Multiple Erzählanfänge und das Prinzip der Unterbrechung

Ein Vergleich der Metaromane "Tristram Shandy" und "Se una notte d´inverno un viaggiatore"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
22 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erzählanfänge
2.1. Der Anfang von Tristram Shandy
2.2. Der Anfang von Se una notte d´inverno un viaggiatore

3. Erzählprinzip der Unterbrechung und Selbstreflexion
3.1. Tristram Shandy
3.2. Se una notte d´inverno un viaggiatore

4. Vom `aventure d´un récit` zum `aventure d´une lecture`

5. Zusammenfassung

6. Literaturangaben

1. Einleitung

Ich habe für die vorliegende Arbeit die beiden Romane The Life and Opinions of Tristram Shandy, Gentleman von Laurence Sterne und Se una notte d´inverno un viaggiatore von Italo Calvino ausgewählt, da beide in besonderer Weise mit dem Problem des Anfangens spielen. In TS befindet sich der Erzähler auf einer unendlichen Suche nach dem Anfang seiner selbst und seines Unglücks. Zu diesem Zweck wird der Anfang immer wieder aufgeschoben bzw. der Erzähler bricht ab und setzt an einer anderen Stelle neu an. Italo Calvinos SNIV besteht aus zehn aneinandergereihten Romananfängen, die durch eine Rahmenhandlung verbunden werden und mit deren Kapiteln abwechseln. Auf der Ebene dieser Rahmenhandlung befinden sich die Figuren eines Leser und einer Leserin auf der erfolglosen Suche nach der Fortsetzung der Romanfragmente, die, nach dem experimentellen Muster eines permutativen Durchspielens verschiedener Möglichkeiten aneinandergereiht, als `Stilübung` im Anfangen erscheinen. Interessant für die vorliegende Arbeit ist, dass Calvino im Rahmen der Charles Eliot Norton Poetry Lectures an der Harvard-Universität 1984 eine eigene Vorlesung zum Thema Über das Anfangen und das Beenden von Romanen geplant hatte, zu der jedoch im Nachlass keine Aufzeichnungen gefunden wurden (Vgl. Calvino 1995: 7). Die Annahme liegt nahe, dass SNIV als Beispiel hätte dienen können.

In gewisser Weise könnten die beiden zu behandelnden Werke als komplementär angesehen werden, da in TS ein Erzähler seinen Anfang nicht findet, während in SNIV ein Leser endlos auf der Suche nach einem Ende ist. An dieser Gegenüberstellung wird bereits eine Verlagerung des Schwerpunkts vom Erzähler auf den Leser deutlich, der unter Punkt vier nachgegangen werden soll.

Beide Romane wollen die Möglichkeiten ihres eigenen Genres ausloten, worauf für SNIV bereits die konditionale Formulierung des fragmentarisch anmutenden Titels verweist. Weitere Gemeinsamkeiten sind der wiederholte Einsatz von Unterbrechungen auf der Ebene der Makrostruktur sowie eine stark selbstreflexive Komponente.1 Scheffel vertritt in seiner Typologie des selbstreflexiven Erzählens im Gegensatz zu Theoretikern wie Robbe-Grillet oder Ricardou die Auffassung, dass Selbstbezüglichkeit keine Besonderheit des nouveau (nouveau) roman oder des 19. und 20. Jahrhunderts darstellt, sondern schon vorher zu finden ist. Für ihn überwiegen die Gemeinsamkeiten selbstreflexiver Romane eine epochale Trennung bei weitem (Vgl. Scheffel 1997: 2-5).

Im Folgenden werde ich zunächst die Erzählanfänge der beiden ausgewählten Romane untersuchen und vergleichen. Im darauffolgenden Kapitel geht es um das Erzählprinzip der Unterbrechung und die damit verbundene Selbstreflexivität. Zum Schluss werde ich die Frage behandeln, inwiefern trotz der weit auseinanderliegenden Entstehungszeit ähnliche Mittel der Selbstreflexion eingesetzt wurden bzw. welche Unterschiede sich bei der selbstreflexiven Repräsentation von Anfangskonzepten und Struktur feststellen lassen.

Um den Rahmen dieser Arbeit nicht zu sprengen, werde ich mich beispielhaft auf ausgewählte selbstreflexive Stellen beschränken, die in Zusammenhang mit den jeweiligen Anfangskonzepten und der Makrostruktur der Romane stehen. Das bringt es mit sich, dass andere wichtige Aspekte der Werke sowie viele theoretische und historische Bezüge leider ausgeblendet bleiben müssen.

2. Erzählanfänge

2.1. Der Anfang von Tristram Shandy

Der Text beginnt mit einer paratextuellen Widmung, die vielleicht als Referenz an althergebrachte Romankonventionen zu verstehen ist (Vgl. Lindemann 2003: 128). Im darauffolgenden Titel steckt bereits in nuce das Problem des Romans: Leben und Meinungen der Figur Tristram Shandy sollen umfassend berichtet werden.

Der autodiegetische Erzähler beginnt die Erzählung seines Lebens mit dem scheinbar frühestdenkbaren Beginn eines Menschenlebens, der Zeugung. Dass der Anfang von Tristrams Leiden bei der Zeugung anzunehmen sei, wird im dritten Kapitel von seinem Vater bestätigt, der sagt „[...] My Tristram`s misfortunes began nine month before ever he came into the world“ (TS: 3). Dieser Erzählanfang scheint ein Anfang ab ovo zu sein, d.h. sogar seine Parodie, indem die Erzählung a semine (Vgl. Miller 1968: 263) beginnt. Am Ende des ersten Kapitels verweist der Erzähler jedoch mit „since the creation of the world“ (TS: 2) auf die bis zum göttlichen Schöpfungsakt zurückgehenden Zusammenhänge. Im Vierten Kapitel nimmt der Erzähler Bezug auf Horaz, verdreht dessen Aussage und nimmt sich wiederum vor, ab ovo zu berichten, was mit einem Leserbedürfnis begründet wird. Der Erzähler gibt nun das Datum der Zeugung übertrieben genau an, um gleich danach zurückzugreifen: Die Charaktereigenschaften und Gewohnheiten des Vaters werden berichtet, um die Umstände der Zeugung zu erklären. Der Anfang von Tristrams unglücklichem Leben wird also zurückverschoben. Die Frage, wo ein Menschenleben beginnt und damit wo das Erzählen beginnen muss, wird mit der Diskussion der Sorbonne-Gelehrten um den frühestmöglichen Zeitpunkt der Taufe noch einmal aufgegriffen (Vgl. TS: 42-44). In Kapitel fünf schreitet der Erzähler scheinbar fort und gibt das Datum der Geburt an, wenn er dann aber nach dem „when“ zum „how“ kommen will, werden wieder Rückgriffe notwendig. Der Leser wird um Geduld gebeten und der Erzähler hat dadurch sozusagen einen Freibrief zum Abschweifen. Hier könnte man ein Ende des Anfangs sehen, da sich der weitere Erzählverlauf in seiner Makrostruktur jetzt abzeichnet. Immer gibt es ein noch weiter zurückliegendes Ereignis, das Einfluss auf die Gegenwart der Erzählung hat und deswegen nicht übergangen werden soll. Der Erzähler wird im weiteren Verlauf des Romans somit gezwungen, immer weiter auszuholen; er gerät in die Falle eines Regressus ad infinitum. Der Anspruch, das Leben des Protagonisten von Anfang an und mit allen Umständen und darüber hinaus seine Meinungen enzyklopädisch festzuhalten, führt dazu, dass der Roman seinen Anfang nicht findet und seinen Rahmen sprengt.

2.2. Der Anfang von Se una notte d´inverno un viaggiatore

Ebenso wie bei TS kann man auch bei SNIV nicht von `dem Anfang` sprechen, da der Roman als solcher mehrfach beginnt und auf Fiktionsebene zehn weitere Anfänge beinhaltet. Jeder dieser zehn Romananfänge ist anders gefärbt und aus einem potenziell unendlichen Paradigma möglicher Erzählstile ausgewählt; in der Terminologie Roman Jakobsons gesprochen wurden die so selektierten Romananfänge syntagmatisch aneinandergereiht, wobei mit den beiden `symmetrisch überschüssigen` Kapiteln der Rahmenhandlung eins und zwölf auf der Achse der Kombination Anfang und Ende des Syntagmas gesetzt werden, dessen `eigentlichen` Beginn somit das erste Romanfragment mit dem Titel Se una notte d´inverno un viaggiatore bildet. Dadurch ergibt sich ein mindestens doppelter Anfang.

Zunächst zum Beginn der Rahmenhandlung, dem Textanfang. Bereits mit dem ersten Satz „Stai per cominciare a leggere il nuovo romanzo Se una notte d´inverno un viaggiatore di Italo Calvino“ (SNIV: 3)2 und dem binnenfiktional verdoppelten Titel weist der Text auf seinen eigenen problematischen Anfang hin, da nicht klar ist, ob der Leser wirklich schon mit diesem Satz den Roman SNIV beginnt oder erst auf das folgende Romanfragment dieses Titels vorbereitet wird, auf dessen Beginn am Ende des ersten Kapitels wieder explizit hingewiesen wird. In diesem doppelten Anfang steckt die Frage, wo ein Roman bzw. das Lesen `wirklich` anfängt, analog zur Frage in TS, wo ein Menschenleben beginnt. Nachdem realer und fiktiver Leser auf der ersten Textseite also ihre Lektüre begonnen zu haben glauben, folgt eine Vorbereitung auf das `eigentliche´ Lesen in Form einer Art Inszenierung des Lesers. Dann springt der Erzähler in einer Analepse zurück und berichtet von den Ereignissen, die zu diesem Moment geführt haben.

[...]


1 Selbstreflexivität als Teilbereich von Metafiktionalität. Scheffel versteht Selbstreflexion als „nicht notwendig an die Fiktionalität einer Erzählung gebunden“ und demnach von dem Begriff der Metafiktion zu unterscheiden. (Vgl. Scheffel 1997: 47-48). Natürlich könnte man die beiden Romane auch auf ihre Metafiktionalität hin untersuchen, im Folgenden werde ich mich aber auf die selbstreflexiven Aspekte beschränken und damit die Frage nach der Illusionsstörung aussparen.

2 „Du schickst dich an, den neuen Roman Wenn ein Reisender in einer Winternacht von Italo Calvino zu lesen“ (Calvino 1986: 7).

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Multiple Erzählanfänge und das Prinzip der Unterbrechung
Untertitel
Ein Vergleich der Metaromane "Tristram Shandy" und "Se una notte d´inverno un viaggiatore"
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
22
Katalognummer
V179238
ISBN (eBook)
9783656015260
ISBN (Buch)
9783656014973
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
multiple, erzählanfänge, prinzip, unterbrechung, vergleich, metaromane, tristram, shandy
Arbeit zitieren
M.A. Julia Piu (Autor), 2005, Multiple Erzählanfänge und das Prinzip der Unterbrechung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179238

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