Dinge und Identität


Zwischenprüfungsarbeit, 2003
46 Seiten, Note: 1.7

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1 Menschen und Dinge
1.1 Aufmerksamkeit und soziale Systeme
1.2 Die Repräsentationsebenen
1.3 Wahrnehmen und Wiedererkennen
1.4 Die sozialisierende Wirkung von Dingen

2 Die Bedeutung der Dinge
2.1 Symbole
2.2 Transitorische Objekte
2.3 Ausdrucksmittel
2.4 Statussymbole
2.5 Symbole sozialer Integration
2.6 Totemismus
2.7 Animismus
2.8 Tauschhandel

3 Die beliebtesten Objekte im Wohnbereich
3.1 Die Studie
3.2 Die Ergebnisse
3.3 Erkenntnisse der empirischen Untersuchung

4 Objektbeziehungen und Persönlichkeitsentwicklung
4.1 Altersspezifität der Objektbeziehungen
4.2 Geschlechtsspezifität

5 Das Heim als symbolische Umwelt
5.1 Merkmale harmonischer Heime
5.2 Teilnahme am öffentlichen Leben
5.3 Wahl von Rollenmodellen
5.4 Persönlichkeitstypen

6 Transaktionen zwischen Menschen und Dingen
6.1 Geschichtlicher und gesellschaftlicher Kontext der Kultivation
6.2 Materialismus
6.3 Medien als Dinge des täglichen Gebrauchs

7 Schlussbetrachtung und Ausblick

Quellenverzeichnis

Einleitung

Kugelschreiber, Foto, Kuscheltuch – scheinbar profane Gegenstände sind ein sehr handfestes Untersuchungsobjekt innerhalb des weiten Feldes der Psychologie. Ihre Bedeutung darf für den Menschen und seine Entwicklung in onto- wie phylogenetischer Hinsicht und der seiner Identität nicht unterschätzt werden.

Wie Alfred Lang in einer Rezension von Ernst E. Boeschs „Das Magische und das Schöne: zur Symbolik von Objekten und Handlungen“ (1983) schreibt, nehmen wir die Dinge um uns herum „gewöhnlich für Gegebenes, zu bestimmtem Tun instrumentell Verfügbares; natürlich sind sie das auch, aber näheres Hinsehen lehrt, dass nicht nur sie, die Objekte, ihre Bedeutungen aus unserem Umgang mit ihnen beziehen, sondern dass auch wir, die Subjekte uns erst durch sie erfahren, vielleicht konstituieren.“

Einstieg in diese Thematik bot mir ein Referat zum umfangreichen Werk über einen bis dato relativ unerforschten Bereich der Psychologie: „Der Sinn der Dinge“ von Mihalyi Csikszentmihalyi und Eugene Rochberg-Halton erforscht die häusliche Umwelt der Menschen unserer Zeit, ihre Beziehungen zu Alltagsgegenständen – und was sich aus der Auswahl bestimmter „Lieblingsobjekte“ über Mensch und soziale Bindungen sagen lässt.

Ausgangspunkt für den „Sinn der Dinge“ bildet eine empirische Studie, eine Befragung repräsentativ ausgewählter amerikanischer Familien zu bevorzugten Objekten in ihrem Zuhause. Es wird beleuchtet, inwiefern nicht nur der Mensch die Objekte in seiner Umgebung aktiv aussucht und „benutzt“, sondern überraschenderweise auch, wie sehr diese Objekte „aktiv“ an der Ausbildung der jeweiligen eigenen Persönlichkeit beteiligt sind.

Ich orientiere mich im Folgenden an der Struktur der Arbeit von Csikszentmihalyi und Rochberg-Halton, zur Vertiefung der Thematik und zu einer Erweiterung um Aspekte der neueren Vergangenheit dienen weitere Veröffentlichungen zu diesem Sachverhalt und wissenschaftlichen Hintergründen sowie diverse Quellen aus dem Internet.

1 Menschen und Dinge

1.1 Aufmerksamkeit und soziale Systeme

Menschen produzieren und benutzen Dinge. Aber nicht ausschließlich: Sie interagieren mit ihnen. Aus Sicht von Csikszentmihalyi und Rochberg-Halton besteht der elementarste Sachverhalt des Mensch-Seins darin, dass er sich nicht nur seiner Existenz bewusst ist, sondern auch Kontrolle über seine Existenz ausüben kann, indem er diese auf gewisse Ziele ausrichtet. Bei modernen Menschen treten Intentionen nie als rohe Instinkte auf, sie werden immer schon durch Zeichen transformiert und interpretiert. Diese Zeichen und Bewertungen haben wir während unserer Enkulturation erworben.

Ein wesentliches Charakteristikum Aspekt der menschlichen Natur ist laut Csikszentmihalyi und Rochberg-Halton die bewegliche Aufmerksamkeit, die hier mit dem Begriff der psychischen Energie gleichgesetzt wird. Da die Anzahl simultan möglicher Tätigkeiten und Zustände begrenzt ist, bedarf es einer Aufmerksamkeitssteuerung. Wie jeder einzelne von uns die zur Verfügung stehende psychische Energie investiert, hängt von einer Vielzahl von Faktoren ab. Zufall, Gene, Geburtsort, Umweltbedingungen schränken die Wahlmöglichkeiten von vornherein ein. Aber Menschen beachten, was sie beachten wollen. Unsere Intentionen steuern unsere Aufmerksamkeit. Und die Intentionen sind Bestandteil einer Zielhierarchie.

Ein soziales System ist ein vorhersagbares, interpersonales Interaktionsmuster, das auf übereinstimmenden Aufmerksamkeitsstrukturen beruht (Csikszentmihalyi & Rochberg-Halton, 26). Soziale Systeme verdanken die Organisation ihrer Ziele Aufmerksamkeitsprozessen. Diese System-Ziele strukturieren selbst auch wieder die Aufmerksamkeitsprozesse der beteiligten Angehörigen. Und damit gestalten sie deren Selbst mit – also eine wechselseitige Beziehung.

Der Vorgang der Strukturierung von Aufmerksamkeitsprozessen, die Sozialisation, ist für soziale Systeme (z.B. Firma, Nation, Familie) lebenswichtig. Die Sozialisation, die Strukturierung von individualen Aufmerksamkeitsprozessen, beginnt bereits mit der Abstimmung des Schlaf-Wach-Rhythmus zwischen Eltern und Neugeborenem. Man wird gänzlich unsozialisiert geboren, wogegen die Eltern ihren Schlaf-Wach-Rhythmus natürlich schon ausgebildet haben. Die Ziele müssen neu sortiert werden, im Sinne einer Konfliktreduktion muss das Kleinkind seine Aufmerksamkeitsstruktur reorganisieren. Denn es ist vom System abhängig. Sozialisation findet aber nicht nur auf der persönlichen Ebene statt, sondern wird auch durch die Objektklasse der Massenmedien wie etwa Zeitungen, Bücher und das Fernsehen gesteuert. Zweifellos haben die Medien grundlegenden Einfluss auf die Einstellungen und Auffassungen der Menschen durch die große Vielfalt von Informationen, die sie vermitteln.

Der Interpretations- und Selbstlenkungsprozess der Kultivation wird durch Ziele gesteuert. Kultivation meint die Verbesserung, Entwicklung, Verfeinerung oder eine Lebensgewohnheit infolge von Pflege, Übung oder aktivem Kennenlernen. Der Mensch übernimmt jedoch nicht einfach unkritisch alle konventionellen Zielsetzungen, gerade die kritische Hinterfragung ist für den Kultivationsprozess von ganz zentraler Bedeutung.

„Man kann somit sagen, dass Individuen ihre Persönlichkeit durch Kultivation von Zielsetzungen mittels dosierter Aufmerksamkeits-leistungen entwickeln.“ (Csikszentmihalyi und Rochberg-Halton, 27)

Wenn ein selbstgesetztes Ziel erreicht ist, verschafft das dem Selbst ein positives Feedback. Der gleiche Mechanismus ist Bestandteil der Lerntheorien, Lernfähigkeit natürlich die zentrale Bedingung für Kultivation und Sozialisation. „Persönlichkeitsentfaltung beruht auf der Möglichkeit zu freigewähltem Einsatz psychischer Energie. Ein Individuum kann nur durch Kultivation seiner Zielorientiertheit eine Persönlichkeit – und somit ein Selbstkonzept – entwickeln“ (Csikszentmihalyi und Rochberg-Halton, 28). Auf dem Weg zum Selbstkonzept gibt es viele Hindernisse, die z.B. organischer Natur sein können oder auf ein mangelndes Angebot an Entfaltungsmöglichkeiten zurückgehen.

