Der Drei-Schluchten-Staudamm: Fluch oder Segen des Jangtse

Eine Bestandsaufnahme


Seminararbeit, 2009

28 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der „Flussdrache“ und die Geschichte seiner Bändigung
2.1 Vorteile des Projektes
2.2 Nachteile des Projektes

3. Die Opposition
3.1. Dai Qing
3.2. Fu Xiancai

4. Bestandsaufnahme
4.1. Lösungsansätze

5. Chinesische Medien im Umgang mit den entstandenen Problemen

6. Fazit

7. Anhang

8. Glossar

9. Bibliographie

Der Drei-Schluchten-Staudamm:

„Fluch oder Segen“ des Jangtse

Eine Bestandsaufnahme

1. Einleitung

Der Drei-Schluchten-Staudamm (Sanxia Daba 三峡大坝[1] ) in China, die größte Talsperre der Welt, wurde schon lange vor Baubeginn 1994 weltweit kontrovers diskutiert. Die Diskurse unter Wissenschaftlern über den eigentlichen Nutzen und die unvorhersehbaren ökologischen Auswirkungen, die mit dem Projekt einhergehen könnten, begleiteten den gesamten Bau bis zur endgültigen Fertigstellung 2009 und dauern gegenwärtig noch an. Entgegen sämtlichen Warnungen vor einem „ökologischen Desaster“ hat die chinesische Regierung ihren „Megadamm“ errichtet. Nun, nach Fertigstellung, scheinen die ersten Folgen sichtbar zu werden. Als im November der Wasserlevel des Stausees die endgültige Marke von 175 m erreicht hatte und somit das Projekt offiziell als erfolgreich abgeschlossen galt, wurden erneut kritische Stimmen laut: Die Stauung verschlimmere die ohnehin im Jangtse-Delta bestehende Dürre drastisch. Die Blockierung des natürlichen Flusslaufs zerstöre wichtige Ökosysteme und bewirke damit das Aussterben vieler Fisch- und Tierarten.[2] Sogar die hiesige „Badische Zeitung“ (BZ) bemerkte Anfang März (05.03.2010) zu der fleißigen „Bibertätigkeit“ Chinas: „ Dem Mekong geht das Wasser aus.“ Und das, so vermutet die seit 20 Jahren bestehende Gruppe „International Rivers“[3], sei auf die unzähligen Staudämme in China zurückzuführen. Denn auch im Reich der Mitte ist der Mekong teilweise ausgetrocknet. Immerhin befinden sich in China zehn Staudämme in Planung oder sind bereits fertig gestellt. Dies, so wird vermutet, ist Ursache für das sukzessive Versiegen des Wassers. Angeblich wird der Mekong - an entscheidender Stelle in China - am Oberlauf aufgestaut und deshalb gelangt immer weniger Wasser bis nach Thailand und Vietnam. Doch auch China kämpft mit der Wasserknappheit des Mekong. Die Medien in China sprechen gar von der schlimmsten Dürre seit 50 Jahren (BZ 05.03.2010).

Dass solche Bauvorhaben wie der Drei-Schluchten-Staudamm Auswirkungen auf Umwelt und Natur mit sich bringen, ist selbstverständlich. Die entscheidende Frage aber ist: Wie stark sind die Auswirkungen und welche Gefahr geht von ihnen aus?

Seit Jahren hatte die chinesische Regierung mit scharfem Gegenwind bezüglich dieses Projektes zu kämpfen. Auf zwei Beispiele möchte ich in dieser Arbeit näher eingehen. Da ist zum einen DAI QING, chinesische Schriftstellerin und Intellektuelle, die sich mit einer Lobby von Gleichgesinnten gegen den Bau des Drei-Schluchten-Staudamms aussprach und für ihre dazu erschienenen Bücher starken Repressionen seitens der chinesischen Regierung ausgesetzt war. Auf der anderen Seite zeigt die tragische Geschichte von dem Bauern FU XIANCAI, dessen Leben durch den Bau des Dammes direkt betroffen war, ebenfalls, wie man gegen „unliebsame“ Kritiker vorging. FU XIANCAI ist heute querschnittsgelähmt, nachdem er überfallen und brutal zusammengeschlagen wurde. Diesen beiden Einzelschicksalen möchte ich einen chinesischen Propagandaartikel gegenüberstellen, der sich nur bedingt mit den katastrophalen Folgewirkungen auseinandersetzt und diese beschönigt.

