Analyse der Kurzgeschichte "Schönes goldenes Haar"


Referat / Aufsatz (Schule), 2010
5 Seiten, Note: sehr gut -

Leseprobe

Analyse der Kurzgeschichte „Schönes goldenes Haar“

Die Kurzgeschichte „Schönes goldenes Haar“ von Gabriele Wohmann aus dem Jahr 1968 thematisiert den inneren Konflikt einer Ehefrau und Mutter in Bezug auf Partnerschaft.

Ein Ehepaar sitzt zusammen in einem Zimmer, während sich die gemeinsame Tochter mit ihrem neuen Freund im Obergeschoss aufhält. Die Frau macht sich, z. T. sorgen-, z. T. hoffnungsvoll und bewundernd Gedanken über die Tochter und über deren neu beginnende Partnerschaft, da sie ihre eigene gescheiterte vor Augen hat. Sie versucht diesbezüglich ein Gespräch mit ihrem Mann zu beginnen. Beide haben unterschiedliche Auffassungen von ihrer Beziehung. Aufgrund der verschiedenen Sichtweisen und der gestörten Beziehungsebene scheitert der Kommunikationsversuch.

Der unmittelbare Anfang der Kurzgeschichte ist die Aussage „Ich verstehe dich nicht“ (Z. 1), welche in leicht veränderter Form als zentraler Leitfaden des ersten Hauptteils (Z. 1 – 53) insgesamt weitere viermal wiederholt und dadurch besonders hervorgehoben wird (vgl. Z. 3 f.; Z. Z. 34; Z. 35; Z. 37). Die Frau versteht weder das Desinteresse ihres Mannes an der Zukunft seines Kindes noch ihre Tochter, die durch den Beginn einer Partnerschaft sich scheinbar in dieselbe Situation begibt wie früher die Mutter. Hauptaspekt dieses ersten Teiles ist die Rolle der Frau in der Partnerschaft, über die sie, auch im Rückblick auf ihren Beginn, sehr unzufrieden und enttäuscht ist. Der Er/Sie-Erzähler, der in auktorialer Form die Gefühlswelten der Ehepartner beschreibt, wechselt im zweiten Teil (Z. 54 – 64) die Perspektive und schildert die Sicht des Mannes. Da sich der mit seiner Situation zufriedene Ehemann viel weniger mit diesem Thema auseinandersetzt als seine Frau, ist der zweite Teil sehr viel kürzer. Der dritte Teil (Z. 65 – 91), in dem das „schöne goldene Haar“ die Blickrichtung der Mutter bewundernd und stolz auf die Tochter lenkt, bringt den Wendepunkt der Geschichte. War die Mutter zuerst nur negativ auf ihre Partnerschaft gestimmt und hat sich bemitleidet, so werden ihre Gefühle nun vom Stolz auf ihre Tochter dominiert. Aus dem negativen Nichtverstehen am Anfang der Geschichte wird ein schwankendes Gefühl von Sorge und Verwunderung (vgl. Z. 90f.), die der Kurzgeschichte ein offenes Ende verleiht, da aus dieser Verwunderung eine neue, positive Bewertung von Partnerschaft entstehen kann. Die Protagonisten des Textes sind die beiden Eheleute. Ihre Gefühle und Gedanken stehen im Vordergrund. Über die Tochter und ihren Freund wird nur geredet bzw. nachgedacht, sie selbst treten nicht in Erscheinung. In der Ehe der beiden Hauptpersonen herrscht eine triste Atmosphäre vor - unterstrichen durch das zweimal verwendete Farbadjektiv „braun“ (Z. 14, 63f.) Menschliche Wärme ist zwischen den Ehepartnern nicht vorhanden. Während die Tochter und sogar deren Freund in der Geschichte namentlich genannt werden, bleiben Mann und Frau namenlos, was die fehlende persönliche Beziehung verdeutlichen soll.

Insgesamt schildert der Text einige Klischeevorstellungen vom Rollen- und Kommunikationsverhalten in einer länger bestehenden Partnerschaft, verbunden mit der Hoffnung, dass es nicht bei jeder Beziehung zu solchen Problemen kommen muss.

Der Mann denkt egoistisch an die Befriedigung seiner Bedürfnisse ohne die seiner Partnerin zu verstehen. Er fühlt sich gut versorgt und möchte seine Ruhe haben. Sowohl mit seiner Jugend als auch mit seiner jetzigen Situation ist er zufrieden (vgl. Z. 53f.). Dabei hatte er schon zu Beginn der Partnerschaft „komische dreiste Wünsche“ (Z. 24f.), die nicht denen seiner Frau entsprachen (vgl. Z. 31f.). Er erkennt nicht, dass seine Frau sich nach einem Gesprächspartner sehnt, sondern tut die Unterhaltung zwischen seiner Frau und seiner Tochter als „ewiges Gegacker“ (Z. 58) ab. Die Frauen vergleicht er hierbei mit Hühnern. Dem möglichen Weggang seiner Tochter sieht er emotionslos entgegen (vgl. Z. 60f.), hat aber Sorge, dass seine Frau dann noch mehr das Gespräch mit ihm sucht. Dem versucht er zu entgehen, indem er sich hinter der Zeitung verschanzt, hervorgehoben durch drei Metaphern („ knisterte die Wand der Zeitung“, Z. 15; „der Schirm bedruckter Seiten tuschelte“, Z. 11; „Abendversteck“, Z. 54f.), von denen die zweite noch eine Personifikation aufweist. Der Mann redet dementsprechend kaum – nur zwei Sätze während der gesamten Geschichte.

Die Frau bemüht sich in der Rolle als Hausfrau um ihren Mann (Socken stopfen, kochen), gibt sich dabei viel Mühe und ist um sein Wohlergehen bedacht („mit denen sie ihm sein Stück Fleisch geschmückt hatte“, Z. 42f.). Personal- und Possessivpronomen (ihm/sein) heben hervor, dass sie an andere denkt, nicht an sich selbst. Auch als Mutter tut sie viel (vgl. Z. 71f.), und scheint ein vertrautes Verhältnis zur Tochter zu haben (vgl. 60f.). Nicht so zu ihrem Mann. Die Frau fühlt sich unverstanden und einsam (vgl. Z. 39f.). Sie bedauert, mit ihrem Mann nicht reden zu können (vgl. S. 38f.), jammert und bemitleidet sich (vgl. Z. 37f.). Viel nimmt die Frau von ihrem Mann nicht wahr („fette Krallen, mehr war nicht von ihm da, keine Augen, kein Mund“, Z. 17ff.). Das Asyndeton „keine Augen, kein Mund“ unterstreicht die Unverbundenheit der Eheleute, der Parallelismus und die Anapher von „kein“ das völlige Fehlen von Kontakt, sei es Blickkontakt oder Kommunikation.

Grundlegende Ursache des Kommunikationsproblems ist die Beziehungsebene. In den Augen der Frau ist der Mann wie ein Tier, denn sie beschreibt insbesondere seine Hände und Finger mit Bildern aus dem Tierreich („fette Krallen“, Z. 17; „Krallenpfoten“, Z. 84). Zeilen 25f. lassen eine Vermutung über das Entstehen dieser Abneigung zu. Als es in der Anfangszeit der Partnerschaft noch zu Körperkontakt gekommen ist, scheinen sich seine Krallen in ihren Körper eingegraben zu haben, nun fühlt sie sich davon befreit, denkt aber immer noch mit Grauen daran zurück (vgl. Z. 31f.). Selbst den Beginn ihrer Beziehung sieht die Frau also in negativem Licht. Die Alliteration („Der fremde freche junge Mann“, Z. 23) zeigt die Distanz und Abneigung. Die Frau bemitleidet sich und sieht sich als Opfer, was in der Metapher „Opferlämmer“ (Z. 32) deutlich wird.

Die Frau verachtet ihren Mann und beginnt ihr Gespräch mit einem Vorwurf, in dem sie dem Mann Gleichgültigkeit gegenüber der Tochter unterstellt. Dieser reagiert darauf nicht und wird mit einem Appell von seiner Frau zum Nachdenken aufgefordert, was sich zwischen Tochter und Freund abspielen könnte. Nachdem er auch darauf nicht reagiert, wiederholt die Frau dreimal „Ich versteh’s nicht“. Bei dem Mann kommt nur die Sachaussage an, dass sie nicht ahnt, was über ihnen geschieht und antwortet seinerseits mit einem Vorwurf. Er merkt nicht, dass seine Frau mit ihm über ihre Partnerschaft reden will, und will dies auch gar nicht. Stattdessen verschanzt er sich hinter seiner Zeitung, womit er nonverbal sein Desinteressen an den Sorgen seiner Frau verdeutlicht.

Bei dieser steigert sich, verstärkt durch die Sorge um ihre Tochter und einer Ahnung, was im Obergeschoss vor sich geht, Wut und Erregung. Hierbei spielt das Stopfei eine große Rolle. Die braune Wollsocke steht symbolisch für den Mann. Zu diesem hat sie keinen Körperkontakt mehr, aber dafür steht ersatzweise seine Socke, die sie zuerst reibt (vgl. Z. 18f.), dann mit der Faust (= Wut) behandelt (vgl. 43f.), schließlich mit einer Nadel durchbohrt (vgl. Z. 86f.) Mit dieser sich steigernden Handlung rächt sie sich quasi durch Umkehrung an dem früheren Verhalten ihres Mannes, der sich mit seinen Krallen in sie eingebohrt hat. Nonverbal zeigt die Frau mit der Faust und der Nadel ihre Einstellung ihm gegenüber. Ganz anders ist die Einstellung zu ihrer Tochter, auf die sie sehr stolz ist.

