Alles stimmt, aber auch das Gegenteil

Kurt Schwitters "An Anna Blume"


Seminararbeit, 2011

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kurt Schwitters ist DADAist

3 Aller Anfang ist Merz

4 „An Anna Blume. Merzgedicht 1“
4.1 Entstehung und Veröffentlichung des Gedichts
4.2 Inhalt und Aufbau des Gedichts
4.3 „An Anna Blume“ als Parodie
4.3.1 ...auf die Liebeslyrik
4.3.2 ...auf die Lyrik des »Sturm«
4.4 Wer ist Anna Blume?

5 Schlussbetrachtung

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

1 Einleitung

Als Kurt Schwitters 1919 sein Gedicht „An Anna Blume“ veröffentlichte, entfachte er einen Skandal unter den Kunstkritikern. „Neue Wahnsinnsformen“, „ungereimter Unsinn“ und „Verworrenheit der Psyche“ (Hereth 1996, 17) lautete die zeitgenössische Rezeption. Denn die alteingesessene Schule orientierte sich während der einsetzenden Moderne noch an eingefrorenen Bewertungsschemata und lehnte jegliche Abweichung von der Norm schlichtweg ab. Schwitters versuchte die Kunst von diesem Normbegriff zu befreien und die Gesellschaft zum Umdenken zu bewegen, indem er eine neue Sichtweise auf die Kunst propagierte. Auch eine andere Bewegung hatte sich das gleiche Ziel auf die Fahne geschrieben: der Dadaismus. Das Verhältnis Schwitters zu den Dadaisten war seit jeher ein ambivalentes und er wird von der Literaturwissenschaft nur bedingt zum dadaistischen Kreis gezählt. Seine Merzkunst baut jedoch auf den Prinzipien Dadas auf und bildet dessen geistigen Hintergrund.

Die vorliegende Arbeit soll einen Versuch darstellen Schwitters erstes Merzgedicht „An Anna Blume“ zu interpretieren. Dabei sollen sowohl seine Verbindung zum Dadaismus als auch die Prinzipien der Merzkunst berücksichtigt werden. Ziel der Arbeit ist jedoch keine einheitliche Interpretation des Gedichtes, sondern das Aufzeigen verschiedener Verständnismöglichkeiten.

Der erste Teil der Hausarbeit geht auf das künstlerische Phänomen Dada ein und veranschaulicht Schwitters‘ Verhältnis zu den Dadaisten. Im nächsten Abschnitt konzentriere ich mich auf die von Schwitters eigens initiierte Kunstbewegung Merz. Hierbei werde ich vor allem auf die Verfahrensweisen des Merzkünstlers eingehen. Anschließend möchte ich Schwitters‘ Gedicht „An Anna Blume“ unter die Lupe nehmen. In diesem Sinne werde ich zunächst die Umstände bei der Entstehung und Veröffentlichung des Gedichtes untersuchen, danach komme ich auf den Inhalt und Aufbau zu sprechen. Im Anschluss daran soll geklärt werden, inwiefern „An Anna Blume“ eine Parodie auf die Liebeslyrik und auf die Lyrik des »Sturm« darstellt. Zum Schluss möchte ich der Frage nachgehen, wer sich hinter Anna Blume verbirgt.

2 Kurt Schwitters ist DADAist

Am Anfang des 20. Jahrhunderts begann die Kunst eine neue Richtung einzuschlagen und sich von dem traditionellen Kunstbegriff abzuwenden. Als Reaktion auf die allgegenwärtige Destruktion und Gewalt des ersten Weltkrieges, die Einsamkeit aufgrund der zunehmenden Verstädterung und Enthumanisierung durch die Industralisierung formierte sich die Gruppe der Dadaisten, die mithilfe von provokanten Auftritten und absurden Inszenierungen ein neues Bewusstsein in der Bevölkerung schaffen wollte. Die Welt erschien den Dadaisten als Chaos, in dem keine Ordnung zu erkennen war. Daher versuchten sie mit bewussten Widersprüchen gegen die bürgerliche Ordnung anzugehen und den Vertretern der alten Schule klarzumachen, dass nicht jedes Kunstwerk nach festen Schemata bewertet werden kann.

Vor allem das »Cabaret Voltaire« machte den Dadaismus weltweit bekannt. Es wurde im Jahr 1916 in Zürich ins Leben gerufen und unter den Gründungsmitgliedern waren so einflussreiche Künstler wie Hugo Ball, Hans Arp und Richard Huelsenbeck. Es diente den Vertretern Dadas als Auftrittsfläche für Werke verschiedener Richtungen. Die Aktionen umfassten sowohl theatrale Inszenierungen als auch gemeinsames Musizieren, Tanzaufführungen und Gedichtvorträge. Die Dadaisten versuchten damit die Grenzen zwischen den Kunstgattungen aufzubrechen und zu neuen Ausdrucksformen hervorzustoßen. Ihr angestrebtes Ziel war das Gesamtkunstwerk.

Bis heute ist keine exakte Definition des Dadaismus überliefert und selbst seine Vertreter taten sich schwer die dadaistische Bewegung dem meist irritierten und geschockten Zuschauern verständlich zu machen. Richard Huelsenbeck gab im März 1916 die nachstehende Erklärung ab:

Dada wurde in einem Lexikon gefunden, es bedeutet nichts. Dies ist das bedeutende Nichts, an dem nichts etwas bedeutet. Wir wollen die Welt mit Nichts ändern, wir wollen die Dichtung und die Malerei mit Nichts ändern und wir wollen den Krieg mit Nichts zu Ende bringen (Richard Huelsenbeck zit. nach Schuhmann 1991, 187).

Die Frage „Was ist Dada?“ erklärten die Anhänger des Dadaismus schließlich als undadaistisch, denn Dada kann man nicht begreifen, man muss es erleben.

Obwohl Dada nicht logisch zu fassen ist, gibt es doch einige Grundprinzipien der Richtung. Zu den wohl wichtigsten Charakteristiken gehört der bewusste Verzicht auf jegliche Ordnung und Kontrolle, sowie die Anerkennung des Zufalls. Der Zufall ermöglichte die Grenzen der Logik zu durchkreuzen und neue Beziehungen zu kreieren, indem Alltägliches in einen neuen künstlerischen Kontext gebracht wurde. Montage und Collage wurden daher zu beliebten Ausdrucksmitteln. Die Materialien sind dabei gleichwertig und werden erst durch ihre Verbindung miteinander zu Kunst. Die Dadaisten versuchten gegen die konventionelle Sprache der Dichtung vorzugehen, indem sie eine Lautdichtung erfanden, bei der keine semantisch sinnvollen Sätze mehr feststellbar waren. Die öffentlichen Auftritte im »Cabaret Voltaire« sollten die Zuschauer mit allerlei Verrücktheiten aus der Fassung bringen und ihre Erwartungshaltung gegenüber der Kunst enttäuschen. Die Aktionisten versuchten dabei das Publikum in das Geschehen auf der Bühne zu integrieren (vgl. Kramer 2006, 3-9).

Nach dem Krieg löste sich der Züricher Kreis der Dadaisten auf (vgl. Frank 2009, 59). Von Zürich aus verbreitete sich der Dadaismus schnell in der ganzen Welt und es entstanden neue Dada-Zentren in Berlin, Paris, New York und Hannover. Eine der zentralen Figuren der dadaistischen Bewegung und der wichtigste Vertreter des Hannover-Dada war Kurt Schwitters. Obwohl er von sich selbst behauptete: „Ich war Dadaist, ohne die Absicht zu haben einer zu sein“ (Kurt Schwitters, 1947 zit. nach Elger 1933, 51). Diese Aussage ist jedoch nicht vollkommen richtig, denn Schwitters war durchaus bemüht in den Berliner Club Dada aufgenommen zu werden, da er Gemeinsamkeiten zwischen den Auffassungen der Dadaisten und seinen eigenen sah. Schwitters Produktionsweisen deckten sich tatsächlich mit denen der Dadaisten; er widmete sich ebenfalls der Montage und Assemblage, der Lautpoesie und dem Lettrismus, stellte Readymades und Collagen her. Außerdem arbeitete Kurt Schwitters mit einigen Vertretern des Dadaismus zusammen gegen die Sinnlosigkeit des Krieges und die nur langsam voranschreitende Restauration der Weimarer Republik (vgl. Grasshoff 2000, 141f.). Der Beitritt zum Berliner-Dada blieb ihm trotz allem verwehrt aufgrund persönlicher Differenzen mit Richard Huelsenbeck. Unter Huelsenbecks Leitung nahm der Dadaismus eine radikale politische Position und antikünstlerische Haltung an. Im Gegensatz dazu strebte Schwitters nach einem reinen Kunstwerk. Huelsenbeck lehnte auch den »Sturm«-Kreis ab, dem sich Schwitters zuvor angeschlossen hatte (vgl. Elger 1933, 52f.). Daher ist es nicht verwunderlich, dass Kurt Schwitters nicht in die Berliner Gruppe der Dadaisten aufgenommen wurde und daraufhin seine „Ein-Mann-Kunstbewegung Merz“ (Ebd., 55) gründete.

Die Merzkunst und der Dadaismus stehen in einem zwiespältigen Verhältnis zueinander, dies verdeutlich auch das folgende Zitat Schwitters:

Man könnte denken, ich bezeichne mich selbst als einen Dadaisten, zumal da auf dem Umschlag meiner Gedichtsammlung „Anna Blume“ [...] das Wort „dada“ geschrieben steht. Auf demselben Umschlag ist eine Windmühle, ein Kopf, eine rückfahrende Lokomotive und ein Mann gezeichnet, der in der Luft hängt. Das bedeutet weiter nichts, als dass in der Welt, in der Anna Blume lebt, in der Menschen auf dem Kopfe gehen, Windmühlen sich drehen und Lokomotiven rückwärtsfahren, auch dada existiert. Um nicht missverstanden zu werden, habe ich auf den Umschlag meiner Kathedrale „Antidada“ geschrieben. Das bedeutet nicht, dass ich gegen Dadaismus wäre, sondern dass es in dieser Welt auch eine gegen den Dadaismus gerichtete Strömung gibt. Lokomotiven fahren von hinten und von vorne. Warum soll eine Lokomotive nicht einmal rückwärtsfahren? (Kurt Schwitters zit. nach Schuhmann 1991, 305).

3 Aller Anfang ist Merz

Die Merzkunst wurde von Kurt Schwitters 1919 erstmals ausgerufen und hielt sich bis ins Jahr 1948. Der Bezeichnung Merz entstand aufgrund einer Werbung der Commerzbank. Die Herkunft des Namens kann man ebenso als „Kritik an einer kommerzialisierten Kunst wie als ironischer Verweis auf das eigene Geschäftstalent“ (Braun 1995) verstehen. Außerdem verweist der Ausdruck Merz auf Schmerz und Herz, ist homophon mit dem Monat März und deutet auf das Verb ausmerzen hin (vgl. Ebd.).

Merz bezeichnet eine künstlerische Richtung, die Elemente der bildenden Kunst, Architektur, Theater, Musik und Literatur miteinander vereint und immer im Zusammenhang mit der Person Kurt Schwitters steht. Verschiedene Gattungen und Künste sollen bei der Merzkunst so aufeinander wirken, dass keine Grenzen mehr zwischen ihnen festgestellt werden können (vgl. Henzler 1992, 97f.). Schwitters selbst formulierte dies folgendermaßen: „Kunstarten gibt es nicht, sie sind künstlich voneinander getrennt worden. Es gibt nur die Kunst. Merz aber ist das allgemeine Kunstwerk, nicht Spezialität“ (Kurt Schwitters zit. nach Ebd., 119).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Alles stimmt, aber auch das Gegenteil
Untertitel
Kurt Schwitters "An Anna Blume"
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V179839
ISBN (eBook)
9783656023425
ISBN (Buch)
9783656023678
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
alles, gegenteil, kurt, schwitters, anna, blume
Arbeit zitieren
Christin Lübke (Autor:in), 2011, Alles stimmt, aber auch das Gegenteil, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179839

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