Die Out-of-Body Experience

Ein autoskopisches Phänomen


Seminararbeit, 2011

18 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Klassifikation und Beschreibung autoskopischer Phänomene
2.1 autoskopische Halluzination
2.2 Heautoskopie
2.3 Out-of-Body Experience (OBE)
2.4 Zwisclienzusaininenfassung

3 Geschichte der OBE

4 Interpretation der OBE
4.1 OBE als Halluzination
4.2 OBE als Folge doppelter Desintegration

5 Neuronale Korrelate der OBE

6 Die Manipulierbarkeit des körperlichen Ich-Bewusstseins

7 Zusammenfassung

Literatur

1 Einleitung

Autoskopische Phänomene haben die Menschheit seit jeher fasziniert und sind vielfältig in Mytholo­gie und Folklore eingegangen (Slieils. 1978: Todd & Dewhurst. 1955). Der Begriff Autoskopie stammt aus dem Altgriechischen und bedeutet »sich selbst sehen« (Anzellotti et ah. 2011: Mishara. 2010). Es handelt sich um das illusorisch-visuelle Erleben, ein Abbild des eigenen Körpers im extrakorporalen Raum wahrzunehmen. Zum einen kann dies bei der autoskopischen Halluzination (AH) und bei der Heautoskopie (HAS) aus einer körperinternen Perspektive der Fall sein. Zum anderen bei der au- feerkörperlichen Erfahrung, auch Out-of-Bodv Experience (OBE) genannt, aus einer körperexternen Perspektive (Mishara. 2010).

Der erste medizinische Bericht über Autoskopie lässt sich auf Wigan (1844). die erstmalige Ver­wendung des Begriffs »Autoskopie« auf Féré (1891) zurückführen. Obwohl auch gesunde Menschen autoskopische Phänomene erleben, gilt neben verschiedenen psychiatrischen und neurologischen Stö­rungen Epilepsie als ihre Hauptursache (Blanke & Arzy. 2005: Dening & Berrios. 1994: Dewhurst. 1954). Nach .Jahrzehnten spärlichen Interesses ist aktuell eine Renaissance empirischer Forschung mit Fokus auf die OBE zu beobachten (Metzinger. 2009). Während einer OBE scheint eine Person wach zu sein und ihren Körper und die Welt von einem Ort außerhalb des eigenen Körpers wahrzu­nehmen (Blanke. Landis. Spinelli & Seeck. 2004). Sie stellt daher die empfundene räumliche Einheit zwischen Körper und Selbst, unserem Ich. und damit die Erfahrung eines realen Ich. das sich im eigenen Körper befindet und Zentrum des bewussten Erlebens ist. in Frage (Blanke & Arzy. 2005).

Während die OBE in der Vergangenheit überwiegend als paranormales Ereignis gedeutet wurde, stellten Blanke et ab (2004) ein naturwissenschaftliches Erklärungsmodell vor. Erkenntnisse aus Neurologie und kognitiver Neurowissenschaft der vergangenen Dekade legen nahe, dass OBEs auf ein Defizit multisensorischer Integration in der temporo-parietalen Grenzregion (TP.J) der rechten Gehirnhemisphäre zurückzuführen sind (Blanke et ah. 2004). Ausgehend von diesem Modell könnte die zukünftige Erforschung der OBE die Erkenntnisse auf der Suche nach den neuronalen Korrelaten des Ich-Bewusstseins (das Wissen des Individums um seine Identität) fördern (Metzinger. 2009).

2 Klassifikation und Beschreibung autoskopischer Phänomene

Drei verschiedene Phänomene lassen sich unter den Begriff der Autoskopie einordnen (Brugger. Re­gard & Landis. 1997: Devinsky. Feldmann. Burrowes & Bromfield. 1989): Erstens die autoskopische Halluzination, zweitens die Heautoskopie und drittens die Out-of-Bodv Experience.

2.1 autoskopische Halluzination

Bei der autoskopischen Halluzination (»sich selbst sehen«) handelt es sich um den uniinodalen. vi­suellen Eindruck, den eigenen Körper im extrakorporalen Raum zu sehen (Brugger et ah. 1997). Sie wurde auch als »Spiegelbildhalluzination« bezeichnet, da beispielsweise das autoskopische Bild eines rechtshändigen Patienten linkshändig ist (Brugger. 2002). Das subjektiv als Halluzination erkannte Spiegelbild ist von natürlicher Farbe, kann bewegungslos sein oder Bewegungen und Gesichtsaus- driicke nachahmen (Brugger et ah. 1997). Gelegentlich ist die Halluzination auf das Gesicht oder den Oberkörper beschränkt (Maillard. Vignai. Anxionnat. Taillanier & Vespignani. 2004: Zamboni. Budriesi & Nichelli. 2005). Darüber hinaus kann bei der seltenen polyoptischen (»vielfachsehenden«) Variante mehr als ein einzelnes Spiegelbild wahrgenommen werden (Brugger et ah. 1997. 2006). Der Beginn der autoskopischen Halluzination ist üblicherweise unerwartet (Dewhurst. 1954). Sie ist zu­dem von kurzer Dauer, die sich im Bereich von Sekunden bis wenigen Minuten bewegt (Brugger. 2002).

2.2 Heautoskopie

Die Heautoskopie (»sein Selbst sehen«) ist in ihrer Klassifikation phenomenologisch zwischen der autoskopischen Halluzination und der OBE anzusiedeln (Blanke & Mohr. 2005). Sie ist gekennzeich­net durch die multimodale, illusionäre Verdopplung des Selbst und Köpers (Brugger et ah. 2006). Es handelt sich um die realistisch wirkende Begegnung mit einem »Doppelgänger«, der als Alter Ego erscheint (Anzellotti et ah. 2011).

Der Begriff Heautoskopie wurde von Menninger-Lerchenthal (1935) vorgeschlagen, um das auch als Doppelgänger bekannte Phänomen zu beschreiben (Brugger et ab. 1997). In der Literatur, ins­besondere während der Romantik, war dieses Doppelgängerphänomen ein beliebtes Motiv (Arenz. 2001). Neben Oscar Wildes »Das Bildnis des Dorian Gray« und Dostojewskis »Der Doppelgänger« veranschaulicht wohl Edgar Allan Poe das Doppelgängerphänomen in »William Wilson« am drama­tischsten: Bei dem Versuch, sein Double zu erstechen, ersticht sich Wilson selbst (Brugger. Agosti. Regard. Wieser & Landis. 1994: Dewhurst. 1954).

Wie die autoskopischen Halluzination ist die Heautoskopie durch die Wahrnehmung gekennzeich­net. sich selbst im extrakorporalen Raum zu sehen. Das Erleben kann von wenigen Sekunden bist Stunden dauern, doch sind Berichte von einem Double als ständigem Begleiter nicht außergewöhn­lich (Brugger et ah. 1997: Engerth & Hoff. 1929). Auch sind polyoptische Fälle, bei denen mehr als ein Double erlebt wird, bekannt (Brugger et ab. 2006). Obwohl das Bild typischerweise farblos.

verschwommen und transparent ist. ist es dafür umso „leibhaftiger“ (Brugger. 2003). Einerseits kann es imitatorische Bewegungen zeigen, die einer Perspektiventransformation des Körperschemas fol­gen und deshalb nicht spiegelbildlich sind (Brugger. 2003). Andererseits kann es sich auch autonom verhalten (Anzellotti et ah. 2011) und Handlungen ausführen, die man soeben in Erwägung gezogen hat (Brugger et ab. 1997).

Im Gegensatz zur autoskopischen Halluzination geht die Heautoskopie mit propriozeptiven und vestibulären Empfindungen einher. Beispielsweise sind Gefühle der Leichtheit oder Losgelöstheit vom eigenen Körper, aber auch Schwindel vorhanden (Brugger et ah. 1997). Entscheidend ist aller­dings das Gefühl, dass es sich bei der halluzinierten Gestalt um ein Double des eigenen Iclis handelt (Brugger et ah. 1997). Während das beobachtende Selbst bei der Heautoskopie trotz lokalisatori- sclier Unsicherheiten mehrheitlich als sich im physischen Körper befindlich erlebt wird (Brugger. 2003). berichten Betroffenen sich aus wechselnden Perspektiven (aus dem physischen oder dem au­toskopischen Körper) zu sehen (Blanke & Mohr. 2005). Für den Betroffenen ist es dann schwierig zu entscheiden, ob er entkörperlicht ist und ob das Ich im physischen oder im illusorischen Körper lokalisiert ist (Blanke et ah. 2004).

»Damit unterscheidet sich die autoskopische Halluzination („sich selbst sehen“) von der Heautoskopie („sein Selbst sehen“), in der sich zwei Selbstbilder gegenüberstehen und oft nicht mehr klar ist. welches das wahre Selbst und welches sein Doppelgänger ist« (Brugger. 2003. S. 293).

2.3 Out-of-Body Experience (OBE)

Die OBE ist gekennzeichnet durch eine Entkörperlichung, eine veränderte Perspektive und eine Au­toskopie: Zunächst wird das Selbst nicht wie üblich als innerhalb der physischen Grenzen, sondern außerhalb des Körpers erlebt (Entkörperlichung) (Blanke. Ortigue. Landis & Seeck. 2002: Brugger & Mohr. 2009). Zusätzlich besteht der Eindruck, die Umwelt aus einer entfernten, meist erhöh­ten Perspektive zu betrachten (parasomatische visuell-räumliche Perspektive) (Blanke et ah. 2004). Schließlich besteht die Empfindung, den eigenen Körper aus dieser Perspektive zu sehen (Autoskopie) (Blanke et ah. 2004: Brugger. 2002).

Sie ereignet sich sowohl bei gesunden Personen (Green. 1968) als auch neuralgischen Patienten (Blanke et ah. 2004) überwiegend in Rückenlage. Auch im Zusammenhang mit der OBE existieren polyoptische Fälle, die mit mehreren autoskopischen Körpern einhergehen (Brugger et ah. 2006). Zusätzlich zu der visuellen Halluzination treten auditorische Wahrnehmungen auf. Sie reichen von

Brummen oder Klingeln (Fox, 1962; Menz, 1984) bis hin zu Musik (Rogo, 1975). Ebenso wird von Vibrationen kurz vor ihrem Beginn berichtet (Ehrenwald, 1974; Monroe, 1971). Zu guter Letzt tragen propriozeptive und vestibuläre Empfindungen (z.B. sich Drehen, Schweben oder Fliegen) zu der meist nur kurze Zeit andauernden OBE bei (Braithwaite & Dent, 2011).

2.4 Zwischenzusammenfassung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Phänomenologie autoskopischer Phänomene. Die erlebte Position und Haltung des physischen Körpers sind mittels durchgezogener Liniera, die Position und Haltung des autoskopischen (AH, HAS) bzw. entkörperlichten Körpers (OBE) mittels gestrichelter Linien gekennzeichnet. Die Pfeile kennzeichnen die Blickrichtung der visuell-räumlichen Perspektive; bearbeitet nach Blanke et al. (2004)

Ini Rahmen der autoskopisehen Halluzination empfindet die Person ihr Ich als innerhalb des Körpers und sieht aus ihrer gewohnten körper­internen Perspektive lediglich ein Spiegelbild im extrakorporalen Raum (Mohr & Blanke, 2005). Während die Heautoskopie bisweilen mit wech­selnder Perspektive einher geht, erscheint das Ich bei der OBE nicht verdoppelt, sondern von dem eigenen Körper getrennt zu sein, und die Welt ständig von einem extrakorporalen Ort aus zu betrachten (Brugger, 2002). Trotz der engen Verwandschaft zwischen OBE und Heautosko­pie (Blanke et ah, 2004; Brugger et ah, 1997) berichten Betroffene nie, ein Double, sondern ihren eigenen Körper gesehen zu haben (Blackmo­re, 1982; Brugger et ah, 1997). Weil die OBE typischerweise als äußerst real erlebt wird (Braithwaite, Samson, Apperly, Broglia & Hullernan, 2011), erlaubt die überzeugende Illusion der Trennung vorn eigenen Körper eine Distanzierung von jeglicher Bedrohung, während die räumlich unklare Lokali­sation des Ichs in der Heautoskopie oft beängstigend wirkt (Brugger, 2003).

» Autoskopische Halluzination, Heautoskopie und OBE bilden somit eine Steigerungs­reihe redupli kati ven Erlebens von der visuellen Halluzination mit klar körperzentrierter Perspektive über die multimodale, visuell-somaesthetische Verdoppelung mit unsicherer Lokalisation des Ichs bis hin zürn Gefühl der vollständigen Dissoziation vom eigenen Körper« (Brugger, 2003, S. 294).

3 Geschichte der OBE

Der OBE entsprechende Phänomene sind über die vers chi eden en Kulturkreise hinweg bekannt (Met­zinger. 2005: Sheils. 1978). Sie sind häufig mit Vorstellungen über den Tod. Seelenwanderung und Wiedergeburt verbunden (Occhionero & Cicogna, in press). Ursprünglich stammt der Begriff »Out- of-Bodv Experience« aus der Parapsychologie, der den älteren, im Okkultismus verwendeten Begriff der »Astralprojektion« (Muldoon & Carrington. 1929) ersetzte (Brugger et ah. 1997). Nach para­normaler Ansicht trennt sich bei einer OBE der feinstoffliche, ätherische von dem materiellen Körper (Monroe. 1971). Dieser Vorgang soll durch Übung auch willentlich verursachbar sein (Bruce & Lind- gren. 1999). Meistens kommen dafür kontemplative Techniken zum Einsatz, bei denen entspannt auf dem Rücken hegend der Übergang vom Wachsein zum Schlaf abgewartet wird (Bruce & Mercer. 2004). Zwar mag in der Alltagspsychologie die Trennbarkeit von Körper und Geist verbreitet sein, so ist doch eine »Aussendung des Astralkörpers« (Muldoon & Carrington. 1929) oder eine »Seelen­wanderung« (Fischer. 1975) als Interpretation für das Phänomen schwer mit einer wissenschaftlichen Herangehensweise an Körper und Geist vereinbar.

In der Mitte des 20. .Jahrhunderts schlug der österreichische Psychiater Menninger-Lerchenthal (1935. 1954) eine Brücke zwischen para- und neuropsvchologischen Berichten der OBE. Er beton­te insbesondere die Ähnlichkeit der OBE mit Pliant orligliedern bei Läsionen des periphären und zentralen Nervensystems (Menninger-Lerchenthal. 1954. 1961). In der Folgezeit wurden OBEs mit einer Reihe sowohl psychiatrischer Störungen wie Schizophrenie und Dissoziationen als auch neu­rologischen Störungen wie Migräne. Infektionen. Infarkten. Tumoren und vor allein Epilepsie in Verbindung gebracht (Lopez. Heydrich. Seeck & Blanke. 2010: Blanke & Castillo. 2007).

Bis vor wenigen .Jahren existierten trotz öffentlichen Interesses nur wenige wissenschaftliche Un­tersuchungen zu OBEs. vermutlich weil sie im Allgemeinen spontan auftreten. von kurzer Dauer sind und im Verlaufe eines Lebens nur ein- oder zweimal Vorkommen (Blanke et ah. 2004). Obwohl außerkörperliche Erfahrungen intuitiv für einen Körper-Geist-Dualismus sprechen mögen, haben Forschungen der jüngeren Zeit einen glaubwürdigen, naturalistischen Interpretationsansatz bieten können.

4 Interpretation der OBE

In der Öffentlichkeit sind esoterische Erklärungen nach wie vor populär, zumal etwa 10% der gesun­den Bevölkerung über die Kulturkreise hinweg von außerkörperlichen Erfahrungen berichten (Black­more. 1982).

[...]

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Details

Titel
Die Out-of-Body Experience
Untertitel
Ein autoskopisches Phänomen
Hochschule
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg  (Neuropsychologie)
Veranstaltung
Seminar Klinische Psychologie und Neuropsychologie II SS 2011
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V179697
ISBN (eBook)
9783656032816
ISBN (Buch)
9783656032960
Dateigröße
1210 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Note war zum Zeitpunkt des Uploads noch nicht bekannt.
Schlagworte
Astralprojektion, Autoskopie, Heautoskopie, Bewusstsein, Ich-Bewusstsein, Selbstbewusstsein, OBE, OoBE, Ketamin, Salvinorin A, DMT, Hirnforschung, Neurologie, Epilepsie, multimodale Integration, Out-of-Body-Experience
Arbeit zitieren
Christian Häusler (Autor), 2011, Die Out-of-Body Experience , München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179697

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