Soziale Arbeit im Bereich der Armut in Brasilien mit Ausblick auf Deutschland


Diplomarbeit, 2010
143 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

DARSTELLUNGSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. DEFINITIONEN VON ARMUT

3. BRASILIEN
3.1 Land und Bevölkerung in Brasilien
3.1.1 Geographische Informationen
3.1.2 Angaben zur Bevölkerung
3.1.3 Politische Entwicklung
3.2 Soziale Probleme in Brasilien
3.2.1 Brasilien: ein Land der peripheren Moderne
3.2.2 Hohe Einkommensungleichheit im Land
3.2.3 Zusammenhang von Einkommensungleichheit und Bildungsungleichheit ..
3.2.4 Hohe Kriminalitätsraten als Resultat der sozialen Ungleichheit
3.3 Politische Programme zur Bekämpfung der sozialen Probleme
3.4 Soziale Arbeit in Brasilien
3.4.1 Entwicklung der Sozialarbeit und ihr ethisch-politisches Verständnis
3.4.2 Ausbildung und berufliche Praxis des Sozialarbeiters

4. FORSCHUNGSTEIL
4.1 Darstellung der Forschungsfragen
4.2 Vorstellung des SOS-Kinderdorfs in João Pessoa
4.3 Methodisches Vorgehen bei der Datenerhebung
4.3.1 Auswahl des Experteninterviews als Erhebungsmethode
4.3.2 Festlegung der Stichprobe für die Experteninterviews
4.3.3 Erstellung des Interviewleitfadens
4.3.4 Durchführung der Experteninterviews
4.4 Auswertungsverfahren für die Experteninterviews
4.5 Theoretische Generalisierung der empirischen Ergebnisse
4.5.1 Darstellung der empirischen Ergebnisse
4.5.2 Vergleich der Empirie und Theorie
4.6 Kritische Anmerkungen zur Forschungsmethodik

5. DISKUSSION DER ERGEBNISSE MIT AUSBLICK AUF DEUTSCHLAND
5.1 Stellenwert der Konzeption/ Methodik brasilianischer Sozialarbeit
5.1.1 Befähigungsgerechtigkeit als Grundlage sozialarbeiterischen Handelns
5.1.2 Gemeinwesenarbeit zur Herstellung von Befähigungsgerechtigkeit
5.2 Armutslagen in Deutschland
5.3 Armutsbekämpfung und Soziale Arbeit in Deutschland
5.3.1 Aktivierender Staat Deutschland
5.3.2 Soziale Arbeit für den aktivierenden Staat

6. RESÜMEE

ANHANG
I. Interviewleitfaden
II. Auswertungsverfahren
1. Transkription
Zwischenschritt: Übersetzung
2. Paraphrase der Interviews
3. Bildung thematischer Überschriften
4. Thematischer Vergleich
5. Soziologische Konzeptualisierung

LITERATURVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

DARSTELLUNGSVERZEICHNIS

1 Brasilien politisch und regional

2 Verteilung des familialen Pro-Kopf-Einkommens der Personen über 10 Jahre mit einem Einkommen zwischen den 10% Ärmsten und 1% Reichsten, sortiert nach Hautfarbe bzw. Rasse in Brasilien 2007

1. EINLEITUNG

Die Idee, das Thema der Armutsproblematik und die Interventionsmöglichkeiten der Sozialen Arbeit im Vergleich von Brasilien und Deutschland zu bearbeiten, kam mir während eines Auslandssemesters in Brasilien. Dort absolvierte ich, neben der Teilnahme an Pädagogik-Kursen der Universidade Federal da Paraíba (UFPB), ein soziales Praktikum in einer Einrichtung der internationalen Hilfsorganisation der SOS-Kinderdörfer. Ich stellte fest, dass sich die Soziale Arbeit Brasiliens fast ausschließlich über den Aspekt der Armut definiert. Problematiken, auf welche die brasilianischen Sozialarbeiter treffen, werden stets in der Perspektive der Armutslagen ihrer Klientel betrachtet. Im Austausch mit ihnen stand oft zur Diskussion, ob überhaupt eine derartige Armut in Deutschland existiert, die ein Handeln Sozialer Arbeit im Sinne von Armutsbekämpfung und sozialer Gerechtigkeit erforderlich macht. Bezüglich dieser Frage betont Butterwege in seinem Buch „Armut in einem reichen Land“, dass in Deutschland freilich in der Regel keine extreme Armut wie in Entwicklungsländern oder Schwellenländern vorliegt.1 In Brasilien sind die Wohnverhältnisse der in Armut lebenden Menschen prekär. Zum Teil verfügen sie weder über sanitäre Einrichtungen noch über einen Kühlschrank oder einen Herd. Weiterhin kann ein hoher Analphabetismus unter den Betroffenen verzeichnet werden. Mit solch gravierenden Ausprägungen von Armut muss sich Deutschland im Allgemeinen nicht auseinandersetzen. Laut Gesetz hat jeder Bürger in Deutschland Anspruch auf eine angemessen ausgestattete Wohnung. Probleme mit der Alphabetisierung betreffen überwiegend nur ausländische Mitbürger bezüglich der deutschen Sprache. Trotz dieser unterschiedlichen Ausprägungen von Armut zwischen Industrieländern und Entwicklungs- bzw. Schwellenländern, kann arm sein in einem reichen Land aus subjektiver Sicht genauso schlimm sein wie arm sein in einem armen Land. Auf die Betroffenen wirken die individuellen Ausgrenzungserfahrungen im Heimatland und nicht die objektiven Meinungen bezüglich dessen, was Armut ist.2 Letztendlich können sich auch in Industrieländern Erscheinungen der Dritten Welt, wie existentielle Notlagen, festsetzen.3 Butterwegge führt an, dass Armut in Deutschland in den letzten Jahrzehnten nur wenig in der Öffentlichkeit thematisiert wurde. Seiner Meinung nach lag die Ursache dafür, in der Annahme, dass Armut in einem industriell entwickelten Wohlfahrtsstaat nur als Ausnahmeerscheinung auftritt. Armut wurde eher in Zusammenhang mit den Entwicklungsländern Lateinamerikas und Afrikas gebracht. Butterwegge schildert weiter, dass in den letzten Jahren die deutsche Berichterstattung zu Armutslagen im eigenen Land zu einem wichtigen Thema aufgestiegen ist. Dieses begründet er damit, dass Armut in der deutschen Bevölkerung nicht mehr nur als eine Randerscheinung auftritt.4 Es sind immer mehr Bürger von Arbeitslosigkeit oder von zu niedrigem Erwerbseinkommen betroffen und infolge dessen auf staatliche Unterstützungsleistungen zur Sicherung des Existenzminimums angewiesen.5

Insgesamt führten mich meine Erfahrungen in Brasilien und die theoretischen Erkenntnisse bezüglich der Armutsproblematik in Deutschland zu meinem Diplomarbeitsthema „ Soziale Arbeit im Bereich der Armut in Brasilien mit Ausblick auf Deutschland “ . Aufgrund der historischen Entwicklung Brasiliens, setzt sich das Land schon seit längerem mit der Thematik Armut auseinander. Mein Interesse gilt daher den angewandten Konzepten zur Armutsbekämpfung der brasilianischen Sozialarbeit und deren eventuelle Übertragung auf Deutschland. Vor diesem Hintergrund lauten meine Forschungsfragen:

1) Wie gestaltet sich die Soziale Arbeit im Bereich der Armut in Brasilien?
2) Wie behandelt die Soziale Arbeit in Deutschland das Thema Armut?
3) Inwieweit ist eine Übertragung der Methoden und Ansätze brasilianischer Sozialarbeit auf die Armutsproblematik in Deutschland empfehlenswert?

Während ich die letzten beiden Fragen mithilfe von Literaturarbeit bearbeiten werde, erfolgt die Klärung der ersten Frage anhand einer empirischen Datenerhebung. Dafür habe ich qualitative Experteninterviews mit pädagogischen Fachkräften meiner ehemaligen Praktikumseinrichtung in Brasilien durchgeführt. Trotz meiner Erfahrungen vor Ort, ist dieses Forschungsvorhaben hypothesenoffen ausgerichtet. Das heißt, dass ich zu Beginn meiner Forschung keine Annahmen über die Soziale Arbeit in Brasilien aufstelle, sondern meine Hypothesen erst im Auswertungsverfahren der Interviews entwickle.

Zunächst erfolgt im zweiten Kapitel eine Einführung zum Verständnis des Begriffes Armut. Im darauf folgenden Kapitel wird das Land Brasilien und seine Bevölkerung vorgestellt. Insbesondere werden statistische Erhebungen die sozialen Probleme des Landes wie Einkommens- und Bildungsungleichheit als auch Gewalt beschreiben. Anschließend werden ausgewählte politische Maßnahmen erläutert, die eine Lösung dieser sozialen Probleme anstreben. Im Weiteren wird anhand von Fachliteratur das ethisch-politische Verständnis von Sozialer Arbeit in Brasilien, ihre Ausbildungsinhalte und die berufliche Praxis aufgezeigt. Kapitel 4 umfasst den Forschungsteil dieser Arbeit. Es werden nochmals die Forschungsfragen aufgegriffen und detaillierter erläutert. Ebenfalls wird die Organisation der SOS-Kinderdörfer vorgestellt. Das Kapitel 4 beinhaltet weiterhin die Beschreibung des methodischen Vorgehens der durchgeführten Experteninterviews und dessen Auswertungsverfahren. Es folgt eine theoretische Generalisierung der Ergebnisse und eine abschließende kritische Anmerkung bezüglich meiner Forschungsmethodik. In Kapitel 5 werden die wesentlichen Erkenntnisse aus Fachliteraturrecherchen und Experteninterviews zusammengefasst und im Vergleich Brasilien-Deutschland diskutiert. Dazu wird zunächst der Stellenwert der Konzeption und Methodik der brasilianischen Sozialarbeit hinsichtlich der Armutsbekämpfung dargelegt. Es folgt ein kurzer Überblick der Armutslagen in Deutschland. Anschließend wird die staatliche und sozialarbeiterische Vorgehensweise zur Bewältigung der Problematik aufgezeigt. Ziel ist es, zu überprüfen, inwieweit die brasilianischen Konzepte und Methoden der Armutsbekämpfung in der deutschen Sozialen Arbeit Anwendung finden bzw. wie sinnvoll dies wäre. Diese Arbeit schließt mit einem zusammenfassenden Resümee.

2. DEFINITIONEN VON ARMUT

Leibfried und Voges bezeichnen Armut als „ eine Lebenslage ( … ), die durch eingeschr ä nkte Lebenschancen und unzureichende Teilhabe an gesellschaftlichen Wohlstand gekennzeichnet ist. “6 Damit umschreiben sie Armut auf einer theoretischen Ebene ohne unmittelbaren Bezug zur Realität.7 Nach Hauser braucht man jedoch konkrete Angaben zur Armut, um diese in einer Gesellschaft zu bekämpfen oder zu verhindern. Er erklärt, dass aus sozialpolitischer Sicht insbesondere solche Merkmale von Armut berücksichtigt werden, die durch sozialstaatliche Maßnahmen verändert werden könnten. Für eine Definition der Armutsgrenze werden zumeist statistische Angaben herangezogen, wie die Anzahl der in Armut lebenden Menschen, der zeitliche Verbleib in Armut, Daten zum Auf- und Abstieg aus der bzw. in die Armut. Hauser expliziert, dass Armutsgrenzen messbar sein müssen.8 Dennoch existieren in der Literatur die vielfältigsten Messungsvorschläge, Beschreibungen und Definitionen zur Armut, sodass ein und dieselbe Person nach einer Erklärung zu den Armen zählen kann und nach einer anderen Erklärung nicht. Sobottka verdeutlicht, dass Armut teils über Begleiterscheinungen, sogenannte Indikatoren, definiert wird, teilweise richten sich die Armutsdefinitionen nach ihrem Ausmaß. Und selbst zum Begriff der Armut an sich, gibt es unterschiedliche Meinungen. So spricht man in der lateinamerikanischen Forschung eher von Exklusion als von Armut.9 Exklusion bezeichnet einen nicht auf Freiwilligkeit beruhenden Ausschluss aus bestimmten gesellschaftlichen Teilhabesystemen. In Lateinamerika fasst man darunter z.B. das Fehlen von Schulen, Gesundheitseinrichtungen, Straßen etc. (Ausschluss aus Bildungs-, Gesundheits-, Verkehrssystem etc.). Solche Exklusionsvorgänge basieren auf soziale Ungleichheiten in einer Gesellschaft.10 Allgemein lässt sich nur sagen, dass alle Beschreibungen von Armut bzw. Exklusion auf individuellen und normativen Vorstellungen eines guten Lebens beruhen.11 Eine allgemeingültige Definition von Armut gibt es nicht und wird es auch zukünftig nicht geben. In dieser Perspektive existiert auch kein einheitlicher Ansatz zur Armutsmessung. Es werden oft unterschiedliche Indikatoren verwendet, um verschiedene Ausprägungen von Armut aufzuzeigen und diese wechselseitig kontrollieren zu können.12 Einige oft verwendete Armutsbeschreibungen werden im Folgenden kurz vorgestellt.

