Probleme der Darstellung des Holocaust - John Boyne, Ralph Giordano, Art Spiegelmann


Bachelorarbeit, 2011
35 Seiten, Note: 2.0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Schreiben nach Auschwitz
2.1 Adorno und sein Diktum gegen das Schreiben nach Auschwitz
2.2 Das historische Schreiben - der einzig angemessene Weg, den Holocaust zu literarisieren?

3 Literatur nach Auschwitz
3.1 Die Memoiren - Ein Überlebender erinnert: Ralph Giordanos Erinnerungen eines Davongekommenen
3.1.1 Erinnerungen als Zeugnis - Die Faktizität von Memoiren
3.1.2 Die Erinnerungen eines Davongekommenen
3.2 Der Roman - Der Holocaust in der Belletristik: John Boynes Der Junge im gestreiften Pyjama
3.2.1 Die Kritik am Roman
3.2.2 Bewertung des Romans hinsichtlich seiner Kritikpunkte
3.3 Graphic Novel - Der Holocaust als Comic: Art Spiegelmans MAUS
3.3.1 Die Gattung des Comics - dem Holocaust angemessen?
3.3.2 Die Tiermetapher
3.3.3 MAUS - fiktional oder non-fiktional?

4 Schluss

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„ Man kann nach Auschwitz nicht mehr atmen, essen, lieben, lesen [...]“ (Böll zitiert nach Kiedaisch, 90), so drückte Heinrich Böll seine Gedanken und Gefühle gegen­über dem Holocaust aus. Deutlich wird, dass Auschwitz eine Zäsur darstellt; danach ist nichts mehr, wie es einmal war. Die alltäglichsten Dinge scheinen in diesem Licht nicht nur verändert, sondern gar unmöglich. So stellt sich schnell die Frage, inwieweit denn das Schreiben nach Auschwitz noch möglich ist, noch möglich sein kann. Gibt es überhaupt Worte für die Schrecken, die die Opfer der Shoah tagtäglich erleben mussten? Und wenn ja, darf man sich anmaßen, den Versuch zu wagen, die­ses Grauen in Worte zu kleiden? Ein Wagnis, das wird es wohl immer bleiben. Aber ist es gerechtfertigt, jegliche Literatur, die sich mit diesem Thema beschäftigt, zu verdammen oder gar zu verbieten? Adornos oft zitiertes Diktum, Gedichte nach Auschwitz zu schreiben sei „barbarisch“ (Kiedaisch, 49) ist zwar kein Verbot, wie er später feststellte, aber nichtsdestoweniger ein Rundumschlag gegen die Lyrik und bei genauerem Hinsehen auch gegen die Literatur und das Schreiben an sich.

Adornos These wurde vielfach diskutiert und kritisiert, fand aber auch einigen Zuspruch. Oft wurde sie aus dem Zusammenhang gerissen und als rigides Verbot verstanden und infolgedessen mit Empörung und Unverständnis quittiert. Sicher ist jedenfalls, dass dieser Satz nicht unbeachtet blieb, vielmehr erregte er die Gemüter in der deutschen Literaturwelt.

So möchte auch ich mich bei der Beurteilung drei ausgewählter Beispiele aus der Literatur, vorwiegend von Adornos Diktum leiten lassen. Dies soll allerdings nicht auf die berühmte These, es sei „barbarisch“ (ibid) nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, beschränkt sein, sondern auch seine späteren Reaktionen und Ausfüh­rungen diesbezüglich beinhalten.

Demgemäß soll im ersten Teil meiner Arbeit Adornos Ansicht über Literatur nach dem Holocaust genauer betrachtet werden. Nicht gänzlich ausgespart werden sollen aber auch die zahlreichen literarischen Reaktionen, in denen die Einstellung vieler deutscher Autoren deutlich wird. Das zweite Kapitel soll einen Überblick über die von Adorno geschilderte Problematik liefern, zugleich aber auch mögliche Grau­zonen in Adornos Argumentation aufdecken.

Die drei Literaturbeispiele im dritten Kapitel wurden mit Bedacht gewählt. Über die literarische Verwirklichung der Erfahrung von Konzentrationslagern wurde meines Erachtens schon viel geschrieben, sodass sich in meiner Arbeit kein derarti1 ges Werk finden lässt. Trotzdem möchte ich die authentische, auf Tatsachen beru­hende Erzählung nicht gänzlich ausschließen, weshalb ich mich für die Memoiren Ralph Giordanos entschieden habe, die Erinnerungen eines Davongekommenen. Da seine Mutter Jüdin war, musste auch Giordano die stetigen Repressalien der Nazi­schergen fürchten und letztlich untertauchen, um ihnen zu entgehen. Dieses Lebens­kapitel hat er in seinen Memoiren festgehalten.

Das zweite Werk, John Boynes Der Junge im gestreiften Pyjama, ist komplett fiktional. Darüber hinaus hat der aus England stammende Autor Boyne keinerlei per­sönlichen Bezug zum Holocaust. Die Untersuchung dieses Romans ist zum einen interessant, weil es sich hier, wie bereits erwähnt, um eine erfundene Geschichte handelt; der Holocaust wird daher Gegenstand der fiktionalen Belletristik. Zum ande­ren handelt es sich um ein Buch, das sich in erster Linie an Kinder und Jugendliche richtet. Der Holocaust taucht hier also als ein Thema von Kinder- und Jugendliteratur auf. Beide ,Problematiken’ sollen später weiter ausgeführt werden.

Bei dem dritten und letzten Werk, das in dieser Arbeit behandelt werden soll, handelt es sich um ein Graphic Novel, Art Spiegelman’s Maus. Ist es legitim, einen Comic über den Holocaust zu verfassen? Dieser Frage soll in Sektion 3.3 nachge­gangen werden. Kursorisch soll dabei auch der Aspekt beachtet werden, dass es sich bei Spiegelman um einen Überlebenden der zweiten Generation handelt.

Bei der Bewertung der drei Werke sollen auch die Autoren zu Wort kommen. Zu vielen der Aspekte, die ich in dieser Arbeit besprechen werde, haben sie sich in Interviews oder Buchbesprechungen geäußert. Diese Aussagen geben oftmals einen sehr guten Einblick in die Intentionen der Autoren und geben ferner über den Um­gang mit häufigen Kritikpunkten Auskunft.

Ziel dieser Arbeit soll es letztlich sein, zu beurteilen, inwiefern die bespro­chenen Werke den Holocaust angemessen darstellen. Es ist bereits jetzt klar, dass ein literarisches Werk über den Holocaust diesem niemals gerecht werden kann. Trotz­dem möchte ich zeigen, dass es Wege gibt, dem Schrecken Ausdruck zu verleihen, und das auf eine adäquate Art und Weise. „Die menschliche Sprache ist nicht zum Verstummen, sie ist zum Sprechen gedacht.“ (Schnurre zitiert nach Kiedaisch, 125). Was Wolfdietrich Schnurre hier so treffend ausdrückt, muss auch für die Literatur des Holocaust gelten, wenn sichergestellt sein will, dass dem Schrecken auch in Zu­kunft erinnert werden soll. Zu verstummen hieße zu resignieren.

2 Schreiben nach Auschwitz

2.1 Adorno und sein Diktum gegen das Schreiben nach Auschwitz

Wie bereits angeschnitten, wurde die These „nach Auschwitz ein Gedicht zu schrei­ben, ist barbarisch“ (Adorno zitiert nach Kiedaisch, 49), oftmals aus dem Zusam­menhang gerissen und ohne Zusätze oder Erklärungen zitiert. Auch wenn dieser Satz in seinen Ausführungen sicherlich am meisten heraussticht, kann doch nicht verleug­net werden, dass Adorno diese These nicht für sich stehen lässt und sie darüber hin­aus 4 Jahre später im Jahre 1966 auch noch relativiert. Dieses Kapitel soll also dazu dienen, Adornos Diktum in seinem vollen Umfang zu verstehen.

Ich habe bereits erwähnt, dass Adorno nicht nur die Lyrik an sich meinte, sondern vielmehr die gesamte Literatur indirekt miteinbezog. Folgendes Zitat lässt dies deutlich werden: „Der Begriff einer nach Auschwitz auferstandenen Kultur ist scheinhaft und widersinnig und dafür hat jedes Gebilde, das überhaupt noch entsteht, den bitteren Preis zu bezahlen.“ (ibid, 53). Hier wird deutlich, dass er die Kultur als Ganzes meint. Er kritisiert sie nicht nur, er spricht ihr gar ihre Funktion ab, indem er feststellt, dass sie nur noch „scheinhaft“, also gar nicht mehr wirklich vorhanden ist und darüber hinaus auch noch ihrem eigentlichen Zweck zuwider läuft. Der Ton die­ser Aussage kommt der Ausgangsthese sehr nahe.

Das Zitat geht allerdings noch weiter und läutet einen anderen Ton ein: „Weil jedoch die Welt den eigenen Untergang überlebt hat, bedarf sie gleichwohl der Kunst als ihrer bewusstlosen Geschichtsschreibung. Die authentischen Künstler der Ge­genwart sind die, in deren Werken das äußerste Grauen nachzittert.“ (ibid). Es wird schnell klar, dass der vormalige Rundumschlag gegen die Literatur hier deutlich ab­gemildert wird. Adorno gesteht sich ein, dass Kunst und Kultur nicht nur erlaubt, sondern gar notwendig sind. Hier ist aber schon eine Präferenz erkennbar: er spricht von „Geschichtsschreibung“ und bezeichnet diejenigen Künstler als authentisch, die es schaffen, den Schrecken so wahrheitsgetreu wie möglich darzustellen. Dieser As­pekt zeigt auf, dass es ihm vordergründig um die Repräsentationsweise des Holo­caust geht, und nicht etwa, wie von vielen angenommen, um die Darstellung an sich. (vgl. Freiburg & Bayer, 5 sowie Kröhler, 236). Folglich ist es erlaubt, den Holocaust literarisch darzustellen, dies muss aber auf eine - dem Thema angemessene Weise - geschehen.

Um Adornos radikale Denkweise besser zu verstehen, soll folgendes Zitat herangezogen werden:

Aber indem es [das Leiden, SR], trotz aller Härte und Unversöhnlichkeit, zum Bild gemacht wird, ist es doch, als ob die Scham vor den Opfern verletzt wäre. Aus diesen wird etwas bereitet, Kunstwerke, der Welt zum Fraß vorgeworfen, die sie umbrachte. Die sogenannte künstlerische Gestaltung des nackten körperlichen Schmerzes [...] enthält, sei’s noch so entfernt, das Potential, Genuss herauszupressen. [...] Durchs [sic!] ästhetische Stilisationsprinzip [...] erscheint das unausdenkliche Schicksal doch, als hätte es irgendeinen Sinn gehabt [...]. (Adorno zitiert nach Kiedaisch, 54).

Nach diesen Ausführungen scheint Adornos Ansicht gar nicht mehr so radikal, son­dern wird deutlich nachvollziehbarer. Auch Freiburg und Bayer stellen sich die Fra­ge, ob nicht die „Literarisierung des Grauens“ die Opfer nur weiter demütigt. (Frei­burg & Bauer, 14). Hauptsächlich geht es also darum, dass es schier undenkbar ist, dem Holocaust einen Sinn oder gar Unterhaltung im weitesten Sinne zu entlehnen. Kunst, inklusive der ihr zugehörigen Literatur verfolgt aber, je nach Werk, einen Sinn und genau dort liegt die Schwierigkeit. Den Holocaust als reine Vorlage für einen bewegenden Roman oder einen spannenden Film zu betrachten, wäre definitiv nicht nur unangemessen, sondern auch geschmacklos. (vgl. Young, 109) Daher zielt Adorno auf die Authentizität, bis hin zur „Geschichtsschreibung“ (Adorno, 53) ab. Dies soll das alleinige Ziel von Holocaustliteratur sein: die traurige, eigentlich un­glaubliche Wahrheit so exakt wie möglich darzustellen. Hier lässt sich ein erster Rechtfertigungsgrund seitens Adorno finden.

Eine weitere Rechtfertigung lässt sich wortwörtlich aus Adornos „Mediatio- nen zur Metaphysik“ finden: „ Das perennierende Leiden hat soviel Recht auf Aus­druck wie der Gemarterte zu brüllen; darum mag falsch gewesen sein, nach Ausch­witz ließe kein Gedicht sich mehr schreiben.“ (Adorno zitiert nach Kiedaisch, 57). Nicht nur geht seine Aussage einem Widerruf seines Diktums nahe, Adorno ist sich außerdem darüber bewusst, dass vielen Opfern gerade die literarische Verarbeitung ihrer Leiden Linderung verschafft. Genauso wie seine ursprüngliche These radikal war, so gleicht seine Aussage jetzt fast einer Absolution: die Leiden dürften ausge­drückt werden. Der Vergleich mit einem Gemarterten macht weiter deutlich, dass Adorno sich darüber im Klaren ist, dass viele Opfer gar nicht anders können, als ih­rem Leiden Ausdruck zu geben.

Offensichtlich ist nun, dass ein gewisses Paradoxon vorliegt. Einerseits be­steht die Unmöglichkeit, den Holocaust überhaupt mit Worten zu beschreiben, ande­rerseits herrscht die absolute Notwendigkeit, damit Opfer im Schreiben psychische Entlastung finden und darüber hinaus Zeugnis ablegen können. (vgl. Rosenfeld, 16). Für diesen Widerspruch scheint es weder eine Lösung noch einen Ausweg zu geben, er stellt jeden Autor vor die gleiche Schwierigkeit. Möglich ist aber auch, dass genau diese , Barriere’ Autoren dazu zwingt, ihre Worte wie bei keinem anderen Thema abzuwägen und das Geschriebene immer wieder zu hinterfragen. Über den Holocaust zu schreiben wird nie einfach sein, und das sollte auch so bleiben.

Adornos Diktum ist aber weder für jegliche Kunst noch für jegliche Literatur aufgehoben. Er gesteht den Opfern zu, von ihrem Leiden zu berichten. Weiter legt er einen Fokus auf das historische Schreiben, das sich so genau wie möglich an die Fak­ten hält. Die Literatur, die auf Tatsachen beruht und von diesen berichtet, ist aber nur ein kleiner Teil der gesamten Literaturlandschaft. Was aber ist mit dem Rest? Auch wenn Adorno sein ursprüngliches Diktum bis zu einem gewissen Grad zurückge­nommen hat, hat er an Radikalität nichts eingebüßt, was an folgendem Zitat erkenn­bar ist:

„Alle Kultur nach Auschwitz, samt der dringlichen Kritik daran, ist Müll. Indem sie sich restaurierte nach dem, was in ihrer Landschaft ohne Widerstand sich zutrug, ist sie gänzlich zu der Ideologie geworden, die sie potentiell war [...] (Adorno zitiert nach Kiedaisch, 62).

Abfall, Überreste, Schund, Dreck; all diese sind mögliche Synonyme für Müll. Dass dieser Begriff mit ausschließlich negativen Assoziationen verbunden wird, kann nicht bestritten werden. Trotz seiner Drastik hat diese Beschreibung aber etwas Zu­treffendes. Der Müll, das sind Reste, das ist das, was übrig geblieben ist. Dabei han­delt es sich sicher nicht um schöne Überbleibsel, aber viel wichtiger ist, dass über­haupt noch etwas da ist. Adorno macht also darauf aufmerksam, dass die Kultur nicht gänzlich verschwunden oder gar untergegangen ist. Es sind noch klägliche Überreste vorhanden, die jedoch im Angesicht des Holocausts nicht mehr bestehen können.

Insgesamt kommt die Kultur aber alles andere als glimpflich davon. Im zwei­ten Teil des Zitats herrscht ein deutlich vorwurfsvoller Ton. Adorno verkehrt etwas eigentlich Positives, nämlich dass sich die Kultur nach dem Dritten Reich wieder erholte und präsenter wurde, in etwas Negatives. Für ihn ist es vollkommen unange­messen und empörend, dass sich die Kultur nach all dem Grauen wieder herstellen konnte. Er geht aber noch weiter indem er sagt, dass die Kultur nun ein Teil der Ideo­logie ist, die den Holocaust und die mit ihm verbundenen Grausamkeiten zu verant­worten hat. Adomo ernennt die Kultur zum Komplizen der Mörder; eine Aussage, die an Radikalität kaum zu übertreffen ist. Indem Kunst und Kultur einen Neuanfang wagen, verraten sie die Opfer. Für Adorno darf es nicht nur, es kann gar keinen Neu­anfang geben. Mit dieser negativen Einstellung ist Adorno nicht allein. Deutsche Autoren wie Peter Härtling oder Stefan Heym sind ebenfalls der Meinung, dass durch Auschwitz die „Grenzen der Wirkung der Literatur“ erreicht sind. (Heym zi­tiert nach Kiedaisch, 136. Vgl. auch Härtling zitiert nach Kiedaisch, 102 f.).

Aber ist die Resignation wirklich die Lösung? Und was noch viel wichtiger ist: tut man den Opfern einen Gefallen, indem man ihr unerdenkliches Schicksal be- oder gar verschweigt? So fragen auch Freiburg und Bayer was denn die „Alternati­ve“ wäre, wenn man sich entschließe, den Holocaust aus der Literatur zu verbannen (Freiburg & Bayer, 20). Die größte Gefahr wäre sicherlich, dass die Schrecken der Shoah nach und nach der Vergessenheit anheim fallen würden. (vgl. Hofmann, 15, Schlant, 22 et al.). Wenn niemand mehr darüber schreibt und berichtet, sei es auf Tatsachen beruhend oder fiktional, wie soll das Grauen dann in den Gedächtnissen der Menschen bleiben? Nicht leugnen kann man, dass die Zeitzeugen, nun bereits in einem hohen Alter, nicht mehr ewig unter uns weilen werden. In einer derartigen Situation gewinnt die Literatur an Gewicht, da nur noch sie die wirkliche Zeugen­schaft übernehmen kann. Wenn die Zeugen nicht mehr leben, so hat doch zumindest ihr abgelegtes literarisches Zeugnis weiterhin Bestand, solange es nicht als unmora­lisch oder inadäquat verworfen wird.

„Niemand erzählt meine Geschichte.“, dieser Satz lässt sich im Tagebuch von Hilda Stern Cohen finden, die unter anderem im Ghetto Lodz und ]in Auschwitz lei­den musste. Ihr Mann, der nach ihrem Tod das Tagebuch fand, veröffentlichte die Geschichte seiner Frau. (vgl. Kroneberg). Posthum wurde Cohens Wunsch also war, ihre Geschichte wird erzählt. Dies ist nur ein Beispiel dafür, wie sehr sich einige Überlebende das Erzählen ihrer ganz persönlichen Geschichte, oder besser ihres Martyriums, wünschen. Anders lässt sich auch die Vielzahl von Memoiren und bio­grafischen oder autobiographischen Romanen über den Holocaust nicht erklären. Darüber hinaus wird immer wieder der Wille geäußert, Zeugnis abzulegen, für sich aber auch für all’ die anderen Opfer, die es selber nicht mehr können, weil sie umge­kommen sind.

Es ist also offensichtlich, dass die Literarisierung des Holocaust notwendig ist, für die Überlebenden selbst, aber auch für alle folgenden Generationen. Diese schreckliche Zäsur der Geschichte darf nicht vergessen werden. Vielmehr sollte man wohl jedes einzelne Werk über den Holocaust als individuelle Geschichte ansehen, die zwar nicht der Shoah als Ganzem gerecht werden kann, aber doch „die unzähli­gen kleinen Tragödien“ enthüllt, aus denen der Holocaust nun mal gemacht ist. (Ro­senfeld, 40).

2.2 Das historische Schreiben - der einzige angemessene Weg, den Holocaust zu literarisieren?

Im vorangegangenen Unterkapitel ist deutlich geworden, dass Adorno eine Präferenz für die Kunst hat, die den Holocaust möglichst authentisch repräsentiert. Auch ge­steht er Überlebenden ein, ihren Leiden in der Literatur Ausdruck zu verleihen.

Fraglich ist nun, wie andere Literaturformen, die den Holocaust darstellen, zu bewerten sind. Wie ist es zu bewerten, wenn ein Überlebender einen Roman über die Shoah verfasst, der vielleicht fiktiv ist oder nur teilweise auf Tatsachen beruht? Oder, um noch einen Schritt weiterzugehen, ist es legitim, als nicht Betroffener das Grauen des Holocaust als Romanvorlage zu verwenden? Wie Adorno über diese Fragen ge­dacht hätte, kann nur vermutet werden. Trotzdem möchte ich im Folgenden genau diese Fragestellungen genauer beleuchten, um mich dann danach mit konkreten Lite­raturbeispielen zu beschäftigen.

Wolfgang Hildesheimer ist der Meinung, dass Romane und Dramen nicht mehr möglich sind, „weil sie die Dimension Auschwitz nicht berücksichtigen kön­nen.“ (Hildesheimer zitiert nach Kiedaisch, 99). Ein Roman sei einfach nicht in der Lage, den Holocaust adäquat darzustellen, denn er könne immer nur Teilaspekte be­inhalten. Eine Konstruktion von Einzelfällen, die dem Leser „Identifikation“ anbie­tet, ist in seinen Augen nicht angemessen. (vgl. ibid). Die Tatsache, dass ein einzel­nes Werk niemals der gesamten Dimension des Holocaust gerecht werden kann, habe ich bereits angesprochen. Anstatt aber den unrealisierbaren Anspruch an ein literari­sches Werk zu stellen, den Holocaust adäquat in seiner Gesamtheit darzustellen und damit „nach einer Literatur epischen Ausmaßes Ausschau zu halten“, sollte man „lieber [...] auf die Scherben und Fragmente“ schauen, die von Einzelschicksalen erzählen. (Rosenfeld, 40). Die Shoah besteht aus diesen vielen individuellen Lei­densgeschichten. Der einzelnen ihre Existenzberechtigung abzusprechen, hieße die Opfer weiter zu verhöhnen oder gar zu erniedrigen.

Weiter stellt sich aber auch die Frage, ob, unabhängig von der Herkunft oder Vergangenheit des Autors, der fiktive Roman eine angemessene Art ist, das Thema des Holocaust zu verarbeiten. Adorno und Hildesheimer würden dies gewiss vernei­nen, nichtsdestotrotz lassen sich mittlerweile auch viele durchweg fiktive Romane finden, die den Holocaust mehr oder weniger intensiv thematisieren. Muss man nun davon ausgehen, dass sie alle aufgrund ihrer Gattung illegitime Literarisierungen des Holocaust sind? Freiburg und Bayer stellen fest, dass „keine Gattung ihm [dem Ho­locaust, SR] formal angemessen sein kann.“ (Freiburg & Bayer, 15). Diese Aussage unterstützt die These, dass die Shoah niemals in ihrer vollen Reichweite wird reprä­sentiert werden können, unabhängig vom Medium oder auch von der literarischen Gattung. Ihre Dimension sprengt jegliche menschliche Vorstellungskraft und damit auch jede künstlerische Gestaltung. Den Roman deswegen zu verdammen, wäre also falsch. Er hat genauso wenig eine Chance den Holocaust voll zu erfassen wie alle anderen Repräsentationsmittel auch.

Weiter sollte bedacht werden, dass der Roman als Bindeglied dienen kann, und zwar zwischen dem geschichtlichen Vorkommnis des Holocaust und all denjeni­gen Lesern, die bisher keinen Bezug zu diesem Thema hatten. Ein Roman orientiert sich nicht zuletzt auch an seinen Lesern; „epische Elemente“ machen die Erzählung spannender und erhalten die Neugier des Lesers. (vgl. Reiter, 167 ff.) Gut möglich ist es also, dass die Wahl der Romangattung zu einer größeren Leserschaft führt. Dies bedeutet wiederum, dass der Holocaust als Thema immer mehr Menschen ein Begriff sein wird und angesichts seines Horrors auch wohl nie vergessen werden wird. Kann dies etwas Negatives, Unangemessenes sein? Ich meine nicht. So wichtig die Exakt­heit historischer Daten, Fakten und Berichte sein mag, so „tendiert [doch jegliche] Historisierung zur Abstraktion.“ (Friedländer, 16). Diese Abstraktion würde hinge­gen Leser eher abschrecken, sodass der Roman zwar den historischen Bericht nie und nimmer ersetzen, ihn aber durchaus ergänzen kann. Diese Ergänzung ist nicht per se unmoralisch oder illegitim. Nicht die Gattung bestimmt hier die Angemessenheit, vielmehr ist es die Umsetzung und die Repräsentation im Roman. (vgl. Kröhler, 236). Sich an den Versuch zu wagen, den Holocaust literarisch darzustellen und die eigene Sprachlosigkeit zu bekämpfen und eben nicht dem Schweigen zu verfallen, ist keine Anmaßung, es ist ein Zeichen, dass die Täter auch posthum keinen Sieg errin­gen konnten. (vgl. Rosenfeld, 22).

[...]

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Probleme der Darstellung des Holocaust - John Boyne, Ralph Giordano, Art Spiegelmann
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Note
2.0
Autor
Jahr
2011
Seiten
35
Katalognummer
V179803
ISBN (eBook)
9783656023210
ISBN (Buch)
9783656022947
Dateigröße
556 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Holocaust, Holocaustliteratur, Ralph Giordano, Art Spiegelman, John Boyne, Der Junge im gestreiften Pyjama, MAUS, Erinnerungen eines Davongekommenen, Erinnerungsliteratur, Ästhetik
Arbeit zitieren
B.A. Sarah Ruhnau (Autor), 2011, Probleme der Darstellung des Holocaust - John Boyne, Ralph Giordano, Art Spiegelmann, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179803

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