Venedig, Drehscheibe des mittelalterlichen Weltmarktes

Ein Beispiel für Globalisierung im Mittelalter?


Hausarbeit, 2011
21 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung: Globalisierung im Mittelalter?

I. Romania, Alexandria und Beirut: Tore zum Osten?
1.1. Erste Schritte im Fernhandel: die Beziehungen zur Romania
1.2. Venedigs Beziehungen zu den Mamluken und den Mongolen: Alexandria und Syrien

II. Ein Exkurs aufs Festland - Der Handel mit den Tedeschi : Brücke zu Mittel- und Nordeuropa

III. Vernetzung mit Westeuropa und Nordwestafrika: Flandern, Aque-Morte und Berberküste

Schlussfolgerung

Bibliographie

Einleitung: Globalisierung im Mittelalter?

Globalisierung - ein Begriff den man heutzutage nur sehr schwer umgehen kann. Gleichzeitig gibt es kaum ein Konzept das derart vage und unbestimmt ist. Deshalb vorab eine Definition des angestrebten Globalisierungs-Konzept in dieser Arbeit.

Sebastian Conrad und Andreas Eckert unterscheiden zwischen „Globalisierung als Prozess und Globalisierung als Perspektive“.[1] Für diese Arbeit interessiert uns die Globalisierung als Prozess, da diese der Frage nach überregionalen und transkulturellen Vernetzungen und Austauschen in geschichtlicher Perspektive nachgeht.[2]

Der Begriff der Globalisierung leitet sich ab vom Globus, also dem Erdball und impliziert auf diese Weise weltweite Vernetzung und weltumgreifenden Austausch. Ist die Verwendung dieses Begriffs im Rahmen einer Mittelalter­bezogenen Arbeit also angebracht? Dies scheint auf Anhieb nicht der Fall, da es im Mittelalter nur schwerlich zu weltumgreifenden Beziehungen und Kontakten kommen konnte. Geht man jedoch andererseits von einer möglichen Vernetzung der gesamten zu jenem Zeitpunkt bekannten Erdregionen aus, und somit der Umfang der mittelalterlichen Welt gedeckt ist, ist die Anwendung des Begriffs meines Erachtens vertretbar.

Im Laufe des 9. bis zum 13. Jahrhundert hatte Venedig sich ein umfangreiches Handelsnetz vom Ärmelkanal, über Mittel-, Schwarzes, Kaspisches und Arabisches Meer hin zum Pazifik aufgebaut.[3]

Bei näherer Betrachtung dieses großen Netzwerkes ergibt sich nun folgende Fragestellung:

Kann man im Fall von Venedigs Handelsbeziehungen von einer überregionalen und transkulturellen Vernetzung der Lagunenstadt mit der gesamten damalig bekannten Welt ausgehen?

Venedig, eine Stadt deren Anfänge bis dato im Dunkeln liegen,[4] ist wohl eine der am meist und best untersuchten Städte des Mittelalters. So liest man oft in Einführungen zu Schriften zu der Geschichte Venedigs Sätze wie „Encore un livre sur ľhistoire de Venise!“[5] oder „Yet another book about Venice?“[6], Sätze die anderen Forschern in ihren Publikationen ebenfalls dazu dienen, den Forschungsstand zu diesem Thema zu beschreiben.[7] Um den Umfang der geleisteten Forschungsarbeit zu Venedigs Geschichte besser fassen zu können, möchte ich hier kurz ein von Marie Viallon angeführtes Beispiel nennen. Sie schreibt, dass bereits im 19. Jahrhundert ein Gelehrter aus Rouen, Auguste Boullier, eine Liste von 7791 Schriften zur Geschichte und den Institutionen Venedigs zusammentragen konnte.[8] Um diesem Problem des Überflusses an Sekundärliteratur zu umgehen, habe ich mich dazu entschlossen, mich vor allem an Peter Feldbauers, Gottfried Liedls und John Morrisseys 2010 erschienenen Monographie Venedig 800-1600 - Die Serenissima als Weltmacht zu orientieren, da diese einen umfassenden Einblick in die bisherige Forschungslage Venedig betreffend liefert.[9] Um einige Aspekte der folgenden Arbeit ausführlicher behandeln zu können, habe ich diese Lektüre in einem zweiten Schritt um einige spezifische Thematiken betreffende Monographien und Aufsätze ergänzt. Untersuchungen verschiedener Quellentexte und archäologischer Funde sollen als Untermalung der folgenden Argumentation dienen.

Der Aufbau der Arbeit orientiert sich an dem ab 1346 von der venezianischen Regierung eingeführten System der muda. [10] Hierbei handelt es sich um den „Einsatz der Staatsgaleeren in streng reglementierten Flottenverbänden, die insbesondere zu Ostern und im September, aber auch zu Peter und Paul ausliefen.“[11] Die sieben ab Ende des 14. Jahrhunderts und im Verlauf des 15. Jahrhunderts festgelegten regelmäßig befahrenen Galeerenrouten liefen die bis dahin mit Venedig vernetzten Häfen an und eignen sich somit die Beziehungen der Dogenrepublik in alle vier Himmelsrichtungen zu ordnen und zu untersuchen.[12]

Auf diese Weise werden wir uns in einem ersten Schritt mit den Handelsrouten in die Romania, nach Alexandria und nach Beirut auseinandersetzen, da diese Linien Venedig den Zugang zum Nahen sowie zum Fernen Osten ermöglichten. Da es sich bei diesen Handelsrouten um die Haupteinnahmequelle und gleichzeitig um die am längsten bestehenden Fernhandelsbeziehungen der Serenissima handelt, wird die Untersuchung dieser Linien, vor allem jener in die Romania, den größten Teil dieser Arbeit beanspruchen. In einem zweiten Schritt werden wir einen Exkurs über die transalpine Landroute unternehmen, um die Handelsbeziehungen der Markusrepublik mit süddeutschen Städten und Wien zu analysieren, da diese Beziehungen den Weg zu indirekten Handelsbeziehungen mit Nord- und Zentraleuropa ebneten. Ein letzter Teil wird der Vernetzung Venedigs mit Westeuropa und Nordafrika sowie der Subsaharischen Regionen gewidmet. Um die Vernetzung zu verdeutlichen werde ich je nach Möglichkeit versuchen, kommerziellen sowie kulturellen Austausch zu belegen.

I. Romania, Alexandria und Beirut: Tore zum Osten?

I.I.Erste Schritte im Fernhandel: die Beziehungen zur Romania

Die erste staatlich festgelegte muda war jene in die Romania und nach Konstantinopel. Sie wurde 1255 vom Dogen Reniero Zeno eingeführt, um den Schiffen auf der Handelsroute entlang der dalamtinischen Küste über die Ägäis den bestmöglichen Schutz vor Slawischen Piraten zu bieten.[13]

Schon sehr früh unterhielt Venedig Handelsbeziehungen zum byzantinischen Reich. Dies verdankte es wohl dem Umstand, dass es, anders als seine Handelsrivalen an der istrischen Küste Ravenna und Comacchio, mit denen es gemeinsam im 6. Jahrhundert unter byzantinische Herrschaft geriet, 751 nicht von den Langobarden eingenommen wurde, sondern unter romanischer Herrschaft verblieb.[14] Die byzantinischen Kaiser gestanden Venedig in verschiedenen Chrysobullen eine wachsende Anzahl an Handelsprivilegien, wie etwa Zoll- und Handelsfreiheit zu, die es der Serenissima schließlich erlaubten die Romania kommerziell zu unterlaufen und sich den Zugang zur Schwarzmeerregion zu ebnen.[15] Erwähnenswert sind hier vor allem die Chrysobullen von 992, 1082 sowie jene von 1265.

Die Chrysobulle von 992 war das Resultat der Konsolidierungspolitik des Dogen Pietro II Orseolo. In seinem Bestreben nach der Festigung Venedigs im überregionalen Fernhandel und der Annäherung mit Byzanz, erreichte er die

Verfassung dieser Chrysobulle, die Venedig eine Zollsenkung sowie rechtliche Mündigkeit zusprach.[16]

Der Vertrag von 1082 markierte eine erste Wende in den romano­venezianischen Handelsbeziehungen. In dieser Chrysobulle wurden Venedig, als Dank für die Vertreibung der Normannen aus Durazzo,[17] unter anderem Zoll- und Freihandelsrechte in verschiedenen Häfen der Romania,[18] ein eigenes Viertel in Durazzo und vor allem ein eigenes Viertel außerhalb der Stadtmauern Konstantinopels eingeräumt.[19] Dieses Viertel, das 1148 vergrößert wurde und um 1200 10.000 Venezianern Platz geboten haben soll, wurde zum zentralen Umschlagplatz für den Handel mit und in der Romania.[20] Dieser sogenannte funduq beinhaltete drei Anlegeplätze am Goldenen Horn, Unterkünfte, ein Gotteshaus, Handelskontore, Lager, Tavernen sowie Lebensmittelläden.[21] In und um dieses Viertel kam es zu direktem Kontakt zwischen venezianischen Händlern und der Lokalbevölkerung. Da Erstere kaum Sanktionen bei Rechtsbruch zu befürchten hatten, da nicht klar definiert war, welcher Rechtsprechung sie unterstanden kam es zu regelmäßigen Auseinandersetzungen mit und zu Missmut unter der lokalen Bevölkerung.[22] Hier könnte man also von einem ersten, wenn auch negativen kulturellen Austausch ausgehen.

[...]


[1] Conrad, Sebastian / Eckert, Andreas, Globalgeschichte, Globalisierung, multiple Modernen: Zur Geschichtsschreibung der modernen Welt, in: Globalgeschichte. Theorien, Ansätze, Themen, hg. v. Sebastian Conrad, Andrea Eckert, Ulrike Freitag, Frankfurt am Main 2007, S. 20.

[2] Ibid., S. 20; siehe hierzu auch Bentley, Jerry, „Cross-Cultural Interaction and Periodization in World History“, in: American Historical Review 101 (1996), S. 749-770.

[3] Siehe hierzu: Karte der venezianischen Fernhandelsrouten vom 9. - 11. Jahrhundert, in: Feldbauer, Peter / Liedl, Gottfried / Morrissey, John (Hg.), Venedig 800-1600. Die Serenissima als Weltmacht, Expansion- Interaktion-Akkulturation, Historische Skizzen zur Europäisierung Europas und der Welt Band 18, Wien 2010, S. 157.

[4] Veneto selbst wird erst 537 in einem Brief des römischen Senators M. Aurelius Cassiodorus an die venetischen Seetribunen erwähnt: „Venetiae praedicabiles quondam plenae nobilibus, ab austro Ravennam Padumque contingunt, ab oriente jucunditate loniilittorisperfruuntur;Auszug aus :M. Aurelius Cassiodorus, Variarum Libri XII, Liber XII, Epist. XXIV (Senatoris ad tribunes maritimorum), in: Gallica, Bibliothèque numérique, http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6k5503020w/f437.tableDesMatieres (30.03.2011)

[5] Viallon, Marie, Venise et la Porte Ottomane 1453-1566. Un siècle de relations vénéto-ottomanes de la prise de Constantinople à la mort de Soliman, Paris 1995, S. vii.

[6] Crouzet-Pavan, Elisabeth; Cochrane, Lydia G., Venice triumphant: The Horizons of a Myth, Baltimore 2002, S. ix.

[7] Feldbauer, Peter / Liedl, Gottfried / Morrissey, John (Hg.), Venedig 800-1600. Die Serenissima als Weltmacht, Expansion-Interaktion-Akkulturation, Historische Skizzen zur Europäisierung Europas und der Welt Band 18, Wien 2010, S. 11.

[8] Viallon, Venise et la Porte Ottomane, S. vii.

[9] Feldbauer et al., Venedig 800-1600. (siehe Anm. 6)

[10] Ibid., S. 158-165; sowie Hocquet, Jean-Claude, Venise au Moyen Âge, Paris 20042, S. 176-178.

[11] Feldbauer et al., Venedig 800-1600, S. 162.

[12] Ibid., S. 163.

[13] Nicol, Donald M., Byzantium and Venice. Study in diplomatic and cultural relations, Cambridge 19994, S. 286-287.

[14] Crouzet-Pavan / Cochrane, Venice triumphant, S. 57

[15] Siehe hierzu Menzel, Ulrich, Imperium oder Hegemonie? Venedig - Seemacht mit imperialem Anspruch 1381-1499, in: Forschungsberichte aus dem Institut für Sozialwissenschaften, Nr. 83, Dezember 2007, S. 15-21; sowie Brandes, Jörg-Dieter, Mare Venetiarum. Die Ägäis im Mittelalter, Leipzig 2008, S. 35-53.

[16] In Pozza, Marco / Ravegnani, Giorgio, I trattati con Bisanzio 992-1198, Venedig 1993, S. 16-26. wird diese Chrysobulle ausführlich kommentiert; beinhaltet ebenfalls eine lateinische Version des griechischen Textes.
In der in dieser Ausgabe inbegriffenen lateinischen Version heißt es:
„Aeque enim et dux Veneticorum et qui sub ilio est cum omnibus plebis intercessione cumprecationem ad nostrum fecerunt imperium, ut unusquisque per suum navilium, quod de sua provincia, sed enim et ab alia provincia et civitate cum negocio veniendo, nihil aliud donare, sed solidos duos dicebant; etenim ab hactenus tantam donare quantitem. [...] Nostro imperio commendabit illos esse sub manu de logotheta de dromo solo, et ab illo solo illos pensari, observando et illos omnia, que suprascripta sunt, et cum aliis servitiis operando cum suis navigiis pro varicatione de nostro hoste, quem forsitan vult nostrum imperium in Langobardiam dirigere, pensando omnes et expectando.“

[17] Crouzet-Pavan; Cochrane, Venice triumphant, S. 60; Lilie, Ralph-Johannes, Byzanz. Geschichte des oströmischen Reiches 326-1453, München 20054, S. 80.

[18] Die Liste dieser Häfen wurde in der Chrysobulle von 1187 verlängert. Siehe hierzu Feldbauer et al., Venedig 800-1600, S. 22.

[19] Menzel, Venedig, S. 15-16.

[20] Ibid., S. 16.

[21] Feldbauer et al., Venedig 800-1600, S. 66; Nicol, Byzantium and Venice, S. 62-63.

[22] Nicol, Byzantium and Venice, S. 88-89.

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Details

Titel
Venedig, Drehscheibe des mittelalterlichen Weltmarktes
Untertitel
Ein Beispiel für Globalisierung im Mittelalter?
Hochschule
Université du Luxembourg
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V179678
ISBN (eBook)
9783656021360
ISBN (Buch)
9783656021667
Dateigröße
447 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Venedig, Welthandel, Protoglobalisierung, Globalisierung, Weltmarkt, Muda, Galeerenflotte
Arbeit zitieren
Danielle Wilhelmy (Autor), 2011, Venedig, Drehscheibe des mittelalterlichen Weltmarktes , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179678

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