Wandel der politischen Identität im postsowjetischen Russland

Oder: Ob Russland zu Europa gehört?


Masterarbeit, 2011
102 Seiten, Note: 1,6

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung
1.1 Forschungsstand
1.2 Fragestellung und theoretischer Rahmen
1.3 Variablen und These
1.4 Methoden
1.5 Struktur der Masterarbeit

2. Das Konzept des Begriffes der politischen Identität in der Politikwissenschaft
2.1 Die Einschränkungen des Begriffes der politischen Identität
2.2 Vier Basisstrukturen der politischen Identität

3. Das Konstrukt der politischen Identität im postsowjetischen Russland
3.1 Die Vorstellung der politischen Gesellschaft
3.2 Die Markierung der Grenzen
3.3 Die Aktualisierung des Anderen
3.4 Die Interpretation der Vergangenheit

4. Historische Herkunft der Elementen der politischen Identität im postsowjetischen Russland
4.1 Zaristische Identitätselemente
4.2 Sowjetische Identitätselemente
4.3 Europäische Identitätselemente

5. Die Selbstwahrnehmung eigener politischen Identität im postsowjetischen Russland
5.1 Die Interviewergebnisse zum Russlandbezug
5.2 Die Interviewergebnisse zum Europabezug

6. Die Identitätselemente im postsowjetischen Russland und Europabezug des Landes
6.1 Die Entwicklung des Verhältnisses zu Europa im postsowjetischen Russland
6.2 Die Kompatibilität der Identitätselemente im postsowjetischen Russland mit den europäischen Grundwerten

7. Schlussfolgerung

Liste der Anhänge

Anhang 1: Fragenkatalog (deutsch)

Anhang 2: Interview mit Nikolaï Baslyk (russisch/deutsch)

Anhang 3: Interview mit Il’ja Jakovlev (russisch/deutsch)

Anhang 4: Interview mit Ljudmila Kononova (russisch/deutsch)

Anhang 5: Interview mit Irina Savrasova (russisch/deutsch)

Anhang 6: Interview mit Viktor Baškatov (russisch/deutsch)

Anhang 7: Interview mit Nurija Fatyhova (russisch/deutsch)

Anhang 8: Interview mit Irina Golovanova (russisch/deutsch)

Anhang 9: Interview mit Sergeï Fominyh (russisch/deutsch)

Anhang 10: Interview mit Dina Čubukova (russisch/deutsch)

Anhang 11: Interview mit Ksenija Korelova (russisch/deutsch)

1. Einleitung

Die Frage nach dem russischen Weg gehört seit Jahrhunderten zu den ewigen Fragen Russlands. Der russische Philosoph und Publizist Pёtr Čaadaev griff in seinem „Philosophischen Brief“ 1836 diese Frage auf und entfachte mit seiner Antwort unter den russischen Intellektuellen heftige Diskussionen. Er schrieb: „Wir (Russen – Anmerkung der Verfasserin) gehören weder zum Westen noch zum Osten. Wir sind ein einzigartiges Volk“[1]. In der Auseinandersetzung mit dem Artikel kristallisierten sich damals zwei Positionen heraus: Die Westler meinten, dass Russland zu Europa gehört. Die Slawophilen sahen Russland als Zentrum der slawischen Welt. Das Land besitze eine besondere Zivilisation, die mit der europäischen Zivilisation nichts Gemeinsames habe. Genau diese Fragen, wohin Russland zivilisatorisch gehöre und welche politische Identität das Land habe, sind bis heute aktuell.

Für Russland wäre es sicher vorteilhaft, wirtschaftlich und politisch zur europäischen Zivilisation zu gehören. Am Anfang seiner Präsidentschaft hat Dmitriї Medvedev die Weiterentwicklung der Marktwirtschaft, die Bekämpfung der Korruption und die Unterstützung der Zivilgesellschaft unter dem Begriff Modernisierung Russlands zusammengefasst und als Ziel seiner Politik postuliert. Die Erreichung des Ziels würde Russland europäischer machen. Dabei geht es nicht um die Mitgliedschaft in der Europäischen Union (EU), sondern um die Entwicklung Russlands bis auf das Niveau der europäischen Staaten. Auch die früheren Präsidenten des Landes, Boris El’cin und Vladimir Putin, verfolgten dieses Ziel, ohne es vollständig zu realisieren. Zwar gehört Russland seit 1996 zum internationalen Forum G8, was sich als inoffizielle Aufnahme in die europäische (oder westliche) Staatengemeinschaft interpretieren lässt. Trotzdem wird das Forum von den Europäern immer noch als G7 + 1 bezeichnet, was einen Zweifel an der zivilisatorischen Zugehörigkeit Russlands zu Europa hinterlässt. Russland wird von den europäischen Staaten nicht als Partner auf Augenhöhe behandelt, so die Wahrnehmung der russischen Regierung und der Russländer insgesamt.

In Russland herrscht ebenso ein ambivalentes Verhältnis zu Europa. Einerseits gilt alles Europäische als komfortabel, hochqualitativ und erstrebenswert. Andererseits wird Europa als Gegner wahrgenommen. Europa wolle Russland seine Spielregel aufdrängen und sich in die inneren Angelegenheiten des Landes einmischen. Mit diesen Worten reagieren russländische Politiker, wenn sie auf die Demokratiedefizite in Russland von den Europäern hingewiesen werden. Die Ursache dieses Spannungsverhältnisses liegt im Wandel der politischen Identität in Russland.

1.1 Forschungsstand

Die Fragen nach dem Ausbau und der Form der neuen Beziehungen zwischen Russland und dem Westen wird von vielen russländischen, europäischen sowie US-amerikanischen Politik- und Sozialwissenschaftlern thematisiert. In der wissenschaftlichen Literatur lässt sich ein großes Spektrum der Meinungen feststellen: Die westlichen Politikwissenschaftler betrachten das Thema der russländisch-europäischen Beziehungen unter dem Aspekt der Demokratisierung und Europäisierung Russlands. Die russländischen Forscher beschäftigen sich mit dem sogenannten russländischen Weg, der nicht unbedingt in Richtung Europa verlaufen muss. Zu den russländischen Politikwissenschaftlern zählen unter anderem Ivan Timofeev[2], Michail Gorškov[3], Lev Gudkov[4], Vladimir Magun[5], Boris Dubin[6], Oksana Bočarova und Natal’ja Kim[7]. Sie betrachten die Beziehung zwischen Russland und Europa zwar unter verschiedenen Blickwinkeln, können aber zu einer Gruppe zusammengefasst werden, weil sie den Schwerpunkt auf die Identitätsfindung Russlands und die Suche nach dem russländischen Weg setzen.

Zu einer anderen Gruppe gehören die Politikwissenschaftler und Historiker aus Russland, die von der Annahme ausgehen, dass Russland ein europäisches Land werden sollte, es bisher noch nicht gelungen ist. In ihren Arbeiten geht es um die Frage, warum es Russland nicht gelingt, ein Teil der europäischen Staatengemeinschaft zu werden. Die Historikerin Lilija Ševcova untersucht in ihrer Monografie „Einsame Macht“[8] die Geschichte der Beziehungen zwischen Russland und Europa nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und erklärt die Schwierigkeiten und Missverständnisse dieser Beziehungen historisch. Auch der Direktor des Carnegie Center Moscow, Dmitriї Trenin, sucht in seinem Buch „Integration und Identität. Russland als der „neue Westen““[9] nach einer historischen Erklärung, warum es Russland so schwer gelingt, ein Teil Europas zu werden. Nach seiner Auffassung sollte Russland versuchen, sich in die Gemeinschaft europäischer Staaten zu integrieren, um von Europa als ein gleichwertiger Partner wahrgenommen zu werden. Beide Wissenschaftler sind der Meinung, dass Russland ein europäischer Staat ist und auch das zivilisatorische Bekenntnis Russlands zu Europa günstig für das Land wäre. Doch eine Reihe von politischen Ereignissen, wie der Zerfall Jugoslawiens oder Konflikt um das Kosovo verursachen Schwierigkeiten in den Russland-EU-Beziehungen und verhindern eine zivilisatorische Zugehörigkeit Russlands zu Europa.

Unter den westlichen Forschern ruft das Thema der europäischen Zugehörigkeit Russlands und der postsowjetischen Identitätsbildung ein großes Interesse hervor. Unter den deutschen Autoren, die den Europabezug Russlands und die deutsch-russländischen Beziehungen untersucht haben, müssen Renate Köcher[10], Roland Götz[11] und Jutta Scherrer[12] genannt werden. Sie sehen in Russland einen strategischen Partner. Sie plädieren für den Ausbau und die Erweiterung der kulturellen und wirtschaftlichen Verbindungen zwischen den beiden Ländern und auch zwischen Russland und Europa generell. Die Autoren unterstreichen, dass die Bildung der politischen Identität im postsowjetischen Russland ein wichtiger Faktor ist, der sich nachhaltig auf die russländisch-europäischen Beziehungen auswirkt.

Der grundsätzliche Unterschied zwischen den russländischen und europäischen Autoren, die das Thema politische Identitätsbildung und Europabezug Russlands erforschen, ist folgender: Die Europäer gehen davon aus, dass Russland kulturell und zivilisatorisch ein Teil Europas ist. Die Russländer versuchen jedoch den zivilisatorischen Bezugspunkt des Landes erst herauszufinden. Die deutschen Politikwissenschaftler sind der Meinung, dass Russland zwar zu Europa gehört, aber noch nicht alle Voraussetzungen erfüllt, um in der europäischen Staatengemeinschaft als gleichberechtigter Partner respektiert zu werden. Die russländischen Forscher konzentrieren sich auf grundsätzliche Fragen, ob in der russländischen Gesellschaft der Wunsch besteht, einen gemeinsamen Weg mit Europa zu gehen, oder ob Russland seinen eigenen Weg gehen sollte. So ist der Ausgangspunkt der russländischen und europäischen Forscher recht unterschiedlich. Daraus ergeben sich zahlreiche Missverständnisse. Aber sowohl unter den russländischen als auch unter den europäischen Forschern besteht Konsens darüber, dass es langjährige kulturelle und politische Verbindungen zwischen Russland und Europa gibt. Es sollte ein konkretes Schema ausgearbeitet werden, um diese Beziehungen zu verbessern und auszubauen.

1.2 Fragestellung und theoretischer Rahmen

Die Fragestellung dieser Masterarbeit lautet: Wie wirkt sich der Wandel der politischen Identität im postsowjetischen Russland auf den Europabezug des Landes aus? Diese Frage erscheint sowohl für Russland als auch für Europa gesellschaftspolitisch relevant. Die politische Identität prägt sowohl die politischen als auch die wirtschaftlichen Beziehungen, weil sie eine gemeinsame Basis der Verständigung schafft. Für Russland ist es wichtig, sich mit der Frage der eigenen Zugehörigkeit auseinanderzusetzen, um sich in der globalisierten Welt zu verorten. Für Europa ist die politische Identität in Russland relevant, weil sie den Schlüssel zur Verständigung mit Russland liefert. Europäer sind oft der Meinung, dass es kompliziert ist, Russland und seine Gesellschaft zu verstehen. Der Schlüssel zum Verständnis eines Volkes liegt in der Auseinandersetzung mit seiner politischen Identität und zivilisatorischen Zugehörigkeit. Im Fall Russlands ist die Identitätsbildung noch nicht abgeschlossen, was die gegenseitige Verständigung zusätzlich erschwert.