Auch möchte ich beleuchten, welche Schwierigkeiten und Probleme nach dem Bau aufgetaucht und entstanden sind, was im Zuge der Zwangsumsiedlungen geschah und wie die chinesische Regierung mit der Rettung und Erhaltung der wichtigen Kulturgüter und -stätten verfahren ist. Ferner interessiert mich, welche Maßnahmen ergriffen wurden, um Flora und Fauna zum Schutz endemischer Arten weitestgehend zu schützen und zu erhalten.

2. Der „Flussdrache“ und die Geschichte seiner Bändigung

Der Jangtsekiang, mit 6.380 km der längste Strom Chinas und der drittlängste der Welt, fließt von Tibet durch das „rote Becken“ in Sichuan und dann durch die drei bekannten Schluchten Chinas (Qutang, Wushan und Xiling) in die Ebene von Yichang, bis er am Ende in Shanghai ins ostchinesische Meer mündet (Gellert 1988:71f/Gutowski 2001:12)). Seine Quellen entspringen im Hochland Xizang in mehr als 5000 Metern Höhe und wenn der Fluss die Ebene von Yichang erreicht, liegt er bereits nur noch 145 Meter über Meereshöhe. Charakteristisch für den Jangtsekiang sind die nach vielen Hochwassern entstandenen natürlichen Sammel- und Rückhaltebecken, die beiderseitig am Unterlauf des Jangtse liegen (ebd.:71). Das von ihm tangierte Gebiet umfasst eine Größe von ca. 2 Mio. km² und in ihm lebt ein Drittel der chinesischen Bevölkerung. Ein Viertel der Agrarfläche Chinas liegt ebenfalls in diesem Gebiet. Sein mittleres Abflussvolumen beträgt 32.500 m³/s – im Vergleich dazu der Rhein: 2.000 m³/s (Onguru online Enzyklopädie). Ab Sichuan ist der Jangtse schiffbar und strömt durch Mittelchina, weshalb auf ihm der wichtigste Binnenverkehr Chinas stattfindet (Klett 2008). Der Verlauf des Jangtsekiang ist zweigeteilt: von seinem Ursprung in Qinghai bis Hubei wirkt er eher wie ein kleiner Gebirgsfluss mit einer schnellen Strömung (ebd.:2008). Nach dem Passieren der Drei-Schluchten ändert sich sein Aussehen: er mäandert bei einem sehr geringen Gefälle durch weites Schwemmland bis zum Ostchinesischen Meer (ebd.:2008). Der Jangtsekiang zeichnet sich durch eine hohe Artenvielfalt aus und ist Heimat vieler endemischer Arten und vom Aussterben bedrohter Tiere und Pflanzen.

Die Vision, den Jangtse zu bändigen und mit einer gigantischen Talsperre aufzustauen, hatte bereits SUN YATSEN im Jahr 1912 (Gutowski 2001:10). Ab diesem Zeitpunkt bereitete der Traum, den „Wasserdrachen“ zu beherrschen, Chinas Regierung schlaflose Nächte. Doch die nicht absehbaren Folgen und Konsequenzen ließen eine Realisierung dieses nahezu „utopischen“ Vorhabens nicht zu. Mit Chinas Weg in die Moderne schien eine Umsetzung dieses Projekts wieder in greifbare Nähe zu rücken und tatsächlich realisierbar zu sein. In den 50er Jahren wurde es als langfristiges Ziel unter MAO ZEDONG gefördert (ebd.:10). Als Teil des Programms des „Großen Sprungs nach vorn“[4] wurde das Dammprojekt von der chinesischen Regierung propagiert. Die Partei machte in den 1980er Jahren das Projekt des „Megadamms“ zum Schlüsselprojekt in DENG XIAOPINGs Reform- und Modernisierungspolitik (ebd.:10). Zu hohe Kosten und damit einhergehende Finanzierungsschwierigkeiten ließen das Projekt immer wieder ruhen. Als einer der entscheidenden Befürworter für den Bau des Drei-Schluchten-Staudammes galt LI PENG, Vorsitzender der Energiekommission in den 80er Jahren. Er unterstützte die Expertengruppe des staatlichen Jangtse „Valley Planning Office“, welches 1985 die Untersuchungsgruppen leitete. Projektgegner waren bereits zu Beginn unterrepräsentiert (ebd.:11). Ab 1986 wurde auf Basis der bilateralen Vereinbarung zwischen Kanada und China ein kanadisches Konsortium erstmals mit der Aufgabe einer Durchführbarkeitsstudie beauftragt (ebd.:11). Die damaligen Kosten, durch eine Finanzierung der Weltbank gedeckt, beliefen sich auf 14 Mio. US-$.

