Fremde Zeichen in Annette von Droste-Hülshoffs "Judenbuche"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Drostes Judenbuche und das Interpretationsdilemma

II. Erzählstrategien
II. I. Genre
II. II. Der „Auszug aus den Akten“
II. III. Ein Erzähler, zwei Perspektiven

III. Fremde Zeichen
III. I. Eine Narbe als Erkennungszeichen?
III. II. Drostes Indizienspur
III. III.„Ein Manifest des Fremden“

IV. Des Rätsels Lösung …

V. Literaturverzeichnis
V. I. Quellen
V. II. Darstellungen

I. Drostes Judenbuche und das Interpretationsdilemma

Die 1842 erschienene Erzählung Die Judenbuche von Annette von Dros- te-Hülshoff gehört zu den meist interpretierten Texten des 19. Jahrhun- derts. Dabei hat sie sich im Spiegel der Forschung als überaus vielschich- tiges Werk erschlossen. Der Radius der Deutungen spannt sich von der eindimensionalen Absolutsetzung eines Aspekts bis hin zur resignieren- den Kapitulation vor ihrer Vieldimensionalität und ´Dunkelheit`1.

Fast jeder Interpret hat die Lebensgeschichte des Protagonisten Friedrich Mergels auf seine Weise neu interpretiert und es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass dies über lange Zeit mit dem Anspruch geschah, das Rätsel gelöst zu haben.2

Die vielen verschiedenen Deutungen haben mit ihren jeweiligen Ansätzen alle ihre Berechtigung, denn die erzählte Geschichte bleibt unter vielen Gesichtspunkten offen und lässt somit die Vielfalt unterschiedlicher Inter- pretationen zu.3 Dieser Spielraum, den Droste durch ihr Erzählprinzip, Zu- sammenhänge und Einzelheiten in der Judenbuche lückenhaft darzustel- len, schafft, führt nun mehr oder weniger zu einem Interpretationsdilemma. Keine der zahlreichen Auflösungen wurde bisher zur allgemeingültigen Lösung erklärt.

Nicht selten musste Droste schon zu Lebzeiten den Vorwurf dichterischer, ´obscuritas` über sich ergehen lassen. Mit der Intensität dieser ´Dunkelheit` ging Droste allerdings soweit, dass sie selbst den Fachge- lehrten in ungewöhnlichem Maße zu schaffen gemacht hat. Schon die Titel einzelner Forschungsbeiträge lassen dies erkennen: „ Erz ä hltes Mysteri- um4, „ Die Judenbuche: Das Ä rgernis des R ä tsels und der Aufl ö sung5 oder „ Enth ü llen und Verh ü llen in Annette von Droste-H ü lshoffs Judenbu- che6.

Droste war sich dieser, ´Dunkelheit` selbst durchaus bewusst, entwirft sie doch in der Komödie Perdu! mit der Gestalt der Freiin Anna von Thielen ein dichterisches Selbstporträt, welche sie im Stück als „ ein bedeutendes Talent [charakterisiert] aber es scheint ihr doch so gar nicht daran gelegen, ob sie verstanden wird oder nicht: mit ein paar Worten, mit einer Zeile k ö nnte sie zuweilen das Ganze klar machen, und sie thuts nicht7.

Die Judenbuche gilt zu recht als schwer verständlich, dunkel und rätsel- haft- seit längerer Zeit ist genau dies ein weiterer Schwerpunkt der ger- manistischen Forschung. Heinrich Henel brachte es 1967 auf den Punkt: „ Der Sinn der Novelle eben liegt in ihrer Dunkelheit .“ Die „ Enth ü llung und Verh ü llung “ sind nach Henel Kalkül und Erzählstrategie Drostes.8 Trotz der Mannigfaltigkeit der Deutungsansätze lassen sich durchgängige Interpretationsmuster erkennen: anfangs stand die metaphysische Deu- tung, unter die die religiöse Kategorie und die des Schicksals fallen, im Vordergrund; in den letzten 20 Jahren verschob sich der Schwerpunkt auf die sozialhistorischen und psychologischen Aspekte der Erzählung.9

Seitdem die Forschung mit den Werkdeutungen der letzten Jahre immer stärker die ´Dunkelheit` des Werkes betont und als Erzählprinzip Drostes ausdeutet, ist das Textverständnis noch mehr als bisher auf die Analyse der sprachlichen, begrifflichen und motivlichen Organisation der Dichtung angewiesen.10 In der vorliegenden Arbeit erfolgt unter II. und III. die Unter- suchung des Erzählprinzips Drostes und der vermeintlich von ihr beab- sichtigten Wirkung ihrer gesetzten Zeichen auf den Leser der Judenbuche.

Ob dieser Arbeit zum Schluss eine unwiderlegbare Auflösung des Rätsels um die Judenbuche gelingt, darf bereits im Vorfeld bezweifelt werden- und darf hier auch gar nicht das Ziel sein. Vielmehr gilt es den Indizien- reichtum Drostes aufzuzeigen und die These zu untermauern, dass der Autorin an einer Auflösung oder einseitigen Interpretation ihres Werkes nicht gelegen war.

II. Erzählstrategien

II.I. Genre

Die Vorschläge welcher Gattung und Epoche die Judenbuche zuzuordnen sei, stehen weithin in Abhängigkeit von den skizzierten Konzepten, also von den interpretatorischen Vorentscheidungen, die der Rezipient vor- nimmt.

Diskutiert wird die Judenbuche in der Forschung vor allem als Novelle, Dorf-, Kriminal- und Dedektivgeschichte- und selbstverständlich als Sittengemälde. Den Terminus Sittengemälde übernahm Droste von August Wilhelm Iffland, dessen Erfolgsdrama Die J ä ger von 1785 den ebenfalls unüblichen Untertitel Ein l ä ndliches Sittengem ä lde führt. Durch die Ortsnamen, die meist abgekürzt sind und die auffällig oft eingesetzten Jahreszahlen beschreibt Droste im Gegensatz zu Ifflands Sittengem ä lde ein historisch und geographisch fixiertes Milieu.11

Die Judenbuche-Rezeption tendiert dazu, die Erzählung auf das Genre festzulegen, die sie am plakativsten bedient- das des Kriminalstücks12 ; überschreibt Droste selbst doch eine ihrer im Vorfeld handschriftlich ver- Dick, Ernst S.: Schlag, schlagen, erschlagen: zur Wort- Begriffssymbolik der „Judenbuche“, in: Beckers, Hartmut und Schwarz, Hans: Gedenkschrift für Jost Trier. Wien 1975 S.262.

fassten Entwürfe mit dem Titel: „ Friedrich Mergel, eine Criminalgeschichte des 18ten Jahrhunderts13.

Da es jedoch bei jeglicher Zuweisung zu lediglich einer Gattung immer auch Widersprüche gibt, ist ganz klar zu konstatieren:

Drostes Judenbuche bedient sich mehrerer Genres dem Prinzip folgend, das Einzeltexte nicht mit den Genrekonventionen einer einzelnen Gattung operieren.14

II. II. Der „Auszug aus den Akten“

Die Darstellung „Geschichte eines Algierer Sklaven“, die Drostes Onkels August von Haxthausen 1818 in der Göttinger Zeitschrift Die W ü nschel- ruthe veröffentlichte, bezeichnet diese in einem Brief als „ Auszug aus den Akten15. Somit misst sie dem Bericht, wie es auch die ältere Forschung tat, die Rolle eines zuverlässigem, objektivem Tatsachenberichts bei.16 Gewiss liegt der Judenbuche historische Faktizität zugrunde: das Schick- sal des Judenmörders und Algierer Sklaven Hermann Winkelhannes, „ den menschliches Gesetz nicht mehr erreichte “ [und der] „ nachdem er lange Jahre fern umher geschweift, wieder durch des Geschicks geheimnisvoller Gewalt zu dem Kreis, Ort und Boden des Verbrechens zur ü ckgebannt, dort sich selbst Ge- rechtigkeit ge ü bt17.

Haxthausen hat den Stoff für uns heute erkennbar einer Literarisierung und Fiktionalisierung18 unterworfen. In seiner Darstellung ist der Fall völlig klar: Hermann Winkelhannes hat sich rund 24 Jahre nach dem Mord an einem Juden, den er auch gesteht, am Ort des Verbrechens erhängt und sich somit selbst gerichtet.

[...]


1 Schneider, Ronald: Realismus und Restauration. Kronberg 1976 S.250.

2 Begemann, Christian: Kommentar. In: Annette von Droste-Hülshoff. Begemann, Christian (Hrsg.): Die Judenbuche. Ein Sittengemäl- de aus dem gebirgichten Westphalen. Frankfurt am Main 1999 S. 110.

3 Gössmann, Wilhelm: „ Die Judenbuche“- eine Geschichte der Nicht- heimkehr, in: Zeitschrift für deutsche Philologie 99 (1980). S. 133.

4 Rölleke, Heinz: Erzähltes Mysterium. Studie zur Judenbuche der Annette von Droste- Hülshoff, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte 42, 1968.

5 Wittkowski, Wolfgang: „Die Judenbuche“: Das Ärgernis des Rätsels und der Auflösung“, in: Heselhaus, Clemens/ Woesler, Win- fried(Hrsg.): Droste- Jahrbuch 1 1986/87. Münster 1986

6 Bernd, Albrecht Clifford: Enthüllen und Verhüllen in Annette von Droste- Hülshoffs Judenbuche , in: Günther, Vincent J. u.a.: Un- tersuchungen zur Literatur als Geschichte. Festschrift für Benno von Wiese. Berlin 1973.

7 Droste-Hülshoff: Perdu! In : Woesler, Winfried (Hrsg.) : Annette von Droste-Hülshoff. Historisch-kritische Ausgabe. Tübingen 1982, S.55.

8 Henel, Heinrich: Annette von Droste-Hülshoff: Erzählstil und Wirk- lichkeit. In: Schwarz, Egon u.a.:Festschrift für Bernhard Blume. Göttingen 1976 S.159.

9 Linder, Jutta: Strafe oder Gnade? Zur Judenbuche der Droste. In: Woesler, Winfried (Hrsg.): Droste-Jahrbuch 3 1991-1996. Pader- born 1997 S.85.

11 Ribbat, Ernst: Stimmen und Schriften. Zum Sprachbewusstsein in den Haidebildern und in der Judenbuche, in: Ribbat, Ernst: Dia- loge mit der Droste. Paderborn 1998 S.241.

12 Liebrand, Claudia: Kreative Refrakturen. Annette von Droste- Hüsl- hoff. Freiburg 2007 S.219.

13 Droste- Hülshoff, Annette:Historisch- kritische Ausgabe. Prosa. Bnd. V,2,, Hrsg. Woesler, WinfriedTübingen 1984, S. 258.

14 Liebrand, S. 216.

15 Schulte Kemminghausen, Karl ( Hrsg.): Die Briefe der Annette von Droste- Hülshoff. Gesamtausgabe. Erster Band Jena 1944 S. 367.

16 Begemann, S.91.

17 Haxthausen, A. Freiherr: Geschichte eines Algierer Sklaven, in: Begemann, Christian (Hrsg.): Annette von Droste-Hülshoff. Die Judenbuche. Ein Sittengemälde aus dem gebirgichten Westpha- len. Frankfurt am Main 1999 S. 67

18 Begemann, S. 90.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Fremde Zeichen in Annette von Droste-Hülshoffs "Judenbuche"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur)
Veranstaltung
Hauptseminar: Fremde Zeichen
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
18
Katalognummer
V179842
ISBN (eBook)
9783656023975
ISBN (Buch)
9783656023920
Dateigröße
896 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
fremde, zeichen, annette, droste-hülshoffs, judenbuche
Arbeit zitieren
Jasmin Kamar (Autor), 2010, Fremde Zeichen in Annette von Droste-Hülshoffs "Judenbuche", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179842

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