Baudelaire und Pop

Der Einfluss von Dekadenz und symbolistischer Literatur auf ausgewählte Beispiele der populären Musik


Studienarbeit, 2010
16 Seiten, Note: 1,0

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Allgemeine Merkmale von Dekadenzliteratur und Charakteristika von Baudelaires Lyrik

3. Anspielungen auf der paratextuellen Ebene

4. Vertonung von Baudelaires Lyrik aus den Fleurs du Mal

5. Thematische Verarbeitung dekadenter Themen

6. Schlusswort

7. Bibliographie

1. Einleitung

In meiner Arbeit zum Thema Baudelaire und Pop gehe ich nach den Begriffen Gérard Genettes zum Thema Transtextualität vor. Beim Vergleich der folgenden Musikstücke und Paratexte (wie zum Beispiel Booklets oder Album-Cover) bin ich zum Schluss gekommen, dass man vier verschiedene Arten von Transtextualität zum Thema Baudelaire und populärer Musik finden kann, wie sie Genette in Palimpseste definiert.

Meine These zu dem Thema lautet daher: In den ausgewählten Beispielen lassen sich folgende Arten von Intertextualität nach Genette unterscheiden:

1) Anspielungen auf der paratextuellen Ebene
2) Die „klassische“ Vertonung von Lyrik
3) Metatextualität
4) Intertextualität auf der inhaltlichen Ebene

Bevor ich mich den Songs widme, sollen in Kapitel 1 ein paar allgemeine Eigenschaften von Dekadenzliteratur, bzw. Baudelaires Lyrik ermittelt werden, die eine Bedeutung für die verwendeten Beispiele haben.

Die Schwierigkeit des Themas bestand hauptsächlich darin, dass man sowohl aus Büchern, als auch aus dem Volksmund weiß, dass manche Musiker oder ganze soziokulturelle Szenen zwar von Baudelaire beeinflusst waren, gleichzeitig findet man in der Sekundärliteratur aber nur sehr ungenaue Angaben über derartige Einflüsse. Man weiß zum Beispiel, dass die Gothic Szene unter anderem von Baudelaires Ästhetik inspiriert wurde, doch habe ich weniger Zitate, als inhaltliche Parallelen gefunden, so dass man nur darüber spekulieren kann, ob diese Band tatsächlich von Baudelaire beeinflusst ist oder diese thematischen Überscheidungen durch Zufall zustande kamen. In der Folge muss man bei dem von mir ausgewerteten Material in der Art des Vergleiches unterscheiden: In manchen Fällen, wie z. B. im Falle der paratextuellen Anspielungen oder Vertonungen von Baudelaires Lyrik - die ja eindeutig sind - kann man von einem genetischen Vergleich sprechen, während es sich bei Temple of Love z. B. um einen typologischen Vergleich handelt. Ich halte aber auch das typologische Vergleichen für durchaus sinnvoll, da man so einen besseren Überblick darüber bekommt, in wie vielen verschiedenen Erscheinungsformen dekadent-literarische Themen in der Musik verarbeitet werden.

2. Allgemeine Merkmale von Dekadenzliteratur und Charakteristika von Baudelaires Lyrik

Der Begriff der literarischen Dekadenz ist ein sehr umfassender, daher ist es mir in der Arbeit nicht möglich auf alle damit verbundenen Aspekte einzugehen. Vielmehr geht es mir darum einige Eigenschaften der dekadenten Literatur zu vermitteln, die für diese Arbeit wichtig sind und die „décadence littéraire“ kurz und bündig zu definieren. Metzlers Literatur Lexikon beschreibt das Phänomen der Dekadenzliteratur als „in der zweiten Hälfte des 19. Jh.s als Ergebnis einer ideologischen Umwertung entstandene Bez. für die zunächst in der frz., dann auch in der engl. [...] Kunst und Lit. verbreitete Ästhetik des Morbiden.“1 Die französische Dekadenz zeichnete sich z. B. dadurch aus, dass die Autoren Kunst und Zivilisation als Verfallssymptome charakterisieren und dabei Analogien zum Untergang des römischen Kaiserreichs herstellten. Für sie gibt es „eine Verbindung zwischen politischem Niedergang und ausschweifender Lebensführung.“2 Baudelaire verwandelt diese Bedeutung schließlich ins Positive, er benutzt die Décadence als „Kampfbegriff und Instrument der Selbstverständigung der literarischen Avantgarde [...]. Was Nisard und andere als Verdammungskriterien gemeint hatten, wird jetzt zum Signum einer ›modernen‹ Literatur: Sprachartistik, Künstlichkeit und Naturferne.“3 Wichtig ist es, den Begriff der Dekadenz von Symbolismus abzugrenzen, da beide Ausdrücke oft als Synonyme verwendet wurden. Symbolismus „bezieht sich vorwiegend auf sprachliche und poetologische Erscheinungen, die sich in Stil und Form eines Werkes manifestieren,“ währen Décadence eine Lebenshaltung charakterisiert „deren literarische Phänomene weniger in der Sprache als in bestimmten gehaltlichen Charakteristika [...] in Erscheinung treten.“4 Hermann Bahr bemerkte aber, dass es mit der Zeit zu einer Vermischung von Dekadenz und Symbolismus kam, auffällig durch einen Hang zur Künstlichkeit und die Sucht nach dem Mystischen.5 Roger Bauer schreibt darüber, dass die „décadence littéraire“ aber eine Bewegung von kurzer Dauer war „und außerdem nur eine der Ausprägungen der „Moderne“.6

Für Baudelaires Les Fleurs du Mal charakteristisch sind nun religiöse Inhalte, die sich einerseits auf Satanismus und Ideal beziehen, andererseits stehen diese für einer Vorstellung von Erbsünde „als Übergang von Einheit in die Dualität“.7

Ohne wie bisher Rücksicht auf das Gute und das Wahre nehmen zu müssen, darf er in neue Welten, in künstliche Paradiese führen, die höhere Genüsse versprechen als das biblische Eden. Zugleich kommt es zur Rehabilitierung des Häßlichen, Gräßlichen und Verbotenen. Das Unterste, Irdischste wird in die Sphäre des Heils ohne Gott aufgenommen. Satan und die Seinigen werden mit einem Kult gefeiert, der als ein umgekehrter die vertierten Züge des alten trägt.8

Geistigkeit ist für ihn ein Abbild Gottes und steht für einen Effekt der „Reinheit, die im pädagogisch-gesellschaftlichen Ideal des Dandytums angestrebt wird.“ Die Literaten der Décadence hatten eine „sakralisierte Vorstellung einer zwecklosen, absoluten Schönheit [...].“9 In Baudelaires Werk findet man weiters biographisch bedingte Zusammenhänge zwischen Religion und Musik:

Puisque la famille était catholique, Baudelaire aurait été de très bonne heure introduit à la grand’messe avec le choeur, l’orgue et toute la solennité des vêtements sacerdontaux. [...] Cette formation se reflète dans plusieurs poèmes, où sont employés des métaphores impliquant l’orgue et le choeur, et les genres religieux [...].10

Ästhetische Schönheit entsteht für Baudelaire aus einer „Spannung zwischen Melancholie und wollüstigem Verlangen nach Leben.“ Liebe bedeutet für ihn Verfallenheit, die durch die Verführungskraft der Frau entsteht, insofern stellt Baudelaire Frauen gerne als femme fatales dar11: „Baudelaire’s poetry is dominated by the femme fatale and her innocent victims [...]. Power apparently conceded to women - vampires or goddesses - is no more than a snare.“12

Für seine Prosa in Le spleen de Paris typisch ist die „Vielfalt der wiedergegebenen Ereignisse, Beobachtungen, Stimmungen, Reflexionen und Traumvorstellungen“.13 Für das Thema ist es auch interessant zu bemerken, dass Baudelaire sich sehr mit Musik beschäftigt hat. Bei diesen theoretischen Überlegungen zeigte er ein besonderes Interesse für die Gemeinsamkeiten zwischen Literatur und Musik und wie man diese gewonnenen Erkenntnisse in das moderne Schreiben einfließen lassen könne. Der Haupteinfluss dürfte dabei die Musik Wagners und sein Konzept des Leitmotivs einerseits, der Verwendung von Dissonanzen auf der anderen Seite gewesen sein. Margery Evan beschäftigt sich in ihrem Aufsatz Sourbresaut or Dissonance? An Aspect of the Musicality of Baudelaire ‘ s Petits Po è mes en Prose mit den Zusammenhängen zwischen Wagners Musik und Baudelaires Gedichten und kommt zu folgendem Schluss:

Modern Poems, and thus by implication Baudelaire‘s own Petits Po è mes en prose are suggested to be characterized by dissonance, which is here assimilated to irony. Baudelaire also seems to suggest that modern art is not naturally concerned with that which is rhythmic, since he associates rhythm with the expression of beautiful, joyful, and noble themes such as those which are to be found in Classical art. If in the writing of Le Spleen de Paris he is inspired by the idea of a prose poetry which would be ‘musicale sans rythme et sans rime’ it’s evident that such music would have to be radically modern in character, balancing effects of novelty, surprise, and irresolution [...] against the conditioned cultural expectation of a certain symmetry and proportion, coupling the é ternel and the transitoire.14

Das Dissonante, Unerwartete entsteht bei Baudelaire durch seine exzessive Verwendung des Oxymerons, das Ironie erzeugt. In der Komplexität der Harmonie sah Baudelaire scheinbar eine Reflexion der modernen Erfahrung. Er geht von einer allgemeinen Harmonie aus, die aber gleichzeitig die Gegensätze der modernen Persönlichkeit verdeutlichen soll.15

3. Anspielungen auf der paratextuellen Ebene

Gérard Genette definiert den Begriff Transtextualität als alles was einen Text „in eine manifeste oder geheime Beziehung zu anderen Texten bringt“16 Als zweiten Typus von Transtextualität nennt er dabei die Beziehung von Paratexten zu einem anderen Text. Unter Paratexten versteht Genette „Titel, Untertitel, Zwischentitel; Vorworte, Nachworte, Hinweise an den Leser, Einleitungen usw.; Marginalien, Fußnoten, Anmerkungen; Motti; Illustrationen; Waschzettel, Schleifen, Umschlag und viele andere Arten zusätzlicher, auto- oder allographer Signale, die den Text mit einer (variablen) Umgebung ausstatten [...].“17 Ich habe daher Albumcover von Künstlern untersucht, die sich von Baudelaire beeinflusst sehen:

Patti Smith zum Beispiel bezieht sich durch das Cover ihres Albums Horses auf Baudelaire: Hier handelt es sich aber um eine Anspielung auf Baudelaire persönlich. Folglich kann sie als metatextuell bezeichnet werden.

[...]


1 Haupt, Sabine: Décadence. In: Burhoff, Dieter, u. a.: Metzler Lexikon Literatur. 3. Auflage. Stuttgart, u. a.: Metzler 2007. S. 142

2 Fischer, Jens Malte: Fin de si è cle. Kommentar zu einer Epoche. München: Winkler 1978. S. 78

3 Ebenda, S. 79

4 Ebenda, S. 80

5 Vgl. Ebenda, S. 82

6 Bauer, Roger: Die sch ö ne Décadence. Geschichte eines literarischen Paradoxons. Frankfurt am Main: Klostermann 2001. S. 8

7 Henschen, Hans-Horst: Baudelaire, Charles. Les Fleurs du mal. In: Kindlers Literatur Lexikon. http://www.derkindler.de.

8 Bauer, Roger: Die sch ö ne Décadence. S. 12

9 Ebenda, S. 29

10 Loncke, Joycelynne: Baudelaire et la musique. Paris: Nizet 1975. S. 22

11 Vgl. Ebenda

12 Birkett, Jennifer: The Sins of the Fathers. Decadence in France 1870-1914. London, u. a.: Quartet 1986. S. 22

13 Eilert Heide: Baudelaire, Charles. Le Spleen de Paris. In: Kindlers Literatur Lexikon. http://www.derkindler.de.

14 Evans, Margery A.: Sourbresaut or Dissonance? An Aspect of the Musicality of Baudelaire ʻ s Petits Po è mes en Prose. In: The Modern Language Review 83 (2) 1988. S. 321

15 Vgl. Ebenda

16 Genette, Gérard: Palimpseste. Die Literatur auf zweiter Stufe. Suhrkamp: Frankfurt am Main 1993. S. 9

17 Ebenda, S. 11

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Details

Titel
Baudelaire und Pop
Untertitel
Der Einfluss von Dekadenz und symbolistischer Literatur auf ausgewählte Beispiele der populären Musik
Hochschule
Universität Wien  (Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Intertextualität im Songwriting
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V179094
ISBN (Buch)
9783656014317
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Charles Baudelaire, Dekadenz, populäre Musik, Intertextualität, Transtextualität, Gerard Genette, Palimpseste, Papermoon, Sisters of Mercy, Phil Schoenfelt, Mylène Farmer, And You Will Know Us by the Trail of Dead..., Dekandenz-Literatur, Wechselbeziehungen der Literatur, Kulturwissenschaft, Intermedialität
Arbeit zitieren
Rubina Mirfattahi (Autor), 2010, Baudelaire und Pop, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179094

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