Charakterisierungen der Hauptpersonen in "Das Parfum" - Patrick Süskind


Referat (Ausarbeitung), 2009
5 Seiten, Note: 1,1

Leseprobe

1) Jeanne Bussie

Nach der Hinrichtung seiner Mutter wird Grenouille, wie zu der damaligen Zeit für Waisen üblich, auf Staatskosten einer bezahlten Amme zugewiesen. Aufgrund seiner Sauggier, die ein „rentables Stillen“ (S.9) unmöglich macht, befindet er sich als er von der Amme Jeanne Bussie aus der Rue Saint-Denis versorgt wird bereits in der Obhut der vierten Amme. Wenige Wochen später übergibt diese den unersättlichen „Bastard“ (S.11) wieder dem Kloster. Jeanne Bussie lebt in ihrer Profession als Amme. Da er sie „leergepumpt hat bis auf die Knochen“ (S.11) sieht sie ihre Lebensgrundlage gefährdet. Sie begründet ihre Entscheidung damit, dass Grenouille vom Teufel besessen sei, da er überhaupt nicht rieche. Damit wird das Motiv des Riechens aufgegriffen, denn die Amme verfügt über einen sehr feinen Geruchssinn und bemerkt als Erste die Geruchlosigkeit Grenouilles. Der Erzähler berichtet, dass sie selbst einen warmen Schafwoll- und Milchgeruch verströmt. Sie stellt eine Gegenfigur zu Grenouilles Mutter dar, da sie durch moralische Normen und humanes Handeln charakterisiert wird. Mit der Ablieferung des Säuglings verschwindet sie aus dem Roman.

2) Pater Terrier

Nachdem auch die Amme Jeanne Bussie an dem Waisen Grenouille verzweifelt ist, wird er von dieser in die Obhut des Klosters zurückgebracht. Dort wird sie von dem zuständigen Pater Terrier empfangen. Der Auftritt der Amme und deren Teufelsvisionen veranlassen den Pater Terrier zu einem theologischen Exkurs über Aufklärung und Aberglaube. In dem dargestellten Dialog wird deutlich, dass die Ideen der Aufklärung im Denken und Handeln des Paters Spuren hinterlassen haben. Zur Verstärkung dieses Eindrucks führt der Erzähler auf, dass Terrier sich neben einem Theologiestudium auch der Philosophie gewidmet hat (vgl. S.18). Er unterstützt den Kampf gegen den Aberglauben und gegen Rituale, da diese in seinen Augen Überreste heidnischer Bräuche sind. Sein kritisches Denken macht nur da Halt, wo seine „Gemütsruhe“ (S.12) gestört würde, nämlich vor den „Grundfesten der Theologie“ (S.19). zwar stellt er die Geruchlosigkeit Grenouilles ebenfalls fest, doch diesen Umstand rationalisiert er durch die Überzeugung, dass Menschenduft sündiger Duft sei und dass daher unschuldige Säuglinge gar nicht riechen dürften.

Anfangs erweckt das schlafende Kind in Terrier Vaterfantasien. Während ihn wohlige Empfindungen überkommen, gestattet er sich für einen Moment „den phantastischen Gedanken, er selbst sei der Vater des Kindes“ (S.22) und er erträumt sich eine bürgerliche Handwerkerkarriere. Damit erhält Pater Terrier die Funktion eines fiktiven Vaters, ehe ihn der erwachende Säugling mit seinem abnormen Geruchssinn in die Wirklichkeit zurückruft. Der exzessive Umgang mit dem, wie Terrier meint, „niedrigsten der Sinne“ (S.20) verunsichert Terrier so grundlegend, dass er sich des unheimlichen Kindes, des „feindselige[n] Animal[s]“ (S.24) augenblicklich entledigen muss. Nachdem er gegen eine Vorauszahlung den Säugling losgeworden ist, wird das unvermittelte Ende des Paters nur durch eine Vorsilbe [ent-schlief] angedeutet (vgl. S.25).

3) Madame Gaillard

Mit der Erscheinung der Madame Gaillard, der der kleine Grenouille von Pater Terrier ausgeliefert wird, führt der Erzähler erneut eine Ziehmutter ein. Durch Misshandlungen des Vaters hat sie bereits im Kindesalter den Geruchssinn verloren und verfügt seither über keine Formen menschlicher Empfindungsfähigkeiten, wie Zärtlichkeit, Abscheu, Freude und Verzweiflung (vgl. S.25). Ihr Ziel ist es, sich im Alter eine kleine Rente und „einen privaten Tod leisten“ (S.27) zu können, um nicht, wie ihr Mann, in einem Gemeinschaftsbett des Hôtel Dieu zu enden. Das Kostgeld der „kleinen Pensionäre“ (S.27) stellt ihre Existenzgrundlage und Alterssicherung dar. So streicht sie konsequent und eisern die eine Hälfte des Gehaltes für ihren eigenen Lebensunterhalt und ihre Ersparnisse ein. Die andere Hälfte teilt sie gerecht, aber unerbittlich auf ihre Pflegekinder auf und lässt sich dabei vom Prinzip der Gleichheit weder durch persönliche Gefühle, noch durch individuelle Bedürfnisse eines Kindes abbringen. Damit bietet sie Grenouille eine reelle Überlebenschance, denn ohne ihre Aufmerksamkeit auf ihn zu richten, stellt ihm diese kalt berechnende, gefühlslose Frau die nötige materielle Zuwendung zur Verfügung. Der seelische Kältestrom Grenouilles und seine Geruchlosigkeit finden in Madame Gaillard ein Spiegelbild, wodurch sein Überleben gesichert wird. Erst als Madame Gaillard auffällt, dass er sich angstfrei im Dunkeln zu bewegen vermag, scheinbar durch feste Gegenstände hindurchsehen und Besucher lange vor deren Ankunft ankündigen kann, fürchtet sie, dass er das „Unheil und Tod“ (S.37) ankündigende „zweite Gesicht“ (S.37) besitze. Sie beendet das Pflegeverhältnis und übergibt Grenouille einem Gerber namens Grimal als billige Arbeitskraft. Dass er dort „nach menschlichem Ermessen keine Überlebenschance“ (S.38) besitzt, ist ihr zwar bewusst, doch sie verdrängt diese Tatsache durch die Vorstellung, einen rechtlich korrekten Vertrag abgeschlossen zu haben. Ihr eigenes Schicksal nimmt ein grotesk zugespitztes Ende. Das von ihr einzig mit dem Ziel angehäufte Geld, sich einmal den Luxus eines privaten Todes leisten zu können, verfällt im Verlauf der Französischen Revolution und Madame Gaillard endet in einem „von Hunderten todkranker Menschen bevölkerten Saal“ (S.40), in dem bereits ihr Mann zu ihrem lebenslangen Schrecken gestorben ist.

4) Madame Arnulfi

Innerhalb von sieben Tagen erreicht Grenouille Grasse, das „Rom der Düfte“ (S.211). Mit dem Vorsatz sich die ihm noch unbekannten „Techniken der Duftgewinnung“ (S.211) – die Mazeration und die Enfleurage – anzueignen, nimmt Grenouille im Hause des Parfumeurs Arnulfi eine Gesellenstelle an. Madame Arnulfi, deren Mann, Maître Parfumeur Honoré Arnulfi, erst wenige Monate zuvor gestorben ist, wird als eine „lebhafte, schwarzhaarige Frau von vielleicht dreißig Jahren“ (S.219) eingeführt, die sich sowohl durch „Wohlstand“, als auch durch „Geschäftssinn“ (S.220) auszeichnet. Mit ihrem Verhandlungsgeschick wird Grenouille bereits bei seinem Vorstellungsgespräch konfrontiert Ihr Angebot reicht aufgrund der „prekäre[n] wirtschaftliche[n] Lage“ (S.219) nicht über einen Schuppen als Unterkunft, einen Wochenlohn von zwei Francs und eine warme Mahlzeit am Tag hinaus. Die ihr zustehenden Aufgaben übernimmt sie leidenschaftlich mit Hingabe (vgl. auch S.225): Sie überprüft die Pomaden und Essenzen, beschriftet die Behältnisse und trägt deren Quantität und Qualität in die Geschäftsbücher ein. Sie besucht die Händler der Stadt und erkundigt sich über den Duftstoffmarkt und seine Preise. Hier kommt auch wieder die kluge Geschäftsfrau zum Ausdruck, doch weist ihr Gefühlsleben auch Anzeichen von Sentimentalität auf. Der „schmelzend schöne[n] Blick“ der ganz in ihren Duftstoffen lebenden Witwe „liebkost[e]“ ein mit Essence Absolue gefülltes Flakon. Ihre Sorgfalt während der Arbeit (vgl. S.225) deutet auf einen geizigen Charakterzug hin. Mit ihrem Gesellen Druot führt sie ein Doppelleben, zwischen ihnen besteht kein normales Arbeitsverhältnis, denn dieser ist es gewohnt, „Madames Bett zu teilen“ (S.220).

[...]

Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Charakterisierungen der Hauptpersonen in "Das Parfum" - Patrick Süskind
Note
1,1
Autor
Jahr
2009
Seiten
5
Katalognummer
V179258
ISBN (eBook)
9783656025092
Dateigröße
511 KB
Sprache
Deutsch
Reihe
Aus der Reihe: e-fellows.net stipendiaten-wissen
Schlagworte
Madame Arnulfi, Dominique Druot, Antoine Richis, Das Parfum, Patrick Süskind, Jeanne Bussie, Pater Terrier, Madame Gaillard, Charakterisierung, Hauptpersonen
Arbeit zitieren
Lisa Maria Hirschfelder (Autor), 2009, Charakterisierungen der Hauptpersonen in "Das Parfum" - Patrick Süskind, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179258

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