Wenn ein Mensch im Zustand innerer Harmonie seine psychische Energie in freier Entscheidung auf Ziele richtet, die mit seinen übrigen Intentionen nicht im Konflikt stehen, nennt man dies „flow-Erlebnis“ (vgl. Csikszentmihalyi und Rochberg-Halton, 29). Dieser Zustand vitaler Aktiviertheit wird als Zustand erhöhten Energieflusses oder gesteigerter Situationsbeherrschung empfunden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Csikzentmihalyi erläutert diese Empfindungen in seinem Aufsatz „Kreativität und die Evolution komplexer Systeme“ folgendermaßen: „Wenn jemand in die Flow-Erfahrung eingetaucht ist, verändert sich seine Zeitwahrnehmung: Stunden scheinen wie Minuten zu vergehen. Man weiß in diesem Zustand, was zu tun richtig ist. Ebenso sicher weiß man, ob man das gewünschte Ergebnis erreichen wird, weil das Feedback des bearbeiteten Objekts auf die eigene Aktivität klar und unmittelbar ist.“ (Csikzentmihalyi, http://www.kooperation-evolution.de/index3.html, o.J.)

Genauso im sozialen System: wenn die Intentionen einzelner Menschen kollidieren, ist dies weder für die Gruppe noch für die Ziele des Einzelnen förderlich. Jeder Mensch kann jedoch seine Zielbezogenheit so kultivieren, dass sie für die Gesellschaft nicht konfliktträchtig wird. Ein Beispiel: Umweltbewusstsein als allgemein geachteter Leitwert wäre sinnvoll angesichts globaler Bedrohungen.

1.2 Die Repräsentationsebenen

Die generell der Utilisierung von Objekten zugrunde liegenden Motive lassen sich in drei Repräsentationsebenen einordnen:

- die persönliche,
- die soziale und
- die kosmische Ebene.

Diese drei Ebenen können durch zwei Modalitäten beschreiben werden: Integration und Differenzierung. Persönliche Symbole können also immer entweder die Einzigartigkeit ihres Besitzers hervorheben oder seine Begabungen anderen gegenüber. In gewissen Lebensstadien haben meist entweder die integrierenden oder die differenzierenden Tendenzen Übergewicht, am günstigsten ist generell ein Gleichgewicht zwischen beiden.

Der kosmischen Ebene werden Naturphänomene zugeordnet, die den Lebensrhythmus bestimmen, z.B. Sonne, Wasser, Feuer, Wind und Erde. Jede Gesellschaft versucht nun, sinnvolle Verknüpfungen zu schaffen zwischen ihren eigenen Bestrebungen und denen des Weltengetriebes. Der Mensch selbst ist laut Csikszentmihalyi und Rochberg-Halton letztlich sehr vorläufig und unbedeutend und weiß auch um seinen Status, also bringt er seine Interessen mit den weit umfassenderen Gegebenheiten seiner Umwelt in Einklang. Bei Naturvölkern ist meist das integrierte oder soziale Selbstkonzept stark betont, in westlichen Kulturen herrscht die Tendenz vor, eine differenzierte und besonders stark individualisierte Auffassung des Selbst zu betonen. Es gibt ein Fragmentierungsphänomen, das Problem der Sinnfindung und -schöpfung und deren Nutzen für den Zusammenhalt der Gesellschaft. Die (religiösen und moralischen) Institutionen der Vergangenheit sind entwurzelt, aber nicht wirklich durch Ersatzinstanzen ersetzt worden, es kommt zur moralischen Armut, dem Fehlen von Leitwerten, existentiellen Sinn- und Bewertungsmaßstäben. Es droht die Isolation, wenn die Differenzierung zum Selbstzweck wird. (vgl. Csikszentmihalyi & Rochberg-Halton, 54ff)

1.3 Wahrnehmen und Wiedererkennen

Im intra- und interpersonalen Bereich sowie im Felde der Mensch-Umwelt-Relation dienen Objekte dem Ausdruck oder der Übermittlung dynamischer Prozesse. Objekt-Transaktionen sind entweder abbildender Natur, also eine Darstellung (model of) eines bestimmten Umweltaspektes, oder sie sind in schöpferischer Weise ein Modell (model for) die Umgebung. Das Objekt vermag dank seiner konkreten Eigenschaften neue Einsichten oder Auffassungen stimulieren. Dies ist z.B. in der Kunst der Fall. Am Beispiel der Kunst lässt sich am besten erklären, wie unterschiedlich so stimulierte Erfahrungen geartet sein können:

Wiedererkennen liegt vor, wenn wir eine Ding-bezogene Erfahrung machen und sie dann nur als etwas interpretieren, das wir bereits kennen. Oft ist die Bezugnahme auf Objekte nur von Wiederer-kennen geprägt, vielleicht aus Gewohnheit oder Unvermögen.