Von diesem Zeitpunkt an äußerten zahlreiche Wissenschaftler (Ökonomen, Biologen, Seismologen, Klimatologen und Ökologen) Zweifel an der Durchführbarkeit dieses Mega-Projekts, so dass letztlich sogar ein Aufschub des Baubeginns erreicht werden konnte (ebd.:11). Zeitgleich mit der Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 wurden Dammgegner und Kritiker im Vorfeld „mundtot“ gemacht. Die Debatte wurde politisiert und geriet symbolisch zur Machtdemonstration von LI PENG, der „China als Industriestaat von morgen mit wirtschaftlichem Aufschwung und Anschluss an die westlichen Industrienationen“ vorantrieb (ebd.:11). Die Überschwemmungskatastrophe von 1991 ließ das Vorhaben erneut auf den Fünf-Jahresplan von 1991-1995 rücken. Das gesamte Baugebiet wurde in diesem Zuge zur Wirtschaftszone ernannt, damit es die Vorteile der Regierung für die Sonderwirtschaftszonen genießen konnte. 1992 wurde das Projekt von der Regierung endgültig beschlossen, obwohl nur 67% der Abgeordneten sich für den Bau aussprachen (ebd.:12).

Mit dem Bau des Drei-Schluchten-Staudammes wurde zwei Jahre später, 1994, begonnen: 20.000 Arbeiter in drei Schichten Tag und Nacht arbeiteten 15 Jahre an dem größten Talsperrenprojekt der Welt (ebd.:12).

Der Staudamm wurde auf der Höhe der Stadt Yichang gebaut und der aufgestaute „See“ bzw. Jangtse zieht sich bis Chongqing: ein Wasserreservoir mit der Länge von ca. 660 km ist entstanden. In den berühmten Schluchten hat sich der Stausee von ca. 200-300 m Breite auf max. 2000 m verbreitert (Gutowski 2001:14). Der Jangtse-Stausee wird (nach vollständiger Flutung) 20-mal größer sein als der Bodensee (ebd.:14).

2.1. Vorteile des Projekts

Nicht nur sollte der Drei-Schluchten-Staudamm Chinas Ansehen in der Welt steigern und für nationales und internationales Prestige sorgen, sondern man versprach sich damit gleich eine ganze Reihe von Problemen zu lösen.

Die stärker werdende Energieknappheit Chinas ist ein schlagendes Argument für den Drei-Schluchten-Staudamm. Das rasante Wirtschaftswachstum beschleunigte den Energiever-brauch des Landes immens (Gutowski 2000:17). Schon in den 70er Jahren deutete alles auf eine offensichtliche Energieknappheit hin (ebd.:17). Das soziale Ungleichgewicht in der Bevölkerung ist mitunter auf das hohe Maß an fehlender Energie zurückzuführen. Noch immer leben große Teile der Bevölkerung auf dem Land ohne Strom. Die benötigte Energie wird aus Biomasse wie Stroh, Gras oder Dung gewonnen und natürlich aus den Rohstoffen Holz und Kohle (ebd.:17). Obwohl China über enorme Wasserkraftressourcen verfügt, dominiert die Energiegewinnung aus Kohle (ca. 75%). Dies sollte sich ändern. Da bis dato nur ca. 10% der Wasserkraftressourcen für die Stromerzeugung genutzt wurden und China sich bemüht sah, einen Beitrag zur Verringerung der CO2 Emissionen zu leisten, kam diesem Land die Stromgewinnung durch die „saubere“ Energie des Staudamms wie gerufen (Keil 2003:16). Die Gewinnung alternativer Energiequellen sollte mit dem Drei-Schluchten-Staudamm möglichst umweltschonend erfolgen.

