Rituale und Zeremonien als soziokulturelles Gut


Hausarbeit, 2001
15 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorgehensweise

3. Definition und Wortgeschichte

4. Ritual, Ritus, Ritualisierung, Ritualismus

5. Ritual und Symbol

6. Ritual und Religion

7. Ritual als Form der Kommunikation und Mittel zur Bewältigung von Allgemeinheiten und Besonderheiten im Alltag
7.1. Rituale im Gesundheitswesen
7.1.1. Pflegerituale
7.1.2. Erscheinungsrituale

8. Übergangsriten

9. Entritualisierung oder Renaissance der Rituale?.

10. Zusammenfassende Schlussbetrachtung

11. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Das Ausüben von Ritualen und Zeremonien sind wichtige soziale Verhaltensweisen, die den Menschen als soziales Wesen ausmachen. Sie werden ständig und überall praktiziert und als soziokulturelles Gut von Generation zu Generation weitervererbt. Sie haben wichtige soziale Funktionen und helfen schon seit Urzeiten bei der Verarbeitung von inneren Gefühlen und Erfahrungen.

Im Rahmen dieser Arbeit möchte ich auf „Rituale und Zeremonien als soziokulturelles Gut“ eingehen und einen kurzen Überblick über die vielfältigen Bereiche und die Funktionen, in denen sie wahrgenommen werden, darstellen.

Bei der Erarbeitung des Stoffes musste ich allerdings feststellen, dass das Thema in der Literatur aus recht verschieden Blickwinkeln, einzelner Wissenschaftsgebiete dargestellt wird. Aus Platz und Zeitgründen kann ich im Referat leider nur einen kleinen bzw. kurzen Einblick dazu geben. Ich werde auf Wortgeschichte und Definition, die Rolle der Symbole in rituellen Handlungen und auf die Unterscheidung von Ritual, Ritus, Ritualisierung und Ritualismus eingehen. Des weiteren versuche ich die Wirkungsfelder und die spezifischen Funktionen darzulegen. Zu besprechende Wirkungsfelder sind der religiöse, kultische Bereich, das Ritual als Form der Kommunikation, als Mittel der Bewältigung des Allgemeinen und Besonderen im Alltag. Hier werde ich kurz auf das Gesundheitswesen eingehen und das Erscheinungsritual und Pflegeritual erwähnen. Danach werde ich über die Funktion und den Aufbau von Übergangsriten reden. Vor der zusammenfassenden Schlussbetrachtung widme ich mich dem Verhältnis des Rituals zum beschleunigt kulturellen Wandel unserer Gesellschaft und der z.T. kontrovers diskutierten Problematik: Kann man heute von einer Entritualisierung oder eher von einer Renaissance der Rituale sprechen?

2. Vorgehensweise

Zur Erarbeitung des angegebenen Themas wählte ich als Vorgehensweise die Literaturrecherche. Um erst einmal einen Überblick zu bekommen schaute ich zunächst in mehrere Lexika. Am meisten behilflich waren u.a. „Grundbegriffe der Soziologie“, herausgegeben von B. Schäfers und das „Soziologie Lexikon“ vom Oldenburg Verlag. Zum tieferen Einblick schaute ich in Arbeiten aus verschiedenen Wissenschaftsgebieten zum Thema „Ritual“. Hilfreich waren hier u.a. die Werke aus anthropologischer und ethnologischer Sicht von Mary Douglas „Ritual, Tabu, und Körpersymbolik“, Turner „Das Ritual, Struktur und Anti- Struktur“ und Cecilia Rendmeister in „Bilder- Symbole- Rituale“ von Wolfg. Scheiblich herausgegeben. Weiterhin konnte ich einen Einblick bei Reiner Weidmann „Rituale im Krankenhaus“ in die ethnopsychoanalytische und bei „Pflegerituale“ von Mike Walsh und Pauline Ford in die pflegewissenschaftliche Betrachtungs- bzw. Bearbeitungsweise erhalten. Für mich relevante Artikel entdeckte ich u.a. in der Fachzeitschrift „Die Schwester/ Der Pfleger“, zur Thematik der Pflegerituale.

3. Definition und Wortgeschichte

Zunächst zur Wortgeschichte. Ausgangspunkt ist das Wort Ritus mit der Bedeutung „Zeremonie, feierlicher religiöser Brauch“. Es wurde im 17.Jhd. aus dem gleichbedeutenden lat.“ritus“ entlehnt. Das Adjektiv „Ritualis“ hatte sich schon früh verselbstständigt und substantiviert. Daraus wurde im sprachlichen Alltag der säkulare Begriff Ritual. Auch in älteren Wortstämmen haben sich Bedeutungsaspekte erhalten: altind. Rtam : sittliche Weltordnung, altgerm. Urd: Schicksalsmacht. (S. Weis, K., 2000, 288)

Zu Zeremonie finden wir im Herkunftswörterbuch: „Zeremonie: <Gesamtheit der zu einem Ritus gehörenden äußeren Zeichen und Handlungen; Feierliche Handlung; Feierlichkeit>,“. (Duden, 1989, 828) Es hat sich im 14.Jh. aus dem mlat. Ceremonia (lat.caerimonia“ religiöse Handlung; Feierlichkeit“) entlehnt und geriet ab dem 16.Jh. „unter den Einfluss von entsprechend franz. Céremonie. (ebd.)

Rituale und ihre Handlungsmuster werden von verschiedenen Wissenschaftszweigen beschrieben und erforscht. Ethnologen, Anthropologen, Psychologen, Religions­wissenschaftler beschreiben und definieren diese aus ihrer eigenen spezifischen Sicht. Es gibt eine Vielzahl von Definitionen. Um aber überhaupt erst einmal eine kurze, wenn auch allgemeinere Definitions­erklärung zu haben, schaute ich zunächst in das Lexikon.

Ritual, im allgemeinen Sprachgebrauch regelmäßig stattfindende weitgehend gleichablaufende Handlungsabfolge. In den Sozialwissenschaften bezeichnet man mit Ritual eine Folge von traditionell bestimmten, nicht alltäglichen Handlungen, die expressiv betont werden und weitgehend standardisiert sind. Nach Émile Durkheim haben sie die Funktion, die Gruppenidentität und das Zusammengehörigkeitsgefühl einer sozialen Gruppe zu bestätigen und zu stärken. Mit dem Begriff Ritus werden Teilbereiche eines gesamten Rituals oder einzelne rituelle Handlungen innerhalb eines Rituals bezeichnet. (Jutta Brusis)“ (Microsoft Encarta Enzyklopädie 2000)

Ritual, Begriff von ungenauer Bedeutung, oft bedeutungsgleich mit Ritus.

1) Sozial geregelte, kollektiv ausgeführte Handlungsabläufe, die nicht zur Vergegenständlichung in Produkten oder zur Veränderung der Situation führen, sondern die Situation symbolisch verarbeiten.
2) Allgemein in der Bedeutung von Festgefügten Modellen und Spielregeln des sozialen Verhaltens (z.B. Begrüßung, Kampf, Friedensschluss, Ehrung).“

(Lexikon zur Soziologie, 1988, Obladen, S.650)

Rituale sind also erst einmal „kulturell standardisierte Handlungen mit einer symbolischen Bedeutung.“ (Weis, K., 1992, 486) Durchgeführt werden sie „bei bestimmten Anlässen die von Traditionen vorgeschrieben sind.“(ebd.) Einige beschreiben Rituale auch einfach „als symbolisches Verhalten, welches zu bestimmten Gelegenheiten in stilisierter Form wiederholt wird.“( ebd.). Sie sind in der Regel sehr komplexe Handlungsabläufe, die szenisch praktiziert werden. Die Informationen und Situationen werden symbolisch dargestellt und informieren den, der die Symbole auch kennt. Alle Rituale setzen die Symbolbenutzung voraus. Sie verdeutlichen gesellschaftliche Normen, steuern, erlauben und begrenzen Verhalten und können sowohl bewusst arrangiert, als auch unreflektiert und unbewußt eingesetzt werden.

Rituale dienen der Kommunikation, sie werden als expressiv bezeichnet. Wahrgenommen werden sie meist als Interaktions- und Begrüßungsritual (z.B. Gruß, Handschlag, etc.), im Bereich „des religiösen Kultus von Stammeskulturen bis zu den derzeitigen Weltreligionen; im Christentum etwa Sakramente, hl. Messen und Abendmahlsfeiern“(Weis, K., 2000, 287) und als Ritual der Übergangs- und Statuswechsel. Auf all diese Gebiete werde ich noch später etwas genauer eingehen.

Wie schon erwähnt, ist der Sprachgebrauch sehr ungenau. Kurt Weiß weißt darauf hin, dass schon allein “Ritual“ und „Zeremonie“ von den Wissenschaften unterschiedlich, mal als Ober- und Unterbegriff, oft aber auch gleichberechtigt und austauschbar verwendet werden. (S. Weis, K., 2000,288) R. Weidmann schreibt: „Die Rituale sind in eine `zeremonielle Ordnung´(Goffmann 1975,S.126) eingebunden.“(Weidmann, R., 1990, S.53). Von vielen Autoren werden aber Zeremonien als Gesamtbegriff für den äußeren Rahmen ritueller Handlungen verwendet, insbesondere für die Übergangs- und Initiationsriten.

In den Ausführungen von Kurt Weiß werden Ritual, Ritus, Ritualisierung und Ritualismus klar getrennt. Ich denke, seine deutliche Abgrenzung dieser Begriffe ist für uns nicht unwichtig und werde im nächsten Abschnitt darauf eingehen.

4. Ritual, Ritus, Ritualisierung, Ritualismus

Ritual, Ritus, Ritualisierung, Ritualismus werden von K. Weis detailliert unterschieden, da sie „ verschiedene Verhaltenskomplexe aus unterschiedlicher anthropologischer, kirchlicher und säkularer Sicht“ beschreiben und „unterschiedliche Bewertungen“ enthalten. (Weis, K., 2000,288) Die Trennung ist allerdings schwierig, da die Übergänge oft fließend sind.

Rituale vereinfachen, typisieren das Verhalten. Als komplexe, szenische Handlungsabläufe bestärken sie bestehende Gemeinsamkeitszustände. Dies gilt für alle Interaktionsrituale, insbesondere Grußrituale. Dabei werden die soziale Ordnung, Benimmregeln, Distanzen zwischen Geschlechtern und Altersklassen symbolisch geregelt.

Riten sind „rituelle Handlungen, welche ebenfalls aus einer „Kombination ritualistischer Ausdrucksweisen“ bestehen. Sie sollen aber eine “Situation gestalten, Verarbeiten, Bindungen schaffen, Kontakte zur Umwelt oder zum Jenseits herstellen, Übergänge und Veränderungen bewältigen, Interaktions-Abbrüche (z.B. Tod) und andere menschliche Krisen verarbeiten“. (Weis, K., 2000,289) Auf diese Übergangsriten gehe ich im achten Abschnitt genauer ein.

Ritualisierung definiert K. Weis als eine „Stilisierung und Vereinfachung funktional wichtiger Verhaltensfolgen, oft durch Übertreibung und rhythmischer Wiederholung von Signalen und Gesten.“(ebd.) Diese Formalisierungen können wir zum Beispiel beim Gruß-, Balz-, Tanz-verhalten (auch im Tierreich) finden. K. Weiß verweißt darauf, dass eine Ritualisierung zum Ritus ausgebaut oder aber zu einer Routine verflacht werden kann.

Ritualismus ist eine extreme Form der Ritualisierung. Robert K. Merton beschreibt diese Form als eine Anpassungsform auf anomische Desorientierung (Weis, K., 2000, 289). Sinn, Zweck, Ziel und Inhalt sind den Verhaltensweisen verlorengegangen und werden nur noch in der Form aufrechterhalten, z.B. „falsche“ Frömmigkeit, Moral, etc..

(S., Weis, K., 2000, 288- 289)

5. Ritual und Symbol

Rituelle Handlungen sind symbolische Handlungen, mit einer symbolischen Bedeutung. Informationen und Situationen werden symbolisch verarbeitet und werden nur von dem verstanden, der den Symbolcharakter auch kennt. Die verwendeten Symbole haben somit eine idenditätstiftende und gemeinschaftsfördernde Funktion. So ist zum Beispiel der klassische weiße Kittel von Ärzten, Schwestern, Pflegern im Krankenhaus ein Symbol, welches die Gesundheitsberufe optisch vereint. Die Farbe Weiß symbolisiert hier Reinheit, Sauberkeit, Hygiene, (moralische) Unbeflecktheit, und steht im Kontrast zu der, im Krankenhaus, ständigen Anwesenheit von Krankheit, Tod, Schmerz, Trauer und Hoffnungslosigkeit, welche in unserem Kulturkreis durch die Farbe Schwarz symbolisiert wird. Angestellte werden durch ihren Kittel als solche erkannt. Ein Status wird symbolisiert, welches einem statusdienenden rituellen Verhalten dient.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Rituale und Zeremonien als soziokulturelles Gut
Hochschule
Alice-Salomon Hochschule Berlin  (Pflege / Pflegemanagement)
Veranstaltung
Soziologie/ Medizinsoziologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V17983
ISBN (eBook)
9783638224130
ISBN (Buch)
9783656519669
Dateigröße
524 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Dichter Text - einzeiliger Zeilenabstand.
Schlagworte
Rituale, Zeremonien, Soziologie/, Medizinsoziologie
Arbeit zitieren
Diplom-Pflegewirt (FH) Peter-Michael Schulz (Autor), 2001, Rituale und Zeremonien als soziokulturelles Gut, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/17983

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