Wie Jung und Alt voneinander lernen: Generationsübergreifende Projekte in der heutigen Gesellschaft


Diplomarbeit, 2011

95 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Einleitung

2. Der gesellschaftliche Wandel
2.1 Aspekte der Modernisierung
2.1.1 Enttraditionalisierung
2.1.2 Individualisierung
2.1.3 Pluralisierung von Lebensformen
2.1.4 De- Institutionalisierung des Lebenslaufs
2.1.5 Lebenslanges Lernen
2.2 Zusammenfassung

3. Der demografische Wandel in der heutigen Gesellschaft
3.1 Die alternde Gesellschaft
3.2 Die Pyramide steht Kopf: Die Bevölkerungsentwicklung bis 2050
3.3 Strukturwandel des Alter(n)s
3.4 Die Individualität des Alter(n)s: „Alter(n) ist relativ“
3.5 Bilder des Alter(n)s
3.6 Zusammenfassung

4. Die Generationen und ihre Verhältnisse aus wissenschaftlicher Sicht
4.1 Etymologische Bezüge
4.2 Konzeptuelle Unterscheidungen des Generationenbegriffs
4.2.1 Der genealogisch-familiensoziologische Generationenbegriff
4.2.2 Der pädagogische Generationenbegriff
4.2.3 Der historisch-soziologische Generationenbegriff
4.3 Generationenbeziehungen und Generationenverhältnisse
4.3.1 Modell der „negativen Interdependenz“ (Generationenkonflikt)
4.3.2 Modell der „positiven Interdependenz“ (Generationensolidarität)
4.3.3 Modell der „Independenz“ (Segregation/ Unabhängigkeit)
4.4 Divergenz und Solidarität zwischen den Generationen
4.5 Zusammenfassung

5. Die Jungen und die Alten: Zur Bedeutung generationsübergreifender Projekte
5.1 Eine Übersicht
5.2 Wozu generationsübergreifende Projekte?
5.2.1 Was haben Jung und Alt voneinander?
5.2.2 Begegnung der Generationen abseits sozialer Rollenzuschreibungen
5.3 Facetten generationsverbindender Projekte
5.4 Zusammenfassung

6. Zusammenfassung und Ausblick

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Vorwort

Im Vorfeld meiner Arbeit habe ich mich mit sehr viel verschiedener Literatur beschäf- tigt. Das Spektrum meiner Literaturrecherche reichte von Jugendstudien bis hin zu ge- rontologischen Fragestellungen, von der Entwicklungspsychologie bis zu soziologi- schen Aspekten in der Generationenfrage. Diese Fachliteratur besticht in der Regel durch ihre Sachlichkeit und dem konkreten Bezug zur Wissenschaft. Erfrischend fand ich folgenden Auszug aus dem Buch „Alt und Jung im Pflegeheim“, dass von Michael Ganß und Barbara Narr 2010 herausgegeben wurde und der meinen eigenen Gedanken- gängen sehr nahe kommt:

„Die Neugier des Menschen auf andere Menschen ist etwas, das lebenslang anhält, sich selbst im anderen wieder finden oder merken, dass da Unterschiede sind. Die Unter- schiede ausloten. Sind sie bereichernd, beängstigend, beglückend?

Vielfach sind sie alles gleichzeitig. Bei der so genannten „intergenerativen“ Arbeit ist das formale Kriterium der Unterscheidung das Alter. Jede Generation ist durch eine Fülle altersbedingter Besonderheiten geprägt, die sich in körperlichen, biografischen und zeitgeschichtlichen Merkmalen zeigen. Unterschiedliche Lebensphasen verändern das Leben, lassen Handlungen und Bezugsräume größer und kleiner werden. Das Zu- sammentreffen von Jung und Alt regt immer wieder neu zur staunenden Reflexion an. Das Nachdenken über sich und andere macht lebendig. Selbst nur sporadische Kontakte können so einen Reichtum in sich bergen, der die […] Arbeit immer aufs Neue zu einer faszinierenden Angelegenheit macht“ (Ganß / Narr 2010, 7).

Ich habe mich während meiner zwei praktischen Studiensemester in einem Mainzer Alten- und Pflegeheim (2008/ 09) persönlich davon überzeugen können, welchen be- achtlichen Stellenwert Generationen übergreifende Arbeit für alle Beteiligten einneh- men kann. Einmal pro Woche kam eine Schülergruppe mit ca. 8 Kindern im Alter zwi- schen 11 und 12 Jahren in die Senioreneinrichtung, um mit den Bewohnern des Hauses in Kontakt zu treten. Die Gruppe wurde mir anvertraut und ich konnte so über längere Zeit die Kontakte und Begegnungen zwischen den jungen und den alten Menschen beo- bachten. Anfangs gab es hier und da Berührungsängste seitens der Schüler und manch- mal auch seitens der Bewohner, was jedoch insgesamt eher selten der Fall war, denn die Freude über den jungen Besuch war groß. Manche Schüler wussten zunächst nicht, wie sie beispielsweise mit an Demenz erkrankten Menschen in Kontakt treten und umgehen sollten. Ich erklärte ihnen das Krankheitsbild und worauf es in der Kommunikation mit demenzkranken Menschen zu achten gilt (z.B. bestätigende Aussagen), um ihnen die Angst zu nehmen und ihnen den direkten Kontakt des Aufeinanderzugehens zu erleich- tern.

Das Sozialverhalten der Kinder entwickelte und erweiterte sich sehr rasch, was mich staunen ließ. Die anfängliche Scheu wich und zunehmend zeigten sich Neugier und Freude im Umgang mit den alten Menschen. In nur kurzer Zeit entwickelten die Kinder mehr und mehr ein Gefühl dafür, wie sie mit den Bewohnern empathisch und sorgsam umgehen konnten. Ich war überrascht, wie schnell und in welchem Umfang die jungen Menschen ganz selbstverständlich soziale Verantwortung übernommen haben und sich auf diese außerfamilialen Kontakte mit älteren Menschen eingelassen haben. Darüber hinaus war es aber genauso faszinierend zu beobachten, wie schnell sich auch die Heimbewohner auf die belebenden Kontakte mit den Kindern geöffnet haben.

Insbesondere das gemeinsame Spiel von Jung und Alt empfand ich als ein sehr vorteil- haftes und zugleich erfrischendes Medium, um beispielsweise anfängliche Berührungs- ängste bei allen Beteiligten (Schülern, Bewohnern und teilweise auch Angehörigen) abzubauen. Gerade das zusammenführende Spiel zwischen Mitgliedern unterschiedli- cher Generationen ist eine Urform der menschlichen Kommunikation und Begegnung und findet bis heute seine Berechtigung auch in der Arbeit mit Angehörigen verschie- dener Generationen. So entstand auch hier in recht kurzer Zeit ein ungezwungenes Mit- einader zwischen Jung und Alt, das für viel Spaß und Abwechslung sorgte.

Ich stellte fest, dass sowohl längerfristige, als auch kürzere generationsübergreifende Kontakte bei allen Beteiligten inklusive mir Spuren hinterließen. So fiel mir zum Bei- spiel beim gemeinsamen Spielen auf, dass mein einfühlendes und regulierendes Eingrei- fen dafür sorgte, dass in manchen Spielsituationen alle Beteiligten gleichermaßen zum Zuge kommen konnten. Dementsprechend ermöglichte ich auch zurückhaltenderen Mit- spielern die Teilnahme an den Aktivitäten, denn nicht nur bei den Kindern gab es for- sche Vertreter sondern ebenso bei den alten Menschen.

Es war schön zu erleben, dass manch ein Bewohner im Anschluss an die Besuche der Schüler fragte, wann denn die Kinder wieder ins Haus kämen und manch ein Schüler war hoch motiviert und wäre an den Tagen gerne länger im Wohnheim geblieben.

Ich gewann den Eindruck, dass diese Treffen das Vertrauen und zugleich das Selbstver- trauen sowie auch das persönliche Wohlbefinden der Beteiligten gestärkt haben.

Die gemachten Erfahrungen waren in gewisser Weise sehr beeindruckend für mich und haben mich im Weiteren dazu veranlasst zu schauen, wo in unserer heutigen Gesell- schaft überhaupt noch solche Begegnungen zwischen Jung und Alt außerhalb der eige- nen Familie stattfinden. Wie ich während meiner Recherche zu dieser Arbeit feststellen konnte, sind solche Kontakte tatsächlich eher die Ausnahme als die Regel und haben mich letztendlich dazu bewogen, mich in der Theorie näher mit diesem Aspekt genera- tionsübergreifender Arbeit zu beschäftigen. Dabei wurde mir klar, wie umfangreich und gesellschaftlich bedeutsam und vielschichtig dieses Thema insgesamt ist.

1. Einleitung

Der demografische Wandel verändert unsere Gesellschaft. Auf den Punkt gebracht: Wir werden zum einen älter und zum anderen werden wir auch weniger. Die niedrigen Ge- burtenziffern und die steigenden Lebenserwartungen sind die charakteristischen Kenn- zeichen der natürlichen Bevölkerungsentwicklung im Zuge der Modernisierung.

Schon im Jahr 2050 werden nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes über 30% der Bevölkerung in der Bundesrepublik 65 Jahre oder älter und etwa nur 15% un- ter 20 Jahre alt sein. „Die Bevölkerungsentwicklung wird unser [Zusammen-] Leben in Zukunft entscheidend verändern. Eine Jugend in Minderheitenlage, längere Lebenser- wartungen bei besserer Gesundheit und dennoch wachsender Pflegebedarf, Schrump- fung der Bevölkerung mit Auswirkungen auf Arbeit und Wohnen, Sicherungssysteme und Infrastruktur – all das stellt unsere Gesellschaft vor große Herausforderungen“ (www.generationendialog.de).

So ergeben sich neue Aufgaben für Gesellschaft, Politik und jeden Einzelnen, um das Zusammenleben aller Generationen unter diesem Blickwinkel neu zu gestalten. Es gilt die Bedeutung und das Potenzial von Jung und Alt für die Zukunftsfähigkeit einer Ge- sellschaft zu erkennen und zu nutzen.

Das Altern unserer heutigen Gesellschaft wird aufgrund seines schnell voranschreiten- den Verlaufes häufig mit der Betitelung „Überalterung“ versehen. Zunächst bezieht sich dieser Begriff auf den demografischen Wandel, sprich: auf die Umkehrung der klassi- schen Alterspyramide, die mittlerweile nicht mehr auf einem breiten Fundament jünge- rer Menschen basiert und sich nach oben hin verjüngt, sondern sich verstärkend auf ei- ner schmalen Basis befindet und eine immer breiter werdende Spitze zu tragen hat (vgl. Möhle / Glatzer 2000, 67). In Zukunft werden immer weniger junge Menschen mit im- mer mehr alten Menschen über längere Zeiträume zusammen leben.

Des Weiteren suggeriert der stigmatisierende Ausdruck „Überalterung“ negative Folgen des demografischen Wandels und zwar speziell bezogen auf die ökonomischen und so- zialpolitischen Ausgänge dieser Entwicklung für die Gesellschaft. Hierbei geht es mit- unter um Probleme wie die Finanzierbarkeit der Alterssicherung, was sich durch das vermehrt festzustellende Anzweifeln des „Generationenvertrages“1 bemerkbar macht. Zusätzlich wird mit dem Begriff „Überalterung“ auch die Erhöhung von Pflegekosten und der Arbeitskräftemangel angesprochen. Als Konsequenz wird hier auch die nach- lassende Innovationskraft älterer Menschen befürchtet.

In diesem Zusammenhang wird durch Politik und Medien oftmals ein „Katastrophen- szenario“ – das zwischen jungen und alten Menschen vorherrschen soll - heraufbe- schworen. Mit Titeln wie beispielsweise „Die Altersexplosion“ (Mohl 1993) und „Kampf der Generationen“ (Gronemeyer 2004) wird dem Rezipienten eingeredet, es ginge um einen „Krieg der Generationen“ (Schirrmacher 2004).

In meiner Arbeit möchte ich der Frage nachgehen, welche Bedeutung generationsüber- greifenden Projekten und somit der Arbeit mit jungen und alten Menschen in unserer heutigen Gesellschaft beigemessen werden kann. Dabei möchte ich den Fokus speziell auf außerfamiliale Begegnungen und Kontakte zwischen den Generationen richten, weil sie meines Erachtens einen bedeutenden Stellenwert im künftigen Miteinander haben werden.

Die heutigen familialen Generationenbeziehungen werden von vielen Wissenschaftlern als nach wie vor überwiegend solidarische Familienbündnisse gesehen, wohingegen außerfamilialen Generationenbeziehungen und gesellschaftlichen Generationenverhält- nissen in den Massenmedien und seitens der Politik ein „Krieg der Generationen“ pro- phezeit wird. Manch ein Autor spricht hierbei jedoch weniger vom drohenden Konflikt als vielmehr von einem „gepflegten Nebeneinander“ (vgl. Clausen 2010; Schüler 2005), sprich: einer Beziehungslosigkeit von Jung und Alt.

In dem Maße, in dem generationsübergreifende Kontakte außerhalb der Familie an Selbstverständlichkeit verlieren, gewinnen die Möglichkeiten, das Miteinander der Ge- nerationen professionell und auch ehrenamtlich zu organisieren, an Bedeutung.

Mittlerweile existieren zahlreiche Initiativen und Projekte, die sich deutschlandweit dieser Herausforderung stellen und einen Brückenschlag zwischen Jung und Alt erfolg- reich wagen. Diese Angebote geben vielfach die Gelegenheit, dass jüngere und ältere Menschen in einen „Dialog der Generationen“ treten, etwas voneinander lernen und sich füreinander einsetzen. Auch können stereotype Vorstellungen von der jeweils anderen Altersklasse durch die Begegnung im (bürgerschaftlichem) Engagement vermindert werden. Hierdurch können neue Sichtweisen über die jeweils andere Generation entste- hen, die ein Miteinander aller Generationen persönlich (auf der Mikroebene) und auch gesellschaftlich (auf der Makroebene) fördern können (vgl. Kubisch 2009, 11).

In Kapitel 1 gehe ich auf den gesellschaftlichen Wandel ein, der eine nicht unwesentli- che Rolle für die strukturellen Veränderungen in den Beziehungen zwischen den Gene- rationen mit beeinflusst hat. So stelle ich einige wesentliche Aspekte des Modernisie- rungsprozesses ab Mitte des 19. Jahrhunderts vor. In fünf Unterkapiteln thematisiere ich dabei verschiedene Einzelaspekte, die in ihrer Gesamtheit einen wesentlichen Teil die- ses Erneuerungsprozesses charakterisieren.

In Kapitel 2 werde ich auf die demografischen Veränderungen in der Bundesrepublik Deutschland und den Strukturwandel des Alter(n)s eingehen. Die Darstellungen des Altersaufbaus der Bevölkerung (Statistisches Bundesamt) heben den vielschichtigen Wandel der demografischen Bedingungen für die Bürger deutlich hervor. Durch die veränderte Altersstruktur in der Bundesrepublik und die im Schnitt längeren Lebenszei- ten wird dem Alter als eigene Lebensspanne eine neue Bedeutung beigemessen. Es wird hier von einem Strukturwandel und zugleich Bedeutungswandel des Alter(n)s zu lesen sein. Des Weiteren gehe ich mitunter näher auf die frühe Berufsaufgabe, Veränderungen der Familienstrukturen, die Feminisierung und Singularisierung des Alters, sowie die (neu entstehende) Hochaltrigkeit ein. „Es wird nicht ein Alter, sondern es wird viele Alter geben“ (Rosenmayr 1996, 8).

Im vorletzten Unterkapitel (2.4) beschreibe ich, wie unterschiedlich Alter und das Al- tern erlebt, gelebt und empfunden werden kann. Auch existieren verschiedene Bilder des Jungseins und des Alter(n)s bei Menschen und in der Bürgergesellschaft, die ich hier kritisch beleuchten werde (Kap. 2.5).

Um sich dem Verhältnis zwischen den Generationen aus unterschiedlichen Perspektiven annähern zu können, werde ich in Kapitel 3 den vielschichtigen Generationenbegriff genauer betrachten. Denn im Alltagsgebrauch wird der Generationenbegriff oftmals unscharf und mehrdeutig verwendet. So werde ich in Anlehnung an Liebau (1997) und Höpflinger (1999), drei klar unterscheidbare Grundkonzepte des Generationenbegriffs vorstellen. Darauf aufbauend werde ich anhand drei weiterer Modelle (nach Höpflinger 1999) aufzeigen, wie Generationen innerhalb einer Gesellschaft zueinander stehen. Im letzten Unterkapitel „Divergenz und Solidarität zwischen den Generationen“ werde ich anhand zweier sozialempirischer Studien (SIGMA – Studie 1999 und 16. Shell Jugend- studie 2010) die wichtigsten Befragungsergebnisse hinsichtlich der gegenwärtigen Ge- nerationsbeziehungen und Generationsverhältnisse von Jung und Alt und ihrem sozialen Engagement in der Gesellschaft herausarbeiten.

Im vierten Kapitel werde ich anhand meiner bisherigen Ausarbeitung einen Brücken- schlag zur Bedeutung der Initiierung von generationsübergreifenden Projekten für Mensch und Gesellschaft wagen. Hierbei ermögliche ich dem Leser zunächst einen Ein- blick über den gegenwärtigen Stand intergenerativer Projektarbeiten und Kooperationen in Deutschland. Darauf aufbauend gehe ich der Frage nach, ob und wo sich junge und alte Menschen heutzutage noch begegnen und gegebenenfalls Generationen übergrei- fende und explizit außerfamiliale Kontakte entstehen. Welchen Nutzen die beteiligten Generationen von einer gemeinsamen Begegnung haben können, untersuche ich in Ka- pitel 4.2. Abschließend stelle ich drei Projektarten vor.

Lesehinweise:

- In dieser Arbeit verwende ich die Begriffe „generationsübergreifend“ und „Genera- tionen übergreifend“ synonym zu folgenden Worten: generationsverbindend, inter- generativ, intergenerationell.
- Des Weiteren setze ich den Begriff „Projekt“ mit Projektarbeit, generationsüber- greifendes Projekt und generationsübergreifende Arbeit gleich.
- In dieser Arbeit verwende ich ausschließlich die männliche Form der Ansprache, gemeint sind jedoch jeweils beide Geschlechter.
- Texteinschlüsse in eckigen Klammern [abc] stellen sinngemäße Zitatergänzungen des Verfassers dar
- Textausschlüsse in eckigen Klammern […] stellen sinngemäße Zitatkürzungen des Verfassers dar

2. Der gesellschaftliche Wandel

Im Zuge der Modernisierung haben sich die Lebensbedingungen der Menschen gewan- delt. Die Freiheit einerseits und die Notwenigkeit andererseits, sich in der heutigen, zu- nehmend offenen und weiter öffnenden Gesellschaft orientieren zu müssen, ist eine Aufgabe, die alle Generationen betrifft. So bergen die gesellschaftlichen und demografi- schen Veränderungen heute neue Anforderungen und zugleich Herausforderungen für Mensch und Gesellschaft in sich, die es zu bewältigen gilt.

Unter Modernisierung wird heute der gesellschaftliche Prozess verstanden, indem sich Teilaspekte wie beispielsweise die Industrialisierung, die Individualisierung, die Plura- lisierung, bis hin zur Globalisierung des 20. Jahrhunderts abspielen, die die Entwick- lung der westlichen Gesellschaften ab Mitte des 19. Jahrhunderts geprägt haben und auch weiterhin prägen.

Detaillierter beschrieben meint der Begriff „Modernisierung“ „…die technologischen Rationalisierungsschübe und die Veränderung von Arbeit und Organisation, umfasst darüber hinaus aber auch sehr viel mehr: den Wandel der Sozialcharaktere und Normal- biographien, der Lebensstile und Liebesformen, der Einfluss- und Machtstrukturen, der politischen Unterdrückungs- und Beteiligungsformen, der Wirklichkeitsauffassungen und Erkenntnisnormen. Der Ackerpflug, die Dampflokomotive und der Mikrochip sind im sozialwissenschaftlichen Verständnis von Modernisierung sichtbare Indikatoren für einen sehr viel tiefer greifenden, das ganze gesellschaftliche Gefüge erfassenden und umgestaltenden Prozess, in dem letztlich Quellen der Gewissheit, aus denen sich das Leben speist, verändert werden (Koselleck 1977, Lepsius 1977, Eisenstadt 1979)“ (zit. n. Beck 1986, 25; Hervorheb. Im Orig.).

In Ulrich Becks soziologischer und zugleich kritischer Gegenwartsdiagnose „Risikoge- sellschaft. Auf dem Weg in eine andere Moderne“ aus dem Jahre 1986, werden die ge- sellschaftlichen Verhältnisse der BRD Mitte der 1980er Jahre untersucht. Ich werde mich in den folgenden Unterkapiteln teilweise auf seine Ausarbeitung stützen, hierbei jedoch auch andere Autoren/ Wissenschaftler bzw. deren Meinungen berücksichtigen.

Zunächst möchte ich die Begriffe „erste Moderne“ und „reflexive Moderne“ bzw.

„zweite Moderne“ (nach Beck) und den Begriff der „Postmoderne“ näher erläutern, um einen genaueren Überblick dieser – oftmals verwirrenden und zugleich von diversen Autoren unterschiedlich definierten – Zeitabschnitte zu ermöglichen.

Nach Beck fand ein Bruch innerhalb der Moderne statt, der den klaren Umriss von der klassischen Industriegesellschaft „verwischt“ und einen Wechsel von der ersten Moder- ne zu einer zweiten Moderne beinhaltet. Während die erste Moderne den Wandel von der Agrar- zur Industriegesellschaft beschreibt, wird mit der zweiten Moderne der Übergang in die Risikogesellschaft bezeichnet. Beck nennt diese zweite Moderne auch die reflexive Moderne, da sich die Menschen in dieser Zeit der Auswirkungen der von der Industriegesellschaft mit geschaffenen und gleichzeitig versteckten Nebenfolgen bewusst werden (vgl. 1986, 13 ff.).

In der zweiten Moderne können die Nöte der „Mangelgesellschaft“ durch die Verbesse- rung der materiellen Verhältnisse auf breiter Basis überwunden werden. So ist gesamt- gesellschaftlich ein Zuwachs an Bildung, Einkommen, Mobilität, Wissenschaft, Recht und Massenkonsum zu verzeichnen. Beck zufolge wird die Klassengesellschaft durch diesen „Fahrstuhl-Effekt“ eine Ebene höher gefahren, die Klüfte zwischen Arm und Reich bleiben hierbei jedoch in der Gesellschaft gleich (vgl. Beck 1986, 121 f.). Zur selben Zeit ist – mit der Aufwertung des Lebensstandards – ein Bewusstwerden von „…Risiken und Selbstbedrohungspotenziale[n] in einem bis dahin unbekanntem Aus- maß [festzustellen]“ (Beck 1986, 25).

Gefahren für den Einzelnen sieht Beck nicht nur in den neuen Risiken der Modernisie- rung, zum Beispiel in der atomaren Kriegsführung, der Kernenergie und Umweltver- schmutzung, sondern auch in den individuellen Verunsicherungen durch gesellschaftli- che, persönliche und kulturelle Faktoren, die auf die Freiwerdung aus den Sozialformen der Gesellschaft in der zweiten Moderne hervorgehen. Auf der einen Seite erfordern diese Neuerungen die Entwicklung neuer Handlungsstrategien des Einzelnen, auf der anderen Seite machen sich die Menschen zunehmend abhängig von sozialen und staatli- chen Institutionen. Gleichzeitig entwickeln sich neben der Individualisierung neue sozi- ale Zusammenschlüsse wie bspw. Bürgerinitiativen oder soziale Bewegungen (vgl. 1986, 119).

In vielen wissenschaftlichen Auseinandersetzungen zur Abfolge der Epochen folgt auf die erste und zweite Moderne die so genannte Postmoderne. Unter diesem Begriff wer- den in der Literatur unterschiedliche Inhalte verstanden. Während manche Autoren dar- unter zum Beispiel eine neue Epoche nach dem Prozess der Modernisierung verstehen, sehen andere darin die Umsetzung und gesellschaftliche Etablierung der Moderne. Hier gehen die Meinungen weit auseinander. Ich habe mich entschieden, meiner Verwen- dung von „Postmoderne“ folgende Definition zugrunde zu legen:

Die Postmoderne beschreibt Hillmann (1994) in seinem „Wörterbuch der Soziologie“ wie folgt: „Allgemein bezeichnet Postmoderne in der Soziologie die Gesamtheit ge- genwärtiger soziokultureller Prozesse, die auf eine zunehmende Differenzierung und Pluralisierung von weltanschaulichen Orientierungen, Wertsystemen, Einstellungen, Lebensstilen, Verhaltensweisen und Formen sozialer Beziehungen hinauslaufen, ver- bunden mit einer Zunahme von Orientierungsschwierigkeiten, Gegensätzen, Widersprü- chen und Konflikten, aber auch von Möglichkeiten autonom-individueller Lebensgestal- tung“ (1994, 683).

Zygmunt Baumann bemerkt lakonisch: „Postmoderne ist ein Freibrief, zu tun, wozu man Lust hat, und eine Empfehlung, nichts von dem, was man selbst tut oder was ande- re tun, allzu ernst zu nehmen“ (1995, 9).

So wie diese vorstehenden Autoren die gesellschaftlichen und zugleich individuellen Umbrüche darstellen, wird verständlich, dass es notwendig ist, sich einzelne Verände- rungsprozesse näher anzuschauen. Nachfolgend werde ich in den Unterkapiteln des ers- ten Kapitels ein paar der zahlreichen Prozesse aufgreifen und näher erörtern.

1.1 Aspekte der Modernisierung

1.1.1 Enttraditionalisierung

Die vormodernen Gesellschaften waren geprägt durch ihre starke Orientierung zu Kir- che und Glauben. Die Menschen in den „…statisch-hierarchisch geordneten Sozial- strukturen, die zugleich die religiöse ‚Weihe’ von Gott gewollter und gestifteter Ord- nungen für sich in Anspruch nehmen konnten, hatten keinen Spielraum für selbst be- stimmte Lebensentscheidungen des Subjekts. Die Ordnung der Dinge bestand in einem Korsett von feststehenden Rollen, Normen und Lebenswegen“ (Keupp 1994, 337).

Allmählich werden jedoch die einst gültigen und traditionell starren Normen und Werte hinterfragt, erweitert und ergänzt. „Staat, Kirchen, Familien oder sonstige gesellschaft- liche Institutionen ziehen sich als umfassend Norm gebende Instanzen aus dem ‚Privat’ -Leben des Einzelnen [in der postmodernen Gesellschaft] immer weiter zurück. Sie ver- fügen diesbezüglich über immer weniger Sanktions- und Gestaltungsmacht. Ihre Leit- bilder des ‚richtigen’ Lebens […] büßen ihren Charakter als verpflichtende Norm ein. Entsprechend wachsen die Gestaltungsspielräume des Einzelnen“ (vgl. Berger / Gerngross 1994, 40).

Dementsprechend hat der Modernisierungsprozess zu einer größeren Vielfalt erdenkli- cher Lebensstile und Entfaltungsmöglichkeiten geführt. Von den wirtschaftlichen Wandlungsprozessen und dem umfassenden und weit reichenden Anstieg des Bildungs- niveaus (Bildungsexpansion der 1970er Jahre) profitieren nicht nur der Nachwuchs der Arbeiterschicht, sondern vor allem Frauen, die quasi erstmalig die Möglichkeit hatten, sich ebenso auf dem Arbeitsmarkt zu behaupten wie Männer (vgl. Beck 1986, 125-128).

„Die Studentenbewegung und die feministische Bewegung haben diese Entwicklungs- tendenzen noch beschleunigt. All dies ist nicht ohne Folgen für die traditionale Arbeits- teilung zwischen den Geschlechtern geblieben…“ (Peuckert 2008, 229).

Folglich wird auch die weibliche „Normalbiografie“ künftig weniger standardisiert und voraussehbar verlaufen. Dafür sprachen vor allem die zunehmende Infragestellung weiblicher Rollenmuster und die wachsende Teilhabe der jüngeren Frauengenerationen an Erwerbstätigkeit sowie an qualitativ hochwertiger Bildung und Ausbildung.

Zur selben Zeit bot eine sich stetig erweiternde Dienstleistungsbranche Menschen der unteren Schichten berufliche Aufstiegsmöglichkeiten, wenn sie keine höheren Schulab- schlüsse vorweisen konnten (vgl. Beck 1986, 125-128).

Steigender Wohlstand und eine deutliche Zunahme an freier Zeit führten zu einer Öff- nung der „traditionalen Tabuzonen klassen- und familienbestimmten Lebens“. Der so genannte „Fahrstuhl-Effekt“ gestattete folglich auch den unteren sozialen Schichten eine Teilhabe an den Privilegien, die vormals der Mittel- und Oberschicht vorbehalten waren. „Das Geld ließ die Grenzen der sozialen Kreise im Massenkonsum verschwim- men […] ungleiche Konsumstile in Einrichtung, Kleidung, Massenmedien, persönlicher Inszenierung usw. [traten an die Position von Klassengrenzen]“ (Beck 1986, 124 f.; Hervorheb. im Orig.).

1.1.2 Individualisierung

Die gesellschaftliche Entwicklung hin zur Individualisierung kennzeichnet die moderne Industriegesellschaft etwa ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Damals wurden diese Phäno- mene allerdings als Bedrohung der sozial gefestigten Strukturen empfunden, während sie zwar heute zunehmend als „Normalität“ betrachtet werden, doch längst nicht von allen Individuen als zu bewältigen eingeschätzt werden. Dieser lang währende, andau- ernde und bedeutsame Wandel wird auch als Individualisierungsprozess bezeichnet. Ulrich Beck (1986) hat unter anderem diese Veränderungen umfassend untersucht und in einer These beschrieben:

„Auf dem Hintergrund eines vergleichsweise hohen materiellen Lebensstandards und weit vorangetriebenen sozialen Sicherheiten wurden die Menschen in einem histori- schen Kontinuitätsbruch aus traditionalen Klassenbedingungen und Versorgungsbezü- gen der Familie herausgelöst und verstärkt auf sich selbst und ihr individuelles Ar- beitsmarktschicksal mit allen Risiken, Chancen und Widersprüchen verwiesen“ (Beck 1986, 116).

So lässt sich dieser Individualisierungsprozess – der die Moderne prägt – nach Beck analytisch auf drei Dimensionen skizzieren:

- die „Freisetzungsdimension“: als Herauslösung aus traditionellen Sozial- und Le- benszusammenhängen, insbesondere aus den sozialen Klassen, Geschlechtsrollen und Familienbezügen,
- die „Entzauberungsdimension“: folglich als der Verlust von traditionalen Sicherhei- ten im Hinblick auf Handlungswissen, Glauben und leitende Normen; und
- die „Kontroll- bzw. Reintegrationsdimension“, die sich auf eine neue Art der sozia- len Einbindung bezieht (vgl. Beck 1986, 206; Keupp 1999, 37).

Die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen bedeuten für das Individuum, sprich: den postmodernen Menschen der heutigen Zeit fortwährend berufliche Anpassungsleistun- gen an neue Gegebenheiten und Qualifikationen, unterbrochene Verläufe von Erwerbs- und Beziehungsbiografien sowie sich schnell wandelnde Strukturen in Familien- und Beziehungssystemen. Diese Veränderungen machen „insgesamt einen anderen Persön- lichkeitstypus erforderlich, der auch als ‚der flexible Mensch’ (Sennett 1998) gekenn- zeichnet wurde“ (Faltermaier et al. 2002, 18 f.).

Einerseits entstehen durch die sozialen Freisetzungen – die die Zwänge traditioneller Einbindungen wegfallen lassen – für das Individuum neue Handlungs- und Gestaltungs- spielräume und somit neue Entfaltungsmöglichkeiten. Diese Freiheiten ermöglichen zunehmend eine individuelle Lebensgestaltung. So kann sich der Einzelne sein „ ‚Le- bens-Menü’ selbst gewählter und individueller zusammenstellen, die Pfade verzweigen sich, die Formen und Stile werden bunter“ (Berger / Gerngross 1994, 39).

Andererseits wächst jedoch zeitgleich auch die Anforderung an das Individuum, die Verantwortung und die „Zuständigkeit“ des Einzelnen für sein eigenes Leben zu über- nehmen. So wird das Leben gesellschaftlich unbestimmter, ungeregelter und verlangt von jedem Einzelnen Tatkraft, Motivation und das Potenzial zur Schaffung von Struktu- ren und zur Bewältigung dieser Ungewissheiten.

Die postmoderne Gesellschaft, „die immer pluralistischer und unübersichtlicher wird, lässt die Individuen weitgehend allein mit der für sie zunehmend problematischen Kehr- seite der größeren ‚Wahlfreiheit’ im eigenen Lebensstil: mit der ‚Qual der Wahl’. Sie kommt dem fundamentalen Bedürfnis nach Sicherheit und Verortung immer weniger entgegen. Das ‚Finden des richtigen Weges’, die Definition des individuell adäquaten Lebensweges und -stiles, die Herstellung von Seinsgewissheit wird immer mehr dem Individuum überlassen“ (Berger / Gerngross 1994, 40).

Durch das Wegbrechen früherer stabiler Rahmenbedingungen tauchen für das Indivi- duum viele Fragen und Widersprüche auf, die über eine zunehmende Überforderung und eine Reihe von Krisen zu einer Gefährdung der persönlichen Identität des Einzelnen führen können (vgl. Keupp 1999). Manch einer kann den Herausforderungen und zugleich Anforderungen der heutigen Zeit nicht Stand halten. So sind psychische Er- krankungen wie bspw. Burnout und/ oder Depression als Zeichen der Überforderung keine Seltenheit und eine Begleiterscheinung der „riskanten Freiheiten“ (Beck / Beck- Gernsheim 1994) der fortschrittlichen Zeit.

Ehrenberg bemerkt kritisch: „Der wichtigste Umstand für die Individualität der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist der Zusammenstoß der unbegrenzten Möglichkeiten mit dem Unbeherrschbaren“ (Ehrenberg 2004, 278).

Wir haben es hier folglich „... mit einer Struktureigentümlichkeit moderne[r] Gesell- schaften und mit zwei Seiten derselben Medaille zu tun: In zunehmendem Maße ist je- der ‚seines Glückes Schmied’ – aber jeder hat sich auch für sich selbst um Hammer und Amboss und um ihren richtigen Einsatz zu kümmern“ (Berger / Gerngross 1994, 41).

1.1.3 Pluralisierung von Lebensformen

Im Zuge des fortschreitenden demografischen und sozialen Wandels haben sich auch die Familienstrukturen verändert. Zum einen haben die Heiratsneigung und die Gebur- tenrate nachgelassen und zum anderen sind die Scheidungsziffern stark angestiegen. Die einst gängige, moderne bürgerliche Kleinfamilie2 der 1960er Jahre – auch „Normalfa- milie“ und „privatisierte Kernfamilie“ (Peuckert 2008) genannt –, die als dominante Form des familiären Zusammenlebens überwog sowie auch die Zeit des „babybooms“ (1964) weichen nach und nach den Bedingungen der Postmoderne. So ist die Familie im ursprünglichen Sinne als dominante Lebensform heute brüchig geworden, alternative Lebensformen sind entstanden und haben sich im Laufe der Zeit ausgeweitet. Demzu- folge bedeuten diese empirisch feststellbaren Tendenzen eine zunehmende Vielfalt von familiären Verläufen und lassen eine große Pluralität von Lebensformen erkennbar wer- den. Keupp (1999) betont, dass die vierköpfige Familie längst in eine Minderheitenlage geraten ist und eine zunehmende Tendenz von Stieffamilien oder „Pachtworkfamilien“ festzustellen ist, „…in denen sich nach Trennung und Scheidung unvollständig gewor- dene Familienbruchstücke zu neuen Einheiten verbinden, Kinder sich über die Zeit ge- legentlich mit zwei, drei ‚Vätern und Müttern’ arrangieren müssen.“ (Beck 1999, 50). Auch sind heute gleichgeschlechtliche Lebensgemeinschaften bis hin zur gleichge- schlechtlichen Ehe legitimiert sowie auch toleriert, wenngleich diese gesetzlich nach wie vor nicht gleichberechtigt behandelt werden. Zudem bemerkt Beck, dass es „Ehen auf Zeit“ und ohne Trauschein gibt, die gezielt auf Nachwuchs verzichten. Gleichzeitig gibt es auch allein erziehende Frauen und Männer sowie Wohngemeinschaften in man- nigfachen Ausführungen (z.B. „Alten-WGs“, wahlverwandtschaftliches Leben auf dem Bauernhof/ Ökohof), die bewusst von den Individuen gewählt werden. „Das alles sind Varianten von Familie“ (Keupp 1999, 50).

Auch die „Liebe auf Distanz“ oder wie das im Englischen bezeichnete „living apart together“, sprich: das „getrennte Zusammenleben“ zweier Menschen in einer Liebesbe- ziehung, scheinen durchaus berechtigte postmoderne Lebensformen zu sein, die rasch zunehmen und sich auch oftmals bewähren (Hoffmann-Nowotny 1995; Schmitz-Köster 1990 vgl. Peuckert 2008, 78). Denn aufgrund der steigenden Mobilitätsanforderungen in Beruf und Karriere – so meine eigene Schlussfolgerung – begünstigen diese „Liebe auf Distanz“. Gleichzeitig ermöglichen sich auch Spielräume zur freieren Entfaltung, die einst in traditionellen Gesellschaften in dieser Form nicht gegeben war. Insbesondere Frauen hatten sich oftmals zu fügen und auf ihre persönliche Entfaltung und Entwick- lung zugunsten der Familie zu verzichten. Allerdings können diese Beziehungen auf Distanz auch Gefahren beinhalten, da diverse Verbindlichkeiten durch die bestehende Distanz abgeschwächt werden können. Vertrauen und Respekt spielt hierbei sicherlich eine große Rolle, sowie auch die eigenen Norm- und Wertmaßstäbe.

Auch muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass aufgrund der arbeitsmarktpolitisch geforderten Mobilität (die notwendig ist, um auf dem Arbeitsmarkt dauerhaft erfolg- reich zu sein) viele Familien oft große Entfernungen zwischen den Wohnorten von Fa- milienangehörigen, wie bspw. den Großeltern und ihren Kindern und Enkelkindern in Kauf nehmen. So können bspw. häufige Ortswechsel und / oder weit entfernte Wohnsit- ze zu einem Verlust von Nähe und Vertrauen führen, die Beziehungen gelegentlich be- lasten.

„Der permanente Wechsel von Bezugsperson, Instabilität und Diskontinuität werden so zu einer Normalerfahrung […]. Freundschaften und Beziehungen, ja selbst die Eltern- Kind-Beziehungen werden riskanter, bzw. optionsreicher und lassen eine Strategie der sozialen Risikominimierung (hinsichtlich der Ungewissheit der eigenen späteren Ent- täuschung und des eigenen ‚Schadens’), eine ‚gebremste’ Form der Selbstinvestition und der Vertrauensinvestition in Partnerschaft und Freundschaften als ratsam erscheinen (‚man könnte sich ja wieder trennen’)“ (Rauschenbach 1994, 105; zit. n. Henning 2006, 134).

[...]


1 „…damit ist ein Sozialversicherungsverhältnis gemeint, das durch die gesetzliche Regelung der Renten- versicherung geregelt wird […] Arbeitnehmer zahlen Beiträge, die Rentner erhalten Renten, der Staat finanziert die Renten der alten [Bürger]mit den Beiträgen der Jungen“ (Richter 1997, 80).

2 Beschreibt „die legale, lebenslange, monogame Ehe zwischen einem Mann und einer Frau […], die mit ihren gemeinsamen Kindern in einem Haushalt leben und in der der Mann Haupternährer und Autoritäts- person und die Frau primär für den Haushalt und die Erziehung der Kinder zuständig ist“ (Peuckert 2008).

Ende der Leseprobe aus 95 Seiten

Details

Titel
Wie Jung und Alt voneinander lernen: Generationsübergreifende Projekte in der heutigen Gesellschaft
Hochschule
Katholische Fachhochschule Mainz
Veranstaltung
Soziale Arbeit
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
95
Katalognummer
V179069
ISBN (eBook)
9783656013426
ISBN (Buch)
9783656013549
Dateigröße
1481 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar meiner Dozentin: "(...) eine gehaltvolle und auch sprachlich gute Arbeit. Ein Kritikpunkt liegt darin, dass das zentrale Thema - "zur Bedeutung generationsübergreifende Projekte" etwas kurz und knapp geraten ist, während der Teil ... "in der heutigen Gesellschaft" doch einen - wenn auch guten - Überblick geliefert hat, der zudem zeigt, dass Sie eine mehr als gute Kompetenz im Umgang mit sozialwissenschaftlicher Literatur besitzen."
Schlagworte
intergenerativ, Jung und Alt, Altersstereotype, Mehrgenerationen, Generationenfrage, Generationen, Projekte, Altersbilder, Altenarbeit, Mehrgenerationenhäuser, Generationentreffs, Kurt Beck, Gegenwartsdiagnose
Arbeit zitieren
Ivana Neva Petrinic (Autor), 2011, Wie Jung und Alt voneinander lernen: Generationsübergreifende Projekte in der heutigen Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179069

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