Die Tochter gibt der Mutter Lebensfreude („Sie lächelte“, Z. 70; Farbadjektive (blau, golden; vgl. 72ff). Die Tochter gibt ihrer Ehe einen positiven Aspekt, auch wenn durch „seine und ihre Tochter“ (Z. 87/89) in zweifacher Wiederholung die Distanz der Eheleute betont wird. Zugleich wird durch die zweifache Wiederholung aber auch der Stolz hervorgehoben. Obwohl gerade das blonde Haar auf die Männer anziehend wirkt (vgl. Z. 79f.) und damit der gleiche Kreislauf von Klischees, Rollenerwartung und möglichen Enttäuschungen wieder von vorne beginnen könnte, betont die Mutter die Schönheit des Haares mehrfach und wirkt ihrerseits mit, die Attraktivität der Tochter noch zu steigern (vgl. 71ff).

Obwohl sie sich Sorgen um ihr Kind macht, hat sie die Hoffnung, dass es ihm besser ergeht als ihr selbst, zumal der Freund im Kontrast zu ihrem Mann steht (man beachte die Antithesen „höflich – frech“, Z. 29/23; „hübsch – feistes viereckiges Gesicht“, Z. 29, 42). Dem Titel „Schönes goldenes Haar“ kommt somit insgesamt eine doppelte Bedeutung zu: einerseits verbildlicht er als Klischeevorstellung, was sich Männer vielleicht von einer Frau erhoffen und zeigt somit exemplarisch ein Rollenerwartung auf, andererseits symbolisiert er die Hoffnung der Mutter, dass die Tochter eine bessere - goldene – Zukunft hat und sich von erwarteten Rollenklischees lösen kann.

Auch wenn sich die Stimmung der Frau bei den Gedanken an ihr Kind aufhellt, wird die Gesprächssituation zwischen den Ehepartnern dadurch nicht besser. Die Äußerung der Frau über das goldene Haar seiner Tochter greift der Mann nicht als Gesprächsanlass auf, um über das gemeinsame Kind, das doch beide Eheleute verbindet, und die Sorgen und Hoffnungen seiner Frau bezüglich der Zukunft der Tochter zu sprechen, sondern nur als Sachbotschaft, die er mit „Na klar“ abtut. Seinerseits signalisiert er auf der Beziehungsebene seiner Frau, dass er die Unterhaltung mit ihr nicht für wichtig findet und gleichzeitig appelliert er, dass sie ihn in Ruhe lassen soll. Vielleicht versteht er aber auch ganz einfach nicht die Aussagebotschaft seiner Frau. Während es also die Frau schafft, ihren Konflikt zu verarbeiten, bleibt das Beziehungsproblem bestehen.

Während der erste und zweite Teil der Kurzgeschichte die Interpretationsthese stützen, dass in diesem Text hauptsächlich Rollenklischees verdeutlicht werden sollen, zeigen gerade der letzte Teil (Z. 65f.) und insbesondere der letzte Satz, dass die Geschichte darüber hinausgeht.

Die Frau hat es durch Umkehrung der Verhältnisse durch eine Ersatzhandlung geschafft, ihre Wut und Erregung abzubauen und trotz der Narben, die ihr bleiben („geätzte Hand ihres Zeigefingers“, Z. 88) offen für Veränderung („reckte sich“, Z. 89) zu sein und einen positiven Stimmungswandel („warmes Anschwellen“, Z. 89) herbeizuführen. Sie ist darüber selbst überrascht und auch die Sorge („Mitleid“, Z. 90) ist nicht verschwunden, aber dennoch ist das Schlusswort ein positiv konnotiertes: „Verwunderung“ (Z. 91).

Diese positive Veränderung der Frau trotz Bestehenbleibens des Konflikts zu ihrem Mann hat mir sehr gut gefallen, obwohl die Geschichte meiner Meinung nach zu viel Schwarz-Weißmalerei bezüglich der Rollenverteilung zwischen Mann und Frau hat, was vielleicht aber durch die Entstehungszeit dieser Geschichte bedingt ist, wo die Frau noch nicht so emanzipiert war wie heute.

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Ende der Leseprobe aus 5 Seiten

Details

Titel
Analyse der Kurzgeschichte "Schönes goldenes Haar"
Note
sehr gut -
Autor
Jahr
2010
Seiten
5
Katalognummer
V179446
ISBN (eBook)
9783656018766
Dateigröße
368 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schlagworte
Analyse, schönes goldenes Haar, Deutsch
Arbeit zitieren
Andreas Thäwel (Autor), 2010, Analyse der Kurzgeschichte "Schönes goldenes Haar", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179446

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