Ein anderes Hauptargument für den Bau des Damms war die Kontrolle des Flutwassers und die Verhinderung von Überschwemmungen unterhalb der Drei-Schluchten, zu denen es in den letzten Jahrhunderten vermehrt gekommen war und denen mehr als eine Million Menschen zum Opfer fiel. Schon SUN YATSEN hatte 1919 im „Plan zur Entwicklung der Industrie“ den Hochwasserschutz als primäres Ziel des Drei-Schluchten-Staudamms deklariert (Keil 2003:19). Die Überschwemmungen am Jangtse verursachen seit jeher enormen wirtschaftlichen Schaden und haben für Mensch und Umwelt verheerende Auswirkungen (Gutowski 2000:23). Neuere Beispiele solcher Katastrophen sind die Hochwasser von 1996 und 1998, die - abgesehen von der Zerstörung - auch mit dem Ausbruch von Krankheiten und Seuchen einhergingen. Die gesamte Entwicklung am Jangtse wurde im Laufe der Zeit durch die immer wieder kehrenden Hochwasser stark beeinträchtigt (Keil 2003:20).

Der dritte Aspekt, der für das Projekt sprach, war die Verbesserung der „ Schiffbarkeit “ auf dem Jangtsekiang. Sie war durch die geringe Wassertiefe stark eingeschränkt und große Frachtschiffe benötigen mehr Tiefe als zwei bis drei Meter. Darüber hinaus stellten seine hohen, engen Schluchten eine Gefahr für die Schifffahrt dar. Bisher konnte der Jangtsekiang nur von Schiffen bis zu 5.000 Bruttoregistertonnen (BRT) befahren werden (Gutowski 2000:31). Durch den Bau des Staudammes und die damit verbundene Aufstauung des Sees sollten die Schluchten breiter werden und die Wassertiefe im Durchschnitt um 70 Meter erhöht werden. Durch die vermehrte Binnenschifffahrt, so erhoffte man sich, könnten die Transport-Preise gesenkt und die Häfen attraktiver und lukrativer werden. Geplant war, dass der Hafen von Chongqing für 10.000-Tonnen-Schiffe erreichbar sein sollte (Keil 2003:18). Die Stadt Wuhan würde zum Zentrum der chinesischen Binnenschifffahrt werden und sollte von den veränderten Schifffahrtsbedingungen direkt profitieren (ebd:18). Eine ökonomische Entwicklung der Region sollte außerdem durch die Zentren Yichang und Chongqing erreicht werden.

Ein weiterer Vorteil, der sich bei einer „SWOT-Analyse[5] “ des Drei-Schluchten-Staudammes herauskristallisierte, war die Möglichkeit der Wasserversorgung des Nordens. Die Nordprovinzen, in deren Städten die Bevölkerung extrem gewachsen war und dadurch an akutem Wassermangel litten, sollten mit einem Leitungsnetz versorgt werden, das Wasser aus den südlichen Gebieten, vor allem aus dem Jangtse, in den Norden zu pumpen hätte.

2.2. Nachteile des Projekts

Die ökologischen Auswirkungen und Risiken, so haben viele Nationen erkannt, sind bei einem Projekt in dieser Größenordnung nicht mehr kalkulierbar. Deshalb hatten unter anderem die USA beschlossen, keine weiteren Riesenbauten mehr zu realisieren. Die Schäden an der Umwelt seien zu groß und nicht zu verantworten (International Rivers online 2009/Keil 2003:28).

China hat trotz der Aufrufe und Ermahnungen namhafter Wissenschaftler die Umsetzung des „Megadammes“ vorangetrieben. Die „Ruhigstellung“ politischer Gegner ist bis in unsere Breiten vorgedrungen – erinnert sei an den Fall des Bauern und Dammgegners FU XIANCAI, der nach einem Interview mit der ARD brutal zusammengeschlagen wurde und seitdem querschnittsgelähmt ist (FAZ online 2006). Auch die Aktivistin DAI QING („ The River Dragon has come! “) (水龍來了!) musste Repressionen fürchten: Sie bekam nach Veröffentlichung ihres Buches Publikationsverbot und musste für zehn Monate ins Gefängnis.

Zu den ökologischen Auswirkungen zählten unter anderem die Sedimentation und Bodenerosion, Erdrutsch und Steinschlag, Gefahr des Dammbruches durch Erdbeben, Versalzung im Jangtse-Delta, Umweltverschmutzung und das Zurückdrängen einheimischer Habitate seltener Tier- und Pflanzenarten (Gransow 2003:3f). Die Liste der negativen Folgen wurde erweitert mit der Zerstörung der umliegenden Natur und dem Verlust besonderer Kulturgüter sowie Verschwendung, Korruption und die Umsiedlung von mehr als einer Million Menschen.

Die augenscheinlichsten Nachteile bei der Realisierung eines solchen „Megadammes“ waren die Auswirkungen auf die Siedlungsgeographie. Die Folge, dass ca. 1,2 Millionen Menschen zwangsumgesiedelt werden mussten, stellte die chinesische Regierung vor schier unlösbare Probleme. Insgesamt ist nach Flutung des Staussees eine Fläche von 632 km2 betroffen. Nach erfolgreicher Fertigstellung handelt es sich heute um die größte umsiedlungspolitische Maßnahme in Zusammenhang mit Großbauprojekten in der gesamten Menschheitsgeschichte (Keil 2003:26). Effektiv sind bis November 1,3 Millionen Menschen umgesiedelt worden (Rivers International online 2009). DAI QING wies bereits im Vorfeld darauf hin, dass die Umsiedlung nur unzureichend und unrealistisch geplant gewesen sei. Die alternativen Flächen und Grundstücke, die man den umzusiedelnden Menschen als Ausgleich bot, lagen meistenteils in wirtschaftlich wenig rentablen Gegenden von Steilhängen, die mit ihren Ertragsmöglichkeiten mitnichten mit den ursprünglichen Feldern am Jangtse zu vergleichen waren (Gransow 2003:3). Eine finanzielle Kompensation für den Verlust ihres Eigentums haben nur wenige Betroffene bis heute erhalten (Rivers International online 2009). Nicht zu vergessen sind die Städte und Dörfer, die bis heute im Stausee versunken sind. Die sozialpolitischen Konsequenzen, mit denen zu rechnen war, lauteten: Ökonomisches Ungleichgewicht in den Gebieten (Ost-West sowie Küsten-Binnengefälle) und soziale Differenzen (Bevorteilung der Han-Bevölkerung im Zuge der Umsiedlungen).

Die Sedimentablagerung, die dadurch entsteht, dass die Staukapazität abnimmt, weil die Fließgeschwindigkeit die Ablagerungen nicht bis in die unteren Flussläufe transportieren kann, wurde ebenfalls als negative Begleiterscheinung mit weit reichenden Folgen genannt (Gutowski 2000:34). Die aufgestauten Sedimente lassen den Wasserspiegel steigen und so verlagert sich die Hochwassergefahr auf das Gebiet des Stausees, der im Laufe der Zeit tatsächlich „verstopfen“ und überlaufen könnte. Eine weitere Folge sind Erosionen durch die Erschließung nahe liegender Berghänge als Ackerland im Zuge der Umsiedlungen und Ausweichung aus dem betroffenen Gebiet (ebd.:36)

Die Gefahr von Erdbeben und Erdrutschen durch das Aufeinandertreffen der Asiatischen und Indischen Kontinentalplatte, auf der sich der Damm und der Stausee befinden, wurde ebenfalls in Betracht gezogen. Allerdings, so warnten Wissenschaftler, bestünde auch die Gefahr der so genannten „man-made earthquakes“, die dadurch entstehen können, dass das aufgestaute Wasser den Druck auf bestehende Klüfte und Gesteinsspalten erhöhen könnte (ebd.:3).

Die unwiederbringliche Zerstörung von Kulturgütern ist eine weitere, nicht mehr rückgängig zu machende Nebenwirkung des Staudamms. Sind Gräber und Tempelanlagen erst einmal in den Fluten des Jangtsekiang versunken, ist eine Bergung im Nachhinein fast unmöglich. Wir sprechen hier von ca. 1.200 historischen Stätten, die Forscher im Gebiet rund um die Drei-Schluchten entdeckten und die teilweise auf 6.000 Jahre zurückdatiert werden konnten (Gutowski 200:42). Mit dem „Versinken in den Fluten“ des Jangtse gehen nicht nur diese bedeutenden historischen Kulturdenkmäler verloren, auch die Arbeitsplätze von über 300 Archäologen sind betroffen (ebd.:42).

Ökologische Auswirkungen auf die einmalige Naturlandschaft und den Lebensraum vieler Arten waren gleichsam vorprogrammiert. Das Zurückweichen der ökologischen Nischen für endemische Arten (chinesischer Flussdelphin) und die damit einhergehende Zerstörung ihres Lebensraumes zieht ein Projekt in dieser Größenordnung notwendig nach sich. Der chinesische Flussdelfin zählte im Jahr 2000 nur noch 300 Exemplare am Mittel- und Unterlauf des Jangtse (Gutowski 2000:43). Das Zerstören ihrer Nahrungsquelle - andere Fischarten, deren Laichwanderung durch den Bau des Dammes gestört wird - kann die ohnehin überschaubare Zahl an seltenen Exemplaren des Flussdelfins weiter dezimieren (ebd.:43). Nicht nur Fische sind betroffen, auch seltene Zugvögel, wie der sibirische Kranich, der den Fluss zum Überwintern aufsucht, und das chinesische Krokodil sind stark gefährdet. Ferner ist das Einwandern fremder Arten und damit weiteres Zurückdrängen einheimischer Pflanzen und Tiere aus ihren Habitaten ein weiterer Nebeneffekt, wenn das ökologische Gleichgewicht gestört wird. Dazu gehört auch die Gefahr der Verbreitung von Krankheiten in stehenden Gewässern (Bsp. Malaria und Dengue-Fieber), deren Erreger sich wie andere Mikroorganismen unter diesen Voraussetzungen optimal vermehren können (ebd.:47).

3. Die Opposition

Nun, nach Fertigstellung des Drei-Schluchten-Staudammes, hat sich gezeigt, dass die nahezu „weltweite“, andauernde Kritik und Opposition am Projekt letztlich den Bau des Dammes nicht verhindern konnte. Seit 1989 wurde massiv gegen öffentliche Kritik vorgegangen und den Stimmen der Gegner nur wenig Beachtung geschenkt. In den meisten Fällen wurde die Opposition im Keim erstickt und wird es heute noch (Gutowoski 2000:11/Gransow 2003:3). Als eine der wenigen unerschrockenen Regierungsgegnerinnen und Umweltaktivistinnen gelang es DAI QING im Jahr 1989 in ihrem Buch „ Yangtze! Yangtze! “ (揚子! 揚子!) auf die Risiken und Probleme, die durch den Staudamm entstehen könnten, aufmerksam zu machen. Unmittelbar nach Veröffentlichung wurde das Buch zensiert und verboten. Doch die Nachricht von den Unzulänglichkeiten und aufkommenden Schwierigkeiten, die der Damm mit sich bringen würde, verbreitete sich dennoch weltweit[6].

[...]


[1] In dieser Arbeit verwende ich ausschließlich die gängige Umschrift Pinyin für chinesische Begriffe und Wörter. Eine Auflistung aller chinesischen Zeichen (Schriftzeichen) findet sich im Glossar.

[2] Vgl. No fanfare for China's Three Gorges Dam. In: United Press International. Published: Nov. 3, 2009.

[3] International Rivers: Eine 1985 gegründete Organisation, die sich dem Schutz und Erhalt von Flüssen verschrieben hat.

[4] „Der große Sprung nach vorn“ (大躍進/大跃进, dà yuè jìn) war von 1958 bis Anfang 1962 der offizielle Wahlspruch für die Politik der Volksrepublik China. Sein Ziel sollte sein, dass China zur wirtschaftlichen Großmacht wird. Folge dieser Maßnahmen war unter anderem die größte von Menschen ausgelöste Hungersnot der Geschichte mit ca. 20 Millionen Toten.

[5] SWOT-Analyse: ein Marketing-Tool, welches oft zur Analyse von Vor-und Nachteilen von Projekten eingesetzt wird: Strengths, Weaknesses, Opportunities und Threats sollen die Stärken und Schwächen herausarbeiten. Häufig im Bereich der Betriebswirtschaft eingesetzt ist SWOT ist ein Werkzeug des strategischen Managements, wird aber auch für formative Evaluationen und Qualitätsentwicklung von Programmen (z. B. im Bildungsbereich) eingesetzt.

[6] Besonders mit der englischen Ausgabe 1994 wurde DAI QINGs Buch zum „Handbuch“ der Dammgegner und der weltweiten Opposition gegen den Staudamm.

Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Der Drei-Schluchten-Staudamm: Fluch oder Segen des Jangtse
Untertitel
Eine Bestandsaufnahme
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg  (Historisches Seminar)
Note
1,3
Autor
Jahr
2009
Seiten
28
Katalognummer
V179950
ISBN (eBook)
9783656024491
ISBN (Buch)
9783656024439
Dateigröße
2392 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
China, Drei-Schluchten-Staudamm, Jangtse-Fluss
Arbeit zitieren
Cilia Neumann (Autor), 2009, Der Drei-Schluchten-Staudamm: Fluch oder Segen des Jangtse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/179950

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