Eine wesentliche und oft gemachte Unterscheidung zum Ausmaß von Armut ist die in absolute und relative Armut.13 Laut der absoluten Armutsdefinition sind Menschen arm, „ ( … ) für die die Voraussetzungen für eine menschliche Existenz nicht erf ü llt sind. “14 Dazu zählen überlebensnotwendige Dinge wie Nahrung, Wasser, Kleidung, Unterkunft etc.15 „ Relative Armut hingegen dr ü ckt eine unterdurchschnittliche Beteiligung an den gesellschaftlichen G ü tern aus ( … ) “ 16 , d.h. dass die Lebensbedingungen weit unter dem durchschnittlichen Lebensstandard einer bestimmten Gesellschaft liegen.17 Man spricht hier auch von sozialer Ausgrenzung oder Exklusion, da diese Menschen nicht über die materiellen, kulturellen und sozialen Mittel verfügen, um an dem gesellschaftlich anerkannten Lebensstandard teilzunehmen.18 Grundlage der Unterteilung in absolute und relative Armut ist folglich ein bestimmter Versorgungsgrad mit Gütern, der nicht unterschritten werden sollte, ohne dass negative Folgen für das eigene Leben entstehen.19 Dennoch muss selbst eine absolute Armutsdefinition letztendlich relativ bleiben, da in verschiedenen Gesellschaften unterschiedliche Bedingungen zur Sicherung des physischen Existenzminimums notwendig sind. Hier spielen z.B. Merkmale wie klimatische Verhältnisse (in kalten Lebensräumen brauchen Einwohner warme Kleidung und Heizung) oder die Religion (überlebenssichernde Maßnahmen stehen konträr zu religiösen Geboten) eine Rolle.20

Absolute und relative Armutsdefinitionen erfolgen in der Regel über das Einkommen. Argument ist, dass aus sozialpolitischer Sicht die Messung von Armut über das Einkommen leichter und durch die Zugabe finanzieller Mittel einfacher bekämpfbar ist.21 Eine Ausnahme bildet z.B. die World Health Organization (WHO), die Armut über die Versorgung mit Nahrung, gemessen in Kalorien, definiert.22 Die Weltbank beschreibt Armut über Einkommenswerte, berechnet in US-Dollar, wie Hauser erklärt. Grundlage für die Einkommensberechnung einer Familie ist das Nettoeinkommen inklusive sonstiger Transferzahlungen. Unter Berücksichtigung dessen, wie viel Geld Kinder und Erwachsene zum Leben brauchen, teilt man das Familieneinkommen entsprechend auf die Familienmitglieder auf und erhält so die Summe, die theoretisch jedem Familienmitglied zur Verfügung steht. Mit dieser theoretischen Berechnung ist natürlich nicht feststellbar, wie gleichmäßig das Einkommen in einem Familienhaushalt wirklich verteilt ist oder wie effektiv mit dem Geld gewirtschaftet wird.23 Eberlei beschreibt, dass die Weltbank unterschiedliche Armutsgrenzen für Entwicklungsländer und Industrieländer festlegt. Für Entwicklungsländer definiert die Weltbank eine absolute Armutsgrenze. Demnach gelten Menschen mit weniger als 2 US-Dollar am Tag als arm. Verfügen sie gar über weniger als 1 US-Dollar pro Tag, gelten sie als extrem arm. Für Industrieländer legt die Weltbank eine relative Armutsgrenze fest. Demnach ist eine Person relativ arm, wenn sie über weniger als 50% bzw. 60% des mittleren Einkommens in ihrem Land verfügt.24 Nachteil des Maßstabs relativer Einkommensarmut ist, dass dieser keine Auskunft darüber gibt, ob das Einkommen ausreichend ist, um sich ein Überleben zu sichern.25 Zudem kann der relative Maßstab nicht auf eine gleichmäßige Zunahme des Reichtums in einer Gesellschaft reagieren. Relative Einkommensarmut existiert immer solange, wie erhebliche Unterschiede im Einkommen auftreten. Daraus resultiert wiederum ein Vorteil, weil die relative Armutsbestimmung deswegen gut Ungleichheiten in einer Gesellschaft darstellen kann.26 Der Grund für die Verwendung absoluter Armutsmaße nur bei Entwicklungsländern liegt darin, dass es bei der Bestimmung von Armut in Industrieländern nicht um das Überleben an sich geht, sondern um die Frage eines menschenwürdigen Lebens. In der aktuellen Armutsforschung findet häufig eine Verknüpfung absoluter und relativer Armutsmaßstäbe statt.27

Die Armutsdefinition der Weltbank wird oft kritisiert wird, da Armut nur auf Grundlage des Einkommens definiert wird. Sobottka erklärt, dass die Vereinten Nationen versuchen, in ihrem jährlich veröffentlichten Bericht zur „Menschlichen Entwicklung“ (Human Development) Armut über mehrere Merkmale zu definieren, um die Vielseitigkeit von Armut aufzuzeigen. Diese Merkmale sind vorhandene Geldmittel, Nahrung, Arbeit, Bildung und Wohnen. Durch eine bestimmte Formel soll der Versorgungsgrad in diesen Bereichen gemessen und anschließend in einem Index ausgedrückt werden, dem Human Development Index (HDI), welcher dann weltweit in einem Ranking mit anderen Ländern verglichen wird. Sobottka beurteilt positiv, dass der HDI die Vielseitigkeit von Armut berücksichtigt. Er kritisiert allerdings, dass der HDI lokale Dimensionen der Armut nicht ausreichend berücksichtigt, da nur Durchschnittswerte der Gesamtgesellschaft eines Landes berechnet werden.28 So kann der HDI einzelner sozialer Gruppen im Land derart vom HDI der Gesamtbevölkerung abweichen, dass sich dadurch eine andere Position im weltweiten Ranking-Vergleich ergeben würde.29 Je höher der HDI ist, desto größer soll die menschliche Entwicklung in einer Gesellschaft sein, d.h. desto größer sind die Wahlmöglichkeiten im Leben des Individuums.30

Hauser legt dar, dass der Ansatz des HDI zur Beschreibung von Armut u.a. auf Amartya Sen zurückgeht. Dessen Konzept der Verwirklichungschancen (Capability Approach) wird aktuell oft zur Beschreibung von Armut herangezogen, indem man Armut als einen Mangel an Verwirklichungschancen deutet. Demnach bedarf es finanzieller Mittel (Einkommen, Vermögen), nicht-finanzieller Mittel (Gesundheit, Bildung) und gesellschaftlicher Mittel (Möglichkeiten zur politischen Partizipation, ökonomische Chancen, sozialer Schutz, rechtlicher Schutz), um sich in seinem Leben verwirklichen zu können (die Aufzählung ist nur beispielhaft und nicht als vollständig zu betrachten). Hauser bewertet das Konzept der Verwirklichungschancen einerseits als positiv, weil Armut umfassend definiert wird. Er kritisiert allerdings, dass sich hier noch keine Armutsgrenze festlegen lässt. Es fehlen spezifischere Beschreibungen, die Mindeststandards für die einzelnen Ebenen festlegen und zudem auch messbar sind. Dabei muss auch berücksichtigt werden, inwieweit die einzelnen Ebenen miteinander korrelieren, wenn man in einem Bereich zu den Armen und in einem anderen Bereich aber zu den Nicht-Armen zählt. Weiter legt der Ansatz von Sen dem Menschen eine hohe Selbstverantwortung auf, d.h. Menschen, die vorhandene Verwirklichungschancen bewusst nicht nutzen wollen, müssen aus der Armutsstatistik herausfallen.31 Nach Hauser gibt es daher noch erhebliche statistische Schwierigkeiten bei Sens Ansatz der Verwirklichungschancen zu überwinden.

Ich persönlich lehne mein Verständnis von Armut an die Ausführungen der Vereinten Nationen an, wenn ich auch die Bemessung von Armut über den HDI als unzureichend betrachte, aufgrund seiner mangelnden Berücksichtigung von Ungleichheiten innerhalb einer Gesellschaft. Ich finde es aber wichtig, Armut nicht nur auf der Ebene von mangelndem Einkommen zu betrachten, sondern auch auf andere Lebensbereiche aufmerksam zu machen, die durch materielle Armut eingeschränkt werden. In diesem Sinne möchte ich das Kapitel mit Folgendem Artikel der „Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen“ beenden:

„ Jeder hat das Recht auf einen Lebensstandard, der seine und seiner Familie Gesundheit und Wohl gew ä hrleistet, einschlie ß lich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ä rztliche Versorgung und notwendige soziale Leistungen, sowie das Recht auf Sicherheit im Falle von Arbeitslosigkeit, Krankheit, Invalidit ä t oder Verwitwung, im Alter sowie bei anderweitigem Verlust seiner Unterhaltsmittel durch unverschuldete Umst ä nde. “ 32

3. BRASILIEN

3.1 Land und Bevölkerung in Brasilien

3.1.1 Geographische Informationen

Die Föderative Republik Brasilien befindet sich im östlichen Teil des südamerikanischen Kontinents. Brasilien ist mit einer Fläche von 8.511.966,3 km² das größte Land Südamerikas und das fünftgrößte Land der Welt.33 Das brasilianische Statistikamt „Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística“ (IBGE) teilt Brasilien in 5 Regionen ein:34

1) in den Norden
2) in den Nordosten, wo der Bundesstaat Paraíba mit seiner Hauptstadt João Pessoa liegt
3) in den Südosten
4) in den Süden sowie
5) in den mittleren Westen, wo sich die

Bundeshauptstadt Brasília befindet.35

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 1: Brasilien politisch und regional

Brasilien gilt als ein typisches Schwellenland.36 Einerseits konnte es schon wesentliche Industrialisierungsfortschritte erzielen, andererseits befinden sich soziale Indikatoren (z.B. Alphabetisierung, Einkommensgleichheit) und politische Strukturen (z.B. Wahlsystem, Korruptionen) nicht auf demselben fortschrittlichem Niveau.37 Diese Entwicklung in Brasilien ist durch ein Nord-Süd-Gefälle gekennzeichnet. Der Süden und Südosten sind in der Modernisierung schon sehr weit fortgeschritten. Sowohl Landwirtschaft, Industrie als auch der Dienstleistungsbereich entsprechen dem Standard von Industriegesellschaften.38 Das bedeutet, dass in diesen Regionen das wirtschaftliche, soziale und kulturelle Leben insbesondere von einer hohen Produktionsrate bestimmt ist, das mit einer allgemeinen Erhöhung des materiellen Lebensstandards einhergeht.39 Im Norden und Nordosten hingegen befinden sich Industrie und Landwirtschaft noch im Modernisierungsprozess,40 d.h. sie befinden sich erst auf dem Weg zur modernen Gegenwart, die durch hohe Bruttosozialprodukte, Bürokratisierung, Urbanisierung, Demokratisierung und soziale Mobilität gekennzeichnet ist.41

Der Bundesstaat Paraíba gehört zum Nordosten Brasiliens und seine Hauptstadt João Pessoa liegt direkt am Atlantischen Ozean. In João Pessoa liegt der östlichste Punkt des südamerikanischen Kontinents und bildet damit gleichzeitig die kürzeste Distanz zum afrikanischen Kontinent. Touristisch ist die Stadt wegen seiner Meereslage interessant aber auch, weil sie von der UNESCO zur zweitgrünsten Stadt der Welt gekürt wurde.

3.1.2 Angaben zur Bevölkerung

Brasilien ist mit 193.733.795 Millionen Einwohnern (Stand 2009)42 auf Rang 5 der bevölkerungsreichsten Länder der Welt.43 Davon leben im Nordosten Brasiliens 51,6% der Gesamtbevölkerung (Stand 2008).44 Der Bundesstaat Paraíba hat eine Bevölkerung von 3.641.395 Einwohnern45 und seine Hauptstadt João Pessoa von 674.762 Einwohnern (Stand 2007).46 Die größte Bevölkerungsdichte herrscht im Süden und Südosten Brasiliens.47 Seit Jahren ist eine verstärkte Abwanderung in die Städte zu beobachten: 86,12% der Brasilianer leben im städtischen und 13,88% im ländlichen Raum (Stand 2009).48 Die Geschlechterverteilung in Brasilien ist ausgewogen: es gibt 95.406.000 Männer und 98.327.795 Frauen (Stand 2009).49 Obwohl die Geburtenrate in den letzten Jahren zurück ging, kann man Brasilien als ein junges Volk ansehen. Im Jahr 2007 war die Altersverteilung wie folgt: 0 - 24 Jahre 43,4%, 25 - 59 Jahre 46,1% und 60 Jahre und älter 10,5%.50 Die Geburtenrate von 16,70 Neugeborenen pro Tausend Einwohner stand einer Sterberate von 6,23 gegenüber. Die durchschnittliche Lebenserwartung betrug 72,7 Jahre.51

Ethnisch stammen die Brasilianer von indianischen Ureinwohnern, eingewanderten Europäern (überwiegend Portugiesen aber auch Spaniern, Italienern und Deutschen) sowie von Asiaten und Afrikanern ab. Die Besetzung Brasiliens fand im Nordosten durch die Portugiesen statt. Dort führten sie vor allem im 16. und 19. Jahrhundert Afrikaner als Sklaven ein, nachdem sie die brasilianische Ursprungsbevölkerung, etwa 4 Millionen Indianer, durch die Sklaverei fast vollständig vernichtet hatten. Insgesamt waren das von 1540 bis 1850 ca. 4 Millionen Afrikaner, die vorwiegend im Norden/ Nordosten auf den Zuckerrohrplantagen eingesetzt wurden. Mit dem Verbot der Sklavenarbeit förderte die Regierung im 19. Jahrhundert die Einwanderung von Europäern und Asiaten als Arbeitskräfte. Diese waren insbesondere im Süden/ Südosten des Landes auf den Kaffeebohnen- und Kakaoplantagen sowie in den sich entwickelnden Industrien tätig. Aufgrund dessen leben heute regional betrachtet die meisten Weißen im Süden Brasiliens und die meisten Schwarzen im Norden. Insgesamt führte dieser Entwicklungsprozess zu einer großen ethnischen Vielfalt in Brasilien.52 Für das Jahr 2007 ergab sich folgendes Bild:

49,4% Weiße, 7,4% Schwarze, 42,3% Mulatten (Mischlinge, d.h. die sowohl weiße als auch schwarze Vorfahren besitzen), 0,8% Gelbe (Asiaten) und Indigene.53 Diese Angaben des IBGE beruhen auf Selbsteinschätzungen der Bevölkerung. Auffallend ist, dass gerade viele Mischlinge eher zur Aufhellung neigen. Das liegt daran, weil die Schwarzen im Land aus dem Sklavenhandel hervorgehen und damals wie auch heute noch oft der untersten Schicht angehören.54 Dieser Aspekt wird später im Kapitel zu den sozialen Problemen im Land deutlicher.

3.1.3 Politische Entwicklung

Die politische Entwicklung Brasiliens lässt sich grob in 3 Perioden einteilen: Kolonialzeit (1500-1815), Kaiserreich (1822-1889) und Republik (ab 1889). Die Kolonialzeit ist durch Alleinherrschaft und Sklavenarbeit geprägt. In der Monarchie, eingeleitet durch die Flucht des portugiesischen Hofes nach Brasilien, ging es um die Bildung territorialer Grenzen und eines Staatssystems. Auch die Sklavenarbeit spielte weiterhin eine Rolle. Zwar wurde der Sklavenhandel aus Afrika im Jahr 1850 verboten, dennoch wurde die Sklaverei endgültig erst 1888 abgeschafft. Zu Republikzeiten wechselten sich die Regierungsformen immer wieder ab. Dies wurde aber nicht durch Revolutionen vom Volk ausgelöst, sondern durch Revolutionen der Elite, die sich ihre Machtpositionen erhalten wollten. Wurde nach der Monarchie zunächst die erste demokratische Republik eingeführt, änderte sich das 1937 mit der Einführung einer Diktatur. Im Jahr 1945 gab es dann wieder eine demokratische Regierungsform, welche 1964 von der Militärdiktatur abgelöst wurde. Erst 1985 wurde die heutige Demokratie ausgerufen.55

Brasilien ist eine präsidiale Republik. Alle 4 Jahre wird der Präsident direkt vom Volk gewählt. Aktueller Präsident Brasiliens ist Luiz Inácio Lula da Silva (in der brasilianischen Bevölkerung nur Lula genannt). Er wurde am 27. Oktober 2002 mit 52,7 Millionen Stimmen gewählt, was einem Wahlergebnis von 61,27% entspricht. Damit erzielte Lula das beste Wahlergebnis, welches jemals in Brasilien erlangt wurde.56 Im Jahr 2006 wurde Lula erneut mit 61% der Stimmen für eine 2. Amtszeit gewählt.57 Ein nicht unwesentlicher Grund für Lulas Beliebtheit ist seine Abstammung aus einer einfachen Arbeiterfamilie. Ab 1966 fing Lula an, sich gewerkschaftlich zu engagieren und wurde 1975 und 1978 zum Gewerkschaftspräsidenten gewählt. Im Jahr 1980 gründete er mit anderen Gewerkschaftsmitgliedern die Arbeiterpartei „Partido dos Trabalhadores“ (PT), welche sich zu einer wichtigen politischen Größe entwickelte. 1996 wurde Lula als Abgeordneter in die Verfassungsgebende Versammlung gewählt. Bereits in den Jahren 1989, 1994 und 1998 kandidierte Lula für das Amt des Präsidenten, wurde jedoch immer nur Zweiter.58

Trotz des demokratischen Systems in Brasilien gibt es noch gravierende Probleme in der Politik. Ein Problem ist die große Parteienanzahl im Kongress. Mit knapp 20 verschiedenen Parteien ist die Verabschiedung konsistenter Reformen schwer. So muss auch Lula viele politische Kompromisse eingehen, um die erforderliche Mehrheit im Kongress zu erhalten.59 „ Seine politische Linie besteht also eher aus Kontinuit ä t als aus Neuanf ä ngen. “60 Ein anderes Problem ist die große Abgeordnetenfluktuation im Kongress. Die Abgeordneten fühlen sich selten eng mit ihrer Partei verbunden. Insbesondere in den Zeiten zwischen Wahltag und Regierungsbildung wechseln die Abgeordneten häufig die Parteien, in der Hoffnung, künftig in einer der Regierungsparteien zu sitzen. Die einzige beständige Partei ist momentan die Arbeiterpartei von Lula.61 Die brasilianische Politik ist von Korruptionen gekennzeichnet. Dies beginnt bei den Kommunalwahlen. Kandidaten, die es sich leisten können, bestechen insbesondere die armen Einwohner mit Bargeld oder der Begleichung von Rechnungen. In der Aussicht auf weitere finanzielle Unterstützung wählen die Einwohner in der geheimen Wahl den Kandidaten. Diese korrupten Kandidaten verfolgen jedoch selten das Ziel, die Lebenslage der Armen gravierend zu verbessern, da sie sich ihren Status erhalten wollen.62 Außerdem besteht in der brasilianischen Politik ein wirtschaftliches Abhängigkeitsverhältnis in der Sicht, dass gerade kleinere Parteien im Wahlkampf oft Finanzierungsprobleme haben, weil die finanzielle Unterstützung durch den Staat nur sehr gering ausfällt. Damit sind sie auf reiche, private Geldgeber angewiesen. Diese wiederum erwarten politische Maßnahmen, die ihren Zwecken dienen, woraus neue politische Abhängigkeiten entstehen.63

Diese kurze Einführung zum Land und der Bevölkerung Brasiliens soll reichen. Es geht nun im nächsten Abschnitt darum, die sozialen Probleme im Land aufzuzeigen, die mit einer großen sozialen Ungleichheit in der brasilianischen Gesellschaft verbunden sind.

3.2 Soziale Probleme in Brasilien

3.2.1 Brasilien: ein Land der peripheren Moderne

Mit Beginn des 19. Jahrhunderts begann die Modernisierung in Brasilien, zunächst durch den Handel und die Verstädterung. Ab 1930 setzte der Industrialisierungsprozess ein. In den nächsten 50 Jahren entwickelte sich Brasilien von einem ehemals rückständigen Land zu einem Land, welches heute die achtgrößte Wirtschaft weltweit aufweist.64 Dennoch, so Pochmann u.a., ist der Reichtum des Landes seit der Kolonialzeit über die Zeit der Monarchie bis heute zur Republikzeit nur auf einen extrem kleinen Bevölkerungsanteil begrenzt. Mit der Ausbreitung des Kapitalismus ab dem 20. Jahrhundert wurde dieser Zustand gar noch verschärft. Zwar entwickelt sich Brasilien aktuell zu einem Land, wo es stetig weniger absolut Arme gibt, dennoch konnte bisher keine Verringerung der relativen Armut erreicht werden.65 Doch woran liegt das?

Brasilianische Autoren wie Sobottka und Neves konstatieren, dass es trotz des demokratischen Systems keine moderne Demokratie in Brasilien gibt. Neves formuliert drei Entwicklungsstufen in einer Gesellschaft hin zu einer modernen Demokratie. Als erstes werden aufgrund ethischer Forderungen Menschenrechte postuliert. Als zweites werden die Menschenrechte juristisch anerkannt, indem sie zu Grundrechten eines jeden Menschen werden. Mit dem dritten Schritt wird die moderne Demokratie erreicht, nämlich wenn die Grundrechte, im Sinne gegenseitiger Rechte und Pflichten, in das tägliche Handeln einbezogen werden.66 Sobottka und Neves stimmen darin überein, dass Brasilien diese letzte Stufe noch nicht erreicht hat und deshalb eine periphere Moderne darstellt. Die Rechte bestehen auf dem Papier werden aber insbesondere von den gesellschaftlichen Institutionen nicht umgesetzt. Es wird sporadisch von Situation zu Situation entschieden, wodurch keine Gleichheit herrscht.67 Neves erklärt, dass es zu sozialen Über- und Unterintegrationen kommt. Die unterintegrierte, zumeist arme Bevölkerung, erfährt nur einen halben Bürgerstatus. Sie muss Pflichten und Forderungen erfüllen, kann aber kaum Rechte und Leistungen einfordern. Hingegen haben die überintegrierten, oft reichen Personen, kaum Pflichten aber Zugang zu allen Rechten und Leistungen.68 Sobottka und Neves halten fest, dass in modernen Demokratien die Gleichheit ein grundlegendes Bürgerrecht ist.69 Sobottka führt weiter aus, dass moderne Demokratien Kompensationsmaßnahmen zugunsten von Benachteiligten einführen, um soziale Ungleichheiten abzuschwächen. Zudem werden die Bürgerrechte ständig weiter entwickelt, um sie gesellschaftlichen Veränderungsprozessen anzupassen. All das passiert in Brasilien, einem Land der peripheren Moderne, nicht.70

Wehrle zeigt auf, dass der allgemeine Prozess sozialer Rechte erst sehr spät in Brasilien einsetzte. Ausgegangen von der Landlosenbewegung 1984 organisierten sich demnach zunächst landlose Bauern, die für die Gleichverteilung von Land kämpften. Daraufhin entstanden durch kirchliche Gemeinden weitere Volksbewegungen, die für soziale Rechte kämpften. Wehrle erklärt, dass erst 1988 die Verfassung der Bürgerrechte in Brasilien angenommen wurde. In diesem Zuge entstanden weitere Sozialrechte, wie ein einheitliches Gesundheitssystem (1990), das Kinder- und Jugendstatut (ebenfalls 1990), das Sozialhilfegesetz (1993) und das Recht auf Erziehung und Bildung (1996).71 Dass diese Gesetze bei großen Teilen der brasilianischen Bevölkerung aber keine entsprechenden Rechte sichern, soll im Folgenden gezeigt werden, wenn es um soziale Probleme wie Konzentration von Reichtum, Analphabetismus und ethnische Ungleichheit geht.

3.2.2 Hohe Einkommensungleichheit im Land

Pochmann u.a. zeigen in ihrem Atlas der sozialen Ausgrenzung, mit Hilfe statistischer Daten des IBGE, die Einkommensungleichheit und Reichtumskonzentration in Brasilien auf. Demnach zählten Anfang des 21. Jahrhunderts 2,4 % aller Familien in Brasilien zu den Reichen, d.h. dass sie über ein monatliches Familieneinkommen von mindestens 10.982 Reais verfügen. Das entspräche aktuell ca. 4.400 Euro. Das durchschnittliche Familieneinkommen aller Reichen Familien liegt sogar bei 22.487 Reais monatlich. Damit ist dieses Einkommen 14x höher als das allgemeine familiäre Durchschnittseinkommen in Brasilien und 80x höher als das Einkommen der 20% Ärmsten im Land. Oder anders ausgedrückt: Die reichen Familien beanspruchen 1/3 des gesamten Familieneinkommens des Landes für sich.72

Um die Einkommensverhältnisse der armen Bevölkerung aufzuzeigen, beziehe ich mich auf statistische Daten des IBGE, aus der „Zusammenfassung der sozialen Indikatoren im Jahr 2008“. An geeigneter Stelle werden diese Daten durch weitere fachliterarische Erkenntnisse kommentiert. Laut IBGE beträgt das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen 624 Reais monatlich, das rund 250 Euro entspricht. Im selben Jahr (2008) betrug der gesetzlich vorgeschriebene Mindestlohn 380 Reais.73 Durch die wachsende Wirtschaft wird dieser Mindestlohn regelmäßig angehoben, sodass er, laut Kaes, aktuell bei 465 Reais (186 Euro) liegt.74 Im Zusammenhang zu den regelmäßigen Erhöhungen des Mindestlohnes, weist Unsleber darauf hin, dass mit diesen aber auch Preisanpassungen (z.B. für Lebensmittel) einhergehen. Weiter macht er darauf aufmerksam, dass der gesetzliche Mindestlohn, der insbesondere Schutz der unteren Arbeitsbevölkerung vor Ausbeutung bieten soll, zumeist nur auf dem Papier existiert und in der Praxis nicht gezahlt wird. In der Regel bekommen nur Angestellte der Stadt, Lehrer und Bankangestellte den gesetzlichen Mindestlohn ausgezahlt.75 Kaes ergänzt, dass insbesondere im Dienstleistungsbereich der Mindestlohn selten bezahlt wird und trotzdem fast alle Brasilianer die unterbezahlte Arbeit annehmen, um überhaupt etwas zu verdienen.76 Laut IBGE beträgt die Arbeitslosenquote 10 %. Weiter kann die Statistik des IBGE die Nichtzahlung des gesetzlichen Mindestlohnes bestätigen. Demnach lebt die Hälfte aller Familien in Brasilien mit einem geringeren Pro-Kopf-Einkommen.77 Und von diesen lebt 1/3 aller Familien nur von bis zu ½ Mindestlohn pro Kopf. Bei Familien mit Kindern im Alter von 0 - 17 Jahren steigt dieser Anteil auf 46 %.78

Die Verteilung von Armut und Reichtum in Brasilien lässt sich regional beschreiben. Es leben 73,5 % der reichen Familien im Südosten und nur 6,4 % im Nordosten.79 Das IBGE zeigt auf: Im Nordosten lebt die Hälfte aller Familien von einem maximalen Pro-Kopf- Einkommen von 214 Reais monatlich. Im Südosten hingegen liegt das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen bei 441 Reais.80 Diese Daten verdeutlichen das in vorigen Kapiteln aufgeführte Nord-Süd-Gefälle von Armut und Reichtum. Unter Bezugnahme der regionalen Bevölkerungsentwicklung (Afrikaner als Sklaven in den Nordosten eingeführt, Europäer als Arbeiter im Süden angeworben) spiegelt sich diese regionale Verteilung von Armut und Reichtum in der ethnische Abstammung wider. Weiße, die überwiegend im Süden leben, zählen mit 86 % zu 1 % der Reichsten des Landes und mit nur 25 % zu den 10 % der Ärmsten. Hingegen gehören Schwarze und Mulatten, die überwiegend im Norden leben, mit 74 % zu den 10 % der Ärmsten und mit nur 12 % zu 1 % der Reichsten (siehe Darstellung 281 ).82 Im Schnitt verdienen Schwarze bzw. Mulatten 50% weniger als Weiße.83 Souza erklärt das damit, dass sich die Lage der schwarzen Bevölkerung nach ihrer Sklavenbefreiung nicht verbessert hat. Ohne finanzielle Mittel wurden sie ihrem eigenen Schicksal überlassen und blieben am Rand der Gesellschaft.84 Pochmann u.a. identifizieren folgende Merkmale reicher Familien: Der Hauptverdiener dieser Familien ist zumeist der Mann, dessen ethnische Abstammung oft weiß ist. Die reichen Familienverdiener verfügen in den meisten Fällen über eine abgeschlossene Hochschulausbildung und sind in öffentlichen oder privaten Führungspositionen tätig oder generell Arbeitgeber.85 Außerdem leben die reichen Familien überwiegend in den Hauptstädten der einzelnen Bundesstaaten.86

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Darstellung 2: Verteilung des familialen Pro-Kopf-Einkommens der Personen über 10 Jahre mit Einkommen, zwischen den 10 % Ärmsten und 1 % Reichsten, sortiert nach Hautfarbe bzw. Rasse, Brasilien 2007

An dieser Stelle möchte ich auf einige statistische Daten bezüglich des Einkommens speziell für Paraíba und João Pessoa eingehen. Im Jahr 2003 betrug das Armutsaufkommen im Bundesstaat Paraíba 57,48 %87 und in seiner Hauptstadt João Pessoa 52,98 %.88 Das bedeutet, dass über die Hälfte der Einwohner in Armut lebt. Dies verdeutlicht auch eine „Analyse der Lebensbedingungen der brasilianischen Bevölkerung“ des IBGE im Jahr 2009. Demnach leben in Paraíba 66,1% der Familien mit Kindern zwischen 0 bis 6 Jahren von einem maximalen monatlichen Pro-Kopf-Einkommen von ½ Mindestlohn.89 Auch Pochmann u.a. führen in ihrem „Atlas der Exklusion“ gravierende Einkommensunterschiede für Paraíba auf. Demnach liegt das monatliche Familieneinkommen von „reichen“ Familien bei 14.919 Reais. Damit ist dieses Durchschnittseinkommen aller reichen Familien in Brasilien zwar eher ein niedriges im Vergleich zu den Bundesstaaten im Südosten, dennoch wird hier, aufgrund des hohen Armutsaufkommens in Paraíba, eine starke Einkommensungleichheit deutlich. Denn schon in Relation zum familiären Durchschnittseinkommen in Paraíba, welches ca. 851 Reais beträgt, ist das Einkommen der Reichen 17 x höher.90 Die Hälfte der Bevölkerung Paraíbas hat aber deutlich weniger Geld zur Verfügung, sodass das Ausmaß der Einkommensungleichheit deutlich wird.

Laut des Human Development Reports von 2009 zählt Brasilien mit einem HDI von 0,831 (höchste menschliche Entwicklung bei HDI=1)91 zu den Ländern mit „hoher menschlicher Entwicklung“.92 Wie in Kapitel 2 zu den Armutsdefinitionen erläutert, kann dieser Durchschnittswert für gesamt Brasilien die lokalen Ungleichheiten im Land nur schlecht wiedergeben. Soziale Ungleichheit in Brasilien gibt es nicht nur in Bezug auf das Einkommen, sondern auch im Bildungsbereich. Dieser Aspekt wird im nächsten Abschnitt erläutert.

3.2.3 Zusammenhang von Einkommensungleichheit und Bildungsungleichheit

Entsprechend den Informationen der Brasilianischen Botschaft in Berlin wird das Bildungssystem in Brasilien in den vorschulischen bzw. schulischen Bereich und den Hochschulbereich unterteilt. Es gibt Kinderkrippen für Kinder im Alter von 0 bis 3 Jahren, Kindergärten mit Vorschulunterricht für Kinder von 4 bis 6 Jahren und für die Kinder ab 7 Jahren die allgemeinbildenden Schulen. Die Grundschulausbildung beträgt 8 Jahre (ensino fundamental). Wer einen Gymnasialabschluss erreichen möchte, besucht 3 weitere Jahre die Oberstufe (ensino médio). Der anschließende mögliche Hochschulbesuch (educação superior) beträgt im Schnitt 5 Jahre, um einen Bachelor-Abschluss (graduação) zu erhalten. Ein anschließender Master-Abschluss (pós-graduação) dauert durchschnittlich noch einmal zweieinhalb Jahre. Daran kann sich wiederum eine 4jährige Promotion (doutorado) anschließen.93 Für das Schulsystem gilt: je höher die Schule, desto qualitativer die Ausbildung. In die Grundschulausbildung wird am wenigsten von staatlicher Seite aus investiert, sodass sich die Grundschulen teilweise in prekären Verhältnissen befinden. Es mangelt an infrastrukturellen Ausstattungsmitteln (wie Ventilatoren, PCs etc.) und Personal. Eltern, die es sich leisten können, schicken ihre Kinder auf Privatschulen. Hingegen genießen die öffentlichen Hochschulen ein sehr hohes Ansehen (zumeist besser als private Hochschulen), da dort von staatlicher Seite sehr viel investiert wird.94

Um die Bildungssituation in Brasilien darzustellen, beziehe ich mich wieder auf statistische Angaben der „Zusammenfassung der sozialen Indikatoren 2008“ des IBGE. Die Schulrate ist in den Jahren zwischen 1997 und 2007 angestiegen: in der Gruppe der 0 bis 6jährigen (Kinderkrippe und Vorschule) von 29,2 % auf 44,5 % und in der Gruppe der 15 bis 17jährigen von 77,3 % auf 82,1 %.95 Ein Indikator, der die Bildungssituation in letzterer Altersgruppe jedoch besser zeigt, ist die tatsächliche Besuchsquote, nach der nur 48 % der Jugendlichen tatsächlich zur Schule gehen. Dabei weist der Nordosten die niedrigste Besuchsrate mit 34,5 % auf.96 Ein Grund für niedrige Schulbesuchsraten ist die Kinderarbeit. Ca. 6,6 % der Kinder in Brasilien im Alter von 5 bis 15 Jahren gehen arbeiten. In Zahlen betrachtet, gehören rund 2,3 Millionen der arbeitenden Kinder der Altersgruppe 10 bis 15 Jahre an und 157.000 Kinder der Altersgruppe 5 bis 9 Jahre.97 Von den arbeitenden Kindern leben allein im Nordosten 44,6 %. Die meisten Kinder sind im landwirtschaftlichen Bereich beschäftigt.98 Von den arbeitenden Kindern tragen 43,2 % zum Haushaltseinkommen bei.99

Ein anderes Bildungsproblem in Brasilien stellt die Alphabetisierung. Von den 24,8 Millionen Kindern, die der Altersgruppe 8 bis 14 Jahre angehören und den Alphabetisierungsprozess in der Schule eigentlich schon passiert haben, können trotzdem 1,3 Millionen Kinder (5,4 %) nicht lesen und schreiben. Von diesen Kindern haben aber 84,5 % wirklich die Schule besucht.100 Im Nordosten leben 65,3 % der Kinder, die nicht lesen und schreiben können.101 Eine hohe Rate des Schulbesuchs schließt damit nicht automatisch auf eine hohe Lernqualität. Insgesamt sank die Rate der Analphabeten bei Personen über 15 Jahren von 14,7 % (Stand 1997) auf 10 %. Dennoch gibt es 14,1 Millionen Menschen in Brasilien, die nicht lesen und schreiben können (absolute Analphabeten).102 Hinzu kommen noch einmal 30 Millionen funktionale Analphabeten,103 d.h. Personen, die nicht genug schreiben und lesen können, um als Individuum mit vollen Rechten in die Gesellschaft integriert zu sein.104 Die Analphabetenrate ist mit 23,3 % auf dem Land höher als in der Stadt (7,6 %).105 Von den absoluten Analphabeten sind 9 Millionen Schwarze bzw. Mulatten, mit der stärksten Konzentration im Nordosten.106 In Paraíba beträgt die Quote für absolute Analphabeten 23,5 % und für funktionale Analphabeten 34,7%.107 Der Analphabetismus spiegelt sich auch im Einkommen wider. Von den Familien, die bis zu ½ Mindestlohn verdienen, sind 18 % Analphabeten. Hingegen bei den Familien, die 2 Mindestlöhne verdienen, beträgt der Anteil der Analphabeten nur noch 1,4 %.108

Die Bildungssituation im Hochschulbereich sieht wie folgt aus: Im Jahr 2007 beendeten 13,4 % der Weißen und 4,0 % der Mulatten ein Studium an einer Universität.109 Laut Pochmann besitzen 67,2 % der Reichen in Brasilien eine abgeschlossene Hochschulausbildung. Dabei macht er darauf aufmerksam, dass Reiche auch an privaten Hochschulen studieren können, wenn sie an den öffentlichen abgelehnt werden. Eine Möglichkeit, die von Armut Betroffene nicht haben.110 In den Ausführungen ist deutlich geworden, dass ein fundamentaler Zusammenhang zwischen Einkommensungleichheit und Bildungsungleichheit besteht. Im nächsten Abschnitt beschreibe ich das Problem der Gewalt in Brasilien, als eine Folge der sozialen Ungleichheit im Land.

3.2.4 Hohe Kriminalitätsraten als Resultat der sozialen Ungleichheit

Die folgenden statistischen Angaben der „Organização dos Estados Ibero-Americanos para a Educação, a Ciência e a Cultura“ (Organisation der Lateinamerikanischen Staaten für Bildung, Wissenschaft und Kultur; OEI) und ihrer „Mapa da Violência dos Municípios Brasileiros“ (Gewaltkarte der brasilianischen Gemeinden) beziehen sich auf das Jahr 2004. Im internationalen Vergleich mit 84 Ländern nimmt Brasilien, mit einer Rate von 27 Tötungsdelikten pro 100.000 Einwohner, den 4. Platz ein. Damit ist die Rate 30 bis 40 mal so hoch, wie im Vergleich zu Deutschland.111 Zwischen 1994 und 2004 stieg die Zahl der Tötungsdelikte von ca. 32.600 auf 48.370. Das entspricht einem Zuwachs von 48,4 % bei einem gleichzeitigen Bevölkerungszuwachs von nur 16,5 % in diesem Zeitraum.112 Die Tötungsopfer weisen zumeist folgende Merkmale auf: Die Opfer gehören überwiegend der Altersgruppe der jungen Menschen (15 bis 29 Jahre) an.113 92,1 % der Opfer sind männlich.114 Die Zahl schwarzer Tötungsopfer ist sehr viel höher als die Weißer. Dabei sticht der Bundesstaat Paraíba am deutlichsten hervor. Hier kommen auf 1 weißes Opfer 8 schwarze Opfer von Tötungsdelikten.115 Im Vergleich mit allen anderen 27 brasilianischen Bundesstaaten belegt Paraíba Platz 19 in der Rangliste der Tötungsdelikte (18,6 Tötungsdelikte/ 100.000 Einwohner).116 Im Vergleich dazu: Der Bundesstaat Pernambuco der geografisch unter Paraíba liegt, belegt Rang 1 mit 50,7 Tötungsdelikten/ 100.000 Einwohner.117 Deutlich wird, dass die Anzahl der Tötungsdelikte in den Städten eindeutig höher ist. Paraíba befindet sich mit seinen vielen ländlichen Bereichen zwar, im Vergleich zu den anderen Bundesstaaten, relativ weit hinten auf der Rangliste, dennoch beträgt die Rate für seine Hauptstadt João Pessoa 43,3 Tötungsdelikte/ 100.000 Einwohner.118 In Recife, der Hauptstadt Pernambucos liegt diese Rate bei 91,2/ 100.000 Einwohner.119

Zeller erklärt, dass Tötungsdelikte insbesondere im Drogenmilieu geschehen, in den Favelas Brasiliens, den sog. „Slums“. Der Einstieg in die Drogenszene wirkt demnach auf Arme, insbesondere junge Menschen, oft als Anreiz für schnellen Reichtum. In ihren materiellen Notlagen berücksichtigen sie nicht die Gefahren, die für sie in diesem Milieu entstehen. Zeller verdeutlicht, dass sie tatsächlich aber schnell das Opfer eines Tötungsdeliktes werden können, wenn sie nicht ausreichend Geld für ihren Anführer erwirtschaften oder in die Fronten von konkurrierenden Drogenbanden treffen.120

Gemäß der nationalen Volkszählung in Gefängnissen (Censo penitenciário nacional) aus dem Jahr 1995 ergaben sich folgende Prozentverteilungen der Delikte der Inhaftierten:

- 32,9 % Raubüberfall
- 16,4 % Diebstahl
- 15,0 % Mord/ Totschlag
- 10,6 % Drogen
- 6,9 % Vergewaltigung u.ä.
- 18,2 % andere Verbrechen.121

Knapp die Hälfte der Inhaftierten sitzt wegen Diebstählen und Raubüberfällen. Diese Situation ist kennzeichnend für die soziale Ungleichheit in Brasilien. Von Armut betroffene Personen versuchen dadurch ihre materiellen Lagen aufzubessern. Der Alltag der Mittel- und Oberschicht ist deswegen geprägt von Sicherheitsgedanken.122 Die Standard- Sicherheitsvorkehrungen an den Häusern sind Mauern und Stacheldraht- oder Elektrozäune, Wachhunde, die Beschäftigung privater Sicherheitsdienste, körpereigene Schutzwaffen etc. Die, die es sich leisten können, wohnen in sog. „Condomínios“. Das sind geschlossene Wohnanlagen, die von einem bewaffneten Sicherheitsdienst geschützt werden.123

3.3 Politische Programme zur Bekämpfung der sozialen Probleme

Im September 2000 nahm Brasilien mit 188 weiteren Ländern am sog. „Millenium-Gipfel“ teil, welcher von den Vereinten Nationen organisiert wurde. Es ging insbesondere darum, wie man die Armut auf der Welt bekämpfen kann. Als Ergebnis dieses Gipfels wurden acht Entwicklungsziele formuliert, die möglichst bis zum Jahr 2015 von allen teilnehmenden Ländern erfüllt werden sollen. Es wurden zudem verschiedene Indikatoren festgelegt, an denen überprüft werden soll, ob ein Ziel erreicht wurde oder nicht.124 Das primäre Ziel ist die Beseitigung der extremen Armut und des Hungers. Gemessen an den Jahren 1990 und 2015 soll die Anzahl der Personen halbiert werden, deren Einkommen weniger als 1 Dollar pro Tag beträgt. Gleichfalls soll die Anzahl der Personen, die Hunger leiden, halbiert werden. Das soll z.B. durch den Anteil 5jähriger Kinder, die an Untergewicht leiden oder den Anteil von Personen mit zu geringer Kalorienaufnahme überprüft werden. Ziel 2 des Millenium-Gipfels ist die Verwirklichung der allgemeinen Grundschulbildung. Alle Kinder, egal ob Junge oder Mädchen, sollen den Primarunterricht besuchen und beenden. Die Indikatoren hierfür sind die Schulrate im Primarunterricht als auch der Vergleich des Anteils der Schüler, die im 1. Schuljahr angefangen haben und das 5. Schuljahr beenden. Ein anderer Indikator ist die allgemeine Alphabetisierungsrate der Bevölkerung im Alter zwischen 15 und 24 Jahren.125 Ich möchte die weiteren Ziele des Millenium-Plans nur kurz auflisten, da sie nicht ausführlich in meiner Arbeit behandelt werden. Diese sind: die Verwirklichung der Gleichstellung der Geschlechter (Ziel 3), die Senkung der Kindersterblichkeit (Ziel 4), die Verbesserung der Gesundheit von Schwangeren (Ziel 5), die Bekämpfung von Aids, Malaria und anderen gravierenden Krankheiten (Ziel 6), die Sicherung der ökologischen Nachhaltigkeit (Ziel 7) und die Förderung einer weltweiten Partnerschaft für Entwicklung (Ziel 8).126 Es wird deutlich, dass sich die Ziele des Millenium-Gipfels an den Human Development Reports der Vereinten Nationen orientieren.

Um die Ziele des Millenium-Plans zu erfüllen, hat die brasilianische Regierung die verschiedensten politischen Initiativen ins Leben gerufen. Im Jahr 2003 wurde das politische Programm „Fome Zero“ (Null Hunger) eingeführt, um die extreme Armut und den Hunger in Brasilien zu bekämpfen. Das soll durch verschiedene politische Teilprogramme realisiert werden. Das wichtigste Programm von „Fome Zero“ ist das „Bolsa Família“, eine Art Familienstipendium.127 Gönitzer erläutert, dass grundlegendes Ziel des Familienstipendiums die Bekämpfung des Hungers ist. Langfristig soll dieses Programm zur gesellschaftlichen Integration der armen Bevölkerung beitragen. Das Stipendium ist für Familien mit schulpflichtigen Kindern gedacht, die ein maximales Pro- Kopf-Einkommen von 120 Reais monatlich haben. Die Förderung beträgt 18 bis 112 Reais pro Person und Monat, die vom Einkommen der Familie und der Kinderanzahl abhängt. Gönitzer expliziert, dass Voraussetzungen für den Erhalt von „Bolsa Família“ die Anwesenheit der Kinder in der Schule (mindestens 85% Anwesenheit), regelmäßige ärztliche Kontrolluntersuchungen der Kinder und das Vorhandensein aller vorgeschriebenen Schutzimpfungen sind. Schwangere und stillende Frauen müssen ebenfalls an Kontrolluntersuchungen teilnehmen. Durch diese Voraussetzungen will die Regierung den Zugang aller zu sozialen Dienstleistungen und der Gesundheitserziehung sicherstellen.128 Laut eines Regierungsberichtes von 2007 erhielten rund 11 Millionen Familien das Familienstipendium seit Einführung des Programms bis Dezember 2006, wofür der Staat 8,3 Milliarden Reais ausgab. Rund 5 Millionen der geförderten Familien wohnen im Nordosten. Der Regierungsbericht zieht folgende positive Bilanzen: Das Familienstipendium habe das Einkommen der Familien um ca. 37% verbessert. Zudem sei es für 21% des Rückgangs der Einkommensungleichheit verantwortlich. Die Schulbesuchsquoten seien gestiegen und Lebensmittel und Ernährung haben sich in den geförderten Familien verbessert.129 Allerdings gibt es auch negative Meinungen zum Familienstipendium. Kritiker meinen, dass es außer ein paar Spenden für die Familien nichts gebracht habe. Schließlich seien Hunger und Armut immer noch das Hauptproblem Brasiliens.130 Die finanzielle Förderung lindere höchstens die Symptome der Armut, zerstöre sie aber nicht.131

Ein politisches Programm für den Schutz und die Förderung von Kindern und Jugendlichen ist der „Plano Presidente Amigo da Criança e do Adolescente“ (Präsidentenplan Freund der Kinder und Jugendlichen). Ziele dieses Plans sind die Förderung eines gesunden Lebens, die Förderung einer qualitativ hohen Bildung, Schutz vor Missbrauch, Ausbeutung und Gewalt sowie die Bekämpfung von HIV und Aids. In dem gesamten Plan sind 203 verschiedene Initiativen festgeschrieben, welche diese vier Ziele erfüllen sollen.132 Ein Beispiel dafür, womit gleichzeitig Ziel 2 des Milleniumplans (Grundschulbildung für alle Kinder, Alphabetisierung) erfüllt werden soll, ist der „Plano de Qualidade para a Educação Básica“ (Qualitätsplan für die Grundbildung). In diesem sind wiederum verschiedene Maßnahmen festgeschrieben, um die Qualität des Schulunterrichts zu verbessern. Für eine qualitativere Ausbildung der Lehrer, wurden an verschiedenen staatlichen Universitäten Forschungsinstitute eingerichtet. Diese sollen effektivere Lehrmethoden und Materialien für Lehrer entwickeln, insbesondere in den Bereichen Alphabetisierung, Sprache und Mathematik.133 Eine andere Initiative ist „Brasil Alfabetizado“ (Alphabetisiertes Brasilien), dessen Ziel die Senkung der Analphabetenrate ist. Demnach hat laut eines Regierungsberichtes, der Staat im Jahr 2005 rund 2,2 Millionen Jugendliche und Erwachsene in über 4000 Gemeinden mit diesem Programm erreicht.134

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Brasilien sich in einem stetigen Weiterentwicklungsprozess befindet. Sowohl die Rate von absolut Armen als auch von Analphabeten sinkt beständig. Die Sozialausgaben Brasiliens steigen kontinuierlich an. Im Jahr 2004 investierte der brasilianische Staat in diese rund 250 Milliarden Reais (ca. 89 Milliarden Euro). Das entsprach 14 % des Bruttoinlandproduktes. Damit liegt Brasilien mit seinen Sozialausgaben von allen lateinamerikanischen Staaten weit vorn. Dennoch wirken diese im Vergleich zu Deutschland verschwindend gering.135 Der deutsche Staat gab im Jahr 2009 fast 754 Milliarden Euro (31,9 %) für Sozialausgaben aus, obwohl er eine deutlich geringere Einwohnerzahl besitzt.136 Schließlich betont Sobottka noch, dass es bei der Verbesserung von sozialen Lagen in Brasilien nicht nur um haushaltspolitische Entscheidungen wie die Höhe der Sozialausgaben gehen kann. Er expliziert:

„ So wichtig eine Anhebung des Haushaltes für Sozialpolitik für die Nothilfe auch sein mag, weder Armut noch soziale Ungleichheit werden damit in Lateinamerika ü berwunden, solange es keine konstante und langfristige Politik gibt, die die Autonomie der armen Menschen und die Universalisierung der Anerkennung aller als ebenbildlicher Mensch und gleichberechtigter B ü rger bewirken. “ 137

Damit verweist Sobottka auf das Problem der peripheren Moderne Brasiliens, in dem nicht alle Bürger die gleichen Rechte besitzen. Wie im nächsten Abschnitt deutlich wird, bildet dieser problematische Umstand auch die Handlungsgrundlage der Sozialen Arbeit in Brasilien.

3.4 Soziale Arbeit in Brasilien

3.4.1 Entwicklung der Sozialarbeit und ihr ethisch-politisches Verständnis

Die aktuelle Sozialarbeit in Brasilien ist ein geschichtliches Resultat ihrer Zeit, weswegen ich ihren Entwicklungsprozess ausführlicher darstelle. Ihre Entwicklung lässt sich in vier zeitliche Abschnitte einteilen:

- die Entstehung der Sozialarbeit in den 1930er Jahren,
- die Institutionalisierung der Sozialarbeit in den 1940er und 1950er Jahren,
- die Umorientierung der Sozialarbeit in den 1960er und 1970er Jahren und
- das aktuelle ethisch-politische Projekt der Sozialarbeit ab den 1980er Jahren.138

Die Sozialarbeit in Brasilien entwickelte sich ab 1930 aus der Armenpflege der katholischen Kirche.139 Der damalige sozialpolitische und ideologische Kontext war die Ausbreitung der freien Arbeit, die Weltwirtschaftskrise und die Vorherrschaft eines konservativen, positivistischen Denkens.140 Das positivistische Denken ist stark naturwissenschaftlich geprägt. Man vergleicht z.B. die Gesellschaft mit einer Maschine, die es objektiv zu erkennen gilt, um rational intervenieren zu können. Ziel der damaligen positivistisch ausgerichteten Politik in Brasilien war eine optimale Steuerung der Ökonomie, um Ordnung und Fortschritt im Land zu erreichen. Dafür konnten Minderheitsinteressen nicht berücksichtigt werden.141 Es begann die Einführung des kapitalistischen Systems in Brasilien, wie es in den USA und Europa schon existierte. Der Kapitalismus ist prinzipiell auf Gewinnmaximierung fixiert. Die zuvor staatlichen Produktionsmittel (z.B. Fabriken, Maschinen etc.) gingen in privates Eigentum über, um mehr Wettbewerb zu schaffen. Die Voraussetzung dafür war Kapitalbesitz und konnte demzufolge nur von vermögenden Personen erfüllt werden. Die Masse der Arbeiter blieb besitzlos und war von nun an wirtschaftlich abhängig von den Kapitalbesitzern.142 Um diesen ökonomischen Modernisierungsprozess nicht zu stören, bagatellisierte die Politik soziale Konflikte und ignorierte die gesellschaftlichen Ungleichheiten. Bestehende soziale Probleme, wie Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Diskriminierung wurden von der Politik naturalisiert,143 d.h. als schon immer gegebene Probleme in einer Gesellschaft postuliert, ohne auf historische Umstände einzugehen. Aufgabe der Politik war die Herausbildung eines nationalstaatlichen Kollektivbewusstseins im Volk, um die Ordnung im Land zu sichern.144 Von diesem Denken blieb auch die katholische Sozialarbeit nicht unberührt. Sie führte die sozialen Probleme im Land nicht auf historische Entwicklungen zurück, wie die aktuelle Einführung des Kapitalismus und seinen konträren Arbeitsbeziehungen. Die Sozialarbeit gründete die Ursache der sozialen Probleme auf moralische Motive. Sie schloss sich dem politischen Denken im Land an und sah es als ihre Aufgabe, tugendhafte Eigenschaften zur Sicherung und Wiederherstellung der sozialen Ordnung im Volk herauszubilden.145

Mit der Ausbreitung des kapitalistischen Systems und den damit einhergehenden Konflikten, verschärfte sich die Soziale Frage in Brasilien. Der Staat musste sozialpolitische Konzepte umsetzen, die sich nicht mehr nur auf private Initiativen der Betroffenen oder auf freiwillige Fürsorge beziehen konnten. Unter diesen Voraussetzungen begann 1936 die Institutionalisierung der Sozialen Arbeit mit der Eröffnung des ersten Ausbildungszentrums in São Paulo.146 Die staatlich implementierte Sozialarbeit sollte ursprünglich dem Kapitalismus helfen. Ihre Aufgabe war die Anpassung der Bevölkerung an die neuen politisch-strukturellen Gegebenheiten.147 Die Abstammung der damaligen Sozialarbeitsschüler aus der vermögenden Schicht und aus Kircheneinrichtungen ist dafür kennzeichnend.148 Die Sozialarbeit betrachtete die sozialen Probleme weiterhin nicht im Kontext historischer Entwicklungen. In Anlehnung an die amerikanischen und nordeuropäischen Methoden der Sozialarbeit (insbesondere Einzelarbeit aber auch Gruppenarbeit und Gemeindearbeit), führte sie die sozialen Probleme auf psychologische und funktionale Mängel der Bürger zurück. Durch diesen Grundsatz trugen die Sozialarbeiter zur Reproduktion der ideologischen Herrschaft bei.149

Erst ab 1960 deutete sich eine Umorientierung des Selbstverständnisses von Sozialer Arbeit an. Im Zuge der sozialen Bewegungen in Brasilien, die nach Bürgerrechten und sozialen Reformen für alle forderten, konnte sich auch die Sozialarbeit nicht mehr unberührt dessen zeigen. Als in der zweiten Hälfte der 70er Jahre Forderungen nach Demokratie im Land laut wurden, setzte auch die umfassende Erneuerung der Sozialarbeit ein.150 Der erste Schritt war die strikte Ablehnung der nordamerikanischen und europäischen Sozialarbeitsmethode bestehend aus Untersuchung, Diagnose und Behandlung. Die Sozialarbeit in Brasilien fand diese Methodik nicht übertragbar auf die Probleme der sozialen Ungleichheit im Land. Hinzu kam, dass sich die am Einzelfall orientierte Arbeit nicht mit den traditionellen Formen des gemeinschaftlichen Zusammenlebens in Brasilien deckte. Die Sozialarbeit begann damit, eigene Konzepte zu entwickeln, die weniger methodisch ausgelegt waren, wobei man insbesondere gemeinwesenorientierte und ökonomische Ansätze zugrunde legte. Die Konzepte hatten zum Ziel, die Lebenssituation der armen Bevölkerung hinsichtlich Unterdrückung, Ausbeutung und Armut zu verbessern. In diesem Zusammenhang setzte sich die Sozialarbeit für eine Veränderung der herrschenden Gesellschaftsstrukturen ein.151 „ Die neuen Methoden bestanden vor allem darin, Menschen zu organisieren, zu mobilisieren, zu politisieren und ihnen ihre gesellschaftliche Lage bewusst zu machen. “152

Mit der Implementierung der Ausbildung zum Sozialarbeiter über die akademische Laufbahn, nahmen auch die Debatten über Inhalte, Ziele und ein ethisch-politisches Ideal der Sozialarbeit zu.153 Die beiden Autoren Marilda Iamamoto und Raul Carvalho veröffentlichten dazu im Jahr 1982 das Buch „Soziale Beziehungen und Sozialarbeit in Brasilien“. In dieser Publikation betrachten sie die brasilianischen Gesellschaftsstrukturen aus der marxistischen Perspektive. Mit ihrer marxistisch orientierten Analyse und Deutung der sozialen Realität und der Übertragung auf die daraus resultierenden Aufgaben für die Soziale Arbeit prägen sie bis heute das Bild der brasilianischen Sozialarbeit. Die Ursache der sozialen Probleme in Brasilien wird nicht mehr historisch unabhängig betrachtet, sondern von nun an im kapitalistischen Gesellschaftssystem gesehen.154 Um diese Perspektive besser zu verstehen, möchte ich kurz die marxistische Gesellschaftstheorie anhand der Ausführungen von Hradil erläutern:

Die beiden Begründer des Marxismus sind Karl Marx und Friedrich Engels. Ihre Klassentheorie konstruieren sie aus der Zeit der industriellen Revolution und der damit einhergehenden Entwicklung des kapitalistischen Systems. Marx und Engels konstatieren, dass der Kapitalismus für die gravierende Verschlechterung der Lebensbedingungen von Landarbeitern bzw. Handwerkern und der Massenarmut verantwortlich ist. Das begründen sie damit, dass im kapitalistischen System besitzlose Menschen von Besitzenden abhängig sind. Besitzende Menschen verfügen über privates Kapital, um sich Produktionsmittel für die Herstellung von Waren anzueignen. Besitzlosen fehlt dieses Kapital, sodass ihnen nur ihre Arbeitskraft bleibt. Die Besitzenden befinden sich somit im Vorteil gegenüber Besitzlosen, die sich als Arbeiter in die Abhängigkeit der Besitzenden geben müssen. Die Besitzenden nehmen die Arbeitskraft in den Dienst. Auf diese Weise sorgen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse für eine gesellschaftliche Arbeitsteilung. Resultat ist, dass die Gesellschaft in zwei große Klassen zerfällt: in das Produktionsmittel besitzende Bürgertum und in das besitzlose Proletariat. Nach Marx und Engels bilden all jene Personen eine Klasse, die sich im gleichen Verhältnis zu den Produktionsmitteln befinden (besitzend oder nicht besitzend). Aufgrund der Gewinnorientierung und Wettbewerbssituation im kapitalistischen System stehen die Besitzenden immer unter Konkurrenzdruck. Sie bleiben am besten konkurrenzfähig, wenn ihre produzierten Güter nachgefragt, immer vorrätig und möglichst billig im Verkaufspreis sind. Das erreichen sie durch eine hohe Produktion und niedrige Arbeiterlöhne. Zudem führt die Industrialisierung von Produktionsprozessen dazu, dass immer weniger Arbeitskräfte gebraucht werden, womit wiederum Kosten eingespart werden. Nach Marx und Engels führt das dazu, dass die Besitzenden immer reicher werden und die Besitzlosen immer ärmer, begleitet von einer immer stärkeren Verelendung. Zwar gehen auch Besitzende Konkurs, ihre Besitztümer werden jedoch von anderen Besitzenden übernommen. Dadurch konzentriert sich der Reichtum auf immer weniger Personen, während sich das Proletariat vergrößert.155 Marx und Engels kritisieren diesen Entwicklungsablauf, da nach ihrer Meinung, die Arbeiterklasse für den wirtschaftlichen Reichtum einer Gesellschaft sorgt aber davon nicht profitiert.156

Hradil führt weiter aus, dass Marx und Engels die Alternative eines kapitalistischen Systems im Kommunismus sehen. Merkmale eines kommunistischen Gesellschaftssystems sind folgende:

Die Produktion wird auf Güter beschränkt, die Wert und Nutzen haben. Es werden nur so viele Güter produziert wie tatsächlich gebraucht werden. Es gibt keine Aufteilung der Gesellschaft in Klassen wie Besitzlose und Besitzende. Alle Produktionsmittel sind gemeinschaftliches Eigentum und die daraus resultierenden Produkte werden kollektiv geteilt.

Die Lösung zur Abschaffung des kapitalistischen Systems in einer Gesellschaft und die Errichtung eines kommunistischen Systems sehen Marx und Engels im Klassenkampf. Der Klassenkampf ist die Auseinandersetzung zweier Klassen mit unterschiedlichen Interessen. Auf der einen Seite befindet sich das Proletariat, welches gerechtere Gesellschaftsstrukturen fordert. Auf der anderen Seite steht das besitzführende Bürgertum, welches die Erhaltung der bestehenden Verhältnisse anstrebt. Die Schwierigkeit bei solch einem Klassenkampf besteht darin, dass das Bürgertum nicht nur Herrscher über die wirtschaftlichen Verhältnisse ist, sondern auch über die politischen und wissenschaftlichen Ebenen. In der Realität haben nur die Besitzenden Zugang zu höheren Bildungseinrichtungen, die auch dem Proletariat einen gesellschaftlichen Aufstieg ermöglichen würden. Diese Ungleichheiten zwischen Proletariat und Bürgertum können nach Marx und Engels nur durch die revolutionäre Erhebung des Proletariats abgeschafft werden.157 Das bedeutet, dass das Proletariat die Besitztümer des Bürgertums enteignet und diese in Gemeinschaftseigentum überführt. Das führt zur Abschaffung des kapitalistischen Systems und zur Implementierung des Kommunismus.158 Marx und Engels betonen die Wichtigkeit des kollektiven Zusammenschlusses der Arbeiterklasse für solch einen Klassenkampf. Demnach kann das Proletariat den Kampf nur gewinnen, wenn es ein gemeinschaftliches Bewusstsein entwickelt.159

Nach der Darstellung der marxistischen Gesellschaftstheorie möchte ich auf seine Bedeutung für die Entwicklung der Sozialen Arbeit in Brasilien zurückkommen. Wie genannt sorgten insbesondere die beiden brasilianischen Autoren Iamamoto und Carvalho für die Verbreitung der marxistischen Perspektive in der Sozialarbeit. Sobottka erklärt, dass eine weitere Ursache für die Übernahme des marxistischen Denkens darin lag, dass das kapitalistische System in Brasilien seine Versprechungen bezüglich der Reduzierung von Armut nicht einhalten konnte. Demnach identifizierte sich das wirtschaftliche Wachstum im Kapitalismus mit Aspekten wie Entwicklung, Wohlstand und moderner Lebensführung. Vertreter des Kapitalismus, wie John K. Galbraith, postulierten damals, dass die Zunahme des gesamten gesellschaftlichen Reichtums auch zur Erhöhung des Wohlstands der unteren Bevölkerungsschichten beitragen werde. Aber obwohl Brasilien im Zeitraum von 1930 bis 1980 die höchste Wachstumsrate aller kapitalistischen Wirtschaftssysteme in der Welt aufwies, erhöhte sich die Armut im Land. Die Kapitalisten konnten ihre Versprechungen zur Reduzierung der Armut nicht realisieren. Dies eröffnete marxistische Theorien als Grundlage für die Sozialarbeit in Brasilien.160 Die Soziale Arbeit betrachtet von nun an die ungleichen Beziehungen zwischen Armen und Reichen aus marxistischer Perspektive.

„ Die schon von Marx vertretene These, dass der Gegensatz zwischen Eigent ü mern des Kapitals und jenen Menschen, die nur ihre Arbeitskraft zu bieten haben, die gesellschaftlichen Beziehungen entscheidend pr ä gt, wird eindeutig ü bernommen. Die unterschiedlichen Formen sozialer Ungleichheit, die soziale Exklusion, Klassenunterschiede, alles wird von dieser Perspektive her gesehen. “ 161

Nach Sobottka und Faustini erkannte die Soziale Arbeit, dass auf die soziale Ungleichheit im Land nicht mehr nur mit Wohltätigkeit oder Unterdrückung reagiert werden konnte. Es waren neue Handlungsformen erforderlich, die man ausgehend vom Marxismus entwickelte. Bis heute plädiert die Soziale Arbeit in Brasilien für die Bildung und Entwicklung der Unterdrückten. Sie verpflichtet sich den untersten sozialen Schichten, den Menschen, die am meisten von der Ungleichheit betroffen sind bzw. die von Niedrig- Lohnarbeit oder einer prekär-beruflichen Selbständigkeit leben müssen. Die Sozialarbeit sieht es als ihre Aufgabe an, sich für eine radikale Demokratisierung, das Sichern von sozialen Rechten und ethisch-politischen Veränderungen zugunsten der armen Bevölkerung, einzusetzen. Sie richtet sich im marxistischen Sinne gegen die herrschende Konsumkultur, gegen die private Aneignung von gesellschaftlich erzeugten Waren und gegen den zunehmenden Ausschluss der unteren Bevölkerungsschicht, so wie das vom Kapitalismus forciert wird. Damit verbunden ist das Ziel der Sozialen Arbeit vom Aufbau einer neuen gesellschaftlichen Ordnung nach marxistischem Vorbild.162 Sobottka und Faustini schreiben in diesem Zusammenhang:

„ Vielen Beobachtern kann dies als ein romantisches Projekt der SozialarbeiterInnen erscheinen ( … ). Sie selbst [die Sozialarbeit, Anm. d. Verf.] sehe dies eher als eine konkrete Utopie. Diese Richtlinien wurden nach einem langen Konsultationsprozess beschlossen und haben so eine breite Legitimation bekommen. “ 163

Aufgrund der unterschiedlichen Interessen zwischen dem herrschenden kapitalistischen Gesellschaftssystem und den konträren ethisch-politischen Einstellungen der Sozialen Arbeit nach marxistischem Vorbild, kann man vom Klassenkampf sprechen. Sobottka und Faustini erklären, dass das Fernziel einer neuen gerechten Gesellschaftsordnung immer in die konkrete Handlungssituation des Sozialarbeiters einbezogen werden muss. Wie in der marxistischen Gesellschaftstheorie dargelegt, kann die revolutionäre Umwälzung der kapitalistischen Gesellschaft nur stattfinden, wenn sich die unterdrückte Schicht kollektiv zusammenschließt und ein gemeinsames Klassenbewusstsein entwickelt. Es ist deswegen Aufgabe der Sozialarbeit, dieses Kollektivbewusstsein bei den Unterdrückten herauszubilden, um das Ziel einer neuen gerechten Gesellschaftsordnung zu erreichen.164

Dieser angewandte Marxismus und die daraus resultierende ethisch-politische Bedeutung der Sozialen Arbeit wurden auch in ihrer weiteren Institutionalisierung gefestigt. Im Jahr 1986 wurde der „Código de Ética do Assistente Social“ eingeführt, ein sog. „Ethik-Kodex“, dem jeder ausgebildete Sozialarbeiter unterliegt. Dieser Ethik-Kodex bildet die Grundlage des ethisch-politischen Verständnisses der Sozialen Arbeit. In ihm ist die Parteinahme der Sozialarbeiter für die unteren Bevölkerungsschichten juristisch festgeschrieben. Es ist die oberste Pflicht eines jeden Sozialarbeiters, sich für die Erweiterung und Verfestigung der Bürgerrechte einzusetzen. Dadurch sollen sie die sozialen und politischen Rechte der Besitzlosen sichern, zur Erweiterung der Demokratie beitragen und die politische Partizipation der Arbeiterklasse sowie ihre Beteiligung am gesellschaftlich erzeugten Reichtum fördern.165 Der zentrale ethische Wert des Kodex ist die Anerkennung der Freiheit. Das meint nicht unbedingt individuelle Freiheit. In dieser Perspektive hätten die reichen Bürger Brasiliens auch die Freiheit Besitztümer anzusammeln. Es geht vielmehr um kollektive Freiheit, die jedem das gleiche Maß an Freiheit ermöglicht, ohne andere in wesentlichen Elementen des freien Handelns einzuschränken (z.B. Bildungschancen, Wohnstandard etc.). Das bedeutet für vermögende Personen eine Einschränkung ihrer aktuellen individuellen Freiheit, für Arme jedoch eine Erweiterung dieser. Die Sozialarbeiter müssen sich Bemühen, ein kritisches Kollektivbewusstsein in den unteren Schichten auszubilden, um so den Unterdrückten ihre soziale Lage verständlich zu machen, damit sie aus diesem Verständnis heraus, diese Situation kollektiv überwinden.166 Die Verpflichtung des Sozialarbeiters den Ethik-Kodex einzuhalten und durchzusetzen, ist in Art. 21 festgeschrieben. Stellt ein Sozialarbeiter die illegale Ausübung des Berufes oder Verstöße gegen die Leitlinien des Kodex fest, ist er dazu verpflichtet das dem Berufsverband der Sozialarbeiter zu melden. In diesem Berufsverband wird jeder fertig ausgebildete Sozialarbeiter automatisch Mitglied. Der Berufsverband ist auf regionaler und nationaler Ebene organisiert und hat einen großen Einfluss auf sozialpolitische Entscheidungen, da er sich an Gesetzgebungen beteiligt. Weiter trifft der Berufsverband Entscheidungen hinsichtlich der Ausbildung zum Sozialarbeiter, dem Schutz des Berufes und der Ausarbeitung des Ethik-Kodex und kontrolliert die berufliche Praxis.167 Der Art. 23 des Ethik-Kodex erlaubt dem Berufsverband das Verhängen von Sanktionen bei Verstößen gegen diesen. Die Sanktionen sind in Art. 24 aufgeführt und sind: Strafgebühr, Hinweis im Register des Sozialarbeiters, öffentliche Bekanntmachung des Verstoßes, Aussetzung der beruflichen Praxis oder ein völliges Berufsverbot durch die Rücknahme des Titels zum Sozialarbeiter.168

[...]


1 Vgl. Butterwegge, C.; Armut in einem reichen Land. 2009, S. 7

2 Vgl. ebd. S. 14

3 Vgl. Flickinger, H.-G.; Vom Fremden lernen. 2006, S. 8

4 Vgl. Butterwegge, C.; Armut in einem reichen Land. 2009, S. 7

5 Vgl. ebd. S. 75

6 Zit. Leibfried S./ Voges, W.; Armut im modernen Wohlfahrtsstaat. 1992, S. 22 In: Sobottka, E. A.; Armut und Armutsfolgen in Ländern der peripheren Moderne. 2009, S. 139

7 Vgl. Sobottka, E. A.; Armut und Armutsfolgen in Ländern der peripheren Moderne. 2009, S. 139

8 Vgl. Hauser, R.; Das Maß der Armut. 2008, S. 94f

9 Vgl. Sobottka, E. A.; Armut und Armutsfolgen in Ländern der peripheren Moderne. 2009, S. 139f

10 Vgl. Fuchs-Heinritz, W. u.a. (Hrsg.); Lexikon zur Soziologie - Stichwort: Exklusion. 2007, S. 185f

11 Vgl. Sobottka, E. A.; Armut und Armutsfolgen in Ländern der peripheren Moderne. 2009, S. 140

12 Vgl. Klee, G.; Armuts- und Reichtumskonzepte und deren Operationalisierung. 2005, S. 63

13 Vgl. Sobottka, E. A.; Armut und Armutsfolgen in Ländern der peripheren Moderne. 2009, S. 141

14 Zit. ebd., S. 141

15 Vgl. Hauser, R.; Das Maß der Armut. 2008, S. 96

16 Zit..Sobottka, E. A.; Armut und Armutsfolgen in Ländern der peripheren Moderne. 2009, S. 141

17 Vgl. ebd., S. 141

18 Vgl. Hauser, R.; Das Maß der Armut. 2008, S. 96f

19 Vgl. Sobottka, E. A.; Armut und Armutsfolgen in Ländern der peripheren Moderne. 2009, S. 141

20 Vgl. Hauser, R.; Das Maß der Armut. 2008, S. 98

21 Vgl. ebd., S. 100

22 Vgl. Sobottka, E. A.; Armut und Armutsfolgen in Ländern der peripheren Moderne. 2009, S. 141

23 Vgl. Hauser, R.; Das Maß der Armut. 2008, S. 100f

24 Vgl. Eberlei, W.; Armut als globale Herausforderung. 2008, S. 590

25 Vgl. Klee, G.; Armuts- und Reichtumskonzepte und deren Operationalisierung. 2005, S. 54f

26 Vgl. Sobottka, E. A.; Armut und Armutsfolgen in Ländern der peripheren Moderne. 2009, S. 142

27 Vgl. Klee, G.; Armuts- und Reichtumskonzepte und deren Operationalisierung. 2005, S. 54f

28 Vgl. Sobottka, E. A.; Armut und Armutsfolgen in Ländern der peripheren Moderne. 2009, S. 140

29 Vgl. Eberlei, W.; Armut als globale Herausforderung. 2008, S. 590

30 Vgl. Rehklau, C./ Lutz, R.; Partnerschaft oder Kolonisation? 2009, S. 34

31 Vgl. Hauser, R.; Das Maß der Armut. 2008, S. 97f

32 Siehe Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen, Art. 25, Abs. 1

33 Vgl. Brasilianische Botschaft Berlin (Hrsg.); Land. 2008

34 Abbildung siehe Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH (Hrsg.); Überblick

35 Vgl. Brasilianische Botschaft Berlin (Hrsg.); Land - Regionen und Städte. 2008

36 Vgl. ebd.

37 Vgl. Bundeszentrale für Politische Bildung (Hrsg.); Online-Lexikon: Schwellenländer. 2009

38 Vgl. Brasilianische Botschaft Berlin (Hrsg.); Land - Regionen und Städte. 2008

39 Vgl. Bundeszentrale für Politische Bildung (Hrsg.); Online-Lexikon: Industriegesellschaft. 2006

40 Vgl. Brasilianische Botschaft Berlin (Hrsg.); Land - Regionen und Städte. 2008

41 Vgl. Fuchs-Heinritz, W.; Lexikon zur Soziologie - Stichwort: Modernisierung. 2007, S. 441

42 Vgl. Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (Hrsg.); Países @ (Abschnitt Brasil - População)

43 Vgl. Population Reference Bureau (Hrsg.); World Population Data Sheet 2009.

44 Vgl. Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (Hrsg.); Síntese de Indicadores Sociais 2008 (Abschnitt 17)

45 Vgl. ebd.; Estados@ - Paraíba

46 Vgl. ebd.; Cidades@ (Abschnitt Municípos da Paraíba PB - Capital João Pessoa)

47 Vgl. Brasilianische Botschaft Berlin (Hrsg.); Land - Regionen und Städte. 2008

48 Vgl. Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (Hrsg.); Países @ (Abschnitt Brasil - População)

49 Vgl. ebd.; Brasil em Síntese - População - Tabela 01

50 Vgl. ebd.; Síntese de Indocadores Sociais: Uma análise das condições de vida da população brasileira - 2008, S. 129

51 Vgl. ebd., S. 38

52 Zur Geschichte Brasiliens: Vgl. Freitas, E. de; As origens do povo brasileiro/ Vgl. Brasilianische Botschaft Berlin (Hrsg.); Land - Geschichte. 2008 / Vgl. Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH (Hrsg.); Geschichte - Staat

53 Vgl. Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (Hrsg.); Síntese de Indocadores Sociais: Uma análise das condições de vida da população brasileira - 2008, S. 215

54 Vgl. Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH (Hrsg.); Gesellschaft (Abschnitt Ethnien: Benachteiligung Schwarzer und Indigener Völker)

55 Vgl. Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH (Hrsg.); Geschichte - Staat (Abschnitt Geschichte)/ Vgl. Zoller, R.; Brasilien. 2007, S. 1

56 Vgl. Brasilianische Botschaft Berlin (Hrsg.); Land. 2008

57 Vgl. Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH (Hrsg.); Geschichte - Staat (Abschnitt Innenpolitik)

58 Vgl. Brasilianische Botschaft Berlin (Hrsg.); Land - Das moderne Brasilien. 2008

59 Vgl. Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH (Hrsg.); Geschichte - Staat (Abschnitt Staatsform und Verfassung)

60 Zit. ebd.

61 Vgl. Zoller, R.; Brasilien. 2007, S. 1

62 Vgl. Suhr, H.; Aufbruch und Armut im Land der Zukunft. 2008, S. 3

63 Vgl. Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH (Hrsg.); Geschichte - Staat (Abschnitt Staatsform und Verfassung)

64 Vgl. Souza, J.; Die Naturalisierung der Ungleichheit. 2008, S. 143

65 Vgl. Pochmann, M.; Atlas da exclusão social no Brasil. 2005, S. 26f

66 Vgl. Sobottka, E. A.; Armut und Armutsfolgen in Ländern der peripheren Moderne. 2009, S. 148

67 Vgl. ebd., S. 148f

68 Vgl. ebd. S. 149f

69 Vgl. ebd. S. 147

70 Vgl. ebd., S. 151

71 Vgl. Wehrle, B.; Die Aktualität sozialer Bewegungen in Brasilien. 2009, S. 13ff

72 Vgl. Pochmann, M.; Atlas da exclusão social no Brasil. 2005, S. 59

73 Vgl. Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (Hrsg.); Síntese de Indicadores Sociais 2008 (Abschnitt 3)

74 Vgl. Kaes, T.; Mindestlohn in Brasilien klettert 2010 auf 506 Reais. 2009

75 Vgl. Unsleber, M.; Brasilien. 2009

76 Vgl. Kaes, T.; Mindestlohn in Brasilien klettert 2010 auf 506 Reais. 2009

77 Vgl. Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (Hrsg.); Síntese de Indicadores Sociais 2008 (Abschnitt 3)

78 Vgl. ebd. (Abschnitt 1)

79 Vgl. Pochmann, M.; Atlas da exclusão social no Brasil. 2005, S. 60

80 Vgl. Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (Hrsg.); Síntese de Indicadores Sociais 2008 (Abschnitt 3)

81 Vgl. ebd.; Síntese de Indicadores Sociais: Uma análise das condições de vida da população brasileira - 2008. S. 214

82 Vgl. ebd.; Síntese de Indicadores Sociais 2008 (Abschnitt 15)

83 Vgl. ebd. (Abschnitt 1)

84 Vgl. Souza, J.; Die Naturalisierung der Ungleichheit. 2008, S. 145

85 Vgl. Pochmann, M.; Atlas da exclusão social no Brasil. 2005, S. 74

86 Vgl. ebd., S. 147

87 Vgl. Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (Hrsg.); Estados@ - Paraíba

88 Vgl. ebd.; Cidades@ (Abschnitt Municípos da Paraíba - Capital: João Pessoa - Mapa de Pobreza e Desigualdade)

89 Vgl. ebd.; Síntese de Indicadores Sociais 2009 - Uma análise das condições de vida da população brasileira - Paraíba

90 Vgl. Pochmann, M.; Atlas da exclusão social no Brasil. 2005, S. 145

91 Vgl. Human Development Reports (Hrsg.); Human Development Report 2009 - Brazil

92 Vgl. ebd.; Human Development Report 2009 - HDI rankings

93 Vgl. Brasilianische Botschaft Berlin (Hrsg.); Kultur - Bildungswesen. 2008

94 Vgl. Internationale Weiterbildung und Entwicklung gGmbH; LIPortal - Brasilien - Gesellschaft (Abschnitt Bildung)

95 Vgl. Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (Hrsg.); Síntese de Indicadores Sociais 2008 (Abschnitt 11)

96 Vgl. ebd.

97 Vgl. ebd.; Síntese de Indicadores Sociais: Uma análise das condições de vida da população brasileira - 2008. S. 135

98 Vgl. ebd.; S. 136

99 Vgl. ebd.; S. 137

100 Vgl. ebd., S. 133

101 Vgl. ebd., S. 135

102 Vgl. ebd.; Síntese de Indicadores Sociais 2008 (Abschnitt 1)

103 Vgl. ebd.; Síntese de Indicadores Sociais: Uma análise das condições de vida da população brasileira - 2008. S. 45104 Vgl. Ohler, M.; Hintergrundinformationen zum Thema Armut. 2003, S. 2

105 Vgl. Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (Hrsg.); Síntese de Indicadores Sociais 2008 (Abschnitt 10)

106 Vgl. ebd. (Abschnitt 1)

107 Vgl. ebd.; Estados@ - Paraíba

108 Vgl. ebd.; Síntese de Indicadores Sociais 2008 (Abschnitt 10)

109 Vgl. ebd. Síntese de Indicadores Sociais 2008 (Abschnitt 1)

110 Vgl. Pochmann, M.; Atlas da exclusão social no Brasil. 2005, S. 73f

111 Vgl. Organização dos Estados Ibero-Americanos para a Educação, a Ciência e a Cultura (Hrsg.); Mapa da Violência dos Municípios Brasileiros. 2007, S. 22

112 Vgl. ebd., S. 21

113 Vgl. ebd., S. 23

114 Vgl. ebd., S. 24

115 Vgl. ebd., S. 24

116 Vgl. ebd., S. 23

117 Vgl. ebd., S. 22

118 Vgl. ebd., S. 59

119 Vgl. ebd., S. 56

120 Vgl. Zeller, T.; Ausgeschlossen in der Favela. 2004

121 Vgl. Zürcher-Silva, E./ Zürcher, A.; Perspektiven des Abbaus sozialer Gewalt in Deutschland und Brasilien. 1998, S. 133122 Vgl. Suhr, H.; Aufbruch und Armut im Land der Zukunft. 2008, S. 5

123 Vgl. Zeller, T.; Ausgeschlossen in der Favela. 2004

124 Vgl. Eberlei, W.; Armut als globale Herausforderung. 2008, S. 595f

125 Vgl. Instituto Brasileiro de Geografia e Estatística (Hrsg.); Objetivos de Desenvolvimento do Milênio/ siehe auch: Eberlei, W.; Armut als globale Herausforderung. 2008, S. 595f

126 Vgl. ebd.

127 Vgl.Presidência da República (Hrsg.); Relatório Nacional de Acompanhamento dos Objetivos de Desenvolvimento do Milênio. 2007, S. 12

128 Vgl. Gönitzer, G.; „Fome Zero“. 2008

129 Vgl.Presidência da República (Hrsg.); Relatório Nacional de Acompanhamento dos Objetivos de Desenvolvimento do Milênio. 2007, S. 12ff

130 Vgl. Gönitzer, G.; „Fome Zero“. 2008 131 Vgl. Zoller, R.; Brasilien. 2007, S. 2

132 Vgl. Presidência da República (Hrsg.); Relatório Nacional de Acompanhamento dos Objetivos de Desenvolvimento do Milênio. 2007, S. 28

133 Vgl. ebd., S. 38

134 Vgl.ebd.; Plano Presidente Amigo da Criança e do Adolescente. 2007, S. 80

135 Vgl. Breuer, A.; Sozialausgaben in Brasilien. 2006, S. 1

136 Vgl. Reuters (Hrsg.); Krise treibt Sozialausgaben auf Rekordquote. 2009

137 Zit. Sobottka, E. A.; Armut und Armutsfolgen in Ländern der peripheren Moderne. 2009, S. 152

138 Vgl. Sobottka, E. A./ Faustini, M. S. A.; Politisches Engagement für die Freiheit. 2007, S. 267

139 Vgl. Schmocker, B.; Die historischen Wurzeln der Soziokulturellen Animation. 2009, S. 18

140 Vgl. Sobottka, E. A./ Faustini, M. S. A.; Politisches Engagement für die Freiheit. 2007, S. 267

141 Vgl. Novy, A.; Internationale Politische Ökonomie. 2005, (Kapitel 4.1.4 und 4.1.4.1)

142 Vgl. Bundeszentrale für Politische Bildung; Online-Lexikon: Marxismus. 2009

143 Vgl. Sobottka, E. A./ Faustini, M. S. A.; Politisches Engagement für die Freiheit. 2007, S. 267

144 Vgl. Prutsch, U.; Brasilien 1889 - 1985. 2005, Kapitel 22

145 Vgl. Sobottka, E. A./ Faustini, M. S. A.; Politisches Engagement für die Freiheit. 2007, S. 267f

146 Vgl. Bulla, L. C.; Die Geschichte der Sozialen Arbeit im brasilianischen Bundesstaat Rio Grande do Sul. 2006, S. 10

147 Vgl. Sobottka, E. A./ Faustini, M. S. A.; Politisches Engagement für die Freiheit. 2007, S. 275 148 Vgl. ebd., S. 268

149 Vgl. Schmocker, B.; Die historischen Wurzeln der Soziokulturellen Animation. 2009, S. 18

150 Vgl. Sobottka, E. A./ Faustini, M. S. A.; Politisches Engagement für die Freiheit. 2007, S. 268f

151 Vgl. Schmocker, B.; Die historischen Wurzeln der Soziokulturellen Animation. 2009, S. 18/ Vgl. Rehklau, C./ Lutz, R.; Partnerschaft oder Kolonisation? 2009, S. 40f

152 Zit. Schmocker, B.; Die historischen Wurzeln der Soziokulturellen Animation. 2009, S. 19

153 Vgl. Mota, A. E./ Maranhão, C. H./ Sitcovsky, M.; As tendências da política de Assistência Social, o SUAS e a formação profissional. 2009, S. 193

154 Vgl. Sobottka, E. A./ Faustini, M. S. A.; Politisches Engagement für die Freiheit. 2007, S. 269

155 Vgl. Hradil, S.; Soziale Ungleichheit in Deutschland. 1999, S. 100f

156 Vgl. Bundeszentrale für Politische Bildung; Online-Lexikon: Marxismus. 2009

157 Vgl. Hradil, S.; Soziale Ungleichheit in Deutschland. 1999, S. 101f

158 Vgl. Bundeszentrale für Politische Bildung; Online-Lexikon: Marxismus. 2009

159 Vgl. Hradil, S.; Soziale Ungleichheit in Deutschland. 1999, S. 101f

160 Vgl. Sobottka, E. A.; Armut und Armutsfolgen in Ländern der peripheren Moderne. 2009, S. 137f

161 Zit. Sobottka, E. A./ Faustini, M. S. A.; Politisches Engagement für die Freiheit. 2007, S. 277

162 Vgl. ebd., S. 269f

163 Zit. ebd., S. 276

164 Vgl. ebd., S. 274

165 Vgl. ebd. S. 270, 278

166 Vgl. ebd. S. 270f

167 Vgl. Flickinger, H.-G.; Vom Fremden lernen. 2006, S. 8

168 Vgl. Conselho Federal de Serviço Social - Brasil; Código de Ética do Assistente Social. 2006, S. 38f

Ende der Leseprobe aus 143 Seiten

Details

Titel
Soziale Arbeit im Bereich der Armut in Brasilien mit Ausblick auf Deutschland
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
143
Katalognummer
V179939
ISBN (eBook)
9783656024835
ISBN (Buch)
9783656024569
Dateigröße
1262 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziale Arbeit, Brasilien, Armut
Arbeit zitieren
Claudia Prietzel (Autor), 2010, Soziale Arbeit im Bereich der Armut in Brasilien mit Ausblick auf Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179939

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