Der deutsche Adel im 20. Jahrhundert - Ein Überblick über Eckart Conzes Arbeit


Seminararbeit, 2009

12 Seiten


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Autor und sein Buch
2.1 Von deutschem Adel - Die Grafen von Bernstorff im 20. Jahrhundert
2.2 Warum Adelsforschung ab dem 20. Jahrhundert?
2.3 Warum die Familie von Bernstorff?

3. Die Grafen von Bernstorff im 20. Jahrhundert. Eine kämpfende Familie?
3.1 Die Revolution von 1918
3.2 Adel im Nationalsozialismus

4. Schlusswort

5. Literatur

Einleitung

„ In einem K ö nigsschlosse geboren, im Gottesgnadentum erzogen, von ihren Herrscherrechten als einer g ö ttlichen Gegebenheitüberzeugt, betrachtet sie von vornherein jeden Rechtsanspruch der Nation als eine ungebührliche Auflehnung des P ö bels: immer ist derjenige, der für sich selber alle Freiheiten und jedes Recht beansprucht, am wenigsten geneigt, sie auch anderen zuzubilligen. [ … ] Ihr Platz ist oben, der des Volkes unten: sie will nicht hinab, das Volk darf nicht empor. “ 1 Diese harte, unerschütterliche Haltung wird von keiner geringeren vertreten, als von Marie Antoinette. Jener schicksalhaften Person aus Wien, die mit ihrem exaltierten Leben ein ganzes Land gegen sich aufbrachte und schließlich als letzte Königin Frankreichs in die Geschichtsbücher dieser Welt eingegangen ist. Nun wäre es vermessen, zwischen der Habsburgerin Marie Antoinette und der Familie von Bernstorff - dem Welfischen Adel - Parallelen zu ziehen. Dafür sind die jeweiligen gesellschaftlichen, politischen, ökonimischen und kulturellen Voraussetzungen zu unterschiedlich. Allerdings lassen sich den beiden blaublütigen Familien, betrachtet man allein ihre Strukturierungen sowie Daseinsformen und Leistungen, gewisse gleichartige Merkmale nicht absprechen. Beispielsweise der unerschütterliche Glaube an die eigene Besonderheit und an die Über-das-Volk- Stellung sowie die damit verbundenen (selbstverständlichen) Privilegien sind bei beiden gleich stark ausgeprägt. Dabei ist ihre Haltung dem Volk gegenüber weniger feindseliger - zumindest am Anfang - als viel mehr hochmütiger Natur, begründet durch das schon Jahrhunderte andauernde welthistorische Recht. Wer sich nun für Adelsforschung im 19. Jahrhundert interessiert, kann auf zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten zurückgreifen.2 Wer allerdings Interesse für Adel im 20. Jahrhundert zeigt, sieht sich oft wissenschaftlicher Leere gegenüber.3 Eine Ausnahme bildet dabei die Arbeit von Eckart Conze: Von deutschem Adel - Die Grafen von Bernstorff im 20. Jahrhundert. Am Beispiel von drei Familienzweigen der Grafen von Bernstorff beschreibt Eckart Conze die adlige Legitimationskrise im 20. Jahrhundert. Damit steht Conze weitestgehend allein auf weiter Flur - betritt nach eigener Einschätzung „ terra incognita “. Seine Arbeit ist dabei so umfangreich und gründlich, dass mir eine vollständige, dem Buch entsprechende Präsentation an dieser Stelle nicht möglich ist. Aus diesem Grund widme ich mich im Folgenden Conzes bestechend klarer Präsentation der „ individuellen oder kollektiven Bemühungen des Adels, seinen Status zu erhalten oder neu zu justieren. “ 4. Beginnend bei der Revolution von 1918 arbeitet sich Conze durch alle wichtigen historischen Zeiten. Nun stellt sich die Frage, welche Haltung der Adel in dieser Zeit an den Tag legte. War er bestimmend, also kämpferisch, oder sich den Ereignissen hingebend und resignierend? Sind Sätze wie „ [ … ] aber wir sind in der Patsche und werden wohl ohne gro ß e, sehr gro ß e innere Ver ä nderung kaum wieder herauskommen “5 Ausdruck innerlicher Kapitulation, oder stehen sie für den Beginn eines mutig geführten Kampfes gegen den eigenen Bedeutungsverlust?

2. Der Autor und sein Buch

Neben Vom König zum Führer. Sozialer Niedergang und politische Radikalisierung im deutschen Adel zwischen Kaiserreich und NS-Staat von Stephan Malinowski gilt Von deutschem Adel - Die Grafen Bernstorff im 20. Jahrhundert von Eckart Conze (* 17. Oktober 1963 in Coburg) als eines der wichtigsten Werke über den Adel im 20. Jahrhundert. Erstmalig erhält man ein tiefes analytisches Bild über einen kämpfenden Adel, der sich mit aller Macht dem eigenen Bedeutungsverlust entgegenstellt. Allerdings soll an dieser Stelle Grundsätzliches geklärt werden. Wieso entschied sich Conze für Adel im 20. Jahrhundert? Warum wählte er die Familie von Bernstorff für seine Arbeit? Was sind die Leistungen des Buches?

2.1 Von deutschem Adel - Die Grafen von Bernstorff im 20. Jahrhundert

Von deutschem Adel - Die Grafen von Bernstorff im 20. Jahrhundert ist eines der wenigen Bücher, das sich mit der Adelsgeschichte im 20. Jahrhundert auseinander setzt. Mit Hilfe der drei Familienzweigen der Grafen von Bernstorff schafft Conze ein durch und durch detailliertes Bild adligen Lebens, das von Kontinuität und Brüchen bestimmt ist. Conze spricht eingangs auch von einer doppelten These. Auf der einen Seite wird der Adel 1918 seiner größten Privilegien beraubt, auf der anderen Seite ist der Einfluss des Adels - entgegen der allgemeinen Auffassung - bis zur Ära Adenauer unabweisbar. Es wäre also zu kurz gegriffen, den adligen Niedergang auf die Revolution von 1918 zu datieren. Vielmehr ist er ein abgestufter, auf über 100 Jahre andauernder Prozess. Auch sollte an dieser Stelle erwähnt werden, dass Conze Adel weniger über seinen materiellen Besitz, als viel mehr über seinen Status, seine Vorrechte und Privilegien bestimmt. Er selbst schreibt: „ Obgleich die Studie die adelige Wirtschaft und den adeligen Besitz als Grundlage adeliger Existenz, als Pfeiler adeligen Selbstverst ä ndnisses und als Zentren adeliger Lebenswelt identifiziert, behandelt sie den Bereich Wirtschaft und Besitz nicht an erster Stelle, sondern nach den politischen und herrschaftsbezogenen Aspekten. “ 6 Dieser Auffassung nach - der Studie Max Webers folgend - konzentriert sich Conze in seinem Buch auf das Bemühen des Adels, die eigenen Herrschaftsrechte und -privilegien zu erhalten und zu sichern. Dabei steht der Verlust von adeligen Privilegien immer auch für den Niedergang des Adels.

2.2 Warum Adelsforschung ab dem 20. Jahrhundert?

Wie eben erwähnt, ist Von deutschem Adel - Die Grafen von Bernstorff im 20. Jahrhundert eines der ersten Bücher, das sich mit Adel im 20. Jahrhundert beschäftigt. Eckart Conze zeigt sich über die Defizite der Adelsforschung diesbezüglich selbst erstaunt. Gründe hierfür sieht er in der allgemein „ eher z ö gerliche[n] Hinwendung der Sozialgeschichte insgesamt zum 20. Jahrhundert. 7 So sind Themen wie der I. Weltkrieg, die Inflationsjahre und Nationalsozialismus nach wie vor bestimmend. Es ist richtig, dass die Legitimationskrise des Adels bereits in der Aufklärung einsetzte. Doch wieso wird dieser Prozess nicht weiterverfolgt? Wieso macht man Halt an einer so wichtigen Schwelle? Gerade im 20. Jahrhundert wird doch der Kampf ums „Obenbleiben“ fortgesetzt, „ [...] ja intensiviert[en] und beschleunigt[en]. “ 8 . Eckart Conze hat sich dieser Tatsache angenommen: „ Die Charakteristika, die Ziele und Methoden des adeligen Abwehrkampfes gegen den Niedergang lassen sich in einer ganz anderen, sch ä rfer akzentuierten Form für das zwanzigste Jahrhundert herausarbeiten, als das für das neunzehnte Jahrhundert m ö glich ist, weil im zwanzigsten Jahrhundert die politischen Brüche und gesellschaftlichen Verwerfungen besonders kra ß und einschneidend waren. “ 9 . Darüber hinaus ist es ihm wichtig, zu verdeutlichen, inwieweit sich das politische, kulturelle und ökonomische Bild des Adels verändert hat. Das soll heißen, wie sehr kompensiert beziehungsweise widersetzt sich der Adel dem eigenen Statusverlust.

[...]


1 S. Zweig : Marie Antoinette - Bildnis eines mittleren Charakters, Bertelsmann Lesering, 1958, S. 236.

2 Es wäre vermessen zu behaupten, dass ich im Bild sämtlicher wissenschaftlichen Arbeiten bezüglich der Adelsforschung wäre. Aus diesem Grund präsentiere ich im Folgenden eine Auswahl von Arbeiten, auf die ich während meiner Vorarbeit des Öfteren gestoßen bin. Dazu gehört: H. Möller : Aufklärung und Adel, in: Elisabeth Fehrenbach (Hg.), Adel und Bürgertum in Deutschland 1770-1848, München 1994; R. Braun : Konzeptionelle Bemerkungen zum Obenbleiben, in: Hans-Ulrich Wehler (Hg.), Europäischer Adel 1750-1950, Göttingen 1990; I. Cerman : Adelige Ausbildung - Die Herausforderung der Aufklärung und die Folgen, München, Meidenbauer, 2006 ferner A. W. Rehberg : Über den deutschen Adel, Photomechanische Reproduktion Goettingen 1803, Meisenheim/Glan, Scriptor, 1979 und S. Müller : Leben in der Residenzstadt Hannover - Adel und Bürgertum im Zeitalter der Aufklärung, Hannover, Schlütersche Verlagsanst., 1988.

3 Einmal abgesehen von den Prosawerken dieser Zeit, allen voran Effi Briest von Theodor Fontane (1895), welcher mit erschreckender Weitsichtigkeit die Persönlichkeit Effi Briests exemplarisch für eine ganze Gruppe scheitern lässt.

4 E. Conze : Von deutschem Adel. Die Grafen von Bernstorff im 20. Jahrhundert, Stuttgart/ München: DVA 2000, S. 11.

5 K. Hansen : Albrecht Graf von Bernstorff - Diplomat und Bankier zwischen Kaiserreich und Nationalsozialismus, Frankfurt am Main/ Berlin/ Bern/ New York/ Paris/ Wien, Lang, 1996, S. 92.

6 E. Conze : Von deutschem Adel. Die Grafen von Bernstorff im 20. Jahrhundert, Stuttgart/ München: DVA 2000, S. 27.

7 S. Ebenda, S. 13.

8 S. Ebenda, S. 14.

9 S. Ebenda, S. 14.

Ende der Leseprobe aus 12 Seiten

Details

Titel
Der deutsche Adel im 20. Jahrhundert - Ein Überblick über Eckart Conzes Arbeit
Hochschule
Technische Universität Dresden  (Philosophische Fakultät)
Veranstaltung
Adel in der Konsumgesellschaft (1890-1933)
Autor
Jahr
2009
Seiten
12
Katalognummer
V179573
ISBN (eBook)
9783656020370
ISBN (Buch)
9783656020530
Dateigröße
483 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adel, Eckart Conze, Bernstorff, Graf, deutscher Adel
Arbeit zitieren
Hans Erdmann (Autor), 2009, Der deutsche Adel im 20. Jahrhundert - Ein Überblick über Eckart Conzes Arbeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179573

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der deutsche Adel im 20. Jahrhundert - Ein Überblick über Eckart Conzes Arbeit



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden