Exegese der Perikope LK 19, 1-10 - Die Zachäusgeschichte


Hausarbeit, 2010

20 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Text
2.1. Textabgrenzung
2.2. Textkritik
2.3. Übersetzung

3. Synchrone Analyse
3.1 Tempus, Ort, Personen und Syntax
3.2 Wortfelder, Bedeutungen und Oppositionen

4. Diachrone Analyse
4.1. Literarkritik
4.2. Gattungskritik und „Sitz im Leben“
4.3. Zeit-, Sozial-, Religionsgeschichte, Traditionskritik

5. Fazit

6. Quellenverzeichnis

7. Anhang

1. Einleitung

Bezüglich des von mir im Sommersemester 2010 besuchten Seminars „Einführung in die Methoden der neutestamentlichen Exegese“ geht es in dieser Hausarbeit um eine neutestamentliche Exegese über eine Textstelle aus dem Lukasevangelium, und zwar die über die Geschichte des Zachäus (Lk 19, 1-10).

Die Textstelle handelt von einem Mann mit dem einfachen Wunsch, Jesus zu sehen. Dies erweist sich jedoch als nicht leicht für ihn, denn er wird von der Gemeinde missachtet und als Sünder angesehen, aufgrund seiner Tätigkeit als Oberzöllner. Als es schließlich zu einer unerwarteten Begegnung mit Jesus kommt, die nebenbei von der Volksmenge mit Murren kommentiert wird, beschließt Zachäus, sein Leben zu wandeln.

Schon früh zog die Zachäusgeschichte die Aufmerksamkeit der christlichen Künstler auf sich. Eine Serie von Sarkophagen ist mit der Darstellung über die Begegnung Christi mit Zachäus bemalt. Im Mittelalter wurde die Episode als Evangeliumslesung in der Zeremonie jeder neu einzuweihenden Kirche verwendet. Es entwickelte sich im weiteren Verlauf des Mittelalters ein ikonographischer Erfolg der Geschichte. Größen wie Ambrosius, der Bischof von Mailand, oder damals Albert der Große, Erasmus von Rotterdam und Luther beschäftigten sich jeweils mit unterschiedlichen Schwerpunkten mit der Erzählung. Der eine betont die Sünden des Zachäus, ein anderer beschäftigt sich mit der Metapher des Baumes, der in der Geschichte eine Rolle spielt, wiederum ein anderer betont die Tugenden des Zachäus und mit Luther gelangt man zu einem Paradox, denn für ihn ist Zachäus zugleich Sünder und Gerechter.1

Es gibt in jeder Epoche, jeder Generation sogenannte Zeichen der Zeit, die es zu erkennen gilt und die entsprechende gesellschaftliche Probleme mit sich bringen. Genauso ist es mit der Zachäusgeschichte. Es gibt Zeiten, in denen deren Botschaft keine besondere Rolle spielt und Zeiten, in denen sie wieder aktuell wird. Ist es nicht heutzutage so, dass viele Menschen der Ansicht sind: „einmal Sünder immer Sünder“? Ist es nicht so, dass Verzeihen heutzutage sehr schwer fällt? Und ist es nicht so, dass Menschen vorschnell aufgegeben werden, aufgrund begangener Fehler?

Ich möchte mich in dieser Hausarbeit voll und ganz der Zachäusgeschichte widmen, sie genau unter die Lupe nehmen, um anschließend einen Rückschluss von ihrer Intention damals auf ihren Bezug zu unseren heutigen Zeichen der Zeit machen zu können.

2. Text

Im folgenden Kapitel werde ich mich zunächst mit dem Text selbst beschäftigen, mit seiner Abgrenzung zu den daran angrenzenden Perikopen und kritischen Stellen, die bei den Übersetzern zu Unstimmigkeiten führen. Im Anschluss daran lege ich den aus der Textkritik hervorgehenden Text, welcher dieser Arbeit als Basis dienen soll, dar. Falls nicht anders vermerkt, sind die vor dem dargelegten Text angegebenen Bibelstellen dem Münchener Neuen Testament2 entnommen.

2.1 Textabgrenzung

Wirft man einen Blick auf die Perikopen, die der vorliegenden Textstelle angrenzen, so fällt zunächst auf, dass die Erzählung über die Heilung eines Blinden auf dem Weg nach Jericho, die der Stelle vorausgeht, eine in sich stimmige, geschlossene Struktur vorweist. Sie beginnt mit den Worten „Es geschah aber bei seinem Nahekommen nach Jericho: Ein Blinder saß am Weg, bettelnd“ und endet nach Jesu Wunderheilung mit den daran anknüpfenden Worten: „Und auf der Stelle sah er wieder, und er folgte ihm, verherrlichend Gott. Und das ganze Volk, sehend (es), gab Gott Lob.“3

Für den darauf folgenden Vers (Lk 19,1) bedeutet das, dass dieser, falls nicht direkt an die Thematik anknüpfend, eine neue Erzählung bzw. Überleitung eröffnet. Mit den Worten „Und hineinkommend durchzog er Jericho“, etwas abrupt für den Leser wirkend, ist dies der Fall. Durch diesen Vers wird der Leser vom Szenario vor der Stadt Jericho in die Stadt geführt, dass heißt, es findet ein Orts- und somit auch ein Szenenwechsel statt. Zudem wird in Lk 19,2 eine neue Person („Zakchaios“ oder auch „Zachäus“4 ) eingeführt und der Blinde aus der vorangehenden Perikope wird nicht wieder erwähnt.