Wissenschaftlich ist das Thema ohnehin relevant, sonst würde es die Wissenschaftskreise nicht Jahrhunderte lang beschäftigen. Russland ist ein Land, das eine sehr lange Geschichte hat und verschiedene politische Transformationen erlebte. Geografisch gesehen, liegt Russland in Eurasien. In den Bereichen Politik, Wirtschaft und Kultur waren die Beziehungen Russlands mit Europa jedoch stets stärker ausgeprägt als mit Asien. Trotzdem zweifeln die Russländer daran, ob sie zivilisatorisch zu Europa gehören.

Den theoretischen Rahmen für die Untersuchung liefert die politikwissenschaftliche Theorie des strukturellen Konstruktivismus nach dem US-amerikanischen Politikwissenschaftler Alexander Wendt[13]. Politische Identität ist ein sozial konstruiertes Phänomen. Diese Grundannahme seiner Theorie ist für die Untersuchung forschungsleitend. Soziale Strukturen und Akteure konstituieren sich gegenseitig, indem sie soziale Identität vermitteln; nicht nur Strukturen, sondern auch Prozesse beeinflussen das Handeln von Staaten; die materielle Welt kann nur durch soziale Konstruktion vermittelt wahrgenommen werden; nicht nur die Welt, sondern auch das Wissen über die Welt wird sozial konstruiert. Die Theorie des strukturellen Konstruktivismus kann recht plausibel erklären, wie die Identität einer politischen Gesellschaft das Handeln des Staates leitet.

In dieser Untersuchung wird versucht, das Phänomen der zunehmenden Schwierigkeiten und Missverständnisse in den Russland-EU-Beziehungen nicht allein durch die konkrete Realpolitik, sondern durch das soziale Konstruktion der politischen Identität zu erklären. Damit wird der Analyse ein konstruktivistischer Ansatz zugrunde gelegt.

1.3 Variablen und These

Aus der Fragestellung ergibt sich das x-zentrierte Forschungsdesign. Das Forschungsinteresse besteht darin, die Auswirkung der unabhängigen x-Variable „Wandel der politischen Identität“ auf die abhängige y-Variable „Europabezug Russlands“ festzustellen und zu beschrieben. Die These der Untersuchung lautet: Im postsowjetischen Russland wird die politische Identität durch die Abgrenzung zu Europa nach dem Prinzip der Gegensätzlichkeit konstruiert. Europa ist für die Russländer das Gegenbild, das dazu benutzt wird, um sich mit der eigenen politischen Identität auseinanderzusetzen. Die Konstruktion der Gegensätzlichkeit verhindert die zivilisatorische Zugehörigkeit Russlands zu Europa. Die These soll im Rahmen der Untersuchung getestet werden. Die Elemente der politischen Identität Russlands, welche die zivilisatorische Zugehörigkeit Russlands zu Europa verhindern, müssen identifiziert werden. Aus diesen Ergebnisse wird am Ende der Masterarbeit eine Hypothese formuliert.

In dieser Untersuchung wird zwischen zwei Begriffen im politischen Sprachgebrauch unterschieden: Russländer und Russe. Das Wort „Russländer“ ist ein Neologismus in der deutschen Sprache, das von noch sehr wenigen deutschen Russlandexperten richtig benutzt wird. In der russischen Sprache gibt es den Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen seit der 90er-Jahre, als der erste Präsident Russlands Boris El’cin die Bezeichnung Russländer für einen Bürger Russlands eingeführt hat. Um manche Aspekte dieser Untersuchung richtig zu vermittelt, ist es wichtig, zwischen den beiden Begriffen Russländer und Russe zu unterscheiden. Mit dem Begriff Russländer ist ein Bürger Russlands gemeint und mit dem Wort Russe ein Mensch, der ethnisch der Volksgruppe der Russen angehört. Genau so gilt dies für den Ausdruck Russländische Föderation. In der russischen Sprache gibt es keine „Russische Föderation“. Eine solche Bezeichnung ist im Vielvölkerstaat Russland undenkbar. Der richtige Begriff ist: Russländische Föderation. Die Bürger des Staates sind folglich Russländer. Beide Begriffe, Russländer und Russländische Föderation, sollen die Vielzahl von Ethnien des Landes unter ein staatsbürgerliches Dach vereinen. Laut Verfassung dürfen die beiden Begriffe, Russländische Föderation und Russland, im Sprachgebrauch aber synonym benutzt werden.

Der Begriff Europa beschränkt sich in der Untersuchung meistens auf die EU-Mitgliedstaaten und die Unterzeichner des Schengener Abkommens. Die Frage nach einer möglichen Zugehörigkeit Russlands zu Europa, die für diese Untersuchung relevant ist, zeugt von einer generellen Bereitschaft die Grenzen Europa erheblich auszudehnen. Doch wenn die europäische Normen, Werte, Traditionen, Gesetzte und der Begriff Europa selbst in der Arbeit erwähnt werden, dann ist die EU der Bezugspunkt.

1.4 Methoden

Die Auswirkung der politischen Identität im postsowjetischen Russland auf den Europabezug des Landes wird in der Masterarbeit in drei Schritten untersucht. Erst wird der Begriff der politischen Identität im Rahmen einer deskriptiven Literaturanalyse konzeptioniert und die konkreten Elemente der politischen Identität im postsowjetischen Russland werden aus der Literatur abgeleitet. Danach wird mit einer empirischen Analyse getestet, ob sich diese Elemente bei der jungen Generation der Russländer wiederfinden lassen. Zuletzt werden die Identitätselemente nach ihrer historischen Herkunft aufgeteilt und mit den europäischen Grundwerten nach dem Prinzip der Kompatibilität verglichen. Das Gesamtergebnis wird am Ende tabellarisch dargestellt.

Die Untersuchung der politischen Identität im postsowjetischen Russland wird mit zwei Methoden durchgeführt: Einzelfallstudie und narratives Interview. Die Methode Einzelfallstudie eignet sich für die Untersuchung des Identitätswandels im postsowjetischen Russland besonders gut, weil man so auf verschiedene Aspekte dieser vielschichtigen Erscheinung eingehen kann. Mit dieser Methode werden die wesentlichen Elemente der von der Regierung Russlands konstruierten politischen Identität untersucht. Die wissenschaftliche Grundlage zur Anwendung diese Methode liefert die Arbeit von John Gerring.[14] Politische Identität ist ein schwer fassbarer und länderspezifischer Begriff. Die Methode der Einzelfallstudie erlaubt es, die Untersuchung kulturspezifisch zu gestalten.

Die aus der Literatur abgeleiteten Elemente der politischen Identität werden auf drei Gruppen nach dem Herkunftsprinzip aufgeteilt: sowjetische, zaristische und europäische Elemente. Danach werden dieselben Elemente der politischen Identität nach dem Prinzip der Kompatibilität mit den europäischen Grundwerten aufgeteilt in kompatible, nichtkompatible und konfrontierende Elemente. Der Zusammenhang dieser Gruppen wird analysiert. Untersucht wird, welche Elemente (zaristisch, sowjetisch, europäisch) die politischen Identität im postsowjetischen Russland dominieren. Dafür werden alle Gruppen in eine gemeinsame Tabelle eingetragen.

Elemente der politischen Identität im postsowjetischen Russland nach ihrer Kompatibilität mit den europäischen Grundwerten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die zweite Methode ist das narrative Interview nach Fritz Schütze.[15] Mit dieser Methode wird die Selbstwahrnehmung der eigenen Identität der Russländer untersucht. Das narrative Interview ist eine offene Interviewform, bei der es sich um die Erzählungen persönlich erlebter Erfahrungen aus dem Stegreif handelt und unter weitgehender Zurücknahme des Forschereinflusses. Für die Interviews werden offene Grundfragen formuliert, die den Interviewpartner dazu motivieren sollen, über seine politische Identität selbstreflektierend zu erzählen. Im Vorfeld wird ein Fragenkatalog erstellt, der die wichtigsten Themen der Interviews umfasst. Jedoch werden nicht alle diese Fragen jedem Interviewpartner der Reihe nach gestellt, weil es die narrative Form des Interviews zerstören würde. Es soll trotzdem versucht werden, die Antworten auf diese Fragen im Rahmen einer offenen Interviewunterhaltung zu bekommen, um die Vergleichbarkeit der Interviews zu erreichen.

Die Haupterzählung des Interviewpartners wird durch das narrative Nachfragen erweitert und vertieft. Die Art der Nachfragen ist nicht vorbestimmt, sondern hängt davon ab, was der Interviewpartner schon berichtete.

Diese Methode ist für die Untersuchung der Selbstwahrnehmung der eigener Identität besonders passend, weil sie es erlaubt, über die eigene Identität vielschichtig zu berichten. In dieser Form werden zehn junge Russländer interviewt. Dabei wird geprüft, ob die wesentlichen Elemente der von der Regierung Russlands konstruierten Identität auf Zustimmung oder Ablehnung der Interviewpartner stoßen. Es wird analysiert, wie die vom Staat konstruierte politische Identität im postsowjetischen Russland von den Russländern wahrgenommen wird. Damit lässt sich die Größe der Diskrepanz zwischen der russländischen Gesellschaft und Politik feststellen.

Die Interviewpartner werden nach folgenden Kriterien ausgesucht:

- Bildungsniveau (Akademikerinnen und Akademiker);
- Alter (zwischen 18 und 30 Jahre; die Interviewpartner sollen im postsowjetischen Russland sozialisiert sein);
- Wohnort (aus verschiedenen Regionen Russlands);
- Europaerfahrung (aber keine Migranten mit der Staatsbürgerschaft eines EU-Mitgliedstaates).

Die Interviews werden auf Russisch geführt, weil es die Muttersprache der Interviewpartner ist, die für eine passende Atmosphäre des Interviews von großer Bedeutung ist. Die Interviews werden transkribiert und vollständig ins Deutsche übersetzt. Im Anhang zur Masterarbeit sind die Skripte und die Übersetzungen der Interviews beigefügt. Die Auswertung des gesammelten Materials erfolgt nach dem folgenden Schema von Stefan Moises[16].

Die sechs Schritte der Auswertung des Interviewmaterials

Schritt 1 : Beim ersten Durchlesen werden alle Textstellen markiert, die spontan ersichtliche Antworten auf die entsprechenden Fragen des Leitfadens sind. Hier werden vor allem objektive Fakten und eventuell auch besonders ausgeprägte Verarbeitungsformen und -strategien registriert.

Schritt 2 : Beim zweiten Durchlesen wird der Text in das bestehende, im Vorfeld erstellte Kategorienschema eingeordnet, wobei dieses zugleich erweitert wird. Das Interview wird also zerlegt, Einzelinformationen werden extrahiert.

Schritt 3 : Zwischen den Einzelinformationen wird wieder eine Logik hergestellt, besonders prägnante Passagen der subjektiven Verarbeitung sollen identifiziert werden. Informationen werden miteinander verglichen, bedeutungsgleiche ebenso wie sich widersprechende.

Schritt 4 : Formulierung eines Textes, der den Prozess der Verarbeitungslogik darstellt. Abschluss der inhaltlichen, interpretativen Auswertung.

Schritt 5 : Erstellung der Auswertung mit Text und Interviewausschnitten sowie letzter Vergleich mit der gesamten Transkription.

Schritt 6 : Darstellung der Auswertung.

1.5 Struktur der Masterarbeit

Der im Rahmen der Auswertung entstandene Text wird im fünften Kapitel dieser Masterarbeit präsentiert.

Die Masterarbeit besteht aus sechs Kapiteln. Nach diesem ersten Kapitel, das die Einleitung in die Arbeit beinhaltet, folgt das Kapitel zwei: Das Konzept des Begriffes politische Identität in der Politikwissenschaft. In diesem Kapitel wird das Konzept des zentralen Begriffes dieser Untersuchung dargestellt. Dabei wird politische Identität politikwissenschaftlich definiert und seine einzelnen Basisstrukturen werden beschrieben. Das Kapitel zwei liefert die theoretische Grundlage für die ganze Arbeit.

Im darauf folgenden Kapitel drei werden die Basisstrukturen der politischen Identität anhand des Konzept aus dem zweiten Kapitel mit den konkreten Identitätselementen der russländischen Gesellschaft untersucht. Die vier Basisstrukturen der politischen Identität werden im Fall Russland mit den einzelnen Identitätselementen gefüllt. In diesem Kapitel wird analysiert, wie die politische Identität im postsowjetischen Russland konstruiert wird.

Das nächste Kapitel vier konzentriert sich auf die historische und kulturelle Herkunft der Identitätselemente im postsowjetischen Russland. Die im vorigen Kapitel drei herausgefundenen Elemente werden nach dem Herkunftsprinzip in die Gruppen zaristische, sowjetische und europäische Elemente eingeteilt. Die Zusammensetzung jeder Gruppe wird analysiert.

Im nächsten Kapitel fünf wird die Auswertung der Interviews mit den Russländern dargestellt. Hier wird die politische Identität Russlands mit der Selbstwahrnehmung der Russländer verglichen. Dabei wird untersucht, ob sie der konstruierten politischen Identität Russlands entspricht oder widerspricht und in welchen Bereichen die Widersprüche liegen.

Im letzten Kapitel sechs werden die Elemente der politischen Identität im postsowjetischen Russland nach dem Prinzip der Kompatibilität mit den europäischen Grundwerten untersucht. In der Schlussfolgerung werden die wichtigsten Ergebnisse der Untersuchung zusammengefasst.

2. Das Konzept des Begriffes der politischen Identität in der Politikwissenschaft

In der Politikwissenschaft gibt es mehrere Konzepte des Begriffes der politischen Identität, die sich teilweise ergänzen oder miteinander konkurrieren. Als Basis für diese Untersuchung wurde der Begriff der politischen Identität des russländischen Politikwissenschaftlers Ivan Timofeev benutzt.[17] In seiner Monografie wird der abstrakte Begriff konkretisiert und präzise beschrieben. Für diese Untersuchung erscheint sein Begriff der politischen Identität passend, weil er auf die russländische Realität abgestimmt ist.

Ivan Timofeev definiert den Begriff der politischen Identität sehr genau. Vorab empfiehlt er, dem Begriff konkrete Einschränkungen zu geben. Danach entwirft er vier Basisstrukturen der politischen Identität. Sie sind: Vorstellung von der politischen Gesellschaft, Markierung der Grenzen, Aktualisierung des Anderen und Interpretation der Vergangenheit. Diese Basisstrukturen werden in dieser Untersuchung mit empirischem Inhalt gefüllt.

2.1 Die Einschränkungen des Begriffes der politischen Identität

Der Begriff der politischen Identität hat eine breite Interpretationsspanne. Um den Begriff besser verorten zu können, definiert Timofeev ihn mit folgenden Einschränkungen: Erstens muss zwischen der kollektiven und individuellen Identität unterschieden werden. In dieser Arbeit wird die kollektive Identität untersucht. Zweitens ist es die Identität eines Staates und keine regionale oder überregionale Identität. Drittens steht im Mittelpunkt die politische und keine nationale Identität.

Unter politischer Identität wird in dieser Untersuchung in erster Linie die kollektive Identität gemeint. In der Arbeit wird die politische Identität eines ganzen Volkes untersucht. Sie besteht aus Faktoren, die eine Gesellschaft vereinen, unabhängig von der individuellen Erfahrung jedes einzelnen Mitgliedes dieser Gesellschaft. Jedoch ist die individuelle Erfahrung jedes Mitgliedes der Gesellschaft für das Gesamtkonstrukt der kollektiven Identität wichtig. Die individuelle Identität eines Mitgliedes der Gesellschaft kann sich von der kollektiven Identität derselben Gesellschaft durchaus unterscheiden. Timofeevs Definition lautet: „Die politische Identität, als eine kollektive Identität, ist ein politisches Projekt, eine politische Selbstbestimmung des kollektiven Ichs, die verschiedene Individuen zu einer politischen Gesellschaft macht, die durch gemeinsame Projekte, Ziele und Werte vereint wird“.[18] Der zentrale Begriff ist hier „ein politisches Projekt“. Das heißt, die kollektive politische Identität einer Gesellschaft wird im Rahmen eines Projektes konstruiert. An diesem Prozess sind viele Akteure beteiligt: Politiker, Massenmedien, Kirchen, Schulen und letztendlich der Staat. Aber nicht alle Elemente dieses Konstrukts kommen erfolgreich beim Volk an und werden in die individuelle Identität übernommen.

Politische Identität wird zweitens als Identität eines Staates gesehen. In der Epoche der Globalisierung wird der Begriff „Identität“ oft als regionale oder überregionale Identität betrachtet. Für den Fall Russland ist aber die traditionelle Form der politischen Identität eines Staates gemeint, weil sich das Land in keinem Bündnis befindet, in dem die überregionale Identität eine Rolle spielt. Russlands Herausforderung besteht gerade darin, die alte überregionale Identität der Sowjetunion und die regionalen Identitäten der einzelnen Regionen Russlands zu überwinden, um eine politische Identität eines Staates der Russländer aufzubauen. Das ist keine leichte Aufgabe. Russland ist ein Vielvölkerstaat, in dem Vertreter über 100 Ethnien leben. In Russland haben 21 Regionen den Status einer Republik mit eigener Sprache, Religion, Kultur und auch eigenen politischen Strukturen. Deswegen kann Russland keine ethnische Identität aufgebaut werden, sondern nur die Identität einer Staatsnation. Diese Besonderheit Russlands muss bei der Untersuchung berücksichtigt werden.

Drittens gibt es einen Unterschied zwischen den Begriffen „politische Identität“ und „nationale Identität“. Diese zwei Begriffe sind sehr eng miteinander verbunden und werden oft synonym gebraucht. Die Gleichsetzung ist allerdings nicht richtig. Als Grundlage der nationalen Identität gilt eine gemeinsame Kultur, Sprache und ethnische Zugehörigkeit. Bei der politischen Identität spielen politische Merkmale eine größere Rolle als kulturelle. Politische Identität ist breiter und geht über die Rahmen der ethnischen oder kulturellen Gemeinschaft hinaus. Die staatsbürgerliche Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft ist für die politische Identität entscheidend. In dieser Arbeit wird die politische Identität untersucht, weil sie breiter gefasst werden kann und dadurch besser für die russländischen Verhältnisse passt. Für den Fall Russland ist es schwierig von der nationalen Identität zu sprechen, weil das Land ein Vielvölkerstaat mit einer multiethnischen Struktur ist. Deswegen wird an dieser Stelle mit dem Begriff „politische Identität“ gearbeitet.[19]

Damit sind die wichtigen Einschränkungen für den Begriff der politischen Identität gemacht, die der Untersuchung als Rahmen dienen. Den Kern des Untersuchungskonzepts bilden vier Basisstrukturen der politischen Identität: die Vorstellung von der politischen Gesellschaft, die Markierung der Grenzen, die Aktualisierung des Anderen und die Interpretation der Vergangenheit.

2.2 Vier Basisstrukturen der politischen Identität

Nachdem dem Begriff der politische Identität jetzt einen konkreten Rahmen innerhalb des Untersuchungskonzepts hat, ist er handhabbar. Für die tiefere Operationalisierung sollen nun die Basisstrukturen des Begriffes der politischen Identität beschrieben werden. Danach wird jede einzelne Basisstruktur anhand des empirischen Datenmaterials zur politischen Identität der Russländer analysiert. Die Operationalisierung des Begriffes der politischen Identität ist aus der Publikation von Ivan Timofeev abgeleitet. Laut Ivan Timofeev besteht politische Identität einer Gesellschaft aus vier zentralen Strukturen: die Vorstellung von der politischen Gesellschaft, die Markierung der Grenzen, die Aktualisierung des Anderen und die Interpretation der Vergangenheit.[20]

Die Vorstellung von der politischen Gesellschaft

Das erste Element ist die Vorstellung von der politischen Gesellschaft. Sie wird aus den zentralen politischen Werten, Ideen und Prinzipien einer Gesellschaft konstruiert, welche die Basis eines Staates bilden. Dazu gehört ein ganzer Komplex von Vorstellungen über den eigenen Staat, aus dem die Selbstbestimmung eines kollektiven Ichs einer Gesellschaft hervorgeht. Ivan Timofeev führt die US-amerikanische Gesellschaft als ein Beispiel dafür an: „Die USA als politische Gesellschaft wird durch eine besondere Interpretation der liberalen Werte wie Freiheit, Individualismus und Rechtsstaatlichkeit definiert, die eine geistige Basis des Amerikanismus schaffen und als Kriterium der Selbstbestimmung der US-amerikanischen Staatlichkeit gelten.“[21]

Die Gesellschaft eines modernen Staates hat eine komplexe Struktur. Sie kann nicht nur durch die eigene Zugehörigkeit zu einem Staat zusammengehalten werden. Dafür werden sozial konstruierte Vorstellungen benötigt, die das Gefühl der Zusammengehörigkeit einer Gesellschaft vermitteln können. Eine kollektive politische Identität wird durch die Vorstellung der eigenen Zugehörigkeit zu gewissen gemeinsamen politischen Prinzipien und Normen konstruiert. Diese Vorstellung der gemeinsamem Zugehörigkeit kann eine Gesellschaft zusammenhalten.

Der US-amerikanische Politikwissenschaftler Benedict Anderson schreibt in seinem Buch „Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism“, dass alle Gemeinschaften, die größer sind, als diejenigen, in denen Face-to-Face-Kontakt möglich ist, nur als vorgestellte Gemeinschaften existieren.[22] Die Mitglieder einer solchen großen Gemeinschaft kennen sich zwar persönlich nicht, aber sie haben eine Vorstellung über einander, die sie mit einander vereint. Die Vorstellung von der politischen Gesellschaft dient dazu, die Gesellschaft zu konsolidieren.

Die Vorstellung von der politischen Gesellschaft ist immer eine sozial konstruierte. Sie besteht aus politischen Prinzipien und Normen, auf deren diese Gesellschaft beruht. Möglicherweise werden manche dieser Prinzipien in der Wirklichkeit nicht umgesetzt. Die Hauptsache ist aber, dass sie in der kollektiven Vorstellung der Gesellschaft existieren.

Die modernen Gesellschaften haben ein Merkmal, das vom deutschen Soziologen Ulrich Beck als Reflexivität bezeichnet wird. Auf Grund dieser Reflexivität kann die Gesellschaft ihre Besonderheiten und Probleme begreifen und sich dadurch verändern.[23] Diese Besonderheit der modernen Gesellschaft ist durch die Verbreitung der Massenmedien entstanden. Berichte der Massenmedien geben der Gesellschaft den notwendigen Stoff für ihre Reflexion. So entstehen öffentliche Diskurse. Sie stiften und verbreiten die sozial konstruierten Vorstellungen über die eigene Gesellschaft.

Die Markierung der Grenzen

Die zweite Basisstruktur der politischen Identität ist Markierung der Grenzen. Mit dieser Basisstruktur werden einer politischen Gesellschaft konkrete Grenzen gesetzt. Trotz der Tatsache, dass im Mittelpunkt dieser Untersuchung ein Staat steht, ist es nicht selbstverständlich, dass die Grenzen der Identität entlang der Staatsgrenzen verlaufen. Die Grenzen der politischen Identität können sowohl breiter als auch enger markiert werden. Das hängt mit der Vorstellung von der politischen Gesellschaft zusammen.

Dabei handelt es sich nicht um die realen Grenzen eines Staates, sondern um die Vorstellung über diese Grenzen. Im Fall Russlands trifft diese Differenz zu, weil die vorgestellten Grenzen der modernen russländischen Gesellschaft breiter gefasst werden, als die tatsächlichen Staatsgrenzen Russlands sind. Der Grund dafür ist das verbliebene Großmachtdenken im heutigen Russland nach dem Zerfall der Sowjetunion.

Außerdem hängt die Markierung der Grenzen mit der Sicherheit zusammen. Wenn die Grenzen klar markiert sind, weiß man, was zu verteidigen ist. Das Thema der Verteidigung eigener Grenzen spiegelt sich oft in den Mythen und Erinnerungen einer Gesellschaft wieder.[24] Die Markierung der Grenzen ist mit der dritten Basisstruktur der politischen Identität – die Aktualisierung des Anderen – eng verbunden. Grenzen werden dazu gelegt, um sich von den Anderen zu unterscheiden. Die Existenz der konkreten Grenzen einer Gesellschaft und des Anderen stärkt das Wirgefühl in dieser Gesellschaft.

Die Aktualisierung des Anderen

Die Aktualisierung des Anderen ist die Kehrseite der Selbstbestimmung des kollektiven Ichs. Der US-amerikanischen Soziologen Lewis Coser meint dazu, dass ein Konflikt mit dem äußeren Opponenten (dem Anderen) sogar die innere Einigkeit einer Gesellschaft stärkt.[25] Die Markierung der Grenzen hilft dabei, den Anderen genau zu definieren.

Die politische Identität wird in dieser Basisstruktur durch die Gegenüberstellung „Ich – der Andere“ oder „Wir – die Fremden“ aufgebaut. Der Andere ist aber nicht automatisch ein Feind. Eine Gesellschaft braucht einen Antipode, um ihre eigene politische Identität mit Hilfe der Gegensätze zu konstruieren. Durch das Bild des Anderen kann die Selbstbestimmung des eigenen Ichs besser aufgebaut werden. Im Falle einer Staatsnation ist der Andere meistens ein anderer Staat oder es sind mehrere Staaten. Es können auch Bündnisse oder internationale Organisationen sein.

Durch das Bild des Anderen wird die Besonderheit und Eigenart des eigenen Staatsprojekts betont. Das Bild des Anderen entspricht nicht immer der Realität in diesem Staat (oder den Staaten). Es ist oft mythologisiert und abstrakt. Es dient aber dem einem Ziel – das Wirgefühl zu stärken und die Vorstellung über sich selbst durch die Ablehnung des Gegenteils auszuprägen. Der Andere ist das Gegenteil der eigenen Gesellschaft. Trotzdem sind die politischen oder wirtschaftlichen Beziehungen des eigenen Staates mit dem Staat, der den Anderen verkörpert, möglich. Meistens ist der Staat, in dem politische Identität eigener Gesellschaft konstruiert wird, mit dem Staat, der als der Andere wahrgenommen wird, historisch verbunden, wie die Beziehungen zwischen Russland und Europa zeigen werden.

Die Interpretation der Vergangenheit

Die vierte Basisstruktur der politischen Identität ist die Interpretation der Vergangenheit. Sie verdeutlicht, wie die Gesellschaft mit der Geschichte des eigenen Staates umgeht. Die politische Deutung der historischen Ereignisse macht aus der Geschichte ein Mittel der Identitätsbildung. Die historische Vergangenheit liefert eine Grundlage, mit der die Traditionen einer Gesellschaft konstruiert werden.

Die Geschichte des eigenen Staates wird in verschiedenen politischen Systemen auf unterschiedliche Weise interpretiert. Dieselben historischen Ereignisse lassen sich unterschiedlich darstellen. Sie werden von den Politikern gerne instrumentalisiert: manche werden betont, andere ignoriert. So entsteht eine Situation, in der eine Gesellschaft sich mit einigen historischen Ereignissen mehr identifiziert als mit anderen. Gewisse historische Ereignisse werden als irrelevant dargestellt und damit aus dem kollektiven Gedächtnis der Gesellschaft gelöscht.

Der Soziologe Ernest Gellner hat die These aufgestellt, dass die historische Vergangenheit von den Eliten einer Gesellschaft manipuliert wird, um die politische Identität in einer gewissen Form konstant zu halten oder sie zu verändern. Besonders aktuell ist das Verhalten in Krisenzeiten oder während Reformen, in denen Einigkeit der Gesellschaft besonders stark benötigt wird.[26] In verschiedenen Perioden der Geschichte eines Staates wird seine historische Vergangenheit mehrmals unterschiedlich interpretiert. Deswegen kann die Interpretation der Vergangenheit bei den Vertretern verschiedenen Generationen unterschiedlich sein[27].

In diesem Kapitel wurde der Begriff der politischen Identität operationalisiert. Die Gliederung der politischen Identität auf vier Basisstrukturen hilft dabei, bei sich in den weiteren Kapiteln auf die wesentlichen Bestandteile der Identität zu konzentrieren und sie der Reihe nach abzuarbeiten. Die Basisstrukturen werden nun mit konkreten Elementen der politischen Identität im postsowjetischen Russland aufgefüllt.

3. Das Konstrukt der politischen Identität im postsowjetischen Russland

Der Prozess der Identitätsbildung im postsowjetischen Russland ist noch nicht vollständig abgeschlossen. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurde die sowjetische Identität aufgegeben. Sie konnte nicht mehr ein Konstrukt sein, mit dem sich die russländische Gesellschaft identifiziert. Dabei war die politische Identität in der Sowjetunion ein intensiv und präzise ausgebautes Konstrukt und dadurch von starker Anziehungskraft für die Sowjetmenschen. Russland stand vor der Herausforderung, eine mindestens genau so starke und glaubwürdige politische Identität zu konstruieren, welche die neu entstandene russländische Gesellschaft zusammenhalten kann.

Mit demselben Prozess setzen sich auch die anderen postsowjetischen Länder auseinander. Die Identitätssuche in Russland hat aber eine ganze Reihe von spezifischen Besonderheiten, die das Land von den anderen ehemaligen Sowjetrepubliken unterscheiden. Die meisten postsowjetischen Staaten haben ihre neue Identität in der Ablehnung der alten sowjetischen Identität aufgebaut. Begründet wurde diese Ablehnung damit, dass die sowjetische Identität den Sowjetrepubliken vom Zentrum aufgezwungen wurde und nicht den Besonderheiten der Bevölkerung in diesen Ländern entsprach. Die sowjetische Identität war auf der Gegenüberstellung von Ost und West aufgebaut. Durch die Ablehnung dieser alten Identität haben diese Länder ihre Zugehörigkeit zum Westen und den Willen, in die westliche Gemeinschaft aufgenommen zu werden, gezeigt. Die EU und die USA wurden für sie zu einem Anziehungspunkt.

Russland konnte diesen Weg der Westorientierung nicht gehen, weil das Land als Rechtsnachfolger der Sowjetunion die sowjetische Identität nicht voll und ganz ablehnen konnte. Außerdem wollte die russländische politische Elite auch die frühere zaristische Vergangenheit nicht vergessen und ablehnen, sondern überarbeiten und darauf eine neue russländische Identität aufbauen. Damit hat Russland einen ganz anderen Weg gewählt als die anderen postsowjetischen Staaten.

Bevor die vier wesentlichen Elemente der politischen Identität Russlands analysiert werden, muss eine generelle Bemerkung gemacht werden: Die postsowjetische politische Identität wird in Russland in einer Krisenzeit aufgebaut. Der erste Baustein wird in den turbulenten 90er-Jahren gelegt, als sich das neue politische Regime im Lande noch nicht herauskristallisiert hat. Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion steckte Russland in der politischen, wirtschaftlichen und besonders kulturellen Krise. In dieser Umbruchphase sollte eine neue politische Identität konzipiert werden. Es ist festzustellen, dass die politische Identität im postsowjetischen Russland eine Krisenidentität ist. Das politische System der Sowjetunion hatte sein Modernisierungspotenzial Ende der 80er-Jahre erschöpft und ist deswegen zusammengebrochen. Russland wurde in den 90er-Jahren damit konfrontiert, dass die Institutionen des politischen Systems im Lande zum Teil modernisiert, zum Teil neu errichtet werden sollten und gleichzeitig wurde eine neue politische Identität aufgebaut. Die beiden Prozesse behinderten sich gegenseitig. Diese komplizierten Umstände der Identitätsbildung in Russland müssen bei der Untersuchung berücksichtigt werden.

3.1 Die Vorstellung von der politischen Gesellschaft

Die erste Basisstruktur der politischen Identität ist die Vorstellung von der politischen Gesellschaft. Sie besteht aus drei Identitätselementen: Staatsnation, Liberalismus und Marktwirtschaft. Alle drei Elemente wurden in Russland in den 90er-Jahren direkt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion implementiert. Die neue Marktwirtschaft sollte die sowjetische Planwirtschaft ablösen. Der Liberalismus löste das totalitäre Regime ab und die Idee der Staatsnation sollte die ethnischen Auseinandersetzungen im neu entstandenen Vielvölkerstaat Russland abmildern.

Die Staatsnation

Russland konnte bei der Identitätsbildung nicht auf die Akzentuierung der ethnischen Komponente setzen, wie es die meisten anderen postsowjetischen Staaten getan haben. Der Grund besteht darin, dass Russland ein Vielvölkerstaat mit einer komplizierten föderalen Struktur ist. Die Vorstellung von der politischen Gesellschaft sollte allen Volksgruppen des Landes gerecht werden und die Idee der Zugehörigkeit zu einer Staatsnation vermitteln. Dafür musste eine neue Grundlage geschaffen werden. Die ersten Schritte in diese Richtung unternahm der erste Präsident Russlands Boris El’cin.

Im Sommer 1991, nach dem Augustputsch in Moskau, ergriff El’cin die Macht. In seiner Präsidentschaft, die bis zum Jahr 2000 dauerte, legte er den Grundstein der neuen politischen Identität im postsowjetischen Russland. Er hat auch in der politischen Kommunikation die Wörter „Russländer“ und „Russländische Föderation“ eingeführt und konsequent durchgesetzt. Das Pluralwort „Russen“ und das Adjektiv „russisch“ wurden mehr und mehr aus dem politischen Sprachgebrauch in Russland verband. Das Wort „Russe“ bezeichnet jetzt nur die ethnische Herkunft eines Menschen und nicht die Zugehörigkeit zum russländischen Volk. Damit wurde eine klare Trennlinie zwischen der russischen Ethnie und dem russländischen Staatsvolk gezogen. Diese Trennung ist der Ausgangspunkt zum Aufbau einer Staatsnation in Russländischen Föderation.

Dieser Sprachgebrauch wurde auch nach El’cins Amtszeit in Russland beibehalten. In deutschen Medien, die über Russland berichten, ist von diesem Unterschied zwischen Ethnie und Staatsvolk fast nichts zu merken. Nur wenige deutsche Politikwissenschaftler und Linguisten benutzen in ihren Arbeiten oder Übersetzungen aus dem Russischen die richtigen Begriffe „Russländer“ und „Russländische Föderation“. Die meisten deutschen Politologen wie auch Journalisten bleiben bei den Begriffen „Russen“ und „Russische Föderation“, die eigentlich falsch sind. In dieser Arbeit wird zwischen der Ethnie Russen und dem Staatsvolk Russländer unterscheiden. Für den Staat „Russländische Föderation“ wird in dieser Untersuchung auch der Begriff „Russland“ synonym benutzt, was laut der Verfassung der Russländischen Föderation erlaubt ist und den täglichen Sprachgebrauch in Russland entspricht.

Die Einführung des neuen staatsbürgerlichen Begriffes zeigt seine Wirkung: In der Gesellschaft Russlands steigt die Selbstwahrnehmung als „Russländer“ und alte Eigenwahrnehmung als Russe oder gar als Sowjetbürger verschwindet. Die Meinungsumfragen machen den Wandel in der Selbstwahrnehmung der Bevölkerung in Russland ersichtlich. 1991, kurz nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, haben sich noch 78 Prozent der Befragten als Sowjetbürger bezeichnet. Zwei Jahre später sank der Prozentsatz auf 20 Prozentpunkte und 1997 waren es nur noch 12,9 Prozent der Befragten, die sich als Sowjetbürger fühlten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Gegenzug wurde mehr und mehr die staatsbürgerliche Zugehörigkeit angenommen. Mit der offiziell verbreiteten Identität „Russländer“ identifizierten sich 1993 rund 41 Prozent der Befragten. 1997 sank diese Zahl aber auf 24,4 Prozent. Die Mehrheit der Befragten bezeichnete sich 1997 als Russen.[28] Der Grund dafür ist die damalige erste Identitätskrise der jungen russländischen Föderation. Seither steigt die Selbstwahrnehmung als Russländer wieder an. Die jüngste Meinungsumfrage von 2009 zeigt, dass die meisten Befragten (58 Prozent) sich wieder als „Russländer“ bezeichnen. Die Selbstwahrnehmung als Europäer hatten nur ungefähr ein Prozent der Befragten. Diese Zahl blieb in den letzten 15 Jahren nahezu konstant.[29]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus diesen Umfrageergebnissen kann man den Schluss ziehen, dass in Russland konsequent eine Staatsnation aufgebaut wird, in der nicht die ethnische, sondern die staatsbürgerliche Zugehörigkeit die Hauptrolle spielt. Die sowjetische Identität wurde in der öffentlichen Wahrnehmung Stück für Stück abgebaut und durch die russländische Identität ersetzt. Nur für eine kurze Zwischenzeit, am Ende der 90er-Jahre, spielte die Selbstidentifikation als Russe eine wichtigere Rolle als die des Russländers. Dieses Phänomen war Ausdruck des wachsenden Nationalismus in der Gesellschaft. Die nationalistische Einstellung in Russland hing damals mit dem Tschetschenienkrieg und der immer weiter sinkenden Popularität der El’cin-Regierung zusammen. Das Wort „Russländer“ wurde damals stark mit den schwachen Präsidenten in Verbindung gebracht und stieß auf Ablehnung in der Bevölkerung.

Die Situation hat sich im heutigen Russland wieder stark verändert und das sehr schnell. Die Mehrheit der Bevölkerung identifiziert sich nun als Russländer. „Diese Tatsachen zeugen von einem relativ hohen Niveau der internen Integrität russländischer Gesellschaft und von der Möglichkeit der Herausbildung einer Staatsnation in Russland in kurzer Zeit“[30], beurteilt der Politikwissenschaftler Mihail Gorškov die zunehmende Selbstwahrnehmung der Bevölkerung Russlands als Russländer.

Der Liberalismus

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist die sozialistische Idee unglaubwürdig geworden. Der Sozialismus war zur Sowjetzeit als konsolidierende Idee für die sowjetische Gesellschaft recht populär und hatte eine starke Anziehungskraft. Seit den 90er-Jahren konnte sozialistische Idee nicht mehr identitätsstiftend sein. Russland brauchte ein neues politisches Projekt der Identitätsbildung, das auf ganz anderen Prinzipien aufgebaut ist und gleichzeitig der sozialistischen Idee überlegen sein soll.

Die politische Führung Russlands hat sich in den 90er-Jahren entschieden, die politischen Prinzipien des Liberalismus zu übernehmen. Das neue politische Projekt in Russland basierte auf den liberalen Grundideen, aber entsprach den liberalen politischen Konzepten im westlichen Sinne nicht. „Man kann es (das liberale Projekt – Anmerkung der Autorin) als eine eklektische Zusammensetzung verschiedensten Grundideen des Liberalismus charakterisieren: die Idee der Rechtsstaatlichkeit, der Gesetzmäßigkeit und Gleichheit vor dem Gesetz, der politischen Freiheit und Zivilgesellschaft“[31], wie Ivan Timofeev in seiner Monografie schreibt. Nichtsdestotrotz kamen die Grundideen des Liberalismus aus Europa nach Russland.

In den 90er-Jahren wurde von der Regierung El’cin entschieden, dass die neue russländische Demokratie auf den europäischen politischen Prinzipien aufgebaut werden sollte. Dafür gab es zwei Gründen: Erstens war Europa zu dem Zeitpunkt das beste Beispiel der Demokratie. Zweitens hat Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Staatskredite und finanzielle Unterstützung für den Aufbau des demokratischen Staatsregimes von den europäischen Staaten und den USA bekommen. 1993 und 1994 hat jedes Land der G7 Hilfe in Höhe von jeweils 1,5 Milliarde US-Dollar an die russländische Regierung gezahlt. 1995 bekam Russland nochmals einen Kredit in Höhe von 10 Milliarden US-Dollar vom Internationalen Währungsfonds.[32]

Die russländische Historikerin Lilija Ševcova bewertet die damalige Situation folgendermaßen: „Als die El’cin-Mannschaft Hilfe vom Westen verlangte, drohte sie den westlichen Hauptstädten mit Unstabilität in Russland und setzte sie damit unter Druck. Als Antwort hat der Westen das Scheckbuch gezogen.“[33] Für seine finanzielle Hilfe erwartete der Westen die Einsetzung der europäischen demokratischen Standards in Russland. Die russländische Regierung hat versucht, den demokratischen Standard in Russland durchzusetzen, aber nicht immer erfolgreich. Es gab keine Kontrolle oder Sanktionsmechanismen von den europäischen Staaten. Deswegen wurde der Liberalismus in Russland nur teilweise umgesetzt.

Das liberale Projekt der Regierung El’cin zielte auf die Modernisierung des politischen Systems in Russland. Das Projekt war aber sehr abstrakt und hatte wenig Bezug zu den spezifischen politischen Problemen im postsowjetischen Russland. Deswegen wurde es bis heute noch nicht vollständig realisiert. Ein konkreteres Konzept des Liberalismus in Russland wurde nicht ausgearbeitet und nicht an die politischen Verhältnisse im Lande angepasst. Heutzutage gilt der Liberalismus in Russland weiterhin als Grundlage für das politische Handeln. Viele liberale Prinzipien funktionieren aber nicht. Trotzdem erfüllt das liberale Projekt die Funktion der Vorstellung von der politischen Gesellschaft im Rahmen der politischen Identität Russlands. Der Liberalismus ersetzt das alte sowjetische Projekt des Sozialismus im postsowjetischen Russland.

Die Marktwirtschaft

Das dritte Element der Vorstellung von der politischen Gesellschaft im neuen postsowjetischen Russland ist die Marktwirtschaft. Diese neue Wirtschaftsordnung wurde in Russland auch in den 90er-Jahren implementiert. Die Reformen wurden in Russland nach dem folgenden Prinzip durchgeführt: Die Liberalisierung der Wirtschaft soll zur Demokratisierung der Politik führen. Deswegen wurden die meisten Gelder und Kräfte in die Regulierung der Wirtschaft investiert.

Nach dem Versagen der Planwirtschaft in der Sowjetunion sollte der freie Markt die drastische ökonomische Lage in Russland der 90er-Jahre retten. Die El’cin-Regierung entschied, primär in die Marktreform zu investieren, um einen freien, gut funktionierenden Markt in Russland zu schaffen. Die Historikerin Lilija Ševcova kritisiert diese Entscheidung: „Diese Tatsache, dass El’cin entschieden hat, wirtschaftliche Reform durchzuführen bevor ein demokratischer Staat sich herausbilden konnte, hat den Staat geschwächt, die Demokratie ruiniert und letztendlich die Wirtschaft deformiert. Eine Marktreform konnte nicht erfolgreich sein, ohne die Herausbildung der demokratischen Institutionen.“[34]

Das Ergebnis einer solchen Politik ist, dass Russland bis heute noch keinen gut funktionierenden freien Markt hat. Viele Wirtschaftsreformen der 90er-Jahre sind misslungen und ihre Folgen wirken immer noch nach. Die Privatisierung hat zur Oligarchie geführt. Gesetze zur Begrenzung des Monopolismus sind schlecht ausgearbeitet und führen zur fehlenden oder schwachen Konkurrenz in vielen Branchen der Wirtschaft. Der freie Markt funktioniert in Russland schlecht und braucht eine neue Reform. Die Unterentwicklung der Marktwirtschaft hängt in Russland mit der mangelhaften Demokratie zusammen. Die Demokratisierung des politischen Systems würde die Weiterentwicklung der Marktwirtschaft vorantreiben. Bisweilen konnte die russländische Regierung keine Fortschritte in diese Richtung machen.

Die Vorstellung von der politischen Gesellschaft in Russland besteht zusammenfassend aus drei zentralen Elementen: Staatsnation, Liberalismus und Marktwirtschaft. Alle drei wurden in den 90er-Jahren direkt nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion unter den Präsidenten Boris El’cin implementiert. Diese Elemente wurden von den europäischen Staaten übernommen. Ihre Umsetzung ist nicht in allen Aspekten erfolgreich verlaufen. Trotzdem bleiben sie in der politischen Identität der Russländer als Komponente der Vorstellung von der politischen Gesellschaft vorhanden.

Die Russländer neigen zur Polarisierung: Jeder Bürger Russlands stellt sich sein Land liberal und marktwirtschaftlich vor, weil es nicht sozialistisch und planwirtschaftlich ist, wie zu Zeiten der Sowjetunion. Aber keine Planwirtschaft ist nicht automatisch eine Marktwirtschaft. Das sozialistische Projekt ist misslungen, deswegen bewegt sich das postsowjetische Russland zum politischen Gegenpol, in Hoffnung einen besser funktionierenden Staat aufbauen zu können. Doch nicht alles Sowjetische wird abgelehnt. Die nächste Basisstruktur der politischen Identität Russlands ist die Markierung der Grenzen. Sie ist sowjetisch geprägt. Russland fällt es schwer, sich von den Grenzen der ehemaligen Sowjetunion zu verabschieden.

3.2 Die Markierung der Grenzen

Die Veränderung der Grenzen Russlands nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion ist eine wesentliche Komponente des politischen und gesellschaftlichen Transformationsprozesses. Russland hat in seiner jahrhundertelangen Geschichte schon einige Male die Verschiebung der eigenen Grenzen akzeptieren müssen. Das Land hat sowohl die Vergrößerung als auch die Verkleinerung des eigenen Territoriums erlebt. Aber die Reduzierung des Territoriums von dem Riesenimperium Sowjetunion zu dem der postsowjetischen Russländischen Föderation war besonders rasch und intensiv. Vergleichbares hatte es in der Geschichte Russlands noch nicht gegeben. Dieser Prozess hat eine starke Auswirkung auf die politische Identität in Russland ausgeübt und bestimmt die zweite Basisstruktur der politischen Identität – die Markierung der Grenzen.

Trotz der raschen Verkleinerung der Grenzen ist Russland nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion das größte Land der Welt geblieben. Auch die Idee, sich als Großmacht zu sehen, hat das heutige Russland von der Sowjetunion geerbt. Diese Idee, eine Großmacht zu sein, ist ein wesentlicher Bestandteil der politischen Identität Russlands. Die Größe des Territoriums spielt dabei eine wichtige Rolle. Russländer sind stolz darauf, dass ihre Heimat das größte Land der Welt ist. Zu dieser Wahrnehmung hat noch sowjetische Propaganda beigetragen. Der Politikwissenschaftler Dmitriї Trenin sieht diesen Stolz kritisch: „In der Wirklichkeit ist die Fläche des bewohnbaren Territoriums der Russländischen Föderation viel kleiner. Der größte Teil des Territoriums Russlands ist für einen ständigen Menschenaufenthalt ungeeignet.“[35]

Russland positioniert sich als Großmacht, sowohl in der Innen- als auch in der Außenpolitik. Der Stand und das Tempo der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes entsprechen dem Status einer Großmacht jedoch nicht. Aus der Idee der Großmacht geht die Überlegung hervor, dass Russland zwar partnerschaftliche Beziehungen mit vielen Ländern der Welt entwickeln kann, aber keinem Bündnis oder keiner Union angehören sollte. Das Land will eigene Bündnisse bilden und sie auch leiten. Dieses Bestreben versuchen die russländischen Politiker im Rahmen der Gemeinschaft der Unabhängigen Staaten (GUS) zu realisieren. Die Versuche sind nur teilweise erfolgreich.

Die Grenzen des eigenen Landes werden in der politischen Identität Russlands breiter markiert, als sie in der Wirklichkeit sind. Ein Beweis dafür liefert die Wahrnehmung der GUS bei den Russländern. Die GUS wird immer noch nicht als Ausland wahrgenommen. Laut einer Meinungsumfrage von 2001 sagten 65 Prozent aller Befragten in Russland, dass sie die Ukraine nicht für das Ausland halten. Im Jahr 2004 stieg diese Zahl sogar um drei Prozent auf 68 Prozent.[36]

Sogar die junge Generation der Menschen in Russland nimmt ihr Land teilweise in Grenzen der ehemaligen Sowjetunion wahr. Eine Reise in eine der ehemaligen Sowjetrepubliken wird nicht als Fahrt ins Ausland gesehen. Man füllt sich weiterhin wie in Russland. Das hängt in erster Linie mit dem sprachlichen Aspekt zusammen. In vielen Ländern der GUS wird Russisch immer noch muttersprachlich gesprochen, nicht unbedingt als Staatssprache, aber man kann sich auf Russisch mit den Einheimischen verständigen. Auch der Alltag und der Baustil in den Städten unterscheiden sich nur unerheblich vom russländischen. Die Jahrzehnte gemeinsamer sowjetischer Geschichte haben deutliche Spuren hinterlassen, die immer noch bemerkbar sind. Bei der älteren Generation lässt sich diese Tendenz der Wahrnehmung Russlands in größeren Grenzen noch deutlicher feststellen.

Das heißt aber nicht, dass Russland immer noch Ansprüche gegenüber den Ländern der GUS hegt oder nach der Wiederherstellung der Sowjetunion in den früheren Grenzen strebt. Solche Bestrebungen sind faktisch nicht vorhanden. Die Tendenz, die russländischen Grenzen gedanklich auszudehnen, hängt mit der Idee der Großmacht zusammen, die zum Erben der Sowjetunion gehört. Die Sowjetunion war ohne Zweifel eine Großmacht, sowohl politisch als auch militärisch. Ob das heutige Russland sich eine Großmacht nennen kann, ist umstritten. Das Großmachtdenken ist aber ein wichtiges Element der Basisstruktur Markierung der Grenzen in der politischen Identität Russlands. Deswegen neigt man dazu, die Größe des eigenen Landes ständig zu betonen, als ob die Größe des Territoriums zur wirtschaftlichen und politischen Stärke beitragen und Russland als Großmacht legitimieren würde.

Die Markierung der Grenzen hängt eng mit einer weiteren Basisstruktur der politischen Identität zusammen: die Aktualisierung des Anderen. Die Grenzen der eigenen Identität bestimmen das Weltbild „Ich – der Andere“. Der Andere liegt hinter den vorgestellten Grenzen und wird als ein Gegenpol der eigenen Gesellschaft wahrgenommen.

3.3 Die Aktualisierung des Anderen

Die dritte Basisstruktur der politischen Identität ist die Aktualisierung des Anderen. Sie umfasst nicht nur die Vorstellung von sich selbst, sondern auch von der Außenwelt. Die Gegenüberstellung „die Unseren – die Fremden“ setzt konkrete Grenzen in der Vorstellung einer Gesellschaft über sich selbst. Für einen Staat kann der Andere ein anderer Staat oder ein Staatenbündnis sein. Im postsowjetischen Russland findet die Aktualisierung des Anderen durch die Gegenüberstellung von Russland und Europa statt. Europa wird von den Russländern als der Andere gesehen.

Wenn man Europa in den Grenzen der EU definiert, ist es nicht selbstverständlich, dass Europa die Rolle des Anderen für das moderne Russland übernimmt. Zu Zeiten der Sowjetunion war es eindeutig. Für die Sowjetunion waren die USA in erster Linie der Andere und in zweiter Linie Europa. Die USA und Europa gehörten damals zum Sammelbegriff „Der Westen“. Heute hat der Westen sich erheblich verändert. Manche postsozialistische Staaten Mitteleuropas wie Polen und Tschechien gehören jetzt zum Westen. Die Grenze zwischen Ost und West hat sich verschoben. Das Verhältnis zu Europa hat sich in Russland erheblich verändert. Der entscheidende Punkt ist aber, dass Europa die Rolle des Anderen im Rahmen der politischen Identität Russlands weiterhin spielt, aber ein wenig anders als damals.

In der Zeit der Sowjetunion gab es eine klare Gegenüberstellung vom Ost und West. Im Rahmen der sowjetischen politischen Identität war der Westen der Andere. Kapitalismus, Marktwirtschaft und westlicher Lebensstil wurden dem Sozialismus, Planwirtschaft und den sowjetischen Normen gegenübergestellt. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion wurden die sozialistischen Werte und Normen entwertet. Das ehemalige sowjetische Feindbild der westlichen Staaten wurde fast über Nacht zerstört.

Der Westen avancierte in kurzer Zeit zum Vorbild für das neue postsowjetische Russland. Laut einer Meinungsumfrage Ende 1991 schätzten 60 Prozent aller Befragten in Russland den Westen positiv ein und sagten, dass Russland sich an der westlichen Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung orientieren sollte.[37] Dieses Meinungsbild hing mit einer starken Ablehnung der sowjetischen Vergangenheit zusammen. Für eine kurze Zeit am Ende der 80er- und Anfang der 90er-Jahre war Europa als Teil des Westens nicht mehr der Andere für Russland. Aber schon Mitte der 90er-Jahre hatte sich die Stimmung in Russland erheblich verändert.

Laut einer Umfrage aus dem Jahr 1996 meinte die Mehrheit der Befragten (47 Prozent), dass sich Russland auf die traditionellen russischen Werte konzentrieren solle. 20 Prozent wollten zum sowjetischen Lebensstil zurückkehren und nur noch 11 Prozent orientierten sich an der westlichen Lebensart.[38]

Die Idee des vorbildlichen Westens hat in Russland schnell ihren Glanz verloren. Schon Mitte der 90er-Jahre konnte der westliche Lebensstil nicht mehr mit der traditionellen russischen Lebensart konkurrieren. Die Abkehr Russlands vom Westen hatte innenpolitische Gründe: Nur einige Jahre nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zeigten die Reformen Boris El’cins besonders in der Wirtschaft keinen Erfolg mehr. Der Tschetschenienkrieg war bereits ausgebrochen und alle neuen Probleme im postsowjetischen Russland wurden von der Gesellschaft des Landes vollends wahrgenommen. Hinzu kam, dass Russlands Präsident Boris El’cin Probleme mit Alkohol hatte, die nicht mehr zu verheimlichen waren. Das Land steckte in der tiefen politischen und ökonomischen Krise. Die Wahrnehmung Europas als den Anderen kehrte in die politische Identität Russlands schnell zurück.

Mit der sinkenden Popularität von Mihail Gorbačov und Boris El’cin verschwand die Glaubwürdigkeit der Idee, dass der Westen vom Feind der Sowjetunion zum Freund Russlands werden kann. Die Hoffnung auf Hilfe und Unterstützung vom Westen ging in Angst über, von Europa und den USA abhängig zu werden. Eine Meinungsumfrage aus dem Jahr 1995 zeigt diesen Trend. 66 Prozent der Beteiligten hatten damals die Wahrnehmung, dass Russland im Westen negative Gefühle hervorruft. Zwei Jahre später waren 61 Prozent der Befragten überzeugt, dass die westliche Kultur Russland negativ beeinflusst.[39]

Den politischen Eliten Russlands ist es nicht gelungen, die Zugehörigkeit zum Westen in Russland durchzusetzen, als das Land und die Gesellschaft Anfang der 90er-Jahre danach strebte. Die Chance wurde verpasst und der Westen ist wieder der Andere in der Wahrnehmung der russländischen Gesellschaft. Diesbezüglich fasst der Politikwissenschaftler Ivan Timofeev die heutige Lage in Russland zusammen: „Der Westen bleibt für Russland ein bedeutender Anderer. Russland strebt nicht nach der Konfrontation mit dem Westen, ist aber bereit, seine Nationalinteressen durchzusetzen und die Ausbreitung der Grenzen der westlichen Gesellschaft Richtung Osten zu verhindern.“[40] Diese Strategie kann man am Beispiel des angespannten Verhältnisses Russlands zur Organisation des Nordatlantikvertrages (NATO) sehen. Die meisten europäischen Staaten sind Mitglieder der NATO. Diese Mitgliedschaft wirkt sich auf die Beziehungen zwischen Russland und EU aus.

Das Militärbündnis birgt in sich keine konkrete Bedrohung für die Sicherheit Russlands. Die Beziehungen Russlands zur NATO sind trotzdem angespannt. Die politischen Auseinandersetzungen über die Stationierung des Raketenabwehrsystems in Osteuropa und der Konflikt über eine mögliche Aufnahme Georgiens und der Ukraine in die NATO liefern Beweise dafür. Im aktuellen Konzept der nationalen Sicherheit Russlands heißt es: „Die Haltlosigkeit der existierenden globalen und regionalen Architektur, die sich besonders in der euroatlantischen Region an die NATO orientiert, und die Mangelhaftigkeit der Rechtsmechanismen bedeuten eine immer größere Bedrohung für die Gewährleistung der internationalen Sicherheit.“[41] Das Misstrauen in den Beziehungen zwischen Russland und NATO wirkt sich auch auf die EU-Russland-Beziehungen aus.

Nicht nur Europa ist der Andere für Russland, sondern Russland spielt auch die Rolle des Anderen in der Wahrnehmung der Europäer. „In der Struktur der europäischen Identität bleibt Russland immer noch der Andere. Das Land wird aber nicht mehr als ein Feind oder eine militärische Bedrohung im Westen wahrgenommen. Russland wird in Europa als ein ‚teilweise europäisches‘ und gleichzeitig ein ‚fast nichteuropäisches‘ Land betrachtet“, so Ivan Timofeev.[42] In der Europäischen Union hängen diese Ressentiments teilweise mit den neuen Mitgliedstaaten zusammen, die wie Estland, Lettland und Litauen ein Teil der Sowjetunion waren. Solche Staaten wie die baltischen Länder, aber auch Polen und Tschechien haben nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion einen eigenen Prozess der Identitätsbildung durchlebt. Die neue politische Identität wurde in diesen Staaten durch die Zugehörigkeit zu Europa und die Ablehnung der alten sowjetischen Strukturen konstruiert. In der Wahrnehmung dieser mittel- und osteuropäischen Länder wird Russland mit den alten sowjetischen Strukturen in Verbindung gebracht. So entsteht erneut eine Polarisierung zwischen Ost und West an der Ostgrenze der EU.

Die gegenseitige Aktualisierung des Anderen spielt weiterhin eine große Rolle für die Konstruktion der politischen Identität im postsowjetischen Russland. Dieses Identitätselement wirkt sich auf die politischen EU-Russland-Beziehungen besonders stark aus, wie sich im Verlauf der Untersuchung zeigen wird. Die letzte Basisstruktur der politischen Identität, die noch mit konkreten Elementen aufgefüllt werden muss, ist die Interpretation der Vergangenheit.

3.4 Die Interpretation der Vergangenheit

Die Basisstruktur der Interpretation der Vergangenheit beinhaltet nicht nur eine Verarbeitung der eigenen Geschichte eines Landes, sondern auch die Prinzipien, die der Wahrnehmung der historischen Ereignisse zugrunde liegen. Russland hat eine sehr lange und widerspruchsvolle Geschichte vom Zarenreich bis zur Sowjetunion. Jeder historische Abschnitt musste verarbeitet werden, um eine neue politische Identität im postsowjetischen Russland aufzubauen. Die Geschichte eines Staates, wie sie von den Historikern geschrieben wird, stellt eine Grundlage für die politische Identität dar. Die Basisstruktur der Vergangenheitsinterpretation ist im Fall Russland mit vier Identitätselementen aufgefüllt: die Aufarbeitung der Geschichte, der Patriotismus, die Idealisierung des Großen Vaterländischen Krieges (1941 - 1945) und die russische Orthodoxie.

Die Interpretationsmuster der Geschichte

In verschiedenen Perioden wurden historische Ereignisse in Russland von den Politikern unterschiedlich interpretiert. Diese historischen Ereignisse selbst sind für die politische Identität Russlands nicht so wichtig, wie ihre politische Aufarbeitung. Sie schafft die öffentliche Wahrnehmung. Es ist nicht nur in Russland so. In allen Ländern wird die Geschichte der Heimat von den Politikern instrumentalisiert. Die Wahrnehmung historischer Vergangenheit des eigenen Landes hat die Kraft, die Nation zu konsolidieren. Die Aufarbeitung eigener Geschichte ist für das Konstruieren der politischen Identität eines Landes von großer Bedeutung.

Wie schon oben erwähnt, haben die meisten Staaten im postsowjetischen Raum ihre neue politische Identität in der Ablehnung der sowjetischen Vergangenheit und Rekonstruktion der eigenen historischen Wurzeln aufgebaut. Russland konnte diesen Weg nicht gehen. Als Rechtsnachfolger der Sowjetunion hat Russland nicht nur die sowjetischen Staatsschulden und das Staatsvermögen übernommen, sondern auch das kulturelle Erbe. Der Direktor des Levada-Zentrums in Moskau, Dmitriї Trenin, schreibt dazu: „Im Gegensatz zu den anderen Republiken der Sowjetunion ist die Russländische Föderation keine Ablehnung der Sowjetunion als ehemaligen Imperiums, sondern ihre Fortsetzung als Prototyp eines Nationalstaates. Russland hat nicht seine Unabhängigkeit von der Sowjetunion erobert oder bekommen, sondern hat das abgeworfen, was die politischen Eliten des Landes am Anfang der 90er-Jahre für ein politisches, historisches und geografisches Ballast hielten.“[43]

Die politische Identität im postsowjetischen Russland ist auf dem Fundament der zaristischen und sowjetischen Geschichte aufgebaut. Gleich nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion Anfang der 90er-Jahre war die Ablehnung und Kritik der sowjetischen Politik, Ideen und Symbole stark ausgeprägt. Gleichzeitig wurde die zaristische Vergangenheit Russlands reaktiviert. Es gab einen Versuch, eine Brücke zwischen dem Zarenreich und der postsowjetischen Russländischen Föderation zu bauen und dabei den jahrzehntelangen sowjetischen Abschnitt in der Geschichte des Landes zu umgehen. Das Projekt hatte aber in den Köpfen und wohl auch in den Herzen der Bevölkerung Russlands wenig Rückhalt. Es war nicht so einfach die sowjetische Identität von heute auf morgen aufzugeben.

Im Jahr 1996, als der erste Präsident Russlands, Boris El’cin, für die zweite Amtszeit gewählt wurde, hat es einen Kurswechsel in der Entwicklung der neuen politischen Identität in Russland gegeben. Es wurde deutlich, dass die neue Identität auf der puren Ablehnung der sowjetischen Vergangenheit nicht aufgebaut werden kann. Russland spielte die zentrale Rolle in der Geschichte der Sowjetunion. Deswegen sollte diese historische Etappe überarbeitet, neu bewertet und in die neue Identität gemeinsam mit der zaristischen Vergangenheit integriert werden.

Die Aufarbeitung der Geschichte

Heutzutage spielt die sowjetische Vergangenheit Russlands eine wichtigere Rolle für die politische Identität des Landes, als die Geschichte des zaristischen Russlands. Das Ranking der wichtigsten historischen Ereignissen in der Geschichte Russlands sieht laut einer Meinungsumfrage so aus: „Aus der jahrhundertlangen Geschichte des Landes liegt der Sieg des sowjetischen Volkes im Großen Vaterländischen Krieg (81,1 Prozent), Wiederaufbau des Landes nach dem Krieg (69,8 Prozent), Errungenschaften der Kosmonautik und Weltraumtechnik (60,3 Prozent) und die erste Raumfahrt von Juriї Gagarin (51,6 Prozent) an der Spitze der Liste.“[44] All diese Ereignisse gehören zur Geschichte der Sowjetunion. Sie spielen in der Vorstellung der historischen Vergangenheit Russlands die zentrale Rolle. In diesem Ranking steht kein Ereignis an der Spitze, das in der Zarenzeit liegt.

Russland hat sich entschieden, die politische Identität nicht in der Ablehnung, sondern in der Überarbeitung der Vergangenheit aufzubauen. Dieser Prozess ist heute noch nicht vollständig abgeschlossen. Man kann es oft an konkreten Beispielen merken: Viele Straßen, Bezirke in den russländischen Städten und auch manche Städte selbst wurden nach der Oktoberrevolution umbenannt. Meistens haben sie nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion die alten vorrevolutionären Bezeichnungen wieder bekommen. Eine Reihe der sowjetischen Bezeichnungen existieren aber bis heute. Leningrad heißt heute zwar Sankt Petersburg, liegt aber immer noch im Leningrader Gebiet, genauso wie Jekaterinburg sich in Swerdlowsker Gebiet befindet. Solche Unstimmigkeiten zeigen, dass Russland sich von der sowjetischen Vergangenheit nicht trennen will. „Die neue russländische Identität, obwohl es paradox erscheint, hat viele Elemente der sowjetischen Identität geerbt“, so der Politologe Ivan Timofeev.[45] Ein gutes Beispiel dafür ist die Hymne der Russländischen Föderation. Die Partitur der alten sowjetischen Hymne wurde übernommen. Der Text der Hymne ist auch nicht ganz neu, sondern es ist die Überarbeitung des Textes der Hymne der Sowjetunion. Die ideologisch aufgeladenen Zeilen wurden durch christliche oder russisch-patriotische Thematiken ersetzt. Am Anfang der Hymne mit der alten sowjetischen Partitur hört man jetzt das Glockenspiel einer orthodoxen Kirche.

Die russische Orthodoxie

Die Rückkehr zur russischen Orthodoxie ist ein sehr wichtiges Element in der Vergangenheitsinterpretation Russlands. Die Aktivierung der russischen Orthodoxie ist das bedeutendste Zeichen der Orientierung an das vorrevolutionäre Zarenreich. Es ist eine der wenigen Brücken, die die Russländische Föderation mit dem Zarenreich verbindet. Laut einer Meinungsumfrage verbinden 65 Prozent der Befragten die russische Orthodoxie mit dem Zarenreich.[46] Die in der Sowjetzeit zerstörten Kirchen werden jetzt wiederaufgebaut. Orthodoxes Weihnachten ist wieder zum offiziellen staatlichen Feiertag in Russland geworden. Die wichtigsten Landespolitiker sind ständig in der Kirche zu sehen, was auch in Nachrichten gezeigt wird. Die Wiederbelebung der orthodoxen Religion fördert das Gefühl der Zusammengehörigkeit und der Besonderheit des russländischen Volkes und stärkt den Patriotismus in der Gesellschaft.

Der Patriotismus und die Idealisierung des Großen Vaterländischen Krieges

Durch die Interpretation der Vergangenheit wird der Patriotismus in Russland entwickelt. Für diesen Zweck werden einige historische Ereignisse betont und andere ausgeblendet. Dabei spielt die Tatsache, ob das dafür passende Ereignis zur zaristischen oder sowjetischen Geschichte gehört, keine wesentliche Rolle. Hauptsache es fördert das patriotische Gefühl.

Der Große Vaterländische Krieg ist einer der wichtigsten patriotischen Fixpunkte Russlands. Die Würdigung der Kriegsveteranen und die Feiern zum Tages des Sieges am 9. Mai mit einer Militärparade und einem Feuerwerk, sowohl auf dem Roten Platz in Moskau als auch auf den zentralen Plätzen in den Kleinstädten Russlands, betonen die Bedeutsamkeit dieses Ereignisses für die russländische Geschichte und den Aufbau der politischen Identität im Lande. Auch in den Filmen, die in Russland gedreht werden, ist die Thematik sehr beliebt. Der Große Vaterländische Krieg ist ohne Zweifel das zentrale Element der Basisstruktur die Interpretation der Vergangenheit in Russland. Seine Wichtigkeit hängt damit zusammen, weil dieses Ereignis die Russländer am besten vereint. Erstens gehört es zur relativ jungen Vergangenheit. Es gibt immer noch ein paar Zeitzeugen. Zweitens passierte genau während des Zweiten Weltkrieges die Aktualisierung und Stärkung des Patriotismus in der sowjetischen Identität, um das Volk in den schwierigen Zeiten zu konsolidieren. Gerade dieses Wirgefühl braucht das postsowjetische Russland. Drittens spielt Krieg ohnehin eine wichtige Rolle in der ganzen russländischen Geschichte. Ein großer, bedeutsamer und dazu noch gewonnener Krieg dient sehr gut dem Zweck der Identitätsbildung.

Die vier Basisstrukturen der politischen Identität im postsowjetischen Russland wurden in diesem Kapitel mit insgesamt neun Elementen aufgefüllt. Das Konzept der politischen Identität in Russland wurde aus der Monografie von Ivan Timofeev abgeleitet. In der Tabelle unten sind alle Elemente bildlich zusammengestellt und wurden anhand der Basisstrukturen geordnet.

[...]


[1] Čaadaev, Pёtr (1836): Filosofičeskoe pis’mo, žurnal Teleskop, Moskva.

[2] Timofeev, Ivan (2008): Političeskaja identičnost’ Rossii v postsovetskiї period: al’ternativy I tendencii, Moskva.

[3] Gorškov, Michail (2009): Rossiїskoe obščestvo v sociologičeskom izmerenii, Sociologičeskie issledovanija № 3, str. 15-26.

[4] Gudkov, Lev (1999): Kompleks „žertvy“. Osobennosti massovogo vosprijatija rossijanami sebja kak ėtnonacional’noї obščnosti, Monitoring obščestvennogo mnenija, № 3 (41), str. 47-60.

[5] Magun, Vladimir/Magun, Asja (2007): Identifikacija graždan so svoeї stranoї: rossiїskie dannye v kontekste meždunarodnyh sravneniї, Nacional’no-graždanskie identičnosti i tolerantnost’. Opyt Rossii i Ukrainy v period transformacii, pod. red. L.M. Drobiževoї i E.I. Golovahi, Kiev.

[6] Dubin, Boris (2000): Zapad, granica, novyї put’: simvolika „drugogo“ v političeskoї mifologii sovremennoї Rossii, Monitoring obščestvennogo mnenija № 6, str. 24-34.

[7] Bočarova, Oksana/Kim, Natal’ja (1995): Rossija i Zapad: obščnost’ ili otčuždenie? Monitoring obščestvennogo mnenija № 3, str. 31-37.

[8] Ševcova, Lilija (2010): Odinokaja deržava, Moskva.

[9] Trenin, Dmitriї (2006): Intergracija i identičnost’. Rossija kak „novyї Zapad”, Moskva.

[10] Köcher, Renate (2008): Das Russlandbild der Deutschen – das Deutschlandbild der Russen, Berlin.

[11] Götz, Roland (2006): Deutschland und Russland – „strategische Partner“?, Aus Politik und Zeitgeschichte (BPB), № 11, Berlin, S. 14-23.

[12] Scherrer, Jutta (2006): Russlandbilder in Europa – Stimmen aus Frankreich, Deutschland und Polen, Berlin.

[13] Wendt, Alexander (1999): Social Theory of International Politics, Cambridge University Press.

[14] Gerring, John (2007): Case Study Research. Principles and Practices, Cambridge.

[15] Schütze, Fritz (1987): Das narrative Interview in Interaktionsfeldstudien, Hagen.

[16] Moises, Stefan (2000): Auswertungsprobleme offener Interviews, aufgerufen im www [http://www.ku-eichstaett.de/docs/PPF/FGPaed/arbeiten/moises2.htm, Zugriff am 01.09.2010].

[17] Timofeev, Ivan (2008): Političeskaja identičnost’ Rossii v postsovetskiї period: al’ternativy i tendencii, Moskva.

[18] Ebd., S. 14.

[19] Ebd., S. 10 – 19.

[20] Ebd., S. 19 – 58.

[21] Ebd., S. 33.

[22] Anderson, Benedict (1983): Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism, New York.

[23] Beck, Ulrich (1992) Risk Society: Towards a New Modernity. London, S. 10-12.

[24] Malinovskiї, Boris (1999): Naučnaja teorija kul’tury, Moskva, S. 101-102.

[25] Coser, Lewis (1956): The Functions of Social Conflict, New York, S. 111-120.

[26] Gellner, Ernest (1997): Nationalism, London, S. 89-90.

[27] Timofeev, Ivan (2008): Političeskaja identičnost’ Rossii v postsovetskiї period: al’ternativy i tendencii, Moskva.

[28] Avraamova, Elena (1998): Formirovanie novoї rossiїskoї makroidentičnosti, Občšestvennye nauki i sovremennost’, №4, str. 23.

[29] Gorškov, Michail (2009): Rossiїskoe obščestvo v sociologičeskom izmerenii, Sociologičeskie issledovanija № 3, str. 15-26.

[30] Ebd., S. 15.

[31] Timofeev, Ivan (2008): Političeskaja identičnost’ Rossii v postsovetskiї period: al’ternativy I tendencii, Moskva,str. 87.

[32] Ševcova, Lilija (2010): Odinokaja deržava, Moskva.

[33] Ebd., str. 30.

[34] Ebd., S. 45.

[35] Trenin, Dmitriї (2006): Intergracija i identičnost’. Rossija kak „novyї Zapad”, Moskva, s. 171.

[36] Dubin, Boris (2004): Rossija i sosedi: problemy vzaimoponimanija, Moskva str. 6.

[37] Dubin, Boris (2000): Monitorin občšestvennogo mnenija №6, str. 24.

[38] Ebd., S. 25.

[39] Ebd., S. 26.

[40] Timofeev, Ivan (2008): Političeskaja identičnost’ Rossii v postsovetskiї period: al’ternativy I tendencii, Moskva str. 115.

[41] Strategija nacional’noї bezopasnosti Rossiїskoї federcii do 2020 goda, 13 maja 2009.

[42] Timofeev, Ivan (2008): Političeskaja identičnost’ Rossii v postsovetskiї period: al’ternativy I tendencii, Moskva str. 118.

[43] Trenin, Dmitriї (2006): Intergracija i identičnost’. Rossija kak „novyї Zapad”, Moskva, str. 155.

[44] Byzov, Leontiї (1999): Stanovlenie novoї političeskoї identičnosti v postsovetskoї Rossii: ėvoljužija social’no – političeskih orientaciї i obščestvennogo zaprosa // Rossiїskoe obščestvo: stanovlenie demokratičeskih cennosteї?, Moskovskiї centr Karnegi, Moskva, str. 72.

[45] Timofeev, Ivan (2008): Političeskaja identičnost’ Rossii v postsovetskiї period: al’ternativy I tendencii, Moskva str. 142.

[46] Byzov, Leontiї (1999): Stanovlenie novoї političeskoї identičnosti v postsovetskoї Rossii: ėvoljužija social’no – političeskih orientaciї i obščestvennogo zaprosa // Rossiїskoe obščestvo: stanovlenie demokratičeskih cennosteї?, Moskovskiї centr Karnegi, Moskva, str. 73.

Ende der Leseprobe aus 102 Seiten

Details

Titel
Wandel der politischen Identität im postsowjetischen Russland
Untertitel
Oder: Ob Russland zu Europa gehört?
Hochschule
Freie Universität Berlin  (OSI)
Note
1,6
Autor
Jahr
2011
Seiten
102
Katalognummer
V179795
ISBN (eBook)
9783656023227
ISBN (Buch)
9783656022961
Dateigröße
1379 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Russland, EU, Europäisierung, Identitätsforschung, Internationale Beziehungen
Arbeit zitieren
Olga Siemers (Autor), 2011, Wandel der politischen Identität im postsowjetischen Russland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179795

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Wandel der politischen Identität im postsowjetischen Russland


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden