangt und seine Befehlsgewalt von allen Kommandostellen anerkannt wird, plagt ihn plötzlich eine innere Kälte, die ihn nicht mehr schlafen läßt: "Un frío interior que le rayaba los huesos y lo mortificaba inclusive a pleno sol le impidió dormir bien varios meses, hasta que se le convirtió en una costumbre."[22]. Er hat zu keinem Menschen ein durch Liebe oder Freundschaft bestimmtes Verhältnis. Oberst Aureliano Buendía bringt dies selbst zum Ausdruck: "'El mejor amigo'… 'es el que acaba de morir.'"[23]. Als Oberst Gerineldo Márquez zum Tode verurteilt wird, erhört er selbst dessen Bittgesuche um Milde nicht. Doch die Einsamkeit macht ihn unglücklich. Schließlich versucht er sich durch eine Pistolenkugel ins Herz umzubringen, allerdings bleibt dieses Vorhaben erfolglos.[24]

[...]


[1] Microsoft® Encarta® 99 Enzyklopädie. © 1993-1998 Microsoft Corporation. "Einsamkeit".

[2] Karl-Heinz Hillmann, Wörterbuch der Soziologie, 4., überarb. u. erg. Aufl. (Stuttgart: Kröner, 1994), 173.

[3] Gerhard Kölbel, Über die Einsamkeit. Vom Ursprung, Gestaltwandel und Sinn des Einsamkeitserlebens

(München: Ernst Reinhardt Verlag, 1959), 36.

[4] Microsoft® Encarta® 99 Enzyklopädie."Einsamkeit".

[5] Gabriel García Márquez, Cien años de soledad, 6. ed. (Madrid: Ediciones Cátedra, 1995), 91.

[6] Ebenda, 91.

[7] Ebenda, 91.

[8] Ebenda, 92.

[9] Ebenda, 92.

[10] Román López Tamés, La narrativa actual de Colombia y su contexto social (Valladolid: Universidad de

Valladolid, 1975), 63.

[11] García Márquez (1995), 95.

[12] Vgl. hierzu Kapitel III.3.

[13] Germán Darío Carrillo, "La soledad", in Darío Carrillo, Germán. La narrativa de Gabriel García Márquez

(Madrid: Ed. de Arte y Bibliofilia, 1975), 35.

[14] García Márquez (1995), 79.

[15] Vgl. ebenda, 76.

[16] Ebenda, 292.

[17] Ebenda, 256 f..

[18] Ebenda, 331.

[19] Ebenda, 334.

[20] Ebenda, 272.

[21] Ebenda, 273.

[22] Ebenda, 274.

[23] Ebenda, 274.

[24] Eine ähnliche Figur taucht auch in El general en su laberinto (1989) von García Márquez auf. Auch hier ist die Hauptfigur ein General auf dem Höhepunkt seiner Macht, der an Einsamkeit leidet. Dies scheint ein Thema zu sein, das den Autor besonders beschäftigt. Vgl. hierzu auch Kapitel IV.5, in dem García Márquez´ Äußerungen zur Einsamkeit betrachtet werden.

Ende der Leseprobe aus 43 Seiten

Details

Titel
Die Einsamkeit in "Cien años de soledad" von Gabriel García Márquez
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Romanisches Seminar, Spanische Abteilung)
Veranstaltung
Vom ´indigenismo´ zum ´real maravilloso´ - Ausgewählte Werke von Arguedas, Asturias, Carpentier und García Márquez
Note
1,7
Autor
Jahr
2002
Seiten
43
Katalognummer
V17902
ISBN (eBook)
9783638223522
Dateigröße
679 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Einsamkeit, Gabriel, García, Márquez, Ausgewählte, Werke, Arguedas, Asturias, Carpentier
Arbeit zitieren
Sonja Weimar (Autor), 2002, Die Einsamkeit in "Cien años de soledad" von Gabriel García Márquez, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17902

Kommentare

  • Gast am 20.3.2008

    Die Einsamkeit des Diktators.

    Ich will hier gern über die Einsamkeit des Dictators sprechen,die im Luxus leben und ausser Sicht der Menschen verstecken.Kann man eine politische und sociale Einsamkeit des Diktators nennen,sie sind so weit aus Realität ihres Volkes,sie ignorieren uberhaupt die Alltag der normaler Menschen,die unter Armut,Elend und Frustration leiden.Ich glaube diese Art von Einsamkeit hat mit Macht und Herrschaft zu tun,sie ist eine politische und Aristokatische Entscheidung des Leaders.

Im eBook lesen
Titel: Die Einsamkeit in "Cien años de soledad" von Gabriel García Márquez


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden