„The [mirror] has you.“: Die Umsetzung des lacanschen Spiegelstadiums in der Matrix-Trilogie der Brüder Wachowski


Hausarbeit, 2010

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. „(V)Erkenne dich selbst“: Ein Held auf der Suche nach sich selbst
1.1 Thomas Anderson versus Neo, der Zwiespalt der menschlichen
Identität
1.2 Das Spiegelstadium, oder warum Agent Smith scheitern muss
1.3 Neo, die Auflösung des Borromäischen Knotens?

2. Die Matrix, das große Andere
2.1 Der Schrift-Code, oder die symbolische Ordnung der Sprache
2.2 Das Orakel und der Architekt: Mutter- und Vaterfigur der Matrix

3. Die unmögliche Zerstörung der Matrix, oder warum der Spiegel uns hat
3.1 Neo, Imago und Symptom des Smith
3.2 Die Unerträglichkeit der „Wüste der Wirklichkeit“

Schlussfolgerung: Darum hat uns der Spiegel

Bibliographie

Einleitung

„The Matrix has you...“ mit diesem enigmatischen Satz beginnt für den Protagonisten der Matrix-Trilogie der Brüder Wachowski, Neo/Thomas Anderson der Abstieg in den Kaninchenbau der großen philosophischen, anthropologischen und besonders interessant in unserem Fall, psychoanalytischen Fragen und Irrwege.1

All diese Fragen und Irrwege bleiben offen, da sich die Regisseure nicht zum diesbezüglichen Inhalt äußern. Auf diese Weise eröffnen sie augenscheinlich unausschöpfliche Interpretationsmöglichkeiten. Diese reichen von der Anwendung des platonischen Höhlengleichnisses über Buddhas Lehren hin zu Jacques Lacans Psychoanalyse. Ein Vorreiter in Letzteren, also der Anwendung der lacanschen Theorie auf die Matrix-Trilogie, ist der jugoslawische Philosoph und Psychoanalyst Slavoj Zizek, der unter anderem die psychoanalytische Theorie des zeitgenössischen Films und der Pop-Kultur stark beeinflusst.2 Zu der Matrix-Trilogie veröffentlichte er unter anderem die Aufsätze „The Matrix: Or, The Two Sides of Perversion“ und „Reloaded Revolutions“.3 Diese beiden Aufsätze sowie die Abhandlung „Liebe dein Symptom wie Dich selbst!“ und Jacques Lacans Aufsatz „ Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion“ dienen als Grundlage für die folgende filmanalytische Arbeit.4

Da sehr viele Interpretationen zu The Matrix und den nachfolgenden Filmen existieren, darf man diese für eine gründliche Auseinandersetzung mit der Anwendung des Lacanismus in der Trilogie nicht außer Acht lassen. In Anbetracht der Tatsache, dass wir uns im Folgenden vor allem mit dem Spiegelstadium beschäftigen werden, ist das Heranziehen des Aufsatzes von Michael Brannigan über den „Buddhistischen Spiegel“ unausweichlich.5 Auch die Frage nach dem Sinn der Matrix wird in folgender Abhandlung eine wichtige Rolle spielen. Hierbei werden vor allem zwei Aufsätze zum Thema „Die Matrix ist das Prozac des Volkes“ und „Die Matrix und Kontrolle“ herangezogen.6 Was die Sekundärliteratur zu der Trilogie betrifft, so erwies es sich als recht schwierig, angemessene wissenschaftliche Abhandlungen zu finden. William Irwin, der Herausgeber der Bände „The Matrix and Philosophy“ und „More Matrix and Philosophy“, schien mir als Ph.D. der Philosophie am Kings College in Pennsylvania jedoch als vertrauenswürdige Quelle auch wenn die darin veröffentlichten Aufsätze oft populärwissenschaftlich orientiert sind.7 Doch auch Zizek, ein Schüler Lacans, schreckt nicht davor zurück, dessen Theorien „publikumsgerecht“ darzustellen. Auf diese Weise denke ich, dass die angewandte Literatur dem Thema dieser Aufgabe gerecht wird. Aber wie lautet nun dieses Thema?

In der folgenden Abhandlung werde ich versuchen anhand von Lacans Theorie zum Spiegelstadium auszulegen, warum der Spiegel uns hat8, oder warum es unmöglich ist, aus der Matrix auszubrechen, respektive die Matrix zu zerstören. Diese Arbeit soll nicht die absolute, richtige Interpretation der Filme sein, sondern viel mehr einen weiteren Denkanstoß zu der Trilogie liefern.

Um dies durchzuführen, werde ich mich vorerst mit dem Durchlaufen des Spiegelstadiums des Protagonisten auseinandersetzen. Da das Erkennen oder Verkennen des eigenen Ichs immer auch Alterität, ein Nicht-Ich, einen Anderen voraussetzt, werde ich mich in einem zweiten Schritt darum bemühen, darzustellen, dass die Matrix im lacanschen Sinn das große Andere versinnbildlicht. Anhand dieser beiden ersten Argumentationsstränge werde ich abschließend erklären, warum es den Protagonisten unmöglich ist, die Matrix zu verlassen, oder sie zu zerstören, oder anders formuliert, wie man das Ende auf lacansche Art und Weise interpretieren kann.

1. „(V)Erkenne dich selbst“: Ein Held auf der Suche nach sich selbst

1.1 Thomas Anderson versus Neo, der Zwiespalt der menschlichen Identität

Im ersten Teil der Matrix-Trilogie lernen wir Neo, mit bürgerlichem Namen Thomas Anderson, kennen, der ein Doppelleben führt. Auf der einen Seite ist er ein angepasster Büroangestellter, der „alten Frauen beim Tüten-tragen hilft“ und auf der anderen Seite ein berühmt berüchtigter Computerhacker.9 Er befindet sich also in einem Zwiespalt mit sich selbst, hat sein „Ich“ noch nicht gefunden und ist sich auf diese Weise seiner wahren Existenz nicht bewusst.

„Ich kenne dich gar nicht. Du existierst gar nicht.“ - diese Äußerung eines Kunden von Neo, also dem Hacker, bestätigt diese These.10 Der Protagonist befindet sich zu diesem Zeitpunkt noch in dem Stadium der „motorische[n] Ohnmacht und Abhängigkeit von Pflege“, in „eine[r] ursprüngliche[n] Zwietracht, die sich durch die Zeichen von Unbehagen und motorischer Inkoordination [...] verrät.11 Noch hat er seine Identität nicht gefunden. Er befindet sich in einem Raum der Liminalität, in dem er selbst nicht weiß, ob er wach ist oder noch träumt, ob er Neo oder Thomas Anderson sein soll.12

Bildtechnisch wird dieser Zwiespalt durch die doppelte Spiegelung des Protagonisten in den Sonnenbrillengläsern Agent Smiths dargestellt.13

Um aus diesem Schwellenbereich hinauszugelangen, muss er von einer Drittperson quasi den Spiegel vorgehalten bekommen. Wie das Kind von seiner Mutter vor den Spiegel gesetzt wird, und ihm damit die Möglichkeit geboten wird, sich im Spiegelbild zu erkennen, so muss auch Neo/Thomas Anderson diese Erfahrung anhand eines Helfers durchleben. Wer ist nun derjenige, der den Helden vor den Spiegel setzt?

1.2 Das Spiegelstadium, oder warum Agent Smith scheitern muss

In The Matrix besetzen zwei Figuren diesen Part, Einerseits versucht Agent Smith in einem ersten Anlauf, Neo/Thomas Anderson auf seinen Seite zu ziehen und auf diese Weise den Helden dazu zu ermahnen, dass er die Identität des angepassten, unauffälligen Programmierers Thomas Anderson annehmen soll. Dieser Versuch scheitert jedoch kläglich. Versuchen wir dieses Scheitern anhand von Lacan zu erklären.

Agent Smith hat das Objekt klein a, Neos/Thomas Andersons Begehren nach dem Wissen um die Matrix, um die Wahrheit, außer Acht gelassen. Was ist dieses Objekt klein a ? Dylan Evans erklärt es folgendermaßen: das Objekt klein a ist „ein Mehrwert an Genießen, der keinen Gebrauchswert hat, sondern nur für die Lust besteht.“14 Dieses Wissen ist nicht unbedingt überlebenswichtig für den Protagonisten und doch treibt die Suche nach der Antwort ihn an, nächtelang vor dem Computer zu hocken, das Internet nach Spuren zu durchsuchen. Er entpuppt sich als Mangelwesen, das davon ausgeht, dass diese Antwort es ihm ermöglichen wird, eine identifikatorische Einheit zu bilden. Auf diese Weise muss Smith scheitern, da er erstens, dieses Begehren des Helden nicht beachtet, und zweitens ihm die erwünschte Antwort nicht liefern würde oder könnte, da er selbst Teil des Matrix-Systems ist. Über Smith bleibt das Objekt klein a also unerreichbar.

Anders scheint es sich mit Morpheus zu verhalten. Morpheus kennt das Objekt der Begierde des Protagonisten. Er weiß, dass dieser auf der Suche nach Antworten ist und glaubt letztere liefern zu können. Auf diese Weise gewinnt er den Protagonisten für sich. Eine Schlüsselszene hierfür ist die (angebliche freie) Wahl zwischen der roten und der blauen Pille.

[...]


1 The Matrix. The Wachowski Brothers, 1999; The Matrix Reloaded. Ebd., 2003; The Matrix Revolutions. Ebd., 2004.

2 Kurzbiographie in: ZIZEK, Slavoj, Liebe dein Symptom wie Dich selbst! Jacques Lacans Psychoanalyse und die Medien. Frankfurt am Main 1991.

3 Ebd., The Matrix: Or, The Two Sides of Perversion. In: William Irwin (Hg.), The Matrix and Philosophy. Welcome to the Desert of the Real. Illinois 2002, S. 240-266; ebd., Reloaded Revolutions. In: William Irwin (Hg.), More Matrix and Philosophy. Revolutions and Reloaded Decoded. Illinois 2005, S. 198-208.

4 Siehe Anm. 2; LACAN, Jacques, Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint. Bericht für den 16. Internationalen Kongreß für Psychoanalyse in Zürich am 17. Juli 1949. In: Siegmund Freud (Hg.), Der Moses des Michelangelo. Schriften über Kunst und Künstler. Einleitung von Peter Gay, Frankfurt am Main 1993, S. 61-70.

5 BRANNIGAN, Michael, There Is No Spoon: A Buddhist Mirror. In: William Irwin (Hg.), The Matrix and Philosophy. Welcome to the Desert of the Real. Illinois 2002, S. 101-110.

6 DANAHAY, Martin, The Matrix is the Prozac of the People. In: William Irwin (Hg.), More Matrix and Philosophy. Revolutions and Reloaded Decoded. Illinois 2005, S. 38-49; IRWIN, William, The Matrix of Control: Why The Matrix Still Has Us. In: William Irwin (Hg.), More Matrix and Philosophy. Revolutions and Reloaded Decoded. Illinois 2005, S. 12-25.

7 IRWIN, William (Hg.), The Matrix and Philosophy. Welcome to the Desert of the Real. Illinois 2002; Ders. (Hg.), More Matrix and Philosophy. Revolutions and Reloaded Decoded. Illinois 2005.

8 Anlehnung an den Satz „The Matrix has you...“, siehe The Matrix (Anm. 1), 00:06:57.

9 The Matrix (Anm. 1), 00:17:10.

10 Ebd., 00:08:26.

11 LACAN, Spiegelstadium (Anm. 4), S. 64; S. 66.

12 „Kennst du das Gefühl wenn du nicht weißt, ob du wach bist oder noch schläfts?“, The Matrix (Anm. 1), 00:08:42.

13 The Matrix (Anm. 1), 00:16:11.

14 EVANS, Dylan, Wörterbuch der Lacanschen Psychoanalyse. Wien 2002, S. 206.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
„The [mirror] has you.“: Die Umsetzung des lacanschen Spiegelstadiums in der Matrix-Trilogie der Brüder Wachowski
Hochschule
Université du Luxembourg
Veranstaltung
Schrift und Bild in Literatur und Kunst
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V179273
ISBN (eBook)
9783656015567
ISBN (Buch)
9783656015796
Dateigröße
701 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Lacan, Matrix, Psychoanalyse, Spiegelstadium
Arbeit zitieren
Danielle Wilhelmy (Autor), 2010, „The [mirror] has you.“: Die Umsetzung des lacanschen Spiegelstadiums in der Matrix-Trilogie der Brüder Wachowski, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179273

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