Auch der letzte Vers von Lk 19, 1-10 lässt sich von dem darauf folgenden Gleichnis eindeutig abgrenzen, denn er schließt die Erzählung mit einem zusammenfassenden Blick von außen auf das Geschehen („... denn (es) kam der Sohn des Menschen, zu suchen und zu retten das Verlorene“), wohingegen der Vers Lk 19,11 sich konkret auf das darauf folgenden Gleichnis bezieht („Da sie aber hörten dieses, hinzufügend sprach er ein Gleichnis,…“) und somit einen Gattungswechsel ankündigt.

2.2 Textkritik

Bei Betrachtung der zu dieser Textstelle vorliegenden Kommentare nimmt besonders François Bovon Stellung zu kritischen Stellen in den Übersetzungen der vorliegenden Perikope. Deshalb werde ich die von ihm genannten kritischen Stellen darlegen. Bovon erwähnt zum einen, dass das in Lk 19,2 verwendete καλούμενος, „genannt“, welches er zudem als unnötig charakterisiert, in einem Teil der handschriftlichen Überlieferungen gestrichen wurde.5 Er begründet das Weglassen dieses Wortes im Grunde dadurch, dass der Pleonasmus „genannt mit Namen“ für das dritte Evangelium ungewöhnlich sei. An dieser Stelle möchte ich mich daher für die Variante der Revidierten Elberfelder entscheiden, die eben diesen Pleonasmus mit aufnimmt („Und siehe, da war ein Mann, mit Namen Zachäus genannt,…“6 ). Hierbei nehme ich vor allen Dingen Bezug zu „lectio difficilior“, also die Regel der Textkritik die besagt, dass die schwierigere Leseart ursprünglich ist. Übersetzungen wie „namens“7 oder nur „genannt“8 sind eindeutig einfacher zu lesen als „mit Namen genannt“.

Weiterhin zögert die handschriftliche Überlieferung von Lk 19,4 zwischen προδραμὼν, „vorausgelaufen“, „zuvorgekommen“ und προσδραμὼν, „nach vorne gelaufen“.9 In diesem Fall spricht Bovon offen für das „erste, besser bezeugte Verb“10, dem ich mich anschließen möchte, da dies einer weiteren Regel der Textkritik entspricht. Alle die von mir zum Vergleich herangezogenen Übersetzungen11 beinhalten ebenfalls die erste Variante. Zuletzt erwähnt Bovon noch, dass es von Lk 19,5 mindestens eine Übersetzung gibt (er spricht hierbei von Nestle27 ), die sich mit ἀναβλέψας, „er schaute hinauf“, begnügt. Doch unzählige Handschriften, darunter auch die mir vorliegenden Übersetzungen, haben zusätzlich „er sah ihn und“.12 Daher schließe ich mich ebenfalls der Mehrheit an.

2.3 Übersetzung

Der von mir gewählte Text für die Perikope Lk 19,1-10 stammt überwiegend aus der Übersetzung des Münchener Neuen Testaments, da es „in Wiedergabe und Satzstruktur dem griechischen Original am nächsten kommt“13.

An zwei Stellen möchte ich jedoch abweichen. Darunter fallen die oben genannte Wortwahl „mit Namen genannt“ und der Name „Zachäus“. In der Übersetzung des Münchener Neuen Testaments wird dieser „Zakchaios“ (Vers 2,5 und 8) genannt, was nicht unbedingt weniger geeignet sein muss. Jedoch ist Zachäus ein weitaus geläufigerer Name als Zakchaios, vor allen Dingen in den Kommentaren zu dieser Perikope, was den Umgang mit dem Text erleichtert. Zudem gibt es bei diesem Namen verschiedene Textvarianten.14

Neben diesen Angleichungen möchte ich den Text an die aktuelle Neue Deutsche Rechtschreibung anpassen, was den Umgang mit der Textstelle im weiteren Verlauf dieser Arbeit ebenfalls erleichtern soll. Dies hat jedoch nur Konsequenzen für das Wort „erpreßte“, welches zu „erpresste“ wird.

Insgesamt ergibt sich demnach folgende Übersetzung:

1 Und hineinkommend durchzog er Jericho.
2a Und siehe, ein Mann, mit Namen Zachäus genannt,
b und er war Oberzöllner,
c und er (war) reich;
3a Und er suchte Jesus zu sehen,
b wer er ist,
c und konnte (es) nicht wegen der Volksmenge,
d weil von Gestalt er klein war.
4a Und vorauslaufend nach vorn, hinaufstieg er auf einen Maulbeerfeigenbaum,
b damit er sehe ihn,
c weil jenes (Wegs) er im Begriff war durchzuziehen.
5a Und als er kam an den Ort,
b aufschauend sprach Jesus zu ihm:
c Zachäus, eilend steig herab,
d denn heute muss in deinem Haus ich bleiben!
6a Und eilend herabstieg er,
b und aufnahm er ihn, sich freuend.
7a Und alle (es) Sehenden murrten, sagend:
b Bei einem sündigen Mann hineinging er, einzukehren.
8a Stehengeblieben aber sprach Zachäus zum Herrn:
b Siehe, die Hälfte meines Besitzes, Herr, gebe ich den Armen,
c und wenn von einem etwas ich erpresste,
d zurückgebe ich vierfaches.
9a (Es) sprach aber zu ihm Jesus:
b Heute geschah Heil diesem Haus,
c weil auch er ein Sohn Abrahams ist;
10a denn (es) kam der Sohn des Menschen,
b zu suchen und zu retten das Verlorene.

3. Synchrone Analyse

In diesem Kapitel geht es darum, den Text mitsamt seinen Eigenschaften, sprachlichen Mitteln und stilistischen Eigenheiten genauer in den Blick zu nehmen. Das heißt konkret, es findet eine Liturgische Analyse statt.

3.1 Tempus, Ort, Personen und Syntax

Wirft man einen ersten, syntaktisch analysierenden Blick auf die vorliegende Perikope, so scheint diese eine in sich kohärente Erzählung darzustellen. Doch mit welchen Mitteln erreicht der Autor von Lk 19,1-10 eine solche Wirkung? Im Folgenden wird dieser Frage näher auf den Grund gegangen.

Zunächst einmal ist festzustellen, dass (bis auf in wörtlicher Rede) durchweg ein Tempus die Verben beherrscht: das Präteritum. Die Geschichte erscheint so für den Leser als in sich abgeschlossen und durchgehend. Es werden keine zeitlich versetzen Einschübe gemacht. Dies bewirkt neben der Kohäsion auch, dass der Text einfacher zu lesen und in seiner Abfolge zu begreifen ist, als wenn das Tempus wechseln würde. Die zeitliche Exaktheit scheint für den Autor keine große Rolle zu spielen, denn bis auf die unkonkreten Zeitangaben „als“ (V. 5a) und „Heute“ (V. 5d, V. 9b) werden keine Angaben über das Tempus gemacht.

Während des Geschehnisses befinden wir uns in der Stadt Jericho, eine Information, die direkt aus dem ersten Vers hervorgeht. Ein Stadtwechsel findet nicht statt, doch innerhalb der Stadt ist Bewegung wahrzunehmen. Angekündigt wird die Bewegung ebenfalls direkt im ersten Vers mit dem Verb „durchzog“. Genauere Informationen über diese Bewegung erfahren wir wieder in Vers 4, indem Zachäus voraus läuft und auf einen „Maulbeerfeigenbaum“ steigt.

[...]


1 Vgl. BOVON, FRANÇOIS, Das Evangelium nach Lukas. 3. Teilband Lk 15,1-19,27, In: BROX, NORBERT u.a. (Hg.), EKK III/3. Zürich/ Düsseldorf/ Neukirchen Vluyn 2001, 265-280 (hier: 278-280).

2 Münchener Neues Testament. Studienübersetzung. Düsseldorf7 2004.

3 LK 18, 35.43.

4 Einheitsübersetzung.

5 Vgl. BOVON, FRANÇOIS, Das Evangelium nach Lukas, 271f.

6 Elberfelder Bibel 1993.

7 Einheitsübersetzung 1980.

8 Schlachter-Bibel 2000; Luther Bibel 1912.

9 Vgl. BOVON, FRANÇOIS, Das Evangelium nach Lukas, 273.

10 Ebd.

11 Siehe Tabelle im Anhang.

12 Vgl. BOVON, FRANÇOIS, Das Evangelium nach Lukas, 274.

13 EBNER, MARTIN/ HEINIGER, BERNHARD. Exegese des Neuen Testaments. Paderborn2 2007.

14 Vgl. BOVON, FRANÇOIS, Das Evangelium nach Lukas , 272.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Exegese der Perikope LK 19, 1-10 - Die Zachäusgeschichte
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V179530
ISBN (eBook)
9783656020158
ISBN (Buch)
9783656020752
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
exegese, perikope, zachäusgeschichte
Arbeit zitieren
Mareike Janßen (Autor), 2010, Exegese der Perikope LK 19, 1-10 - Die Zachäusgeschichte, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179530

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