Die Schwarze Szene - innere und äußere Wahrnehmung im Widerspruch


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

21 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Schwarze Szene
2.1. Vorurteile
2.2. Lebensstil
2.2.1. Kleidung / Mode
2.2.2. Die Bedeutung der Farbe Schwarz
2.2.3. Religion
2.3. Musik
2.3.1. Musik als Sprache
2.3.2. Schwarze Musik
2.3.3. Bedeutung der Musik für die Szene
2.4. Sprache

3. Abschließende Beurteilung

Literaturverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

1. Einleitung

Die Schwarze Szene besteht seit 30 Jahren und ist trotz ihrer verhältnismäßigen Langlebigkeit gegenüber anderen Subkulturen und zunehmender Präsenz in den Medien für viele Bürger Deutschlands noch immer schwer einzuschätzen und zudem mit Vorurteilen behaftet, die in mancher Hinsicht durch Medien und wissenschaftliche Arbeiten noch bestärkt werden.

Diese Arbeit untersucht, erklärt und widerlegt bestehende Vorurteile, die in wissenschaftlichen Bezugsquellen zu finden sind und zusätzlich in einer von mir online durchgeführten Umfrage bei 142 szenefremden Personen sowie 70 Szene-Anhängern herausgearbeitet wurden.[1] Diese Umfrage konfrontierte erstere Teilnehmer mit Aussagen über die Szene, die nach ihren Stimmigkeiten eingeschätzt werden sollten und ließ Raum für additive freie Äußerungen. Anschließend beurteilten Anhänger der Schwarzen Szene die markantesten Aussagen in Hinblick auf eigene Erfahrungen mit diesen (Vor-) Urteilen außerhalb der Szene. Die so sich herauskristallisierenden häufigsten Bewertungen und Charakterisierungen der Schwarzen Szene werden näher beleuchtet und in den Kontext des Lebensstils der Szenegänger gestellt.

Neben themenrelevanten wissenschaftlichen Texten und werden insbesondere Einträge und Verhalten der Szene-Anhänger in einschlägigen Internetforen in die Arbeit mit einbezogen, sowie ein Interview mit einem Gothic[2], der eines der hinzugezogenen Internetforen betreibt. Um ein möglichst umfassendes Bild über den Lebensstil der Schwarzen Szene zu bekommen, wird auch auf die szenetypische Musik eingegangen, die ein bedeutendes und vereinendes Medium für alle Gothics ist.

Die vorliegende Arbeit soll schlussendlich zeigen, wie verbreitete Ansichten evoziert wurden – sowohl von den Medien als auch von der Schwarzen Szene selbst - und wie sie im Einzelnen im schwarzen Lebensstil einzuordnen sind.

2. Die Schwarze Szene

Die Schwarze Szene entstand vor gut 30 Jahren aus der Punk-Bewegung in Großbritannien und stellte besonders durch ihr düsteres Outfit eine klare Abgrenzung von der ursprünglich grell-bunten politischen Gruppierung dar. War sie anfangs ein Protest gegen die Kommerzialisierung der Punk-Bewegung und gegen den Mainstream, der im Laufe der Zeit die Zeichen der Punks absorbierte, richtet sie sich laut Schmidt und Neumann-Braun nunmehr „gegen die so genannte Spaßgesellschaft. Die Ideale der Spaßgesellschaft werden in Frage gestellt, so u.a. Spaß haben, jung, schön und fit sein.“[3]

Die Schwarze Szene gelangte auch in andere Staaten, besonders aber in Deutschland fand sie ihre Anhänger. Während die Gothic-Szene weltweit zunehmend zu Einzelerscheinungen verblasste, hat sie sich in Deutschland stabilisiert und wurde so zum zentralen Anlaufpunkt für ausländische Gothics.[4] Im Gegensatz zu den Punks und auch vielen anderen Bewegungen und Subkulturen ist die Schwarze Szene keine Straßen-, sondern eine Clubkultur, d.h. sie tritt kaum in der Öffentlichkeit auf, da ihr Szenemittelpunkt die Clubs sind, in denen ihre Musik gespielt wird; Musik, über die sich die einzelnen Szene-Mitglieder identifizieren[5] und die bei vielen ‚Schwarzen‘ den Einstieg in die Szene begründete.

Was ehemals die Gruftis oder auch Gothics[6] waren, zersplitterte im Laufe der Zeit in viele Untergliederungen dieser Subkultur, die sich untereinander teilweise nur um Nuancen in Outfit und Musik unterscheiden[7]. Diese Nuancen sind für szenefremde Personen oftmals nicht einmal erkennbar. Dieser Zerfall macht die Szene zudem offen für ursprünglich szeneferne Gruppierungen, wie z.B. Mittelalternostalgiker und viktorianische Romantiker[8]. Dadurch wird die Schwarze Szene indes selbst für Angehörige mittlerweile unübersichtlich. Nach wie vor stellt jedoch „die Gothic Szene in Deutschland […] einen [großen] Teilbereich der Schwarzen Szene dar“[9] und wird daher in dieser Arbeit synonym zur Schwarzen Szene verwandt.

In den hinzugezogenen wissenschaftlichen Texten wird die Gothic-Bewegung einstimmig als Jugendkultur beschrieben, was zumindest zur heutigen Zeit irreführend erscheint, da ein beachtlicher Teil der Szene bereits das 30. Lebensjahr überschritten hat. Schmidt und Janalik lösen diese scheinbare Unvereinbarkeit mit einer teilweisen Umsemantisierung des Begriffs der Jugendkultur: „[…] Jugendkulturen [sind] heute nicht unbedingt an die Lebensphase Jugend gebunden, sondern – vom Begriff her gesehen zwar paradox – allen Altersgruppen zugänglich, und zwar als Ausdruck eines Lebensgefühls.“[10] Dieses Lebensgefühl ist nach außen hin besonders durch „Konsum und Mode“[11] ersichtlich, in Bezug auf die Gothic-Szene vielmehr noch durch Musik und Mode, da die Musik bei den Gothics eine überaus zentrale Rolle spielt. So identifizieren auch Schmidt und Janalik „Kleidung, Sprache […] und Musik [als] wesentliche Elemente eines jugendkulturellen Stils.“[12]

Obwohl nun die Schwarze Szene keine rein jugendliche ist, schreiben Schmidt und Neumann-Braun ihr dennoch „peer-group-typische Funktionen“[13] zu, da „der Eintritt in die Szene […] in der Regel zeitlich in die Phase der Adoleszenz [fällt], in der die Peer Group zur einflussreichsten Sozialisationsinstanz wird. Sie hilft Jugendlichen, soziale Ablösungs- und Neuorientierungsprozesse einzuleiten.“[14] Zu einem ähnlichen Ergebnis, jedoch fast 20 Jahre früher, kommt auch Werner Helsper, der anhand von Interviews mit Gothics festgestellt hat, dass „der Übergang in die Kultur der Gruftis und Schwarzen […] mit weiteren Krisenerscheinungen der Adoleszenz einher[geht].“[15] Er benennt Konflikte, wie sie typisch für die pubertäre Phase sind: „schulisches Scheitern, Sinn- und Identitätsprobleme, Einsamkeit und Isolation in der Gruppe der Gleichaltrigen, Enttäuschungen in ersten Liebesbeziehungen usw.“[16] sind seiner Meinung nach die Gründe für einen Einstieg in die Schwarze Szene. Dieses stereotypisierende Ergebnis ist schon allein aufgrund unzureichender empirischer Basis nicht haltbar, wird aber dennoch in späteren Publikationen anderer Autoren aufgenommen.[17]

2.1. Vorurteile

Die unkonventionelle, düstere Erscheinung der Schwarzen Szene mit ihren mystischen, religiösen und oft unorthodoxen Symbolen und Zeichen lässt viel Spielraum für Interpretationen. Durch ihre Vielfältigkeit und Vielschichtigkeit birgt sie jedoch ebenso viele Möglichkeiten des Missverständnisses und der Fehldeutungen, welches wiederum zu Vorurteilen seitens der ‚Nicht-Schwarzen‘ führen kann. „Oft fehlt eine Kenntnis der Materie und […] eine solide Quellengrundlage. Dieser Mangel wird durch fehlenden Zugang und sich daraus ergebende fehlende Kritik nicht selten katalysiert.“[18] Die Problematik, wie sie Schilz schildert, lässt sich besonders gut in den Publikationen von Richard und Preissler beobachten: Konform mit dem Ergebnis von Helsper und auf seine Arbeit hin verweisend konstatieren sie: „Schwarz ist für sie der Ausdruck eines Gefühls von Leere und Sinnlosigkeit und ein Symbol für Verzweiflung und Resignation. Weitergehend drückt es Trauer über den möglichen Untergang der Menschheit aus […].“[19] und „[…] Grufties [möchten] durch ihre Triste Farbselektion Gefühle der Leere, der Sinnlosigkeit und der Resignation kommunizieren […].“[20] Ohne weitere Verifizierung werden die Schlüsse Helspers übernommen. Ein breites weiterführendes Verständnis der Schwarzen Szene baut auf diesen unzulänglichen Beurteilungen auf und prägt nach wie vor das heutige Bild der Szene in den Medien und in der Gesellschaft.[21]

Entsprechend stereotyp wird die Schwarze Szene von einer Vielzahl der Teilnehmer der Online-Umfrage bewertet. Ein Drittel aller Befragten halten Gothics für depressiv und melancholisch, 23 Prozent sagen ihnen Todessehnsucht nach und immerhin noch 15 Prozent halten sie für suizidal. Diese Urteile sind eng verknüpft mit der düsteren Erscheinung der Gothic-Szene[22]. Sie nutzt die Farbe Schwarz, welche in unserer westlichen Gesellschaft semantisch als Trauerfarbe belegt ist, als „Identifikationssymbol“[23] und zur Abgrenzung gegenüber dem Mainstream, gibt jedoch im Allgemeinen keinen Aufschluss über das innere Befinden eines ‚Schwarzen‘. So erkennt auch Preissler, dass

Verwirrung, Verunsicherung und Ablehnung von Seiten der Gesellschaft […] durch bekannte, von den Grufties umsemantisierte Zeichen […] hervorgerufen [wird]; daraus resultiert die klischeehafte und fälschlicherweise vorgenommene Verurteilung aller Grufties zu Satanisten.[24]

Preisslers Ausführung lässt sich nicht nur auf die Farbe Schwarz reduzieren, sondern bezieht auch und vor allem religiöse Symbole und alltagsästhetische Handlungen mit ein, die von den Gothics durch bereits genannte Umsemantisierung oder aber auch durch Bricolage in neue Kontexte gestellt werden.

In der Umfrage werden Gothics von insgesamt 25 Prozent der Teilnehmer als Satanisten eingestuft. Im Gegenzug dazu halten knapp ein Drittel aller Befragten die Anhänger der Schwarzen Szene für religiös. Tatsächlich gibt es in der Schwarzen Szene praktizierende Christen und Katholiken, jedoch sind diese in der Minderheit. Vielmehr kultivieren viele Gothics individuell gestaltete Glaubensrichtungen, die sich nach keiner heiligen Schrift richten. Um die Negierung einer Glaubensdoktrin auch nach außen hin sichtbar zu machen, werden religiöse Symbole in einen neuen Bezugsrahmen gebracht und so ihrer ursprünglichen symbolischen Bedeutung entzogen. Tatsächlicher Satanismus ist aber auch bei den Gothics eine Ausnahmeerscheinung,[25] und vielen ist es besonders wichtig, sich von antichristlichen Gruppierungen und Handlungen zu distanzieren.

[...]


[1] Die Umfrageergebnisse sind dieser Arbeit digital beigefügt.

[2] In der Szene wird die Bezeichnung Gothic synonym mit Goth benutzt. Der Einheitlichkeit halber wird hier ersteres verwendet.

[3] Schmidt, Neumann-Braun 2008, 129.

[4] Vgl. Schmidt, Neumann-Braun 2008, 94.

[5] Vgl. Schilz 2010, 94.

[6] Gruftis und Gothics sind streng genommen nicht ganz dasselbe, werden aber meist synonym verwandt, da die Unterschiede eher historische sind.

[7] Vgl. Preissler 2003, 78 und Helsper 1992, 240.

[8] Vgl. Planetopia-Reportage vom 25.07.2011

[9] Schilz 2010, 79.

[10] Schmidt, Janalik 2000, 13.

[11] Baake 2004, 206.

[12] Schmidt, Janalik 2000, 32.

[13] Schmidt, Neumann-Braun 2008, 127.

[14] Schmidt, Neumann-Braun 2008, 127.

[15] Helsper 1992, 233.

[16] Helsper 1992, 233.

[17] Bsp. Richard 1997 und Preissler 2003.

[18] Schilz 2010, 48.

[19] Richard 1997, 134.

[20] Preissler 2003, 81.

[21] Eine der Ausnahmen stellt ein objektiver Bericht der Sendung PLANETOPIA über das letzte Wave Gothic Treffen (WGT) dar, der am 25.07.11 auf Sat1 ausgestrahlt wurde und vorurteilsfrei einige der vielen Facetten der Schwarzen Szene vorstellte.

[22] Vgl. Schilz 2010, 153.

[23] Haarmann 2005, 39.

[24] Preissler 2003, 83.

[25] Vgl. Haarmann 2005, 40 und Preissler 2003, 83.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Schwarze Szene - innere und äußere Wahrnehmung im Widerspruch
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Lebensstile, Musik und Sprache
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V179326
ISBN (eBook)
9783656016939
ISBN (Buch)
9783656016632
Dateigröße
438 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
schwarze, szene, wahrnehmung, widerspruch
Arbeit zitieren
Mareike Paulun (Autor), 2011, Die Schwarze Szene - innere und äußere Wahrnehmung im Widerspruch, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179326

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