Wahrnehmen dagegen heißt, einen Gegenstand betrachten und dabei seine inhärente Charakteristik erfahren, gewisse Eigenschaften offenbaren sich dem Betrachter, die neue Einsichten entstehen lassen.

1.4 Die sozialisierende Wirkung von Dingen

Ein Gegenstand wird wahrgenommen als

- Zeichen,
- er steht für etwas,
- und er bewirkt eine Bewertung oder Emotion.

Objekte können den Menschen sozialisieren, z.B.: das Ersetzen der Kruzifixe durch Bildnisse von Lenin und Stalin in sowjetischen Schulen.

Von Menschenhand geschaffene Objekte haben auch die Entwicklung menschlicher Intelligenz beeinflusst, jedes neu erfundene Objekt verändert die Lebensführung. Die kulturellen Sinnstrukturen, also soziale Normen und Regeln, sind scheinbar „immer schon da“. Begegnen wir einem Objekt, so geschieht das normalerweise immer in diesem Kontext, der uns bei deren Deutung behilflich ist. (vgl. Csikszentmihalyi & Rochberg-Halton, 59ff)

„Jedes neue Objekt verändert die Lebensführung und das existentielle Erleben der Menschen.“ (Csikszentmihalyi & Rochberg-Halton, 62) Objekte im Sinne von Erfindungen und Weiterentwicklungen beeinflussen die Entwicklung der Menschen nicht nur im individuellen Bereich, sie sind in hohem Maße auch für teilweise einschneidende gesamtgesellschaftliche Veränderungen verantwortlich. Das Fernsehen beispielsweise hat seit seiner Erfindung stetig an Bedeutung für das Leben des Einzelnen sowie der Gesellschaft gewonnen. Für die Auswirkungen von Dingen und Objekten auf individual- und weltgeschichtliche Revolutionen gibt es mannigfache Beispiele, es sei an dieser Stelle nur die Entwicklung von neuartigen Produktionsmitteln und -methoden im Zuge der Industrialisierung und die damit verbundenen lebensweltlichen Einschnitte genannt.

Aber eben auch in der Sozialisation jedes Einzelnen spielen Gegenstände eine unbestreitbar zentrale Rolle. Zum Beispiel verbergen sich bereits in Spielzeugen immanente Sinnstrukturen, die dem Kind beim Spielen vermittelt werden und zur Ausprägung von Rollenverhalten beitragen. Der Junge spielt mit Autos oder Waffen und übt sich so früh in männlichen Tugenden, während das Mädchen im Spiel mit der Puppenstube oder mit der Barbie die geschlechtsspezifischen Erwartungen der Gesellschaft (Mutterrolle, Organisation des Haushaltes, Attraktivität als wichtiges Attribut der Frau) internalisiert.

Jeder Gegenstand, ganz gleich welcher Art, ist nach Mead ein Element des verallgemeinerten Anderen – und somit der Erwartungen der menschlichen Gemeinschaft. (vgl. Csikszentmihalyi & Rochberg-Halton, 67)

Für die Persönlichkeitsentwicklung spielen Objekte und die Möglichkeiten ihres Einsatzes eine herausragende Rolle in der Evolution des Menschen. Die Nahrungsbeschaffung wurde mithilfe von Werkzeugen im Laufe der Jahrtausende immer effizienter, die resultierende Zeitersparnis brachte schließlich die Chance zur Entwicklung von Kultur mit sich, denn die Menschen mussten sich so nicht länger den ganzen Tag lang der Jagd und Nahrungsbeschaffung widmen.

Die Welt der Dinge birgt jedoch laut Csikszentmihalyi und Rochberg-Halton auch immense Gefahren: Wenn die Aufmerksamkeit ausschließlich auf die Dinge im Sinne materiellen Konsums gerichtet wird, drohen zwischenmenschliche Kontakte und Beziehungen vernachlässigt zu werden und es droht die Isolation. So kann ein Mensch beispielsweise seine gesamte Zeit und Energie auf die Beschaffung von Dingen richten – so verwandelt das „vormalige Werkzeug seinen Herrn in seinen Sklaven“ (Csikszentmihalyi & Rochberg-Halton, 69).

[...]

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Dinge und Identität
Hochschule
Universität Duisburg-Essen  (Fachbereich 3)
Veranstaltung
Seminar Umweltpsychologie
Note
1.7
Autor
Jahr
2003
Seiten
46
Katalognummer
V17934
ISBN (eBook)
9783638223720
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dinge, Identität, Seminar, Umweltpsychologie
Arbeit zitieren
Tina Skulima (Autor), 2003, Dinge und Identität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17934

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